[][][][][][][]
Eigentlicher Abriß
Eines verſtaͤndigen/ tapfferen und frommen Fuͤrſten/
Von dem fuͤrtrefflichſten Poeten
Virgilius/
In zwoͤlff Buͤchern der Trojaniſchen geſchichten
Entworffen
Und
An dem Æneas/
Der nach Außſtehung vieler Muͤhſelig-

keit/ Gefahr und Zufaͤlle des wandelbahren
Gluͤcks endlich alle Hindernuͤß und Feinde uͤberwunden/
und ſeine von der Ewigen Vorſehung ihm verord-
nete Laviniam erlanget hat/
Gewieſen und geprieſen
Verteutſchet und in Heroiſche oder
Alexandriniſche Reime uͤbergeſetzet

Gedruckt in dem zum Ende lauffendem Jahr
1668. zu Coͤlln an der Spree: bey George Schultzen/
Churfuͤrſtl. Brandenb. Buchdrucker.
Jn Verlegun[g] desAutoris.
[]

Des Durchlaͤuchtigſten/ Großmaͤchtig-
ſten Fuͤrſten und Herren/

Herren
Friderich Wilhelms/
Marggraffens zu Brandenburg/

des Heil. Roͤm. Reichs Ertz-Caͤmmerers und
Churfuͤrſtens/ in Preuſſen/ zu Magdeburg/ Juͤlich/ Cle-
ve/ Berge/ Stettin/ Pommern/ der Caſſuben und
Wenden/ auch in Schleſien/ zu Croſſen und Jaͤgern-
dorff Hertzogens/ Burggraffens zu Nuͤrnberg/ Fuͤrſtens
zu Halberſtadt/ Minden und Cammin/ Graffens zu
der Marck und Ravensberg/ Herrens zu Ravenſtein/
wie auch der Lande Lauenburg und
Buͤtow/ ꝛc. ꝛc.

Chur-Printz Carl Aemilius/
Printz Friedrichen/
Printz Ludowigen/

Seinen Gnädigſten Fuͤrſten
und Herren

Dediciret dieſes Buch
unterthaͤnigſt
[M.] Michael Schirmer.


[]

Unterthaͤnigſte
Zueignungs-Schrifft.


DIe Lacedæmonier/ wie Plutarchus
meldet/ ſuͤhreten einsmahls drey Choͤ-
[r]e auff: Der erſte beſtunde aus alten
herren/ der andere aus behertzten jun-
gen maͤnnern/ der dritte aus edlen knaben. Die
alten huben an und ſagten: Wir waren vor-
zeiten ſtarcke und tapffere leute.
Darauff
ſprachen die maͤnner: Das ſeind nun wir/
hat einer luſt/ der mache ſich heran.
De-
nen folgeten die edlen knaben/ die lieſſen ſich alſo
vernehmen: Wir werden dermal eins auch
brave leute werden
.


Ebner maſſen fuͤhret das uhralte hochloͤbliche
Hauß Brandenburg viel fuͤrtreffliche Ahnen
und Helden auff/ welche bey des zu krieg- und frie-
denszeiten hohe und ungemeine tugenden an ſich
erſcheinen laſſen. Churfuͤrſt FriedrichI.
wurde wegen ſeiner erwieſenen kriegserfahrung
unter Kaͤyſer Sigiſinunden zum Reichs-Feldher-
ren wider die Hußiten erwaͤhlet/ da ihm der
Paͤpſtliche Nuncius zu Nuͤrnberg in der Se-
baldskirche ſelber das ſchwerdt angeguͤrtet. Deſ-
)( 2ſelben
[]Unterthaͤnigſte Zueignungs-Schrifft.
ſelben beyde Soͤhne wurdeu wegen ihrer helden-
thaten/ als Churfuͤrſt Friedrich II. der Marg-
graff mit den eiſernen zaͤhnen/ und Churfuͤrſt
Albrecht der Teutſche Achilles genennet/ dieſem/
der inſonderheit umb Kaͤyſer Friedrichen IV.
mit hertzhafftiger trewe ſich beliebt gemacht/
wird vom Enea Sylvio/ der nachmahls Pabſt
Pius II. wurde/ zum unſterblichen ruhm nach-
geſchrieben/ daß er zum oͤfftern Feldherr und in
unterſchiedlichen ſchlachten allemal im anzuge
der voͤrderſte/ und im abzuge der letzte geweſen
ſey. Deſſelben uhr-enckel Churfuͤrſt Joachi-
mus II. war Obriſter Feldherr wider die in Un-
gern und Oeſterreich einfallende Tuͤrcken/ und
halff dieſelben ſchlagen und verjagen. Gleich
wie aber dieſes Hauß allein umb friedens wil-
len und denſelben zu erhalten jederzeit die waffen
tapfferlich gefuͤhret: Alſo zaͤhlet es auch viel
thewre Regenten/ unter denen Churfuͤrſt Johan-
nes der Teutſche Cicero/ Joachimus I. Johan-
nes Georgius/ Joachimus Fridericus/ Johan-
nes Sigiſmundus/ und Georgius Wilhelm/
mit hohem ruhm herfuͤr leuchten/ die den guͤld-
nen friede ſo wol im Heil. Roͤm. Reiche/ als in
ihren landen zu unterſtuͤtzen und zu befoͤrdern
keine muͤh noch koſten geſparet/ ja die auch das
reich
[]Unterthaͤnigſte Zueignungs-Schrifft.
reich der kuͤnſte und ſprachen mit ſtifften fuͤrneh-
mer Academien und Landes-ſchulen zu vermeh-
ren ſich befliſſen haben. Dieſe des Chur-Hau-
ſes Brandenburg uhralte Ahnen und Stamm-
herren ſtehen im gemaͤhlde nach der reyhe auff
Chuꝛ- und Fuͤrſtlichen ſaͤalen/ und ſcheinen wie die
Lacedæmoniſche alte helden alſo zu reden: Wir
waren vorzeiten tapffere krieg- und frie-
dens-helden.


Wie nun/ nach dem ſprichwort; Kein adler ei-
ne taube heckt/ ſondeꝛn großmuͤhtige und tapffeꝛe
leute gleiche art zeugen: Alſo haben auch hochge-
meldte alte Churfuͤrſten und Ahnen ihres gleichẽ
gepflantzet/ ihren ſtul befeſtiget/ ihren nahmen
verewiget/ in dem ſie mit Goͤttlicher geſegnung
aus ihren lenden noch mehr Chur-Erben erbau-
et haben. Als da gehet nun herein und gleich-
ſam noch in dem gruͤnen fruchtbaren herbſt ſei-
nes alters der Durchlaͤuchtigſte Churfuͤrſt
Friedrich Wilhelm/ und kan den Lacedæ mo-
niſchen jungẽ helden-maͤñern/ die da ſagen: Nun
ſind wir ſtarcke und tapffere leute/
recht-
fuͤglich beyſtimmen/ und zwar ſolcher geſtalt/
daß er als ein Chriſtlicher Held ſich auff GOtt/
als dem ſchilde ſeines heiles ſicherlich verlaſſen
kan/ als der Seine Churfuͤrſtl. Durchl. perſon
)( 3in
[]Unterthaͤnigſte Zueignungs-Schrifft.
in allen obhanden ſtoſſenden gefaͤhrligkeiten
nicht allein maͤchtig bedecket und beſchuͤtzet/ ſon-
dern auch deſſelben rahtſchlaͤge und waffen alſo
geſegnet hat/ daß dadurch zwiſchen unterſchiede-
nen groſſen und maͤchtigen Koͤnigen/ Fuͤꝛſten und
Freyen Stadt-regimentern die ſchwere ſtreitig-
keiten geſchlichtet/ und friede gemachet/ auch dar-
bey Sr. Churfuͤrſtl. Durchl. Staat und nahme
vergroͤſſert/ und wie von Salomone geſchrieben
ſtehet/ ſein ſtul groͤſſer/ denn aller ſeiner Vaͤter
geworden iſt.


Wann aber/ wie der groſſe Staatslehrer Ta-
citus ſchreibet/ nicht groſſe kriegsheere/ nicht
maͤchtige ſchiffruͤſtungen/ nicht ſtarcke veſtun-
gen und bollwercke/ ſondern Fuͤrſtliche kinder der
Koͤnigreiche und Fuͤrſtenthuͤmber ſchutz und zier-
de ſind: Als hat ſich unſer gnaͤdigſter Chur-
fuͤꝛſt auch hertzlich zu erfreuen/ daß ihn der allguͤ-
tige Gott mit ſchoͤnen und lieblich her wachſen-
den Printzen/ die ſich immerdar befleißigen deſ-
ſen/ worzu ſie das erempel und lehren ihrer hoch-
benahmten Vorſteher aufriſchet und auffmun-
tert/ geſegnet und begabet hat. Welche ebe-
ner maſſen/ wie die Lacedæmoniſchen edle knaben
freudig aufftreten und ſagen koͤnnen: Wir
werden dermaleins auch tapffere Fuͤrſten
werden
.


Die-
[]Unterthaͤnigſte Zueignungs-Schrifft.

Dieſes vexleyhe Ewren Hoch-Fuͤrſtlichen
Durchlaͤuchtigkeiten/
Gnaͤdigſter Chur-PrintzCarol Æmilius,
Printz Friedrich/
Printz Ludowig/

der hoͤchſte gewalthaber menſchlicher Koͤnigrei-
che/ und erhalte ſeinen Geſalbten Ewrer Durch-
laͤuchtigkeiten hochgeliebten Herrn Vater noch
viel jahr bey guter geſundheit/ gluͤcklicher und
geſegneter regierung. Hier halte ich ſtille/ und
eroͤffene Ewren Durchlaͤuchtigkeiten mein we-
niges vorhaben.


Ich habe das lateiniſche buch Virgilius/ wo-
rinne versweiſe und in gebundener rede von des
tapffern Fuͤrſten Eneens tugenden und helden-
thaten gehandelt wird/ in teutſche reime uͤber-
geſetzet/ woraus ich auch/ und zwar aus dem 7.
10. und 12ten buche Anno 1643. eine Comædia
oder vielmehr Tragico-Comœdia in ungebun-
dener rede verfertiget/ und vor Ewrer Durch-
laͤuchtigkeiten hochgeliebten Herren Vater/ un-
ſern gnaͤdigſten Churfuͤrſten/ mit dero Sr.
Churfl. Durchl. gnaͤdigſten gefallen und hoch-
ruͤhmlichen Munificentz damals gehalten habe.


Wil demnach dieſes und nun in druck außge-
fertigte buch Ew. Hoch Fuͤrſtl. Durchlaͤuchtigkei-
)( 4ten
[]Unterthaͤnigſte Zueignungs-Schrifft.
ten unterthaͤnigſt zugeeignet haben/ mit beyge
fuͤgtem unterthaͤnigſten anſuchen/ Ew. Hoch
Fuͤrſtl. Durchlaͤuchtigkeiten geruhen gnaͤdigſ
ſolches auff- und anzunehmen/ und meine gnaͤ
digſte Fuͤꝛſten und Herren zn verbleiben. Der all
guͤtige Gott und Vater des lichts/ von dem alle
gute gaben herab kommen/ der gebe und verley-
he unſerm gnaͤdigſten Churfuͤrſten/ der Durch-
laͤuchtigſten Churfuͤrſtin/ und dem gantzem hoch-
loͤblichſten Hauſe Brandenburg/ dem Hoch-
Fuͤrſtlichen Herren Staathalter/ und denen
hoch- und wohlverordneten Herren Raͤhten ein
geſundes/ froͤliches/ friedſames und geſegnetes
Newes Jahr/ und laſſe dieſe Zweygelein des
Chur-Brandenburgiſchen uhralten Stammes
zur freude Sr. Churfuͤrſtl. Durchl. und dem
Chur-Hauſe und gantzem lande zu troſt auff-
wachſen/ gruͤnen und ſich weit außbreiten; Daß
unter dererſelben ſchatten alle unterthanen in
friede und wohlſtande leben moͤgen/ biß wir in
das reich kommen/ da unſer glaube in ſchauen/
und unſere hoffnung in die genieſſung wird ver-
wandelt und verklaͤret werden; Da unſer ver-
ſtand wird haben volle erkaͤntnuͤß/ unſer wille
vollkommene heiligkeit und gerechtigkeit/ unſer
gewiſ-
[]Unterthaͤnigſte Zueignungs-Schrifft.
gewiſſen vollkommene ruhe und friede/ unſer
leib volle klarheit; Da unſere geſellſchafft wer-
den ſeyn alle außerwaͤhlete engel und menſchen/
da wir werden herrſchen uͤber ſuͤnde/ tod/ teuf-
fel und hoͤlle/ da unſere wohnung wird ſeyn der
newe himmel und die newe erde/ da unſere zeit
wird ſeyn die ewigkeit Amen.


Ew. Hoch-Fuͤrſtl. Durchlaͤuch-
tigkeiten
unterthaͤnigſter Diener
M. M. Schirmer.


[]

An den wolgeneigten Leſer.


DEr fuͤrtreffliche geſchichtſchreiber Diodor Si-
culus/ der in verfertigung ſeiner hiſtoriſchen buͤ-
cherey (davon ſieben ſtuͤcken durch gewalt der zeit
verfallen/ und noch drey und dreyßig vorhanden ſind/)
dreyßig jahr mit außſtehung vieler beſchwer/ gefahr und
reiſen durch Aſten und Europa zugebracht/ ſchreibet im
26. buche von gelehrten ſchrifftverfaſſern und kunſtver-
ſtaͤndigen freyer und unfreyer art alſo: Kein Poet/ noch
geſchichtſchreiber/ noch einiger kuͤnſtler kan allerdings
dem leſer und ſchawer gefallen; Es kan auch nicht ge-
ſchehen/ daß die ſterbliche natur/ ob ſie ſchon den zweck
erreichet hat/ maͤnnigliches gutachten erlange. Denn
weder Phidias/ der wegen ſeiner geſchnitzten helffenbei-
nern bildern in groſſer achtung und verwunderung ge-
halten worden/ noch Praxiteles/ der ſeinen ſteinernen
wercken einige gemuͤhtsbewegung ſinnreicher weiſe mit
untergemiſchet/ noch Apelles/ noch Parrhaſius/ welche
die mahlerkunſt mit geſchicklicher vermiſchung der far-
ben auf das hoͤchſte gebracht/ haben in ihrem thun und
wercken ſolch groß gluͤck erfahren/ daß ſie in ihrer kunſt
eine durchaus untadeliche verfertigung fuͤrzeigen koͤnten.
Denn wer iſt fuͤrtrefflicher und beruͤhmter/ als Home-
rus? ꝛc. Wenn nun Diodor/ der gleichfalls zur zeit des
kaͤyſers Auguſti gelebet hat/ des Virgilij werck von den
Trojaniſchen geſchichten/ das damals noch nicht an das
licht gekommen war/ haͤtte leſen und betrachten ſollen/
wuͤrde
[]Vor-Kede
wuͤrde er traun nicht/ wie von obgemeldten kuͤnſtlern/
wie auch von dem Homero ſelbſt/ daß an demſelben viel
zu tadeln/ auch von dem Virgilius alſo geurtheilet ha-
ben. Denn wie zwar Homerus in Griechenlande die
bahn/ ſo zu vieler menſchlichen dingen erkaͤntnuͤß fuͤhret/
zuerſt gebrochen/ und die natuͤrliche wiſſenſchafft/ des-
gleichen die kriegesſachen/ ſittenbaw und buͤrgerlichen
wandel gewieſen und gelehret hat; Alſo wird er billich
der vater der weißheit genennet: Weil er aber die an ſich
ſelbſt wahrhafftige geſchicht von dem Trojaniſchen krie-
ge mit viel laͤppiſchem fabelwercke/ das nirgend zu was
dienet/ anfuͤllet und alſo verunſtellet/ auch hin und wie-
der kein nachdencken/ maaß/ ordnung und zier erſcheinen
laͤſſot/ wird er von Diodoren/ und heutiges tages in der
letzten und kluͤgſten weltzeit von dem groſſen Scaliger/
der an ſtatt aller gelehrten wort- und ſprachen-richter ſi-
tzet/ rechtfuͤglich getadelt. Dieſer mann nun/ iſt nicht
außzuſprechen/ wie er den Virgilius ehret/ lobet/ und in
ſonderbarer verwunderung haͤlt. Bald nennet er ihn
einen geiſt der natur/ bald eine Idea und vollkommenes
muſter der weißheit/ bald eine richtſchnur des verſtandes
und aller ſachen geſchickligkeit. Mit wenigen: Er er-
ſtarret darob/ daß er an ihm keinen tadel finden kan. Dem
folgen nach Servius/ Turnebus/ Hortenſius/ Taub-
mannus und der aͤmbſige und viel beleſene Spanier Joh.
Ludov. de la Cerda,
der beſte außleger des Poetens.
Dieſe und andere tragen einmuͤhtiglich und mit eiffri-
gem bemuͤhen allerhand gebluͤhme und geſteine zu den
Virgilius zu bekraͤutzen/ zu bekroͤnen/ zu beehren. Wann
dann nun dis buch ſo nuͤtzlich als lobwuͤrdig/ hat man
ſich
[]an den wolgeneigten Leſer.
ſich billich zu erfrewen deſſen/ daß es/ wiewol es der gute
Poet auf ſeinem todbette begehret hat/ den flammen nicht
iſt zugeeignet worden. Weswegen auch der hochloͤblich-
ſte Kaͤyſer Auguſt/ der dem Virgilius ſonderlich gewo-
gen geweſen/ dieſe verſe geſtellet und geſchrieben hat:


Ergone ſupremis potuit vox improba verbis

Tam dirum mandare nefas? Ergo ibit in ignes,

Magnaque doctiloqui morietur Muſa Maronis?

Pulcher Apollo veta, Muſæ prohibete Latinæ!

Die ich alſo reimweiſe verteutſchet habe:


Iſts muͤglich/ daß Virgil/ dem itzt die letzte noht/

Der ungeſtuͤme tod/

An geiſt und leben geht/ dis boͤſe wort begehre/

Das man (o unbill!) ihm auf ſein geheyß gewehre?

Sol das gelehrte buch/ das Rom ſchaͤtzt hoch uñ theur/

Vergehen in dem feur?

Da ſey Apollo fuͤr und ſeine Pierinnen/

Die an noch Latien ihr vaterland erkennen!

Oder wie J. H. dieſelben/ dem verſtande nach/ geſetzet.


Haſtu zuletzte noch ſolch unrecht wollen goͤnnen/

O Maro/ deiner Schrifft/ daß man ſie ſol verbrennen/

Fuͤrtrefflicher Poet? Sol ſie Vulcan verhoͤhnen?

Verwehr es/ Phoͤbus/ und ihr Latier Camœnen.

Sind alſo etlich hundert jahr/ daß dieſes buch durch
die gantze welt/ und ſonderlich in unſerm allgemeinem
vaterlande teutſcher nation mit groſſem nutz/ fortgang
und auffnehmen in erlernung der lateiniſchen ſprache
und anderer wiſſenſchafften/ (darumb es fuͤrnemblich
zu thun/ weil doch die ſprachen nur werckzeuge ſind/) iſt
gebrauchet worden. Demnach aber die Italianer/ Spa-
nier/
[]Vor-Rede
nier/ Frantzoſen/ und Niederlaͤnder ein jeder ſeine mut-
terſprache zu erweitern und außzuuͤben die buͤchereyen
durchgeſuchet/ und aus dem Griegiſchen und Lateiniſchen
viel buͤcher und ſchrifften in ihre ſprache uͤbergeſetzet: Ha-
ben wir Teutſchen nicht erſt hernach daran gedacht/ ſon-
dern ihnen/ als die in tieffem friede und ruhegenieß ſaſ-
ſen/ wir aber viel jahr lang mit dem leidigen kriege
verwickelt waren/ den vorzug laſſen muͤſſen: Seither
wir aber den lang-gewuͤnſchten friede von dem gnaͤdigen
Gott erbeten: Redet die ſache an ſich ſelbſt/ was fuͤr ei-
ne menge ſchrifften und buͤcher in Teutſcher ſprache in-
nerhalb zwantzig jahren ſind heraus gegeben und in druck
gebracht worden. Denn als der edle Opitz A. C. 1624.
den grund der teutſchen Poeſie geleget/ und als ein maͤch-
tiger heerfuͤhrer voran gezogen/ ſind ihm nach ſeinem
tode gefolget/ die (ſo zu reden) dieſes herrliche gebaͤu-
de und ſchloß auffgefuͤhrer/ und mehr und mehr geferti-
get haben; Als da ſind/ der ſinnreiche Buchner/ der
kurtzredende und ſcharffſinnige Flemming/ der kunſtmeh-
rende Ziegler D. (der die Italiaͤniſche Madrigalen
gluͤcklich nachgemacht/ und der teutſchen Poeſie gleich-
ſam eingepfropffet hat/) der hochſinnige/ Dach/ der lehr-
reiche Tzſcherning/ der uͤberirrdiſche geſangtichter Riſt/
der lehrartige Moſcheroch/ der kunſtmaͤchtige Schottel/
der redſelige wunderliebliche Harßdoͤrffer/ der hochthoͤ-
nende trawer-ſchawſpiel-tichter Gryphius/ der fried- und
luſtklingende Peukker/ der freudigholde waldſingende
David Schirmer/ Chur-Saͤchſiſcher buͤcherey vorſteher:
Dieſe und andere haben vermittelſt ihrer ruhm- und le-
ſewuͤrdigen ſchrifften/ die ſie theils ſelber mit ſinnrei-
chem
[]an den wolgeneigten Leſer.
chem nachdencken erfunden/ theils aus der Lateiniſch
Griegiſch-Frantzoͤſiſch- und Italiaͤniſchen ſprache ins
teutſche uͤbergeſetzt/ die zarte jugend gebeſſert und er-
bawet/ den leſer aber in gemein erfreuet und ergetzet.
Hieher gehoͤren auch die jenigen/ die in ungebun-
dner rede ſchoͤne buͤcher aus dem Lateinifchen ins Teut-
ſche gebracht haben. Als da iſt der weyland Schwe-
diſche Oberſte Lohhauſen und Obergebieter zu Roſtock/
welcher den geſchichtſchreiber Salluſtius/ desgleichen
Carl Melchior Groͤdnitz von Grodnaw/ welcher den
groſſen Staatslehrer den Tacitus/ hat außgehen laſſen.


Belangend meine wenige Perſon/ habe ich und Vir-
gilius einer den andern in die dreyßig jahr in die ſchule
gefuͤhret: Er hat mich die Lateiniſche Poeterey und viel
wunderlich dings/ ich ihn die Teutſche ſprache und reim-
kunſt gelehret. Wann er dann nun nicht geſonnen in
ſein vaterland Italien/ da kein Auguſtus noch guͤldenes
Rom mehr zu ſehen/ wiederumb zu kehren/ ſondern be-
liebnuͤß traͤget/ Teutſchland und deſſelben einverleibte
Chur- und Fuͤrſtenthuͤmer/ Graffſchafften/ maͤchtige
Reichs- und Anſeeſtaͤdte/ herrliche Schloͤſſer/ Pallaͤſte
und Ritterſitze/ ſchoͤne ſchiff- und fruchtreiche Fluͤſſe und
Bruͤcken/ beruͤhmte Bibliothecken/ Zeughaͤuſer/ beweh-
rete Veſtungen/ Waͤlle/ Graben/ Bollwercke/ Paſteyen/
kuͤnſtliche Foutaynen/ Springbrunnen/ Uhrwercke/
Gemaͤhlde/ Schildereyen und unzehliche Kunſtgeſchicke/
desgleichen viel ſchoͤne Kirchen und Cloͤſter/ dann auch
unterſchiedliche Regiments-Formen/ Geſetze/ landuͤbli-
che Gebraͤuche und Gewonheiten/ Turnier- und Ritter-
ſpiele/ vielerley Sitten/ Manier und hohe Schulen/ ſo
wol
[]Vor-Rede
wol auch koſtbahre und Mauſoleiſche Grabſtellen und
Schwibbogen/ und endlich viel weitberuͤhmte warme
Baͤder/ Heil- und Sauerbrunnen zu beſehen und zu be-
trachten/ habe ich ihn/ wiewol ungern/ ziehen laſſen/ und
erſuche hiemit den großguͤnſtigen Leſer denſelben auff-
und anzunehmen/ und ihm mit Gewogenheit und freund-
lichen Willen beygethan zu ſeyn und zu verbleiben.
Hiemit ſey ihm von mir ein freudenreiches/ geſundes
und geſegnetes Newes Jahr hertzlich gewuͤntſchet.



An Hn. M. Michael Schirmern/
Kaͤyſerlichen gekroͤnten Poeten/ und dreyßigjaͤhrigen

Jugend-Lehrern zum Berlin.


Als er den Lateiniſchen Poeten Virgilius Deutſche
Poetiſch uͤberſetzte.


HAſt du/ Schirmer/ noch nicht

gnung

Deine Poeſie getrieben/

Wann du beydes Alt und Jung

Manchen ſchoͤnen Vers geſchrie-

ben?

Nein. Der Roͤmiſche Virgil

Muß auch Deutſch geleſen werdẽ.

Iſt wol etwas auf der Erden/

Das der Menſch nicht wiſſen wil?

Syriſch/ Grichiſch und Latein/

Juͤd-Arabiſch/ und was Menge

Der beruͤhmten Spraachen ſeyn;

Werden endlich in die Laͤnge/

Deutſchland/ deinen Soͤhnẽ kund.

Wannenher? Die Deutſchen

Zungen

Lernen alles ungezwungen;

Was verſagt der Deutſche

Mund?

Schirmer hangt ein Muſter

aus?

Was Virgilius geſchrieben/

Der in Mantua ſein Hauß/

Iſt bißher Lateiniſch blieben/

Und verbleibt wan Schiꝛmer wil.

Schirmer der Poet aus Meiße:

Schirmer ſol nicht Schirmer

heiſſen/

Sondern Meißniſcher Virgil.


[]
SCHIRMERUS VATES divini ſcripta MARONIS

Teutonico verſu nobis, dignisſima Cedro,

Exhibet. Hinc meritò, folijs ornatus Olivæ,

Dignus, quem celebrent Vates, cui carmina cantent

Matres atque Viri, pueri innuptæque puellæ.

Noctes atque dies, tot jam labentibus annis,

Candidior poſtquam tondenti barba cadebat,

Numinis auxilio, labor iſte gravavit eundem.

En! Virtutis opus, quo non præſtantius ullum.

Dumque thymo paſcentur apes, dum fronde capellæ,

Semper honos, SCHIRMERE, tuus laudesq; manebunt.

Madrigal.


WAs der Mantuaner Schwaan

Lieblich hat vorher geſungen/

Daß es uͤber Berg und Thaal erklungen/

Von Dionen liebſten Sohne/

Dem Trojaner Helden/

Gibt uns Schirmer itzt in Teutſche Reimen.

Lob und Ruhm bleibt Ihm zum Lohne:

Auch die Nachwelt wird es melden/

Was ſein Schweiß hat außgericht.

Bey der Jugend ſeine Pflicht

So/ wie Schirmer thut/ ablegen/

Machet manchen Geiſt ſich regen.


[[1]]

Das Erſte Buch.


ICh/ der ich ehmals pflag mit meiner ſchlech-

ten Floͤte

Von vieh und ackerbau zu ſpielẽ/ als Poete/

Ein angenehmes werck dem gutẽ ackersman/

Daß er mit nutz nach wunſch ſein guͤtlein bauen kan;

Sing itzt von wehr und man/ der erſt von Trojens lande

kam fluͤchtig durch den zwang des him̃els zu dem ſtꝛande

Des Latiums: ſehr lang iſt dieſer mit beſchwer

Zu waſſer und zu land geworffen hin und her

Durch goͤttliche gewalt/ der grimmen Juno wegen/

Bey der ſich wolte noch der alte groll nicht legen;

Viel litt er auch durch krieg/ in dem er eine ſtadt

In Latien gebaut und eingefuͤhret hat

Die Goͤtter/ wannenher Latiner ſind gekommen/

Albanier darzu: Rom hat daher genommen

Ihr ankunfft und geſchlecht. O Muſa/ ſage frey/

Was dieſes gantzen thuns/ grund/ fug und urſach ſey/

Was fuͤr ein Gott verletzt/ was Juno koͤnne klagen/

Der Goͤtter Koͤnigin/ daß ſo viel noht muß tragen

Und wagen ſo viel muͤh ein außbund frommer mann;

Iſts muͤglich/ daß ſo hart der himmel zuͤrnen kan!

AEs
[2]Das Erſte Buch.
Es war ein alte ſtadt Carthago/ die fuͤr deſſen

Das volck der Tyrier gebauet und beſeſſen/

Stieß gegen Welſchland zu und an den Tiburſtrand

An guͤtern reich/ an zucht des ſtrengen kriegs bekandt.

Darin hat Juno (wie man ſagt) fuͤr andern allen

Auch Samos nachgeſetzt ihr laſſen wollgefallen

Zu haben ihren ſitz: Hier war ihr feur und herd/

Ihr wagen/ heer geraͤth/ hier wurde ſie geehrt

Nun war der Goͤttin ernſt und ſorgfalt (wo nur wolte

Der himmel geben zu) daß dieſen voͤlckern ſolte

Verbleiben dieſes reich; doch ward ihr kund gethan/

Daß aus der Troer ſtamm ein ander volck kaͤm an/

Das wuͤrde ſchloß und burg der Tyrier zerſtoͤren/

Regieren weit und breit/ die ſtoltzen waffen kehren/

Und kommen zum verderb des landes Libyen:

So ging das werck und fchluß der lebens Goͤttinnen.

Dafuͤr trug Juno furcht noch ein gedenck der waffen

Des alten krieges ſturms/ durch welchen ſie zu ſchaffen

Bey Troja hatte fuͤr ihr liebes volck und land

Worab ihr grimmer ſchmertz und eyffer wurd entbran

Denn Paris urtheil ſpruch war ihr ſo tieff geſeſſen

Im hertzen/ daß ſie ihn nicht kunte leicht vergeſſen;

Es ſchmertzte ſie der ſchimpff verachteter geſtalt/

Und daß die Venus mehr durch dieſes urtheil galt/

Auch das verhaſſte volck/ und daß zu ſolcher ehre

Der kleine Ganymed erhaben worden waͤre.

Darob ſie nun entbrand die Troer/ die das meer

Getrieben ab und auff/ geworffen hin und her

D
[3]Das Erſte Buch.
Die fuͤr den Danaern noch uͤbrig blieben waren

Und des Achillis grimm nie hatten noch erfahren/

Trieb ab von Latien/ die dann durch ſo viel jahr

Umbſchweifften alle meer uͤmringet mit gefahr.

An ihnen kunte man nichts als nur jammer ſchauen/

Wer an ſie dachte nur/ empfunde nichts als grauen.

So ſchwer gieng dieſes werck im anfang von der hand/

Zu bauen das geſchlecht der Roͤmer und das land!

Sie hatten itzo kaum Sicilien laſſen liegen/

Und auff dem hohen meer die kuͤhnen ſegel fliegen

Und ſtreichen froͤlich durch/ daß es vom Schaume floß;

Da Juno/ welcher noch der alte ſchimpff verdroß

Und tieff in hertzen lag/ hub bey ſich an-zu-ſprechen:

Wenn werd ich mich einmal an dieſem volcke raͤchen?

Sol ich bekennen mich als uͤberwnnden ſeyn/

Und mein beginnen ſo veraͤchtlich ſtellen ein?

Kan ich den herrn ohn land nicht zwingen oder treiben/

Daß er uns muͤſſe doch von Latien weg bleiben?

Ja das verhaͤngnuͤß wil mir wehren/ was ich thu!

Wie? hat der Pallas man dis koͤnnen geben zu/

Daß ſie den donnerkeil des Jupiters ergriffe/

Und aus den wolcken her warff auf der Griechenſchiffe

Die ſie theils ſteckt in brand/ theils in dem meer verſenckt

Nur umb ein ſchlechtes ding/ das ſie ſo hefftig kraͤnckt/

Daß nemblich Oileus der Locrer fuͤrſt im tempel

Veruͤbt aus toller lieb ein ſtraffbares exempel.

Diß einige verſehn erregte ſolchen grimm/

Daß ſie das gantze meer trieb auff mit ungeſtuͤmm/

A 2Zer-
[4]Das Erſte Buch.
Zerſtreuete die ſchiff/ ihn ſelbſt auch ſo zerriſſe/

Zerſchlug und grimmiglich an einen felſen ſchmiſſe/

Daß er des donners flamm ſpye aus verwundter bruſt.

Ich aber/ die ich bin/ wie allen iſt bewuſt/

Des himmelskoͤnigin/ ich/ die ich einher gehe

Mit hoher majeſtet und fuͤr den Goͤttern ſtehe

Als Jovis ehgemahl und ſchweſter/ lieg in ſtreit

Mit einem eintzeln volck/ das ich ſo lange zeit

Bekrieg/ und dennoch nicht kan aus dem wege ſchaffen;

ſol ich nichts richtẽ aus durch meinen grim̃ und waffen?

Iſt meine macht ohn macht/ mein ſcepter ſonder ehr?

Wer wird dich beten an/ o Juno/ wer wird mehr

Dir opffer bringen dar? Als ſie nun war mit pochen

In dieſe harte wort aus groſſem zorn gebrochen/

Erhebt ſie ſich ins land und an denſelben Ort/

Allwo gezeuget wird/ oſt/ ſuͤden/ weſt und nortd.

Da ſitzet Eolus der koͤnig und regieret/

Die Winde/ daß ſie ſich/ in maſſen ſichs gebuͤret/

Verhalten maͤßiglich: Er haͤlt ſie in der klufft

Mit zwange/ daß ſie aus-nicht-brechen in die lufft:

Im fall ſie aber ſich erzeigen etwas boͤſe/

Und machen in dem ſchlund des berges groß getoͤſe/

Sitzt Eol auff dem thron/ laͤſt hoͤren ſeine ſtimm/

Spricht ihnen glimpflich zu und ſtillet zorn und grimm.

Und wo er das nicht thaͤt/ ſo wuͤrde mit der erden

Der hohe himmel ſitz und meer vermiſchet werden/

Sie kehrten alles uͤm und fuͤhrtens in die lufft:

Nun aber iſt es gut/ daß Gott ſie in der klufft

Tieff
[5]Das Erſte Buch.
Tieff ein geſperret hat/ der deſſen ſich befahret/

Vnd deſto feſter ſie deßwegen hat verwahret/

In dem er hohe berg und thaͤmm auff ſie gelegt/

Daß keiner wieder ihn und ſein gebot ſich regt.

Hat auch/ damit der ſach geſchehe nicht zu wenig/

Der ſie regierete/ gegeben einen Koͤnig/

Der auff-gewiſſe maß ſie hielte theils im zwang/

Auch wuͤſte/ wenn er ſol den zuͤgel laſſen lang/

Zu ihm kommt Juno nun gantz niedertraͤchtig gangen/

Und hat auff dieſe weiß zu reden angefangen:

Mein Eol (denn dir hat der groſſe Jupiter

Gegeben dieſe macht/ daß du das wilde meer

Kanſt ſaͤnfftigen/ wie auch erregen durch die winde)

Verleyh/ daß ſtat und raum bey dir mein bitten finde:

Ein mir verhaſſtes volck ſchifft durchs tyrrhenſche meer/

Und fuͤhrt in welſchland ein ihr uͤbrig zeug und heer/

Ihr wuͤſtes ilien und uͤberwundne Goͤtter.

Erheb doch einen ſturm/ errege wind und wetter

Entgegen ihre ſchiff/ verſencke ſie zur ſtund;

Wo aber dieſes volck ſol gehn nicht gar zu grund

Und das verhaͤngnuͤß ſie erhalten wil beym leben/

So ſchaffe/ daß ſie doch zerſtrewet muͤſſen ſchweben

Und kommen nimmermehr zuſammen wiederuͤm/

Nach dem ſie gnug geſtrafft durch dein- und meinẽ grim.

Damit du aber auch moͤgſt ein ergetzuug haben

Fur deinem dienſt und muͤh/ wil ich dein hertze laben

Mit einer ſchoͤnen braut: Es bleiben viertzehn mir

Der nimfen uͤbrig noch von außerleſner zier/

A 3Vom
[6]Das Erſte Buch.
Vom leibe wolgeſtalt von ſelbten wil ich geben

Die aller ſchoͤnſte dir: Mit der ſolt du dein leben

In freuden bringen zu: Sie heiſſet Deiope/

Mit der ſolt du dich fein in ungeſchiedner eh

Begehn auff ſpate zeit/ und haben dir zu eigen

Auch mit der ſelbigen viel ſchoͤne kinder zeigen;

Darauff ſagt Eolus: Was du/ o koͤnigin/

An mich begehrſt und ſuchſt/ ſey dir nach deinen ſinn

Und wunſch von miꝛ gewehꝛt/ du magſt nuꝛ kuͤhnlich ſagẽ

Was dir am liebſien ſey/ ich wil dirs nach behagen

Zu wercke richten bald; Du kanſi beym Jupiter

Mich bringen zu genad/ und machen/ daß ich ehr

In meinem reiche hab: Du kanſt mir darzu nuͤtzen/

Daß ich bey Goͤttern kan an ihrer taffel ſitzen/

Du mehreſt meine macht/ daß ich ein herr der ſee

In meinem regiment mit gutem ruhm beſteh.

Als er diß aus geſagt/ kehrt er den berg geſchwinde

Mit ſeinem ſcepter uͤm/ da brechen alle winde

Mit hellem hauffen aus/ ſo bald das loch auffgeht/

Da hoͤrt man wie der wind mit ungeſtuͤmme weht/

Wie hier und da ein ſturm hindurch die erde ſtreichet/

Wie ſuͤden/ oſt und weſt das groſſe meer erreichet/

Und wie ſie legen ſich darauff mit gantzer macht/

Daß es von innerm grund erſchuͤttert tobt und kracht/

Die waſſerwogen ſich bis an das ufer ſchleiffen;

Da ſieht man/ wie ſie itzt die armen ſchiff ergreiffen:

Die ſchiffer unter ſich erheben ihr geſchrey!

Die ſeile rauſchen ſtarck/ der maſt bricht faſt entzwey.

Der
[7]Das Erſte Buch.
Der ſchwartzẽ wolcken dunſt nimmt ihnen aus den augẽ

Den himmel tag und licht: Es wil kein mittel taugen/

Es leget ſich auffs meer ein uͤberdicke nacht/

Es donnert in der lufft/ es plitzet/ ſchlaͤgt und kracht.

Den armen leuten drewt faſt alles das verderben/

Und ſchweben in gefahr/ als muſten ſie itzt ſterben.

Eneas ſtracks erſtarrt fuͤr kalter furcht und ſcheu/

Nicht/ daß ihm fuͤr dem tod ſo angſt und bange ſey;

Nein. ſondern das er wuͤnſcht fuͤr ſeinem feind zu ſterbẽ/

Damit er alſo koͤnn ein ſchoͤnes lob erwerben;

Drumb ſeufftzt er jaͤmmerlich und hebet beyde Haͤnd

Zum ſternen/ die er nicht mehr ſiehet noch erkennt/

Und faͤngt ſo klagend an; o ſelig ſind zu achten

Die jenigen/ ſo da in kaͤmpffen/ ſturm und ſchlachten/

Sind ſtreitbar kommen uͤm! ja denen es ſo gut/

Geworden iſt/ daß ſie fuͤrs vaterland ihr blut

Vergoſſen ritterlich und fuͤr den augen blieben

Der eltern in dem ſtreit! Was haͤtt ich koͤnnen lieben

Fuͤr einen andern tod/ als ſterben in dem feld

Fuͤr Troja/ weil daſelbſt gefallen mancher Held?

Otapffrer Diomed/ du außbund aller fuͤhrer/

Du ſchild der Danaer und kleinod der regierer/

Hab ich denn ſollen nicht im Trojſchem gefild

Von deiner fauſt erlegt verlieren meinen Schild?

Hab ich denn nicht das gluͤck-wie Hector ſollen haben/

Der unerſchrockne Held/ der nun ligt da begraben/

Und dieſen ruhm erwirbt mit unverwelckter zier/

Daß er uͤmkommen iſt/ o held Achill/ von dir?

A 4Was
[8]Das Erſte Buch.
Was ſol/ Sarpedon/ ich von deiner tugend melden/

Was von viel anderen beruͤhmten krieges helden/

Die uͤmbgekommen ſind/ da wo der Phryger ſtrom

Schleppt waffẽ helm und ſchild auf ſeineꝛ fluht heꝛumb?

Als er nun ſolcherley geſtalt fuͤhrt leid und klagen/

Da wird in einem huy das ſegel abgeſchlagen

Von dem erboſten nord/ der ſchnur gleich wiedrig war/

Da hat es allererſt die groͤſſeſte gefahr/

Das ruder geht entzwey/ das ſteuer wil nicht halten/

Die Winde treiben nun mit grimmigen gewalten

Die ſchiffe hin und her/ den wellen ſtehn ſie bloß/

Die ungezaͤhmte fluht/ die gleich wie berge groß/

ſchlaͤgt im̃er nach und nach: hier faͤhrt eins mit den wellẽ

Bis an die ſterne burg/ ein anders fcheint zur hellen

Als wuͤrd es abgeſtuͤrtzt/ und ſieht der erden ſand/

Es ſchaͤumt und tobt das meer/ als wuͤrd es uͤmgewand.

Drey ſchiffe ſchlaͤgt der ſuͤd an klippen felß und ſteinen/

Die in dem meere ſind verborgen/ und nicht ſcheinen

Den fahrenden zur ſee; Man nennet ſie itzund

Altaͤre/ weil daſelbſt die Roͤmer einen bund

Den Poenern giengen ein. Drey ſchiffe (das zu ſehen

Faſt ſehr erbaͤrmlich war) die muſten bleiben ſtehen

Auff einem ſandberg da. Denn von dem hohen meer

Trieb ploͤtzlich ſie der oſt/ eins/ das die Lycier

Und treuen Oront trug/ traff eine groſſe welle

An hintertheil des ſchiffs/ da portzelt auff der ſtelle

Der arme ſteuerman fuͤrwerts auffs haupt hinab/

Ein wirbel aber ihm den nachreſt endlich gab.

Der
[9]Das Erſte Buch.
Der dreht es dreymal uͤm und gehling in ſich ſchlunge:

Man ſahe hier und da/ wie mancher ſchwum̃ und runge

In ungeheurem meer; Da ſchwumme durch die fluht

Zeug/ waffen und gewehr/ ja Trojens ſchatz und gut.

Der ſturm bemeiſtert auch viel andre ſtarcke ſchiffe/

Die es nach hart und viel erlittner ſtoͤß ergriffe/

Drauff war Ilioneus/ Aleth/ Abas/ Achat/

Als helden/ die beruͤhmt von tapfferm muht und raht/

Die muſten ſehn das ſchiff/ wies immer ſacht und ſachte

zerlechtzt und waſſer ſoff/ wies immer knarrt und krachte/

Bis ſeine fugen auffgeloͤſt zerlechtzten gar/

Der erſte kam davon/ die andern blieben dar.

Im mittelſt wurde des Neptun der meer Gott innen/

Und ſah der winde thun und wuͤtendes beginnen/

Was fuͤr ein groſſer ſturm auff ſeinem blauen Meer

Von innerlichem grund erreget worden wehr:

Iſt demnach ſehr erzuͤrnt/ und ſieht aus tieffem grunde

Des meers herfuͤr/ dann laͤſt er ſich mit ſanfftem munde

Und augen ſchauen an zu oberſt auff der fluht

Da nimmt er eben wahr mit ungehaltnem muht

Eneens ſchiff und heer/ wies auff dem gantzen meere

Zerſtreuet ſchweb herumb/ wie alles in die quere

Verworffen ſey/ zu dem wie der Trojaner hauff

Von wellen unterdruͤckt ſaſt ſey gegangen drauff;

Er kennt/ als bruder/ auch der Iuno triegereyen

Und unbefuͤgten zorn/ und wie ſie ſich kan zweyen;

Drum laͤſt er oſt und weſt beruffen ſchleuniglich:

Als ſie nun nach gebuͤhr zu rechte ſtellen ſich;

A 5Redt
[10]Das Erſte Buch.
Redt er ſie ernſtlich an und zwar verbuͤrter maſſen:

Wie moͤget ihr euch ſo auff eurem ſtamm verlaſſen/

Ihr winde/ doͤrffet ihr euch deſſen unterſtehn/

Daß ihr mit ſolchem ſturm und brauſen koͤnnet wehn

Ohn mein ertheilte macht? doͤrfft ihr die erd und him̃el

Erfuͤllen ohne ſcheu mit ſolcherley getuͤmmel?

Warumb erkuͤhnt ihr euch/ daß ihr auff meinem plan

(O unerhoͤrter trotz!) ſolch unruh richtet an?

Ich wil euch bald! jedoch eracht ich es fuͤr beſſer/

Daß ich die wellen leg und ſtille das gewaͤſſer:

So ihr der gleichen euch werd kuͤnfftig unterſtehn/

So ſol es euch nicht mehr ſo ungeſtrafft hin gehn.

Drumb gehet/ ſaͤumt euch nicht/ und ſaget eurem koͤnig;

Er habe keine macht/ und ſey noch viel zu wenig

Daß er ihm eigne zu des meeres regiment;

Er moͤge wiſſen/ daß es mir ſey zuerkennt

Gegeben durch das looß! Er mag in ruh behalten

Die klippen und gebirg/ und mich hier laſſen walten/

Er hab eur loſament/ ihr winde/ da mag er/

Der Eol/ laſſen ſehn ſein thun/ prachr/ ehr und heer/

Gleich wie im fuͤrſtenhoff/ ſol aber ſo regieren/

Damit man moͤge ruh und keinen unfug ſpuͤren/

Sol ſeine winde wol verſperren/ und ſie fein

Gewehnen/ daß ſie nicht uns widerſetzlich ſeyn.

So ſagt eꝛ/ nnd mit dem ſtillt eꝛ ſtꝛacks wind und wellen

Vertreibt der wolcken heer/ die wolten ſich geſellen

Und eng vereinigen/ ſchafft/ daß des Titans ſchein

Den Menſchen wiederumb kunt taug- und dienlich ſeyn.

Cy-
[11]Das Erſte Buch.
Cymothoe zugleich und Triton ſich bemuͤhen

Die ſchiffe von dem felß und klippen abzuziehen/

Er leiſtet ihnen ſelbſt getreue huͤlff und hand

Gebeut dem meer/ daß es die ſchiffe fuͤhr aus land.

Nach dieſem faͤhret er auff ſeinem ſchoͤnen wagen/

Der ihn pflegt praͤchtiglich mit majeſtet zu tragen

Zu oberſt auff der fluht: Wie aber/ wenn geſchicht/

Das auffruhr in dem volck entſteht und rath gebricht/

Da nemblich hier und da die ſtein und braͤnde fliegen/

Und zorn gibt an die hand die waffen/ die ſie kriegen;

Der poͤbel tobt und brauſt/ und aber koͤmmt ein man

Von froͤmmigkeit beruͤhmt/ der tapffer reden kan/

So ſchweigen ſie gantz ſtill/ und fleißig auf ihn mercken:

Da mahnet er ſie ab von ihren boͤſen wercken

Und ſtillet ihren grimm/ bis er ſie ſo gewinnt/

Daß ſie ihm leiſten folg und anders ſind geſinnt:

So leget gleichfalls auch das meer ſein gantzes toben/

Nach dem der vater ſich von innerm grund erhoben

Und ſchauet rings herumb und faͤhrt wie ſchnell er kan/

Bey klarem ſonnenſchein auff ſeiner blauen bahn.

Das muͤde Troer volck noch gleichſam/ wie die ſclaven

Bemuͤhen ſich dahin zu kommen/ wo ein haven

Am allernechſten ligt: Es ligt beyſeits ein ort

Vom fern/ das eyland macht/ daß er zu einen port

Den ſchiffern dienlich iſt durch fuͤrwurff ſeiner ſeiten/

An denen alle macht der wellen/ die vom weiten

Des meeres fahren her/ gebrochen wird/ da dann

Die fluht zuruͤcke geht und wider prallen kan.

Auff
[12]Das Erſte Buch.
Auff beyden ſeiten ſind ſehr hohe felſen-ſtuͤcken/

Fuͤr denen ſich das meer weit bey der wurtzel buͤcken

Und ſanffte flieſſen muß; Von oben ſteht ein wald

Mit ſchattenreichem laub und baͤumen wolgeſtalt/

Da man den dunckeln Hayn mit andacht pflegt zu ehren;

Auch eine hoͤle ſieht man gegen ihm ſich kehren

In abhang beyder felß/ darin ein ſuͤſſer quell

Und von natur und ſtein gemachter ſitz und ſtell:

Den nymſen war diß hauß gewidmet/ keins der ſchiffen

Fuͤr heiligkeit diß orts in dieſen haven lieffen/

Keins ligt in ancker hier; Eneas laͤndet hier

Mit ſieben ſchiffen an; Sie ſteigen aus begier

Und liebe zu dem land heraus/ und uͤberkommen

Den vielgewuͤnſchtẽ port und warẽ kaum entfchwom̃en

Dem ungeſtuͤmmen meer; Sie waren matt und naß/

Daß ſie ſich ſetzeten aus ufer in das graß.

Aͤchat nimmt einen kieß/ ſchlaͤgt feuer an geſchwinde/

Die funcken faͤngt er auf mit duͤrrem blat und rinde;

Sie langen korn herfuͤr/ das von dem waſſer gar

Verderbt und alſo nicht wol zu genieſſen war.

Ob ſie nun zwar ſehr muͤd und abgemattet waren

Nach manch erſtandnen ſturm und vielerley gefahren/

In dem ſie hier und da erlitten manche noht/

Und ihnen fuͤr geſicht ſtets war der grimme tod/

So laſſen ſie ſich doch der muͤhe nicht verdrieſſen

Damit ſie ihrer ruh noch moͤchten baß genieſſen:

Derhalben nehmen ſie ihr beckerzeug zur hand/

Und als ſie wol gedoͤrrt das korn und umbgewand/

So
[13]Das Erſte Buch.
So ſchuͤtten ſie es auff [und] mahlens/ wie ſie koͤnnen.

Eneas unterdeß ſteht auff des felſens zinnen

Und ſiehet uͤbers meer/ ſo weit er ſehen kan/

Ob etwan Antheus noch bald moͤchte kommen an;

Ob er von winden ihn verſchlagen moͤchte ſehen/

Wo Capys blieben wehr/ wies andern moͤchte gehen/

Ob man des faͤhneleins und andrer zeichen mehr

Nicht koͤnte nehmen wahr auff Caix ſchiff und heer:

Vor augen ſiht er nichts/ als nur an ufer ſtehen

Drey ſchoͤne ſtuͤcken hirſch/ ja gantze heerden gehen

Denſelben hinten nach/ und ziehn in groſſer zahl

Und ſchoͤner ordnung her zu weyden ſich im thal;

Er bleibet ſtille ſtehn/ ergreiffet pfeil und bogen/

Den ſein getreuer freund/ der ferne mitgezogen/

An ſeiner ſeite trug/ ſchieſt erſt auff dieſe loß

Die einher giengen hoch/ und waren ſchoͤn und groß

An leibern und geweyh. Und als er ſie erleget/

Laͤſt unterm hauffen er viel pfeil abgehn/ drauff reget

Die gantze heerde ſich und lauffen hier uud dort

In dem gebuͤſch herumb: Er aber ſchieſſet fort

Und hoͤret nicht ehr auff den bogen abzudruͤcken/

Als bis er ſieben hirſch/ die allerſchoͤnſten ſtuͤcken/

Zu boden hat gefaͤllt; Daß mit den ſchiffen ſey

Die anzahl gleich: hernach ſpatziert er froh und frey

In haven/ und vertheilt das wild/ ſo er geſchoſſen/

Gleich unter ſeine purſch und alle reißgenoſſen:

Es ließ ihm auch Aceſt/ der alt und gute herr/

Im port Sicilien auffladen mit der ſchwer/

Als
[14]Das Erſte Buch.
Als er weg von ihm zog/ zur zehrung gute weine/

Die theilt er ebenfalls/ und machte ſie gemeine/

War luſtig/ wie es gab/ der himmel und die zeit/

Sprach ihnen troͤſtlich zu in ihrer traurigkeit:

O meine liebe purſch und treue mitgenoſſen

Die ihr ſtets bey mir ſeyd geweſen unverdroſſen:

Ihr wiſſet nebenſt mir/ was wir faſt lange zeit

Geſtanden haben aus fuͤr widerwertigkeit;

Viel ſchwerer war die Laſt/ die jeder hat getragen

Was annoch uͤbrig iſt/ das laͤſſet ſich wol wagen.

Immittelſt habt gedult. Der groſſe Gott kan noch/

Wenn wir ihn flehen an/ uns leichtern dieſes joch.

Er wird das uͤbel doch zum guten ende fuͤhren/

Daß wir ſein weiſes thun und hohe guͤte ſpuͤren:

Ihr ſeyd durch fluht und ſturm/ durch wuͤtende gefahr/

Durch manches ungeheur/ ja zum Cyclopen gar

Gekommen voller angſt/ und ſolche noht erfahren/

Die zu vermelden wir der muͤhe wollen ſparen;

Jedoch ermahnet euch/ und faſſet einen muht/

Es wird das gluͤck mit uns noch wieder werden gut.

Wir werden dermaleins vielleicht daran gedencken

Mit groͤſrer froͤligkeit: drumb laſt euch nit mehꝛ kꝛaͤnkẽ:

Wir ziehn durch mancherley unfaͤll und faͤhrligkeit

In Latien/ da uns ruh/ fried und gute zeit

Von Gott gezeiget wird: daſelbſt ſol Troja wieder

Zu vorger herrligkeit/ die ſo gefallen nieder/

Gelangen wunderlich: derhalben tragt gedult/

Das ihr genieſſen koͤnt/ was ihr genieſſen ſollt.

So
[15]Das Erſte Buch.
So ſprach er ihneu zu/ und da er ſelbſt von ſorgen

Und kummer war bekraͤnckt/ hielt ers doch im verborgen/

Und ließ ſich mercken nicht/ war froͤliches geſichts/

Und ſtellte ſich/ als waͤr zu fuͤrchten lauter nichts.

Dann ſtreiffen ſie das wild/ ſie wirck- und deckens abe/

Damit zur nothurfft ſich ein jeder ſpeiß und labe:

Sie ſteckens an den ſpieß/ und bratens/ bis es gar:

Nach dem das eſſen nun wol zugerichret war/

Da ſetzen ſie ſich hin ins graß ans ufer nieder/

Und eſſen wolgemuht/ daß ſie die kraͤffte wieder

Erholen in geſampt: das wildpraͤt ſchmecket gut/

Sie trincken guten wein zu ſtaͤrcken ihren muht.

Als ſie des Hungers nun ſich hatten ſatt erwehret

Und mit vergnuͤgſamkeit den fetten raub verzehret/

Und was noch uͤbrig war! gehoben hatten auff/

Da klagen ſie/ wie ſonſt/ und kommen wieder drauff/

Und fuͤhren lang geſpraͤch mit ſehnlichem verlangen/

Wies doch den andern ſey in ſolcher noht gegangen;

Bald ſind ſie froh/ bald zag; Itzt halten ſie fuͤr war

Ihr leben/ itzt/ daß ſie wo ſticken in gefahr

Und gar geſtorben ſeyn und nicht vernehmen koͤnnen

Der lebenden geſchrey und klaͤgliches beginnen;

Fuͤr allen ſeufftzete der fromm und treue Held

Eneas/ wenn er ihm den tod fuͤr augen ſtellt

Der tapffern Oberſten/ die mit ihm offtmals waren

Zu waſſer und zu land in mancherley gefahren

Und waͤren nun dahin: die rede nam ein end;

Da ſiehet Jupiter von ſeinem firmament/

Auffs
[16]Das Erſte Buch.
Auffs ſegelreiche meer/ auff haven land und ſeen/

Wie es mit ihnen ſey bewand/ und wie ſie ſtehen/

Bleibt auff der hoͤhe ſtill/ und richtet ſein geſicht

Auff Libyen allein/ und davon wendet nicht.

Als er nun dafuͤr ſorg in ſeinem hertzen traͤget/

Und ſich mit mancherley gedancken traurig ſchlaͤget/

Kommt Venus ſehr betruͤbt und hat die augen faſt

Geweinet aus fuͤr angſt und ihres hertzens laſt.

Die redet ihn ſo an: O hoͤchſter aller Goͤtter

Und menſchen Jupiter/ du einiger erretter/

Der du mit ewger macht regiereſt uͤberall/

Und boͤſe ſchrecken kanſt mit deinem donnerſtrahl;

Sag an/ was hat mein ſohn ſo groͤblich doch gehandelt/

Der richtig je und je fuͤr aller welt gewandelt?

Was hat das Troer volck fuͤr miſſethat und ſchuld/

Die ſo viel noht und tod getragen mit gedult?

Sol ihnen land und ſee des eingen welſchlands wegen

Verſperret ſeyn? Sol ſich dawider niemand regen?

Du haſt ja fuͤr gewiß und gleichſam zugeſagt/

Das dir verhoffentlich nicht reut/ noch mißbehagt;

Es wuͤrden aus dem ſtamm der Troer groſſe printzen

Einſt kommen/ die mit macht regierten die provintzen

Zu waſſer und zu land: wie kommſt du/ vater/ nun

Auff einen andern ſinn/ daß du das nicht wilſt thun?

Ich habe traun hierauff vertroͤſtet mein gemuͤthe

Als Troja unterging mit ſolchem ſturm und wuͤte/

Und hofft/ es wuͤrde je ein ander gluͤcksfall ſich

Nach dieſen ungeluͤck ereignen guͤtiglich.

Nun
[17]Das Erſte Buch.
Nun aber gehets/ wie zuvor/ den armen lenten/

Die doch gedruͤcket ſind von ſo viel grimmigkeiten

Des widrigen Geluͤcks. Wenn wird doch diß beſchwer

Erlangen ziel und maaß/ o groſſer Jupiter?

Antenor hat gekunt im mitten aus dem hauffen

Der Griechen kom̃en durch und ihrem grim̃ entlauffen:

Er kroch durchs Wentſche land/ kam ſicher tieff hinein

Ins reich Liburnien/ da Timav flieſſet rein/

Der wunderbare brunn/ der mit des berges brauſen

Wol durch neun quelle laufft mit ſeinem linden ſauſen

Und felder uͤberſchwemt: da doch Antenor hat

Gebauet Padua/ die weit beruͤhmte ſtadt/

Da er den voͤlckern hat von Troja raum gegeben

Zu wohnen ruhiglich/ den namen auch darneben/

Da hat er ſeinen helm und waffen auffgehenckt/

Die er von Troja bracht/ hernach dem Marti ſchenckt.

Nun iſt er beygeſetzt und ruht in gutem friede:

Wir aber dein geſchlecht/ die matt und und krieges muͤde/

Und denen du verſprichſt das ſchoͤne himmel ſchloß/

Sind dieſes ungeſtuͤmms und jammers noch nicht loß/

Wir werden (leider!) noch umb eines eingen zorren

Verderbet und zerſtreut/ daß unſer thun verworren

Und ſchier verlohren iſt: Man wil uns noch darzu

Von Welſchland treiben ab und laſſen keine ruh.

Hat froͤm̃igkeit nit mehr/ als daß ihr ſchimpff und ſchadẽ

Ertheilet wird zu lohn? Muß man ſie ſo beladen

Mit ſolchẽ drang und zwang? Iſt das des ſcepters macht

Zu deſſen recht du uns haſt wieder ein gebracht?

BDa
[18]Das Erſte Buch.
Da fienge Jupiter die Venus anzulachen

Mit ſolchem gnaden glantz/ womit er pflegt das krachen

Des himmels und der lufft zu laͤutern/ daß es klar

Und wieder helle wird/ geſtalt es vormals war.

Gibt ihr drauff einen kuß und redet ſolcher maſſen;

Gedencke liebes kind/ von ſolchem wahn zu laſſen;

Es bleibt dir unverruͤckt/ was dir der Goͤtter raht

Fuͤr gluͤck und wolergehn laͤngſt zu erkennet hat.

Du wirſt die ſchoͤne ſtadt Lavinium noch ſehen/

Wie ſie in hohem gluͤck und herrligkeit wird ſtehen/

Du wirſt den groſſen mann Eneas deinen ſohn

Erheben ans geſtirn und in den himmelthron.

Hier wird er (denn dir wil ich diß geheimnuͤs ſagen/

Daß Gott vorſehen hat/ weil du dich laͤſſeſt nagen

Von dieſer kuͤmmernuͤß) im land Italien

Wol fuͤhren ein krieg/ der ſchwer ſich laͤſt anſehn.

Doch wird er ſiegreich her ob ſeine feinde fahren/

Und die zerſchmeiſſen gar/ die uͤbermuͤhtig waren/

Wird bauen eine ſtadt den buͤrgern nach gebuͤhr

Zu fchuͤtzen ſie in ruh/ geſetze ſchreiben fuͤr/

Und wird das regiment drey Jahr ſo loͤblich fuͤhren/

Daß man wird uͤberall zucht/ maß und ordnung ſpuͤren:

Allein Aſcanius/ den man Julus nennt/

(Sonſt Ilus/ da noch ſtund das Ilſche regiment)

Wird dreyßig gantze jahr erfuͤllen in regieren/

Dann von Lavinium das regiment abfuͤhren/

Das er verſetzen wird nach Alba/ welche ſtadt

Er wird befeſtigen mit tugend/ witz und raht.

Da
[19]Das Erſte Buch.
Da wird das regiment dreyhundert jahr durch wehren

In der Trojaner ſtamm/ und herrlich ſich vermehren/

Bis eine koͤnigin die Ilia/ die ſonſt

Wird Sylvia genent/ geruͤhrt aus Martis brunſt

Wird Zwilling an das licht demſelbigen gebehren;

Darnach wird Romulus/ den eine woͤlffin nehren

Wird/ wie man meinen wil/ mit einer wolffes haut

Bekleidet dieſes volck/ das ihm iſt anvertraut

Als einein koͤnige/ auff nehmen und erbauen

Dich/ Rom/ du groſſe ſtadt/ an welcher man wird ſchauẽ

Pracht/ ehr und tugend glantz; und wird die Roͤmer dañ

So nennen nach der zier des namens/ den er an-

Von krafft und tugend-traͤgt: demſelben wil ich ſchreibẽ

Kein maß noch zeiten fuͤr; Sie moͤgen ewig bleiben

Und herrſchen ohne ziel bis an das end der welt;

Ja wol die Juno auch/ die ſich ſo herbe ſtellt/

Die nu das wilde meer/ die erde mit dem himmel

Erhebt/ bewegt und mengt mit unruh und getuͤmmel/

Wird eines beſſern ſich beſinnen und mit mir

Den Roͤmern halten ſchutz und mehren ihre zier/

Als die am beſten ſich der macht zu brauchen wiſſen/

Sind herren ihres reichs! des friedens auch befliſſen.

Das iſt/ was uns beliebt: Es wird noch eine zeit

Mit abfluß wenger jahr mit groſſer gluͤckligkeit

Erſcheinen/ da das volck der Troer wird bezwingen

Das gantze Griechenland/ und wird die fahne ſchwingẽ

Zu Argos/ da das haupt der ſtoltzen Griechen iſt:

Diß gluͤck iſt durch den ſchluß der Goͤtter euch erkieſt.

B 2Da
[20]Das Erſte Buch.
Da wird der Caͤſar her von ſchoͤnem ſtamm entſpringen

Der Troer/ ñd wird ihm ſein thun nach wunſch gelingẽ/

Daß ſich ſein regiment erſtrecken wird ans meer/

Und bis an das geſtirn ſein name ruhm und ehr.

Den wirſt du dermaleins/ weñ er nach ſchweren kriegen

Die er im Orient gefuͤhrt mit ſchoͤnen ſiegen/

Sich praͤchtig tragen wird/ in himmel holen ein/

Da wirſt du ohne ſorg und gutes muthes ſeyn.

Denn er wird bey der zunfft der groſſen Goͤtter ſchwebẽ/

Und werden ſterbliche/ wie andern/ ehr ihm geben:

Da wird/ weñ Auguſt koͤm̃t/ kein harter krieg mehr ſeyn/

Und wird ſich wiederuͤmb der friede ſtellen ein.

Es wird die alte treu/ der glaub und gute ſitten

Im ſchwange wieder gehn und bleiben wol gelitten;

Das alte Roͤmſche recht wird haben ſeinen lauff/

Und was zur wolfahrt dient/ wird wieder kommen auff.

Hingegen wird Auguſt mit loͤblichem exempel

Den langen krieg abthun und ſchlieſſen Janos tempel;

Da ligt mit feſſeln hart der Mars gebunden an/

Vnd bruͤllt mit blutgem ſchlund/ ſo laut er immer kan.

So ſaget Jupiter/ und ſchickt vom hohen Himmel

Mercur/ zu ſtillen bald das hefftige getuͤmmel/

Er ſolte thun befehl/ daß ihnen ohn gewalt

Den Troern offen ſteh zu ihrem auffenthalt

Das newe ſchloß Carthag/ das gantze land und haven/

Daß ſie nicht doͤrfften ſeyn/ gleich wie die armen ſclaven/

Und ſie die Dido nicht unwiſſend wies bewand

Mit dieſen volckern iſt/ vertrieb aus ihrem land.

Der
[21]Das Erſte Buch.
Der Goͤtter bothe ſchwingt ſein glaͤntzendes gefieder

Hindurch die weite lufft/ und laͤſſet ſich danieder

Im lande Libyen/ haͤlt deren orthen ſtill/

Und thut den Poenern kund/ was ſey der Goͤtter will/

Und ernſtlicher befehl. Drauff laſſen ſie ſtracks ſincken

Den uͤberſtoltzen muht/ und achten auff das wincken

Des groſſen Jupiters; Voraus die koͤnigin

Macht den Trojanern kund ihr guͤtig hertz und ſinn.

Eneas aber muß bald hier bald dort hin wancken/

Und ſchlaͤget ſich bey nacht mit mancherley gedancken:

So bald der tag bricht an/ da geht und forſchet er

Die neuen oͤrter aus/ in welches land er her-

Zu ſchiffe-kommen ſey: Er fragt ob menſchen drinnen

Sich ſeßhafft hielten auff (denn er ward deſſen innen

Daß es ſehr wuͤſte lag) that darauff eigentlich

Den mitgenoſſen kund/ wie es verhielte ſich.

Es war ein hoher felß/ darunter dicke hecken

Und baͤume wie ein Wald mit ſchatten kunten decken

Den Haven rings umbher: Am ſelben ort ließ er

Die ſchiffe ziehen ein und halten ſtill ſein heer;

Er aber gienge fort mit Achat dem getreuen.

Weil aber gleichwol war diß orts gefahr zu ſcheuen/

Trug er in jeder hand faſt einen langen ſpieß

Die mutter Venus ihm begegnend auff ihn ſtieß/

Verendert die perſon/ und traͤget wehr und waffen/

wie Sparta fraͤulein hat/ die gleich wie maͤnner ſchaffen

Und brauchen das gewehr: Ja wie in Thracien

Das weib Harpalice kunt in den waffen gehn

B 3Und
[22]Das Erſte Buch.
Uñ kaͤmpffẽ mit dem feind/ auch ſchnell durch hebron ſetzẽ

Mit unerhoͤrter eil und grimme thier verletzen:

So ſtellt die Venus ſich und traͤget nach gebrauch/

Wie eine jaͤgerin/ geſchoß und bogen auch

Laͤßt ihr ſchoͤn langes haar zerſtreut zu felde fliegen/

Geht bloß bis an die knye/ geguͤrt wie die/ ſo kriegen.

Holla! (hebt ſie ſtracks an) ſagt an ihr junge purſch/

Und gebet mir mit gunſt bericht/ wornach ich forſch:

Habt ihr geſehen eins von meinen fraͤuelinnen

Die ſich von mir verirrt/ ũd kraͤnckt mein hertz und ſinnẽ/

So zeiget mir ſie doch; Sie wahr ſo angethan/

Wie ihr auch ſeht/ und trug auch pfeil und koͤcher an:

Hat eine Luxhaut uͤmm: Vielleicht iſt ſie gelauffen

Nach einen wilden ſchwein/ dergleichen ſich mit hauffẽ

Diß ortes laſſen ſehn. Habt ihr nicht ein geſchrey

Vernommen/ daß ich weiß/ wo ſie hinkommen ſey?

Drauff ſagte Venus ſohn: Ich habe nicht vernommen/

Daß eine waͤre her von deinen ſchweſtern kommen.

Wie ſol ich/ jungfrau/ dich erheben nach gebuͤhr?

Du haſt nichts menſchliches noch ſterbliches an dir.

Du geheſt menſchen fuͤr an ſchoͤnen leibes gaben/

Kein menſch kan ſolche ſtimm/ die alſo ſchallet/ haben:

O traun nichts anders biſt als eine Goͤttin du/

Gehoͤrſt/ wo Febus nicht/ doch einer Nimfen zu.

Du ſeyeſt wer du wollſt/ ſey ſelig/ ſelig mache

Auch uns in unſerm thun und foͤrder unſre ſachen/

Bericht uns/ wo wir ſind an welchem end und ort

Des himmels/ daß wir doch bald weiter koͤnnen fort.

Wie
[23]Das Erſte Buch.
Wir ſchweben in der irr/ ſind beydes unerfahren

Der menſchen und des lands/ was wir fuͤr deſſen waren/

Sind (leider!) wir nicht mehr: wir haben auff dem meer

Erfahren ſturm und bruch und grauſames beſchwer.

Hier ziehen wir herumb/ und wiſſen nicht waß leiden

Uns moͤchte kuͤnfftig noch von Goͤttern ſeyn beſcheiden.

Drumb gib uns doch bericht: Wir wollen nach gebuͤhr

Viel opffer und gebaͤt dir danckbahr bringen fuͤr.

Drauff Venus/ zwar (ſagt ſie) acht ich mich ſolcher ehrẽ

Zu wenig/ ſo viel kan ich aber euch belehren/

Daß brauch und ſitte ſey im lande Tyrien/

Daß auch die Jungfraͤulein mit pfeil und bogen gehn/

Und tragen rohte ſchuh/ die ſie bis an die knyen/

Damit ſie ruͤſtig einhergehen/ koͤnnen ziehen.

Was deine frag anlangt/ ſiehſt du der Poener reich

Die Tyrier/ wie auch die ſtadt Carthag zugleich/

Doch grentzen Libyens: Ein volck von groben ſitten/

Bey dem noch ehrbarkeit/ noch tugend wird gelitten/

Und ſich nicht zwingen laͤßt. Die fuͤrſtin Dido hat/

Als ſie gezogen war aus ihrer Tyrer ſtadt/

Daſelbſt das regiment/ nach dem ſie muſte fliehen

Fuͤr ihrem bruder ſelbſt und ſeinem grimm entziehen

Ihr eignes wolergehn: die unbefuͤgte ſchmach/

Die ihr von dieſem dieb und wuͤterich geſchach/

Iſt zu erzehlen lang/ wenn man ſie wolle fuͤhren

Nach allen umbſtand aus. Drum wil ich nur beruͤhren

Das hauptwerck an ſich ſelbſt. Ihr ehgemahl genand

Sichaeus groß und reich in der Phoenicer land

B 4Durch
[24]Das Erſte Buch.
Durch deſſen lieb entzuͤnd ſie muſt erbaͤrmlich leben/

Dem hat ihr vater ſie noch unberuͤhrt gegeben

Und ſie mit ihm vermaͤhlt/ demnach er hier und da

Durch zeichen und gemerck der Goͤtter willen ſah.

Doch ſaß Pygmalion ihr bruder noch im reiche

Und hatte Tyrien; dem keiner je war gleiche

An liſt und tyranney: Er uͤbertraff ſie all

Aͤn buͤberey/ ſo viel ihr waren dazumal.

Auff eine zeit geſchicht/ daß ſie mißhaͤllig werden/

Da traͤgt er dieſem mann mit feindlichen gebaͤrden

Den haß und zorren nach/ wird uͤber das geblend

Von geitz nach ſeinem gut/ nach dem er breñt und rennt:

Da uͤberfaͤllt er ihn beim altar/ da er deſſen

Am minſten ſich verſah/ und alles war vergeſſen

Bey ihm/ ſioͤſſt ihm mit macht das eyſen hinterwerts

Und meuchleriſcher weiß (o grauſamkeit!) durchs hertz.

War unbekuͤmmert drumb/ daß ſeine ſchweſter lieben

Ihn wuͤrde nimmermehr/ die er ſo kunt betruͤben;

Verheelt ihr lange noch die that der boͤſewicht

Mit mancher farb und ſchein daß ſies erfuͤhre nicht/

Wo er geblieben waͤr/ und ließ ihr eitles hoffen

Sein ſpiel und kurtzweil ſeyn/ bis endlich er betroffen

Inſeinem laſter ward. Als ſie ligt in der ruh/

Duͤnckt ſie/ ihr eh-herr koͤmmt entleibet auff ihr zu/

Und ſteht gantz bleich fuͤr ihr/ weiſt auff die blutge ſtelle/

Da er ihn hat ermordt der haͤmiſche geſelle/

Zeigt ſeine bloſe bruſt durch ſtochen mit dem ſchwerdt/

Und ſchafft/ daß ſie den grund von dieſer that erfaͤhrt.

denn
[25]Das Erſte Buch.
Denn er entdecket ihr die blinde bubenſtuͤcken/

Wie daß ihr bruder ihn mit untreu/ liſt und tuͤcken

Umbs leben habe bracht: Sie ſolte dieſer ſchand

Nur aus dem wege gehn aus ihrem vaterland.

Damit ſie aber mag zu ihrer reiſe haben

Das zehrgeld/ macht er kund/ wo enden tieff vergraben

Die alten ſchaͤtze ſind/ ſo eine monge gold

Und ſilber/ daß man ſich daruͤber wundern ſolt/

Und niemand hats gewuſt: dadurch laͤſt ſich bewegen

Die Dido/ macht ſich auff/ es hebt ſich anzuregen

Der gantze hoff nnd ſtadt/ ſie fodert ihre leut

Ohn alle ſaͤumnuͤß auff/ ſie ſtellen ſich bereit;

Beſonders die zu ihm den wuͤtrich feindſchafft tragen/

Von dem ſie ſind verletzt/ und andre/ welche zagen

Und ſchnoͤde fuͤrchten ihn: was einer fuͤr ein ſchiff/

Das in Bereitſchafft da ſtund ohn gefehr/ ergriff/

Beladen ſie mit gold: da faͤhrt man mit den ſchaͤtzen/

Worauff Pygmalion der geitzhalß dorffte ſetzen

Sein ſchnoͤdes hoffnungs ziel/ durchs wilde meer dahin;

Und dieſes kuͤhnen zugs iſt ein weib fuͤhrerin.

Sie waren kommen an/ wo ſich Carthago zeiget/

Und dero neues ſchloß hoch in die luͤffte ſteiget;

Da kaufft man einen grund/ der Byrſa wird genandt

Von einer ochſen haut/ damits ſo war bewand:

Als Dido war ins land der Libyer gekommen/

Und/ daß ein koͤnig da regierete/ vernommen/

Der ſie nicht leiden wolt in ſeiner burg und ſtadt/

Gedencket ſie mit liſt auff eine kuͤhne that:

B 5Sie
[26]Das Erſte Buch.
Sie ſucht ihn bittlich an/ er wol ihr eine ſtelle

Verkauffen/ welche man mit einmochſen felle

Begreiffen koͤnte nur. Der koͤnig ſtellt ihrs frey.

Da ſchneidet ſie das fell in kleine ſtuͤck entzwey/

Und nimmt ſich einen raum faſt auff ſechs welſche meilẽ/

Da laͤßt ſie weit und breit die ſtuͤckelein vertheilen/

Und baut ſich eine ſtadt in eil und kurtzer friſt/

Die nun/ geſtalt ihr ſeht/ ſehr groß und volckreich iſt.

Sagt aber/ wer ſeyd ihr? Von wannen ſeyd ihr kommen?

Und wo gedenckt ihr hin? Sie hattens kaum vernom̃en/

Da ſeufftzt Eneas tieff und hebt ſo traurig an/

Daß er auff ihre frag kaum antwort geben kan:

O Goͤttin/ ſollt ich dir mein elend ohn perheelen

Von erſten anfang her der laͤnge nach erzehlen/

Und du dir nehmen koͤntſt die weile/ meine muͤh

Und noht zu hoͤren an/ die ich ſo ſpat/ ſo fruͤh

Zu waſſer und zu land mit tauſend hertz beſchwerden

Gelitten und beſeufftzt/ wuͤrds eher abend werden:

Wir ſind von Troja her (ſo anders euch diß land

Zu ohren kommen iſt und namen iſt bekant)

Nach dem wir aber ſeind durch manches meer gezogen/

Getrieben hin und her vom wind und waſſerwogen/

Hat uns von ohngefehr ein ſturm in Libyen

Verſchlagen/ daß wir da geſtrand und ſtille ſtehn.

Im fall du aber fragſt nach mir und meinen namen/

Bin ich Eneas/ der gezeugt aus Goͤtter ſaamen

Und koͤniglichen ſtamm/ der fromme ſonſt genand/

Weil meinen vater ich getragen aus dem brand

Auff
[27]Das Erſte Buch.
Auff dieſen achſeln hab/ und fuͤhre meine Goͤtter

Und heilgẽ gottesdienſt durch manchen feind und wetter

Mit meinem ſchiffheer mit: Bin uͤberall bekand

Ohn allein ſchnoͤden ruhm zu waſſer und zu land.

Ich ſuch Italien zu meiner ruh und friede

Als neues vaterland; Des krieges bin ich muͤde/

Es ruͤhret mein geſchlecht von groſſen Jupiter;

Mit zwantzig ſchiffen bin ich durch der Troer meer

Gefahren in geleit der mutter Cythereen/

Damit ich meinem gluͤck/ darzu ich bin vorſehen

Nach goͤttlichen befehl/ auch ſolte gehen nach/

Und laſſen fahren hin erlittnes ungemach.

Kaum aber hab ich noch von ſchiffen etwan ſieben/

Die mir nach bruch und ſturm vom meer ſind uͤberbliebẽ/

Jedoch zerſchellet und zerriſſen von der fluht/

Bin gleichſam unbekand/ entbloͤßt am muht und gut.

Ich muß mit manchem ſchweiff durch wuͤſteneyen irren

Im lande Libyen und meinen ſinn verwirren/

Der nicht ſein ſelber iſt. Europa jaget mich/

Und Aſien verſagt mir herbeꝛg haͤrtiglich.

Er haͤtte klagen mehr geſchuͤttet aus dem hertzen:

Die Venus aber fiel immitten ſolcher ſchmertzen

Ihm in das wort und ſprach: du magſt ſeyn wer du biſt!

Weiß ich/ daß Jupiter auff dich nicht zornig iſt.

Vielmehr halt ich dafuͤr/ daß dir die Goͤtter goͤnnen

Die allgemeine lufft/ der du haſt kommen koͤnnen

Biß nach Carthago hin. Zeuch nur/ zeuch immer hin

Zur koͤnigin pallaſt mit unerſchrocknem ſinn.

Denn
[28]Das Erſte Buch.
Denn dir ſey hiemit kund/ daß deine reiſgeſellen

Sich werden wieder ein/ mit ſampt den ſchiffen ſtellen/

Ja ſchon vorhanden ſind und bracht in ſicherheit/

Nach dem itzt auffgehoͤrt der winde grimmigkeit.

Es wehre denn umbſonſt die kunſt zu propheceyen/

Die man gelehret aus der voͤgel flug und ſchreyen;

Schau: wie der ſchwaͤnẽ zwoͤlff in luͤfften ſchwingẽ ſich/

Und mit gewohntem flug ſich uͤben freudiglich.

Schau! wie der adler ſie am offenbaren himmel

Aufftreibt und ſie verſtoͤrt mit gehlingen getuͤmmel;

Itzt fliegen ſie herab in langer reyh und zahl

Zur erd/ und ſcheinen dranzu reichen allzumal.

Wie ſpielen ſie ſo ſchoͤn mit rauſchendem gefluͤgel/

Wie ſchwingen ſie ſich hin und her umb berg und huͤgel/

Und irren in der lufft mit lieblichem geſang/

Ja oder was es ſey mit angenehmen klang.

So dencke/ daß es ſey bewand mit deinen ſchiffen

Und junger manſchafft/ die entweder ſind begriffen

Im Haven/ oder doch mit gantzer ſegelsmacht

Im ſelbtem fahren an; Darumb ſey nur bedacht

Ohn ſaͤumnuͤß deinen weg gerade hin zu nehmen/

Und dich nicht weiter ſo zu kuͤmmern und zu graͤmen.

Mit dieſem wandt ſie ſich: da blickt an ihr herfuͤr

Wie eine ſchoͤne roß des nackens weiſe zier.

Auch ihre haare faſt wie ambra lieblich rochen:

Den rock ließ ſie hin ab ſo tieff bis an die knochen;

Da ſahe man ſie bald an ihrem gang und pracht

Fuͤr eine Goͤttin an und was ſey ihre macht.

Eneas/
[29]Das Erſte Buch.
Eneas/ da er ſie recht faͤhet an zu kennen

Und ſeine mutter ſieht/ folgt er mit fchnellem rennen

Derſelben hinden nach/ und ſchreyt aus voller kehl:

O grauſame/ warumb traͤgſt du doch deſſen heel?

Was fuͤhrſt du deinen ſohn mit faͤlſchlichen geſtalten

Und angemaſſten ſchein? wilſt du nicht bey mir halten?

Iſt denn zugeben uns die hand vergoͤnnet nicht/

Zu wechſelu wenig wort nach heiſchung unſrer pflicht?

So klagt er uͤber ſie. Drauff hub er ſich von hinnen

Zur koͤniglichen ſtadt und Didons hohen zinnen.

Sie waren itzo kaum den weg gegangen ein/

Umb gab ſie Venus ſtracks mit einem nebelſchein/

Daß keiner mochte ſie erblicken noch beruͤhren/

Noch ihnen hindernuͤß zu weg und ſtege fuͤhren/

Auch fragen nicht/ woher/ und wo ſie daͤchte hin/

Ja keinerley geſtalt betruͤben ihren ſinn.

Sie aber faͤhret fort mit pracht nach Paphos ſpitze/

Als ihrer alten ſtadt und koͤniglichem ſitze/

Sieht froͤlich wie es da zu ſtehet: denn allhier

Hat ſie ihr heyligthumb/ geraͤthe/ heer und zier.

Da raͤuchert man ihr ſuͤß mit weyrauch und mit kraͤntzẽ/

Da laͤßt ſie ihren ruhm und hoheit herrlich glaͤntzen:

Die Troer eilen fort/ wo ſie der weg traͤgt hin/

Sie ſteigen hoch hinauff bey eines huͤgels zinn/

Die hoch heruͤber ragt/ und gegen ſchloſſe liget.

Eneas ſieht ſich uͤmb/ ſo viel als ihm begnuͤget/

Das werck beduͤncket ihm ſo wunderbar/ als groß/

Wenn er bedenckt deu orth/ wie er ſo ſchlecht und bloß.

Fuͤr
[30]Das Erſte Buch.
Fuͤrweilen lag/ da wo nur hirten haͤuſer waren;

Er ſieht die pforten an/ daß aus/ und einherfahren/

Das maͤchtige geraͤuſch/ die ſtraſſen die man deckt

Mit pflaſterſteinen ſchoͤn/ da wird ſein ſinn erweckt

Zu lauter wunderung: Sie ſtehen all und ſchauen

Wie ſich die Tyrier bemuͤhen hoch zu bauen

Die mauren rings uͤmbher/ und wie ſie ruhig ſeyn

Zu bauen auff das ſchloß. Ein theil die tragen ſtein/

Ein theil ſteht aus den ort zum ſchloſſe/ den ſie meſſen

Mit einem pflug ſchaar ab/ wie braͤuchlich war fuͤr deßẽ/

Sie richten ſchulen an/ da man die rechte lehrt/

Auch haͤuſer/ da man wehlt dẽ raht/ der ſchuͤtzt und wehrt.

Von andern werden hier zur kauffmanſchafft gegraben

Die haven/ daß man hier und dort kan nahrung haben;

Es werden auch zur luſt gerichtet buͤhnen an

Mit groſſer koſtbarkeit/ darauff man ſpielen kan.

Da werden felſen außgehauen zu den Seulen/

Die man von bergen her muß fuͤhren etlich meilen

Zu hoher zier und pracht der ſchanſpiel/ die man wird

Einſt halten/ wenn die ſtadt iſt fertig und geziert.

Gleich wie zur fruͤhlings zeit/ wẽn feld und waͤlder gruͤnẽ/

Und wieſen luſtig ſtehn/ die unverdroſſnen bienen/

Die zu dem honigworck bey hartem ſonnen ſchein

Mit ſteter muͤh und fleiß ſich uͤben ruͤſtig fein;

In dem ſie ziehen auff ihr edeles geſchlechte

Die honig voͤgelein und tragen fein zu rechte

Das ſuͤſſe honigſeim/ man ſieht ſie bringen ein

Mit hauffen ihr gewirck in ihre kaͤmmerlein.

Ein
[31]Das Erſte Buch.
Ein theil das laͤdet ab/ ein theil bringt zu getragen/

Bald muͤſſen ſie ſich mit den fanlen hummeln ſchlagen/

Da ſchlieſſen ſie ſich dicht in ſchoͤner ordnung ein/

Wie eine ſchlacht/ und heer im felde pflegt zu ſeyn.

Wenn nun die hummeln ſie zu zorn und grim̃ erwecken/

Dann treiben ſie ſie weg von ihren bienen ſtoͤcken;

Da gehet wieder an die arbeit/ daß es raucht/

Und jeder nach gebuͤhr ſich ſeines ampts gebraucht.

So iſts mit dieſem bau der neuen ſtadt beſchaffen:

Ein jeder thut und fuͤhrt ſein arbeit zeug und waffen

Zur wollfahrt in gemein: Da fuͤhr Eneas fort:

O ſelig preiß ich euch/ als denen dieſer ort

Zu ſolcher kommligkeit gereichet und erſprieſſet/

Daß ihr baut eine ſtadt/ in welcher ihr genieſſet/

Den wandel fried und ruh. Mit wunder er auch ſchaut/

Wenn er den giebel ſicht der ſtadt ſo hoch gebaut.

Es ſteiget wieder ab/ und miſcht ſich unterm hauffen

Es ſieht ihn keiner/ weil ſie durch einander lauffen:

Denn weil er annoch iſt mit einem nebel an-

Gezogen wunderlich/ ihn keiner kennen kan.

Es iſt in dieſer ſtadt ein heilger wald gelegen/

An ſchatten reich und groß/ ſehr luſtig allerwegen/

Da/ als die Poener ſind im ungeſtuͤmmen meer

Von winden uͤberſtrebt gekommen erſtlich her/

Sie einen pferdekopff am ſelben orte haben

Auff Juno winck und raht zum zeichen aus gegraben/

Mit meldung/ dieſes volck wuͤrd immer fuͤr und fuͤr

Behertzt und ſiegreich ſeyn mit ſchoͤnem ruhm und zier.

Die
[32]Das Erſte Buch.
Die Dido aber ließ der Juno zum exempel

Der heilgen ehr und pracht da bauen einen tempel;

Der war ſehr groß und ſchoͤn/ an gaben reich/ an macht

Und hoher majeſtaͤt der Goͤtter gleich geacht.

Die ſtuffen waren ertz/ darauff man muſte ſteigen/

Von ertz auch kunte man die ſchoͤnen balcken zeigen/

Die thuͤren knarreten von ertz: In dieſem wald

Hat unvermuhtet ſich ereignet die geſtalt/

Die ſorg und kuͤmmer nuß vom hertzen kunte jagen.

Hier hat Eneas erſt ſich kuͤhnlich doͤrffen wagen

Zu hoffen ſein geluͤck mit guter zuverſicht/

Da er in ſeiner noht faſt hatte hoffnung nicht/

Denn da er wartend auff die koͤnigin faſt alles

Im tempel ſchauet an/ und wahrnimt gleichesfalles

Das gluͤck und wolergehn der ſtadt/ und hefftiglich

Ob ihren ſchoͤnen fleiß der kuͤnſtler wundert ſich;

Sieht er auch ohn gefehr in ſchoͤner Otdnung ſtehen

Die ſchlachten/ welche juͤngſt vor Troja ſind geſchehen/

Ja den ſo langen krieg/ der weit und breit bekand/

Wo man nur koͤmmet hin zu waſſer und zu land.

Er ſtehet ſtill und ſieht mit weinen die gebruͤder

Den Agamemnon und Menelnas/ die wieder

Sein Troja zogen aus: Er ſieht den Priamus/

Und endlich den Achill/ der wider beyde goß

Den grimmen zorren aus. Was kan (ſagt er) auff erden

Achat/ mein freund/ wol fuͤr ein land gefunden werden

Das nicht erfuͤllet iſt von unſrer m̃uͤh und leid?

Schau! hier ſteht Priamus. Man ſieht/ daß redligkeit

Auch
[33]Das Erſte Buch.
Auch hieꝛ tꝛaͤgt lob ũn ſchmuck und tugend wiꝛd gezieꝛet:

Deßgleichen werden hier die thraͤnen auch geſpuͤret

In noht und ungeluͤck/ und daß/ was leid gebiehrt/

Das hertz der ſterblichen mit beyleid auch beruͤhrt.

Laß fahren ſchnoͤde furcht bey dieſen herben dingen.

Es wird uns diß geſchrey noch heil und wolfahrt bringẽ;

So ſagt er: Und in dem er immer ſahe hin

Auff dieſes bilderwerck/ ergetzt er ſeinen ſinn/

Wie wol mit leerer luſt/ ließ manchen ſeufftzer fahren;

Sein augen/ wie ein quell/ offt voller thraͤnen waren;

Denn er betrachtete das ein- und ander heer/

Da nemblich itzt bald dis/ bald jenes litt beſchwer;

Wie ſie uͤmb Troja ſich ſo jagten hin und wieder

Wie bald die Phrygier die Griechen legten nieder/

Bald dieſe lagen ob/ und ſiegten jenen an/

Als ſelbſt Achill herbey kam gehling auff den plan

Mit ſeinem ſtreit geſchirr und ſichel-ſcharffen wagen/

Sah auch nicht fern/ wie ſchoͤn des Rheſens zelte lagen

So weiß faſt als der ſchnee; Er weint und traͤget ſcheu/

Wenn er bey ſich beſinnt/ mit was verraͤtherey

Der grimme Diomed bey nacht kam hergefahren/

Da beydes roß und mann im erſten ſchlaffe waren;

Wie ſchrecklich wuͤtet er mit ſtechen/ raub und mord!

Er trieb die ſchoͤnſten roß mit ſich ins lager fort/

Ehe ſie ſich im gefild zu Troja ſolten weiden/

Und trincken aus dem Xanth/ der ihnen nicht beſcheiden

In ſpruch der goͤtter war: Die andre ſeite wieß/

Wie Trojlus riß aus/ und ſeine waffen ließ.

CDas
[34]Das Erſte Buch.
Das junge kuͤhne blut/ unſelig doch zu nennen/

Weil er den held Achill noch nicht recht kunte kennen/

Mit dem er dorffte gehn in ſo ungleichen ſtreit.

Schaut! wie er faͤllt herab vom wagen/ der ihn weit

Beim haar und nacken ſchleifft faſt uͤber berg und huͤgell

Und fuͤhret gleichwol noch mit einer hand den zuͤgel/

Der ſpieß ſtickt noch in ihm/ dẽ ſchleppt er durch dẽ ſandt/

In welchen noch die ſpur und ſtriche ſtehn bekandt.

Immitrelſt ſahe man/ wie die Trojanerinnen

Mit gantz zerſtreutem haar und hoch betruͤbten Sinnẽ

In langen ſchauben her zum Tempel zogen hin

Der Pallas/ traurende mit toller art und ſinn.

Sie ſchlugen auff die bruſt/ ſie riſſen aus die haare/

Sie giengen ungeſtalt in ehrbarem talare/

Und kratzten das geſicht mit naͤgeln grimmiglich/

Daher die Goͤttin auch von ihnen wandte ſich.

Sie giengen weiter fort zu ſehn und wurden innen/

Wie Thetis ſohn Achill mit wuͤtendem beginnen

des Hectors leichnam ſchleppt dreymal um Troẽs ſtadt/

Da er doch allbereit ihn uͤberwunden hat/

Und muſte Priamus/ den man das haar ſah rauffen/

Mit groſſer ſumma gold den leichnam an ſich kauffen:

Als nun Eneas wahr nahm alles eigentlich

Kleidt/ wagen/ freund und leib/ und wie der koͤnig ſich

So jaͤmmerlich gehub/ wie er die haͤnd ohn waffen

Weit von einander ſtreckt/ und nichtes knnte ſchaffen;

Da ſeufftzet er vom grund des hertzens inniglich/

Geht fuͤrbas zum gemaͤhld und taffeln/ wendend ſich:

Da
[35]Das Erſte Buch.
Da findet er ſich auch im mitten bey den fuͤrſten/

Des tapffern Griechenlands/ die mit begierde duͤrſten

nach edlẽ krieges ruhm in zweykampff/ ſchlacht uñ ſtreit;

Er ſieht ſich weiter uͤmb/ da ſtehen auch bereit

Die heer aus Morgenland/ des Mohren koͤnigs waffen/

Der offt den Griechen hat gegeben viel zu ſchaffen:

Zuletzt betrachtet er die tapffre koͤnigin

Pentheſilea/ wie ſie traͤget ihren ſinn

Mit brennender begier zum krieg und triumphieren/

Und unter tauſenden laͤßt ihre tugend ſpuͤren:

Itzt freut er ſich zu ſehn/ wie ſie in ruͤſtung ſteht/

Und fuͤr das kuͤhne heer der Amazonen geht.

Itzt lobt er/ wenn ſie traͤgt den ſchild/ itzt wenn ſie fuͤhret

Den ſpieß mit ſolcher art/ daß man ein hertze ſpuͤret

Zu gehen an den ſtreit/ die abgebrennte bruſt/

Zu brauchen ihr geſchoß eutzuͤndet lauter luſt.

Am ſchoͤnſten ſtehts ihr an/ weñ ſie ſich ſchuͤrt und ruͤſtet/

Und ihr als heldin friſch in ſtreit zu ziehn geluͤſtet/

Daß ſie mit maͤnnern ſol ein hartes treffen thun/

Da kan ſie fuͤr begier der tugend nicht wol ruhn.

Als nun Eneas ſich in dieſ- und andern ſachen/

Daruͤber er erſtarrt/ laͤſt luſt und liebe machen/

Erhebet Dido ſich die ſchoͤne koͤnigin

In gleitſchafft groſſer ſchaar zu ihrem Tempel hin.

Wie/ wenn Diana haͤlt ihr feſt/ und aus ſpatzieret

Ans ufer Eurot hin/ auch etwan mit ſich fuͤhret

Der zarten nimpfen chor auff Cyuthus gruͤne hoͤh/

Darauff man ſieht mit luſt wald/ wieſen/ feld und ſee.

C 2Da-
[36]Das Erſte Buch.
Dahin verſammlen ſich die berg-einwohnerinnen

Und folgen haͤuffig nach/ daß man viel tauſend innen

An ſelbtem orte wird: Da laͤßt Diana ſich

Mit koͤcher und geſchoß gebrauchen ruͤſtiglich.

Den Nimfen wuͤndert ſelbſt ihr zierlich thun und laſſen/

Und daß ſie geben kan den ſachen weiſ und maſſen/

Geht hohen anſehns her und uͤber alle ragt/

Daß ihrer mutter auch Latonen dis behagt.

So trug ſich Dido auch mit zierlichem beginnen/

Durch ihre leute hin/ und kunte ſie gewinnen/

Sprach ihnen froͤlich zu/ hielt ſie zur arbeit an/

Daß dermaleins im reich waͤr alles wol gethan:

Damit ſie aber auch ein ſcheinbares exempel

Gericht zuhalten wieß/ erhebt ſie ſich im Tempel/

Und ſetzt ſich auff dem thron bey Juno heilgem bild/

Es ſtehet uͤmb ihr her ihr volck mit ſpieß und ſchild.

Sie hoͤret klagen an/ ſpricht recht/ vergleicht die parten/

Schreibt ihnen ſatzung fuͤr/ gebeut/ ſie ſollen warten

Ein jeder ſeines ampts/ theilt arbeit und beſchwer

Nach recht und billigkeit; Was aber ſonſt noch mehr

Durch urtheil und verſtand ſich laͤſſet nicht verrichten

Das nim̃t ſie fuͤꝛ duꝛchs loß/ wie bꝛaͤuchlich iſt/ zuſchlichtẽ.

Als nun dis gehet fuͤr/ ſieht man da kommen her

Antheus/ Sergeſt/ Cloanth und andre Troer mehr/

Die auff der blauen fluht von ungewitter waren

Verſchlagen/ daß ſie hin-wo anders muſten fahren.

Es ward ein groß gelauff/ Eneas und Achat

Erſtaunten/ ungewiß/ wie ſie auff ſchneller that

Sich
[37]Das Erſte Buch.
Sich ſolten ſchicken drein: Bald muͤſſen ſie ſich freuen

Begierig ſie zu ſehn/ bald muͤſſen ſie ſich ſcheuen

Zu heiſſen ſie willkomm. Weil aber ſie nicht grund

Der ſache haben noch/ und keinem worden kund/

Wer dieſes volck mag ſeyn; So halten ſie noch innen

Und bergen ihren raht/ biß ſie erfahren koͤnnen

Der ſachen rechten grund. Der nebel aber/ den

Die Venus uͤmb ſie zog/ bleibt wie zuvor/ noch ſtehn.

Derhalben forſchen ſie nach dieſer leute ſtande/

Wo ſie gekommen her? Von welchem ort und lande?

Wo ſie geſtrandet an? Was ihre werbung ſey?

Denn wie die ſage gieng/ und allgemein geſchrey/

So waͤren ſie geſampt geſchickt von allen ſchiffen

Zu klagen uͤber die/ ſo mit gewalt gegriffen

Nach ihrem zeug und heer: Sie baͤten fried und ruh/

Wie ſie den klaͤglich nach dem Tempel giengen zu.

Als nun die koͤnigin ſie lieſſe fuͤr ſich kommen/

Und ihꝛen machtbrieff nach gebrauch hat angenommen;

Fieng Ilioneus an ein man von redners zier

Und andern gaben groß und brachte dieſes fuͤr:

O weiſe koͤnigin/ der Jupiter gegeben

Zu bauen eine ſtadt in fried und ruh zu leben/

Und daß gerechtigkeit befoͤrdert alſo werd/

Damit der uͤbermuht nicht greiffe zu dem ſchwerdt/

Das ihr gegeben iſt/ die trotzigen zu ſtraffen;

Wir armes Troer volck; Die gleich den armẽ ſchaaffen

Geirret hin und her; Ja die ſo lange zeit

Geſtanden haben aus des meeres grimmigkeit;

C 3Er-
[38]Das Erſte Buch.
Erſuchen deine huld und majeſtaͤt nach ehren

In unterthaͤnigkeit/ du wolleſt gnaͤdigſt wehren

Den volckern deines lands/ und halten ſie vom ſtrand/

Auff daß ſie unſre ſchiff nicht ſtecken in den brand.

Sie wollen uns den paß auff allen ſeiten ſperren

Und ſonder allen fug uns arme leute zerren;

Verſchone/ lieber doch das friedſame geſchlecht/

Und laß erfahren uns dein weit beruͤhmtes recht.

Schau uns mit gnaden an und trage mit uns armen/

Die ohne das betruͤbt ein thaͤtiges erbarmen;

Wir ſind nicht kommen an zu ſetzen dieſes landt

In ſchaden und verderb mit rauben/ mordund brand;

Und wiederumb zu ſchiff bereichert weg zu fliehen:

Nein/ dieſes wollſt du dir nicht zugemuͤthe ziehen;

So grimmig ſind wir nicht/ kein ſolcher ubermuht/

Als die wir ſind beſiegt/ entzuͤndet unſer blut.

Es iſt ein ort/ der von den Griechen wird genennet

Das abend land/ das man noch heutigs tages kennet/

Und heiſt Italien/ ein gut und ſtreitbar land/

Das von Saturnus noch und Janos iſt bekand/

Das die Oenotrier bewohnet erſtlich haben:

Dahin wir unſern lauff gerichtet/ uns zulaben

Und etwas außzuruhn: Da faͤhret ploͤtzlich her

Ein ſtuꝛm umb heꝛbſtzeit gleich/ deꝛ haͤuffet mehꝛ uñ mehr

Die wellen/ die uns gar bis in die Syrten treiben/

Die man nicht mercken kan; Da muſten wir verbleiben.

Im mittelſt halten an die winde grimmiglich/

Das meer geſchwillet ſehr/ es tobt und hebet ſich/

Und
[39]Das Erſte Buch.
Und ſchmeiſt uns hier und da an klippen berg und ſteine/

Daß kaum noch etliche das leben und gebeine

Geſund davon gebracht: Da ſind wir an den ſtrand

Gekommen endlich an und dieſes euer land.

Wir aber wundern uns/ was doch die leute dencken/

Daß ſie uns doͤrſſen ſo mit ſolchem unfug kraͤncken.

Wo iſt ein land/ da man die herberge verſagt

Den frembdlingen und ſie von ſeinem hafen jagt?

Das iſt ja widers recht der voͤlcker/ ſchau/ wir kommen/

Und haben keinem was gethan noch abgenommen/

Da wil man wehren uns zu lagern an den ſtrand

Und werden ſehr bedraut mit rauben/ mord und brand.

Im fall man aber nun der menſchen ſtaͤrck und waffen

Veraͤchtlich halten wil/ als koͤnten ſie nichts ſchaffen;

So ſchaue man doch nur der Goͤtter zorn und rach/

Als die zwar langſam gehn/ doch allezeit ſind wach/

Und immer dencken dran/ wie einer hat gewandelt/

Hat jemand freventlieb und wider recht gehandelt/

So folgt ihn auff dem Fuß die ſtraffe furcht und hohn/

Die tugend aber traͤgt der Goͤtꝛer huld zu lohn.

Die Goͤtter hatten uns gegeben einen koͤnig/

Der hieß Eneas/ war ein mann/ der nicht zu wenig

Noch viel den ſachen that/ war fromm/ gerecht und klug/

Der auch an ſtreitbarkeit und raht den preiß wegtrug.

Imfall die Goͤtter nun den theuren man erhalten/

Wo fern er lebt/ und nicht den grimmigen gewalten

Des todes unten ligt/ ſo ſtehets noch zur zeit

Umb uns gefaͤhrlich nicht/ und ſagen ungeſcheut/

C 4D
[40]Das Erſte Buch.
Daß du/ o koͤnigin/ nicht werdeſt reue tragen/

Wenn du zu erſt uns wirſt mit allem wolbehagen

Mit vorſchub/ lieb und gunſt erſcheinen foͤrderlich;

Es wird Eneas ſelbſt gereitzt befleiſſen ſich

Die ihm erwieſne gunſt uud hoch geneigten willen

Zu tragen danckbar ab: Wo aber ers erfuͤllen

Nicht kan und lieget tod/ iſt uns Sicilien

Mit freundſchafft zugethan/ da heer und ſchiffe ſtehn.

Es lebt auch noch Aceſt von Troiſchem gebluͤte/

Ein mann von mitteln groß und tapfer von gemuͤhte;

Dahero koͤnnen wir/ wenns noht/ zu ſeiner zeit

Vergelten in der that erzeigte mildigkeit.

Derhalben bitten wir mit tieff gebognen knien/

Daß uns vergoͤnnet ſey an euer land zu ziehen/

Und eures Havens uns gebrauchen dergeſtalt/

Daß wir geſichert ſeyn fuͤr unfug und gewalt/

Und moͤgen holtz genung in eurem walde hauen/

Damit wir wiederumb die ſchiffe flick- und bauen/

Die ſehr zerſchellet ſind; Ob wir noch koͤnnen hin

Mit unbetruͤbtem ſchein des gluͤcks in Welſchland ziehn.

Wer weiß/ es moͤchte noch Eneas zu uns kommen

Und unſre reiſe-purſch/ von der man nichts vernom̃en;

So koͤnten wir als dann ins land Italien

Mit ſegel-ſchnellem heer und guten muhte gehn.

Solts aber ſeyn umb uns und unſer gluͤck geſchehen/

Daß wir/ o vater/ dich nicht ſollen wieder ſehen/

Weil du geblieben biſt in ſund der Libyer/

Und das auch nicht dein ſohn Julus lebet mehr;

So
[41]Das Erſte Buch.
So ſey uns wieder nach Sicilien zu fahren

Vergoͤnnet an den ort/ da wir willkommen waren

Und gute herberge noch finden beym Aceſt/

Der unſer lieber wirth vor dieſem iſt geweſt/

So ſagt Ilioneus. Die Troer aber ſtimmten

Ihm all einhaͤllig bey/ und ſich zugleich ergrimmten

In ihrem ſinn darob/ daß ſie der tolle hauff

Am ſtrande hindern wolt an ihrem thun und lauff;

Die Dido aber ließ mit zuͤchtigen gebaͤrden

Den Troern wiederumb die antwort kuͤrtzlich werden:

Und ſaget: Laſſet nur/ ihr guten leute ſeyn/

Was euch bekraͤncket noch/ ſtellt furcht und kummer ein.

Die harte noht zwingt mich/ daß ich muß volck und waffẽ

Bey neuen regiment an meinen Haven ſchaffen

Zu meines landes ſchutz. Sonſt wem iſt Troens land/

Und wannenher das volck der Troer/ nicht bekand;

Wir wiſſen dieſes wol/ wie auch ſo manche tugend

Der maͤnner und den muht der kriegs erfahrnen jugend/

Ja wie mit groſſem grimm der krieg gewuͤtet hat/

Daß ihr gekommen ſeyd umb euer land und ſtadt.

So gar barbariſch ſind wir Poener nicht zu ſchaͤtzen/

Daß wir entgegen euch die voͤlcker wolten hetzen;

Es iſt auch gegen uns ſo unmild Titan nicht/

Daß er von uns ſo weit entzogen ſein geſicht.

Es ſey nun/ daß ihr wolt nach Welſchland euch erheben/

Doch oder in das land Sicilien begeben/

Und euch da halten auff bey eurem wirth Aceſt/

Bey dem ihr/ wie ihr ſagt/ willkommen ſeyd geweſt;

C 5Wil
[42]Das Erſte Buch.
Wil ich mit huͤlff und ſchutz euch vorbegehrter maſſen

Mit reichung allerhand an nothdurfft ziehen laſſen/

Im fall ihr aber wolt euch alleſampt zugleich

Und haͤußlich ſetzen hier in dieſem meinem reich/

Mag euch auch dieſe ſtadt/ die ich bau/ ſtehen offen

Zu eurem ſchutz und nutz nach guten wunſch und hoffen

Gebrauchet deren euch/ zieht eure ſchiff heran

Und nehret euch in ruh und friede/ wie man kan.

Ich wil das regiment gleich uͤber beyde fuͤhren/

Und ſollen Tyrier ſo wol/ als Troer/ ſpuͤren/

Daß ich ohn unterſcheid und anſehn der perſon

Im lande halte recht und trage meine kꝛon.

Ich moͤchte wuͤnſchen auch/ daß ſelbſt der koͤnig kaͤme

Mit gleichem guten wind und ſeine zuflucht naͤhme

Zu uns und dieſem ort. Zwar wil ich weit und breit

Im Haven ordnen ab getreu und gute leut/

Daß ſie gantz Libyen durchforſchen beſter maſſen/

Wo ſich hab euer fuͤrſt Eneas doch gelaſſen/

Ob er verirret ſich in einer wuͤſteney

Wo nicht/ in einer ſtadt wo angekommen ſey.

Als von der koͤnigin ſie dieſe wort vernahmen/

Alßbald Eneas und Achat den muht bekamen/

Und wolten aus der wolck itzt brechen ſchon herfuͤr/

Weil ſie ſich kund zuthun an regte die begier.

Da ſprach Achates an Eneam ſolcher maſſen?

O Venus lieber ſohn/ wie wird ſichs hier thun laſſen?

Wie biſt du nun geſinnt? du ſiehſt/ und wirſt gewahr/

Daß unſre ſchiff und purſch ſtehn ſicher/ ohn gefahr.

Der
[43]Das Erſte Buch.
Der ein Orontes fehlt/ den wir geſehen haben

Im meer zu grunde gehn: Wo er nun unbegraben

Mag ligẽ/ weiß man nicht: Sonſt was die Venus hat

Vorher geſagt/ weiſt ſich aus alles in der that.

Kaum hat er aus geredt/ da ſieht man/ wie ſo ſchnelle

Der nebel ſich vertheilt und wird gantz klar und helle

In heitre lufft verkehrt. Eneas bleibet ſtehn/

Da kan man ihn alsbald im klaren lichte ſehn/

An ſchultern/ mund und ſtirn den Goͤttern zuvergleichẽ/

Fuͤr dem die ſchoͤnheit ſelbſt/ die irrdiſch iſt/ muß weichẽ:

Denn Venus hatte ſelbſt/ die ſeine mutter war

Gegeben ihm zur zier ein goldgeſtrahltes haar/

Ein roͤßlicht angeſicht und purpur rothe wangen

Der jugend glantz und zier/ und augen/ welche prangen

In lauter froͤligkeit mit hohem anſehns ſchein/

Daß etwas goͤttliches darinnen ſchien zu ſeyn.

Ja oder wie die hand des kuͤnſtlers trefflich mehret

Die zier des helffenbeins: Wie ſilber wird geehret

Und ſchoͤnes anſehn traͤgt/ wenn rothes gold darbey.

Drauff trat er naͤher hin und redet ohne ſcheu

Die koͤnigin ſtracks an/ eh ſeiner man vernommen:

Hier ſteh Eneas/ ich/ der neulich angekommen

Den ihr ſo aͤmbſig ſucht. Mich hat des hoͤchſten hand

Erloͤſet von dem meer und bracht in dieſes land.

Wie ſol ich/ Dido/ nun dein herrlich lob vermelden/

Die du nach eigenſchafft und tugend rechter helden

Traͤgſt beyleyd/ uͤbeſt lieb erzeigeſt gunſt und ehr

Uns/ als dem uͤberreſt der grimmen Danaer/

Die
[44]Das Erſte Buch.
Die du/ nach dem wir ſind zu waſſer und zu lande

Gejaget umb und umb mit jaͤmmerlichen ſtande/

An allen mitteln bloß/ nimmſt auff in deine ſtadt/

Und treulich unſer pflegſt mit nothutfft/ huͤlff und raht.

Wir koͤnnen dir zwar danck fuͤr ſolche wolthat ſagen/

Nicht aber koͤnnen wir im wercke ſie abtragen/

So viel auch derer ſind/ die aller enden her

Von Troja irren umb zerſtreut zu land und meer/

Ja durch die gantze welt. wir koͤnnens nicht verſchulden/

Es ſtehet einig zu der obermacht und hulden

Den Goͤttern/ welche dir/ im fall ſie ſehen an/

Wenn von den frommen wird ein gutes werck gethan/

Und irgend recht wo iſt die tugend zu belohnen/

Und fromme ſterbliche des boͤſen zuverſchonen/

Fuͤr das/ was du uns haſt erzeigt in boͤſer zeit/

Vergelten wiederuͤmb nach ihrer moͤgenheit.

Wie ſelig iſt die zeit/ wie froͤlich ſiud die ſtunden/

Die du noch haſt erlebt/ darinne du gefunden

So koͤniglich geluͤck/ das dich der gantzen welt

Zum liecht der tugend hat und ſpiegel fuͤrgeſtellt:

Wie groß muß ſeyn geweſt/ der dich gezeugt/ erkohren

Zu ſeiner freude hat/ und die dich hat gebohren

Zur welt mit ſolchem gluͤck und ſolcher gaben pracht/

Die dich mit ewgem ruhm zu einer Goͤttin macht.

Wie lange ſich die ſtroͤm ins groſſe meer ergieſſen/

Wie lange vom gebirg die ſchatten abwerts ſchieſſen/

Wie lange das geſtirn am himmel wird regiert/

So lange ſol dein lob auch werden auffgefuͤhrt

Durch
[45]Das Erſte Buch.
Durch meinen treuen fleiß. An welchem ort der erden

Ich immer werde ſeyn und angetroffen werden/

Da wil ich fuͤr und fuͤr dein unvergeſſen ſeyn/

Und dir zum ewgen ruhm ein denckmal ſchreiben ein.

Nach dieſem bot er dar zum zeugnuͤß warer treue

Den oberſten die hand/ ſie faſſend nach der reyhe.

Da war Ilioneus/ Gyas/ Sergeſt/ Cloanth

Als die ihm ſtunden bey in fahr und ungluͤcks ſtand.

Als Dido ihn nun ſah/ wurd ſie darob beweget

Und erſt die gunſt bey ihr entgegen ihm ſich reget.

Hernach erſchrack ſie ſehr/ als ſie von ſeinem gram/

Von ſchwerem unfall/ noht und faͤhrligkeit vernam.

Wie biſtu (ſagte ſie) in ſolche noht gekommen/

Eneas/ der du haſt von Goͤttern hergenommen

Dein ankunfft und geſchlecht? was fuͤꝛ ein-ungluͤcks gꝛim̃

Hat uͤber dich gefuͤhrt ein ſolches ungeſtuͤmm?

Biſtu Eneas/ dem Anchiſes hat erkohren/

Den Venus bey dem ſtrom Simois hat geboren?

Zwar wenn ich mich beſinn/ befind ich eigentlich/

Daß Teucer kommen iſt nach Sidon/ da er ſich/

Als er vertrieben war aus ſeinem vaterlande/

Muſt eilends wenden weg. Ob er auff frembden ſande

Haͤtt beſſerm fug und gluͤck/ warb umb ein neues reich

Vermittelſt Belus huͤlff/ als dieſer damals gleich

Die Inſul Cypern/ die ſchoͤn fruchtbar/ wuͤſte machte/

Und ſie als ſieger/ ihm gewaltig unterbrachte:

Stracks nach derſelben zeit iſt mir bericht geſchehn

Von Troja untergang/ und wie ſie itzt mag ſtehn.

Da
[46]Das Erſte Buch.
Da hab ich auch gehoͤrt von deinen namen melden/

Und was aus Griechenland gekommen ſind fuͤr helden;

Der feind hat ſelber auch ein ſonderbahres lob

Den Troern zu gelegt und ſich erfreut darob/

Darzu gewuͤnſcht daß er von Troern waͤr entſproſſen/

Und haͤtte dieſes ſtamms ſo ruͤhmlich auch genoſſen.

Derhalben bitt ich euch/ ihr tapffern juͤngeling/

Spatziert mit mir herein wie niedrig und gering

Mein loſament auch ſey. Ich hab auch faſt ſo eben

Auff offenbarer ſee mit aͤngſten muͤſſen ſchweben/

Bis mich mein gluͤck auch hat in dieſes land verſetzt/

Und nach erſtandner noht nun wiederumb ergetzt.

Weil ich viel ungeluͤck und truͤbſal hab empfunden/

Weiß ich auch/ wie es iſt bewandt mit ſolchen wunden;

Drumb lern ich wie ich ſol den armen ſpringen bey/

Damit es ihnen nuͤtz- und heil erſprießlich fey.

Als ſie nun dis geſpraͤch gantz treu geſinnter maſſen

Mit anerbietigkeit zu dienen hoͤren laſſen/

Fuͤhrt ſie Eneen mit ins koͤnigliche ſchloß/

Damit ſie ihn von ſorg und kummer mache loß;

Laͤßt ruffen aus zuzleich ein heilges feſt zu ehren

Den Goͤttern und die zier des Tempels zuvermehren:

Nicht minder ſchicket ſie der purſche beim geſtad

Was ſie an ochſen/ ſchwein- und laͤmmern uͤbrig hat.

Von jenen zwantzig nur/ von andern hundert ſtuͤcken/

Von dieſen gleich ſo viel/ laͤſt ihnen wein auch ſchicken

Zur gab und froͤligkeit des tages/ den man ſoll

Begehn mit heilgem wunſch und neuer freude voll.

Da
[47]Das Erſte Buch.
Da ſie nun in pallaſt immittelſt kommen gangen/

Wird mitten auff dem ſaal mit koͤniglichen prangen

Ein mahl gerichtet zu. Die decken ſind geſtuͤckt

Mit gold und edelſtein/ wie alles ſich nur ſchickt.

Die purpurfarbne pracht blitzt voller guͤldnen ſtrahlen/

Man traͤget groſſe laſt an ſilberwerck/ an ſchalen

An kann- und ſchuͤſſeln auff: Hierbey ſieht man pocal

Aus rothem golde ſtehn in ungezaͤhlter zahl

Die kuͤnſtlich ſind gemacht/ auff welchẽ ſchild und fahnẽ!

Die namen und der ruhm der weitberuͤhmten Ahnen

Geſtochen artig ſind. Der thaten reyh geht weit/

Wenn man fuͤhrt her den ſtam̃ von urſprung alter zeit.

Eneas aber ſchickt in ſchneller eyl Achaten/

Der ihm ſtets ſtunde bey mit dienſte/ raht und thaten

In Haven/ da das heer und ſchiffe lagen noch/

Er moͤchte ſeinen ſohn Aſcan berichten doch/

(Denn er kunt laͤnger nicht das vaterhertze zwingen)

Wie es beſchaffen ſey mit vorerzaͤhlten dingen/

Und ſolt ihn bringen mit ohn ſaͤumnuͤß in die ſtadt.

Der liebe vater nur fuͤr Aſcan ſorge hat.

Er ließ ihm uͤber das auch bringen ſchoͤne gaben/

Die man von langem krieg noch uͤbrig kundte haben;

Als einen guͤldnen rock mit wappen ſchoͤn geziert/

Und ein geſticktes kleid mit golde ſchamorirt.

Denn dieſes war der ſchmuck und zierrath der Helenen

Der frau aus Griechenland/ den ſie dort von Mycenen

Und Sparta mit ſich bracht/ als ſie nach Troja kam/

Und wider Gott und recht den ſchaͤffer Paris nam.

Die
[48]Das Erſte Buch.
Die mutter Leda hat ihr aber dieſe ſachen

Geſchencket/ die ſie ſchoͤn und kuͤnſtlich kunte machen/

Daß einen wunder nam: Ein ſcepter/ perlenband

Und krone war dabey verſetzt mit allerhand

Geſteine koſtbarlich. Die ſachen trug fuͤr weilen

Die tochter Priami: Achates wil mit eilen

Verrichten daß geſchaͤfft; Zeucht nach den ſchiffen hin.

Die Venus aber ſpunn in ihrem ſchlauen ſinn

Ein neues fuͤndelein mit unerhoͤrten tuͤcken/

Damit ſie moͤchte nur die koͤnigin beruͤcken.

Sie laͤſſet ihrem ſohn den kleinen boͤſewicht

Verendern die geſtalt/ habit und angeſicht/

Daß er Aſcan ſieht gleich/ uud kaͤme hin gegangen

Damit die koͤnigin die flamme koͤnte fangen

Durch ſeine ſchmeicheley und ſchoͤner gaben pracht/

Da ſie ohn das empfund die ſtarcke liebesmacht.

Diß aber wars/ warumb die Venus hierauff ſanne/

Weil ſie wol wuſte/ daß ihr dieſes volck nichts ganne:

Derhalben traͤgt ſie ſorg und ſcheu fuͤr diß geſchlecht/

Als dem ſie nimmermehr vertrauen kunte richt.

Wie auch die Tyrier es nicht gut mit ihr meinen/

Die immer gegen ſie zweyzuͤng- und liſtig ſcheinen:

Am meiſten kraͤncket ſie der Juno bittrer neid/

Der ihr koͤmmt immer fuͤr des nachts mit ſorg und leid

Derhalben ſpricht ſie an den Amor: Lieber knabe/

Mein vielgeliebter ſohn/ an dem ich alles habe

Was ich vermag und bin: Du meine krafft allein/

Der du in gleichen kanſt mein ruhm und ſtaͤrcke ſeyn:

Der
[49]Das Erſte Buch.
Der du auch biſt ein ſohn des Gottes aller Goͤtter

Des groſſen Jupiters/ der unſer ſchutz und retter/

Der du den Typhoeus mit allem dem geſchoß/

Das er gen himmel wurff mit grim̃/ nicht achteſt groß.

Ich fliehe nur zu dir/ Ich ruffe dein vermoͤgen

Zu meiner huͤlff und wuntſch; Du ſieheſt aller wegen/

Und iſt dir ſatt bekand/ wie daß Eneas wird

Dein bruder/ ſo gejagt/ und hin und wieder irrt

Im ungeſtuͤmmen meer/ bey nah in allen Haven/

Und ſeine reiſepurſch ſind wie die armen ſclaven

Durch unbefugten grimm der Juno: Dannenher

Iſt offtmals unſer ſchmertz geweſen dein beſchwer.

Nun aber haͤlt ihn auff der Tyrer herrſcherinne

Die Dido welche ſich bemuͤhet ſeine ſinne

Durch glatte ſchmeichelwort und gunſt zu ziehen an/

Nur daß er ſie allein/ und ſie ihn haben kan.

Ich weiß traun nicht/ was es ſol fuͤr bedeutung haben/

Daß Juno laͤſſet ihn ſo freund- und zaͤrtlich laben

In dieſer ihrer ſtadt. Der Poener koſt frey ſeyn

Koͤmmt mir verdaͤchtig fuͤr/ und wil mir nicht wol ein/

Der guten kommligkeit wird ſie ſich beſter maſſen

Bedienen/ daß ſie die nicht wird von haͤnden laſſen:

Darumb bin ich bedacht/ mit brunſt und liebes pein/

Mit aller liſt und trug ſie vor zu nehmen ein/

Damit ſie ihren ſinn nicht laſſe wieder ſincken/

Und anders werde raths auff eines andern wincken/

Vielmehr in gegentheil Eneen nebenſt mir/

Ich zwar als mutter/ lieb/ ſie/ wies beliebet ihr.

DDaß
[50]Das Erſte Buch.
Daß du dis aber moͤgſt verrichten recht und eben/

Wil ich dir guten raht (vernimm mich fleißig) geben.

Aſcan nimmt itzo fuͤr zu gehen in die ſtadt

Auffs vaters foderung und gut befundnen raht/

Traͤgt bey ſich ſchoͤnen ſchmuck/ und was die fuͤrſtẽ knabẽ

An kleidern/ zeug nnd ſpiel ſehr pflegen lieb zu haben/

Was man aus Troja noch und von dem wilden meer

Durch mancherley gefahr hat koͤnnen bringen her.

Nun weiſt du/ was fuͤr forg ich ſeinentwegen trage.

Derhalben wil ich ihn einſchlaͤffen itzt bey tage

Und legen bey Cyther danieder/ oder wil

Ihn tragen/ daß er nur ein wenig lige ſtill/

In wald Idaliun/ und daß er nicht vernehme

Noch mercke dieſe liſt/ ſo er darzwiſchen kaͤme;

So nimm auff eine nacht (nicht mehr) an ſein geſicht/

Weil dir als knaben des zu thun verborgen nicht;

Damit wenn Dido dich wird auff dem ſchoſſe haben/

Und an der taffel fein mit zuckerwerck begaben/

Dich froͤlich halſet/ hertzt und ſuͤſſe ſchmaͤtzlein gibt/

Und dich beym ſuͤſſen trunck als feines knaͤblein liebt;

Du ihr als dann bringſt bey/ und dieſes zwar verborgen/

Das bitter ſuͤſſe gifft/ die flamm und liebesſorgen.

Cupido folgt hierauff der mutter williglich/

Legt ſeine fluͤgel ab/ und gehet freuend ſich/

Gleich wie Juͤlus her: Die Venus/ da ihr deuchtet

Die rechte zeit zu ſeyn/ mit ſanfftem ſchlaffe feuchtet

Des Aſcans glieder ein/ fuͤhrt ihn erwaͤrmt im ſchoß

In wald Idalium; Da ligt er ſorgen loß/

Da
[51]Das Erſte Buch.
Da tauſent bluͤmelein und kraͤuter umb ihn ſtehen/

Die ihn mit ſuͤſſem hauch und luͤfftelein anwehen/

Da ihn mit ſchatten deckt der ungeheure wald.

Cupido aber geht erzehleter geſtalt/

Und traͤgt das ſchoͤne zeug hin in die ſtadt der Tyrer

Und folget freudiglich Achat/ als ſeinem fuͤhrer;

Als er nun kommet an/ hat ſich die koͤnigin

Auff einem guͤldnen ſtul geſetzet mitten inn.

Es ſitzt der vater auch Eneas da zu gegen/

Die junge mannſchafft koͤmmt zuſammen aller wegen;

Die taffel iſt bedeckt und ſchoͤn getapeſiert/

Sie ſetzen ſich/ wie man nach ordnung ſie herfuͤhrt.

Die diener gieſſen auff zu waſchen erſt die Haͤnde/

Dann decken ſie den tiſch/ ſind ruͤſtig und behaͤnde/

Und langen aus dem korb das liebe brodt herfuͤr/

Viel dienerinnen ſind die richten nach gebuͤhr

Mit fleiß das eſſen an/ ſie raͤuchern auff dem ſaale

Den Goͤttern nach gebrauch/ man traͤget ohn geprale

In langen reyhen her die ſpeiſen auff den tiſch/

Sie bringen trinckgeſchirr und ſchencken ein fein friſch.

Als ſie nun werden laut und froͤlich ſich erzeigen/

Da kommen Tyrer auch/ die ſich gewoͤhnlich neigen/

In groſſer meng hinein. Man bringt geſtuͤle dar/

Das mit geſticktem zeug gar ſchoͤn gepolſtert war.

Als ſie auff bitte nun ſich hoͤfflich nieder ſetzen/

Da ſehn ſie hin und her/ beſonders ſich ergetzen

An ſo viel ſchoͤnen zeug/ das durch ſo viel gefahr

So einen weiten weg von Troja kommen war.

D 2Sie
[52]Das Erſte Buch.
Sie ſehn mit wunder an Eneens pracht und gaben/

So dieſes printzelein Juͤlus ſolte haben/

Sie wundern ſich ob ihn und ſeiner ſchoͤnen zier

Der fuͤnckelnden geſtalt des herrleins und manier.

Sie wuſten aber nicht/ daß es der leichte knabe/

Der Venus ſoͤhnlein war. Sie ſchauen an die gabe/

Den ſchoͤnen wappenrock und gold geſticktes kleid/

Sie ſehn wie er ſich ſtellt nach aller hoͤffligkeit.

Inſonderheit kan ſich die Dido nicht erfuͤllen/

Die ungluͤckhaffte frau/ die ſich mit gantzen willen

Der grimmen liebes peſt und untergang ergibt/

Weil ſie den frembdeling Eneen alſo liebt.

Die augen brennen ihr in kopffe (ſo zu ſagen)

Fuͤr groſſer liebes brunſt/ ſie ſchoͤpffet ihr behagen

Zugleich an jungen printz und deſſen zeug und pracht/

Daraus ſie mehr und mehr empfindt die liebes macht.

Als er Eneen nu vergnuͤgte nach verlangen/

Und an deſſelben bruſt und halſe ſich gehangen

Mit zarter liebligkeit/ den er zwar vater hieß/

Bald aber wiederumb von ſeiner ſeite ließ;

Geht er zur koͤnigin mit liſtigem beginnen

Ein ander liebes werck in ihrem ſinn zu ſpinnen;

Dieſelbe freuet ſich/ und hefftet aug und ſinn

Auff ihn mit zarter gunſt wie auch Eneen hin.

Balt nim̃t ſie ihn in ſchoß/ und ſpielt mit ihm ein wenig/

Und weiß die arme nicht/ was fuͤr ein gott und koͤnig

An ihrer ſeiten ſitzt. Er aber iſt bedacht

Nach muͤtterlichen wunſch/ vermoͤge ſeiner macht/

Den
[53]Das Erſte Buch.
Den vorgehabten mann ihr aus den ſinn zu nehmen/

Daß ſie ſich doͤrffe nicht umb alte liebe graͤmen:

Das nimmet er ſo fuͤr: Verſucht drauff ihren ſinn

Der ſchon laͤngſt traͤge war/ zu ziehn wo anders hin/

Damit ſie wiederuͤmb ihr hertz/ das faſt entwehnet

Deꝛ luſt uñ kuꝛtzweil waꝛ und ſich noch nit recht ſehnet/

Auff einen audern wuntſch und vorſatz lencken ließ/

Zu lindern die beſchwer des lebens und verdrieß.

Als ſie nun waren ſatt und hatten abgenommen/

Da ſieht man allererſt die groſſen becher kommen

In langer reyh und pracht gefuͤllt bis oben an/

Nach dem ein jeglicher wil thun beſcheid und kan/

Es wird der ſaal gar laut/ der weite hoff erſchallet

Vom froͤlichen geſang: Der Dido ſtimme wallet

Mit koͤniglicher luſt: Es werden uͤberall

Geſtecket liechter auff im koͤniglichen ſaal;

Man zuͤndet fackeln an/ die ſchoͤn und helle brennen/

Daß auch die finſtre nacht ſie uͤberwinden koͤnnen:

Als es nun zeit faſt war auff-von den mahl-zuſtehn/

Und jeder wieder heim zu ſeiner ruh zu gehn;

Da ließ die koͤnigin ihr eine ſchaale geben/

Die ſchwer vom Edelſtein und Golde war zu heben/

Und gieſſen alle vol/ die Belus/ und hernach

Die andern koͤnig all (in maſſen offt geſchach)

Sich lieſſen ſchencken ein: Wie man nun/ daß ihr wille

Zu reden war/ ab ſah: Da wird es alles ſtille/

Da hub ſie an und ſprach: O Jupiter der du (zu;

(wie man uns lehrt) dz recht der gaſt freundſchafft gibſt

D 3Laß
[54]Das Erſte Buch.
Laß dieſen lieben tag den Tyriern und gaͤſten/

Die zu uns kommen ſind von Troja/ und im beſten

Mit uns erfreuen ſich/ genieſſen froͤliglich/

Und daß die nachwelt auch wol des erinnre ſich.

Du freuden geber du/ o bacchus/ ſey zu gegen/

Wie auch/ o Juno du/ die du uns aller wegen

Mit guaden wohneſt bey: Und ihr/ o Tyrier/

Begehet dieſes feſt in freuden ohn beſchwer.

Als ſie nun diß geſagt/ nimmt ſie die volle ſchaale/

Und ſchuͤttet auff den tiſch nicht viel mit einem mahle

Den edlen rebenſafft/ und lippert etwas ab/

Hernach dem Bitias gantz aus zutrincken gab/

Und mahnt getroſt ihn an/ er ſolte ſich bequemen/

Es waͤr ein reyhe trunck/ den ſolt er zu ſich nehmen/

Er ſetzet tapffer an/ daß er ihr thu genug/

Und trinckt den becher aus auff einem ſchmalen zug

Das gehet ſo herumb/ und koͤmmt an andre herren

Die ſich deßwegens zwar und nach gewohnheit ſperren

Immittelſt aber ſchlaͤgt Joͤpas auff der harff/

Die war gemacht aus gold und klunge hell und ſcharff

Er ſpielt/ was Atlas ihm ſein lehrer hat gewieſen

In edler ſternen ſchau/ die an ſich bleibt geprieſen.

Er laͤſt ſie hoͤren an ein lied von ſonn und mon/

Wie ſie ſo wunderlich ſtehn an des himmels thron;

Wie ſie itzt hin und her/ bald auff-bald niedet ſteigen/

Wie ſie verdunckelt offt an himmel ſich erzeigen;

Woher die Menſchen ſind/ wo vieh gekommen her/

Wo regen/ feuer/ wo viel andre dinge mehr.

Er
[55]Das Erſte Buch.
Er ſpielet auch ein lied von ſternen/ welche pflegen

Im herbſt zu gehen auff/ und bringen wind und regen

Da ſey Arctur wie auch die naſſen Hyaden/

Da ſey das ſiebn geſtirn: Er gibt auch zu verſtehn/

Warumb die tage kurtz im winter/ lang im ſommer/

Und was der gleichen mehr zu jagen aus den kummer.

Die Tyrer ſind noch eins ſo luſtig und erfreut/

Die Troer folgen nach denſelben ungeſcheut.

Es bracht auch Dido zu die gantze nacht mit ſorgen/

Mit mancherley geſpraͤch/ in welchem ſie verborgen

Ihr ungeluͤcke trug/ und truncke gleichſam ein

Das bitter-ſuͤſſe gifft uud ſchwere liebes pein.

Da hatte ſie bald viel von Priamus zu ſagen/

Bald von des Hectors tod und leben viel zu fragen;

Bald forſchte ſie/ wie ſtarck des Memnons zeug und heer/

Und wie vor Troja er bewehrt geweſen waͤr?

Bald wil ſie wiſſen auch/ was Diomed fuͤr pferde

Und zeug gefuͤhret hat/ wie groß Achilles werde

Gehalten: Ob er auch anſehnlich von perſon/

Und was er ſonſt fuͤr Ehr und preiß gekriegt davon?

Ja (ſagte ſie) mein freund/ ich habe zwar vernommen/

Wie daß die Danger in ewer land gekommen.

Wolan! erzehl uns doch vom erſten uhrſprung her

Der feinde hinterliſt/ der deinigen beſchwer

Und letzten untergang/ wie auch dein langes wandern

Und irren hin und her von einem ort zum andern/

Denn/ wie du uns erzehlſt/ ſinds nunmehr ſieben jahr

Da du zu land und meer muſt ziehn durch viel gefahr.

DD
[56]Das Andere Buch.

Das Andere Buch.


SIe wurden alle ſtill und fertig anzuhoͤren/

Was hievon dieſer gaſt Eneas wuͤrde lehrẽ:

Dann ꝛichtet eꝛ ſich auf an obeꝛn ſitz und oꝛt/

Und fienge folgender geſtalt/ an dieſe wort.

Du wilſt/ o koͤnigin/ daß ich dir ohn verheelẽ

Moͤg alles ungeluͤck von neuen an erzehlen/

Was Troens herrligkeit und hoch gefuͤhrte macht/

Das ſatt beklagte reich/ herunter hat gebracht;

Und was ich ſelber hab als mitglied dieſer armen

Fuͤr angſt und noht geſehn (wen moͤcht es nicht erbarmẽ/

Wer kan enthalten ſich zu laſſen eine zaͤhr/

Waͤrs gleich Achill/ waͤrs Pyrrh/ Ulyß uũ andre mehr

Wie hart ſie im̃er ſind?) die nacht itzt zwar verſtreichet/

Und eilet fuͤr ſich weg/ der ſternen heer erbleichet/

Und rathet uns zu gehn zur ſorgen freyen ruh

Und ſchlieſſen ſehnliglich die matten augen zu.

Im fall dich aber nun begier und leidmuth ruͤhret/

Wie man ein edles hertz bevorab hieraus ſpuͤret/

Und daß du unſre noht und unfall wiſſen wilt/

Wie wol mein ſiñ und muht darob erſchrickt und grillt/

Ja traurens halben ſich entzeucht das zuerzehlen/

Was nichts mehr als nur kan des menſchẽ hertze qve lẽ;

Wil ichs erzehlen doch. Als wir faſt lange zeit

Gemattet waren ab von ſchwerem krieg und ſtreit/

Und
[57]Das Andere Buch.
Und daß der griechen heer ermuͤdet muſte weichen

Der goͤtter ſchluß und raht/ und kundte nicht erreichen

Das ziel gehabter muͤh nach abfluß vieler Jahr;

Da zimmern ſie ein pferd/ das wie ein berg groß war

Vermittelſt pallas kunſt: Die rippen ſind geſchnitten

Aus einem tannenbaum. Als ſie nun außgeſtritten

Sich lieſſen ſehen an/ da ſtellen ſie ſich auch

Den Goͤttern ein geluͤbd zu leiſten nach gebrauch.

Mit angemaſſtem ſchein fuͤr gluͤcklich wiederkommen

Anheim in Gꝛiechenland. Als ſie nun das genommen

In ihrem ſinne fuͤr; Wird ſtracks die ſache laut/

Und daß ein groſſes pferd zum abzug waͤhr erbaut/

In ſelbtes ſchlieſſen ſie die allerkuͤhnſten helden/

Die man von tugẽd/ gluͤck und muht muß herrlich meldẽ/

Und ſtellen es auffs loß/ weil jeder held ohn ſcheu

In dieſen zug und kampff wolt gerne ſeyn darbey.

Die laſſen ſich nur ein-in finſtern bauch-verſchlieſſen

Mit groſſer faͤhrligkeit/ ohn weichliches verdrieſſen/

Und fuͤllen der geſtalt das ungeheure pferd

Mit mancherley gewehr mit ſpieſſen ſchild und ſchwerd.

Ein Eyland ligt nicht weit/ wird Tenedos genennet/

Das man in Griechenland und andern orten kennet

An macht und reichthumb groß/ ſo lange Troja noch

Bey Priams lebezeit wuchs ſchoͤn und maͤchtig hoch.

Nun aber iſt es nur ein anfurt fuͤr die ſchiffe/

Nicht aber ſicher gnug; Weil manches zwar hin lieffe/

Wurd aber bald zutheil den winden/ bald dem ſand/

Auff den es bliebe ſtehn/ bald mancher raͤuber hand.

D 5Da-
[58]Das Andere Buch.
Dahinwerts kehren ſie verbergend ihre ſchiffe

An dieſem wuͤſten port/ zuſehn/ ob ihre griffe

Itzt gluͤcklich gehen ab. Wir ſtunden in dem wahn/

Als wehren ſie gantz weg und nunmehr kommen an

Mit vollem ſegelwind nach Argos und Mycenen/

Und wuͤrden nimmermehr ſich wieder nach uns ſehnen:

Drumb macht gantz Troja ſich von langem kum̃er frey/

Und freut ſich wiederumb ohn alle furcht und ſcheu.

Man oͤffnet thuͤr und thor/ man geht hinaus zu ſehen/

Wo ſonſt der feind ſein zeug und lager hatte ſtehen;

Man findet alles bloß verlaſſen wuͤſt und oͤd/

Der Haven aller dings ohn maſt und ſegel ſteht.

Hier hatten ihre ſchantz die Doloper/ hier lagen

Achillis ſchiff und zeug; Hier hat er auff geſchlagen

Sein lager und gezelt. Hier pflag der ort zu ſeyn/

Da man ſich tapfer ſchlug und ließ in ſchlachten ein.

Ein theil erſtarret faſt fuͤr wunder und beſchauet

Das ungeheure pferd das allda ſtund erbauet/

Ein ſchaͤdliches geſchenck/ das zum verderb der ſtadt

Die Pallas/ welche nie kein man erkennet hat/

Den Troern hinterließ/ die ſie verderben wolte/

Thymeth mahnt erſtlich an/ daß man es fuͤhren ſolte

Gantz in die ſtadt hinein/ und ſtellen auff den wall/

Auff daß mans ſehen kont zum denckmal uͤberall.

Es war entweder liſt/ wo nicht/ muſts doch geſchohen/

Und war in Goͤtter raht beſchloſſen und vorſehen

Zur ſtraffe dieſer ſtadt/ die ſo verblendet war.

Der Capys traff es baß erwegend die gefahr

Mit
[59]Das Andere Buch.
Mit andern die ein ding mit beſſerm grund verſtehen/

Und weiter wo es ſtickt und hafftet/ koͤnnen ſehen;

Der gab den guten raht/ daß man des feinds geſchenck/

Ein ſehr verdaͤchtig ding/ ins tieffe meer verfenck;

Man koͤnts auch andrer art mit feuer oder eyſen

Vertilgen/ bohren durch/ ja gar in ſtuͤcken ſchmeiſſen.

Der poͤbel rottet ſich nach mancher ſtimm und wahn/

Und meint/ bald dieſes ſey/ bald jenes wol gethan.

Fuͤr allen koͤmmt herbey Laocoon gerennet

Vom ſchloſſe/ der von zorn uñ unmuht gleichſam breñet/

Dem folgt ein groſſer hauff und faͤngt vom weiten an:

O armes volck/ wie kommt ihr auff den blinden wahn?

Glaͤubt ihr/ der feind ſey weg? meint ihr daß ſolche gabẽ

Der Griechen ohn betrug was gutes in ſich haben?

Kennt ihr Ulyſſem ſo? Wer weiß was er hier heckt/

Ob er die Griechen nicht in dieſes holtz verſteckt?

Vielleicht iſt dieſes werck gebauet zu zerbrechen

Die mauren dieſer ſtadt/ und wil der feind ſich raͤchen

An uns mit ſolcher liſt: Es ſey auch/ was es ſey/

Ihr leute/ trauet nicht dem pferd; Ich trage ſcheu/

Wenn ich die Danaeer und ihr geſchenck betrachte/

Wer iſt/ der auff den feind und ſeine gaben achte?

Hiermit ſtieß er den ſpieß mit gantzer leibes macht

An dieſes pferdes bauch/ daß es erſchrecklich kracht.

Daſſelb erbebte zwar/ ſich aber nicht bewegte/

Noch/ ob er ſchon noch einſt hart daran ſtieſſe/ regte/

Gab in dem hohlen bauch nur einen wiederhall/

Der einem ſeufftzer war zugleichen nach den ſchall.

Ja
[60]Das Andere Buch.
Ja wenn die Goͤtter nicht von uns gewichen waͤren/

Und haͤtten unſern ſinn nicht laſſen ſo bethoͤren/

So haͤtte dieſer mann zu beugen uns vermocht/

Als er an dieſes pferd mit ſeinem ſpieſſe pocht:

Daß wir daſſelbe holtz flugs haͤtten gantz zerſtuͤcket/

So waͤre dieſer fund auch ihnen nicht gegluͤcket/

Und ſtunde Troja noch und Priams herrlich reich/

Das einer wuͤſteney nun iſt geworden gleich.

Schau mittlerweile bringt das bauervolck gefangen

Ein junges blut/ und koͤmmt zum koͤnig hingegángen

Mit graͤßlichem geſchrey/ der ihnen unbekand

Kam wiſſend in den lauff/ daß er bott huͤlff und hand

Den ſchlauhen Griechen dar in ihren krummen tuͤcken

Zu machen ihnen kund/ wenns wuͤrde wol geluͤcken;

War ein verwegner bub auff alle ſaͤttel recht/

Zu uͤben argliſt aus/ zu gehen ans gefecht

Und toͤdtliche gefahr: Die junge purſche ſtreubet

Sich haͤuffig gegen ihn und ihre kurtzweil treibet/

Sie zwackt und placket ihn/ und wers am beſten kan/

Denſelben halten ſie fuͤr einen braven mann.

Vernimm nun koͤnigin der Griechen liſt und raͤncke

Und daß ſie alle ſind/ wie dieſer/ bey dir dencke;

Denn als er wie beſtuͤrtzt und wehrloß ſiunde da/

Und das ſo groſſe heer der Troer uͤberſah:

Brach er in dieſe wort: ach leider! was fuͤr erde/ (ſchwerde

Welch meer verſchlinget mich/ und macht mich vom be-

Und dieſem ungluͤck loß! was hab ich armer man

Zu hoffen/ weil ich nicht zu Argos bleiben kan;

Bin
[61]Das Andere Buch.
Bin uͤber das verhaßt den Troern/ welche ſtreben

Nach meinen untergang/ daß ich mit blut mein leben

Sol ihnen geben auff. Als er ſo klaͤglich that

Wurd aller grimm geſtillt/ man bot ihm huͤlff und gnad

Mit linden worten an/ ſie wollen in der guͤte

Von ihm berichtet ſeyn/ wo ſein geſchlecht/ gebluͤte

Und ankunfft ruͤhre her; Er ſolle ſagen frey/

Was er von Griechen bꝛing/ und was ſein hoffnung ſey/

Als der gefangen kaͤm/ und wes ſich zu verſehen

Er haͤtte bey dem feind/ der ihm wol koͤnte ſtehen

Nach ſeinem leib und blut?Drauflegt er friſch und frey

Die furcht hinweg und gab ſein antwort ohne ſchew.

Ich wil/ o koͤnig/ nun die ſache recht erzaͤhlen/

Und in geringſten nicht die warheit dir verheelen/

Es mag mir gehn/ wies wil: Daß ich ein Grieche bin/

Das wil ich laͤugnen nicht/ das halt ich fuͤr gewinn

Die warheit zugeſtehn: Denn ob zwar das geluͤcke

Dem Sino (ſo heiß ich) laͤſt merckẽ ſeine tuͤcke/ (mehr/

Und macht mich arm und ſchlecht/ ſol michs doch nim̃er-

Wenns gleich entgegen mir noch einſt ſo grimmig waͤr/

Zum buben machen auch/ daß ich mit ſchnoͤden luͤgen

Dir ſolte gehen fuͤr und deinen ſinn betriegen;

Derhalben ſo dir je gekommen zu gehoͤr

Der name Palamed und deſſen ruhm und ehr/

Die weit und breit erſchallt; den die Pelaer haben

Beſchuldigt/ ſamb haͤtt er geſtohlen und vergraben

Ein groſſes ſtuͤcke gold: Und das geſchach aus haß

Und falſcher aufflag/ weil er gern in friede ſaß

Den
[62]Das Andere Buch.
Den warffen ſie zu tod: Nun da er ſeines lebens

Beraubet/ trauren ſie und klagen ihn vergebens.

Weil ſelbteꝛ miꝛ nun waꝛ mit blutfꝛeundſchaft verwand

Gab mich mein vater ihm/ daß ich ihm ging zur hand/

Und mit ihm zog in krieg: denn ich war jung von jahren;

Mein vater aber war faſt arm und muſte ſparen/

Kunt mich mit roß und zeug zum krieg nicht ruͤſten aus/

Und muſte ſeyn beſorgt fuͤr ſein ſelbſt eigen hauß.

Wie lange Palamed das regiment nun fuͤhrte

Und ihn kein ungeluͤck kein feind noch unheil ruͤhrte/

Da raht und weißheit galt/ und gieng durchs gantze land

Da fuͤhrten beyde wir auch einen guten ſiand

Mit adel/ ruhm und ehr. Als nun mein lieber vetter

Mir durch den tod ging ab/ mein heil und beſier retter

Durch unverdienten haß des falſchen Griechen dort

(Der nam und that iſt kund) geſteinigt nnd ermordt?

Da muſt ich meine zeit mit trauren klaͤglich fuͤhren/

Und kunte nichts/ als leid an allen orten ſpuͤren:

Ich wurd in meinem ſinn ergrimmet bitterlich

Von wegen dieſes falls des freundes welchen ich

Sah ſterbẽ ohne ſchuld: doch ſchwieg ich auch nicht ſtille/

Gleich wie ein tummer klotz; es war mein ernſter wille;

Haͤtt mir das gluͤck gefugt/ daß ich nach wuntſch und ſinn

Nach Argos wiederumb gekommen waͤre hin

Als ich ihm rache dreut/ hab ich nur nichts als ſchaden

Durch hartes wort gezaͤnck und ungluͤck auffgeladen:

Deßwegen kam mir erſt all angſt und uͤbel her

Bald ſchreckt Ulyſſes mich mit klagen mehr und mehr:

Bald
[63]Das Andere Buch.
Bald ſtreut er reden aus/ die zweiffel hafftig waren/

In den gemeinen man und wolte nur erfahren/

Ob mir auch andre feind: Denn er war ihm bewuſt

Nichts redlichs/ das ihm haͤtt gemacht begier und luſt/

Mit mir was oͤffentlich fuͤrm richter anzufangen/

Er kunte ruhen nicht/ bis Calchas kam gegangen/

Den er zu ſeinem dienſt: Was denck ich aber hier/

Daß ich verhaſſte ding umbſonſt ſo bringe fuͤr?

Was ſol ich ſagen viel? Wenn ihr von allen Griechen

Nichts haltet nach der reyh/ kan ich mich nicht verkriechẽ/

Weil ich auch einer bin. Diß ſey genung geſagt/

Was ihr gehoͤret habt: Wo fern euchs nun behagt/

So fuͤhrt auffs ehſte mich/ und nehmet mir das leben:

Es mag Uliſſes wol ein groſſes geld drumb geben/

Wie Agamemnon auch/ nicht minder Menelaus.

Darauff treibt uns begier zu fragen ſchaͤrffer aus

Die urſach fug und weg: denn wir nicht wiſſen mochten

Umb ſolches bubenſtuͤck/ und was die Griechen fochten:

Da faͤhrt er furchtſam fort/ und ſagt aus falſcher bruſt:

Es iſt zwar etlichmal den Griechen eine luſt

Ankommen abzuziehn und Troja zu verlaſſen/

Weil ſie durch langen krieg ermuͤdet zaghafft ſaſſen:

Ach wolte wolte Gott/ ſie haͤtten diß gethan;

(Doch hielt ſie mancher ſturm und ungewitter an)

Da ſie itzt wolten fort und ſegelfertig lagen/

ſchreckt ſie der wind ſtets ab/ daß ſies nicht dorfftẽ wagẽ;

Bevorab da ſchon ſtund das hoͤltzern pferd gebaut/

Er hub ſich ſolcher ſturm/ daß mir zuſagen graut.

Wir
[64]Das Andere Buch.
Wir wurdẽ theils beklem̃t mit hoffnung/ theils mit zagẽ/

Wir ſchicken Eurypil den Febus zu befragen/

Der bringet zum beſcheid uns dieſe wenig wort:

Als ihr aus Griechenland nach Troja zoget fort

Habt ihr ein opffer bracht den ungeſtuͤmmen winden;

Wollt ihr nun wiederumb zur heimkunfft wetter finden/

Muͤßt ihr von Griechen auch ein opffer bringen dar;

Aͤls nun diß maͤnniglich zu ohren kommen war/

Da wurden ſie beſtuͤrtzt/ daß ſie fuͤr furcht erſtarrten.

Sie ſahen gantz erblaßt einander an und harrten/

Wem dieſes gelten wuͤrd auff goͤttlichen Bericht/

Und wer der wuͤrde ſeyn/ von dem Apollo ſpricht.

Da zeucht Ulyß zu ſich den Calchas in die mitten/

Und haͤlt beym ſelben an mit ungeſtuͤmen bitten

Bey maͤchtigen gelaͤuff/ er ſolte thun bericht

Wer dieſe Gottheit ſey/ die von dem opffer ſpricht:

Hier waren ihrer viel die von Ulyſſens tuͤcken

Verkuͤndigten zuvor und ſeine grimme ſtuͤcken

Mir machten treulich kund: ſie machten nicht viel wort/

Und ſahen wol/ daß es lieff aus auff einen mord.

Zwar Calchas der prophet hielt ſich ein zehen tage

In ſeinem loſament/ damit er ohne plage

Des volckes ruhete; Immittelſt ſchwieg er ſtill

Und war bey ihm gefaßt der unbewegte will

Und meynung/ keinen je zum opffer zu benennen/

Daß er fuͤr ſich den tod wolt einem menſchen goͤnnen:

Bis endlich ihn Ulyßs mit poltern und geſchrey/

Wie es war angelegt/ betaͤubet/ daß er frey

Tritt
[56[65]]Das Andere Buch.
Tritt auff und loͤſt den mund: Es lieſſen ſich gefallen

Die Goͤtter/ daß man mich fuͤr andern Griechen allen

Zum altar widmete: Sie ſtimmten ihm ſtracks bey/

Und was ſelbſt jedem bracht ins hertze furcht und ſcheu/

Das ſchoben ſie auff mich allein; Ich ſolte ſterben:

Es kam der boͤſe tag herbey/ da das verderben

Mir zugerichtet war: Da war ſchon bey der hand

Das opffer zeug/ ſaltz/ korn und prieſterlich gewand:

Man bande mir uͤmbs haubt gebraͤuchlich eine binde/

Das leben war mir lieb: Ich riſſe mich geſchwinde

(Die warheit zugeſtehn) aus euſſerſter gefahr/

Des todes/ da mirs nur zu thun umbs leben war.

Ich war von banden loß/ muſt aber fuͤr die Griechen

Bey nacht in roͤhricht mich und tieffen ſchlam̃ verkriechẽ/

So lange bis ſie ſich begaben auff das meer/

Und ich zwar ſo entging der toͤdtlichen beſchwer.

Jedennoch muß ich nun der hoffnung ſeyn beraubet/

Daß mir mein vaterland zu ſehen nicht erlaubet

Von ſtrengen Goͤttern iſt. Mein vater lebet noch

Und meine Kinderlein/ und kan zu ihnen doch

Nicht kom̃en wiedeꝛum; wer weiß/ woꝛnach nun tꝛachtet

Der grimme feind/ ob er nicht meine kinder ſchlachtet

Und ſchleppt den vater bey den grauen haaren hin

Zum blutigen altar/ weil ich entlauffen bin/

Und die gemeine ſchuld durch armer blut vergieſſen

Bey ihrer Goͤtter ſchaar ſo dencken aus zubuͤſſen.

Derhalben bitt ich dich bey dem gerechten Gott/

Der umb die warheit weiß und ſtraffet hohn und ſpott/

EIch
[66]Das Andere Buch.
Ich bitt dich umb die treu/ ſo ſie noch iſt zu finden

Bey menſchen unbefleckt/ laß mich nicht alſo binden

O koͤnig/ ſieh doch an mein elend noht und ſtand/

Dieweil mein unſchuld iſt dem hoͤchſten Gott bekand.

Als er nun dergeſtalt ſehr klaͤglich thut und weinet/

War keiner von uns ders nicht hertzlich mit ihm meinet/

Wir ſchencken/ was er ihm am liebſten laͤſſet ſeyn

Das leben; Priamus ſtimmt ſelber mit uns ein

Und thut befehl/ daß man ihn mache frey von bande/

Spꝛicht ihm gaꝛ fꝛeundlich zu: du magſt aus welchẽ lan-

Du wolleſt/ kommen her und ſeyn auch werdu biſt/ (de

Vergiß der Griechen nur/ und alles was dir iſt

Begegnet/ bleibe ſtets der unſer und bekenne

Die warheit rund und ſchlecht. Wolan nu lieber nenne

Mir/ der ich frage/ den/ der dieſes pferd gebaut/

Das jedermaͤnniglich mit wunderung beſchaut?

Worzu iſt angeſehn die ungeheure ſchwere?

Was ſuchen ſie damit? ſoll andacht/ furcht und ehre

Der Goͤtter ſeyn gemeint? ſolls ſeyn ein kriegs geſchuͤtz?

Wo nicht/ kans etwan ſeyn uns zu was anders nuͤtz?

Da hube Sinon auff/ der alles hat ertichtet/

Der von den Griechen war mit argliſt abgerichtet/

Sein auffgelegte haͤnd empor zum Goͤtter ſitz:

Ihr ewgen flaͤmmelein/ ihr ſterne die dem plitz

Am glantze gehet fuͤr: Ich ruff euch an zu zeugen

Und euren Gott (ſagt er) des macht kan alles beugen/

Die keiner ungeſtrafft beleidigt/ ich beſchwer

Euch altar und dich ſchwerdt/ das uͤmb mich blinckte her

Mit
[79[67]]Das Andere Buch.
Mit greulicher geſtalt/ dem ich ſo muſt entweichen/

Ich ruff dich/ heilger ſchmuck/ der Goͤtter an in gleichẽ/

Den ich getragen hab als opffer fuͤrm altar/

Vergoͤnnet/ daß ich mich entwircke gantz uud gar

Von Eydſchwur/ dẽ ich hab den Griechẽ muͤſſen ſchwerẽ;

Laßt mich doch allen haß auff dieſe feinde kehren/

Und alles bringen aus an klaren ſonnenſchein/

Was ſie gern wollen/ daß es ſol verborgen ſeyn.

Ich bin dem vaterland/ das ſich an meinen wunden

Und tod ergetzen wil/ mit nichten mehr verbunden:

Ich bitte/ Troja nur/ halt dein verſprechnuͤß mir/

Und dencke deine treu zu halten fuͤr und fuͤr/

Weil du erhalten biſt: Ich wil dir groſſe ſachen/

Die dir zu fernern heil gereichen/ kundbar machen/

Und was du groſſes mir geſchenckt haſt aus genad/

Wil ich mit groͤſſerm fleiß vergelten in der that.

Der Griechen gantzes heil/ ihr hoffnung und vertrauen

Des angefangnen kriegs/ darauff ſie knnten bauen

Ihr gluͤck/ war Pallas huͤlff und beyſtand jederzeit.

Als aber Diomed aus Gotts vergeſſenheit/

Mit dem Ulyſſen ſich/ dem ſeind der tugend ſtaͤrcke/

Erfinder aller tuͤck und ſpinner boͤſer wercke/

Zum tempel nehmen fuͤr der Goͤttin heilges bild

Zu rauben/ da ſie ſich ſo grauſam roh und wild

Bezeigten/ und die wacht der burg in ſtuͤcken hieben/

Und an das heiligthumb ſolch buben ſtuͤck zu uͤben/

Mit blut befleckter hand nicht trugen furcht und ſcheu/

Von dem an ſtunde ſie den Griechen nicht mehr bey.

E 2All
[68]Das Andere Buch.
All hoffnung gieng zuruͤck. Es wolte nichts gerahten/

Es ſancke muht und fauſt in uͤbung tapffrer thaten;

Die Goͤttin wandte gantz von ihnen ihren ſinn/

Und ließ ſie zeichen ſehn/ die alle ſahen hin

Auff ihren undergang mit ſcheinbaren gemercken:

Sie hatten kaum das bild bey ihren krieges wercken

Im lager hin geſetzt; Da ſahe man als bald/

Was aus dem Augen liecht die goͤttliche gewalt

Fuͤr flammen brennen ließ: Es floſſe durch die glieder

Ein ſaltz benetzter ſchweiß/ es regt ſich auff und nieder

Von bodem etlich mal: Das bild ſah aus/ wies lebt/

Trug ſchild und lantze/ die erſchrecklich dreut und bebt.

Stracks rahtet Calchas ein/ man ſolte ſich zu ruͤcke

Begeben wieder heim/ man haͤtte kein geluͤcke/

Die Griechen koͤnten nicht eroͤbern Troens ſtadt/

Wo ſie nicht wiederumb zu Argos hohlten raht

Und Goͤttlichen bericht/ umb wieder zu verſoͤhnen

Die Goͤttin/ die ſich ſonſt nicht ungeſtrafft laͤſt hoͤhnen;

Mann haͤtte ſie verletzt/ weil man von heilger ſtett

Ihr hoch geheilgtes bild und ſchild geraubet haͤtt;

Und uͤbers meer gefuͤhrt; Und weil ſie gen Mycenen

Mit gluͤck gekommen ſind/ ſo werden ſie ſich ſehnen

Bald wieder hier zu ſeyn mit ihrer waffen trutz/

Der neuen Goͤttin gleit und angenommnen ſchutz.

So that der Calchas auff den mund zu prophezeyen/

Und lehrte/ was man haͤtt in kuͤnfftig noch zu ſcheuen;

Da haben ſie an ſtatt der Pallas/ die verletzt/

Diß pferd/ zu ſuͤhnen aus die miſſethat/ geſetzt.

Das
[69]Das Andere Buch.
Das aber Calchas hat das werck erbauen laſſen

So hoch und ungeheur faſt uͤber alle maſſen/

Das hat er drumb gethan/ dz mans nicht durch die pfort

Koͤnt fuͤhren in die ſtadt und weiter ruͤcken fort/

Noch daß das volck zu ihm ſich moͤchte ſchutz verſehen/

Wie ehmals war mit gluͤck nach ihren wahn geſchehen;

Sonſt ſo ihr ans geſchenck der Pallas legtet hand

So wuͤrd es ſchrecklich ſtehn umb euer heil und land;

(Die Goͤtter wollen diß auff Calchas ſelber wenden;)

Naͤhmt ihr es aber an mit angenehmen haͤnden/

So wuͤrdet ihr mit gluͤck und ſiegesreicher pracht

Selbſt Argos uͤberziehen und brechen ihre macht/

Und dieſes ungeluͤck und gaͤntzliche verheeren

Wuͤrd unſeres geſchlecht und kindeskind beſchweren.

So uͤberſchwatzte ſie der ſchlimme boͤſewicht

Mit liſtigem betrug und falſchen threngeticht.

Es kamen tauſent ſchiff aus Griechenland gefahren

Und kunten dennoch nicht bey zehen gantzer jahren

Bezwingen dieſe ſtadt: Tydides und Achill

Sind kaͤmpff- und ſchlachtẽs muͤd und muͤſſen haltẽ ſtill.

Der Sinon nur allein ein eintzler man hat koͤnnen

Durch wunder arge liſt dieſelbige gewinnen/

Schau! hierbey ſiehet man ein groſſes ſchreckebild

Und ungeheuer ding/ das ſinn und augen fuͤllt

Mit unvorſehner ſcheu. Laocoon/ den man wehlte

Zum prieſter dem Neptun durchs loß und heilig zehlte/

Schlug einen ochſen tod/ der groß und ſchrecklich war/

Nach jaͤhrlichem gebrauch und ſaͤtzung beym altar;

E 3Da
[70]Das Andere Buch.
Da kommen von Tened durchs ſtille meer (mir grauet

Wenn ichs erzehlen ſol) zwo ſchlangen/ die man ſchauet

Mit uͤber groſſen ſchling und zuͤgen auff dem meer

Zugleich bis ans geſtad geſchoſſen ſchrecklich her.

Man ſahe/ wie ſie ſich mit gantzem leibe reckten

Wie ſie her aus der fluht die langen haͤlſe ſtreckten

Die kroͤnlein funckelten/ her-aus dem waſſer-fuͤr/

Und gleichten dem rubin an ſeiner rohten zier.

Das andre theil wird nach geſchlepptin meeres ſaltze/

Sie kruͤmmen ihren balck mit graͤßliehem gewaltze/

Man hoͤret ein geplatſch in ſaltz geſchaumten meer/

Sie hatten itzt das feld erlaͤngt und krachen her.

Die Augen roht wie blut und feuer gleichſam plitzten/

Sie machtẽ ein geziſch/ und gifftſchaum von ſich ſpruͤtztẽ;

Sie fipperten zu gleich mit drey geſpitzter zung:

Wir raffen uus alsbald davon mit einem ſchwung

Erſtaunet und erſtarrt durch dieſe beyde drachen/

Die uns das hertze bang/ die fuͤſſe lauffen machen/

Sie fahren grauſam her und drehn ſich in die kruͤmm

Auff den Laocoon zu mit groſſem ungeftuͤm/

Und winden ſich vorerſt umb ſeine beyde kinder/

Die beiſſen ſie zu tod und ſchlingen ſie dahinder

Nach dieſen machen ſie ſich an den vater riſch/

Der ſeinen helffen wolt und ſich eezeigte friſch.

Mit ſeinem ſchild und ſchwerd; ihn aber doch ergreiffen

Und dichte ſchlingen ein mit ihren groſſen ſchweiffen;

Sie flechten ſich umb leib/ ſie fallen umb die kehl/

Und aͤngſten ihn ſo hart bis auff den grund der ſeel/

E 4Stehn
[71]Das Andere Buch.
Stehn aufrecht und empor mit gantzem kopff und nackẽ

Nicht aber laſſend ihn zu druͤcken und zu placken:

Er aber wehret ſich und ſparet keine muͤh/

Wie er mit faͤuſten ab-den ſchlangen knoten-zieh.

Da wird ſein haupt und ſchmuck mit ſchwartzem gifft uñ

beſpruͤtzt/ da hebt er an mit ſchreckẽ vollem ſchalle (galle

Ein hefftiges geſchrey/ davon die lufft erfuͤllt/

Nicht anders als ein ochs/ der uͤber ſchrecklich bruͤllt/

Der vom altare laufft verwundt/ ſo er vom beile

Nicht recht getroffen iſt: Die drachen mittlerweile

Entfliehn in die Capel der Pallas/ die der ſtadt

Und buͤrgern in gemein ſehr offt gedreuet hat.

Sie kriechen gar auffs ſchloß zur Goͤttin groſſen bilde

Zu dero fuͤſſen hin/ und lauſchen hindern ſchilde:

Darauff koͤmmet alle leut ein ander ſchrecken an;

Es hat Laocoon (urtheilet jederman)

Die ſtraffe wol verdient: Er haͤtte ſeine ſchantze

Und ampt nicht recht bedacht/ dieweil er mit der lantze

Das heilge holtz verletzt und den verfluchten ſpieß/

Den er zur unzeit braucht/ den pferd in ruͤcken ſtieß.

Sie ſchreyn aus einem mund/ man ſolte zum exempel

Der ehrerbietigkeit das pferd in Pallas Tempel

Zu fuͤhren ſeyn bedacht/ und an der heilgen ſtaͤtt

Die Goͤttliche gewalt anflehen mit gebaͤt.

Wir brechen ab das thor/ auff daß wirs moͤgen bringen

Gar in die ſtadt hinein: Man ſieht/ wie ſie ſich dringen/

Zur fort-huͤlff dieſes werck/ man ruͤſtet ſich darzu/

Wie man der Goͤttin recht und nach genuͤgen thu.

Es
[72]Das Andere Buch.
Es werden waltzen angemacht ans pferdes fuͤſſe/

Damit ſichs deſto baß und leichter ruͤcken lieſſe;

Man wirfft ihm umb dẽ halß ein haͤnffin ſtarckes ſeil:

Da ſpannen ſie ſich an und ſchiebens fort in eil.

Es ſteigt das wunderpferd von Goͤttern ſo vorſehen

Den wall und mauren auff/ kan kaum fuͤr ſchwere gehen/

Weils ſolche groſſe laſt an man und waffen traͤgt;

Es tantzet/ ſingt und ſpringt vor ihm/ her was ſich regt

An knab- und maͤgdelein. Sie freyen ſich zu greiffen

Ans ſeil/ und dieſes thier den wall hinauff zu ſchleiffen:

Es kommet gar hinauff und dreut von oben her

Der ſtadt dem anſehn nach groß ungluͤck und beſchwer

O vaterland! o hauß! o burg der groſſen Goͤtter!

O kriegs beruͤhmte ſtadt der Troer! welcher retter

Wird euch nun ſtehen bey/ weil ihr/ geſtalt ihr ſolt/

Zur abkehr eurer noht nicht ſelbſt auch helffen wolt.

Es ſtunde viermal ſtill gleich an des thores ſchwelle/

Eh man es kuͤmmerlich bracht an begehrte ſtelle:

Ich wil noch ſagen mehr; Man hoͤrte vielmal auch/

Nicht einen dunckeln ſchall der waffen in dem bauch;

Und gleichwol ſind wir doch faſt unſer gantz vergeſſen/

Ja mit verblendem ſinn und thummheit gar beſeſſen/

In dem wir fahren fort mit thoͤrichter begier

Und ſetzen auff die burg diß ungeheure thier;

Auch laͤßt Caſſandra ſich heraus und propheceyet

Aus Goͤttlichem befehl/ vergebens! niemand ſcheuet

Von Troern/ was ſie dreut: Sie gleuben dieſes nicht/

Was man von kuͤnfftigem beſchwer ſingt oder ſpricht.

Wir
[73]Das Andere Buch.
Wir armen leute gehn von tempel unſrer Goͤtter

Und ſtecken auff zur zier begruͤnte zweig und blaͤtter

Zu feyren dieſen tag mit jauchtzendem geſchrey/

Und niemand weiß noch denckt/ daß diß der letzte ſey.

Immittelſt koͤmmt die nacht/ die meer und himmel fuͤllet

Ja alles/ auch die liſt der Griechen gleichſam huͤllet

In dicke finſternuͤß. Die Troer ſtrecken ſich

In haͤuſern hier und da und ſchlaffen ruhiglich.

Da koͤmmt bey hellem mon der Griechen heer gefahren

Mit vollem ſegel wind/ da ſie zu Tened waren

Gelegen etwas ſtill/ und eilten zu den ort/

Den ſie gebrauchet bey zehn jahr zu ihrem port;

Das koͤnigliche ſchiff ſteckt auff ein feuerzeichen/

Da kunte Sinon bald der Griechen ſinn erreichen/

Der zum verderb der ſtadt durch goͤttliches vorſehn

Und raht dem eigenen verderben muſt entgehn.

Derhalben wie er ſpuͤrt/ es ſey nun alles wille/

Schleicht er fein ſachte hin/ und oͤffnet in der ſtille

Das thuͤrlein an dem Pferd; Daſſelbe gibt herfuͤr

Aus ſeinem holen bauch der helden kern und zier?

Sie laſſen ſich herab an einem langen ſeile

Und nehmen zu der hand ſpieß/ lantzen/ ſchild und pfeile:

Darunter iſt Ulys/ Therſander/ Athamas/

Machaon/ Steneleus/ Pyrrh/ Thoas/ Menelas/

Und der ſo kluge kopff Epeus/ der gebauet

Hat dieſes groſſe pferd/ auch andre/ wie man trauet/

Wol uͤber viertzig noch. Da greiffen ſie gantz toll

Die ſtadt mit ſtuͤrmen an/ die ſchlaff und weines voll

E 5Be-
[74]Das Andere Buch.
Begraben gleichſam ligt: Sie kommen an die wachten.

Die auff das pferd beſtellt/ die ſie erſt nieder machten.

Da oͤffnen ſie ein thor und laſſen alles ein/

Was ihnen kan und mag zum beyſtand dienlich ſeyn.

Es war die zeit/ da ſich die armen menſchen laben

An erſt empfundner ruh des hoͤchſten ſuͤſſe gaben;

Da koͤmmt im ſchlaffe mir fuͤr augen Hectors bild

Das/ wie es ſchiene/ war von trauren gantz erfuͤllt.

Er weinte bitterlich/ und kam mir fuͤr gar eben/

Wie ehmals/ da er auff-ſein leben muſte-geben

Erſchlagen von Achill/ da er ihm durch die fuͤß/

Als er ihn ſchon getoͤdt/ ein ſeil noch ziehen ließ/

Und ſchlept ihn etlichmal herumb an ſiegeswagen

In ſtaub und blut geſeilt. Was ſol ich leider ſagen?

Wie ſah er damals aus? wie war er ihm nicht gleich

Der tapffre Hector mehr/ als er an kriegszeug reich/

Den er Patroclo nam/ kam ſiegreich hergefahren;

Auch da der Griechen ſchiff von ihm mit feuer waren

In grim̃en brand geſteckt: ſein bart war noch beſchmutzt/

Und ſein ſchoͤn maͤnnlich haar/ das zieꝛlich ſonſt geputzt/

War mit geliefertem gebluͤte gantz verſtellet/

Man ſahe/ da er war von ſeinem feind gefaͤllet/

Die ſtriem- und wunden noch/ die er mit groſſer zahl

Getoͤdtet noch bekam geſchleppet umb den wall.

Mich duͤncket/ wie ich ſelbſt mit thraͤn-genetzten wangen

Und Jammer-ſtimme kam zu dieſen man gegangen/

Und ſprach ihm alſo zu: O liecht der Dardaner.

O Trojens hoffnungs troſt! o ſtarcker ſchild und wehr!

Was
[75]Das Andere Buch.
Was iſt im wege dir fuͤr hindernuͤß geſtanden?

Ey Hector/ wannenher koͤnunſt du? aus welchen landeu

Erwartet aͤngſtiglich? Wie ſehen wir an dir

Nach ſo viel noht und tod der deinen ſchlechte zier!

Die wir ermuͤdet ſind nach ſo viel muͤh und plagen/

Die deydes dieſe ſtadt und menſchen muſten tragen:

Aus was fuͤr urſach iſt dein klares angeſicht?

Und fchoͤne leibsgeſtalt ſo haͤßlich zugericht

Was wunden ſeh ich hier? Er wil auff meine fragen.

Als waͤr es unnuͤtz ding/ kein einig woͤrtlein ſagen.

Er ſeufftzet nur und ſagt: Ach fleuch du Goͤtter ſohn/

Aus dieſer feuersbrunſt! der feind hat Troja ſchon.

Itzt gehet ſie zu grund! man kan nichts mehres ſchaffen/

Man hat dem Priamo genung mit raht und waffen

Gegriffen unterm arm. Koͤnnt Troja ſeyn beſchuͤtzt

Durch jemands raht und huͤlff/ ſo haͤtt ich ihr genuͤtzt

Durch dieſe treue hand/ daß ſie verwahret waͤhre

Geblieben fuͤr dem feind. Nimm dich des landes ehre

Und heiligthumb nun an. Dein Troja ſich vertraut

Zu deinem ſchutz und nur auff deine huͤlffe ſchaut.

Nimm zu gefaͤhrten mit und ſchutz der ſelben Goͤtter

Und ſuch ein ander ſtadt: ſie werden dein erretter

In allen noͤhten ſeyn: Wenn du nach zwanzig jahr

Auff ungeſtuͤmmen meer durch mancherley gefahr

Wirſt haben aus geirrt. Dann wirſtu gluͤcklich bauen

Zum denckmal eine ſtadt/ daran du moͤgeſt ſchauen

Dein herrligkeit und luſt. Hiermit bracht er herfuͤr

Aus innerſter Capel der Goͤttin veſtae zier/

Die
[76]Das Andere Buch.
Die weit und breit regiert/ wie auch ihr ewges feuer/

Der Pallas heiligthumb/ geraͤthe/ zeug und ſchleyer.

Immittelſt geht es bunt an allen ecken her/

Da hoͤrt man in der ſtadt/ wie alles zaget ſehr.

Es nimmet uͤberhand der menſchen jammerſchlagen/

Es ſchallet mehr und mehr in ohren weh und klagen/

Es bricht herein der ſchall der grimmen waffen ſchon:

Zwar meines vaters hauß ligt etwas weit davon.

Ich fahr aus tieffem ſchlaff und werde deſſen innen/

Ich ſteige gar hinauff bis an die hoͤchſte zinnen

Und giebel unſers dachs; Ich ſteh und reck das ohr

Gleich wie ein bauersmann auff einem berg empor/

Im fall ein feuer brennt bey ſtarcker winde ſauſen

In aͤhren/ oder koͤmmt ein ſtrom mit grimmen brauſen/

Der von dem berge ſcheuſt/ und uͤberſchwemmt die ſaat/

Darauff der ackersman ſein hoffnung froͤlich hat

Gebaut mit muͤh und ſchweiß: eꝛ ſieht beſturtzt die felder/

Wie ſie zu grunde gehn/ und wie der ſturm die waͤlder

Verderbt/ und niederreiſt die baͤume groß und klein.

Nicht anders kunte mir damahls zu muhte ſeyn.

Da kommt uns in die hand der glaube/ da erhellet

Der Griechen liſtigkeit/ worauff ſie es geſtellet/

Theiphobs hohes hauß faͤllt nieder/ daß es kracht/

Weil niemand wehren kan der grimmen feuersmacht.

Itzt breñt des nachbars Hauß: der ſeeport uñ die ſchantze

Sind weit und breit erfuͤllt von dieſer flammen glantze.

Man ſchreyet uͤberall/ es thoͤnet die Trompet;

Ich greiffe zum gewehr/ weiß faſt nicht wo mir ſteht

Der
[77]Das Andere Buch.
Der kopff in dem tumult. Doch koͤñen wehr und waffen/

Wie man erachtẽ kan/ in ſolchem ſturm nichts ſchaffen.

Doch gleichwol bring ich auff die voͤlcker zu dem ſtreit/

Und bin mit meiner burſch zu gehn auffs ſchloß bereit.

Der tolle grimm und zorn pflegt gutes nie zu ſchaffen.

Es koͤmmt mich an die luſt zuſterben in den waffen

Mit ritterlichem ruhm. Schau! da koͤm̃t eben Panth/

Des Febus prieſter/ der da bey ſich bey der hand

Das heilige geraͤht und uͤberwundne Goͤtter

Mit groſſem ſchrecken trug in ſolchem krieges wetter/

Er fuͤhret bey der hand des Hectors kleinen ſohn/

Und koͤmmet lebendig mit gnauer noht davon.

Da laͤufft er in das hauß Eneens/ kan nichts ſprechen

Weil ihm die rede wil fuͤr tummer furcht gebrechen:

Eneas fraget ihn: Wie ſtehts umb uns/ o Panth/

Waß fuͤr ein ſchloß und burg ergreiffen wir zur hand

Weil du von dort koͤm̃ſt her? wie werdẽ wir uns ſchuͤtzẽ?

Was fuͤr ein ort wird uns zu unſrer rettung nuͤtzen?

Ich hatts kaum außgeſagt/ da faͤngt er ſeufftzend an:

Es koͤmmt der letzte tag/ da niemand lauffen kan.

Der tod/ die zeit/ das joch undt ringende verderben

Koͤmmt Trojen auff den halß/ wir muͤſſen alle ſterben.

Es iſt nun aus mit uns! Mie Troja iſts geſchehn!

Der Troer herrligkeit muß nun zu grunde gehn.

Der boͤſe Jupiter wil anſehn/ gluͤck/ vermoͤgen

Und alle herrligkeit verruͤcken und verlegen

Nach Argos: Schaue nur der Griechen regiment/

Wie ſie mit Schwerdt und feur regieren aller end.

Itzt
[78]Das Andere Buch.
Itzt ſteigen aus dem pferd/ das wir herein genommen/

Viel krieger/ die zu uns ſo liſtig ſind gekomuten;

Der leichte Sinon/ dem ſein ſchlauhes thun und liſt

Mit unſerm untergang ſo angegangen iſt/

Frolockt nun uͤber uns/ und laͤufft in allen ecken

Herumb mit ſeiner rott die ſtadt in brand zu ſtecken;

Es dringt der helle hauff zu allen thoren ein/

So viel ihr von Mycen gekommen moͤgen ſeyn.

Die engen gaſſen ſind vom feinde gantz verleget

Es ſteht das krieges volck in ordnung unbeweget

Mit blinckendem gewehr zuſchlachten grimmiglich;

Die wachten/ welche ſtehn zu foͤderſt/ wehren ſich/

Und wiederſtehen kaum mit klaͤglichem gefechte

mit blindem leꝛm uñ kampff. Da ſchik ich mich zu ꝛechte/

Als Panth diß brachte fuͤr/ und lauff in raſenheit

Und trieb der Goͤtter hin/ wo ſchlacht und harter ſtreit

Am dickſten pflegt zu ſeyn/ durch feuer und durch ſpieſſe

Wohin mich der tumult/ und ſchreyen lauffen hieſſe/

Es ſchlaͤgt ſich zu mir Ripheus/ Iphit/ Hypan

Und Dym bey mondenſchein: es koͤm̃t auch auf den plan

Choræb/ der ohn gefehr gleich umb dieſelben tage

Nach Troja kommen war entzuͤndet von der plage

Der tollen liebesſucht. In dem er lieb gewann

Caſſandra/ und zum pfand dem koͤnig wehr und mann

Zur huͤlffe bꝛachte mit/ trug froͤlich die gebaͤrden/

Und hofft in kurtzer zeit ſein tochterman zu werden.

O ungluͤckhaffter menſch/ der fuͤr der prophecey

Der nonnen ſeiner braut nicht wolte tragen ſcheu/

Der
[79]Das Andere Buch.
Der vor-von ihr-gewarnt/ wo er nicht wuͤrde ziehen

Aus Troja/ wuͤrd er nicht den grimmen tod entfliehen/

Nicht folgte dieſem raht. Als ich nun dieſe purſch/

Die dichte ſtund herumb/ auffs gnawſte wol erforſch/

Daß ſie zum widerſtand und ſtreit ſich wolten wagen;

Hub ich des wegen an zu ihnen ſo zu ſagen:

O juͤngling/ euer mnht iſt mir gar wol gekandt/

Ihr ſehet/ wie es iſt mit unſerm gluͤck bewandt

Und daß die Goͤtter uns durch deren huͤlff und gaben

Diß reich noch ſtunde feſt/ verlaſſen gaͤntzlich haben;

Sie ſind gewichen ab von tempel und altar/

Wir aber ſticken nun im euſſerſter gefahr.

Ihr unterwindet euch vergebens beyzuſpringen

Der angeſteckten ſtadt: wolt ihr euch mit mir dringen

Immitten durch den feind mit edler rach-begier

Zuwagen leib und blut/ ſo gehet ſtracks mit mir.

Es muß gefochten ſeyn/ kein mittel iſt vor handen

Den feinden zuentfliehn und ihrer ſchmach und banden.

Ein uͤberwundner man hat dieſen troſt allein

Daß ihm kein hoffnung laͤſt der ſieger uͤbrig ſeyn.

Derhalben ſchlaͤgt er drauff/ und wil mit freyheit ſterbẽ

Als ohne freyheit ihm das leben bloß erwerben:

Auff ſolche weiß ergrimmt der purſche ſinn und muht/

Und eben/ wie die ſchaar der raͤuber woͤlffe thut/

Die in der finſtern dufft/ wenn ſie der hunger jaget

Mit blinder wuͤtigkeit/ und ihr gedaͤrme naget/

Dem raube gehen nach; da warten mit begier

Und aus gedoͤrrtem ſchlund die jungen fuͤr und fuͤr

Wir
[80]Das Andere Buch.
Wiꝛ gehn duꝛch pfeil uñ feind/ ſind vollẽds dran zuſtꝛeckẽ

Entſchloſſen unſre haut/ und laſſen keinen ſchrecken

Vom tod uns jagen ein/ den wir fuͤr augen ſehn/

Und koͤnnen ohne das demſelben nicht entgehn.

Was ſollen wir den feind umbs bloſſe leben bitten/

Wir ziehen mitten durch die ſtadt mit gleichen ſchritten.

Wer kan erzehlen nun/ was in derſelben nacht

Fuͤr blut vergiefſen/ mord und wuͤrgen iſt verbracht/

Wer kan durch redenheit beſchreiben alle leichen?

Wer kan mit zaͤhren doch die muͤh und noht erreichen?

Die alte ſchoͤne ſtadt/ die ſo viel jahr regiert

Wird in den grund zerſtoͤrt/ und nichts als jam̃er ſpuͤrt.

Viel unbewehrtes volck muß unbeklagter maſſen

Von feinden hier und da ſich nieder hauen laſſen:

Die ſtraſſen ſind erfuͤllt mit leichnam blut und mord/

Das rohe wuͤrgeſchwerdt faͤhrt unerſaͤttiget fvrt

Durch hauß und kirchen her/ in welchen weib und kinder

geſchlachtet wurden ab/ nicht anders/ als die rinder.

Es fallen aber nicht die Troer nur allein/

Und muͤſſen grimmiglich dem tod ein opffer ſeyn:

Es koͤmmt zuweilen auch die tugend denen wieder

Ins hertze/ welche faſt zu boden lagen nieder/

Es bleibẽ gleichfalls auch viel Griechen auff dem plan/

Die neulich ſchwungen ſchon die ſtoltze ſiegesfahn.

Mann hoͤret uͤberall ein lautes jammerſchlagen/

Man ſiehet hier und da viel tauſend menſchen zagen:

Des Todes ungeſtalt und greulich ſchreckebild

Mit einfall brand und mord die gantze ſtadt erfuͤllt.

An-
[81]Das Andere Buch.
Androgeos koͤmmt uns von Griechen erſt entgegen/

haͤlt uns fuͤr freundes volck/ und wil zum ſtreit uns regẽ:

Ihr bruͤder ſaget er/ fort fort/ was zaudert ihr?

Die andern tragen weg das gantze Troja ſchier:

Ein jeder ſiehet nur/ wie er ſich kan beraffen;

Ihr aber kommet erſt vom meer/ und wolt noch gaffen.

Als ſie ihm gaben nun kuͤhl antwort und beſcheid/

Da wurd ihn alſo bald ſein toller fuͤrwitz leid

Und kunte mercken leicht/ daß es die feinde waren:

Er wird beſtuͤrtzt und laͤßt kein einig wort mehr fahren/

Zeucht maul und fuß zu ruͤck/ gleich einem/ welcher tritt

Auff eine ſchlang im ſtrauch mit unverſehnem ſchritt.

Und wenn ers wird gewar/ zu ruͤcke ploͤtzlich fliehet/

Die er/ wie ſie mit zorn und gifft auffſchwillet/ ſiehet/

So/ als Androgeos ſich unter feinden ſieht/

Koͤmmt ihn entſetzen an/ daß er zuruͤcke flieht.

Wir dringen auff ſie zu und ſind auff allen ſeiten

Mit feindes volck uͤmringt; Da geht erſt an das ſtreiten;

Theils feinde wiſſen nicht des orts Gelegenheit/

Theils ſind genommen ein mit ſchnoͤder furchtſamkeit/

Wir ſchlagen alles tod. Das gluͤck iſt uns gewogen

Bey erſt verſuchter muͤh! da koͤmmet als geflogen

Choraeb aus ſtoltzem muht und uͤberhebt ſich ſehr

Des wenigen geluͤcks. Ihr bruder (ſaget er)

Laßt uns ſo unſer gluͤck gebrauchen/ weil wir koͤnnen/

Es zeigt uns dieſen weg und wil uns gutes goͤnnen:

Laßt uns der Griechen ſchild und wappen nehmen an/

Ich weiß/ es wird der tauſch nicht uͤbel ſeyn gehtan.

FOb
[82]Das Andere Buch.
Ob tugend oder liſt man brauchen ſol im kriege

Wer fraget was darnach? weñ man mit gluͤck und ſiege

Nur tilget ſeinen feind; Sie geben zeug und wehr

Uns ſelber zu den ranck. Was koͤnnen wir ſonſt mehr?

Da nimmt er ſtracks den helm Androgens mit der feder

Und ſetzt denſelben auff/ zeucht an ſein gelbes leder/

Und nimmt den ſchild zur hand/ und guͤrtet an die ſeit.

Ein kriegiſch ſchweꝛdt/ und macht ſich feꝛtig zu dem ſtꝛeit

Das thun ihm freudig nach ſein andre ſpieß geſellen/

Und wollen ſich mit liſt in neue ruͤſtung ſtellen.

Wir gehn alſo vermiſcht mit Griechen ohne raht

Der gottheit/ die uns nicht darzu gereitzet hat.

Wir haltẽ manchẽ kampff bey finſtrer nacht/ und ſchlagẽ

Nicht wenig Griechen tod: Ein theil laͤßt ſich verjagen

Bis an die ſchiffe hin; Ein theil verſteckt ſich gar

Mit ſchnoͤder furcht ins pferd zu meiden die gefahr.

Es iſt mit ſterblichen (ach leider!) ſo beſchaffen/

Daß ſie nichts richten aus durch ihren rath und waffen

Wenns Gott nicht haben wil: Die Troer brauchen tuͤck

Und liſt in ihrem thun/ was haben ſie fuͤr gluͤck?

Schau wie der feind mit macht kom̃t grim̃ig her gefahrẽ

Und ſchleppt vom tempel mit Caſſandra bey den haarẽ

Sie hebt gen himmel auff vergebens ihr geſicht;

Denn fuͤr die bande kunt ſie ihre haͤnde nicht

Auffheben mit zugleich. Choræb wird gantz ergrimmet

Als er in augenſchein die ſchmach und unbill nimmet/

Daß eine nonn und zwar des koͤnigs tochter wird

Aus innerſter Capel der Pallas ſo gefuͤhrt?

Ver
[83]Das Andere Buch.
Verweget ſich des tods und laͤßt ſich untern hauffen:

Wir folgen ſaͤmptlich nach an feind mit gruñ zulauffen/

Der dicht gewapnet ſteht: Da ſchieſſen ſie herab

Mit pfeilen von den thurm/ daß mancher von uns gab

Sein kuͤhnes leben auff von freuinden ſelbſt erleget.

Da wird ein ſchrecklich bad mit blut und mord erreget/

Als ſie der Griechen wehr und federpuſche ſehn/

Und laͤnger nicht geaͤfft in wahn und irrthumb ſtehn;

Da kommen allerſeits die Danaer zuſammen

Caſſandra ſeufftzt und brennt von lauter zornes flam̃en/

Weil ſie entfuͤhret iſt. Da koͤmmet Ajax her/

Des Atreus beyde ſoͤhn und heer der Doloper

Und ſetzen auff uns zu: Wie/ wenn auff allen ſeiten

Ein ſturm der winde tobt/ und mit ein ander ſtreiten

Mit ſchrocklichem getoͤß. Nord/ ſuͤden/ weſt und oſt

Es kracht der wald davon/ der Meergott ſteht erboſt/

Und ruͤhrt von innerm grund das meer mit ſeinem zackẽ:

Auff ebne weiſe war der feind uns auff dem nacken/

Und ſtuͤrmt mit macht auf uns; Auch die von uns bey

leicht waren liſtiglich in ſchnelle flucht gebracht/ (nacht

Und in der gantzen ſtadt getrieben auff und nieder/

Die laſſen ſich itzt ſehn/ und treffen auff uns wieder;

Sie kennen uns vorerſt an ſchilden und geſchoß/

Bevorab an der ſprach/ als wir uns gaben bloß.

Da uͤbermannet uns alsbald die groſſe menge

Und unſer heer wird gantz uͤmringet mit gedrenge/

Und bleibet Choreb erſt bey Pallas altar tod/

Dem Penelei fauſt legt auff die ſterbens-noth.

F 2Es
[84]Das Andere Buch.
Es faͤllt auch Ripheus/ der von uns am meiſten zielte/

Nach recht und billigkeit/ und uͤbers gute hielte/

Die Goͤtter wolten das/ kein anders haben nicht.

Was koͤnnen menſchen thun darzu was ſo geſchicht?

Es muſte Hypanis und Dymas auch verderben

Selbſt duꝛch die ihꝛigẽ. Panth waꝛ nicht fꝛey vom ſteꝛbẽ

Sein from̃ ſeyn halff ihm nicht noch Febus biſchofs huth

Er muſte laſſen auch ſein leben gut und blut.

Ich wil/ o Troer aſch/ als die wir heilig feyren/

Und dich/ o letzte flamm/ bezeugen und betheuren/

Daß ich noch blut/ noch tod/ noch einige gefahr

Geſcheuet hab/ als ich fuͤrm feind gezogen war.

Und haͤtt ich ſollen auch nach raht der Goͤtter ſterben/

So haͤtt ich noch verdienſt mir koͤnnen da erwerben

Den tod mit tapffrer hand. Doch kom̃ ich wieder drauff/

Und wil berichten dir den endlichen verlauff.

Wir wurden nachmals ab geriſſen von der menge/

Ich/ Iphit/ Pelias/ und kommen im gedraͤnge

Aus dieſem blinden ſtreit: der Iphit von geſtalt

War friſch/ anſehnlich/ ſtarck; Doch aber grau und alt.

Allein der Pelias war wegen einer wunde/

Die ihn Ulyſſes gab/ die ſchmertzlich er empfunde/

Gar uͤbel auff zu fuß/ und huncke langſam fort.

Alßbald erhebet ſich ein ander lerm und mord

Beim koͤniglichen ſchloß; Das uͤberlaute ſchreyen

Laͤßt gleichſam uns herzu die fauſte darzu leyhen/

Da ſehn wir ein gefecht von groſſer wichtigkeit/

Und iſt dargegen nichts zurechnen aller ſtreit/

Der
[85]Das Andere Buch.
Deꝛ in deꝛ ſtadt geſchicht. Nichts iſt das wuͤꝛg uñ moꝛdẽ

Was bißher durch die nacht iſt aus geuͤbet worden;

Wir ſehn die Danaer wie ſie ſich laſſen loß

Mit ungehaltnem grimm zuſteigen auff das ſchloß:

Sie lagern ſich uͤmher/ man laͤſſet vor die ſtuͤcken/

Die man ſchildkroͤten nennt/ und ander bollwerck ruͤcken/

Sie werffen leitern an und kommen an die thuͤr/

Die oben auffgebaut durch ſtuffen/ halten fuͤr

Die ſchilde gegen wurff der dickgeflognen pfeile:

Die Troer laſſen auch zu ihrem ſchutz und heile

Nichts unverſucht. Man nimmt/ in eil die giebel ein/

(Dadurch verhoffen ſie zuletzt verwahrt zu ſein

Wenn allem anſehn nach ſolt alles untergehen/

So koͤnten ſie ja noch dem feinde wiederſtehen)

Und waltzen auff den feind verguͤldne balcken ab/

Der alten ahnen zier/ wieß da die zeit noch gab.

Die andern wurden hin geordnet ſich zu legen

Hinunter an die thuͤr mit ſpieß und blancken degen;

Dieſelbe wurd verwahrt mit einer ſtarcken wacht/

Die aber wiederumb ein Hertze ſich gemacht

Und nach dem ſtreit erhohlt/ die lieffen zu entſetzen

Das koͤnigliche ſchloß und andere zu ergetzen

Die ihre krafft verließ/ auch denen machten muth/

Die ohne hoffnung nicht leicht wagten leib und blut.

Es war ein hinder thuͤr/ die ging durchs koͤnigs zimmer/

Dadurch Andromache zum ſchwieger eltern immer

Pflag unbegleit zugehn und fuͤhrte bey der hand/

Ihr ſoͤhnlein/ welches war Aſtyanax genand.

F 3Da-
[86]Das Andere Buch.
Dadurch geh ich hinauff bis an des ſchloſſes zinnen

Von welchen ſich das volck mit thoͤrichten beginnen

Zu wehren unterſtund/ in dem ſie viel geſchoß

Ohn vortheil lieſſen gehn auff freund- und feinde loß.

Es ſtunde da ein thurn mit hochgefuͤhrter ſpitze

Den Troern jederzeit in fried und kriege nuͤtze/

Man kunte darauff gnau gantz Troja uͤberſehn/

Und wo der Griechen ſchiff und lager pflag zuſtehn:

Da machten wir uns dran mit ſtarckem zeug und eyſen

Die klam̃ern rings herumb mit kraͤfften zu zerſchmeiſſen/

Darauff das holtzwerck ſtund: Als er nun loß gemacht/

Da ſtoſſen wir ihn uͤmm und werffen-daß es kracht/

Den feindẽ auff den halß: Da werden viel zerſchmetteꝛt/

Und knallet anders nicht/ als wenns vom him̃el wettert;

Doch treten andre flugs an ihre ſtell und ort.

Immittelſt fahren wir mit werff/ und ſchieſſen fort.

Es fahret Pyrrh daher in feuerlichten waffen

Mit hochgeſinntem muth fuͤr andre was zu ſchaffen/

Brauſt haͤuſſen vor der burg und in der foͤrder thuͤr/

Und brennet gar hinauff zukommen von begier/

Gleich einer ſchlangen/ die/ wenn ſie hat ein geſchlungen

Im weiden gifftig kraut/ das ihr nicht wol gelungen/

Geſchwollen ſich verkreucht in ihre hoͤhl und grufft/

Und durch den winter ligt ohn leben/ lufft und dufft.

Wenn aber lentz und weſt ſich dringen durch die erde/

Und ſie hinwiederuͤmb erblicket ohn beſchwerde

Daß allgemeine liecht nach abgelegter haut/

Da ſie verjuͤngendt ſich in glatter jugend ſchaut;

Da
[87]Das Andere Buch.
Da waltzet ſie ſich her mit hoch erhabnem bauche/

Erreget ihr geziſch und ſchaͤumendes gehauche/

Erhebet ſich empor zur ſonne fipperend

Mit dreygeſpitzter zung/ und nach der waͤrme brennt.

bey Pyrrh ſich auch Periph ein tapffrer man und ſtrei-

Wie auch Audomedon Achillis ſein bereiter (ter/

Und waffentraͤger fand: Es koͤmmt zugleich herbey

Das gantze Scyrer heer mit hefftigem geſchrey

Und ziehen vor das ſchloß/ man wirffet feuerballen

Auffs dach/ die aber doch ohn alle wirckung fallen:

Er aber Pyrrh ergreifft mit flammender begier

Ein axt und ſchlaͤget an die eiſen-feſte thuͤr/

So lange bis ſie bricht/ und reiſt das thuͤr geſtelle

Faſt aus dem angel weg. Es war die pfoſt und ſchwelle

Nunmehr gehauen aus/ da bohrt er mehr und mehr

Durchs eichen-ſtarcke holtz/ und ſtuͤrmet ſchrecklich ſehr.

Da koͤmmet er ſo weit/ daß er durch ſo viel ſtoͤſſe

Zum einfall macht ein loch von ungeheurer groͤſſe/

Da kan man uͤberall ins koͤnigs zimmer ſehn/

Man ſieht den langen ſaal hin durch weit offen ſtehn/

Da ſo viel koͤnige mit langer reyh fuͤrdeſſen

In gutem fried und ruh regieret und geſeſſen:

Man nimmt in eingang auch bewehrter maͤnner wahr;

Die alda warten auff zu wehren ab gefahr.

Immittelſt aber wird das ſchloß erfuͤllt darinnen

Mit klaͤglichem geſeufftz/ erbaͤrmlichen beginnen

Und ſchrecklichen tumult: Das frauenzimmer ſchreyt

Und ſchlaͤgt ſich an die bruſt/ man hoͤret weit und breit

F 4Ihr
[88]Das Andere Buch.
Ihr achtzen und geheul/ daß es in luͤfften ſchallet;

Die koͤnigin beſtuͤrtzt bald auff/ bald nieder wallet/

Wie auch Andromache und wiſſen keinen raht

In euſſerſter gefahr und untergang der ſtadt.

Sie wolleu nur allein von feindes band und ketten/

Weil nichts mehr uͤbrig iſt/ihr liebes leben retten:

Drumb halten ſie ſich feſt zu letzt an pfoſt und thuͤr/

Und kuͤſſen heiliglich dieſelbe mit begier.

Pyrrh aber faͤhret fort/ und braucht ſich ſeiner ſtaͤrcke/

Es kan noch ſchloß noch wacht ihn haltẽ von dem wercke

Und grimmen wuͤten ab. Die thuͤr bricht endlich loß

Durch mauerbrecher macht und offt empfangnen ſtoß.

Man koͤm̃t mit ſturm hinein. Die griechẽ ſchlagẽ nieder/

Was ſich nicht geben wil und ihnen iſt zu wider/

Es dringt des krieges volck auff allen ſeiten ein

Und kan kein ort fuͤr drang und zwang mehr uͤbrig ſeyn.

kein ſtrom wenn er bricht aus den vorgefchuͤtzeu thaͤm̃en/

Die ſeinen ſtrengen lauff ſich unterſtehn zuhaͤmmen/

Faͤhrt uͤber alles feld mit ſolchem ungeſtuͤmm

Und reiſt mit vieh und ſtall; Als Pyrrh veruͤbt im grim̃.

Ich hab ihn ſelbſt geſehn wie er kundt raſend duͤrſten

Nach lauter mord und blut/ Ich habe beyde fuͤrſten

Der Griechen anch geſehn/ der Helene gemahl/

Den Agamemnon auch im koͤniglichen ſaal.

Ich habe Hecuben mit fuͤrſtlichen matronen

Und in die hundert wol weibadliche perſonen

Zufoͤderſt Priamum zum altar ſchleppen ſehn/

Und alle ſampt durch mord erſchrecklich untergehn.

Es
[89]Das Andere Buch.
Es muſte Priamus ſich auff die fleiſchbanck ſtrecken/

Und das geheilgte feur mit eignem blut beflecken;

Er hatte funfftzig wol der weiber/ hoffte doch

Von ſelbigen zuſehn mehr kindes kinder noch.

Die kammern waren voll arabiſch gold und ſchaͤtzen

Die balcken ſtunden ſchoͤn geziert an allen plaͤtzen

Deſſelben orts mit ſchmuck/ mit raube/ zeug und pracht/

Diß alles gienge drauff in dieſer boͤſen nacht.

Und was von feuer iſt verſchonet etwan worden/

Das hat des feindes grim̃ nach vielem wuͤrg- und morden

Geraubt und weggefuͤhrt. So aber du bericht

Von koͤnigs tod begehrſt/ wil ich dirs bergen nicht.

Als er ſieht/ daß die ſtadt von feinden iſt gewonnen/

Verheert/ beraubt/ geſchleifft und endlich gar verbrunnẽ;

Ja daß auch mitten drinn in ſchloß der feind regiert/

Legt er die waffen uͤmb die ſchultern/ die man ſpuͤrt

Wie ſie fuͤr alterthum/ nicht kalter furcht/ erbeben!

Iſt aber alls umbſonſt: Er kan das werck nicht heben/

Eꝛ iſt kein kꝛiegsman mehr/ der waffen laͤngſt entwehnt/

Nur daß er gleichwol ſich zu wehren etwas ſehnt:

Er zeucht die ruͤſtung an/ verweget ſich zu ſterben/

Wil ſetzen an den feind/ ein lob noch zu erwerben.

Es ſtund in bloſſer lufft im hoff ein groß altar;

Darbey ein lorberbaum von hohem alter war.

Er gienge hoch herfuͤr/ ſein dicker ſchatten deckte

Das gantze ſchloß herumb/ ſo weit der hoff ſich ſtreckte;

Da laͤufft die Hecuba mit ihren toͤchtern hin

Vergebens! zum altar mit hoch beſtuͤrtztem ſinn.

In
[90]Das Andere Buch.
In ſchneller eil/ und thun gleich wie die tauben pflegen/

Wenn wetter/ plitz uud ſturm ſich in der lufft erregen/

Sie greiffen an altar und halten ſich feſt an

Die bilder; Aber nichts/ iſt das ſie ſchuͤtzen kan.

Als ſie den koͤnig nun in waffen ſiehet gehen/

Die einem juͤngeling viel beſſer ſolten ſtehen/

Wie koͤm̃ſt du (ſaget ſie) o armer ſchwacher man

Auff dieſen tollen ſinn und unbedachten wahn/

Daß du dich ruͤſten kanſt mit ſolchen ſchweren waffen?

Wo denckeſt du hinaus? Was wilt du damit ſchaffen?

Nu iſt es nicht mehr zeit zu brauchen ſchild und ſper/

Ja weñ auch Hector ſelbſt mein ſohn noch bey uns waͤhr:

Komm hieher nur zu uns/ laß fahren dein beginnen/

Es wird uns der altar noch wol beſchuͤtzen koͤnnen/

Wo nicht/ ſo ſtirb mit uns: Drauff fuͤhrt ſie ihn hinan/

Und ſetzt ihn beym altar den abgelebten man. (fen

Schau! da koͤm̃t gleich Polyt des Priams ſohn entlauf-

des Pyrrhens wuͤrge ſchwerdt/ enſprungẽ unterm hauffẽ

Der feinde/ fliehet durch den langen ſommer ſaal

Verwundet/ ſieht ſich uͤmm/ da ſteht es uͤberall

Gantz ledig im Pallaſt. Pyrrh aber uͤbernommen

Von zorniger begier eilt baß an ihn zukommen/

Und hefften einen ſtreich: Er laͤufft nach mit gewalt/

Verſolgt ihn grimmiglich: Itzt jtzt hat er ihn bald.

Er koͤmmet noch ſo weit/ daß er ſein eltern faſſet

Zu letzt in augenſchein: Da faͤllet er erblaſſet

Und gibt das leben auff mit viel vergoſſnem blut:

Gleichwol laͤßt Priamus nicht ſincken hand und muth

(Ob
[91]Das Andere Buch.
(Ob er ſchon mitten iſt in toͤdlichen gewalten)

Kunt aber weder wort noch eiffer an ſich halten:

Daß dich das ungluͤck ruͤhr (ſchreyt er mit lauter ſtimm)

Fuͤr dieſe boͤſe that/ daß du mein kind bringſt uͤmm:

Du kuͤhner boͤſer tropff! die Goͤtter dir belohnen/

Wie du verdienet haſt; Sie wollen deiner ſchonen/

Wie du des jungen bluts und meiner grauen haar

Verſchonet haſt/ in dem du ungeſcheuet gar

Fuͤr meinen augen mir haſt meinen ſohn erſchlagen/

Den ich/ ſo lang ich leb/ mit hertzleid muß beklagen.

Wie Gottes auge ſieht auff aller menſchen thun/

So wird er geben dir hinwider deinen lohn.

Nicht alſo war Achill/ von dem du boͤßlich tichteſt/

Daß er dein vater ſey/ des ehre du vernichteſt/

Weil du ihm folgeſt nicht: Er hielt mich zwar als feind/

Hats aber gleichwol baß/ als du mit mir gemeint.

Er hielte recht und treu/ ließ ihm zu hertzen gehen/

Da ich ihn umb den leib des Hectors muſte flehen

Und niedertraͤchtig bat/ that mir nach wunſch und ſinn/

Und ließ mich wiederumb in mein reich ziehen hin.

So ſprach der alte herr/ und ſchoß mehr mit verlangen

Als kraͤfften einen pfeil nach ihm/ der bliebe hangen

An ſchild und gieng nicht durch. Drauff ſagte Pyrrh:

Thu meinẽ vater kund/ was ich dir hab gethan: (wolan!

Bericht ihn wiederuͤmb mein grauſames beginnen/

Und wie ich aus der art hab alſo ſchlagen koͤnnen.

Nun abrr ſtirb! Als er diß alſo brachte fuͤr/

Zoch er ihm zum altar mit wuͤtender begier/

Das
[92]Das Andere Buch.
Das koͤnigliche hertz erzittert und erbebte/

Da er im blute lag des ſohnes und kaum webte

Fuͤr odems mattigkeit. Er hielt ihn bey dem haar/

Zog aus und ſtieß das ſchwerdt ihn durch die ſeite gar

Bis an den hefft hinein. Diß war des koͤnigs ende;

So weit war ihm vorſehn von Goͤttern ſein elende;

Er ſolte dieſes noch mit ſeinen augen ſehn/

Daß Troja in dem feur muſt endlich untergehn/

Und ihre ſchoͤne burg verwuͤſtet und verheeret

Zu grunde fallen ein/ der weit und breit geehret

Und als ein koͤnig war gefuͤrchtet und geliebt

In gantzem Phrygien durch tugend wol geuͤbt.

Nun aber ligt ſein haupt von ſchultern abgeriſſen

Ohn nahmen/ ruhm und ehr ans ufer hin geſchmiſſen:

Da wurd erſt mein gemuͤht mit grimmer furcht erfuͤllt

Ich wurde gantz erſtaunt/ da mir des vaters bild

Zu ſinn und augen kam. Ich muſt in letzten zuͤgen

Den alten koͤnig ſehn in ſeinem blute ligen.

Creuha macht mir auch bekuͤmmert meinen ſinn/

Von der ich nichts erfuhr/ wo ſie war kommen hin.

Ich dencke/ wie das ſchloß muß ſeyn gepluͤndert worden/

Und was ohn zweifel ſey fuͤr wuͤten blut und morden

Veruͤbet hier und da: Ich denck an weib und kind/

An meinen ſohn Aſcan/ und wo ſie alle ſind:

Ich ſeh mich uͤmb/ ob ſich noch knechte bey mir finden/

Ich ſehe keine mehr/ ſie waren theils dahinden

Geblieben/ laß und muͤd/ theils waren auff die erd

geſprungẽ/ theils in feur umbkom̃ẽ/ theils durchs ſchweꝛd.

Ich
[93]Das Andere Buch.
Ich nur war uͤbrig noch. Ich geh herein mit ſorgen/

Da treff ich Helenen fein lauſchend im verborgen

In veſtens tempel an zu hinders beym altar/

Ich wuſte nicht/ ob ich irrt/ oder ob ſies war.

Ich lieſſe hin und her die augen ſorgſam ſchieſſen/

Kunt aber nicht gewiß/ wer ſie ſeyn moͤchte/ ſchliefſen:

Da aber Trojens feur an tempel naͤher kam/

Und alles ſchiene klar/ alsdann ich erſt vernam/

Daß es war Helene: Sie hatte ſich verſtecket

Der ſcheuſal beim Altar; Die furcht ihr heꝛtze ſchrecket/

Daß ſie ſich gutes nichts zum Troern mehr verſieht

Noch zu den Danaern: Drumb ſie fuͤr beyde flieht.

Weil Troja iſt zerſtoͤrt ſo unerhoͤrter maſſen/

Sie muß des ehmans zorn und grimm/ den ſie verlaſſen/

Noch ſchewen fuͤr und fuͤr/ die beydes unſre ſtadt

Und dann ihr vaterland in grund verderbet hat.

Ich wurde ſtracks beflammt von zorn und toller wuͤte/

So ging mein vaterland mir damals zugemuͤthe/

Deſſelben untergang und grundverderbte ſach

Erregten mich zuziehn den loſen balg zur rach.

Ey freylich! (ſprach ich ſo bey mir) ſol ſie Mycenen

Und Sparta ſchauen an/ Kan ſie ſich wieder ſehnen

Zukommen wiederheim? Soll ihrs ſo gehen hin?

Sol ſie mit ſiegespracht/ alß eine koͤnigin/

Gedencken ein zuziehn? Bey ihren ehman wohnen?

Ja wol/ er wuͤrde ſie nach ihrer treu belohnen!

Mit was fuͤr ſtirn wolt ſie fuͤr ihren eltern ſtehn?

Koͤnt ſie die kinder wol mit liebe wieder ſehn?

Wil
[94]Das Andere Buch.
Wil ſie Trojaner auch/ darzu Trojanerinnen

Nach Argos nehmen mit/ die ſie bedienen koͤnnen?

Sol koͤnig Priamus ſo ſchnoͤd uͤmbkommen ſeyn?

Sol Troja ſeyn nmbſonſt zerſtoͤrt/ geaͤſchert ein?

Nicht alſo: Denn ob man ſchon keinen ruhm erlaͤuffet/

Weũ man ein weib ergreifft/ und bey den haarẽ ſchleiffet

Und ſchlechtes lob verdient/ wenn man erhaͤlt den ſieg

Von einer ſchwachen frau/ die nicht verſteht den krieg.

Jedoch wird man mir lob und ehre zuerkennen/

Wenn ich diß boͤſe weib und greuliche beginnen

Werd haben außgetilgt/ gerechtigkeit geſtuͤtzt/

Die miſſethat geſtrafft/ die froͤmmigkeit beſchuͤtzt.

Es ſol auch maͤnniglch von meinem rach-grimm ſagen/

Und daß ich hertz und muht nach allein wolbehagen

Gekuͤhlet und ergetzt. Ich wil der ſeelen ſchaar/

Die abgeſchlachtet ſind/ diß opfer bringen dar.

So viel wort ſtieß ich aus: Ich war gantz uͤbernommen

Von tollen eyfers grimm/ da ſeh ich eben kommen

Die mutter zumir her in klarem glantz und liecht

Bey dickgewoͤlckter nacht/ da ſie ſich vorhin nicht

So klar mir zeigete: Sie ließ ſich alſo ſehen/

Wie eine Goͤttin ſonſt bey Goͤttern pflegt zuſtehen;

Sie fiel mir in die hand zuwehren ab den mord/

Und aus dem roſen mund gab ſie mir dieſe wort?

Wer hat dir leid gethan/ mein ſohn/ daß du ſo brauſeſt

Von ungehaltnem zorn/ und ſolchr maſſen hau ſeſt?

Wo haſt du gegen uns gelaſſen deine pflicht/

Daß du/ was dir gebuͤhrt/ im mieſten denckeſt nicht?

Wilſt
[95]Das Andere Buch.
Wilſt du nicht ſehn zuvor/ wo du den alten vater

Anchiſen/ der ja war dein allerbeſter rather/

Gelaſſen haſt? Und ob Creuſa dein gemahl

Und Aſcan leben noch? Umb die nun uͤberall

Der Griechen heer ſich legt. Es wuͤrden ſie die flammen

Ergriffen haben ſchon und uͤber ſie zuſammen

Im grimm gegangen ſeyn; Es haͤtte ſie das ſchwerdt/

Wenn ich ſo treulich nicht ſtuͤnd ihnen bey/ verzehrt.

Laß dir der Helenen geſtalt nicht mißbehagen/

Und dencke Paris nicht die feindſchafft nachzutragen/

Ob er gleich hat kein lob: Wenn du es wiſſen wilt:

Die Goͤtter/ die ſich vor erzeigten ſanfft und mild/

Verderben dieſes reich/ daß es zu grunde gehet

Mit ſeiner macht und pracht: Schau! wie es itzo ſtehet

(Denn ich wil dir den wahn/ der dein gemuͤth und ſinn

Verduuckelt/ und nicht laͤßt zur warheit wenden hin/

Benehmen/ ſcheu nur nicht/ was dich die mutter heiſſet/

Folg ihrem anbefehl/ wie ſich ein kind befleiſſet)

Hier/ wo du ſiehſt/ daß wall und thamm gefallen ein/

Daß kein ſtein blieben mehr auff einem andern ſtein/

Und wo der rauch und ſtaub faſt ſteiget bis in himmel/

So wiſſe/ daß Neptun erreget diß getuͤmmel/

Der ruͤhrt der mauren grund mit ſeinem ſcepter an;

Daher er dieſe ſtadt in hauffen werffen kan.

Die grimme Juno hat hier eine thuͤr und thoren

Fuͤr andern/ die ſie hat zu ihrer macht erkohren;

Sie rufft mit groſſem grimm gewapnet von dem meet

Zu huͤlffs-genoſſen an der Griechen ſchiff und heer.

Die
[96]Das Andere Buch.
Die Pallas aber (ſchau) hat thuͤrne ſchloß und zinnen/

Darauff ſie praͤchtig ſitzt/ und hat der Troer ſinnen

Erſchrecket mit dem blitz und der Meduſen ſchild/

Da ſie ſich wieder Gott und menſchen ſtraͤubten wild;

Er aber Jupiter gibt kraͤffte/ muth und ſinnen

Den Danaern/ daß ſie die Troer ſchlagen koͤnnen

Und gluͤcklich ſiegen ob: Er reitzt die Goͤtter an/

Daß wieder Troja ſie ſich finden auff dem plan.

Nimm eilend ſohn/ die flucht/ und mache doch ein ende

Der außgeſtandnen muͤh/ des jammers und elende;

Ich wil mich nirgend ab-von deiner ſeite-ziehn

Und wil dich ſicherlich nach hauſe bringen hin.

Darauff verbarg ſie ſich in finſtre nacht und ſchatten;

Die Goͤtter/ die ſich mir nie ſo gezeiget hatten/

Die ſahen ſchrecklich aus/ und dreuten Troens ſtadt/

Wie ſichs nun leider! aus-im werck gewieſen hat/

Da duͤnckt mich/ wie ich ſeh die ſtadt im rauch aufffliegẽ

Zerſtoͤret in dem grund und in der aſche liegen

Wie/ wenn ein alte buch auff hohem berge ſteht

Und angehauen iſt/ von welcher man nicht geht/

Als bis ſie iſt gefaͤllt/ die bauren da nicht warten/

Beſondern halten an mit ſcharffen beil und parten

Und geben manchen ſtreich derſelben umb die wett/

Sie aber immerzu noch hoch in luͤfften ſteht.

Der wipffel wackelt ihr/ wenn ſie ſo wird erſchuͤttert

Von harten ſtreichen; Aſt und laub an ihr erzittert/

So lange biß ſie ſich allmaͤhlich geben muß/

Letzt aber knacket ſie und bricht mit krachen loß.

Sie
[97]Das Andere Buch.
Sie faͤllet/ daß ſie viel der baͤume niederſchlaͤget:

So war auch Troja gleich/ wenn man es recht erweget.

Ich ſtieg herab und komm durch muͤtterlich geleit

Durch feuer/ fchwerdt und feind in gute ſicherheit.

Als ich nun komme heim zu meines vaters ſchwelle

Und lang bewohnten hauß der angenehmen ſtelle/

Trug ich den Vater auff zufaſſen wunſch und ſinn

Zutragen auff den berg/ und zu ihm gienge hin.

Er aber wegert ſich und wil nicht laͤnger leben/

Noch mit verdrießligkeit in flucht und elend ſchweben

Und leiden ungemach/ weil Troja iſt zerſtoͤrt.

Fuͤr euch/ als junge purſch/ (ſagt er) die flucht gehoͤrt.

Ihr habet ſtarcke bein/ und koͤnnet noch viel tragen/

Ihr habt noch muth uñ blut/ und koͤñet euch friſch wagẽ:

Wenn laͤngre lebensfriſt von Goͤttern wehre mir

Gegeben/ wuͤrden ſie mich laſſen wol allhier.

Sie wuͤrden dieſen ort mir haben noch erhalten;

Es iſt genung/ daß ich die ſchreckliche geſtalten

Des kriegs und untergangs hab einmal muͤſſen ſehn/

Und uͤberleben noch das ungluͤck/ das geſchehn.

Gebt mir nur gute nacht und gehet eurer wege/

Daß mein faſt todter leib zu ſeiner ruh ſich lege.

Ich wil mit eigner hand mir ſelbſt den tod an thun/

Wo nicht/ wird doch der feind ſich mein erbarmen ſchon:

Nim̃t er den leib gleich mit; Wer fraget nach dem grabe

Und ſtattlichen gepraͤng; Wenn ich die erde habe/

Iſt alles ander nur veraͤchtlicher verluſt/

Der keinem/ wenn er ligt geſtorben/ iſt bewuſt.

GIch
[98]Das Andere Buch.
Ich halte mich nur auff mit laͤnger wollen leben/

Der ich muß ſchon voꝛlaͤngſt im haß deꝛ Goͤtter ſchwebẽ;

Ich kan doch keinem mehr ſeyn in der welt was nuͤtz/

Nach dem der Jupiter mit pfeilgeſchwindem plitz

Mich hat beruͤhrt: Alſo blieb er mit gantzen ſinnen

Auff ſeinen vorſatz ſteiff/ und ließ ſich nicht gewinnen:

Ich aber/ mein gemahl Creuſa und Aſcan

Ja alle halten bey ihm weinend ſtaͤrcker an:

Er moͤcht/ als vater/ doch nicht alles ins verderben

Mit ſich zu grunde ziehn und eilen ſo zu ſterben

Da ihn die noht nicht dringt. Er wegert ſichs zu thun/

Beſteht auff ſeinem ſinn/ an einem ort zu ruhn.

Da koͤmmt mich weiter an die wuͤte zu den waffen/

Weil ich elender kan den vater nicht mit raffen?

O daß ich waͤre todt! deuck ich in meinem ſinn/

Denn was hab ich fuͤr rath und gluͤcke zu gewinn?

O vater/ meinſt du denn/ daß ich von dir kan gehen

Und laſſen dich allhier gefahr und noth beſtehen/

Ja ligen jaͤmmerlich? Wie kan dir ohne grund

So unbedachtſam wort doch fahren von dem mund?

Wenn diß der Goͤtter ſchluß/ den menſchen hintertreiben

Nicht koͤnnen/ ſolte ſeyn/ daß nichts ſolt uͤbrig bleiben

Von dieſer gantzen ſtadt und du in deinem ſinn

Dir fuͤrgenommen haſt zu geben alles hin/

Daß beydes du und wir mit ſampt der ſtadt verderben/

Schau! Iſt doch hier ſchon da gelegenheit zu ſterben/

Pyrth wird nicht lange ſeyn/ der gleich itzt zum altar

Den koͤnig grauſam zog bey ſeinem grauen haar/

Und
[99]Das Andere Buch.
Und nechſt dem ſohn/ dem er fuͤrs vaters augen drehte

Den ſpieß in leib heruͤmm und an der heiligen ſtaͤtte

Erſtach ſo jaͤmmerlich. War dieſes ſo gemeint/

O liebe mutter/ die du mich durch ſchwerdt und feind

Brachſt ſicher/ daß ich hier ſol ſehn im hauſe drinnen

Regieren meinen feind mit wuͤtendem beginnen/

Und meinen vater/ ſohn und ehweib ſchlachten ab/

Sol ich ohn gegenwehr erwarten hier mein grab?

Bringt waffen waffen her/ ihr tapffern kriegesleute/

Wer weiß ob dieſer tag nicht iſt der letzte heute?

Wer uͤberwunden iſt/ dem wird ein ziel geſteckt

Vom ſieger: Wol dem/ der hierob noch nicht erſchreckt!

Eroͤffnet mir die bahn zum Danaern auffs neue/

Laßt mich doch krieg und ſtreit anſehen ohne ſcheue/

Wie er geht wieder an: Ein laur/ der heut ſtirbt/

Und ungerochen nicht zuvor ein lob erwirbt.

Hier guͤrt ich wiederumb den degen an die ſeite/

Und nehm den ſchild zur hand/ uñ geh hinaus zum ſtreite/

Da fiel mir meine frau gleich drinnen in der thuͤr

Umb haͤnd und fuͤß und hielt mir den Juͤlus fuͤr/

Den kleinen ſohn: Wenn du wilſt gehen ins verderben/

Sagt ſie/ ſo raff uns mit/ daß wir mit dir gleich ſterbẽ

In allerhand gefahr: Kanſt aber du mit nutz

Vertrauen deiner wehr/ ſo nimm uns erſt in ſchutz

Und dieſes gantze hauß. Wo wolten wir uns laſſen/

Wenn du wolſt ziehen weg ſo unerlaubter maſſen.

In dem ſie ſo das hauß erfuͤllte mit geſchrey/

Ereignet ſich ein ding mit groſſer wunderſchen.

G 2Dem
[100]Das Andere Buch.
Denn unter haͤnden/ als ſie mich ſo wollen halten/

Und alles iſt erfuͤllt mit traurigen geſtalten/

Erſieht man eine flamm an Aſcans zartem haar/

Die lodert umb den ſchlaff und brennet ohn gefahr.

Wir zittern voller angſt und wollen helffen wehren/

Daß dieſe flamme nicht den knaben mag verſehren/

Wir wollen leſchen auch das heilge flaͤmmelein/

Das/ wie uns duͤnckte/ nichts gemeines kunte ſeyn;

Da hub der vater froh die Augen auff gen himmel

Und reckt die haͤnd empor und betet im getuͤmmel:

O groſſer Jupiter/ ſo du erbittlich biſt/

Sieh uns doch gnaͤdig an/ weil dein ruhm herrlich iſt:

Wir bitten dieſes nur; Und ſo wir etwas koͤnnen

Verdienen noch umb dich mit heiligem beginnen/

So ſteh uns/ vater/ bey/ mach dieſes zeichen wahr.

Anchiſes hatte noch nicht außgeredet gar/

Da donnert es gar ſchnell mit krachen uns zur lincken/

Und ſah von himmel man in finſtern luͤfften ſincken

Ein flaͤmmlein/ wie ein ſtern mit einem langen ſchwantz/

Der liefe durch die lufft mit wunder-hellem glantz;

Er uͤberfaͤhret hin die haͤuſer und verſtecket

Sich in Idæer wald/ aus dem ſich weit erſtrecket

Ein langer lichter ſtrich: Als er nun aus gebrannt

Raucht er wie ſchwefel-dampff und roch weit durch das

Da muß der vater ſich als uͤber ſtrebt bekennen/ (land;

Und hebt gen himmel hin ſein hertz und heilge ſinnen/

Und betet beydes an die Goͤtter und den ſtern/

Den er auch heilig nennt und wil nun folgen gern.

Nun
[101]Das Andere Buch.
Nun wil ich (ſaget er) ohn ſaͤumnuͤß mit euch gehen/

Wohin ihr mich nur fuͤhrt: Ihr Goͤtter wollet ſtehen

Fuͤr unſer hauß und ſtamm/ die ihr uns iederzeit/

Als vaͤter habt beſchuͤtzt in ruh und ſicherheit.

Laßt meinen enckel euch Juͤlum ſeyn befohlen/

In dem ſich Troja kan einſt wiederumberholen;

Diß gute zeichen koͤmmt von eurer Gottheit her;

Drumb wil ich/ lieber ſohn/ mit dir gehn ohn beſchwer.

Hierauff als wir ſo ſind in groſſer furcht beyſammen/

Da hoͤrt man heller noch die grimmen feuersflammen

Mit kniſtern durch die ſtadt und immer naͤher gehn/

Bis wir mit unſerm hauß bey nah im feuer ſtehn.

Fort/ lieber vater/ fort! (fieng ich noch anzuſagen)

Huck meinen ſchultern auff/ ich wil dich mit mir tragen;

Es ſol und wird mir nicht ſeyn dieſe laſt zu ſchwer/

Es mag auch/ wie es wil/ mit uns ſonſt gehen her.

Gleich wie es einem geht/ ſolls auch dem andern gehen/

Wir wollen beyd in gluͤck und noht beyſammen ſtehen/

Der klein Juͤlus ſoll zur ſeite lauffen her/

Die frau ſol folgen nach/ und was noch uͤbrig mehr/

Ihr diener/ wil ich euch zur nachricht dieſes ſagen/

Gedenckt es ohn vergeß in eurem ſinn zutragen.

Es ligt ein huͤgel da nicht ferne von der ſtadt

Wenn einer koͤmmt hinans/ da Ceres annoch hat

An alt- und wuͤſter ſtett gelaſſen einen Tempel/

Darneben ſtehet auch zum denckmal und exempel

Ein alter Cypernbaum/ der bißher ſchon viel jahr

Durch andacht alter leut erhalten fuͤr gefahr.

G 3Da-
[102]Das Andere Buch.
Dahin gedenckt zu uns auff jenen berg zukommen/

Wir haben dieſen weg zu gehen fuͤrgenommen/

Der vater kan bey ſich noch tragen in der hand

Das heiligthumb/ das uns noch blieben unentwand/

Mir aber wils noch nicht geziemen und gebuͤhren/

Weil ich komm aus dem krieg/ daſſelbe zuberuͤhren/

Es ſey dann/ daß ich mir aus einem klaren[/] fluß

Vom blute ſtaub und ſchwal ab waſche hand und fuß.

Nach dieſem deck ich mich mit einem Loͤwen felle/

Und dann den vater auffzufaſſen fertig ſtelle;

Der kleine ſohn Juͤl mein troſt und ehepfand

Faßt an/ und haͤlt ſich feſt an meine rechte hand/

Und folgt mir/ wie er kan/ mit gar ungleichen ſchritten;

Mein weib geht hinden nach: Wir gehen all immitten

Sorg/ hoffnung/ noht und tod bey dicker finſternuͤß/

Und da ich meines muths war vorhin ſo gewiß/

Daß ich mich keine noth/ gefahr/ noch pfleil noch ſpieſſe

Des feinds/ wie ſehr er ſich rottierte/ ſchrecken lieſſe/

Bin itzo ſo verzagt/ daß mir ein luͤfftelein

Und nur ein rauſchend blat kan ſchrecken jagen ein.

Als der ich muß zugleich fuͤr ſohn und vater ſorgen

Und meine klag und leid ſtets tragen in verborgen.

Ich war nun nah am thor/ da bildet ich mir ein/

Es wuͤrde keine noht noch muͤh mehr uͤbrig ſeyn/

Weil ichs ſo weit gebracht; Da koͤmmt mir fuͤr die ohrẽ

Ein ſchnell und groß gerauſch/ als kaͤme volck von thoren:

Der vater/ der es ſah im dunckeln/ ſchreyet auff:

Lauff/ was du kauſt/ mein ſohn/ mein ſohn/ ſie kom̃ẽ/ lauff!

Ich
[103]Das Andere Buch.
Ich ſeh die blancken ſchild und ehrne waffen ſchimmern

Da hebet an mein hertz fuͤr angſt und furcht zu wim̃ern/

Weiß nicht/ wie mir geſchicht/ was fuͤr ein ungethuͤm̃

Verwirret meinen ſinn mit ſolchem ungeſtuͤmm.

Denn da ich irre geh und mich verfuͤhren laſſe

Von der gemeinen bahn und rechten landesſtraſſe/

Befind ich/ daß mein weib dahinden blieben iſt:

Ich armer man gedenck: Huy! daß ſie dein vergißt.

Ich bin gantz ungewiß/ ob ſie ſich hat verirret/

Ob ſie ſich nieder hat geſetzt/ ob ſie verwirret

In ihren ſinnen iſt. Ich kan ſie finden nicht;

Sie iſt auch nie hernach mir kommen zugeſicht.

Ich hat auch eher nicht nach ihr zuruͤck geſehen/

Noch an ſie da gedacht/ als bis mit langem gehen

Wir kamen an das hauß und Tempel Ceres hin/

Dahin uns/ wie gedacht/ trug unſer hertz und ſinn

Erſt hier an dieſen ort/ da wir beyſammen waren/

Hat ſie allein gefehlt: Da muſten wir erfahren

ſtracks wieder neues leid. Ich lieffe wie bethoͤrt

Und ſchrie beyds uͤber Gott und menſchen unerhoͤrt

Was haͤtt ich klaͤglichers doch wol erleben koͤnnen

Nach uͤmb gekehrter ſtadt? Doch kan ich nichts beginnẽ;

Ich laß die meinigen/ die ich verſteckt im thal/

Der purſch befohlen ſeyn/ und dencke noch einmal

Zu treffen mit dem feind. Ich geh die blancke waffen

Zu legen wieder an/ und wo es gibt zuſchaffen

Mich zu verfuͤgen hin. Ich mache dieſen ſatz

Mit unbewegtem ſchluß zu gehen auff den platz

G 4Und
[104]Das Andere Buch.
Und wieder anzufahn/ wo ichs gelaſſen habe/

Und durch die gantze ſtadt zu rennen auff und abe

Mit wagnuͤß alles deß/ was ich verlieren kan

Zu gehen in gefahr/ zu fechten als ein man.

Zwar anfangs/ wo ich war zum thor hinaus geſchluntert

Mit meiner theuren laſt/ da geh ich baß ermuntert

Zu ruͤcke wiederumb/ und zwar bey dunckler nacht/

Und ſeh genau/ daß ich den weg/ den ich in acht

Im ruͤckgang fleißig nam/ zu folgen nicht verlaſſe;

Da koͤmmt mich grauen an durch dieſe lange ſiraſſe/

Es ſchreckt mich auch zugleich die ſtille wuͤſteney/

Ich eile fort und geh in unſer hauß ohn ſcheu/

Das hatten aber gleich die Griechen eingenommen/

Die nach uns waren ſtracks mit vollem grim̃ gekom̃en;

Da treibt in einem huy der wind die feuersbrunſt

An giebel/ alles wird erfuͤllt mit dampff und dunſt.

Sie nimmet uͤberhand und tobt ohn widerſtande/

Die herrligkeit der ſtadt verſinckt in dieſem brande.

Ich geh auff Priams burg/ beſeh noch einſt das ſchloß/

Da find ich vorhoff/ ſaal und alles ſtehen bloß/

Das ſonſt die Juno hat zur freyſtadt außerſehen:

Ich ſah den Phoenix/ drauff wie auch Ulyſſen gehen/

Die waren darzu abgeordnet vondem heer/

Daß ſie verwahreten den raub/ darbey noch mehr

Von Trojens ſchaͤtzẽ kam/ was vor ſtack in neun ſchloͤſ-

Das tragẽ ſie herfuͤr und ihrẽ raub vergroͤſſern: (ſern/

Die Tempel ſind beraubt/ der Goͤtter tiſch ſteht leer/

Man ſieht die guͤldenen pokalen tragen her.

Ich
[105]Das Andere Buch.
Ich fang in finſtern an gantz uͤber laut zuſchreyen/

Lauff hin und heꝛ und kan noch feind noch fꝛeunde ſcheuẽ;

Ich ruffe jaͤmmerlich Creuſam mein gemahl:

Umbſonſt! ob ich ſchon ſchrey und ruffe ſonder zahl.

Als ich ſo durch die ſtadt in haͤuſern ſuch und klage

Der ſinnen faſt beraubt und unauffhoͤrlich zage/

Da koͤmmt ihr ſchatten bild mir ungluͤckhafften fuͤr/

Und duͤnckt mich/ wie ich ſie ſeh ſtehen noch bey mir

Viel groͤſſer als ſie war/ da wird mir muht und ſinnen

Erſchrecket und beſtuͤrtzt/ daß ich nichts kan beginnen;

Ich bleibe/ wie ein ſtock/ mir ſteht das haar empor

Fuͤr ſchrecken/ daß ich auch kein wort kan bringen vor

Daꝛauff ſpricht ſie mich an mein angſt mir zu benehmẽ:

Mein liebſter ehegemahl/ wie kanſt du dich ſo graͤmen/

Was richteſtu mit aus? Es kan je nichts geſchehn/

Wenns von den Goͤttern nicht iſt worden erſt vorſehn.

Du ſolſt nicht nehmen mit Creuſam deinen gatten/

Der groſſe Jupiter wil dieſes nicht geſtatten:

Du wirſt noch lange zeit im elend ziehen her/

Und ſegeln mit gefahr durchs ungeſtuͤme meer.

Du wirſt Italien erreichen endlich koͤnnen/

Wo man die Tyber ſieht mit lindem ſtrome rinnen

Durch dieſes weite feld/ das ſchoͤn und wolgebaut

An welchen maͤnniglich ſein wolvergnuͤgen ſchaut.

Da wirſt du wiederumb dein gluͤck und wolergehen

In freude/ fried und ruh nach hertzens wuntſche ſehen

Mit einem koͤnigreich und koͤniglichen frau

Begabet: Laß nur ſeyn die thraͤnen/ die ich ſchau

G 5Umb
[106]Das Andere Buch.
Umb dein geliebtes hertz Creuſam/ mag nicht ſehen

Der Griechen koͤnigreich noch uͤmm-mit ſtoltzen-gehen/

Gleich wie die Doloper ſich tragen/ wil auch nicht

Den frauen dort zu land ablegen huld und pflicht.

Ich bin geboren frey von Troiſchem gebluͤte

Der Goͤttin Venus ſchnur von edelem gemuͤthe/

Die groſſe Cybele der Goͤtter mutter wolt/

Daß ich an dieſem ort und lande bleiben ſolt.

Hiemit gehab dich wol und laß dir aller wegen

Seyn unſers ſohnes leib und wolfahrt angelegen:

Als ſie diß außgeredt ließ ſie mich weinend ſtehn/

Da ich mit antwort ihr gleich wolt entgegen gehn.

Ich ſahe ſie nicht mehr/ weil ſie von mir verſchwunden;

Ich hatte mich zwar ſie zu greiffen unterwunden

Zum oͤfftern/ aber ſo vielmahl floh ihre leich

Und ſchien aus meiner hand den ſchnellen winden gleich.

Als nun die lange nacht war dergeſtalt verfloſſen/

Da komm ich wiederumb zu meinen reißgenoſſen.

Hier muß ich meinen ſinn mit wundrung halten auff/

Wenn ich bedencke/ was fuͤr groſſes zu gelauff

Von vielen leuten war/ die mit uns wolten ſchiffen

Und ziehen weg; Es war in dieſer zahl begriffen

Beyds mann- und weibesvolck auch jungẽ groß uñ klein/

Die mit uns alle ſampt im elend wolten ſeyn/

Ein arm und ſchwaches volck! Sie kamen aller enden

Und wolten bey uns ſtehn/ und alles daran wenden/

Was ſie vermochten nur an haabe muht und gut/

Sie wolte ſparen nicht ihr leben/ leib und blut.

Ich
[107]Das Dritte Buch.
Ich moͤchte ſie zur ſee mit-zu geſellen-nehmen/

Sie wolte nach gebuͤhr ſich wiſſen zu bequemen/

In welchem land ich ſie auch wolte theilen aus

Daß ſie ſich ſetzeten und bauten hoff und hauß.

Es ging der morgenſtern nun wieder auff den hoͤhen

Des berges Ida auff und ließ den tag uns ſehen/

Das viel gewuͤntſchte liecht: Der grim̃en feinde ſchaar

Belegten alle thor und nahmen ihrer wahr.

Weil wir kein hoffnung nun bey uns mehr uͤbrig hatten/

Die uns zum ſchutz und nutz des landes kaͤm zuſtatten;

Als gab ich mich auch drein/ nahm meinen vater mit

Und trug ihn auff den berg mit manchen ſauren tritt.


Das Dritte Buch.


ALs nun der Goͤtter rath und willen ſchlechter

Ergehẽ muſte ſo/ dz Troja untergiẽge (dinge

Mit Priams gantzem ſtam̃ der fuͤr ſich war

ohn ſchuld/

Und daß die groſſe burg zugrunde fallen ſolt/

Auch itzo rauchte noch Neptunus ſtadt vom brande/

Da ziehn wir auff befehl der Goͤtter aus dem lande

Und folgen ihrem tritt zu ſuchen hier und dort

Zu unſerm auffenthalt bequemen ſitz und ort.

Wir laſſen uns den zug ſeyn ſchleunig angelegen/

Wir bauen am gebuͤrg/ und bringen bald zu wegen

Faſt einem ſtarcken zeug an ſchiffen bey der ſtadt

Antandros/ wiſſen nicht/ wo das verhaͤngnuͤß hat

Uns
[108]Das Dritte Buch.
Uns einen ſitz beſtimmt: Was uns daſſelbe werde

Fuͤr wege zeigen noch/ damit wir nach beſchwerde

Zu ruhen halten ſtill/ wir bringen auch in eil

Ein zimlich kriegsheer auff/ darunter iſt ein theil

Von buͤrgern aus der ſtadt/ theils hier und da vom lande

Verarmet meiſtentheils/ wies geht bey ſolchem ſtande.

Der ſommer war kaum da/ mein vater hieß mich gehn

Zu ſegel/ weil ſich ließ der goͤtter wille ſehn.

Ich ſtoß von Haven ab mit vielen jammerthraͤnen/

Und kan mich nicht mehr nach dem vaterlande ſehnen/

Wo Troja vorher ſtund/ ligt itzt ein wuͤſtes feld

Und kaum den namen noch von ſeiner zier behaͤlt.

Weil ich nun muß davon als ein vertriebner wandern/

So fahr ich auff die hoͤh des meeres mit den andern

Als meiner reiſepurſch und Aſcan meinem ſohn/

Nehm meine Goͤtter mit und ziehe ſo davon.

Es ligt nicht fern ein land/ hat immer krieg und vhede/

Wird zwar bewohnt/ ſteht doch ſehr wuͤſte/ kahl und oͤde/

Die Thracer bauen es: Lycurg hat da regiert

Fuͤrweilen/ und ſehr ſtreng das regiment gefuͤhrt/

Die Troer ſind alda fuͤr alters eingekehret/

Und haben heiliglich das gaſtungs recht geehret/

Die Goͤtter auch gemein gehabet unter ſich/

So lang uns das geluͤck anblickte guͤnſtiglich.

Hier komm ich her durch macht der ſtarcken ſegelwinde/

Und bau die erſte ſtadt am Haven/ den ich finde

Darzu bequem und gut: Im eingang litt ich noth:

Denn etliche von uns ſchlug dieſes volck zu tod/

Und
[109]Das Dritte Buch.
Und wolten dieſes recht der gaſtwirtſchafft verſehren:

Ich aber gebe fuͤr/ daß ſie mir zugehoͤren.

Der mutter Venus bring ich hier ein opffer dar/

Wie auch den Goͤttern/ die mich ſchuͤtzen in gefahr?

Die ihrer guͤte nach mir gunſt und huͤlffe thaten/

Daß mir der neue bau hier muſte wol gerathen/

Dann ſchlacht ich einẽ ſtier von gutem fett und ſchmeer/

An graſichten geſtad dem groſſen Jupiter.

Es war ein grab dabey/ daraus man ſahe ſprieſſen

Den gruͤnen hagedorn und myrten reiſer ſchieſſen

In dicker meng herfuͤr: Ich gehe gar hinan/

Und unterfange mich ſo viel ich immer kan/

Denſelben gruͤnen puſch zu reiſſen aus der erde/

Auff daß der altar mit dem laub bedecket werde:

Da traͤgt ſich zu ein ding/ das wunderſchrecklich war/

Daß einer der es ſah/ darob beſtuͤrtzte gar.

Denn als der erſte ſtrauch von ſtamme wird geriſſen/

Sieht man des ſelbten blut gantz tropffenweiſe flieſſen/

Und fallen auff die erd davon ſie wird befleckt/

Da koͤm̃t mich ſchaurẽ an und wird mein ſinn erſchreckt.

Es ſtehet mein gebluͤt von kalter furcht und grauen/

Weil ich bey dieſem grab erſchrecklich ding muß ſchauen:

Bald riß ich wiederumb ein ander ſproͤßlein aus/

Da blutet ebenfalls der außgeriſſne ſtrauß;

Ich forſch der urſach nach/ die in verborgen liget/

Ich ſinne hin und her/ nichts find ich das mir tuͤget;

Ich ruff die Nimpffen an des ortes nach gebꝛauch/

Ich richte mein gebaͤt zum vater Mavors auch/

Den
[110]Das Dritte Buch.
Den ſie die Thracier als ihren Schutzgott ehren/

Sie wollen gnaͤdiglich den boͤſen dingen wehren/

Und geben allerdings zu dem/ was ſie geſehn/

Ein gluͤcklich ende/ heil und alles wolergehn.

Als aber drittens ich mit groͤſſerem bemuͤhen

Verſuch die reiſerlein von ſeinem ſtaͤmm zu ziehen/

Und mit den knien mich feſt ſtemme gegen ſand

(Was ſol ich thun? ſol ich auſſagen wies bewand?

Doch oder ſoll ichs gar mit ſchweigen uͤbergehen?)

Da hoͤrt man in dem grab ein klaggeheul entſtehen/

Und ſchallt uns dieſe ſtimm tieff in die ohren ein:

Eneas/ wie kanſt du ſo unbarmhertzig ſeyn?

Was zerrſt du mich/ der ich ohn das muß elend haben?

Ach ſchone meiner doch/ der ich ſchon bin begraben/

Beflecke nimmermehr durch ſolche boͤſe that

Die heilig-fromme hand/ und folge meinem rath.

Es hat mich Troja dir nicht unbekand gezeuget/

Das wunderliche blut/ daß ſich allhier eraͤuget/

Fleußt von dem ſtamme nicht. Ach fliehe doch nur weit

Aus dieſem lande weg/ da nichts als grauſamkeit.

Fleuch von dem Haven doch/ da grimme raͤuber wohnen/

Die alles raffen hin und keines menſchen ſchonen;

Denn ich bin Polydor. Hier haben ſie mich her

Verſcharret und bedeckt mit pfeilen alſo ſchwer/

Zerſtochen meinen leib mit ſo viel ſcharffen ſpießen/

Daß ſie nun wiederumb wie baͤumlein herfuͤr ſprieſſen;

Da koͤmmt mich ſchnelle furcht mit ſolchen aͤngſten an/

Daß ich erſtarret ſteh und kein wort reden kan.

Mit
[111]Das Dritte Buch.
Mit dieſen Polydor verhaͤlt ſichs ſolcher maſſen:

Sein vater Priamus wolt ihn nicht laͤnger laſſen

Zu Troja/ da er ſah daß auff der Troer heer

Und ihrer ſtaͤrck und macht nicht mehr zu trauen wehr;

Und daß der feind die ſtadt bezogen und uͤmgeben/

Drumb wolt er dieſen ſohn erhalten noch beym leben/

Schickt ihn mit vielem gold dem Thracer koͤnig hin/

Er moͤchte heimlich doch denſelben aufferziehn.

Als endlich nun die macht der Troer wird verheeret/

Und ſich das gute gluͤck von ihrer ſeite kehret/

Steht er dem andern theil den Griechen huͤlfflich bey/

Und folget ihrem gluͤck und heerzeug ſonder ſchen.

Ja was das aͤrgſte war/ wird bruͤchig an dem glauben

An redligkeit und treu/ und daß er moͤge rauben

Das ihm vertraute gold/ ſchlaͤgt er das Printzelein

Zu tod und ſcharret ihn erzehlter maſſen ein

O du verfluchter geiſt/ zu welchen boͤſen ſtuͤcken

Kanſt du der menſchen hertz nicht zwingen und beruͤcken!

Als mich der ſchrecken nun verließ/ thu ich bericht

Von dieſem abendtheur und kans verbergen nicht.

Ich hinterbring es ſtracks den obern der gemeine

Und melds dem vater erſt/ und frage/ was doch ſeine

Und andrer meinung ſey? Die ſtimmen gehn dahin/

Daß wir aus dieſem land und raubneſt ſollen ziehn.

Es waͤre doch nichts mehr als wirthshauß/ das beſchrien

Von groben laſtern ſey: Wir ſolten nur zufliehen

Zu ſchiffe ſeyn bedacht mit erſtem guten wind.

Das war der raͤthe ſchluß/ ſo waren ſie geſinnt.

Wir
[112]Das Dritte Buch.
Wir ſtellen demnach an/ wies pflegt zu ſeyn bey leichen/

Ein grab dem Polydor mit heiligen gebraͤuchen.

Es wird ein grab gemacht: Man bauet nachmals auch

Der ſeele zween altaͤr nach uͤblichem gebrauch/

Behaͤngt ſie trauriglich mit ſchwartzem flor und binden/

Daß durch die augen man mag groͤſſer leid empfinden.

Es wird ein Cypernbaum geſetzet auch darbey/

Daß er der ſterbensnoth ein trauerzeichen ſey.

Es ſtunden rings uͤmbher Trojanſche klagefrauen/

Die mit zerſtreutem haar ſich lieſſen traurig ſchauen

Nach hergebrachter ſitt: Wir bringen einen nab

Voll warmer milch herbey und ſchuͤttens in das grab/

Auch eine ſchale bluts. Nach dem wir nun die ſeele

Geruffen an das grab: Wird ſie flugs in die hoͤhle

Und grufft geſcharret ein: Damit ſie kaͤm zur ruh/

Und ſchrien ihr zuletzt mit lauter ſtimm zu.

Hernach ſo bald ſich ließ ein klares wetter ſehen/

Und daß man ſicherlich zu ſegel kunte gehen/

Da uns ein linder ſud rufft auff das hohe meer;

Da machet ſich die purſch ans ufer haͤuffig her

Und ſtoͤſſt die ſchiffe loß: Da fahren wir von hinnen

Und laſſen land und ſtadt aus unſern aug- und ſinnen

Es ligt ein Eyland da auff dem Aegeer meer/

Das iſt gewidmet dem Neptun mit heilger ehr/

Der mutter ebenfalls der meer einwohnerinnen/

Der Doris/ die dis land nach ihrem wuntſch und ſinnen

Haͤlt lieb und ehren wehrt. Dieſelbe Inſul hat

Als ſie ſchwumm hin und her uͤmbs ufer und geſtad/

Der
[113]Das Dritte Buch.
Der fromme bogenſchuͤtz Apollo angbeunden

An Mycon und Gyar/ da hat man drauff befunden/

Daß/ wie er ſie gemacht/ ſie ſtehet unbewegt/

Wie ſehr und aber ſehr ſich mancher ſturm erregt.

Hieher gelang ich nun: Diß Eyland nimmt uns matte

In ſeinem Haven auff/ da man gut ruhen hatte.

Als wir geſtiegen aus/ beſehen wir die ſtadt/

Da Febus ſeinen ſitz und heilgen Tempel hat.

Der koͤnig Anius der beydes vor-dem lande

Und Policeyen-war/ und dann mit heilgem bande

Verknuͤpffet/ daß er trug den prieſterlichen ſtand

Des Febus/ kommet gleich gelauffen mir zur hand/

Traͤgt einen lorberkrantz/ geheilgten ſchmuck und zierde:

Wir geben uns die hand mit ſehnlicher begierde/

Er kennt den vater noch/ als er ihn nennen hoͤrt/

Den er als alten freund geliebet und geehrt.

Drauff gehen wir hinein: der Tempel/ wie man ſchauet/

War von gemaͤuer alt/ zur andacht ſchoͤn gebauet.

Ich trage mein gebaͤt auff ſolche maſſen fuͤr:

Ach zeig/ Apollo/ doch ein eignes haͤußlein mir

Und unverruͤckten ſitz! ſag an/ wo wir in friede

Uns koͤnnen ſetzen hin/ die wir von kriege muͤde

Und reißbeſchwerden ſeyn? Erhalt/ erhalte doch

Das andre Troja uns/ ſo uns beſtimmet noch/

Das fuͤr den Danaern und grimm Achillis bleibe/

Davon uns keine macht noch liſt der feinde treibe.

Wo ſollen wir hinziehn? Was gibſt du uns fuͤr rath?

Wo meineſt du/ da wir uns bauen eine ſtadt?

HGib
[114]Das Dritte Buch.
Gib uns ein zeichen doch/ o vater/ daß wir koͤnnen

Verſtehen deſto baß dem hertze/ will und ſinnen.

Ich hatts kaum außgeſagt/ da kam mir ploͤtzlich fuͤr/

Wie alles bebete/ der tempel und die zier

Des Lorbeerkraͤntzeleins. Es regte ſich ein brummen

In gantzen berg herumb/ man hoͤrte drinnen ſummen

In innerſter Capell/ die ſelbſt eroͤffnet ſich/

Den dreyfuß: Uns wird bang und fallen aͤngſtiglich

Zur erde/ beten an; Da laͤßt ſich von uns hoͤren

Ein uͤberlaute ſtimm: Ihr Troer/ laſt euch lehren/

Ihr uͤbermuͤdes volck: Das erſte land/ das euch

Vor erſter eltern ſtamm getragen/ ſey eur reich.

Das wird euch wiederumb nachtragenden verlangen/

Wenn ihr kehrt wieder hin/ auffnehmen und empfangẽ/

Ernehren mildiglich mit ſeiner fettigkeit;

Gedencket nur/ daß ihr dahin gefliſſen ſeyd/

Wie ihr in Welſchland moͤgt zur alten mutter kommen/

Da ihr in wollfart ſeyd und bleibet auffgenommen;

Da wird Eneens ſtamm und koͤnigliches hauß

Sie durch die gantze welt gar herrlich breiten aus/

Und wird ſein regiment auff kindes kinder kommen/

Und alle/ die von ihm ihr ankunfft hergenommen.

Diß war des Febus ſpruch. Es ſchreyet jederman

Fuͤr groſſen freuden auff; Es jauchtzet/ wer nur kan/

Sie forſchen alle ſampt/ wie das/ was ſie vernommen/

Recht zu verſtehen ſey/ und wo man muß zu kommen

In dieſer ſtadt? Was es fuͤr eine ſolte ſeyn/

Dahin ſie wiederumb hieß Febus ziehen ein.

Da
[115]Das Dritte Buch.
Da hebt Anchiſes an von alten jahr geſchichten/

So weit er dencken kan/ uns alle zuberichten:

Ihr obern/ ſaget er/ hoͤrt meine reden an

Und lernet/ wie ihr ſeyd mit eurer hoffnung dran.

Es ligt ein Eyland da/ im mitten auff dem meere/

Heißt Creta/ ſtehet zu dem Zevs zu dienſt und ehre/

Darbey ligt Idens berg: Daher entſpringen wir/

Die wurtzel unſers ſtamms iſt aus geſproſſen hier.

Man zehlet hundert ſtaͤdt an groͤſſe weit beſchrien/

An nutz und fruchtbarkeit viel andern fuͤrzuziehen/

Ein ſegenreiches land/ darneben groß an macht/

Dem auch nichts mangelt leicht an uͤberfluß und pracht.

Daſelbſt iſt Teucer erſt der Ahnherr angekommen

Nach Troja (wenn ich recht die ſach hab eingenommen

Und noch gedencken kan/ geſtalt mir iſt erzehlt)

Und hat zu ſeinem reich ihm dieſen orth erwehlt.

Man ſah der Troer burg und feſtung noch nicht ſtehen/

Man ſahe keine Thuͤrn hoch in die wolcken gehen;

Sie wohnten in dem grund der berg/ und in dem thal.

Daher iſt Cybele die mutter uͤberall

Bekand mit ihrer zunfft der tollen Corybanten/

Die mit dem Cymbelertz durch alle gaſſen rannten;

Daher iſt Idens wald geſtellt in kein vergeß

Man weiß zu ſagen noch von ihrer ſtillen meß/

Und daß die groſſe frau der Goͤtter iſt getragen

Von Loͤwen/ die man ihr geſpannet an den wagen;

Derhalben nur friſch auff! Ermuntert euren ſinn/

Und laßt uns auff geheyß der Goͤtter ziehen hin.

H 2Laßt
[116]Das Dritte Buch.
Laßt uns der winde huld und gunſt zu wege bringen/

Und ziehn auff Creta zu: Es wird uns wol gelingen/

Der weg iſt nicht zu weit (wenn Zevs nur bey uns iſt)

Wir wollen kommen hin in dreyer tagefriſt.

Drauff macht er ſich bereit zu ſchlachten farren abe

Dem Meergott und Apoll zur heilgen opffergabe.

Dem nord und linden weſt bracht er zwey ſchaaffe dar.

die klatſchfrau fleucht geſchwind uñ giebet aus fuͤr wahr/

Es wehr Idomeneus der Hertzog gantz vertrieben

Vom vaͤterlichen reich/ es wehre Creta blieben

Verlaſſen wuͤſt und oͤd/ ſie haͤtten alles ſtehn

Und liegen laſſen da/ es wehr kein feind zu ſehn.

Derhalben laſſen wir die Inſul Delos ligen

Und durch das offne meer die leichten ſegel fliegen/

Wir ſtreichen riſch fuͤrbey die Inſul Nax/ Doneyß/

Olearos/ Paros/ und die in einem kreyß/

Im meer zerſtreuet ſind/ die man Cycladen nennet/

Die von der erde ſind geriſſen und getrennet.

Die booßknecht heben an ihr freudiges geſchrey/

Ein jeder wil mit fleiß ſein beſtes thun darbey.

Die purſche reget ſich auff Creta zu zukommen/

Weil von den Ahnen ſie vor-hatte was vernommen:

Von hinden gehet uns ein guter wind zur hand/

Biß wir ſo fahren ein ins alte Creter land.

Derhalben bau ich ſtracks die ſtadt auff mit verlangen

Und heiß ſie Pergamos zum denckmal ohne prangen.

Die purſche/ die ſich freut des namens/ mahn ich an/

Daß jeder fuͤr ſein hauß und herd ſteh als ein mann.

Ich
[117]Das Dritte Buch.
Ich halte weiter an die veſtung auffzubauen/

Die ſchiffe kunte man nunmehr in trocknm ſchauen

Bey heiſer ſommerzeit. Die purſche gattet ſich

Und iſt bemuͤht das feld zu bauen fleißiglich.

Ich laß ſie buͤrgerrecht und eigne haͤuſer haben;

Als ſie ſich nun in ruh und friede wollen laben;

Da koͤmmet eine peſt mit ſchnellem ungeſtuͤmm/

Und bringet menſchen/ vieh/ ja ſaat und pflantzen/ uͤmm.

Die lufft war angeſteckt von ſchnellem gifft und ſeuche/

Es kam ein boͤſes jahr und brachte manche leiche/

Viel muſten ſterben dran und enden ihren lauff/

Viel lagen hefftig kranck und kamen wieder auff.

Die felder doͤrrten aus von heiſſen ſommer tagen/

Und wolten weder graß/ noch laub noch fruͤchte tragen.

Der vater wil/ man ſol nach Delos wieder gehn/

Umb Febus außſpruch recht und beſſer zu verſtehn/

Hiernebſt zubitten ihn/ umb dieſes zuvergeben:

Wie lange wir annoch im elend muͤſten ſchweben/

Und was er riethe doch fuͤr kraͤfftig artzeney/

Die fuͤr die Peſtilentz zu brauchen nuͤtzlich ſey/

Und ferner/ wo wir hin uns muͤſten endlich kehren/

Damit wir moͤchten uns in fried und ruhe nehren?

Es kam die nacht: Was lebt auff erden groß und klein/

Begaben ſich zur ruh und ſchlieffen ſaͤnfftlich ein/

Da duͤncket mir/ ich ſeh/ als ich ſchlieff etwas milder/

Der Troer Goͤtter ſtehn und ihre heilge Bilder/

Die ich durch ſchwerdt und feur von Troja trug mit mir/

Fuͤr meinem angeſicht/ nnd ſchienen klar herfuͤr.

H 3Mit
[118]Das Dritte Buch.
Mit ſtrahlender geſtalt: Da gleich mit vollem ſcheine

Der mon durchs fenſter ſchien und blinckte hell und reine.

Nach dieſen ſprachen ſie mir alſo troͤſtlich zu;

Und ſtellten mein gemuͤth zur angenehmen ruh/

Was dir zu Delos kan und wird Apollo ſagen/

Das wil er dir durch uns hier haben fuͤrgetragen

Aus gutem willen/ ſchau! Als Troja ſtund im brand/

Sind wir dir nachgefolgt zu waſſer und zu land.

Ja wir ſind neben dir zu felde mit gezogen/

Und haben dir zu gut dem boͤſen fuͤrgebogen:

Wir eben wollen auch hoch preiſen dein geſchlecht

Und kuͤnfftig uͤber Rom regieren ſchlecht und recht.

Bau du nur eine ſtadt/ die herrlich/ groß und maͤchtig

Den groſſen Enckeln iſt und duͤncket nicht veraͤchtig.

Merck aber dieſes auch/ daß du die muͤh und ſchweiß

Annehmſt zu fliehen weg auff goͤttliches geheiß.

Du muſſeſt weg: Es hat dir Febus nicht befohlen/

Daß du dich deiner ruh hier ſolteſt gantz erhohlen

An dieſem ſtrand und land. Auch wil Apollo nicht/

Daß Creta ſey dein ſitz. Nun mercke/ was er ſpricht:

Es iſt ein ort/ der von den Griechen wird genennet

Das Abendland/ das man noch heutigs tages kennet/

Und heiſt Italien/ ein gut und ſtreitbar land/

Das von Saturnus noch und Janos iſt bekand/

Das die Oenotrier bewohnet erſtlich haben/

Dem nachmals/ wie man ſagt/ die nach gebornen gaben

Den namen Welſchland von dem fuͤrſten ſo genand.

Schau! dieſer ſitz iſt uns von Goͤttern zuerkand/

Da
[119]Das Dritte Buch.
Da unſer bleiben iſt: Daher iſt Jas kommen

Und koͤnig Dardanus/ von welchen wir genommen

Den urſprung unſers ſtam̃s. Wolan/ ſteh auf zur ſtund/

Und mache dieſe maͤhr dem alten vater kund;

Sag wolgemuth/ er ſol ſich hierob nicht bedencken

Viel minder ſeinen ſinn vom zweifel laſſen kraͤncken;

Frag nach der ſtadt Corit und land Italien/

Zevs laͤßt dir Creta nicht zur wohnung offen ſtehn.

Als mir nun dieſ geſicht und ſtimme ſchrecken brachte

(Denn damals ſchlieff ich nicht/ ich lage nur und dachte/

Und ließ beduͤncken mich geſtalt und haupt zu ſehn

Und ſichtiglich fuͤr mir der Troer Goͤtter ſtehn/

Es rann ein kalter ſchweiß von meinem gantzen leibe)

Raff ich mich aus dem bett und laͤnger da nicht bleibe/

Heb beyde haͤnde mit gebaͤt zum himmel hin/

Und opffre meine gab mit unbeflecktem ſinn

Nach noͤthigen gebrauch/ erfreut vollkomner ehre

Der heilgen opfferung: den vater ich belehre/

Was ſich begeben hat/ erzehl ihn nach der reyh

Den handel/ er koͤmmt drauff/ und findet ſich/ daß zwey

Der kind- und eltern ſeyn: Er habe drumb geirret/

Weil Teucer kommen war von Creta und verwirret

Faſt hette ſeinen ſinn. Drauff redet er mich an:

Mein ſohn/ der uͤbel du zu Troja wareſt dran/

Da ſie zerſtoͤret wurd/ der du viel haſt erduldet:

Caſſandra hat diß nur verurſacht und verſchuldet/

Daß ich geirret hab/ ſie propheceyte mir/

Es wuͤrde kommen ſo/ wie ich euch zeigte hier.

H 4Nun
[120]Das Dritte Buch.
Nun faͤllt mirs wieder ein/ daß dieſes unſern leuten

Werd ihr beſcheidnes gluͤck und antheil noch bedeuten.

Sie hat des Welſchen reichs ſehr offt und viel gedacht/

Wer aber hats damahl genommen groß in acht?

Wer haͤtte wol geglaͤubt/ daß dis die Goͤtter wolten/

Daß die Trojaner noch nach Welſchland kom̃en ſolten?

Wer kehrte ſich daran/ was offt Caſſandra ſagt?

Drumb folgt dem Febus nur/ was ihm/ nicht uns/ behagt.

So gab er uns bericht: Wir folgen hurtig alle

Demſelben ohn verzug mit groſſem freudenſchalle/

Verlieſſen Creta auch mit wenig anderen/

Die wegen kranckheit nicht zu ſegel kunten gehn.

Wir ſtoſſen wieder ab mit unſerm heer und ſchiffen/

Die durch das wilde meer mit vollem ſegel lieffen;

Als ſie nun kamen durch die wellen auff die hoͤh/

Da ſah man mehrers nichts als himmel lufft und ſee/

Darauff ſtund uͤber uns ein dick gewoͤlckter regen/

Der uns mit finſternuͤß und ſturmen kam entgegen;

Das meer ſah ſchrecklich aus bey ſolcher dunſt und dufft/

Die macht der winde tobt und mengt die weite lufft

Mit lauter ungeſtuͤmm/ erreget wind und wellen/

Die unſre ſchiffe ſind bemuͤhet zuzerſchellen/

Die ſaltzbenetzte fluth zerſtreut uns hin und her/

Der duͤſtre wetterſturm verhuͤllet mehr und mehr

Des tages augenlicht/ die nacht nimmt uns den himmel/

Es plitzet uͤberoſft/ es regt ſich groß getuͤmmel

Im wolcken/ ja es kracht das groſſe himmel-ſchloß/

Und wil ſich reiſſen faſt von ſeiner feſte loß.

Wir
[121]Das Dritte Buch.
Wir werden von dem weg/ den wir uns fuͤrgenommen/

Geworffen uͤberſeit/ und weiß nicht/ wohin kommen;

So gar ſind wir verirrt in unbekanter fluth;

Er Palinurus ſelbſt laͤßt ſincken hand und muth/

Und weiß nicht zwiſchen tag und nacht zu unterſcheiden

Bey ſolcher finſternuͤß/ die er kan weder meiden

Noch endern/ kan ſich auch nicht mehr beſinnen wol/

Wie er bey ſolchem ſturm das ſteuer fuͤhren ſol.

In ſolcher wuͤſten dufft vergehn drey gantze tage

Und naͤchte/ da wir ſo mit groſſer angſt und plage

Getrieben werden uͤmb/ und ſehen keinen ſtern

Noch einig tageliecht/ wie nah doch oder fern

Wir ſchweben an dem land: Dann koͤm̃t uns zu geſichte

Ein Haven allererſt am vierdten tageliechte/

Die berge laſſen ſich fern bey den ſpitzen ſehn/

Und ſahen einen rauch hoch in die luͤffte gehn.

Wir ziehn das ſegel ein/ und ſind bemuͤht zuſchlagen

Die ruder ſtaͤrcker an/ uns ſchleunig fort zutragen.

Die ſchiffer rudern fort mit muͤh ohn unterlaß

Und ſtreichen ruͤſtig durch das himmel blaue naß

Da komm ich aus gefahr der wellen mit dem leben/

Und kan mit beſſerm muth mich zu der ruh begeben.

Wir fahren zu dem ſtrand der Inſuln Strophaden/

Die Griegiſch heiſſen ſo/ weil ſie nicht ſtille ſtehn

Und ligen in den meer/ das damal hergenommen

Den namen/ weil da iſt die Joͤ umbgekommen

Ertraͤncket jaͤmmerlich. Der rauberinnen zunfft/

Die man Harpyien nennt/ und grimmig ohn vernunfft

H 5Gleich
[122]Das Dritte Buch.
Gleich wie die falcken ſind/ in dieſen Inſuln wohnen/

Und keines menſchen je/ wo ſie nur koͤnnen/ ſchonen/

Nach dem des Phineus hauß fuͤr ſie verſchloſſen war/

Und ſie deſſelben tiſch fuͤr furcht verlieſſen gar.

Kein grimmers ungeheur kan man/ als ſie/ erdencken/

Kein aͤrgre peſtilentz kan einen menſchen kraͤncken;

Kein boͤſer ding hat je der Goͤtter zorn und grimm

Gefuͤhret aus der hell/ als dieſes ungethuͤmm.

Die voͤgel ſehen aus gar jungferlich und reine/

Sehr haͤßlich aber iſt der bauch und ihre beine/

Sie haben krumme haͤnd und ſcharffe klauen dran/

Sehn bleich fuͤr hungers grimm/ den keiner ſtillen kan.

Als wir nun kommen hin in dieſen port zu ligen

Zu ſchoͤpffen unſre ruh und froͤliches vergnuͤgen/

Da ſehn wir hier und da viel fette farren ſtehn/

Auch ziegen in dem graß ohn ihrem hirten gehn.

Wir uͤberfallen ſie/ erlegen was wir koͤnnen/

Und theilen dieſen raub/ ſo gut wir ihn gewinnen/

Dem Zevs und Goͤttern mit: Wir machen an dem port

Von raſen tiſch und banck/ und reden nicht viel wort/

Verzehren wolgemuth das mahl und fette biſſen;

Da faͤhrt von bergen her in eil ohn unſer wiſſen

Der raͤuber-hurenſchaar und machen groß geraͤuſch

Mit ihren fittichen und nehmen uns das fleiſch/

Ja ſie beſudeln alls mit ihren krummen tatzen/

man hoͤret ſie auch ſchreyn und mit den ruͤſſeln ſchmatzẽ?

Sie machen endlich ſich mit groſſem ſtanck hinweg:

Wir aber gehn davon auff einen andern ſteg/

Der
[123]Das Dritte Buch.
Der unter einen felß was liget abgelegen/

Bewachſen dick mit laub und baͤumen allerwegen/

Wir richten wieder an und legen feuer dar

Zu ehren unſern Gott und opffern beym altar:

Da kommt von anderm ort und winckel hergezogen

Das raͤubriſche geſchmeiß und auff uns zugeflogen

Zu rauben wieder weg das eſſen fuͤr dem maul/

Beſudeln alle ding. Ich wiederumb nicht faul/

Mahn auff die purſche/ daß ſie ihre degen zuͤcken/

Und wieder dis gezuͤcht mit tapfferm muthe ruͤcken.

Sie thun auff mein geheiß und legen unters graß

Die degen fein zu recht/ die ſchild auff gleiche maß.

Als ſie nun aus geſtad herumb geflogen kommen/

Und ihr gewaͤſche man und klatſchen hat vernommen;

Gib Miſen von der wart durch den trompeten ſchall

Die loſung: Alsbald koͤmmt die manſchafft allzumahl/

Und fuͤhret einen krieg poßirlich anzuſehen/

In dem ſie mit gewehr ſich doͤrffen unterſtehen

Zu hauen diß geſchmeiß/ das wider hieb und ſtich

Mit ſeiner harten haut und purſch verwahret ſich.

Sie fliehen uͤber meer mit ſchneller flucht von hinnen/

Und muͤſſen uns den raub/ den ſie benatzet/ goͤnnen;

Sie laſſen hinter ſich beſchiſſne tapffen ſehn;

Celæno bleibet noch auff einem felſen ſtehn/

Und wil uns/ weiß nicht was fuͤr ungluͤck propheceyen/

Sie bricht in dieſe wort mit uͤberlautem ſchreyen:

Ihr armen Troer ihr/ wolt ihr uns noch mit krieg

So feindlich uͤberziehn? Iſt euch nicht gnung der ſieg/

Daß
[124]Das Dritte Buch.
Daß ihr ein frembdes vieh geraubt und weg genom̃en;

Wolt ihr auch uͤber uns mit ſolcher wuͤte kommen

Und uns ſo treiben weg aus unſerm erb und land/

Die doch unſchuldig ſind/ und keinem was entwand.

Derhalben hoͤret mich und ſtellt in kein vergeſſen/

Was Febo Jupiter/ und Febus mir fuͤrdeſſen

Vorher geſaget hat: Ich groͤſte wuͤterin/

Die aus der helle koͤmmt/ eroͤffn euch meinen ſinn.

Ihr wolt in Welſchland ziehn und habt die wind erbeten

Nach eurem wuntſch. Wolan ihr ſollets auch betreten/

Ihr werdet kommen hin/ ihr moͤget ziehen ein/

Es ſol euch freyer paß und haven offen ſeyn.

Doch ſolt ihr uͤmb die ſtadt nicht ehe die mauren fuͤhren/

Als bis euch wird die noth des grimmen hungers ruͤhren

Und zwingen/ daß ihr muͤßt das ſchwartze teller brodt

Auffeſſen; Da wird erſt angehen eure noth.

Das wird die ſtraffe ſeyn/ daß ihr uns habt bekrieget/

Und wieder fug und recht ſolch unrecht zugefuͤget.

Als ſie dis außgeſagt/ erhub ſie ſich im wald/

Die purſche ſo erſchrack/ daß ihr das hertz erkalt.

Sie ſtarreten fuͤr furcht und fiengen an zuſagen/

Und woltens auffs gewehr nicht ſetzen mehr noch wagen/

Sie riethen/ man ſol nur umb friede halten an

Mit opffer und gebaͤt/ und weichen wie man kan;

Sie moͤgen kommen her vom himmel oder helle/

Wer kuͤmmert ſich uͤmb ſie/ wer achtet ihr gebelle?

Der vater ſteht am port und rufft den Jupiter

Und alle Goͤtter an mit heilgem dienſt und ehr:

Ihr
[125]Das Dritte Buch.
Ihr Goͤtter wehret ab/ was dieſe voͤgel ſingen/

Und laſſet ihren wuntſch und drewung nicht gelingen/

Bewahrt uus gnaͤdiglich fuͤr ſolcher groſſen noth/

Und wehrt den frommen ab all angſt und ſchweren todt.

Darauff befiehlet er/ daß man ſich eilend ſchicke

Zum wegzug und die ſchiff aus dieſem Haven ruͤcke.

Wir ſitzen auff/ der wind treibt unſer ſegel fort/

Wir fliehen durch den ſchaum der wellen an den port/

Da wind und ſteuermann uns hin regiert und fuͤhret

Da ſtoͤßt uns auff Zacynth/ die man von ferne ſpuͤret

Und andre Inſuln mehr. Wir meiden Ithacen

Laertes koͤnigreich/ weil da viel felſen ſtehn.

Wir muͤſſen fluchen noch dem lande/ weils ernehret

Den land verwuͤſter hat Uliſſen/ der verheeret

Hat unſer vaterland: man ſieht in kurtzer friſt

Auch Leucaten den berg/ der Febo heilig iſt/

Fuͤr dem die ſchiffer ſich genau und fleißig huͤten/

Weil da viel klippen ſind und grimme raͤuber wuͤten.

Nach dieſem ſtreben wir ermuͤdet und ſehr matt/

Und ziehen/ ob ſie ſchon faſt klein/ in dieſe ſtadt.

Man wirfft das ancker aus/ die ſchiffe ſtehn am rande;

Als wir nun kommen ſind zu ſolchem guten lande/

Deß man ſich nicht verſah/ thun wir dem Jupiter

Mit opffer und gebaͤt hoch feyrlich lob und ehr.

Wir halten auch an port zur luſt/ wies uns gefiele/

Thurniere/ kampff-gefecht und edle ritterſpiele/

Nach Troiſchem gebrauch/ und machen/ wies geziemt/

Das Actiſche geſtad noch mehr und mehr beruͤhmt.

Die
[126]Das Dritte Buch.
Die purſch entbloͤſſet ſich und uͤbet ſich in ringen/

Wer einen andern erſt kan auff die erde bringen

Nach ritterlichen brauch auff freyem ringe-plan

Beſtreichen ſich mit oͤhl/ daß man ſo leicht nicht kan

Den gegner faſſen uͤmm und ihn zu boden ſchmeiſſen/

Man ſieht ſie beyderſeits von ſchweiß und oͤhle gleiſſen/

Und wie ſich bemuͤhn zu ſiegen freudig ob/

Damit ſie bringen weg ein ritterliches lob.

Wir freuen ſaͤmptlich uns/ daß wir ſo ſeyn gekommen

Durch manche Griechen ſtadt/ und unſern weg genom̃en

Durch manchẽ grim̃en feind/ durch ungluͤck und beſchwer

Mit elend und gefahr/ und gluͤcklich kommen her.

Die ſonne hatte nun den groſſen kreyß vollendet/

Da ſich die rauhe zeit des winters zu uns wendet

Mit vielem ſchnee und froſt/ da ſee und ſtroͤme ſtehn

Gefroren/ daß man kan mit laſten druͤber gehn.

Ich nehm den ehrnen ſchild/ den ritter Abas truge/

Den einer neben mir behertzt zu boden ſchluge

Und hefft ihn an die pfoſt/ die gegen uͤber ſtund

Und mache dieſe ſach durch dieſes verßlein kund:

Der Griechen ſieger ſchild/ den einer da verlohrẽ

Zu Troja redlich hat/ derſelbe ſey erkohren

Zum denckmal dieſes mañs/ der ihn gewonnẽ hat/

Eneas henckt ihn auff/ als zeuge dieſer that.

Hierauff thu ich befehl/ daß man zu ſegel gehe/

Und jeder ſeine-ſtell verwalt und fertig ſtehe:

Die purſch halt ernſtlich an mit rudern in die wett/

Und ſtreichen durch das meer/ daß voller ſchaum es ſteht.

Wir
[127]Das Dritte Buch.
Wir laſſen alſo fort Corcyra hinden ligen/

Gehn auch Epeir fuͤrbey/ bis wir uns endlich biegen

Und kehren in den port der ſeinen namen hat

Von Chaon/ kommen drauff nach Buthrot in die ſtadt.

Alhier erſchallt der ruff und wunderlich geruͤchte

Daß man nicht glaͤuben kan und haͤlt fuͤr ein getichte/

Es haͤtte Helenus des koͤnigs Priams ſohn

Eroͤbert Griechenland und truͤge da die kron.

Denn Pyrrh waͤr vom Oreſt in tollheit uͤmgekommen/

Und haͤtt Andromache den Helenum genommen

Zum koͤnig und gemahl: Es koͤmmt mir frembde fuͤr/

Und wil mir gantz nicht ein: Ich trage ſtracks begier

Zu reden mit dem man umb dieſe wunderdinge/

Von ihm zu hoͤren ſelbſt/ und wie es ihm ergienge/

Man gaͤbe nemblich fuͤr/ er were koͤnig da/

Und haͤtt ihn bey gelegt die frau Andromacha.

Ich geh vom Haven weg/ laß ſchiff und ufer ſtehen/

Da laͤßt Andromache ſich fuͤr dem thore ſehen

In ſchattenreichem Hayn/ da wo das waſſer rinnt/

Das man auch Simois/ wie jens zu Troja nennt/

Daß man des langen kriegs diß ortes nicht vergeſſe;

Hier haͤlt ſie ihrem man dem Hector eine meſſe

Nach jaͤhrlichem gebrauch/ mit treuen andacht ſinn/

Richt opfferſpeiſe zu und geußt die ſchale hin

Voll tawerwein auffs grab/ weil ſie den leib nicht hatte/

So bildet ſie ihr ein/ es lege da ihr gatte:

Derhalben machte ſie ein leeres grab allein/

Und baute zween altaͤr/ der eine ſolte ſeyn

Fuͤr
[128]Das Dritte Buch.
Fuͤr ihrem ehegemahl/ der ander ihrem ſohne

Und hebt zuruffen an mit jammerlichen thone

Des Hectors geiſt herbey; Damit ſie alſo hab

Zu weinen ſatten fug umb ihren mann und grab.

Als ſie mich kommen ſieht und unſre waffen kennet/

Da ſtuͤtzet ſie darob/ ſie ſiehet ſtarr und ſinnet/

Entſetzet ſich ſo gar ob dieſer dinge lauff/

Daß ſie in ohnmacht faͤllt/ dann ſteht ſie wieder anff

Nach langer weile kaum/ und hebt ſo anzufragen?

Eneas/ biſt dus ſelbſt? Ach/ was ſol ich doch ſagen?

Lebſt oder biſt du tod? Im fall du biſt ein ſchein

Und irreſt uͤmm/ ſag mir/ wo mag doch Hector ſeyn?

Hiemit vergoß ſie viel geſaltzne jammerthraͤnen/

Erfuͤllte mit geſchrey/ mit ſeufftzen/ winſeln/ ſtaͤhnen

Den gantzen ort herumb. Als ſie ſo ſchrecklich thut/

Verlier ich ſelber faſt zu reden luſt und muth;

Ich mache wenig wort/ die halb gebrochen waren/

Ich ſag: ich lebe zwar/ muß aber viel erfahren;

Durch euſerſt ungeluͤck fuͤhr ich mein leben hier:

Trag keinen zweifel nur/ denn ich Eneas bin/

Wie du auch ſelber ſiehſt: Ey doch/ wie iſt dirs gangen

Als einer wittbe noch? Wie haſt du dein verlangen

Geſtillet/ da dir ſo dein eheherr bliebe tod?

Was fuͤr ein wuͤrdig gluͤck ſchien dir nach dieſer noth?

Ey doch Andromache! Die du den Hector hatteſt:

Iſts dem alſo/ daß du mit Pyrrhen dich begatteſt?

Da ſchluge ſie zur erd ihr angeſicht aus ſcham/

Und redte leiſe/ daß man ſie kaum recht vernahm.

Wie
[129]Das Dritte Buch.
Wie iſt Polyxena ſo ſelig doch geworden

Fuͤr andern fraͤuelein in jungfraͤulichen orden/

Daß ihr zu Troja iſt bey des Achillis grab

Von feindlicher gewalt der kopff geſchlagen ab!

Man hat nicht/ wie umb mich/ umb ſie das loß geſpielet/

Man hat nach ihren ruhm der keuſchheit nicht gezielet/

Sie hat erfahren nicht des ſieg/ feinds grimmigkeit/

Vnd ligen nicht gedorfft mit zwang an ſeiner ſeit.

Wir aber/ da uns hauß und hoff war angeſtecket/

Und durch ſo manches meer gezogen und getrecket

Ertragen hoͤchſtes zwangs des freueln Pyrrhens joch/

Der nachmals lieffe nach der Hermione noch

Und legte ſie ihm bey/ mich aber ließ er fahren/

Als die ich muſte nur ſein haus und hoff verwahren/

Hielt mich fuͤr ſeine magd/ und gab mich ſeinem knecht

Dem Heleno zur eh. Das hielt er fuͤr ſein recht.

Oreſt dacht aber auch die braut an heim zufuͤhren;

Als ihn begunte nun die lieb und zorn zu ruͤhren/

Der ſonſt getrieben war von leichter buͤberey

Und wuͤte/ ſieht auff fug/ wie er ihm komme bey.

Da kam ihm bald zur hand gelegenheit im Tempel/

Da ſelbſt erſchlug er ihn mit greulichem Exempel

Fuͤrm altar/ da er ſich verſahe keiner fahr.

Als Pyrrh nun dergeſtalt umbs leben kommen war;

Iſt Heleno ein theil des lands nach recht geblieben/

Der lieſſe ſich das laud Chaoniam belieben

Zu nennen ſo/ die weils von Chaon kommen iſt/

Der ein Trojaner auch geweſen/ wie man liſt/

JEr
[130]Das Dritte Buch.
Er hat auch dieſes ſchloß/ das man fuͤr augen ſchauet

Auff einem hohen felß/ wie Pergamos/ gebauet.

Mit aber was geluͤck biſt du gekommen her?

Was fuͤr ein Gott hat dich gefuͤhret auff dem meer;

Was macht der knab Aſcan? Er iſt ja noch am leben?

Den dir fuͤr Trojens fall die Goͤtter haben geben.

Laͤßt er der mutter tod ihm auch zu hertzen gehn?

Laͤßt er die tugend auch des vaters an ſich ſehn?

Denckt er an vetter auch? An Hectors tapffre ſtinnen?

Laͤſſt er ſich reitzen an durch tugendlich beginnen?

Als nun vergebens ſo durch langen thraͤnen guß

Und klaͤgliches geſpraͤch die liebe zeit verfloß.

Da koͤmmet aus der ſtadt der Helenus ſpatzieret

Mit ſtattlichem geleit/ der damals da regieret/

Er kennt uns ſeine freund/ und fuͤhret uns mit ſich

Er freuet in die ſtadt und weinet bitterlich

Bey einem jeden wort/ erinnert ſich der zeiten

Da Troja ſtund in gluͤck und groß auff allen ſeiten?

Ich gehe fort/ beſchau die neuerbaute ſtadt/

Das ſchloß/ und ſehe wie doch alles gleichheit hat

Mit Troja/ kan hiebey den trocknen Xanth erkennen/

denn man Scamander ſonſt pflegt fuͤglich auch zu nen-

Ich halte mich ans thor und geb ihm einen kuß/ (nen;

Und lege hiermit ab zum denckmal meinen gruß.

Wir werden alle mit in dieſe ſtadt genommen/

So viel ihr waren auch zugleich hieher gekommen.

Der koͤnig lud uns ein auff einen weiten ſaal

Im ſchloſſe mitten drinn; Da ginge manche ſchal

Mit
[131]Das Dritte Buch.
Mit gntem wein herumb: Man trug herein das eſſen

In guͤldnen ſchuͤſſeln auff/ es wurde nichts vergeſſen

An ehr und ſtaͤttligkeit: Wir waren guter ding;

Bis itzt der andre tag mit luſt fuͤruͤber gieng;

Da rieff uns guter wind der in die ſegel blieſſe/

Der kam von ſuͤden her/ und uns bald fahren hieſſe:

Da muß ich Helenum zuletzt noch reden an/

Der in wahrſagerey war ein geſchickter man:

O Helenus/ der du zu Troja biſt gebohren/

Von himmels Goͤttern ſelbſt zum prieſterthum erkohren/

Zu deuten ihren ſpruch/ zu legen aus den ſinn/

Den Febus zuverſtehn/ wo er dich weiſet hin

Durch ſeinen lorberbaum und drey fuß/ der du lerneſt

Der ſterne lauff und port und fleißig ſie anßkerneſt/

Verſteheſt uͤber das des federvolcks geſchrey/

Und was aus ihrem flug zu propheceyen ſey.

Sag an (denn Febus hat mir gluͤck und wolergehen

Zu meiner reiſe vor gegeben zuverſtehen/

Die Goͤtter haben mir ertheilt auch dieſen rath

Nach ihrer macht/ daß ich nach Welſchland dieſen pfad

Beſtaͤndig nehme fuͤr und nach dem lande zoͤge/

Das weit und unbekand und gegen abend lege;

Celaeno aber wil die groͤßſte raͤuberin

Mir anders pfeiffen fuͤr und ſchrecken meinen ſinn

Von einer hungers noth/ die ſchrecklich nachzuſagen;

Da nemblich wider uns die Goͤtter wuͤrden tragen

Gantz unerhoͤrten zorn ) wie koͤnnt ich/ ſag/ entgehn/

Wenn einige gefahr mir vor-noch ſolte-ſtehn?

J 2Was
[132]Das Dritte Buch.
Was gaͤbſt du mir fuͤr rath/ dem ich nach-muſte-leben/

Wenn ich der ſchwerigkeit und noth mich ſolt entheben?

Hier ſchlachtet Helenus den Goͤttern nach gebuͤhr

Und hergebrachten brauch erſt einen fetten ſtier;

Nach dieſem bittet er ſie wollens ihm erlauben

Zu machen offenbahr/ und macht die prieſter hauben

Des heilgen haͤuptes loß/ und fuͤhrt mich zum altar

Des Febus bey der hand. Mir aber graute gar

Fuͤr furcht und wartung/ was daraus doch wolte werdẽ/

Ließ aber gleichwol mich nichts mercken an geberden:

Hierauff eroͤffnet er als prieſter ſeinen mund

Und ſagte her/ nach dem ihm war die ſache kund.

Enea (denn ich weiß/ daß du mit Gottes gnade

Zeuchſt durch das hohe meer und ſtehſt auff gutem pfade/

Es hat der groſſe Gott dein gluͤck in ſeiner hand/

Der endert unſer thun mit ordnung und beſtand)

Ich wil aus vielen nur ein weniges dir ſagen/

Damit du ſicherer durchs meer dich moͤgeſt wagen/

Und kommſt als werther gaſt an einen ſolchen port/

Wie Welſchland iſt/ da du koͤnnſt ruhen fort und fort.

Was hinterſtellig iſt/ kan ich dich nicht belehren/

Weil mir die Goͤttinnen des lebens dieſes wehren/

Auch Juno ſelbſt verbeut: Erſt was Italien

Belanget/ wilſt du faſt in dieſer meinung ſtehn/

Als leg es nah von hier: Du haſt dir fuͤr genommen/

Als woltſt du ihnen bald mit macht zu halſe kommen/

Und weiſeſt doch noch nicht/ was Gott verſehen hat;

Der weg erſtreckt ſich weit; Man reiſet fruͤh und ſpat/

Und
[133]Das Dritte Buch.
Und koͤmmet langſam hin von einen ort zum andern/

Man hat viel hindernuͤß und laͤſſt ſich ſo nicht wandern

Ins land Italien: Es gehet langſam fort/

Wenn man mit rudern wil gelangen erſt an port

Des lands Sicilien/ man muß offt ſtille ligen/

Man muß mit ſegeln ſich und rudern offtmals ſchmiegẽ/

Man muß auch fahren umb das Hadriatſche meer.

Bis an die Hellenbach/ da muß man mit beſchwer

Sich weiter dringen durch/ da wo die Circe wohnet/

Da einem wird die muͤh gering und ſchlecht belohnet/

Eh du mit ſicherheit gelangeſt nach Lavin/

Da du zu deiner ruh das ziel dir ſteckeſt hin/

Ich will dir zum bericht von einem zeichen ſagen/

Das denck ohn unterlaß in deinem ſinn zu tragen/

Wenn du bekuͤmmert wirſt am Tyburſtrome gehn/

So wirſt du eine ſaw an gruͤnem ufer ſehn/

Wo eine ſteineich iſt/ mit dreyßig fercklein ligen/

Iſt weiß/ ligt auff der erd/ die weiſſen fercklein ſchmiegen

Sich umb die bruſt herumb: Da iſt der ort der ſtadt

Da deine muͤh und noth gewiß ein ende hat:

Laß dich auch ſchreckẽ nicht/ ob du auch gleich wirſt habẽ

Das ſchwartze tellerbrodt/ daran du dich kanſt laben.

Die hungersnoth/ wenn ſie itzt kan nicht hoͤher gehn/

Verheiſſet ziel und maß/ und kan nicht laͤnger ſtehn:

Wir wiſſen keinen weg/ Gott wird wol einen finden/

Durch deſſen beyſtand du wirſt koͤnnen uͤber winden/

Was dir zu handen ſtoͤſſt/ fleuch aber jenen ſtrand/

Der dort bey Welſchland ligt/ und meide Griechenland/

J 3Das
[134]Das Dritte Buch.
Das nah bey unſerm meer/ da harte Griechen wohnen

In ſtaͤdten hier und da/ die keines menſchen ſchonen/

Die Locrer haben hier gebauet eine ſtadt

Da Lyct das Salentin ſehr hart belagert hat.

Hier ligt Petilien/ die man geringe ſchauet;

Die aber Philoctet mit feſter maur gebauet;

Wenn du auch kommen biſt hinuͤber durch das meer/

Und du am ufer wirſt den Goͤttern thun die ehr/

Daß du bringſt ihnen fuͤr dein heilig opffer gaben

Und bruͤnſtiges gebaͤt/ ſolt du drauff achtung haben/

Daß du bedecket traͤgſt/ dein haupt und angeſicht/

Damit beym Gottesdienſt du moͤgſt erſchrecken nicht/

Wenn dir ein feind kaͤm fuͤr/ und alſo leicht verſtoͤret

Dein andacht wuͤrde dir und Gottesdienſt entehret.

Dieß art ſolſt beydes du und deine purſch mit dir

In opffern halten ſtets und uͤben nach gebuͤhr/

Wie auch dein gantz geſchlecht/ und ſollet bleiben drinnẽ

Mit unverſehrter treu und heilig-reinen ſinnen.

Wenn aber du davon ins land Sicilien

Wirſt ziehen und kaum erſt den berg Pelorus ſehn/

So ſchlage dich herumb und eile nach dem ſtrande/

Der auff der lincken hand ligt gegen mittags lande/

Geh port und meer/ das dir zur rechten ligt/ fuͤrbey

Und trage nach gebuͤhr den Goͤttern furcht und ſcheu.

Denn da vorzeiten iſt das erdreich auffgeſprungen/

Sind dieſer oͤrter auch viel Inſulen verſchlungen

(So gar ſtuͤrtzt alles hin die lange zeit zu grund)

Als dieſe waren noch ein feſtes land itzund.

Da
[135]Das Dritte Buch.
Da iſt mit gantzer macht das meer darzwiſchen kom̃en/

Und hat Sicilien von Welſchland weggenemmen

Und laͤufft durch ſtaͤdt und feld/ die abgeſondert ſind

Vom ufer/ mit gebrauß bald ab bald zu geſchwind.

Zween oͤrther ſind im meer gefaͤhrlich und beſchrihen/

Die zu ſich manches ſchiff in tieffen abgrund ziehen:

Die Scylla liget rechts/ Charybd zur lincken hand:

Und dieſe tobt und brauſt/ verſchlucket fluth und ſand

Mit ihrem weiten ſchlund und krum gefuͤhrten kluͤfften/

Bald mengt ſie wiederumb die wellen mit den luͤfften

Und ſpruͤet gleichſam faſt bis ans geſtirn hinauff;

Die Scylla aber bleibt und hemmet ihren lauff

In tieffgeſchroffter klufft/ erhebt ſich mit dem ſchlunde/

Und zeucht die ſchiffe hin in klippen und zugrunde;

Theils ſieht ſie wie ein menſch und ſchoͤnes jungfraͤulein/

Theils aber ſcheinet ſie dem meerſchwein gleich zu ſeyn

An ungeheurer groͤß und vielen wolffes ſchwaͤntzen:

Viel ſichrer iſts gethan/ umbziehen weit die graͤntzen

Des vorgebirgs Pachyn/ und bleiben lange ſtehn

Mit wenig zeit verluſt/ als einmal ſollen ſehn

Diß ungeheure thier/ die Scylla/ ihre kluͤffte

Und ſcheußliche geſtalt/ die wolffsbeſchwantzte huͤffte/

Der blauen hund geheul und vieler klippen ſcheu/

Ja ſo mir auch verſtand und weißheit wohnet bey/

Als der ich hab gelernt die kunſt zu propheceyen/

So man nur glauben mir zumiſſet/ als getreuen/

So nur Apollo noch erfuͤllet meinen ſinn/

Daß ich die warheit weiß/ und ein prophet noch bin:

J 4Will
[136]Das Dritte Buch.
Wil ich/ Enea/ dir fuͤr allen dieſes ſagen/

Was dir am nuͤtzlichſten und billig ſol behagen/

Und wil dirs noch einmal gebunden haben ein/

Daß dir daſſelbige moͤg unvergeſſen ſeyn.

Halt bey der Juno an ohn unterlaß zu beten/

Und bis ſtets eingedenck mit andern hin zu treten

Fuͤr ihre Majeſtet/ und ſing ihr lieder gern

Als einer koͤnigin/ die herrſchet weit und fern;

Mach dir dieſelbige geneigt mit opffergaben;

Wenn du nun diß nach wuntſch ſo wirſt erlanget haben/

Wirſt du Sicilien zuruͤcke laſſen ſtehn/

Und nehmen graden weg ſtracks in Italien.

Wenn du nun biſt ſo weit und dañ nach Cumas kom̃en/

Und von dem ſee Lucrin/ wie auch Avern vernommen/

Die man mit zittern hoͤrt in waͤldern brauſen ſehr/

Da wirſt du eine frau mit heiligkeit und ehr

Bekommen zu geſicht/ die hat auch weißheit gaben/

Die pfleget unten an dem felß ihr thun zu haben/

Weiſſaget vielerley/ ſchreibt zeichen auff ein blat

Und namen: Und was ſie ſo auffgezeichnet hat

Von liedern allerhand/ das faſſet ſie in reyhen

Und ordnung fuͤglich ab/ und kan ſich drob erfreuen/

Verſchleußt in ihre hoͤhl/ da bleibt es unentzuͤckt/

Und niemand iſt/ der ihrs von ſtell und ordnung ruͤckt.

Wo aber nun der wind zerſtreuet und verwehet

Die blaͤtter oder laub/ im fall die thuͤr auffgehet/

Bringt ſie dieſelbigen nicht wieder in die zahl

Und Ordnung/ ſondern laͤßt ſie ligen allzumal

Da
[137]Das Dritte Buch.
Da gehn die leute weg/ ſind uͤbel mit zu frieden/

Daß ſie nichts richten aus/ dahin ſie ſind beſchieden

Zu hohlen weiſen ſpruch/ und haſſen dieſes hauß/

Weil ſie ohn unterricht offt muͤſſen gehn heraus.

Laß aber dir die zeit nicht ſo verdrießlich werden/

Ob du ſchon warten muſt mit aͤngſtigen beſchwerden/

Und dich die purſche treibt und guter ſegel wind

Die ſchiffe fodert auff/ daß du mit gluͤck geſchwind

Von dannen fahren koͤntſt. Gedencke du zu gehen

Vor zur Sibyllen hin/ und bleibe drauff beſtehen/

Daß du ſie ſucheſt an umb muͤndlichen Bericht/

Und mercke/ was ſie dir mit gutem willen ſpricht.

Ohn allem zweiffel wird ſie dir der voͤlcker weiſe

Und ſitten mahlen fuͤr/ dahin du deine reiſe

Dir fuͤrgenommen haſt/ was groſſer krieg und ſtreit

Sich wird in kuͤnfftiglich erheben mit der zeit/

Und wird dir zeigen an/ wie du der noth entgehen

Und allem ungluͤck ſolſt/ und alle muͤh ausſtehen/

Die dir ob handen noch. Wird ſie von dir geehrt

So ſey gewiß/ daß ſie dir gutes gluͤck beſcheert.

So viel hab ich gewolt dir zu gemuͤthe fuͤhren/

Laß bey dir durch mein wort kein mißgefallen ſpuͤren.

Wolan! ſo zeuch nur hin/ und mache/ wie dirs ziemt/

Daß Troja durch dein thun und thaten ſey beruͤhmt.

Als dieſes der prophet ſo hatte treuer maſſen

Geſprochen aus/ und mich nicht ohne troſt gelaſſen/

Erzeigt er uͤber das ſich gegen mir ſo hold/

Daß er mir ſchicket zum geſchencke ſchwer am gold

J 5Poli-
[138]Das Dritte Buch.
Poliertes helffenbein/ des ſilbers groſſe ſtuͤcken/

Die unſer ſchiff bey nah zu boden kunten druͤcken/

Auch becken zu Dodon aus ſilber ſchoͤn gemacht/

Ein dreyfach pantzer war von gold auch her gebracht/

auch federn/ ſchild und helm/ des Pyrꝛhens zeug u. waffen

Mit welchen er offt viel uns Troern gab zu ſchaffen:

Er laͤßt dem vater auch geſchencke tragen fuͤr/

Wie ſie ihm ſtehen an nach alter und gebuͤhr.

Er leget roſſe zu von manchen ſchoͤnen arten/

Auch knechte/ ſelbte wol zu recten und zuwarten/

Erſetzt das ruderzeug/ gibt booßgeſellen her/

Verſiehet hier und da die purſche mit gewehr.

Immittels laͤßt Anchis/ die ſchiffe fertig ſtehen

In ſegel/ ſo der wind ſolt etwan ſtaͤrcker wehen/

Daß man ſich ſaͤumte nicht. Den ſpricht der prieſter an

Des Febi Helenus: Anchieſe/ den zum mann

Die Venus hat gewollt gewuͤrdigt hoher maſſen/

Den aller Goͤtter zunfft in ſchutz ſich haben laſſen

Stets anbefohlen ſeyn mit treuer lieb und gunſt/

Von denen du erloͤſt zwier aus des fewers brunſt:

ſchau! dort ligt Welſchland: denck daſſelbe zuergreiffen:

Doch aber heiſcht die noth ein wenig uͤmb zu ſchweiffen:

Das land Lavimum/ das hart an Welſchland ligt/

Das zeigt Apollo dir: Damit ſey nur vergnuͤgt/

Ligt aber auch noch weit. Zeuch hin mit guten winden

Der du durch deinen ſohn dein gluͤck und freude finden

In deinem alter kanſt: des treu und froͤmmigkeit

Zu waſſer und zu land bekant iſt weit und breit.

Wo
[139]Das Dritte Buch.
Wo denck ich aber hin/ daß ich ſo ferne ſchreite

Und dich mit langem wuntſch und unterricht begleite/

Was halt ich dich hier auff/ weil nun der ſegelwind/

Der gleich von ſuden koͤmmt/ ſich wieder bey uns find?

Es bracht Andromachen nicht minder dieſes ſcheiden

Und letzter abſchieds gruß bekuͤmmernuͤß und leiden/

Sie ließ erſcheinen auch ihr hohe mildigkeit

Und ſchickt Aſcanio ein goldgeſticktes kleid/

Auch einen reiter rock durch Phryger kunſt und nadel

Gewircket und geſtickt ohn allen fehl und tadel/

Viel ſtuͤcken noch darzu ſchoͤn außgeneht/ verbremt-

Und ſchamorirt/ daß ſich kein fuͤrſt darinnen ſchaͤmt.

Diß alles ſchenckt ſie ihm/ und wil ſo ſeiner ehre

Begegnen praͤchtiglich beyfuͤgend dieſe lehre:

Mein knabe (ſagte ſie) nimm hin von meiner hand

Was ich verehre dir an kleidern und gewand

Zum denckmal/ daß ich theils hab ſelbſt geausarbeitet/

Ein theil iſt anderweit geſticket und bereitet:

Laß dirs ein zeichen ſeyn/ dadurch du deiner baaß/

Als meiner/ dencken ſolſt mit lieb ohn unterlaß.

Nimm/ ſage ich/ dieſe gab die letzte deiner lieben/

O einges ebenbild/ das annoch uͤbrig blieben

Von meinem ſoͤhnelein Aſtyanax/ den du

Daheim noch haſt gekand bey ſtiller friedens ruh.

Er trug faſt einerley gebaͤrden und beginnen/

Und kunte gleichfalls ſchon auff hohe ſachen ſinnen:

So ſah er/ ſo trug er die haͤnde haupt und mund/

Sein weſen/ gang und ſprach ihm alles zierlich ſtund/

Er
[140]Das Dritte Buch.
Er waͤre dir itzt gleich am alter/ zarter bluͤthe/

An leibes groͤſſe/ ſtand und freudigen gemuͤthe.

Als ſie ſich letzten ſo/ legt ich den wuntſch gleich ab/

Und jeglichem mit hertz und ſinn die haͤnde gab.

Ich muſte mildiglich zu weinen noch anfangen/

Und ſagte noch zu letzt mit hertzlichem verlangen:

Lebt ſelig alleſampt/ die ihr eur ungeluͤck/

Wie hart es immer war/ geleget haͤbt zu ruͤck.

Wir aber muͤſſen noch von einem ort zum andern

Mit groſſer faͤhrligkeit/ mit noth und jammer wandern:

Ihr habt nun gute ruh/ und doͤrfft nicht mit beſchwer

Und vielen ungemach durch ziehn das wilde meer/

Noch Welſchland ſuchen ſo/ nach dem wir lange ſtreben

Und langſam kommen hin/ immittelſt aber ſchweben

In noth und duͤrfftigkeit. Ihr habet Troja nun

Und Xanth dem alten gleich/ ihr koͤnnet nun wol ruhn/

Ihr habt ſie ſelbſt erbaut (Gott geb mit beſſerm gluͤcke

Daß ſie der Griechen liſt euch nicht von haͤnden ruͤcke)

Iſt mir das gluͤck geneigt/ daß ich Italien/

Das mir und meinem ſtamm gegeben iſt/ kan ſehn/

Und nach gebauter ſtadt erwuͤntſchte ruhe finden/

So wollen wir uns dann zuſammen fein verbinden

Mit gutem fꝛied und ꝛecht und gleichẽ freundſchafft band

Weil unſre ſtadt und volck zuſammen iſt verwand.

Cpeir das liget ja Italien zur ſeite;

Wir ſind aus einem ſtamm/ wir ſind aus einem ſtreite

Und krieg gekommen her: Und dieſe ſitt und brauch

Sol unſeres geſchlecht inkuͤnfftig halten auch.

Drauff
[141]Das Dritte Buch.
Drauff ſegeln wir davon nechſt bey dem berg und ſpitzẽ

Da wo es immer pflegt zu donnern und zu plitzen;

Von dannen laͤſſet ſichs ins land Italien/

Wenn man zu waſſer wil/ an allernechſten gehn.

Es wurd ein tag verbracht mit kummer und beſchwerdẽ/

Die ſonne gieng zu ruͤſt und wolte finſter werden/

Wir lagern uns an port zu ſchoͤpffen bißlein ruh:

Immittelſt theilen wir die ruder andern zu

durchs looß/ geſtalt man pflegt. Wir ſetzen da uns nieder

Und pflegen unſers leibs nach ſeiner nothurfft wieder/

Und ſchlaffen deſto baß/ weil wir ermuͤdet ſind/

Da ſtehet Palinur der ſchiffman auff geſchwind/

War noch nicht mitternacht/ nũ forſchet nach dem winde/

Ob ſich gelegenheit zu ſchiffen wieder finde/

Und reckt die ohren hin/ von welcher gegend her

Der wind gelinde ſauſt und ſtreichet auff dem meer/

Er mercket fleißig auffs geſtirn an hohen himmel/

Da noch der monden ſcheint/ noch ſich regt ein geruͤmmel;

Er nimmt den huͤter da des baͤhrens in betracht/

Die naſſen Hyaden/ die Baͤhren auch in acht.

Er ſiehet gar genau auff des Orions zeichen/

Obs fuͤnckelt/ oder obs von duͤnſten wil erbleichen:

Nach dem er alles nun befindet klar und ſchoͤn/

Und meinet/ daß es wol noch lange koͤnne ſtehn/

Da gibt er obenher vom ſchiff ein klares zeichen/

und mahnt uns wiedeꝛ auff davon duꝛchs meeꝛ zuſtreichẽ

Wir brechen auff in eil/ wir ſtoſſen von dem port

Und ſegeln freudiglich auffs neue wieder fort.

Itzt
[142]Das Dritte Buch.
Itzt ſtund die morgen roͤth in ihrem purpur glantze/

Die ſterne wurden abgefuͤhret von der ſchantze

Der himmel blauen burg/ da kund Italien

Und dunckle huͤgel man gar nidrig ligen ſehn.

Italien! faͤngt an Achates auffzuſchreyen:

Italien! auch rufft die purſch und ſich erfreuen:

Da ſchenckt der vater ein und fuͤllt/ ſo viel er kan/

Den groͤſſeren pocal mit wein bis oben an/

Steht hinden auff dem ſchiff und ruffet: o ihr Goͤtter

Des meeres und der erd/ und welche ſtehn dem wetter

Mit huͤlff und gnaden vor/ fuͤhrt unſre ſchiffe fort

Mit gutem ſegelwind zum viel gewuͤntſchten port.

Stracks wurden wir erhoͤrt: Viel gute winde fangen

Zu wehen gluͤcklich an nach tragenden verlangen:

Der Haven laͤſſet ſich itzt mehr und naͤher ſehn/

Man ſieht den Tempel auch Minerven hoͤher ſtehn;

Man zeucht die ſegel ein und kehret nach dem ſtrande/

Der gegen auffgang ligt gekruͤmmet an dem lande/

Die felſen ſchaͤumen zwar von ſaltzbenetzter fluth/

Der Haven aber ligt natuͤrlich feſt und gut.

Die hohen felſſen ſtehn empor auff beyden ecken/

Und mit zweyfacher maur denſelbigen bedecken/

Dafuͤr kan man daſelbſt den Tempel nicht mehr ſehn;

Hier ſah ich in dem graß vier weiſe pferde gehn/

Die weit und breit das feld beatzten und bezogen

Der vater/ der es hat in ſeinem ſiun erwogen/

Und fuͤr ein zeichen nahm/ das ſich ließ erſtmals ſehn/

Fing an und ſagt: O land/ was ſol ich draus verſtehn?

Du
[143]Das Dritte Buch.
Du bringeſt krieg und ſtreit/ die wir ſind deine gaͤſte/

Die pferde pflegt man ſonſt zuruͤſten auff das beſte

Zum krieg ins freye feld. Diß vieh dreut krieg und ſtreit:

Doch pflegt man auch die pferd in ſtiller friedenszeit

Zu brauchen/ da man ſie kan ſpannen vor dem wagen/

Sie koͤnnen wol vereint das joch am halſe tragen.

Es iſt noch hoffnung da zum friede/ ſaget er/

drauff gehn wir hin und thun deꝛ Pallas pflicht und ehr/

Die nahm uns da erſt auff und ließ ſich wol gefallen/

Daß wir mit freyem ſinn die freude lieſſen wallen

Und ſchallen uͤberlaut: Wir gingen zum altar

Bedecket nach der art/ wies ſonſt zu Troja war/

Und was uns Helenus gab fuͤr gebot und lehre/

Die nehmen wit in acht/ und thun andaͤchtig ehre

Nach feyrlichem gebrauch der Juno/ opffern ihr/

Und unterlaſſen nichts an heilgkeit und zier.

Als wir die Gotter nun mit opffern ſo verehret/

Und von dem Haven ab die ſchiff herumb gekehret;

Alsbald verlaſſen wir die ſtaͤdt in Griechenland

Die uns verdaͤchtig ſind/ wie allzuſehr bekand.

Da ſiehet man den ſund der ſtadt Tarentum ligen/

Die Hercul (ſo die ſag iſt wahr) nach harten kriegen

Ihm zinßbar hat gemacht: Lacin ſtoͤßt gegen ihr/

Da man der Juno traͤgt ihr heilig opffer fuͤr/

Wie auch Calonis ſchloß/ und Scylac/ die beſchrien

Von manchem ſchiffbruch iſt/ dafuͤr die ſchiffer fliehen.

Dann ſehen wir von fern das land Sicilien/

Hiernebenſt Etna auch den berg mit grauen ſtehn.

Da
[144]Das Dritte Buch.
Da hoͤrẽ wir das meer/ wies ſchrecklich kracht und ſtoͤnet/

Und wie es maͤchtiglich mit groſſem knallen thoͤnet/

Wenns an die felſen ſchlaͤgt/ und wie ſich weiter fort

Der wiederſchall erhebt gebrochen an den port/

Der Furth erſchuͤttert drob/ der dicke ſand am meere

Vermiſcht ſich mit der fluth: Der vater fuͤhrt die lehre

Ihm wieder zu gemuͤth/ die Helenus ihm gab.

Ach! (ſagt er) dieſer ort iſt faͤhrlich/ ſtehet ab.

Diß iſt Charybd/ davon uns Helenus geſaget/

Ach freylich iſt es ſo ach! laßt es ungewaget

Zu lauffen an den ort: Da ſind der felſen ſtein;

Es mag da manches ſchiff verſchlungen ſchrecklich ſeyn.

Schlagt friſch die ruder an/ ihr treuen mit geſellen/

Damit die fluhten nicht auch unſre ſchiff zerſchellen/

Zerſchmettern/ und uns gar in abgrund ziehen hin.

Sie folgen auff geheyß/ und thun nach ſeinen ſinn.

Da ſtoͤßt erſt Palinur die ſchiffſchnautz auff die linckẽ/

Die von der wellen macht begunte faſt zuſincken/

Und ſehr zerſchlagen war: Sie ſtrebten alle hin

Mit gantzem fleiß das ſchiff zur lincken hand zuziehn.

Wir ſtoſſen wieder ab/ da gehts an unſer leben/

Daß wir in faͤhrligkeit und groſſen noͤthen ſchweben;

Bald fahren wir hinauff bis in die ſternen lufft/

Bald ſahren wir herab gleich als zur hellen klufft.

Es gaben dreymahl wol die felſen zwiſchen ſteinen

Ein ſchreckliches gethoͤn/ das man nicht ſolte meinen/

Wenn in die luͤcken ſchlug der wellen grimme macht/

So hoͤrte man wies drinn erſchrecklich heult und kracht.

Wie
[145]Das Dritte Buch.
wie oft wir nur den ſchaum mit rudern abweꝛts ſtieſſen/

So offt ſah man ihn auch herunter wieder flieſſen

Gleich einem regen guß: Als wir nun muͤde ſind

Mit rudern und geſchrey/ verleuret ſich der wind

Und bricht der abend an: Wir koͤnnen nirgend ſtranden/

Wir wiſſen nicht was noch fuͤr oͤrter ſind obhanden/

Weil uns die wege ſind in finſtern unbekand/

Immittelſt kommen wir an der Cyclopen land.

Der port blieb an ſich feſt/ ob mancher ſturm ſchon ſauſte/

Doch hoͤrte man zugleich/ wie Etna kracht uud brauſte.

Derſelbe berg warff auff bißweilen dicken ſchmauch

Bis an den himmel hin/ wie ſchweffel/ pech und rauch

Er ſpye auch funcken aus/ ja gantze feuerballen/

Die man erſchrecklich ſah bis an die wolcken ſchnallen/

Bißweilen ſtieß er aus und riß fich faſt entzwey

Viel Centner ſchwere ſtein/ die floſſen gleich wie bley

Getrieben durch die lufft/ die ſo viel daͤmpffe machten/

Auch in dem innerm ſchlund mit brauſen hefftig krachtẽ.

Als Encelad der keil des donners niederſchlug

Und er verdienten lohn fuͤr ſeinem hochmuth trug/

Sol unter dieſen berg deſſelben leib noch ligen/

Der halb verbrennet iſt (ſo anders uns nicht triegen/

Die dieſes bringen fuͤr) und druͤckt ihn dieſe laſt

Daß er ohn unterlaß hab keine ruh noch raſt

Und ſpeye dieſer berg/ wenn laͤnger ſeine kluͤffte

Nich halten/ und der dampff heraus wil an die luͤffte/

Viel klumpen feuer aus/ und wenn der rieſe ſich

Auff eine ſeite kehrt/ dann bebe maͤchtiglich

KDaſ-
[146]Das Dritte Buch.
Daſſelbe gantze land mit krachen und getuͤmmel/

Und ſteig auf rauch und ſchwal und diecke lufft und him-

Wir legen ſelbte nacht bedecket in dem wald (mel.

Und muͤſſen hoͤren an/ wie alles knallt und ſchallt.

Das war erfchrecklich traun und ungeheure ſachen/

Und kunten ſehen nicht/ von wannen ſolches krachen

Und beben ruͤhrte her. Man ſah kein ſternen liecht/

So war am himmel auch kein glantz zu ſehen nicht.

Es war die gantze lufft mit dicker dunſt erfuͤllet;

Und hatte ſich der mon die gantze nacht verhuͤllet

Ins ſchwartze wolckenzelt. Der andre tag brach an/

Da koͤmmet aus dem wald ein außgedoͤrrter man.

Wir hatten hiebevor deßgleichen nicht geſehen

Noch ſo elendiglich einher bekleidet gehen/

War mehr ein ſchein/ als menſch: Er gehet weiter fort

Und hebet beyde haͤnd fußfaͤllig gegen port.

Wir ſehen/ daß er iſt gantz ſchlammig zugerichtet

Hat einen langen bart und haar/ das ungeſchlichtet

Und nngekaͤmmet war/ beſchmutzet und befleckt/

Und war ſein kleid mit dorn und kletten dick beſteckt.

Gab fuͤr/ er waͤr ein Griech und weyland mit geſchicket

Vor Troja in den krieg. Und als er drauff erblicket

Der Troer zeug und wehr/ kam ihn entſetzen an/

Hielt etwas ſtill und wich nicht ab von ſeiner bahn.

Bald lieff er/ was er kunt zum Haven/ weint und ſchrie

Mit flehen und gebaͤt/ fiel nieder auff die knye;

Ich bitt euch umbs geſtirn/ umb goͤttliche gewalt

Und allgemeinen lauff des himmels/ nehmt mich bald/

Ihr
[147]Das Dritte Buch.
Ihr Troer/ mit euch weg und fuͤhret mich zu waſſer

In welches land ihr wolt: Ich war eur feind und haſſer/

Ich leugn es nicht/ ich war vom griechen einer auch/

Und habe mit gekriegt/ wie andre/ nach gebrauch.

Wofern ich habe nun ſo groͤblich dran verbrochen/

So ſchaffet/ daß es werd an mir nur bald gerochen/

Werfft mich den wellẽ hin und ſtuͤrtzt mich in das meer/

Es ſol mir dieſe rach nicht werden allzuſchwer.

Von menſchen ſterb ich gern/ und wenn ich ſo geſtorben/

Sol mirs noch ſeyn ein troſt/ daß ich ſo bin verdorben:

Mit dieſem fiel er uns gar ſehnlich umb die knye/

Hielt/ wie er mochte/ feſt und umb gnade ſchrie:

Da reden wir ihm zu/ er ſol uns antwort geben/

Woher er buͤrtig ſey/ warumb er ſo ſein leben

Gering und ſchnoͤde hielt/ was ihn fuͤr eine noht

Betroffen/ das ihn ſo verlangte nach den todt?

Der vater wil nicht lang den menſchen laſſen ſtecken/

Beut ihm die hand/ dadurch ſein hertze zuerwecken/

Zu einem ſichern pfand: Drauff ſagt er ohne ſcheu:

Ich bin aus Ithaca und hab Ulyſſen bey-

Als ſein geferth-gewohnt meins vater war an haabe

Gering und haͤtte nicht/ damit ich noch als knabe

Haͤtt eine kunſt gelernt (ach waͤre das geluͤck

Geblieben/ wie es erſt war ohn betrug und tuͤck!)

Da triebe mich die noth fuͤr Troja mit zu ziehen;

Nun aber da von mir die andern purſchen fliehen

Fuͤr ſchrecken aus der hoͤhl/ und mein gedencken nicht/

Bin ich verlaſſen hier/ und ſchwebt mir fuͤr geſicht

K 2Der
[148]Das Dritte Buch.
Der greuliche Cyclop/ in deſſen hoͤhl ich lage

Mit ſorgen voller muͤh und tauſend facher plage.

Das raubneſt iſt befleckt mit eiter und gebein/

Man ſiehet/ wie das blut geſpruͤtzet an die ſtein.

Die klufft iſt weit und groß/ die weder mond noch ſonne

Beleuchtet/ daß ich ſchweig von einer freud und wonne;

Er aber der Cyclop als ungeheurer mann

Iſt ſchrecklich dick und hoch/ und ſtoͤſſet oben an.

(Ihr Goͤtter tilget doch den ſcheuſaal von der erde/

Damit von ſeinem ſchlund kein menſch gefreſſen werde)

Man kan ihn unbeſturtzt nicht ſehn noch reden an/

Dieweil er menſchen wuͤrgt und ihr fleiſch freſſen kan.

Ich hab es ſelbſt geſehn/ nach dem er außgeſtrecket

In ſeiner hoͤhle lag/ und beyde haͤnde recket

Nach ihrer zweenen aus/ die faſſet er in grimm/

Und ſchlug ſie an dem felß mit groſſem ungeſtuͤmm;

Daß blut und eiter floß und blieb an ſteinen kleben.

Ich habe/ was noch mehr (wer ſolte drob nicht beben?)

Geſehen/ wie er fraß das rohe fleiſch hinein/

Das troffe noch von blut. Die zarten aͤderlein/

Wenn ſie noch waren warm/ noch bebten zwiſchen zeenẽ/

Mit welchen er das fleiſch kunt zerren und zerdehnen/

Bis ers in rachen ſteckt: Bekam ihm aber nicht:

Denn als Ulyſſes ſieht/ daß er wil ſolch gericht/

Und menſchen freſſen auff/ kan er nicht laͤnger dauren

Noch von dem wuͤterich ſich laſſen ſo vermauren/

Gedenckt an ſeine liſt in ſolcher groſſen noth/

Und wie er ſelbſt entgeh der faͤhrligkeit und todt.

Als
[149]Das Dritte Buch.
Als er nun hatte gnug gefuͤllet ſeinen kragen

Und ſo viel rohes fleiſch geſchlungen in den magen/

Auch groſſe menge weins geſoffen gierig ein/

War er ſo tumm und voll/ daß er auff keinem bein

Mehr ſtehen kunte/ ſtreckt ſich auff die erde nieder/

So lang die hoͤhle war und ſpye aus alles wieder/

Was er gefreſſen hat. Wir ſahens an mit ſcheu/

Wir rochen auch den wuſt/ wie auff der ſchinderey

Es ſchwummen hin und her die ſtuͤcken fleiſch vermiſchet

Mit weine/ der vom blut und rothen ſchaume giſchet/

Wir halten das gebaͤt mit heilgem andachts ſinn/

Uud richten unſern wuntſch zum groſſen Goͤttern hin.

Als wir nun unter uns vertheilen ort und ſtellen

Und umb ihn ſtehen her den groſſen ſchmidgeſellen/

Da bohren wir durchs aug/ das er hat an der ſtirn/

Ihm einen ſpitzen pfahl hinein bis ans gehirn/

Das war der groͤſſe nach mit einen ſchild veꝛglichen/

Das in dem felde wird getragen von den Griechen/

Und glaͤntzte wie die ſonn an ſtern-gewoͤlbten thron.

Auff dieſe weiſ empfieng der wuͤtrich ſeinen lohn.

Und raͤcheten an ihm dem ſo unmilden wuͤrger

Daß er mit tollem grimm geſchlachtet unſre buͤrger/

Doch aber laͤſſet ſichs nicht machen hier viel wort.

Ach fliehet fliehet nur ihr guten leute fort

Und haut die ſeile loß/ daß ihr vom Haven kommet/

Denn ſchrecklich Polyphem in weiter hoͤhle brummet/

Das wollen-ſchoͤne vieh verſchleuſt und ihm auszeucht

die milch: ſo ſchꝛecklich ſind noch hundeꝛt/ wie mich deucht

K 3Die
[150]Das Dritte Buch.
Die hin und her zerſtreut an dieſem ufer wohnen/

Und keines/ wenn ſie nur betreten hier/ verſchonen;

Ein ungeſchlachtes volck/ das man Cyclopen nennt/

Und uͤber berg und thal herfaͤhret/ laͤufft und rennt.

Der ſilber weiſe mon hat dreymal nun erneuet

Sein hoͤrner/ daß ich ſtets geſchrecket und geſcheuct

Mein leben fuͤhren muß gantz aͤrmlicher geſtalt

In hoͤhlen bey dem wild/ in puͤſchen/ heck und wald.

Wenn ich ſeh vom gebirg die menſchenfreſſer kommen/

Und hoͤre/ wie ſie gehn und uͤberſchrecklich brummen/

So zittert mein gebein: Der ungeheure wald

Gibt mir das ſteinicht obſt zu meinen unterhalt/

Und muß mich mit dem kraut und herben wurtzeln nehrẽ/

Und meine lebens zeit mit ſorg und furcht verzehren.

Als ich mich nun ſeh uͤmb/ ob eine huͤlffe ſey/

Die mich von ſolcher noth und elend mache frey;

Hab ich euch erſt am ſtrand zu ſchiffe kommen ſehen/

Und mich in dienſtbarkeit zunehmen wollen flehen/

Geſtalt ich nochmals bitt/ daß ihr zu eurem knecht

Mich brauchet/ wie es euch nur duͤncket gut und recht.

Ich wil vergnuͤget ſeyn/ daß ich dem wilden hauffen/

Die man nicht greulich gnung kan nennẽ/ bin entlauffen

Nehmt/ nehmet mich nur hin/ wies euch gefaͤllig iſt/

Und thut mir an den tod/ eh mich der unhold friſſt.

Kaum hat er dis geſagt; Da ſehen wir ihn ziehen

Vom berge mit dem vieh und greulich ſich bemuͤhen

Mit ungeheurem leib/ den er kaum ſchleppet fort/

Und gehet auff uns zu gerade nach dem port;

Ein
[151]Das Dritte Buch.
Ein ſchrecklich ungeheur/ groß/ ungeſtalt und haͤßlich/

Der eines augs beraubt/ geht einher lang und graͤßlich/

Traͤgt einen fichten banm in ſeiner rechten fauſt/

An ſelbten ſteurt er ſich und immer haucht und brauſt.

Die ſchaffe gehn beyher/ das haͤlt er ſeine freude

In ſeinem ungeluͤck und troͤſtung in dem leide/

Die ſackpeiff haͤnget ihm an halſe/ drauff er kan

Mit unbeliebtem thon viel lieder ſtimmen an.

Als er nun koͤmmt ans meer und ſteiget in die fluten/

Waͤſcht er ſein aug ihm ab/ das man ſah hefftig bluten/

kniꝛſcht mit den zaͤhnẽ ſehꝛ/ ſeufftzt tieff fuͤꝛ zoꝛn und gꝛim̃

Und ſchreitet mitten durch des meeres ungeſtuͤmm.

Und geht ihm doch noch nicht das waſſer an die ſeiten/

Wir aber/ da wir ihn ſo ſehen noch von weiten/

Ergreiffen ohn verzug die flucht mit bangigkeit/

Und nehmen mit auffs ſchiff den man/ der uns ſein leid

So klaͤglich truge fuͤr/ der gleichwol treuer maſſen

Sich hat umb uns verdient/ die wir ſo ſicher ſaſſen/

Da er uns warnete. Wir hauen ab das ſeil.

Und ſegeln durch das meer fein ſtille weg in eil.

Wir rudern fuͤr uns hin mit hefftigem bemuͤhen:

Da hoͤrt er am geraͤuſch der ruder/ daß wir fliehen;

Er macht ſich hinden her/ verfolget uns/ wie er kan;

Da er nun keine macht mehr hat zu kommen an;

Noch durchs Joͤnſche meer kan folgen und ereilen/

Da hebt er ſchrecklich an zu ſchreien und zu heulen/

Daß meer und fluth erbebt. Das land Italien

Erzittert/ Etna auch wil gleichſam untergehn:

K 4So
[152]Das Dritte Buch.
So bruͤllet dieſer berg in ſeinen hohlen clauſen

Und ſtreckt ſich in die fern ſeyn groß getoͤß und brauſen;

Da laͤufft das rieſen volck vom berg und wald herbey/

Und laͤßt ſich bringen auff durch dieſes mord geſchrey.

Sie fallen an den port mit groſſen hellen hauffen

und ſehn uns ſtoͤꝛꝛiſch nach mit gantz entbꝛandtẽ ſchnauf-

Wir aber laſſen ſie vergebens nimmer ſtehn/ (fen.

Und mit den koͤpffen hoch bis an die wolcken gehn.

Die bruͤder halten rath/ und ſtehen feſt wie eichen

Und wie Cypreſſenbaum hoch in die luͤffte reichen/

Wie Jovis hoher wald und wie Dianens Hayn;

Sie jagen ingeſampt uns gaͤhen ſchrecken ein

Wir aber in der eil ergreiffen dis bedencken/

Die ſegel anders wo und ſteuer hin zu lencken/

Wohin der wind uns treibt. Hingegen regt uns an

Des Heleni befehl zu fliehn die mittel bahn/

Die zwiſchen der Charybd und Scylla faͤhrlich liget/

Die einen/ wo er ſich nur wenig abwerts bieget/

Verleitet in gefahr und iſt der tod nicht weit/

Weil zwiſchen beyde ſteht ein kleiner unterſcheid.

Wir faſſen ſtracks den ſchluß uns wieder umbzuwenden

Und in Calabrien am erſten port zu laͤnden:

Schau aber/ da koͤmmt gleich zu unſerm gluͤck der nord

von dem Sicaner meer und treibt nach wuntſch uns fort.

Wir gehn Patagens ſtrom̃ fuͤrbey/ wie auch Megaren/

Wir laſſen ebenfalls die Inſul Tapſum fahren/

Der Achemenides/ der dieſer Haven war

Erfahren/ weil er ſie durch zogen mit gefahr;

Gab
[153]Das Dritte Buch.
Gab uns bericht/ wie dieß- und jener ſey gelegen/

Und was dem frembden ſey zu mercken aller wegen:

Es ligt ein Eyland da am ſtrand Sicilien

Da man das vorgebirg Plemmyrium ſieht ſtehn:

Die alten haben es Ortygiam genennet/

Darbey den wunderfluß Alpheum man noch kennet/

Der durch verborgnen gang (ſo ſagt man) unterm meer

In Arethuſa ſich ergeuſſet bis hieher.

Wir halten das gebaͤt den Goͤttern hier zu ehren

Und tragen opffer fuͤr/ nach inhalt derer lehren/

Die Helenus uns gab: Dann laſſen wir das land/

Das wegen fetten ſchlamm/ wie Nilus/ iſt bekand/

Ligt beym Helorus ſtrom: Da ſtreichen wir von hinnen

Bey andern klippen weg/ wie auch Pachynus zinnen

Und felſen/ welche man hoch ragen ſieht herfuͤr:

Es laͤßt ſich Camarin auch blicken weit von hier/

Auch das gefilde/ ſo von Gela wird genennet/

Ingleichen Agragas/ ein berg/ den man weit kennet/

Und da darauff gebaut die weit beruͤhmte ſtadt/

Die weyland helden-roß erzeuget haͤuffig hat.

Wir ſchiffen auch vorbey Selin mit guten winden/

In deren gegend ſich viel Palmen laſſen finden/

Nicht minder fliehen wir das Lilybeer land/

Weil manchen ſtoͤſſt allda verderb und noth zur hand/

Da nemblich ſolche ſtein und klippen ſich eraͤugen/

Die tieff verborgen ſind und ſich nicht laſſen zeigen:

Von dannen fahr ich fort den Haven Drepan zu/

In meinung/ daß ich da werd haben gute ruh/

K 5Da
[154]Das Dritte Buch.
Da wird mir dieſes land zu bittern leid und klagen/

Der ich doch ſo viel noth/ beſchwer und herbe plagen

Gelitten auff dem meer. Mein vater/ der mir war

Ein troſt in ungeluͤck uud ſorglicher gefahr/

Wird kranck und ſtirbet mir. Ach! kanſt du/ lieber vater/

(Fing ich zuruffen an) der du mein beſter rather

In allem unfall warſt/ mich laſſen ſo allein?

Ohn dem mir meine muͤh wird ſchwer zutragen ſeyn.

Ach! ſol es (leider!) mir noch endlich darzu kommen/

Daß du mir ſolleſt ſeyn und werden hin genommen?

Waß nuͤtzt/ was hilfft mich nun/ daß du ſo mancher noth

Entgangen biſt zur ſee und ligeſt hier nun tod?

Es hat mir Helenus zwar gute lehren geben/

Wornach ich richten ſol mein reiſen/ thun und leben;

Er hat mir auch vorher viel herbes ding geſagt/

Diß aber nicht/ was nun mein traurig hertze nagt.

Es hat die grauſame Celaeno mir verheelet

Auch dieſes ungeluͤck/ was mich itzunder quaͤlet:

Hier hatte ſeinen zweck mein jammer voller ſtand/

Diß war die letzte noth zu waſſer und zu land.

Als ich mit hertzleid nun von dannen war gezogen/

Hat mich der hoͤchſte Gott/ der mir noch iſt gewogen/

In euer land gebracht. Hier hoͤrt Eneas auff/

Ein jeder ingeſampt gab fleißig achtung drauff.

Da er der Goͤtter rath außfuͤhrlich kunte melden.

Und wie er ſeinen lauff nebſt andern tapfferu helden

Durch manche noth gefuͤhrt/ hier brach er endlich ab/

Und nach gemachten ſchluß ſich zu der ruh begab.


[155]Das Vierdte Buch.

Das Vierdte Buch.


ALlein die koͤnigin trug ihre liebesſorgen

veꝛwundet laͤngſt zuvoꝛ im heꝛtzẽ unveꝛborgẽ/

Wird von der blindẽ flam̃ je mehr und mehr

verzehrt/

Die liebes ſucht nimmt zu und wird durch gram genehrt/

Da ſie ihr offt und dick des mannes tapffre jugend

Der Ahnen hohen ruhm und heldenreiche tugend

Im ſinne bildet fuͤr: Sie kan vergeſſen nicht

Sein hoͤffliches geſpraͤch und holdes angeſicht.

Sie dencket fort und fort an ſeine ſchoͤne gaben/

Und kan dafuͤr des nachts nicht ihre ruhe haben.

Das guͤldne morgenroth vertrieb die feuchte nacht/

Und wurde wiederumb der helle tag gebracht;

Da kan ſie nicht/ ſie muß ihr leid der ſchweſter klagen/

Die liebe zwinget ſie: Drumb hebt ſie an zu ſagen:

Ach ſchweſter Anna/ wie bin ich durch einen traum

Beſtuͤrtzet unvorſehns/ daß ich kan reden kaum.

Was fuͤr ein neuer gaſt iſt bey uns angekommen?

Ey was fuͤr wunderding hab ich von ihm vernommen!

Wie gieng er doch herein ſo wohl geſtalt und ſchoͤne!

Wie majeſtaͤtiſch ſah er aus/ wie kunt er gehn!

Wie kunt er tapfferlich von krieg und tugend reden/

Von mancherley gefahr/ von Trojens fried und vheder

mein wahn betꝛeugt mich nit/ ich achts fuͤꝛ wahꝛ uñ ꝛecht

Daß er entſproſſen ſey von goͤttlichem geſchlecht:

Die
[156]Das Vierdte Buch.
Die feigheit zeiget an ein liederlich gemuͤthe:

Ach! Was hat dieſer mann fuͤr unerhoͤrte wuͤte

Des gluͤcks geſtanden aus! Was hat er mir fuͤr noth

Erzehlt/ was krieg und ſtreit/ was faͤhrligkeit und tod?

Ja wenn ich nicht ſo ſteiff mir haͤtte fuͤr geſetzet/

Nach dem der grimme tod mein hertze hat verletzet/

Und mir den erſten mann mit ſchmertzen raffte hin/

Daß ichs verredet hab mit unbewegtem ſinn

Mich wieder in den ſtand der ehe zu begeben

Und nicht derdroſſen waͤr noch einſt verknuͤpfft zu leben/

So wuͤrde mirs vielleicht nicht zu verdencken ſeyn/

Daß ich die thorheit thet und ſchritte zweitens ein

In ſtand des ehebunds. Ich wil dir mein beginnen

O Anna/ bergen nicht und grade zubekennen:

Seit mir mein armer man durch grimme meuchelliſt

Von meines bruders hand aus geitz ermordet iſt

Und unſer hauß mit blut erſchrecklich war beflecket/

Und nirgend etwas war/ das mich zur luſt erwecket/

Hat dieſer gaſt allein gelencket meinen ſinn/

Daß mir mein hertze faſt zur liebe wancket hin;

Ach freylich fuͤhl ich noch in meinem bloͤden hertzen

Das alte liebes gifft/ verlangen pein und ſchmertzen;

Doch wolt ich lieber/ daß die erde mich verſchling/

Als das ich meiner ehr zu wieder was begieng.

Ja daß der donnerkeil mich in die hoͤlle ſchmiſſe/

Als daß ich dieſes band der ehepflicht zerriſſe.

Wer erſt mit mir ſich hat verknuͤpfft mit liebesband/

Der hub in ſeinem grab auch meiner treue pfand.

Nach
[157]Das Vierdte Buch.
Nach dieſem ſahe man die zaͤhren haͤnffig rinnen

Von ihren wangen ab/ als zeichen ihrer ſinnen.

O liebe ſchweſter (hebt drauff Anna zu ihr an)

Umb die mirs mehr/ als umb mein leben iſt gethan/

Wilt du denn fuͤr und fuͤr den fruͤhling deiner jugend

Denn wollgeſtalten leib und wohnhauß ſchoͤner tugend

Mit trauren bringen zu/ mit kummer zehren ab/

Dadurch du anders nichts befoͤrderſt/ als dein grab:

Wilt du der kinderluſt/ der Venus liebe gaben

Nicht achten/ noch dein hertz mit ſchertz nnd ſpielen labẽ?

Wie kan dir ſolche furcht dein abgeſtorbner mann

Ins hertze druͤcken ein/ als waͤrs nicht recht gethan?

Vermeinſt du dein gemahl/ fuͤr den du biſt verborgen/

Der laͤngſt begraben iſt/ der werde dafuͤr ſorgen?

Und ob du ehmals ſchon/ da noch dein ſchmertzen neu/

Viel freyer ſchlugeſt aus und trugeſt ihrer ſcheu;

Daß auch Jarbas ſelbſt und andre tapffre leute/

Die da in Africa erworben ſieg und beute

Dich kunten lencken nicht zu ihren liebs gewerb;

Wilſt du denn uͤber das noch ſeyn ſo hart und herb/

Daß du wilſt der geſtalt der liebe wiederſtreiten/

Die dir mit holdergunſt nach geht auff allen ſeiten?

Gedenckſt du denn nicht mehr/ bey welchem volck du biſt?

Hier ſind Getulier/ ein volck/ das ſtreitbar iſt/

Und ſich nicht zwingen laͤßt. Hier biſt du rings uͤmbgebe

Von den Numidiern/ die nach gefallen leben

Ohn furcht der obrigkeit. Die Syrt ligt auch nicht weit/

Zu der man ſich verſehn kan keiner wirthligkeit.

An
[158]Das Vierdte Buch.
An anderm ufer ligt ein land ohn thau und regen

In ſtrahlen heiſer duͤrr/ ohn erdgewaͤchs und ſegen;

Die Barcer ſtreiffen weit durch dieſe wuͤſteney/

Ein volck/ das wie das wild/ fuͤr niemand traͤget ſcheu.

Was ſol ich von dem krieg/ den Tyrus leicht erwecket

Mit dem dein bruder dich Pygmalion erſchrecket

Und dir gedreuct hat/ erzehlen mit verdruß?

Ich halte fuͤr gewiß/ daß der Eneas muß

Aus Goͤttlichem gehoyß und Juno gut befinden

Hier angekommen ſeyn mit guten ſegelwinden.

Ey ſchweſter/ wie wirſt du ſchoͤn ſehen dieſe ſtadt

Im neuen ſtand der ehe/ wenn du auff meinen rath

Wirſt freyen dieſen held? Wie herrlich wird ſich zeigen

Dein land und koͤnigreich/ und bis an himmel ſteigen!

wie wird Caꝛthagens ꝛuhm hoch wachſen mehꝛ uñ mehꝛ/

Wenn dir zur ſeite wird ſtehn der Trojaner heer!

Du aber bitte nur die Goͤtter umb gedeyen/

Daß ſie dir huͤlff und gluͤck zu dieſen thun verleyhen;

Und wenn du dir ſie haſt beguͤtigt nach begehr/

So lad ihn friedlich ein erzeig ihm gunſt und ehr.

Spaar nichts trag auff und laß ein ſiattliches auffgehẽ/

Damit dein weſen mag recht koͤniglich beſtehen/

Halt ihn/ ſo viel du kanſt/ von ſeinem wegzug auff/

Und wirff ein hindernuͤß/ daß er dir nicht entlauff/

Mit fuͤrwand/ daß der ſturm noch auff dem meere raſe/

Und noch der gegenwind mit rauhem wetter blaſe;

Das waͤſſrige geſtirn Orion gieng itzt auff/

Es ſtuͤnde nicht gar wol umb gantzen himmelslauff.

So
[159]Das Vierdte Buch.
So waͤren uͤberdas die Schiffe ſehr zerſtuͤcket

Zerriſſen und zerſchellt/ ſie muſten ſeyn geflicket

Und wieder angericht; Man muͤſte hohlen her

Matery aus dem wald/ und was des dinges mehr.

Mit dieſer red entflammt ſie noch mehr ihr gemuͤhte/

Daß ihr die liebe wallt im hertzen und gebluͤte/

Sie gab ihr/ daß ſie nicht mehr wanckt in ihrem ſinn/

Beſcheid und hoffnungs-troſt. Da nun die Koͤnigin

Sich giebt geduldig drein/ legt ſie die ſcham zuruͤcke/

Sie geht in tempel vor und bittet umb geluͤcke/

Umb fried und wollergehn/ ſie bringen opffer dar/

Sie forſchen eigentlich/ geſtalt es braͤuchlich war/

Das eingeweid: man ſchlaͤgt auch ſchafe von zwey jahrẽ

Die von der gantzen herd recht auſſerleſen waren/

Sie pflegen herrliglich der Goͤtter dienſts und ehr/

Fuͤr allen laſſen ſie ſich angelegen ſehr

Der Juno gnade ſeyn/ als die den ſtand der ehe

Beſchuͤtzet und erhaͤlt/ daß er nicht untergehe.

Die ſchoͤne Dido nimmt den kelch gefuͤllt mit wein/

Und geuſt der weiſſen kuh denſelben mitten ein/

Da wo die hoͤrner ſtehn/ drauff ſie zum altar gehet/

Der von dem opfferblut und fett erfuͤllet ſtehet/

Trit fuͤr der Goͤtter bild und ſchilder/ betet an/

Und laͤßt zum opfferdienſt und feyr nichts ungethan.

Das vieh wird außgewirckt; ſie ſieht mit ſcharffen augẽ

Auffs eingeweyde hin/ fragt/ obs fuͤr ſie kan taugen

Und deuten gut geluͤck? O tummer unverſtand

Der prieſter! was hilfft den/ der durch die lieb entbrant/

Gebaͤt
[160]Das Vierdte Buch.
Gebaͤt und opffer danck? Was hilfft das tempel gehen

Und mit viel opffer blut die Goͤtter ehr-und flehen?

Da unterdeß die flamm das zarte marck nnd bein

Verzehrt und laͤſſet nicht das hertze ruhſam ſeyn/

Das ſeine wunde traͤgt und ſchmertzen in verborgen.

Die ungluͤckhaffte frau verzehret ſich mit ſorgen

Und tieffer liebesbrunſt: Sie laͤuffet in der ſtadt

Wie eine hindin umb/ wenn ſie der jaͤger hat/

Des ſie ſich nicht verſah/ mit einem pfeil geruͤhret

In Cretiſchen gepuͤſch/ den ſie gehefftet ſpuͤret

In ihrer bruſt; Sie laufft erbaͤrmlicher geſtalt

Und klaͤglichen geſchrey durch hecken/ puͤſch und wald.

Das toͤdliche geſchoß bleibt in der ſeite hangen:

So trieb die Dido auch ihr brennendes verlangen:

Bald fuͤhret ſie mit ſich Eneam durch die ſtadt

Und zeigt ihm ihren ſchatz/ den ſie von Sidon hat

Anheim mit ſich gebracht. Sie zeiget ihm darneben

Die wolbeſtellte ſtadt/ und da ſie wil anheben

Zu reden/ haͤlt ſie ſtill/ und daͤmpffet ſtracks ihr wort/

Bald da es abend wird/ da wil ſie gehen fort

Und richten zu ein mahl/ begehrt noch einſt zu hoͤren

Der Troer untergang und ſchreckliches zerſtoͤren/

Die naͤrriſche frau ligt ihm an halſ/ er ſol die maͤhr

Auffs neue wiederumb erzehlen ohn beſchwer.

Denn als ſie waren nun von Imbiß weg gegangen

Und das gehoͤrnte liecht der monden war befangen

Mit dicker dunckelheit und jeder ging zur ruh/

Da brachte ſie allein die zeit mit wachen zu

Sie
[161]Das Vierdte Buch.
Sie ſitzt in loſament verlaſſen von dem liebten

haͤngt tieffer ſchwermuth nach/ gleich denẽ hoch betruͤbtẽ/

Die in ſich ſind verwirrt und aͤngſten immer zu

Ihr hertz/ das nirgend kan empfinden ſanffte ruh.

Sie legt ſich auff das bett/ auff welchem offt bey tage

Eneas/ wenn er war ermuͤdt/ zu ligen pflage;

Sie bildet ihr ihn ein/ als wie er wohn ihr bey/

Sie hoͤrt und ſiehet ihn mit ſuͤſſer phantaſey.

Sie laͤßt den kleinen ſohn im ſchoſſe nieder ſetzen/

Und wil ſich durch das Bild des vaters ſo ergetzen/

Ob ſie auff dieſe weiſ die liebe teuſchen kan/

Die ihrer groͤſſe nach ſich nicht laͤßt zeigen an.

Immittelſt bleibt das werck zu bauen ſchlaͤffrig hangen/

Das von der koͤnigin war neulich angefangen;

Die purſche liebt nicht mehr die edle waffenluſt/

Es liget ſpieß und helm beſtaͤubet und verruſt.

Man laͤßt die Haven ſtehn und ſchantzen unbeſetzet/

Und ſich an muͤßiggang und ſchnoͤder luſt ergetzet;

Der angefangne bau ligt nieder mit verdruß/

Die hohe mauer/ burg und veſtung ſtehet bloß.

Als nun des Jovis frau die Juno wargenommen/

Daß Dido ſolche peſt und liebsſucht angekommen/

Und daß ſie ihren ruff und hohe wuͤrdigkeit

Nicht gegen ſetzen wil der liebe raſenheit;

Sprach ſie zur Venus ſo: Ey wie ſchoͤn lob und beute

Tragt ihr/ du und dein ſohn! Ey welche feine leute!

Ihr habet groſſen ruhm an einer frau erjagt

Mit eurer liſt: Das heiſt ein trefflich ſtuͤck gewagt!

LIch
[162]Das Vierdte Buch.
Ich ſehe meine ſtadt hat dich ins aug geſtochen;

Dein argwohn gegen uns iſt gnugſam außgebrochen;

Da dir Carthago doch nichts hat zu leid gethan/

Weßwegen du ſo hebſt mit uns zu zancken an.

Wie lange wollen wir in ſtreit und feindſchafft leben?

Viel beſſer iſts gethan/ nach fried und ruhe ſtreben.

Drumb laß auff ewge zeit uns machen einen bund/

Und dieſe heyrath/ wie ſie iſt gemacht jtzund/

Volziehen ohn verzug. Was du mit gantzen ſinnen

Begehret/ haſt du ſchon: Das wird ja Dido innen/

Die nun fuͤr liebe brennt/ und bis in ihr gebein

Und faſt entſafftes marck das gifft geſogen ein.

Derhalben ſo es dir beduͤncket gut und eben/

So wollen wir zu gleich die regiments laſt heben

Mit gleich getheilter macht und hierauff ſehn allein/

Daß ſie ihr wolergehn empfinden in gemein.

Die koͤnigin mag nur zum mann den Phryger nehmen/

Und ſich mit dienſt und ehr denſelben anbequemen/

Die Paener/ die ſie hat zu ihrem heyrath gut/

Die ſeyen deiner macht vertraut und treuer hut.

Als nun die Venus wohl die Juno hoͤrte gehen/

Und aus den worten kunt ihr falſches hertz verſtehen/

Als die nur ging drauffuͤmm/ wie ſie Italien

Verſetz in Africa/ mehr zanck und ſtreit zu ſehn;

Empfaͤngt ſie wiederumb dieſelbe gleicher maſſen;

Wer wolte dieſes doch ihm nicht gefallen laſſen/

Er waͤre denn gar toll? Wer wolte doch mit dir

Zu zancken haben luſt und keiffen fuͤr und fuͤr?

Wenn
[163]Das Vierdte Buch.
Wenn mir auch/ wie du ſagſt/ die ſache wol gelinge;

Ich aber ſeh noch nicht den außſchlag dieſer dinge/

Was das verhaͤngnuͤß hat vorſehn/ ob Jupiter

Wil/ daß das volck/ das nechſt von Troja kommen her/

Gleich mit den Tyrern ſol die ſtadt Carthag beſitzen/

Ob ers fuͤr rathſam haͤlt/ daß dieſe voͤlcker nuͤtzen

Was koͤnten ſo vermengt und buͤndnuͤß gehen ein/

Wies dem gemeinen ſtaat erſprießlich moͤchte ſeyn?

Wenn du/ als ſeine frau/ nur etwas kanſt erhalten

Mit bitten/ ſo verſuchs: Ich wil dich laſſen walten

Und ſchalten wie du wilſt. Die Juno nahm es an

Und ſagte wiederumb: Ich wil thun was ich kan;

Laß mir die ſache nur/ wenn du mich nur wilſt hoͤren/

Wil ich mit wenigen/ was vorgeht/ dich belehren/

Wie ſichs laͤſt thun/ wenn dir daſſelbe nur behagt.

Eneas ſetzt ihm fuͤr mit Dido auff die jagt

Zu ziehn? So bald es nur wird morgen wieder tagen;

Wenn nun die reiterey wird eilen zu dem jagen/

Und daß die wildbahn iſt bezogen und beſtellt/

Wil ich von meiner burg und hohen himmelszelt

Mit blitz und donnerknall ein groſſes wetter machen/

Daß himmel/ erd und meer ſol uͤber ſchrecklich krachen/

Und ſol ein dicker guß und regen fallen drauff/

Da werden ſie theils hier/ theils dortwerts ihren lauff

Zu nehmen ruͤſtig ſeyn und werden dann mit leide

In dicke finſternuͤß verlaſſen dieſe beyde;

Da ſol der koͤnigin und dem Trojaner held

Zu ihrer rettung ſeyn ein hohler felß beſtellt;

L 2Da
[164]Das Vierdte Buch.
Da werden ſie ſtracks hin all ihre zuflucht nehmen/

Da wil ich ſeyn zur hand/ und wenn du dich bequemen

Nach meinen willen wirſt/ und iſt dein hertz darbey/

Wil ich ſie binden feſt mit ehegelobter treu.

Hier ſol die hochzeit ſeyn. Die Venus muſte lachen/

Daß ſie ſo artiglich kunt dieſen anſchlag machen;

Sie wiederſtrebt ihr nicht/ gab ihren willen drein/

Und ließ es/ wie es ihr der Juno duͤncket/ ſeyn.

Der Tagfuͤrſt/ fuͤr den man ſah ſeinen herold prangen/

Schien von den bergen her mit gold geſtriemten ſpangẽ;

Die edle manſchafft macht ſich fertig zu der jagt/

Dieweil es dieſem printz und koͤnigin behagt.

Man ſieht die jaͤgerpurſch wie ſie ſich fort zurafen

Bemuͤhet ſeyn/ wie ſie die netze/ garn und waffen

Zu wagen bringen fort. Die ſchoͤne reiterey

Der Libyer zeucht voran/ die winde lauffen bey.

Die oberſten des volcks ſtehn wartend vor dem ſchloſſe

Auff ihre koͤnigin/ die faſt die lufft verdroſſe

Und in der kammer noch verzog aus liebs beſchwerd/

Es ſtehet auff dem plan ihr ſchoͤn geputztes pferd/

Das keuet das gebiß/ es brauſet/ tobt/ und zittert/

Es ſtampffet auff die erd und ſeine bruſt erſchuͤttert:

Da koͤmmt die koͤnigin mit ſtattlichem geleit/

Traͤgt einen jaͤgerrock mit gold verbraͤmet breit.

Hat ſich geruͤſtet aus mit koͤcher/ pfeil und bogen/

Das haar geflochten ein mit golde rings bezogen/

Das uͤberkleid ſchnuͤrt ſie mit guͤldnen hefften ein.

Die Troer wollen auch in dem geleite ſeyn.

Der
[165]Das Vierdte Buch.
Der junge printz Aſcan wolt auch nicht ſeyn der letzte/

Damit er ſeinen muth zur tugend eiffrig wetzte/

Vor andern zeucht herein der wunder ſchoͤne held

Eneas/ der das heer in richtig ordnung ſtellt.

Wie/ wenn Apollo laͤßt das winter lager ſtehen

Und Xanthus gilben ſtrom/ und eilet weg zu gehen

Ins liebe mutterland/ daher er buͤrtig iſt/

Nach Delos/ welches er zu ſeinem ſitzt erkieſt;

Da ordnet er die ſchaar der Nimpffen zu den reyhen;

Die Creter/ Dryoper/ und Agathyrſer ſchreyen

Und jauchtzen wol gemuth/ ſie tantzen umb altar/

Er ſteht auff Cynthus berg und windet umb ſein haar/

Das gleichſam fleugt zu feld/ begruͤnte lorbeerzweige/

Und flechtets ein mit gold/ daß ſichs noch ſchoͤner zeige.

Der koͤcher rauſcht im gehn: Nicht ſchlim̃er gieng herein

Eneas; So ſchoͤn war ſein tugend glantz und ſchein.

Als man nun kommen war auff hohe berg und wege/

Da kein weg gehet hin/ in felſichtes gehege/

Da treibt man das gezuͤcht der wilden gemſen auff/

Die nehmen hier und da von bergen ihren lauff

An einen andern ort ſah man mit gantzen hauffen

Durchs offenbare feld die ſchnellen hirſche lauffen;

Die machten groſſen ſtaub: Der junge printz Aſcan

Der tummelt ſich im thal/ hat ſeine luſt daran/

Wenn er ein tapffer roß/ wie ſeins war/ ſol bereiten/

Und lernen wol behertzt mit wilden thieren ſtreiten:

Manch ſtuͤcke ſtoͤſſt ihm auff; Laͤßt aber alles gehn/

Und wuͤntſchet einig nur ein hauend ſchwein zu ſehn/

L 3Das
[166]Das Vierdte Buch.
Das zornig brauſt v. ſchaͤumt: mit dem traͤgt er verlangẽ

Zu gehen einen gang; Ja wuͤnſcht/ daß kaͤm gegangen

Ein rothbemaͤhnter Loͤu/ dem wolt er wiederſtehn/

Und laſſen ſeine ſtaͤrck und kuͤhnes hertze ſehn/

Immittelſt hebt ſich an mit groſſem donnerknallen

Ein dicker regenguß mit hagel einzufallen;

Das ſaͤmptliche geleit/ das mit gezogen war/

Verlaͤufft ſich hier und da zu meiden die gefahr/

Wie auch der Venus Nef Aſcan; Ein jeder fliehet/

Und wie er unters dach moͤg kommen/ ſorgfam ſiehet.

Des waſſer ſcheuſt vom berg: Das edle liebes paar

Verſteckt ſich in die hoͤhl die ihm am nechſten war.

Da laͤſt die erde ſich vorerſt zum zeichen hoͤren/

Die Juno ebenfalls/ die man der ehe zu ehren

Fuͤr eine werberin mit heilgem dienſt rufft an/

Der himmel weiſet auch wies mit der ehe gethan;

Drumb ſchieſt er plitzer her von den geſtirnten zinnen:

Es heulen auff dem berg der puͤſche buͤrgerinnen:

Derſelbe tag gab erſt die urſach zu dem tod/

Der erſte war er auch der drauff erfolgten noth:

Gleichwol wil Dido ſich im minſten nicht dran kehren/

Sie kan/ was man nur wil von ihr außſtreuen/ hoͤren/

Sie achtet keine ſchand/ laͤßt mercken ſich ſo grob/

Daß ſie die winckel lieb ihr achtet fuͤr ein lob

Und einen eheſtand nennt; Schaut/ unter dieſem tittel

Wil ihre ſchande noch bemaͤnteln dieſer kittel.

Stracks laͤufft die Fama aus in alle land umbher/

Und traͤgt von einer ſtadt zur andern dieſe maͤhr.

Ein
[167]Das Vierdte Buch.
Ein boͤſes ding iſts umb die Fama: Nichts auff erden

Kan ihr an ſchnelligkeit gleich außgeſonnen werden/

Iſt wendig und behend/ hat keine raſt noch ruh:

Je mehr ſie laͤufft und rennt/ je mehr ſie nimmet zu.

erſt faͤhrt ſie furchtſam her/ bald kan ſie ſich hoch ſchwingẽ

Und plaudern maͤchtiglich von hohen wunder dingen.

Bald geht ſie auff der erd und ſchwatzt von laͤpperey/

Bald ſteckt ſie ins gewoͤlck ihꝛ haupt ohn furcht und ſcheu/

Und wil verborgen ſeyn/ daß keiner je erfahre/

Waß ſie geredet hat noch andern offenbahre.

Die erd hat ſelbte frau zu letzt (geſtalt man ſagt)

Gezeuget/ weil es hat den Goͤttern ſo behagt/

Die durch gottloſigkeit der ſtoltzen rieſen ſchaaren

Des Ceus und Encelad und wer ſie alle waren/

Erzuͤrnet wurden ſehr. Derſelben uͤbermuth

Zu bringen an den tag/ war ſie die Fama guk.

Sie ſiehet ſchrecklich aus gleich wie ein ungeheuer

Abſcheulich/ groß und dick/ hat federn wie ein Geyer/

Hat ſo viel augen auch/ alß federn (wunderding!)

Der zung-und ohren zahl iſt gleichfalls nicht gering.

Die deutung deſſen iſt/ daß/ was ihr zweene ſagen/

Wenns weiter koͤmmt/ noch mehr die leute darzu tragen

Da ſpitzet mancher dann die ohren und erzehlt

Was mancher kluger ſinn beſcheidentlich verheelt.

Sie faͤhret mit gewaͤſch in himmel und auff erden/

Und kan durch keine ruh und ſchlaff geſtillet werden/

Bekuͤmmert ſich nur ſtets umb hoh und ſchlechte ding/

Und ſchwatzt von beyderley unheilig und gering

L 4Des
[168]Das Vierdte Buch.
Des tages forſchet ſie nach neu verlauffnen ſachen;

Und wenn ſie was erſchnappt/ kan ſie ſich luſtig machẽ;

Zu weilen ſetzt ſie ſich hoch auff die giebel hin/

Und bildet/ weiß nicht was/ ſich ein in ihrem ſinn;

Erſchrecket land und leut mit ihren derben luͤgen

Und reden eitelkeit/ die nirgend zu was tuͤgen/

Iſt uͤber dem/ was falſch/ ja wol ſo ſehr erpicht

Und ſchwatzts den leuten ein/ als was ſie wahres ſpricht.

Dieſelbe fuͤllte nun mit manchen plaudereyen

Der leute ſinn und mund/ und kunte ſich erfreuen/

Daß fuͤr ſie wiederuͤmb was neus vorhanden war/

Sie macht es uͤberall gar laut und offenbahr/

Miſcht wahr und luͤgen ein; Es waͤr ein fuͤrſt gekom̃en

Von Troiſchem gebluͤth/ und haͤtt ihm ſchon genommen

Die Dido zum gemahl; Sie ſchwelgten allebeyd

Den gantzen winter durch/ und braͤchten ſo die zeit

Mit muͤßigg ehen zu und ungeziemten luͤſten/

Mit deren ſie beſtrickt nicht mehr von arbeit wuͤſten/

Sie daͤchten gar nicht mehr ein jeder an ſein land

Und wie zur wolfarth ſey beſtellt ein jeder ſtand.

Mit ſolcherley geſpraͤch koͤmmt ſie nun auffgezogen

Die Goͤttin Fama/ die viel dings/ das doch erlogen

Und ungegruͤndet war/ den leuten ohne ſcheu

Durchs gantze Libyen ſprengt aus und bringet bey.

Drauff nimmt ſie ihren weg zum koͤnige Hiarben/

Und ſchmuͤckt die luͤgen aus mit mancherleyen farben/

Beflammet ſeinen zorn mit ihrer ungeſtuͤmm

Und haͤuffet/ da er ſchon war ſchellig/ ſeinen grimm.

Er
[169]Das Vierdte Buch.
Er war des Ammons ſohn/ und hatte ſich vermaͤhlet

Mit einem fraͤuelein/ das er ihm zwar erwehlet

Zu ſeiner liebſten hat/ doch fuͤhrte mit gewalt

Aus ihrem vaterland. Das ihm/ als koͤnig/ galt.

Er lieſſe Jupitern mit loͤblichem exempel

Viel altaͤr ſetzen hin und bauen hundert tempel/

So weit ſein reich nur gieng: Er ſtifftet auch ein liecht/

Das ſolte brennen ſtets/ und je verleſchen nicht.

Es wurde ſtets bewacht von heiligen jungfrauen/

Die muſten immer zu mit gnauer auffſicht ſchauen/

Daß es verleſchte nicht: Er ſtellt auch opffer an/

Und wurden hier und da viel farren abgethan.

Die tempel wurdẽ ſchoͤn geſchmuͤckt mit blumen kraͤntzen/

Die man mit anmuth ſah von vielen farben glaͤntzen/

Als nun der koͤnig ſtund zu nechſt bey dem altar/

Und zwiſchen opfferdienſt in ſeiner andacht war;

Da kam die Fama gleich mit ihrem ohren blaſen/

Und machte/ daß er faſt fuͤr zorn muſt greulich raſen

Und gantz verwirret wurd in ſeinem muth und ſinn/

Daß er hub ſeine haͤnd im himmel betend hin:

O Jupiter/ der du biſt uͤber alle Goͤtter/

Dem itzt der Maurer volck/ als ihrem ſchutz und retter

Zu ehren opffer bringt/ und von dem beſten wein

Mit gutem andachts ſinn dir heiliglich ſchenckt ein;

Kanſt du dis laſter wol ſo laſſen hinpaßieren?

Kanſt du/ o vater/ ſie nicht mit der keule ruͤhren?

Sol denn uns menſchẽ nicht dein zorn erſchrecklich ſeyn/

Wenn du von himmel wirffſt ſo groſſe donnerſtein?

L 5En-
[170]Das Vierdte Buch.
Entſtehts denn ohn gefehr/ wie vielen menſchen deuchter/

Weñ aus dem wolcken zelt dein plitz und wetter leuchtet?

Iſts nur ein leerer ſchall/ wenns donnert/ daß es kracht

Weils niemand/ wie ich ſeh/ wil nehmen mehr in acht?

Schau doch ein weibesbild/ das ohne ſitz und ſtande

Schweifft hiebevor herumb in unſerm reich und lande/

Und umb ein ſchlechtes geld ihr baute ſchloß und ſtadt/

Da wir ihr raͤumten ein/ weil ſie uns ſehnlich bat/

Ein laͤndlein an dem meer/ und uns ſie zinßbar machten/

Dieſelb hat unſer ehe und ehr nicht wollen achten/

Nimmt den Eneam an zum herren in das land/

Wil bauen noch darzu mit ihm den eheſtand.

Nun wil der weiche kerl dem Paris gleich zuſchaͤtzen

Mit ſeiner weibſchen rott ſich uns entgegen ſetzen/

Traͤgt eine lydermuͤtz und balſamirt das haar/

Hat nun den raub hinweg: Wir/ die wir bringen dar

Dir opffer und gebaͤt und deinen altar zieren/

Die muͤſſen keine gunſt noch milde gaben ſpuͤren¿

Was hilfft denn unſer dienſt und opffer/ das wir thun/

Wenn wir gleichwol umbſonſt uns muͤhẽ umb den lohn?

Als ſolcherley geſtalt der koͤnig klaͤglich bate

Sich haltend an altar und fuͤr den hoͤchſten trate

Da hoͤrte Jupiter und ſah die ſtadt ſchlimm an/

Voraus diß liebes paar/ das ſolche that gethan/

Und ihren guteu ruff hat aus der acht gelaſſen/

Und redt den Mercur an befehlichs weiſ und maſſen:

Wolan/ mein ſohn/ geh fort und ruff den weſtwind her/

Und ſchwinge du dich hin zum haupt der Dardaner/

Der
[171]Das Vierdte Buch.
Der zu Carthago nun ſich ſaͤumt und liget ſtille/

Und ſiehet nicht dahin/ was ſey der Goͤtter wille/

Daß er ſol nemblich ziehn in ſein Italien/

Dahin der Goͤtter rath ihn hat geheiſſen gehn/

Fleug eilend was du kanſt/ und ſag ihn unverholen/

Es hab die mutter mir denſelben anbefohlen/

Hat aber dergeſtalt fuͤr ihn nicht gut geſagt/

Daß er ſol nehmen fuͤr/ was ihm nur wolbehagt.

Deßwegen hat ſie ihn zweymal erretten wollen/

Daß er der Griechen grimm nicht unterligen ſollen/

Sie haͤtte mich vertroͤſt/ er wuͤrd Italien/

Das mit der Monarchy man ſaͤhe ſchwanger gehn

Und nur nach kriege brauſt/ beſcheidentlich regieren/

Und zeigen in der that/ damit man koͤnne ſpuͤren/

Daß er von Goͤtter ſtamm und hohen adel ſey/

Und koͤnne dermaleins regieren recht und frey

Den gantzen kreyß der welt. Wil er zu hohen ſachen

Ihm keine lieb und luſt noch reitzung laſſen machen/

Und wegen ſeines lobs ſich ſelber nicht bemuͤhn/

Wil er als vater denn dem ſohn Aſcan entziehn

Den wuͤrcklichen beſitz des Roͤmſchen Reichs und veſten

Worauff geht er doch umb/ das ihm wol duͤnckt an beſtẽ

Waß hoffnung haͤlt ihn auff bey ſolchem volck und art/

Daß ihn mit feindſchafft haß und grimm bedraͤnget hat/

Wil er denn ſehen nicht auffs kuͤnfftige geſchlechte

Noch ziehen in betracht der Goͤtter ſchluß und rechte/

Die ihm geordnet zu das land Italien/

Daß er daſelbſt ſich ſol in fried und ruh begehn;

Er
[172]Das Vierdte Buch.
Er mag nur ſchiffen fort? Das iſt mein ernſter wille/

Das iſt mein anbefehl/ den er nur ſtracks erfuͤlle.

Mercur koͤmmt dem gebot des vaters ſchleunig nach/

Knuͤpfft ſeine fluͤgel an die fuͤß/ iſt friſch und wach.

Die fluͤgel aber ſind bewand auff ſolche weiſe/

Daß er kan uͤbers meer und erdkreyß ſeine reiſe

Verrichten durch den wind/ der ihn hebt auff und fuͤhrt/

Drauff nimmt er ſeinen ſtab/ mit welchen ſo er ruͤhrt

Die ſeelen/ kommen ſie erblaſt ſtracks aus der hoͤlle:

Die andern kan er auch verſetzen auff die ſchwelle

Des ſchwartzen hellenreichs/ wenn er ſie nur beruͤhrt/

Er macht/ daß man den ſchlaff in ſeinen augen ſpuͤrt/

Und kan hinwiederumb denſelben gleicher maſſen

Benehmen/ wie ſichs wil nach nothdurfft machen laſſen/

Kan fuͤrder ſchlieſſen auff mit dieſem wunderſtab

Die augen/ underloͤßt den ſterbenden vom grab.

Er kan mit ſelbten auch ſich durch die winde dringen/

Und ſich mit freyem flug durch truͤb gewoͤlcke ſchwingen/

Und wenn er itzo fleugt/ ſieht er den groſſen mann

Den Atlas/ der allein den himmel tragen kan.

Den Atlas/ dem das haupt mit wolcken iſt umbgeben/

Das man von winden ſtets und regen ſiehet beben/

Die ſchultern ſtehen ihm von dickem ſchnee bedeckt/

Und wenn derſelbe ſchmiltzt/ er eine fluth erweckt/

Die von des alten kinn mit macht faͤhrt abgeſchoſſen/

ſein bart erſtarrt von eyß. Nach dem nun unverdroſſen

Mercur mit ſanfften flug ſich hieherwerts begab/

Und mit dem gantzen leib ließ bey den waſſer ab/

Den
[173]Das Vierdte Buch.
Den man nicht ungereimt dem taͤucherlein vergleichet/

Das umb das ufer her und an den felſen ſtreichet/

Und niedrig fleugt am meer: nicht anders flog Cyllen/

Und blieb in Libyen auff trocknem ufer ſtehn.

Als er geflogen nun kam an die meyereyen/

Sieht er Eneam gleich das ſchloß und burg von neuen

Und grunde bauen auff/ der trug von hohem werth

Mit Jaspiden verſetzt ein ſchoͤn poliertes ſchwerd

Und einen purpurrock/ den Dido ſchoͤn geſticket

Mit gold und edelſtein und zum geſchenck geſchicket

Dem held von Troja hatt: Er faͤhret ihn flugs an

Mit herben wortgeſchrey: Was biſt du fuͤr ein man/

Daß du Carthago bauſt/ und nach der weiber weiſe/

Wilſt alles richten an/ daß es nur praͤchtig gleiſe?

Ach kanſt du denn ſo gar vergeſſen deinen ſtandt/

Und ſetzen aus der acht dein koͤnigreich und land?

Es ſchicket mich zu dir von hohen ſternen buͤhnen

Der Goͤtter koͤnig/ dem die gantze welt muß dienen

Und ſtehen zu gebot/ der erd und himmel haͤlt

Mit ſeiner groſſen macht/ und herrſcht wies ihm gefaͤllt/

Der laͤſſet dir durch mich ſein ernſte meinung ſagen:

Was nimmeſt du dir fuͤr? was laͤßt du dir behagen?

Was iſt dein hoffnung doch/ daß du die liebe zeit

In Libyen verzehrſt in weicher uͤppigkeit?

Im fall du woͤlleſt je zu keinen hohen ſachen

Dir angenehme luſt und reitzung laſſen machen/

Und wegen deines lobs dich ſelber nicht bemuͤhn?

Solt du als vater doch dem ſohne nicht entziehn

Des
[174]Das Vierdte Buch.
Des Roͤmſchen Reichs beſitz und ſamptliche provintzen

Als dem von Goͤtter ſchluß darzu erkornen printzen?

Als nun der Goͤtter both ſein wort ſo fuͤr gebracht/

Geſchachs/ daß er davon in augenblick ſich macht

Verſchwindend in die lufft. Eneas gantz verſtnmmet/

Die haar ſtehn ihm zu berg/ er ſtehet wie vertummet/

Die zung klebt ihm an ganin/ kan kein wort bringen fuͤr/

Er traͤget durch die flucht ſich außzudrehn begier/

Und mit beſtuͤrtztem muth das liebe land zu laſſen/

Weil ihm ſelbſt Jupiter befehl thut ernſter maſſen:

Was ſol er aber thun? Sol er zur koͤnigin

Sich unterſtehn zu gehn und taͤuſchen ihren ſinn?

Sol er ſie reden an und abſchied von ihr nehmen?

Wie mag er ſich darzu anſtellen und bequemen

Daß er die liebe nicht verkehr in bittern haß/

Dieweil ſie gegen ihm faſt brennt ohn unterlaß?

Er laͤſſet ſeinen ſinn bald hier/ bald dort hin wancken/

Und waͤget es genau mit mancherley gedancken:

Als ers nun hin und her bedenckt/ und einen ſchluß/

Geſtalt die noth erheiſcht/ doch endlich machen muß;

Laͤßt er die oberſten Mnestheus Sergeſt/ Cloanthen

Herkommen/ denen ers als ſeinen treu bekandten

Eroͤffnet/ mit bericht und gnaͤdigſten geheiß/

Sie ſolten in geheim mit treuer ſorg und fleiß

Die ſchiffe ſtellen an/ mit ruͤſtung wol verſehen/

Die purſche fodern auff und nach dem ufer gehen

Und in bereitſchafft ſeyn/ auch halten reinen mund

Daß ſie entdecken nicht die urſach/ fug und grund/

War-
[175]Das Vierdte Buch.
Warumb man ſo geſchwind anfienge neue ſachen/

Und ließ verbeſſern ſo die ſchiff und fertig machen/

Er woͤll immittelſt/ weil die gute koͤnigin

Davon nichts wiſſe noch vermuth in ihrem ſinn/

Daß ſolche groſſe lieb ſich koͤnte laſſen trennen/

Verſuchen/ wie er weg und zutritt moͤg gewinnen

Zu ihr auff ein geſpraͤch zu kommen/ und die zeit

Erſehen/ da ſich fuͤgt zur hand gelegenheit/

Da er ihr ſein gemuͤth und willen offenbahre/

Wie er geſchicklich auch in dieſer ſache fahre;

Stracks leiſten ſie ihm folg/ erbieten dienſt und fleiß/

Sind ſaͤmptlich hoch erfreut und thun auff ſein geheiß.

Allein die koͤnigin (wer kan die lieb betriegen)

Merckt dieſen poſſen ſchon/ wie ſehr es war verſchwiegen/

Und nimmet das gelaͤuff fuͤr kein gut zeichen an/

Es bringt ihr alles ſcheu/ was ſicher iſt gethan.

Es hatt der armen frau/ die man fuͤr liebe raſen

Sah ohne ziel und maß/ die Fama eingeblaſen/

Man ruͤſtete die ſchiff und wolte ziehn davon;

Da koͤmmt ſie gar von ſinn und kan erſchrecklich thun/

Sie laͤufft entruͤſtet durch die ſtadt in alle gaſſen/

Und laͤſſet mit geſchrey ſich hoͤren/ allermaſſen

Wie volle weiber thun/ wenn Bacchus haͤlt ſein feſt/

Da ſich die tolle rott erſchrecklich hoͤren laͤſt.

Als ſie ein wenig war zu rechte wiederkommen/

Und den Eneas ſah/ als der ihm fuͤrgenommen

Zu ziehen heimblich weg; Du leichter vogel du/

(Sagt ſie) wilſt du mir nicht gerade ſagen zu/

Was
[176]Das Vierdte Buch.
Was du im ſinne haſt? Wiiſt du mir noch verheelen

Dein ſchlimmes uͤbelthun und dich von mir weg ſtehlen?

Kan dich die liebe nicht noch mir gegebne hand/

Die billig ſolte ſeyn ein unzertrennlich pfand/

Ja kan ich koͤnigin/ die jtzo wird erbleichen

Durch grimme ſterbens noth/ dein hertze nicht erweichen?

Wilſt du/ o grauſamer/ aus bitterm haß und neid

Anitzt zu ſegel gehn bey ungewitters zeit?

Wilſt du bey ſolchen ſturm dich auff das meer begeben!

Du ſolt dir wuͤnſchen nicht in ſolcher noth zu ſchweben/

Wenn Troja ſchon noch ſtuͤnd dein liebes vaterland.

Nun ſucheſt du ein reich/ das dir iſt unbekand.

Wilſt du von mir ſo fliehn! Ich bitt umb dieſe zaͤhren/

Umb deine hand/ die du zum pfande mir gewehren

Haſt wollen deiner treu/ weil mir nun armen frau

Nichts uͤbrig blieben iſt/ als daß ich dir noch trau:

Ich bitt umb unſre ruh und angefangne liebe/

So ich auch je umb dich verdient/ wie ich mich uͤbe

Ohn unterlaß mit treu zu leiſten dir die pflicht/

Die ich dir zugeſagt dich zuverlaſſen nicht.

Ja endlich bit ich dich umb alles wolbehagen/

Das du zuvor gehabt/ du wollſt erbarmung tragen

Mit meinem ſtamm und hauß/ das itzo ſchon ſinckt hin:

Ich bitte (kan ich was erhalten) laß den ſinn

Und kuͤhnen vorſatz ſeyn. Schau doch/ umb deinetwegen

Wil ſich der Libyer haß entgegen mir nicht legen/

Der Africaner fuͤrſt traͤgt zu mir alten groll/

Mein volck die Tyrier ſind auff mich boͤß und toll.

Ja
[177]Das Vierdte Buch.
Ja umb dich einigen hab ich all mein vergnuͤgen

Mein Ehr und tugend-ſchmuck zuruͤcke laſſen ligen/

Darinn ich kundte noch ſchoͤn prangen ohn begier/

Und trug bey maͤnniglich davon beruͤhmte zier.

Wer iſt/ der meiner ſich/ wenn ich itzt ſterben ſolte/

O gaſt/ wenn du von mir wilſt flihn/ annehmen wolte?

Ich muß dich nennen gaſt/ weil mir von ehegemahl/

Den ich an dir gehabt/ nichts bleibet uͤberall.

Was halt ich mich doch auff in dieſem jammerleben?

Sol ich hier warten/ bis mein bruder wird umbgeben

Und ſchleiffen meine ſtadt? Und bis Jarbas mich

Gefangen fuͤhre weg und halte grimmiglich?

Wenn ich nur ſolte noch von dir ein ehepfand haben/

Ehe du zeuchſt von mir weg/ daran ich konte laben

Mein einſames gemuͤth/ wenn nur ein printzelein/

Eneas/ bey mir waͤr/ der vor mir ſpielte fein

In meiner koͤnigsburg/ der dir auch ehnlich ſehe;

So wolt ich nicht alſo/ wie ich anitzo flehe/

Bejammern meinen ſtand/ daß ich gefangen ſey;

Verlaſſen ſo zu ſeyn wolt ich nicht tragen ſcheu.

Das waren ihre wort. Er war nicht zubewegen/

Sah ſie gantz ſtoͤrriſch an/ nicht willens hinzulegen

Denn ſinn von Jupiter und deſſen ſcharff gebot/

Verbiſſe ſeine ſorg mit groſſer muͤh und noth.

Sagt noch diß wenige: Zwar wil ich nicht verneinen/

Daß dus haſt gegen mir zum beſten wollen meinen/

Okoͤnigin/ wie du der laͤnge nach erzehlſt/

Und was du mir zu gut gethan/ gantz nicht verheelſt.

MIch
[178]Das Vierdte Buch.
Ich wil auch nimmermehr dein zugedencken ſparen/

So lange geiſt und krafft durch mein geaͤder fahren

Und mich regieren wird: der wolthat/ die du mir

Erzeiget haſt/ wil ich gedencken fuͤr und fuͤr.

Ich wil mit wenigen deu rechten grund dir ſagen:

Ich hab mir niemals fuͤr genommen diß zu wagen/

Daß ich verſtohlner weiſ hab wollen ziehn von dir;

Laß dir doch nimmermehr ein anders bilden fuͤr.

Ich habe mich dafuͤr auch niemals außgegeben

Dein ehegemahl zu ſeyn/ bin auch darzu nicht eben

Gekommen darumb her/ daß ich dir meine hand

Mit ehelichem gewerb geb zum verſichrungs pfand:

Wenn mich der Goͤtter rath nach wilmuth lieſſe leben/

Und daß ich doͤrffte frey mein thun und ſorgen heben

Und legen/ wolt ich erſt mein wuͤſtes vaterland

Dich Troja/ wiederumb in vorgeweſnen ſtand

Zu bauen ſeyn bemuͤht: Ich wolte dahin ſtreben/

Wie ich mit meinem volck und uͤbrigen zu leben

In friede haͤtte fug: Es ſolte ſchloß und thor

Des koͤnigs Priamus ſtehn wieder/ wie zuvor/

Es ſolte mir noch wol auff ebne weiſe gluͤcken/

Daß ich das Pergamos von eingefallnen ſtuͤcken

Auffbaute wiederumb/ und ſetzte wieder ein

Das arme volck/ daß ſichs in ruh begienge fein.

Nun wil das goͤttliche verhaͤngnuß ſchlechter dinge/

Daß ich Italien ohn außflucht und bedinge

Zu bauen ſey bedacht: Das iſt mein hertz und ſinn/

Das iſt mein vaterland/ da denck ich einig hin;

So
[179]Das Vierdte Buch.
So du haſt deine Luſt Carthago an zuſchauen/

Die du von Sidon biſt/ und wilſt daſſelbe bauen;

Was neideſt du denn uns/ in dem du haͤlteſt auff

Uns Troer/ die wir hin nach Welſchland unſern lauff

Zu nehmen ſchluͤßig ſind? Es iſt ja gleicherweiſe

Vergoͤnnet uns/ daß wir auch nehmen unſre reiſe

Durch frembdes koͤnigreich: Mein vater treibt mich an/

Daß ich faſt tag und nacht dafuͤr nicht ruhen kan.

Weñ ich entſchlaffen bin/ macht mir ſein bildnuͤß grauẽ/

Und muß offt ſein geſicht betruͤbt und traurig ſchauen/

Die liebe meines kinds/ daß ich demſelben nicht

Entwenden wil das land/ davon der rathſchluß ſpricht

Der Goͤtter/ reitzt mich auch/ als den ich zarter maſſen

Muß lieben und ſein gluͤck nicht unverſorgt kan laſſen:

Zum uͤberfluß koͤmmt noch der Goͤtter bothe her

(Ich ſchwere heiliglich) geſand von Jupiter/

Und bringet mir befehl: ich hab ihn ſelbſt geſehen

In offenbahrem liecht zur ſtadt zu mir eingehen:

Ich hab ihn ſelbſt gehoͤrt mit meinen ohren an/

Was Jupiter von mir wil haben ſchlecht gethan:

Derhalben ſteh doch ab mit klagen zu beſchweren

So wol dich ſelbſt als mich/ ich muß nach Welſchland/

So ungern/ als ichs thu; mit willẽ thu ichs nicht: (kehrẽ/

In dem er alſo ſagt: Verkehrt ſie ihr geſicht

Und ſiehet zornig aus/ als wolt ſie ihn durchſehen/

Und faͤngt ergrimmet an auff ihn ſo loß zugehen:

Es hat dich/ leichter kerl/ die Venus nicht geſeugt;

Wer dir das ſchwatzet fuͤr/ derſelbe dich betreugt.

M 2Es
[180]Das Vierdte Buch.
Es iſt auch Dardanus dein anherr nicht geweſen/

Man hat diß nicht gehoͤrt/ man hat diß nicht geleſen/

Das aber wird geglaͤubt/ daß dich der Caucaſus

Der ungeheure berg gezeuget haben muß:

Ja wer da ſagt/ daß du die erſte milch geſogen

Von einem Tigerthier/ derſelb hat nicht gelogen.

Was ſol ich ſchweigen ſtill/ was kan noch groͤſſer ſeyn/

Daß ich zum auffruck dir noch koͤnte ſtreuen ein?

Schaut lieber/ ſchauet doch/ hat er ob unſer weinen

Geſeufftzet auch einmal? kan er auch traurig ſcheinen?

Hat er ein aug verwand? Hat er mit uns geweint?

Hat er ſich mein erbarmt/ und es noch gut gemeint?

Mit was ſol ich die ſchmach vergleichen! O ihr Goͤtter/

Du groſſe Juno du/ und Jupiter mein retter/

Wie koͤnnet ihr diß an-mit gleichen augen-ſehn/

Wollt ihr gerechte rach nicht laſſen drauff ergehn;

Iſt doch kein glaub und tren bey menſchen mehr zufinden/

Wil doch faſt alles recht und redligkeit verſchwinden/

Hoͤrt meine klagen an: Ich habe dieſen knecht;

Da er am uſer lag gantz duͤrfftig arm und ſchlecht;

Nicht nur genommen auff/ gepfleget und gelabet/

Ich thoͤrichte hab auch denſelbigen begabet

Mit hoher ehr/ ihm auch ein theil geboten an

Vom meinem koͤnigreich/ auch vorſchub ſonſt gethan/

Zu ſeinen zeug und heer: Ich habe ſeine leute

Beſchuͤtzt/ daß ſie nicht ſind geſetzt zum raub und beute

Geworden meiner purſch. Ach niemand halte mich/

Ich muß michlaſſen aus und wuͤten grimmiglich.

Bald
[181]Das Vierdte Buch.
Bald koͤmmet er mit dem/ bald dieſem auffgezogen:

Es hab Apollo ihn gereitzet und bewogen/

Bald ſey Mercurius geſand vom Jupiter

Mit ordnung und befehl vom himmel kommen her.

Die Goͤtter kuͤmmern ſich darumb/ ich kan gedencken!

Die todten laſſen ſich durch dieſe ſorgen kraͤncken!

Ho ho! ich halt dich nicht/ du magſt nur ziehen fort/

Es ſol mir leide ſeyn/ daß ich mit einem wort

Dir wiederſtreben wolt. Geh/ traue dich den winden

Und zeuch in Welſchland hin: Verſuch/ ob du kanſt findẽ

Zur ſee ein koͤnigreich: Ich hoffe/ Gott wird dich

Mit ſampt dem ſchiffe noch zerſchmettern zorniglich

An eine klippe/ da du deinen lohn wirſt kriegen;

Da wirſt du in der noth dein muͤthlein wieder ſchmiegen/

Gedencken mein darbey und ruffen aͤngſtiglich/

Ich aber/ wenn ich tod/ wil ich verfolgen dich/

Und wenn die letzte flamm wird haben auffgefreſſen

Den todten leib/ wil ich doch deiner nicht vergeſſen;

Ich wil dir uͤberall nachgehn/ du boͤſewicht/

Als ein geſpenſt und Geiſt/ und deiner ſchonen nicht.

Da wil ich hoͤren an/ und mich darob erfreuen/

Wenn dirs ſo gehen wird/ daß ſich ein ander ſcheuen

Mit groſſem ſchrecken muß/ und dieſe gute maͤhr

Wird bey den todten mich ergetzen nach begehr.

ſtracks bricht ſie ab die red und koͤm̃t von krafft und ſinnẽ/

Geht kuͤmmerlich davon/ und wil ihm nicht mehr goͤnnen

Ihr augen/ laͤßt ihn ſtehn und zaudern furchtſamlich/

Zn wenden wieder ein/ damit er rette ſich;

M 3Alß
[182]Das Vierdte Buch.
Als ſie nun ſinckt zur erd/ da wird von dienerinnen

Ein ſchnelles zugelaͤuff/ die tragen ſie von hinnen

Ins zimmer/ legen ſie auffs weiche lager hin:

Eneas ob er ſchon ihr traurig hertz und ſinn

Zu troͤſten traͤgt begier und ihre liebesſorgen/

Die ſie nicht mehr/ wie vor/ hielt maͤßig im verborgen/

Mit worten lindern wil/ in dem er inniglich

Oft ſeufftzet matt und ſchwach von manchem liebesſtich;

Denckt er doch dem befehl der Goͤtter nachzukommen/

Weil er denſelben klar und deutlich hat vernommen;

Geht wiederumb zu ſchiff: Die Troer regen ſich

Mit gantzer krafft und ziehn die ſchiffe hurtiglich

Von gantzem ufer ab/ die wol verpichet waren/

Da ſahe man ſie durch des meeres fluten fahren;

Und nahmen ruder mit/ die waren noch begruͤnt/

Und eichenholtz/ das zu den maſtbaum zimmern dient.

Denn weil ſie eilten ſehr/ ließ ſichs nicht außarbeiten

Noch zu dem ſchiff gebewd behauen und bereiten/

Da haͤtte man geſehn/ wie riſch ſie zogen fort/

Wie ſie aus gantzer ſtadt hin eilten zu dem port.

So thut das kleine volck der aͤmbſigen ameiſen/

Das ſich der nahrung kan zur ſommerzeit befleiſſen/

Wenn ſie der winter mahnt fein arbeitſam zu ſeyn/

Sie fallen in das korn und tragen haͤuffig ein;

Da zeucht das ſchwartze heer zu feld auff engem ſtege/

Und fuͤhren ihren raub durch graſe gruͤne wege:

Ein theil hilfft laden auff/ ein theil treibt an das heer/

Der gantze weg raucht faſt fuͤr arbeit und beſchwer;

Sie
[183]Das Vierdte Buch.
Sie muͤhn ſich ungeſaͤumt. Was muſt du/ Dido/ dencken

Wenn du es ſieheſt an? Wie muß dein hertz ſich kraͤncken/

Wie ſeufftzeſt du ſo tieff/ alß du ſahſt an deu port

Von deinem hohen ſchloß/ wie ſie ſich rafften fort

Mit eilendem geraͤuſch/ und da du allerwegen

Von hefftigem geſchrey das meer ſich ſahſt erregen?

Was richteſt du nicht an/ du boͤſe liebe du/

Wenn du den ſterblichen ſo hefftig ſetzeſt zu?

Sie muß nun abermal vergieſſen milde thraͤnen

Und mit vergebner klag ſich nach den liebſten ſehnen/

Sie muß das regiment der liebe nehmen an

Und dero ſcepter ſeyn/ wie vormals/ unterthan/

Damit ſie/ weil ſie ſich zu ſterben hat verwegen/

Nichts etwan unverſucht zu rucke moͤchte legen.

O Anna (ſagte ſie) du ſiehſt/ wie ſie am port

Mit hoͤchſter eil davon ſich wollen machen fort;

Man ſieht/ wie ſie ſich her von allen ecken finden/

Itzt richten ſie ſchon auff die ſegel nach den winden:

Die ſchiffer laſſen ſich friſch an gelegen ſeyn

Zu ſtecken auff die ſchiff die bunten faͤhnelein.

Ich koͤnte/ ſchweſter/ noch dis groſſe leid ertragen

weñ mirs vorher mein hertz durch furcht haͤtt koͤñen ſagẽ:

O Anna/ weil ich bin ſo elend und geplagt/

Thu mir das einge noch zu dienſt/ was mir behagt.

Der ſchlimme hund/ der mich ſo faͤlſchlich hat betrogen/

War/ wie du weiſſeſt/ dir noch guͤnſtig und gewogen/

Vertraute dir ſein hertz und manche heimligkeit/

Wenn niemand wuſte ſonſt/ ſo wuſteſt du die zeit/

M 4Wenn
[184]Das Vierdte Buch.
Wenn man an fuͤglichſten kundt fuͤr denſelben kommen;

Geh ſchweſter/ du haſt nun mein hertz und ſiñ vernom̃en/

Sprich doch in demuth an den ſtoltzen gaſt und feind/

Ich haͤtt es jederzeit ſehr gut mit ihm gemeint/

Und ihn nie mit dem heer der Danaer befehdet

Am Auliſchen geſtad/ noch Troja ſo veroͤdet/

Noch ſeines vaters grab unheiliglich verſehrt/

Noch deß verſtorbnen geiſt an ſeiner ruh verſioͤrt.

Warumb wil er denn nicht mein wort zu ohren nehmen/

Und ſich nach meinem wunſch mit ſchuldigkeit bequemẽ?

Wo eilet er denn hin? Er moͤchte mir doch noch/

Die ich ſo ſchnoͤdiglich muß ziehn am liebes joch/

Thun dieſen letzten dienſt und dieſe gabe ſchencken;

Er wolle ſeinen ſinn doch etwas laſſen lencken/

Und warten bis ſich fuͤgt das wetter und die zeit/

Da man zu reiſen pflegt mit beſſrer gluͤckligkeit.

Es waͤhr mir nicht zu thun umb lieb und ehepflicht eben/

Die er ohn meine ſchuld und ſinn haͤtt auffgegeben/

Ich goͤnnt ihm hertzlich gern das ſchoͤn Italien/

Fuͤr dem er dieſes reich moͤcht immer laſſen ſtehn;

Ich baͤte nur umb friſt und weniges verweilen/

Das er mir koͤnne ja auff meine bitt ertheilen/

Bis dieſe raſerey aus meinen ſinnen wich/

Und wiederuͤmb die ruh des hertzens faͤnde ſich.

Kein ſchmertz iſt ja zu groß/ kein ſchad iſt ſo verwildert/

Den nicht der zeiten flucht beſaͤnfftiget und mildert.

Umb dieſe wohlthat nur baͤtt ich zu guter letzt;

O ſchweſter/ die du mich ſonſt haſt mit troſt ergetzt/

Er
[185]Das Vierdte Buch.
Erbarm dich/ ſchweſter/ mein und thu mir das zu willen/

Wenn du mir meinen wunſch willfaͤhrig wirſt erfuͤllen/

Wil ich nicht eher ab-das leben-reiſſen mir/

Als bis ich dieſes werck vergolten habe dir.

Die ſchweſter ſaͤumt ſich nicht Eneen an zu tragen

Der koͤnigin begehr und ſeufftzen-volles klagen:

Er aber kehret ſich an ihre zaͤhren nicht/

Iſt unerbittlich/ wil nicht hoͤren/ was ſie ſpricht.

Der goͤttliche befehl ſteht dieſer bitt entgegen/

Gott wil Eneens ohr und hertz hierzu nicht regen.

Gleich wie ein eiche wird getrieben hin und her

Von winden/ welche ſich mit wehen muͤhen ſehr

Sie mit der wurtzel aus dem erden land zu ziehen;

Es hilffet aber hier kein wehen noch bemuͤhen/

Ob ſie auch ſtuͤrmen gleich mit macht und grimmigkeit

Und decken mit dem laub die erde weit und breit.

Sie ſtehet dennoch feſt: Wie hoch ſie in die luͤffte

Scheuſt auff/ ſo tieff waͤchſt ſie hinunter in die gruͤffte

Mit ihrer wurtzel auch. So wurde dieſer held

Mit bitten angerannt/ nicht aber uͤmbgefaͤllt.

Er fuͤhlt im hertzen zwar das eingepflantzte regen

Bleibt aber fuͤr ſich ſteiff und laͤſt ſich nicht bewegen/

Wie ſehr die koͤnigin auch klaͤglich thut und weint!

So ſteiff er wiederumb in ſeinem vorſatz ſcheint.

Als ſie nun kein geluͤck verſpuͤrt in ihren ſachen/

Und daß die zeichen ihr ſo ſchrecken koͤnnen machen/

Traͤgt ſie verlangen nach dem tod/ und ſchoͤpfft verdruß

Des lebens/ weil ſie ſo erbaͤrmlich leben muß.

M 5Sie
[186]Das Vierdte Buch.
Sie kan fuͤr unluſt nicht und eingebildtem grauen

Mehr ans geſtirnte hauß des hohen himmels ſchauen;

Damit ſie nun ihr thun zu wercke vollend richt/

Und weils ihr nicht beliebt/ verlaß dis lebens liecht;

Da ſieht ſie (welches gar erſchrecklich iſt zu ſagen)

Als ſie wil zum altar ihr opffer gabe tragen/

Wie der geweyhte quell erſchwartzt abſcheuliglich/

Und der geheilgte wein in blut verkehre ſich;

Diß wunderzeichen wil ſie keinem offenbahren/

Es muß die ſchweſter auch daſſelbe nicht erfahren/

Es ſtund auch in der burg ein Tempel (wie man traut)

Von ihrem vorgen mann aus marmor auffgebaut.

In ſelbten gieng ſie offt mit heiliger begierde/

Denſelben ſchmuͤckte ſie mit ſonderbahrer zierde

Mit weiſſen opffer vieh/ mit meyen/ laub und graß/

Da ließ ſie duͤncken ſich zu hoͤren/ weiß nicht was/

Als ruffte ſie ihr mann zur zeit/ da finſtre ſchatten

Der erden halbes rund bedeckt gantz duͤſter hatten:

Es ließ ſich uͤber das die nachteul hoͤren offt/

Die auff dem giebeln ſitzt/ erſchrecklich heult und rufft:

Ein vogel/ der ſich nicht den andern zu geſellet/

Des heulen und geſang mit boͤſer deutung faͤllet

Den ſterblichen ins ohr und ſchrecket ihren ſinn;

Die ſpruͤche machen ſie auch furchtſam/ die vorhin

Die prieſter ſtelleten und ſchrecklich vorherſagten

Auch ihre traͤume ſie und pfantaſeyen plagten/

Da ihr Eneas kam in tieffem ſchlaffe fuͤr/

Und ſie/ die fuͤr ſich war mit raſender begier

Er-
[187]Das Vierdte Buch.
Erfullet/ triebe mehr mit ſchrecklichen geſtalten

Sie ließ ſich duͤncken ſtets/ als muͤſte ſie ſich halten

Zu keinen menſchen nicht/ war fuͤr ſich ſtets allein/

Und wolte hier und da ohn alle gleitſchafft ſeyn.

Auff dieſe weiſe ſieht der Pentheus/ der der ſinnen

Beraubet iſt/ die zunfft der hellſchen unholdinnen/

Zwo ſonnen/ uͤber das zwo Theben zeigen ſich/

Ja oder wie Oreſt/ der nahmhafftkuͤndiglich

In trauer-ſpielen wird als ungelobt beſchrien/

Fuͤr ſeine mutter muß/ die fackeln traͤget/ fliehen

Und ſcheuen das gezuͤcht der ſchlangen/ ſo die ſchaar

Der unholdinnen traͤgt verwickelt in dem haar:

Als nun die Dido war geruͤhrt in ihrem hertzen

Und uͤberwunden ſchon von kummerhafften ſchmertzen/

Laͤſt ſie ſich nehmen ein von toller raſenheit/

Und iſt ihr ſelbſt den tod zu legen an bereit/

Erweget zeit und fug und uͤberſchlaͤgt die weiſe/

Fuͤgt zu der ſchweſter ſich und trit zur ſelben leiſe;

Laͤſt aus den augen nicht erſcheinen ihren ſinn/

Sieht froͤlich aus und traͤgt die ſtirn friſch fuͤr ſich hin:

O ſchweſter freue dich mit mir/ ich habe funden

Ein mittel/ daß ich kan von kummer ſeyn entbunden/

Daß mir Eneas muß gantz zugeeignet ſeyn;

Wo nicht/ daß ich doch kan entkommen dieſer pein.

Es ligt im Mohrenland/ da ſich der ſonnen wagen

Nach ſeiner tagereiß ſcheint in das meer zu tragen

Am euſerſter revier des naſſen reichs ein orth/

Da auff den achſeln ligt des Atlas fort und fort

Die
[188]Das Vierdte Buch.
Die blaue himmelburg/ da hat man mich gewieſen

Zu einer kloſterfrau und ihre kunſt geprieſen:

Sie war aus Libyen des tempels huͤterin

Und Heſperinnen ſchutz/ die auch dem drachen hin

Die ſpeiſe truge fuͤr die oͤpffel zuverwahren/

Die man der Venus frau zu dienſte muſte ſparen/

ſie miſcht auch honig ein und mohn/ der ſchlaffen macht:

Dieſelbe ruͤhmte ſich/ ſie haͤtts ſo weit gebracht

Durch ihre zauberey/ daß einer/ wen ſie wolte/

Von dieſer tollen ſucht und lieb abſtehen ſolte:

Hinwieder kunte ſie dem andern dieſe pein

Und liebens wuͤtigkeit ins hertze geben ein.

Sie kunte freyen lauff den ſchnellen ſtroͤmen wehren/

Sie kunte das geſtirn zu ruͤcke wieder kehren/

Wenn ſie der geiſter ſchaar beſchwerte bey der nacht/

Und aus der hoͤllen fuͤhrt durch ihre zaubermacht!

Da hoͤrt man unter ſich die erde ſchrecklich beben/

Man ſah die baͤume ſich von ihrem ort erheben:

O ſchweſter/ glaube mir/ ich ſchwere dir ein eyd/

So wahr ich heiliglich die Goͤtter allezeit

Gehalten hab/ und dich gemeint mit liebestreuen/

So leg ich mich nicht gern auff ſolche zaubereyen;

Doch gleichwol geh in hoff allein und ſaͤum dich nicht/

Und ſchaffe/ daß von holtz ein hauff werd auffgericht/

Leg ſeine waffen drauff/ die in der kammer hangen/

Die dieſer loſer mann/ da er hinweg gegangen/

Bey mir gelaſſen hat. Nimm allen plunder hin/

Wie auch das hochzeit bett/ darauff ich arme bin

Ge-
[189]Das Vierdte Buch.
Gebracht umb ehr und heil/ und leg es alls zuſammen/

Damit es werde nur vertilget von den flammen/

Ich wil es haben ſo: Geh/ bring es nur zu hauff!

Ich mag von dieſem man kein denckmal heben auff.

Die prieſterin befiehlt auch dieſes ebner maſſen;

Dꝛauff ſchwieg ſie ſtill und fieng zugleich an zu erblaſſen;

Doch glaͤubet Anna nicht/ daß ihre ſchweſter kan

Diß unter ſolchem ſchein des opffers fangen an.

Sie bildet ihr nicht ein/ daß ihre ſinnen koͤnnen

Auff ſolche boͤſe that und ſchrecklich ungluͤck ſinnen/

Sie forſchet nicht/ daß ihr was ſchweres liget an/

Als was Sichaeus tod ihr etwan bringen kan.

Derhalben wil ſie ſtracks den anbefehl erfuͤllen/

Und gehet in den hoff nach ihrer frauen willen.

Als nun der holtzhauff iſt hoch in die lufft gefuͤhrt;

Daß keinen mangel dran die koͤnigin verſpuͤrt!

ſchmuͤckt ſie denſelbẽ auch mit blumẽ/ kraͤntz und kraͤutern/

Und will ihn dergeſtalt vermehren und erweitern/

Legt ſeine kleider drauff/ ſein hinderlaſſnes ſchwerdt/

Sein bildnuͤß/ wiſſend wohl/ warumb ſie ſo verfaͤhrt.

Sie ſetzet uͤm und uͤm altaͤre ſolcher maſſen/

Wie ſichs vorzeiten wolt auff leichen halten laſſen/

Das loſe weib/ die nonn/ laͤſt fliegen ihre haar/

Und rufft dreyhundert mahl die Goͤtter an/ ſo gar

Daß ſie ergrimmte wort ließ fahren aus dem rachen

Es ſolten aus der hoͤll ſich alle teuͤffel machen

Uud kommen ihr zudienſt/ es ſolte Ehaos bald

Erſcheinen/ Hecatens erſchreckliche geſtalt/

Wie
[190]Das Vierdte Buch.
Wie auch Diana iſt/ die mit dreyfachen rachen

Und greuelhafften blick kan einem ſchrecken machen:

Sie ſprengt mit waſſer auch/ und gabe fuͤr zum ſchein/

Es ſolte von dem ſluß der helle kommen ſeyn.

Es wurden kraͤuter auch/ die man bey monden ſcheine

Mit ehrnen ſicheln ab-muß-ſchneiden/ zart und reine/

Geſucht/ aus welchen man den gelben gifftſafft nahm/

Zu denen pferdebrunſt/ ein gifftig ding/ auch kam.

Die Dido aber/ die an einen fuß entbloͤſſet

Mit ihrem oberrock von engem gurt geloͤſſet

Trug ein gebackenes mit reinen haͤnden dar/

Das war vom meel und ſaltz und ſtunde beym altar;

Und weil ſie itzo wil zum ſterben ſich bequemen/

Rufft ſie die Goͤtter an die rache fuͤr zunehmen/

Schreyt auch die ſternen an/ die alles/ was geſchicht/

Vom himmel koͤnnen ſehn/ zu uͤben das gericht/

Und wo ein Gott noch ſey/ dem die ungleiche liebe

Gefaͤllig koͤnne ſeyn und ſelbten nicht betruͤbe/

Den rufft ſie ſehnlich an/ daß er doch ſehe drein

Und ihm gerechtigkeit laß angelegen ſeyn.

Es war nun eben nacht/ und alles was auff erden

In waͤldern/ puſch und meer mag jrgend funden werden/

Das ſchlieff mit ſanffter ruh/ da das geſtirne gleich

Mit ſchnellem lauffe ſchwebt au guͤldnem Goͤtter-reich/

Da alles ſtille ligt/ was auff dem felde lebet/

Was in revier der lufft an bunten voͤgeln ſchwebet/

Was wimmelt in dem wald/ was in den ſeen ſchwimmt/

Zu ſich mit muͤdem ſinn die ſanffte ruhe nimmt/

Und
[191]Das Vierdte Buch.
Und kan durch ſuͤſſen ſchlaff die muͤh und ſorgen lindern:

Die Dido aber kan ihr ungeluͤck nicht mindern:

Es koͤmmet weder ſchlaff noch ruh in ihren ſinn

Und augen: Sondern denckt an alten kummer hin:

Es mehrt ſich immer zu der liebe ſorg und ſchmertzen/

Die liebe ſteigt ihr auff und tobt in ihrem hertzen/

Daß ſie von groſſer flamm des grimmen zornes bebt/

Und von begierden wanckt und hin und wieder ſchwebt;

Sie ſteht/ beſinnet ſich und hebet ſolcher maſſen

Mit ſich zu reden an: Waß ſol ich thun und laſſen/

Sol ich/ die ich geſchimpfft von Troern worden bin/

Dergleichen wieder thun und wenden meinen ſinn

Mit liebe zum Hiarb/ daß ich mit knyebeugen

Ihn bitte/ daß er ſich woͤll gegen mir bezeigen

Als trauter ehegemahl/ den ich ſo offtmals hab/

Als offt er uͤmb mich warb/ gewieſen ſchimpfflich ab?

Er wird ohn zweiffel ſtets an meinen trotz gedencken/

Und nimmermehr ſein hertz zu meiner liebe lencken.

Was ſol ich anders denn verzweiffelt nehmen fuͤr/

Damit ich ſtillen mag mein hertzliche begier?

Sol ich denn fuͤr mein volck und treue leute fliehen

Und mit den Troern weg-in ihre laͤnder-ziehen?

Sol ich geſetz und maß von ihnen nehmen an/

Die ich fuͤr mich alhier allein regieren kan?

Sie haben/ wie ich ſeh/ mit ſchoͤnem danck geprieſen

Mein wolthun/ das mit treu ich ihnen hab erwieſen!

Sie haben alles ſchon geſchrieben in den ſand/

Wie ſchoͤn iſt alles doch an ihnen angewand!

Ge-
[192]Das Vierdte Buch.
Geſetzet aber/ daß ich dieſen rath ergreiffe/

Wer wuͤrd auffnehmen mich in ihre ſtoltze ſchiffe?

Sie wuͤrden halten mich fuͤr lauter ſpott und hohn/

Vnd wenn ſie mich genung gehoͤnet/ ziehn davon.

Du arme Dido du/ wirſt du denn noch nicht innen

Der untreu dieſes volcks/ die nur auff boͤſes ſinnen?

Sol ich denn ihnen nach-den ſchifferknechten-ziehn/

Die mit triumphs geſchrey erheben ihren ſinn?

Iſts aber etwan rath/ daß ich mit meinen buͤrgern

Mit gantzer heeres krafft nach eile dieſen wuͤrgern?

Sol ich mein volck/ das ich nicht kunte bringen hin

Aus Tyrus meiner ſtadt in frembdes land zu ziehn/

Vermoͤgen koͤnnen wol/ den feinden nach zujagen/

Und unverdroſſnes muths ſich auff das meer zu wagen?

Doch ſtirb/ wie du verdienſt/ und wende durch den tod

Von deinem hertzen ab dein elend angſt und noth.

O ſchweſter/ da du dich ſtracks gabſt auff meine thraͤnen/

Und da ich nahme fuͤr mich nach dem kerl zu ſehnen/

Da haſt du mich vorerſt gebracht in dieſe noth:

Nun gibſt du mich gar hin dem feind in ſpott und tod.

Hab ich denn nicht gekunt ohn ſchaͤndlichem beginnen

Mein leben ruhiglich ohn freyen fuͤhren koͤnnen/

Gleich wie die Luͤxin thut/ die einſam geht herein/

Wenn ihr der gatte ſtirbt und laͤſſet ſie allein!

Hab ich der tollen lieb nicht koͤnnen muͤſſig gehen/

Nun muß ich meiner ehr beraubt mit ſchanden ſtehen/

Weil ich gebrochen hab die treue meinem man/

Und ihm in ſeiner grufft den ſchnoͤden ſchimpff gethan.

Solch
[193]Das Vierdte Buch.
Solch klagen ſtieß ſie aus mit troſtberaubten ſinnen:

Eneas aber/ der itzt wolte gleich von hinnen/

War auff dem oberſchiff und that ein ſchlaͤffelein/

Da alles zugeſchickt/ und ſolte wachſam ſeyn.

Da laͤßt ſich Majens ſohn der Goͤtter bothe wieder

Mit rauſchendem gethoͤn der fluͤgel vor ihm nieder/

Als er ligt in der ruh. Er iſt noch ehnlich gar

Dem vorigen Mercur/ an ſtimme/ gelben haar/

Und farbe/ wie auch zier und ſchoͤnheit zarter jugend/

Mahnt ihn ſo wieder auff: Eneas/ deſſen tugend

Vom himmel ruͤhret her/ ſag an/ wie iſts mit dir/

Kanſt du mit ſolcher noht noch ruhig ſchlaffen hier?

O thoͤrichter/ ſtehſt du denn nicht die faͤhrligkeiten/

Mit denen du jtzt biſt uͤmringt auff allen ſeiten?

Hoͤrſt du denn nicht den weſt wie er ſo linde weht?

Die Dido ſinnt auff liſt/ und mit was ſchwanger geht/

Das uͤbergrauſam iſt. Sie ſtickt in angſt und noͤhten/

Und hat den ſchluß gefaſt ſich jtzo ſelbſt zu toͤdten/

Sie brauſt fuͤr tollem grimm und wancket hin und her.

Wilſt du denn/ weil du kanſt/ nicht fliehẽ durch das meer

Mit aller ſchnelligkeit? jtzt wirſt du ein gewimmel

Von lauter ſchiffen ſehn: Itzt wirſt du ein getuͤmmel

Vernehmen/ daß dir graut: Itzt wirſt du ſehn den ſtrand

Voll muͤhens und gelaͤuffs/ voll fackeln/ voller brand:

Laß dich ja morgen nicht betreten hier am ſtrande:

Auff/ auff/ verzeuch doch nicht und eile von dem lande:

Der weiber ſinn iſt bunt und kehrt ſich unverhofft;

Als er diß hat geſagt; Verſchwand er in die lufft.

NEneas
[194]Das Vierdte Buch.
Eneas wachet auff vom ploͤtzlichem geſichte/

Wird ſehr beſtuͤrtzt hierob und haͤlts fuͤr kein getichte/

Nafft ſich ſtracks aus dem bett/ und ſchreyet was er kan

Erwecket ſeine purſch und mahnt ſie freudig an:

Wacht auf/ ihr purſch/ es laͤßt ſich hier nicht laͤnger ſchlaf-

Wir muͤſſen in der eil verlaſſen dieſen haven; (fen/

Ein jeder fuͤge ſich an ſeine ſtell und orth/

Und laſt die ſegel ab ſtoßt flugs ab von dem port.

Schaut! der poſtilion der Goͤtter ſchwingt ſich wieder

Von himmelsthron herab mit guͤldenem geſieder/

Und treibt uns an/ die flucht zu nehmen in der eil/

Und hauen ruͤſtig ab die groſſen anckerſeil.

Du magſt ſeyn wer du biſt/ du heiliger der Goͤtter/

Wir folgen deinem trieb: Denn du biſt unſer retter

Und koͤnig: Dein gebot verrichten wir mit luſt

Und freuden/ ſteh uns bey mit deinem ſanfften troſt/

Und laß das wetter doch nach unſerm wuntſch geluͤcken.

Nach dieſem ſah man ihn den blancken degen zuͤcken/

Er hewt mit ſcharffen hieb das ſeil am ufer ab/

Es folgt ihm maͤnniglich und ſich in eil begab

Zu ſegel/ raffen mit geſchwinde/ was ſie koͤnnen/

Und uͤber halß und kopff hin nach den ſchiffen rennen:

Sie machen ſich zum ſtrand mit allem zeug und heer/

Sie ꝛudeꝛn/ daß es ſchaͤumt und ſtꝛeichen durch das meer.

Die morgen roͤthe war nun wieder auffgegangen/

Und bracht ihr lebens liecht den menſchen nach verlangẽ.

Als nun die koͤnigin von hoher warte ſieht/

Wie dieſe ſchiff-armad mit vollem ſegel flieht

Und
[195]Das Vierdte Buch.
Und daß die haveu wuͤſt und gantz veroͤdet ſtehen/

Daß auch kein ruder mehr zu finden noch zu ſehen/

Da ſchlaͤgt ſie ungezehlt/ wie offt es etwan war/

Sich an die bruſt/ und raͤufft ihr golt geſtrahltes haar

Aus ihrem kopff heraus. O groſſer Goͤtter koͤnig

(Sagt ſie) haͤlt dieſer gaſt von deiner macht ſo wenig/

Daß er diß reich verſchmaͤht und hoͤhnt uns bitterlich?

Wie? Wird denn unſer volck nicht zornig ruͤſten ſich;

Sol nicht die gantze ſtadt ihn zu verfolgen eilen?

Wil man denn ſeine ſchiff zu pluͤndern ſo verweilen?

Laufforiſch/ bring feuer her/ ſchifft fort/ ſchlagt ruder an!

Was red ich? Wo bin ich? Was fuͤr ein toller wahn

Verendert meinen ſinn? O wie bin ich in orden/

Der ungluͤckſeligen ſo gar verſetzet worden!

Nun trifft mich dieſe noth/ nun macht der loſe mann/

Daß mich das ungeluͤck mit hauffen rennet an.

Da haͤtt ich ihn geſolt aus meinem reiche jagen/

Da ich an meiner ſtatt ihn ließ den ſcepter tragen.

Wie ſchoͤn hat er mir nun gehalten pflicht nnd tren/

Da er mit mund und hand mir ſchwur zu ſtehen bey.

Iſt das der fromme mann/ von welchem man wil ſagen/

Er hab die Goͤtter her vom Troja mit getragen/

Ja ſeinen vater auch/ der alt und krafftloß war/

Auff ſeinen Achſeln mit genommen aus gefahr?

Hab ich ihn nicht vermocht in ſtuͤcken zu zerreiſſen

Und ſchleudern in das meer? Hab ich ihn nicht zerbeiſſen

Mit meinen zaͤhnen kunt? Warumb hab ich doch nicht

Sein mir verhaſſtes volck gewuͤrgt und hin gericht?

N 2Haͤtt
[196]Das Vierdte Buch.
Haͤtt ich mich doch durch mord an ſeinen ſohn ergetzet/

Und ſeinem vater ihn zur ſpeiſe vorgeſetzet!

Ja das geluͤck im krieg haͤlt aber ſelten ſtand?

Mag ſeyn! wer ſeinen tod ſelbſt traͤgt in kuͤhner hand/

Der fuͤrchtet ſich fuͤr nichts. O haͤtt ich feuer-braͤnde

Geworffen in die ſchiff und meine beyde haͤnde

Mit fackeln außgeruͤſt/ ſo haͤtt ich vater/ ſohn/

Und ſaͤmptliches geſchlecht mit feur getilget ſchon!

Da haͤtt ich uͤber ſie als den vertilgten hauffen

Als eine ſiegesfrau mit freuden wollen lauffen/

Und mich erſtechen auch. Es ſolte mir die rach

An meiner feinde rott ſeyn eine ſuͤſſe ſach.

O brunnen alles liechts! o goldgeſtrahlte Sonne!

Die du den ſterblichen gibſt ſuͤſſe freud und wonne

Und leuchteſt gantzer welt. Und du Dolmetſcherin/

O Juno/ meiner lieb/ die du kennſt meinen ſinn;

Und du/ o Hecate/ die wir auff ſcheidewegen

Mit heulen und geſchrey zu ſuchen ſehnlich pflegen;

Ihr raͤcherinnen auch und Goͤtter/ die ihr mich

Begleitet jederzeit und ſchuͤtzet gnaͤdiglich;

Vernehmet meine bitt und wendet zorn und wuͤte/

Auff dieſe leute hin/ und neiget eure guͤte

Zu meiner bitt und wuntſch: So jener loſe mann/

Den ich nicht uͤbel gnung mag nennen oder kan/

Erreichen ſol den port und hin zu lande ſchwimmen

Und ihm die Goͤtter noch diß land zum zweck beſtimmen/

So laßt ein kuͤhnes volck doch kommen uͤber ihn/

Und ihn die Rutuler mit kriegsmacht uͤberziehn/

Daß
[197]Das Vierdte Buch.
Daß er an keinem ort ſein bleiben moͤge haben/

Noch ſeinen ſinn und hertz an ſeinem ſohne laben:

Er ruff umb beyhuͤlff an und ſeh der ſeinen tod.

Mit jammer/ hertzeleid/ beſchwer und bittrer noth.

Und ob er wider recht ſchon einen friede machte;

So muß er ſeines reichs und lebens/ wie er dachte/

Genieſſen nimmermehr mit unbetruͤbter ruh/

Er muͤſſe fuͤr der zeit ſein augen ſchlieſſen zu/

Und mitten auff dem ſand uneingeſcharret ligen;

Diß bitt ich/ dieſes ſol und kan mich noch vergnuͤgen:

Diß letzte wort ſol ſeyn beſtaͤttigt durch mein blut

Zum zeichen/ daß mir das vollſtaͤndig gnuͤge thut.

Und ihr/ o Tyrier/ verfolget dis geſchlechte

Mit unverſoͤhntem haß/ mit-oder wider-rechte/

Und ſchicket mir hin ach/ wenn ich geſtorben bin

Diß einige geſchenck zu troͤſten meinen ſinn/

Der uͤber bleiben wird: Es muͤſſe keine liebe

Zu dieſem volcke ſeyn/ ein jeder ſich betruͤbe/

Man gehe nimmermehr mit ihnen buͤnduuͤß ein/

Es muͤſſe kommen noch aus unſerem gebein

Ein ſtarcker raͤcher-held/ der dieſe bauerknechte

Mit ſchwerdt und feuer tilg und rotte dis geſchlechte

Der Troer gaͤntzlich aus/ zu welcher zeit ſichs fuͤgt/

Es ſey kurtz oder lang/ nur das ich ſey vergnuͤgt.

Es muͤſſe ſee und port dem andern ſeyn zu wider/

Es muſſe ſturm und fluht die andre druͤcken nieder

Es muͤſſe dieſes volck bekriegen jenes heer/

Es muͤſſe kindes kind ins andre ſein gewehr

N 3Zu
[198]Das Vierdte Buch.
Zu ſtoſſen ſeyn ergrimmt. Diß ſagte ſie und dachte

bald hieꝛ bald doꝛt hinaus/ nicht wiſſend/ was ſie machte/

Sie wolt ihr mit gewalt das leben reiſſen ab

Je ehe je baß/ dieweil es ihr verdruß nur gab.

Drauff ſprach ſie kurtzlich an die Barce/ die fuͤr deſſen

Sicheens amme war/ das ihr noch unvergeſſen/

(Denn ihre war ſchon tod) ach amme gehe ſchier

Und hohl mit Annen her/ ſag meinetwegen ihr/

Sie ſol mit friſcher flut ſich zu beſprengen eilen/

Und mit dem opffer vieh und zeuge nicht verweilen/

Das ihr gewieſen iſt: Dann komme ſie zu mir/

Und du ſolt ſetzen auff ein heilge hauptes zier.

Das opffer/ daß ich hab beſtimmt fuͤr andern dingen

Dem hellſchem Gott/ wil ich zu ſeiner endſchafft bringen/

Ich wil auch hoͤren auff mit grimmer liebes pein/

Mit ſchwerer phantaſey mir zu beſchwerlich ſeyn/

Und wil das bildnuͤß nur des leichten kerles geben

Den flam̃en: dieſes duͤnckt (ſagt ſie) mich recht und eben:

Die Barce regte ſich wie alte weiberlein/

Und wolte ſchleunig das zu thun geſchaͤfftig ſeyn.

Die Dido aber eilt mit angſt und tieffen zagen/

Iſt doch ergrimmet auch ihr boͤſes thun zu wagen/

Verkehrt der augenlicht und ſieht bald feuer-roth/

Bald zittert ſie fuͤr furcht und harter ſterbens noth.

Sie kommt mit ungeſtuͤmm in hoff hinein gelauffen/

Und ſetzt ſich oben hin auff den gemachten hauffen

Mit raſender begier und zuͤckt das ſchwerdt behend

Des Troers/ das er nicht verließ zu dieſem end/

Daß
[199]Das Vierdte Buch.
Daß es ihr ſolte ſo zu ihren tode tuͤgen:

Als ſie nun ſiehet da des Troers kleider ligen

Und das bekandte bett/ legt ſie ſich oben drauff

Und hemmt mit ſtillem ſinn der milden zaͤhren lauff.

Aͤls ſie ein wenig nun kaum hatte lufft geſchnaubet/

Und dieſe kurtze ruh dem ſchwachen ſinn erlaubet/

Laͤßt ſie ſich endlich aus in volle raſerey/

Und ſaget dieſe wort als letzten noch darbey:

Ihr kleider/ die ihr mir ſeyd lieb und werth geweſen/

So lange Gott und gluͤck gedeyen und geneſen

Mir haben zugetheilt; Ach nehmet/ nehmet doch

Mein lebens luͤſftlein an und loͤſet mich vom joch

Der ſorg und kuͤmmernuͤß; Ich muß das liebe leben/

Das mir Gott hat geſchenckt/ mit hertzeleid auffgeben/

Ich habe meinen lauff/ der mir gegeben iſt/

Vollendet trauriglich zu dieſer letzten friſt.

Nun muß mein ſchatten-bild in finſtern bauch der erden

Den ſchlangen und gewuͤrm zur koſt und ſpeiſe werden:

Ich habe nun erbaut ein hochberuͤhmte ſtadt

Die eyſenfeſte thor und hohe mauren hat.

Ich habe ſatte rach an bruder außgeuͤbet/

Da er mir bitterlich mein hertze hat betruͤbet

Und meinen mann getoͤdt. O uͤber ſelig wehr

Ich nun/ wenn dieſes volck wehr nimmer kommen her.

Ach daß doch dieſe leut an unſer land gekommen!

Ach haͤtt ich nimmer doch von ihnen was vernommen!

So ſagte ſie/ und legt den mund auffs bette hin:

Sol ich denn ſterben/ die ich ungerochen bin?

N 4Doch
[200]Das Vierdte Buch.
Doch mags geſtorben ſeyn/ Ich mag nicht laͤnger leben/

So/ ſo beliebet mir das leben auff zu geben.

Es mag der grauſame Trojaner immer her

Auff dieſe feuers brunſt ſehn von dem hohen meer/

Sol aber meinen tod ſo aus zu legen wiſſen/

Daß er kurtz oder lang werd einmal ſterben muͤſſen:

Das war ihr letztes wort; Da faͤllt ſie in das ſchwerdt

Als etwas nun hievon hat ihr geſind gehoͤrt;

Da lauffen ſie hinzu mit gantz beſtuͤrtztem muthe/

Und ſehn ſie ligen da entleibt in ihrem blute/

davon das ſchwerd noch ſchaͤumt. Sie liget außgeſtreckt/

Und iſt an gantzem leib beſudelt und befleckt.

Es koͤmmet das geſchrey auff ihre burg und zinnen/

Es wird die gantze ſtadt/ als man wird deſſen innen/

Erfuͤllet mit geſchrey/ mit klagen weh und ach/

Mit ſeufftzen und geheul/ mit lauter ungemach.

Die weiber heben an zu weinen und zu zagen/

Man hoͤret weit und breit ihr groſſes jammerſchlagen/

Es geht nicht anders zu/ als wenn des feindes heer

Mit groſſer ungeſtuͤmm ſchon in Carthago wehr/

Und jtzt des feuers grimm mit ungezaͤmten flammen

Schluͤg uͤber hauß/ pallaſt und tempel hoch zuſammen.

Die ſchweſter Anna faͤllt in ohnmacht/ da ſies hoͤrt/

Steht wieder auff und laͤufft fuͤr ſchrecken gantz bethoͤrt

Immitten durch das volck/ mit naͤgeln ſich zerkratzet/

Und ſchlaͤget an die bruſt zum oͤfftern/ daß es platzet/

Und rufft die koͤnigin mit namen/ die noch nicht

Geſchloſſen hatte zu ihr dunckles augenlicht.

Wars
[201]Das Vierdte Buch.
Wars/ ſchweſter/ ſo gemeint/ wars dahin angeſehen/

Daß du mich moͤchteſt ſo betrieglich hintergehen?

Hat dieſer hauffenholtz/ dis feuer und altar

Bereitet ſollen ſeyn/ daß ich ſolt in gefahr

Und noth geſtuͤrtzet ſeyn? Woruͤber ſol ich klagen/

Die ich verlaſſen bin. Wie ſol ich mich betragen

Mit dieſem ſchweren leid? Muß deine ſchweſter ich

So gar verachtet ſeyn/ daß du itzt laͤſſeſt mich/

Und ſtirbſt ohn mich dahin? Ach haͤttſt du mich gezogen

In ebengleichen tod/ du haͤtteſt mich bewogen.

Ein einig ſchwerd und ſchmertz/ ein einig ſtuͤndelein

Haͤtt beydes mich und dich entzogen aller pein.

Hab ich auch meine hand als werckzeug muͤſſen legen

An dieſen hauffen holtz? Hab ich die lippen regen

Die Goͤtter anzuflehn auch muͤſſen/ ſo/ daß ich/

Wenn du in ohnmacht fielſt/ nicht ſolte halten dich

Und grauſamlich verließ? Ich habe dich uͤmbs leben/

O ſchweſter/ ſelbſt gebracht/ und mich mit dir darneben

Das volck/ den rath/ die ſtadt. Gebt waſſer daß ich ab-

Die wunden-waſchen kan/ und ſo noch vor dem grab

Dein geiſt noch irrt herumb/ wil ich denſelben faſſen

Mit meinen lippen auff. Als ſie nun ſolcher maſſen

Geredet hatte/ ſtieg ſie hoch auffs holtz hinan/

Und nahm die ſchweſter/ die itzt trat des todes bahn/

Mit ſeufftzen in den ſchoß/ und trocknet mit dem kleide

Das ſchwartze blut mit ach und kummerhafften leide;

Da wolte ſie noch auff-mit ihren augen-ſehn/

Sie waren ihr zu ſchwer und wolten gantz vergehn.

N 5Man
[202]Das Vierdte Buch.
Man hoͤrte/ wie das blut in tieffer wunde ziſchte/

Man ſahe bey der bruſt/ wies wallet auff und giſchte/

Sie richtet ſich dreymal auff wieder in die hoͤh/

Und ſteurt ſich auff dem arm; So vielmal wurd ihr weh

Und legt ſich wiederumb: Sie lieſſe hin und wieder

An hohen himmel hin die matten augenlieder

Und ſucht das ſuͤſſe liecht; Und da ſies kunte ſehn/

Ließ ſie gantz inniglich noch einen ſeufftzer gehn.

Als ſie die Juno nun ſah treibe lange ſchmertzen/

Ließ ſie ihr ſolchen tod und angſte gehn zu hertzen/

Und ſchickt die Irim hin/ die ſich von him̃el ſchwung/

Und loͤſet ihren geiſt/ der toͤdlich mit ſich rung/

Von ſchweren leibes joch. Denn weil noch nicht ihr ende

Vorhanden/ noch befleckt hat jemals ihre haͤnde/

Beſonderm vor der zeit elendiglich verdarb/

Und von dem ſchnellen grimm der liebe klaͤglich ſtarb;

War annoch nicht ihr haupt und gelbes haar beſchoren

Von der Proſerpina/ wie auch noch nicht erkohren

Zur harten ſterbens noth. Drumb laͤſſet Iris ſich

Von hohem himmels thron gantz ſchoͤn und wunderlich

Mit ſchnellem flug herab/ die wenn die/ ſonne ſtrahlte

Entgegen ihr/ gar ſchoͤn mit manchen farben pralte;

Als ſie ihr ſtunde nun zum haupte/ ſagte ſie:

Ich ſchneide dir das Haar/ das Venus dir verlieh/

Aus Juno anbefehl/ von deinem ſcheitel abe/

Und bring es Pluto hin zum opffer bey dem grabe:

Auff dieſe weiſ entbind ich dich vom leib itzund/

Da ſah man/ wie die ſeel hier in die lufft verſchwund.


[203]Das Fuͤnffte Buch.

Das Fuͤnffte Buch.


IMmittelſt aber war Eneas mit den ſchiffen

Faſt mitten auf dem meer mit ſteiffem ſchluß

begriffen/

Und ſtriche mit dem nord durch ſchwartze wellen hin

Und ſahe nach der ſtadt mit hochbetruͤbtem ſinn

In der die flammen ſchon/ die Dido hat erreget/

Alß ſie den hauffen holtz zum opffer angeleget/

Zu ſchimmern fingen an: Die urſach weiß man nicht/

Woher ein ſolches feur iſt worden angericht;

Allein wenn groſſe lieb entſpringet in den hertzen/

Und wird in haß verkehrt/ ſo werden auch die ſchmertzen

Vermehrt: Es iſt bekand/ was eine frau vermag/

Wennſſie von wuͤtigkeit der lieb empfindet plag;

Und darumb koͤnnen ſich an den verwirrten ſachen

Die Troer troͤſten nicht/ noch gute deutung machen.

Sie waren auff die hoͤh des meeres kommen nu/

Und ſtieſſe nirgend mehr ein haven ihnen zu/

Es war nichts umb und umb als meer und lufft zu ſehen/

Man ſah ob ſeinem haupt ein ſchwartzes wetter ſtehen/

Das brachte finſternuͤß und greulich ungeſtuͤmm/

Das meer erhube ſich mit unerhoͤrtem grimm.

Der ſchiffmann Palinur empfindet ſelbſt beſchwerden/

Und wil mit hand und muth veꝛzagt und kleinlaut werdẽ/

Schreyt hinden von dem ſchiff: ach was ſol dieſes ſeyn/

Daß unerhoͤrter weiſ ein ſolcher ſturm faͤllt ein;

Was
[204]Das Fuͤnffte Buch.
Was haſt du/ vater doch Neptunus fuͤrgenommen/

Daß du laͤßt uͤber uns ein ſolches wetter kommen?

Nach dieſem laͤſſet er die ſegel ziehen ein/

Vnd mahnet/ daß man ſol zu rudern aͤmbſig ſeyn.

Er lencket nach dem wind die ſegel in die kruͤmme/

Damit er/ wie ſichs fuͤg/ entgeh des meeres grimme;

Vnd ſprach: O tapffrer fuͤrſt Enea wenn mir dis

Auch ſelbſt der Jupiter gelobte fuͤr gewiß

Wuͤrd ich doch keinen troſt noch zuverſicht gewinnen/

Das wir bey ſolchem ſtand des wetters ſolten koͤnnen

In Welſchland kommen hin: Die wind erheben ſich

Vom finſterm abendland und brauſen grimmiglich;

Sie ſtreiten uͤber-zwerch/ der himmel wird verhuͤllet/

Und wird die gantze lufft mit dicker dunſt erfuͤllet;

Wie ſehr wir uns bemuͤhn/ iſts doch umbſonſt gethan/

Es nuͤtzet nicht/ daß wir die ruder ſchlagen an/

Dieweil nun das geluͤck ſpielt meiſter und regieret/

So laſt uns folgen nur/ wohins uns rufft und fuͤhret;

Laßt kehren umb das ſchiff; Auch laͤßt ſichs/ wie ich kan

Vermuthen/ bald am port des bruders kommen an/

Des Eryx/ zu dem wir uns aller treu vorſehen;

Ingleichem koͤnnen wir nach dem geſtade gehen

Des lands Sicilien; Wenn anders ich nicht bin/

Was das geſtirn betrifft/ verirrt in meinem ſinn.

Da ſagt Eneas drauff: Ich hab es laͤngſt geſehen

Daß ſolcher maſſen uns die wind entgegen ſtehen/

Und daß du dich umbſonſt dargegen muͤhſt und ſtemmſt/

In dem du nur den lauff mit vollem ſegel hemmſt

Bey
[205]Das Fuͤnffte Buch.
Bey dieſem ungeſtuͤmm. Derhalben laß den winden

Das halbe ſegel nur/ und bleib ein wenig hinden;

Was fuͤr ein erdenland koͤnnt mir doch lieber ſeyn/

Und da ich koͤnte ziehn die muͤden Tannen ein

Nach meinem wuntſch und ſinn/ als das Aceſten heget/

Und meines vaters leib in ſeinem ſchoſſe traͤget?

Als dieſes nun war gut/ ziehn ſie hin nach dem port/

Da treibt der ſanffte wind ihr kuͤhnes ſegel fort.

Das gantze ſchiffheer ſtreicht geſchwinde durch die wellẽ/

Die purſche feyret nicht der friſchen booßgeſellen;

Sie kehren endlich an den hochgewuͤntſchten ſtrand/

Aceſt/ dem dieſes heer von fern war unbekand/

Stund auff des berges ſpitz: Als er ſie nun recht kennet/

Und daß es freunde ſeyn/ iſt er gantz froh geſinnet/

Laͤufft in der baͤrenhaut/ mit der er angethan

Mit koͤcher und geſchoß/ und wil ſie nehmen an

Und freundlich laden ein: Derſelbe war gezeuget

Zu Troja von dem ſtrom Criniſus und geſaͤuget

Von ſeiner mutter da Egeſta/ eingedenck

Der alten eltern noch/ er nimmt ſie mit geſchenck/

So viel ſein hauß vermag/ auff/ heiſſet ſie wilkommen;

Und als er wolgemuth ſie mit ſich heim genommen/

Labt er/ als muͤde/ ſie von ſeinem guͤtelein/

Spricht ihnen troͤſtlich zu/ ſie ſollen froͤlich ſeyn.

Als nun das ſternen heer mit ehſtem fruͤhen morgen

Sich hatte durch den ſchein des tage-liechts verborgen?

Rufft der Trojaner fuͤrſt ſein volck vom haven her/

Und hielte dieſe red zum unterricht und lehr:

Ihr
[206]Das Fuͤnffte Buch.
Ihr groſſen Dardaner/ die ihr von Goͤtter ſaamen

Und himmliſchen geſchlecht empfangen eure namen/

Es hat des jahres kreyß der monat lauff erfuͤllt/

Seither wir haben ein-den heilgen reſt-gehuͤllt

Des vaͤterlichen leibs und in die erd begraben/

Auch ihm auff dem altar betruͤbt geopffert haben;

Nun aber iſt der tag vorhanden/ wie ich mein/

Den ich wil allezeit begehen heilig-rein/

Und halten ehren wehrt. Das iſt der Goͤtter wollen/

Das wir/ in maſſen es geziemt/ erfuͤllen ſollen.

Wenn ich nun waͤre gleich als ein vertriebener/

Und wohnt in Libyen/ an orten/ wo das meer

Und rauhe Syrten ſind/ und in der ſtadt Mycenen;

Wolt ich doch dieſen tag mit opffer danck und thraͤnen

Begehen heiliglich: Ich wolte ſtellen an

Ein jahrfeſt ordentlich/ wies praͤchtiglich gethan.

Nun aber da wir ſind zum grab des vaters kommen/

Ehe wir davon gedacht und hatten fuͤr genommen/

Das traun nicht ohne rath der Goͤtter iſt geſchehn/

Vnd wir mit gutem gluͤck in freundes haven ſiehn;

Als ſeyd nur wolgemuth und laßt die Goͤtter walten;

Wir wollen dieſen tag zu ehren froͤlich halten/

Vnd bitten guten wind vom vater/ welcher nun

Vergoͤttet iſt/ und kan uns dieſe wolthat thun.

Demſelben werden auch/ wenn wir gebauet haben

Ihm eine neue ſtadt/ gefallen unſre gaben

Und opffer/ die wir ihm in tempeln zum altar

Zubringen wollen ſeyn bedacht von jahr zu jahr.

Der
[207]Das Fuͤnffte Buch.
Der Troiſche Aceſt gibt euch als lieben gaͤſten

Auff jede ſchiffe zween erleſne ſtier zum beſten:

Nehmt eure Goͤtter mit/ die ihr von Troja habt

Gebracht zu dieſem mahl/ wenn ihr euch froͤlich labt/

Und die der wirth Aceſt mit danck und opffer ehret/

Dieſelben ehret auch und laßt ſie unbeſchweret;

Auch wenn der neunde tag wird zeigen ſeinen ſchein

Uns ſterblichen/ wil ich dahin befliſſen ſeyn

Euch eine ritterluſt zu machen/ eure tugend

Zu ſchaͤrffen/ weil ihr noch ſeyd in dem lentz der jugend.

Ich wil erſt ſtellen fuͤr den Troern einen ſtreit

Zu ſchiffe bey dem ſtrand/ daß man mit ſchnelligkeit

Treff auff einander zu: Hernach wil ich vom hauffen

Erwehlen etliche/ die ſollen ſich mit lauffen

Zu uͤben ruͤſtig ſeyn/ der ſchnelle fuͤſſe hat/

Und welcher ſeine ſtaͤrck auch ſetzt auff kuͤhne that.

Traͤgt einer auch begier in ſchießen ſich zu uͤben/

Und ihm geſchoß und pfeil fuͤr andrn laͤßt belieben;

Ja wo noch andere ſind/ die ein zugehn bereit

Mit uuverzagten muth den harten kolben ſtreit;

Die ſollen dann hernach ſich machen und ſtehn fertig/

Und nachmals nach verdienſt ſeyn der gewinſt gewertig

Anitzo wuͤntſcht geluͤck mit frohem jubel-ſchall

Und zieret euer haupt mit kraͤntzen allzumahl.

Da kroͤnet er ſein haupt mit einem Myrthen ſtrauche/

Das man der Venus that zu ohren nach gebrauche;

Helymus und Aceſt/ der zimlich alt ſchon war/

Der knab Aſcanius/ und drauff die gantze ſchaar

Thun
[208]Das Fuͤnffte Buch.
Thun dieſes froͤlich nach Eneas kommt gegangen

Mit vielen tauſenden mit groſſem gleit und prangen

Zum gꝛab: hier ſteht eꝛ ſtill uñ ſchenckt zweene becheꝛ ein

Nach altem opffer brauch; Und da er von dem wein

Gekoſtet/ geiſt er ihn auffs grab wie auch zwo ſchalen

Voll ſriſcher milch/ auch zwo voll blut und wil bezahlen

Den Goͤttern opfferdanck/ und ſtreut mit voller hand

Viel rothe blumen aus/ der Venus liebes pfand/

Hebt alſo an und ſagt: O heilig-frommer vater/

Gehabe dich nun wol/ der du warſt mein berather:

Und du/ o aſche/ ſeel und geiſt des vaters ſeyd

Gegruͤſſet abermal/ zu dem ich nach dem leid

Vergebens wiederkomm: Ich hab nicht koͤnnen finden

Das land Italien/ bin blieben ſehr dahinden/

Daß ich die Tyber haͤtt erreichet nebenſt dir/

Wie das verhaͤngnuͤß ſich heraus ließ gegen mir.

Diß hat er kaum geſagt; Da ſah man eine ſchlange

Die groß und ſchluͤpffrig war/ aus innerm heilgen gange

Herfahren grimmiglich/ die in die kruͤmme kroch

Sich waltzend hin und her/ und offt in kreyß ſich zoch;

Kreucht ſachte zu dem grab und ſich ums ſelbte ſchweiffet

Kom̃t endlich zum altar/ und hin und her ſich ſchleiffet/

Traͤgt blaue flecken auff dem ruͤcken/ und iſt gantz

Auff ihrer ſchupenhaut beflammt mit guͤldnem glantz.

So ſieht man im gewoͤlck den ſchoͤnen bogen glaͤntzen

Von farben mancher zier/ wenn er der ſonnen graͤntzen

Entgegen ſteht: Es wird Eneas drob erſchreckt/

Die ſchlange/ die ſich kruͤmmt und in die laͤnge ſtreckt/

Kreucht
[209]Das Fuͤnffte Buch.
Kreucht endlich hier und da herumb/ da wo die ſchalen

Mit eſſen angefuͤllt und guͤldene pocalen

Geſetzet waren auff: Sie macht ſich gar hinan

Und koſtet von der ſpeiß/ geht wieder ihre bahn/

Und ſchleifft ſich in das grab/ thut keinem leid noch ſcha-

Verlaͤſſet den altar/ als welcher war beladen (den/

Mit vieler opffer ſpeiß/ die von dem feuer gar/

Das darauff nach gebrauch entzuͤnd/ verzehret war.

Eneas als er war des wunderzeichens innen/

Befleiſt ſich deſto mehr ſein heiliges beginnen

Zu tragen voͤllig ab zu ſeines vaters ehr/

Und laͤſſet/ was darzu gehoͤrig/ bringen her;

Weiß nicht/ wofuͤr er ſol diß ungeheuer achten/

Obs ſey ein geiſt des orts/ ob er es ſoll betrachten/

Als ſeys des vaters knecht. Er laͤſſets alſo ſeyn/

und opffert nach gebrauch fuͤnf ſchaaf und ſo viel ſchwein

Auch ſo viel ſchwartze ſtier/ und goſſe wein aus ſchalen/

Und rufft des vaters geiſt zu unterſchiednen mahlen

Vnd ſeine ſeele her aus tieffem hellen ſchlund:

Nicht minder that die purſch/ nach dem ein jeder kunt/

Und trugen wolgemuth in tempel ihre gaben/

Und brachten zum altar ſo viel ſie kundten haben

Faſt eine groſſe meng: Sie thaten ochſen ab/

Die andern ſetzten hin die keſſel vor das grab/

Und da ſie ſich ins graß zerſtreut geleget haben/

So braten ſie am ſpieß die fetten opffer gaben.

Der hochgewuͤntſchte tag war itzund vor der thuͤr/

Und blinckte wiederumb die morgenroͤth herfuͤr;

ODa
[210]Das Fuͤnffte Buch.
Da hat Aceſtens ruff und hoher nahm bewogen

Das angegraͤntzte volck und bis hieher gezogen;

Die haven lagen vol mit froͤlichem geſchrey/

Es wolte maͤnniglich den ſpielen wohnen bey

Und der Trojaner heer/ von dem ſie viel gehoͤret/

Beſichtigen: Ein theil war fertig und bewehret

Zu laſſen ſich in kampff und tragen nach verdienſt

Ein lob und kleinod weg: Es wurden die gewinſt

Anfaͤnglich hergebracht/ und mitten ins geſchraͤncke

Gelegt: Da ſahe man viel koͤſtliche geſchencke.

Da waren dreyfuß/ die den Goͤttern heilig ſind/

Und kraͤntze/ die man ſchoͤn von kraut und blumen wind.

Es waren palmen da der ſieger preiß und zierde

Nach dem ein tapffrer muth traͤgt bruͤnſtige begierde;

Es lagen waffen hier und maucherley gewehr/

Auch koſtbares gewand vom purpur praͤchtig ſehr.

Es wurden uͤber das von tewreſten metallen

Viel pfund geſetzet auff. Wer kan von andern allen

Jubelen thun bericht? Ehe nun das ſpiel angieng/

Trat einer auff die wart und an-zu trompten fieng.

Da traten gleiche paar herfuͤr an kampff zugehen

Mit ſtarcker ruder macht: Vier ſtaͤrckeſte galeen

Von gantzem heer erkieſt die machten ſich zu recht/

Und wolten gehen ein das erſie ſpiel-gefecht.

Meneſtheus/ welcher bald hierauff in Welſchland kame/

Von dem das Mem̃iſche geſchlechr ſein ankunfft name/

Regierete das ſchif/ das Priſtis war genennt/

Hat friſche ruder knecht und ſchnelle damit rennt.

Der
[211]Das Fuͤnffte Buch.
Der Gias fuͤhrete das groſſe ſchiff Chimere

Das groß wie eine ſtadt von ungeheurer ſchwere;

Die ruder ordnung war gedrippelt wol verwahrt.

Der Troer purſche ſtund zu rudern auff der fahrt.

Sergeſt/ von dem das hauß und Sergiſche geſchlechte

Genennet war/ faͤhrt ein zu dieſem ſchiff gefechte

Auff einem groſſen ſchiff. Centaurg war ſein nahm;

Cloanth/ von dem der ſtamm der Cluentiner kam

Zu Rom/ fuhr auf der Scyll: Es iſt nicht weit entlegen

Ein felß im meere/ der dem ufer ſtoͤßt entgegen/

Das im̃er brauſt und ſchaͤumt/ wird von den wellẽ macht

Zuweilen angerennt und unten hin gebracht/

Daß man ihn nicht mehr ſieht/ wenn in den winter zeiten

Die winde ſich auffs meer mit ungeſtuͤme breiten

Und decken das geſtirn: Hingegen wo das meer

Mit ſeiner ſchnelligkeit ihm machet kein beſchwer/

Und fuͤr ſich bleibet ſtill/ und ſich nicht uͤberhebet/

Geſchichts/ daß dieſer felß in ſtiller ruh auch ſchwebet

Und raget hoch empor/ dient auch den Taucherlein/

Die gern ſich ſetzen hin an warmen ſonnenſchein/

Zu einen ruheport/ hier ließ den booßgeſellen

Eneas einen baum zum ziel und zeichen ſtellen/

Damit ſie moͤchten ſeyn mit unterricht verwahrt/

Von wannen und wohin ſie richteten die farth/

Und wo ſie ſich im lauff behend hin ſolten lencken;

Drauf werffẽ ſie das looß/ wie man das ziel ſol ſchrenckẽ.

Die oberſten ſtehn ſchon hoch auf der ſchiffen ſpitz.

Und fuͤnckeln praͤchtiglich vom gold und purpur plitz.

O 2Die
[212]Das Fuͤnffte Buch.
die ſchiff purſch kroͤnt ihr haupt mit gruͤnen pappel zwei-

Und wil ſtch damit keck und unverdroſſen zeigen/ (gen/

Beſtreichet ſich mit oͤhl an ſchultern hurtiglich/

Und iſt an ihrem ort gefaſſt zum ruderſtrich

Sie ſitzen auff der banck. die ruder anzuſchlagen

Und auff die loſung ſtracks die ſchiffe fort zutragen/

Sie freuen ſich mit furcht/ ſo/ daß das hertze pocht/

Und ſind gerichtet auff zum lob der tugend frucht

Als nun die loſung wird durch die trompete geben/

Sieht man/ wie ſie geſchwind ſich von den graͤntzen hebẽ

Und eilend brechen auff; Die ſchiffer mahnen an

Ein ander mit geſchrey/ daß mans weit hoͤren kan/

Sie ſtrecken an die arm/ und rudern daß es ſchaͤumet

Und ſtreichen durch das meer fuͤr andern ungeſaͤumet/

Sie ſetzen an zugleich die ruder/ ſchneiden durch/

Und machen/ wie der pflug/ im meere lange furch.

Das gantze meer klafft auff und krieget gleichſam ritzen

Durch ſolche ruders-macht und wird von ſchiffes ſpitzen

Und ſchnautzen durchgefurcht: kein wagen mag noch kan

Mit ſolcher ſchnelligkeit von ſeinen ſchrancken an

ſo lauffen durch das feld/ wenn man geht an das ſtreiten;

Kein fuhrmann/ der ſich wol verſtehet auff das reiten/

Jagt ſo behende fort und laͤſt den zuͤgel gehn/

Der ſeine peitſche pflegt umb kopff herumb zu drehn

Und neigt ſich fuͤrwerts ſtets zu hawen auff die pferde/

Damit der wagen ſchnell zum ziel getrieben werde.

Drauff frewet ſich das volck mit jauchtzendem geſchrey/

Da leget einer dem/ ein ander jenem bey.

Nach
[213]Das Fuͤnffte Buch.
Nach art des poͤbels gunſt: der gantze wald erſchallet/

Das ufer faͤnget auff die ſtimm und wiederhallet/

Es ſchlaͤget das geſchrey die hohen huͤgel an/

Daß man den wiederſchall mit luſt vernehmen kan.

Der erſte/ ders zuvor dem andern thut mit lauffen

Und aus den wellen koͤm̃t/ und dem das volck mit hauffen

Mit ehr und gunſt faͤllt bey/ iſt Gyas/ dem Cloanth

Hernachmals folgt/ mit dem es alſo war bewand;

Daß er an ruderſchaar den andern uͤberſtrebte/

Sein ſchiff war aber ſchwer uñ etwas langſam ſchwebte:

Nach dieſen kommen an mit gleichem unterſcheid

Meneſtheus und Sergeſt und laſſen ſich in ſtreit/

Wer fuͤr dem andern kan die erſte ſtelle kriegen

Itzt laͤufft Meneſtheus vor/ jtzt ſcheint Sergeſt zu ſiegen

Und uͤberſtreben ihn: Itzt gehn ſie beyde her

Mit gleicher ſegelung und ſtreichen durch das meer.

Sie waren jtzo nach ſchon an den felß gekommen/

Und hatten faſt das ziel erreicht und eingenommen;

Da hebet Gyas an/ der mitten in dem meer

Itzt faſt den ſieg wegtrug und freudig fuhr daher

Und ſagt zum ſteuerman: Moenetes/ wilſt du nehmen

Zur rechten deinen lauff? Du ſolteſt dich bequemen

Und richten nach dem ziel: ſtreich ſachte hierwerts ein/

Es moͤgen andre gleich ſchon auff der hoͤhe ſeyn.

Maenetes aber traͤgt im hertzen furcht und ſorgen/

Und ſcheut die ſteine/ die im meere ſind verborgen;

Wil alſo mit dem ſchiff ſich lencken baß hinauff:

Ey wohin kehreſt du (ſchrie Gyas) deinen lauff?

O 3Geh
[214]Das Fuͤnffte Buch.
Geh auf den felß gleich zu; Da ſiehet er zuruͤcke/

Und wird gewahr/ daß ihm Cloanth mit fleiß und gluͤcke

Den vorzug nimmet weg und hohlt ihn eiffrig ein;

Cloanth ſtrich zwiſchen ſchiff des Gyas und den ſtein/

Der von dem meere brauſt/ und geht mit ſchnellen zuͤgen

Dem Mneſtheus vor/ der ihm vermeinet ob zuſiegen/

Verlaͤßt hernach das ziel/ darbey die klippe war

Und haͤlt ſich auff dem meer geſichert fuͤr gefahr

Das laͤßt ſo bitterlich der juͤngling ſich verdrieſſen/

Daß er fuͤr ſchmertzen muß die zaͤhren laſſen flieſſen/

Schilt den Moeneten faul und machet nicht viel wort/

Beſondern wirffet ihn ins meer ab uͤber bord/

Vergeſſend ſeiner ehr und wolfarth der geſellen/

Er wil ſelbſt als regent daß ſteuerampt beſtellen/

Und mahnt die ſchiffer an; Das ſteuer kehret er

Zum ufer: Unterdeß koͤmmt wieder aus dem meer

Der alte ſteuermann/ der aus den tieffen gruͤnden

Mit kuͤmmerlicher noth heraus ſich kunte winden/

Treufft von der naͤſſe noch/ und klimmt den felß hinan/

Damit er trockne ſich und wieder ruhen kan;

Die Troer/ da er fiel und ſchwumm/ daruͤber lachten/

Und nachmals wiederumb mit ſchertz ſich luſtig machtẽ/

Als er das meeres ſaltz ſpie wieder von der bruſt;

Den letzten beyden kam hier an der muth und luſt/

Als nemblich den Sergeſt und Mneſtheus/ daß ſie dach-

Und ſich in ihrem ſinn die ſuͤſſe hoffnung machten/ (ten/

Den Gyas/ der ſich ſaͤumt/ im lauff zu hohlen ein;

Da kommt Sergeſt zuvor an felß und graͤntze-ſtein;

Doch
[215]Das Fuͤnffte Buch.
Doch iſt er noch nicht gantz der erſte recht zu nennen/

Zwar nach dem foͤrdertheil des ſchiffs muß man bekennẽ/

Daß er geh etwas vor: Der Mneſtheus koͤmmt in eil

Mit eiffriger begier an Sergeſt hindertheil

Mit ſeiner ſchnautzen an; Und gehet fuͤrbaß mitten

Im ſchiffe hin und her/ und mahnet an mit bitten

Die purſche/ wie die zeit erfordert nach gebuͤhr/

Haͤlt ihnen dieſe red in guter meinung fuͤr:

Ihr tapffern bruͤder ihr/ die ihr in eurer jugend

Dem groſſen Hector folgt auf gleichem pfad der tugend/

Die ich zur gleitſchafft mir hab einig außerſehn/

Als Troja muſte ſo erſchrecklich untergehn.

Legt/ leget nur friſch an die ruder und laſt ſehen

Den ſtrengen muth und krafft/ wie hiebevor geſchehen/

Da ihr euch hieltet wol/ als wir in Libyen

Und uͤmbs Joͤnſche meer und Syrten muſten gehn;

Mein fuͤrſatz iſt itzt nicht den erſten preiß zu heben/

Ich wil auch darumb nicht mit einem andern ſtreben;

(Wie wol! doch ſchweig ich ſtill) es mag ein ander kuͤhn/

Dem Gott Neptun wol wil/ ſich umb den vorzug muͤhn.

Wir wollen nur den ſchimpff/ daß wir nicht moͤgen ziehẽ

Zu letzt den andern nach/ mit gantzen kraͤfften fliehen.

Dis/ liebe buͤrger/ laßt itzt euren ſieg nur ſeyn/

Und meidet/ wie ihr koͤnnt/ die ſchand und ſchimpff allein.

Drauff ſteuren ſie ſich an die ruder hoͤchſtes fleiſſes/

Und fahrẽ durch das meer ohn ſparung muͤh und ſchweiſ-

Das ſchiff erzittert gar von ungeheurer macht (ſes/

Der ſchlaͤge/ wird doch ſchnell durchs naſſe feld gebracht.

O 4Die
[216]Das Fuͤnffte Buch.
Die arbeit iſt ſo groß/ daß ſie kaum ſchnauben koͤnnen

Sie leiden heiſſen durſt/ man ſieht/ wie baͤche rinnen

Den ſchweiß von ihrem leib. Hier kommets ohngefehr

daß Mneſtheus uñ ſein volck kriegt groſſes gluͤck und ehr.

Denn als Sergeſt ſehr tobt vom ehrgeitz ein genommen/

Und ſich bemuͤhet auff die lincke hand zukommen/

In dem er lenckt das ſchiff zur klippe/ da das ziel/

Und koͤmment an ein ort/ daß nicht gerathen wil/

Stoͤßt ihm das ungluck zu/ daß er mit ſeinem ſchiffe

An eine klippe/ die im meer verborgen/ lieffe;

Es kracht der felß davon/ die ruder gehn/ daß knackt/

Auf ſtuͤcken/ und das ſchiff bleibt ſtehen ſchwebt und hackt.

Die ſchiffer ſtehen auff und muͤſſen halten ſtille/

Erheben groß geſchrey/ daß auch von dem gebruͤlle

Die lufft und ſee erſchallt; Sie langen pfaͤhle her/

Die forn ſind zugeſpitzt/ und ſtangen die faſt ſchwer

Zu fuͤhren ſind; Damit verſuchen ſie zu heben

Das ſchiff in volle fluth/ ſie muͤhen ſich und ſtreben

Mit gantzer krafft dahin/ und fliehen kein beſchwer/

Damit es wiederumb komm auff das hohe meer/

Sie leſen wieder auff die ruder/ die zerſtuͤcket.

Meneſthens aber iſt erfreut/ dems nun geluͤcket/

Iſt mit dem ſchnellen zug der ruder hurtiger/

Und macht mit gutem wind ſich fertig durch das meer.

Da laͤufft er ohn gefahr der blinden klipp-und ſteinen/

Und laͤſt ſich einer taub hier zu vergleichen ſcheinen/

Die/ wenn ſie aus der hoͤhl geſcheucht wird in die lufft/

Und hat noch jungen da im neſt und hohler klufft/

Er
[217]Das Fuͤnffte Buch.
Erſchwingt ſie ſich geſchwind auffs feld und hohe huͤgel

Fuͤr ſchrecken/ das man hoͤrt das rauſchen ihrer fluͤgel;

Wenns aber ſicher iſt/ fleugt ſie gar ſtille her

Und regt die fluͤgel nicht durchs blaue himmelmeer.

So flohe Mneſtheus auch mit ſeinem kuͤhnen ſchiffe/

Und ſchwunge ſich davon und nach dem ziele lieffe/

Und laͤſſet erſtlich ſtehn den armen rittersmann

Sergeſt/ der von dem felß gar ſchwerlich kommen kan:

Wie ſehr er ſich bemuͤht den klippen zu entgehen/

Muß er doch ohne huͤlff/ wie ſehr er zappelt/ ſtehen

Und lernen lauffen mit zerbrochnen rudern fort:

Muͤhſelig ding! doch gut/ wenn man noch kom̃t an port.

Dann hohlt er Gyam ein/ der ihm ſchon gibt gewonnen/

Weil ihm die hoffnung iſt des vorzugs gantz zerronnen/

Als der des ſteuermanns mit ſchimpff beraubt muß ſeyn.

Itzt war am end des kampffs Cloanth noch gar allein/

Den wolte Mneſtheus gar umb ſieg und ehre bringen/

Und hub des wegen an mit macht auff ihn zu tringen:

Es wurd ein groß geſchrey; Das volck/ ſo an zu ſehn

Die ſchauſpiel an dem port man haͤuffig ſahe ſtehn/

Schrie dem Meneſtheus zu/ der ihm war in dem ruͤcken/

mit jautzendem gethoͤn/ daß ihm der kampff moͤcht gluͤckẽ/

Und mahnt ihn guͤnſtig an: Es ſchallet vom geſchrey

Der himmel; maͤnniglich legt dem Meneſtheus bey.

Allein Cloanthens purſch empfindet unmuths grillen/

Weñ ihnẽ nicht der ſieg ſol gehn nach wuntſch und willẽ/

Sie wollen eh mit lob das leben buͤſſen ein/

Als von dem gegenpart mit ſchimpff beſieget ſeyn.

O 5Die
[218]Das Fuͤnffte Buch.
Die andern/ nemblich des Meneſtheus mit-geſellen

Staͤrckt ihr gehabtes gluͤck/ da ſie des mecres wellen

Gebrochen guten theils: Sie koͤnnen ſiegen ob/

Weil ihnen alles volck zuſchreiet ſieg und lob.

Sie haͤtten auch vielleicht mit ihren voͤrdertheilen

Der ſchiffe koͤnnen wol das ziel und preiß ereilen/

Wenn ſeine haͤnde nicht Cloanth haͤtt auff geſtreckt/

Und mit entflammtem geiſt ſich zum gebaͤt erweckt;

Denn da er erſt ſich recht beſanne/ daß das ſiegen

An nichtes anders kunt/ alß Gottes gnade/ ligen/

Rufft er den himmel an mit folgender geſtalt:

Ihr Goͤtter/ die ihr koͤnnt mit herrlicher gewalt

Beherrſchen dieſe welt/ das meer und ſeine wellen;

Ich wil mit freuden euch fuͤr eurem Altar ſtellen

Ein opffer/ wie ich euch zu thun verpflichtet bin/

Wenn ich mit gutem gluͤck ans ziel werd kommen hin.

Ich wil das eingeweyd auch nach gebrauch und ſitten

Mit opffern guten wein in grund des meeres ſchuͤtten.

So that er ſein gebaͤt und ſeine Goͤtter ehrt/

Die unterm waſſer ihn nicht lieſſen unerhoͤrt.

Des Meergotts Phorci ſchaar/ die zarten Nereinnen/

Die nimfe Panope vollziehn ſein wuntſch-und ſinnen/

Der vater des geſtads Portun ſchiebt ſelber fort

Das ſchiff mit ſtarcker hand/ damit es komm an port.

Daſſelbe fleucht davon mit gantzer macht und eilen/

Geſchwinder als der wind und gleich den ſchnellen pfeilẽ

Und kommet an das land und hochgewuͤntſchten port/

Demnach der Goͤtter gunſt daſſelbe triebe fott.

Als
[219]Das Fuͤnffte Buch.
Als dieſe luſt nun hat Eneas eingenommen/

Laͤßt er ſie alle ſampt/ wies braͤuchlich/ vor ſich kommen/

Befiehlt auch den Cloanth erklaͤren fuͤr den mann

Durch ſeinen ehrenhold/ ders beſte hat gethan/

Derſelbe ſetzet ihm auf eine lorber krone/

Laͤßt ihm drey ochſen auch ſtracks leſen aus zu lohne

Der purſche fuͤr die muͤh/ beſehenckt ſie auch mit wein

Und groſſen ſtuͤcke geld/ ſie ſollen luſtig ſeyn.

Die oberſten begabt er praͤchttg mit geſchencken

Von hohem preiß und werth/ darbey ſie ſein gedencken;

Ders beſte hat gethan in dieſem kampff und ſtreit/

Dem ſchenckt von purpur er ein goldgeſticktes kleid/

Ein koͤſtliches geſchenck und ehrenreiche gabe:

Es war darein gewirckt der koͤnigliche knabe.

Von Troja Ganymed/ der ruſtig und in eil

Verfolgt die ſchnellen hirſch mit ſeinem ſcharffen pfeil.

Man ſahe/ wie er ſich mit groſſem ernſt und keichen

Bemuͤhte ritterlich die hirſche zu erreichen/

Und wie vom berge her des Jovis adler kam/

Und ihn mit krummer klau hoch in die lufft weg nahm.

Die alten waͤchter/ die darauff beſtellet waren/

Daß ſie ihn huͤteten/ als ſie ihn ſahen fahren/

Da heben ſie die Haͤnd uͤmbſonſt zum ſternen hin/

Und klagen den verluſt mit hoch beſtuͤrtztem ſinn.

Man ſiehet auch hierbey/ wie ſich die hunde ſtellen/

Sie ſcheinen das geſtirn ergrimmet anzubellen.

Dem Mueſtheus aber/ dem die tugend krafft gelung/

In dem er nechſt Cloanth den andern preiß errung/

Gibt
[220]Das Fuͤnffte Buch.
Gibt der Trojaner fuͤrſt zum ruͤhmlichen geſchencke

Ein pantzer ſchwer am gold des ringlein und gelencke

Dicht waren angefuͤgt zuſammen dreyfach feſt

Der dem Demoleo erſt eigen war geweſt.

Eneas aber zoh ihm dieſe ruͤſtung abe

Fuͤr Troja/ und ſie jtzt dem tapffern Mneſtheus gabe

Zur zierde/ weil ſie war von gold und auch zum ſchutz/

Daß er begegnete der feinde grimm und trutz.

Diß pantzer kunten kaum der diener zweene tragen;

Darinn Demoleus die Troer kunte jagen

Mit groſſer ſchnelligkeit. Dem dritten ſchencket er

Zwey becken/ waren beyd am beſten ſilber ſchwer/

Auch einen ſilbern kahn/ darauff man helm und ſchilder

Geſtochen kuͤnſtlich ſah und andre ſchoͤne bilder.

Sie waren alle nun begabet praͤchtiglich/

Ein jeder gieng herein gar ſtoltz und freute ſich.

Der ehren und gewinſt. Man lieſſe kraͤntze winden

Und ſatzt ſie ihnen auff/ und zierte ſie mit binden

Von farben allerhand. Als dieſes war vollbracht/

Da hatte ſich Sergeſt bemuͤht mit gantzer macht/

Daß er von rauhem felß war kuͤmmerlich gekommen/

Und an den rudern hatt viel ſchaden eingenommen/

Der kam mit ſeinem ſchiff gezogen hinden nach/

Da muſt er uͤber das noch leiden hohn und ſchmach.

Wie/ wenn im fuhrweg wird zertreten eine ſchlange/

Wenn ſie koͤmmt unters radt/ da ſie mit krummen gange

Bald hier bald dort hin kreucht und laͤufft gefaͤhrlich an/

Desgleichen offtmals koͤmmt/ daß ſie ein wandersmann

Mit
[221]Das Fuͤnffte Buch.
Mit einem ſteine trifft und laͤßt halb tod ſie ligen;

Da muͤht ſie ſich uͤmbſonſt mit ihren krummen zuͤgen

Zu waͤltzen ſchnelle fort. An kopff und zunge zwar

Hat ſie den grimm und trotz noch-nicht verlaſſen gar/

Sie laͤßt der augenflamm noch fuͤnckeln und erhebet

Mit auffgerecktem halß ein ziſchen/ daß man bebet:

Allein das untertheil/ daran ſie iſt verletzt/

Macht/ daß ſie niemand ſich mit ſchaden widerſetzt/

Weil ſie gelaͤhmet iſt/ und kan ſich ſchwerlich ſchleiffen/

Viel minder hin und her auff ihrem bauche ſchweiffen:

So hub ſich auch dis ſchiff mit ſchwachen rudern fort/

Kan aber ſegeln noch/ und koͤmmet an dem port.

Doch iſt Eneas froh/ das noch Sergeſt erhalten

Das fchiff fuͤrm untergang/ obs gleich ſehr iſt zerſpalten/

Und daß er ſeine purſch bringt wiederumb mit ſich;

Was er ihm zugeſagt/ das haͤlt er feſtiglich.

Er gibt ihm eine frau/ die ſchon zwey kinder hatte

Von Cretiſchen geſchlecht/ die ſolte ſeyn ſein gatte

Und hieſſe Pholoe/ ſie kunte ſpinnen/ nehn/

Und was das weibesvolck im hauſe ſol verſtehn.

Nach endung dieſes kampffs und außgetheilte gaben

Wil ſich der fromme held Eneas ferner laben/

Spatziert ins gruͤne feld/ das huͤgel berg und wald

Rings aller ſeits uͤmgab mit lieblicher geſtalt/

Und mitten in dem thal wird eines plans man innen/

Der raͤumlich/ groß und weit/ da ritterlich beginnen

Und kampffſpiel hatte platz: Dahin kam nun der held

Mit vielen tauſenden/ da alles war beſtellt.

Er
[222]Das Fuͤnffte Buch.
Er ſatzt ſich mitten drein: Man hatt auff friſchem raſen

Nach fuͤgligkeit des orts die ſitze machen laſſen/

Da ſetzt er viel gewinſt und ehren-gaben auf/

Vnd ladet maͤnniglich zum renn-und wette-lauff.

Es kommen uͤberall herbey der Troer hauffen

Und mit denſelbigen die Siculer gelauffen

Der Niſ und Euryal ſich machen erſt herbey/

Euryal iſt ſehr ſchoͤn; Der Niſus aber treu

Dem kuͤhnen juͤngeling/ den er ohn falſchheit liebte/

Und jener gleichfalls ſich in wahrer freundſchafft uͤbte/

Ein unzertrenntes paar der freunde/ die in noth

So wol als im geluͤck ſich liebten bis in tod.

Zu dieſen kam hernach Diores vom gebluͤte

Des koͤnigs Priami/ von tapfferem gemuͤthe/

Dem folgte Salius ein Acarnanier/

Und patron/ welcher war ein treuer Arcader

Und ein geſchlechter aus Tegaea: Ferner kamen

Zween aus Sicilien/ und waren ihre namen/

Helym nnd Panopes/ beruͤhmte jaͤgersleut

Aceſtes edel purſch/ ein hurtig paar zum ſtreit/

Viel andre noch darzu aus den gemeinen hauffen/

Die machten ſich gefaſt zu dieſem wette-lauffen;

Da trit Eneas auf im mitten in dem plan/

Und faͤnget folgender geſtalt zu reden an:

Vernehmet meine wort mit auffgeweckten ſinnen/

Und mercket meine red mit froͤlichem beginnen;

Ihr ſolt euch alle/ die ihr hier zugegen ſeyd/

Erfreuen meiner gnad und hohen mildigkeit

Ich
[223]Das Fuͤnffte Buch.
Ich wil euch alleſampt nach wuͤrdigkeit begaben/

Und ſol ein jeglicher zween wurffpfeil von mir haben/

Die von den beſten ſind/ ſchoͤn/ blanck und außpoliert/

Die man zu Creta macht und zu uns uͤberfuͤhrt;

Auch eine partiſan von ſilber ſchoͤn geaͤtzet/

Geſtochen und poliert: diß ſol ſeyn aufgeſetzet

Zur allgemeinen gab und tugend ehren-lohn;

Allein die erſten drey ſol jeder eine kron

Aus einem oͤlezweig nach wohlverhalten haben/

Und wil den erſten auch abſonderlich begaben/

Mit einem ſchoͤnen Roß gezieret und geputzt/

Darauf ein ritters-mann den gegner billich trutzt.

Dem andern aber wil ich nach verdienſt ertheilen

Der Amazonen beut/ den koͤcher mit den pfeilen

Und einen krieges gurt mit guͤldenem beſchlaͤg

des hefft ein edelſtein: Dem dritten ich zu leg

Den helin/ den ich dem feind vor Troja abgezogen:

Ihm ſey daran genug/ und daß ich ihm gewogen.

Als er ſein wort gethan/ erwehlen ſie den ort/

Und machen ſich/ ſo bald die loſung ſchallet/ fort.

Man ſiehet mit begier ſie lauffen aus den ſchrancken;

Sind gleich dem ſchnellẽ wind/ uñ denckẽ nicht-zuwanckẽ

Von dem geſteckten ziel/ daß ſie im augenſchein

Behalten: Keiner wil der letzte gerne ſeyn.

Der Niſus laͤufft voran/ und laͤſt ſie alle hinden/

Scheint an behendigkeit gleich ſeyn den ſchnellen windẽ/

Dem folget Salius und iſt ſein nechſter zwar/

Der aber noch ſehr weit von ihm in lauffen war:

Und
[224]Das Fuͤnffte Buch.
Und dieſem wiederumb folgt Euryal der dritte

Sehr weit von ihm entfernt/ und hatte noch viel ſchritte

Zum vorgeſtecktem ziel. Dem folget Helymus

Mit gleichem wuntſch und ſiñ entflam̃t auf friſchen fuß.

Und hinder dieſen iſt Dior mit weiten ſpruͤngen/

Und ſcheint mit ſchnellem flug ſich von der erde ſchwingẽ

Trit ihm faſt auf die ferſch/ gebraucht der ſchultern krafft/

Und ſich behende fort zum ziel und kleinod rafft/

Wenns weiter waͤre hin/ er wuͤrd ihn uͤberſtreben/

Und ihm nicht alſo leicht den ſieg gewonnen geben.

Sie hatten itzo faſt vollendet dieſes ſpiel/

Und waren kommen ſchier zu dem gewuͤntſchten ziel

Ermuͤdet matt und laß/ da traͤgt ſichs zu/ daß Niſe

Zu ſeinem ungeluͤck die ferſchen ſchluͤpffern ließe/

Da ohngefehr er trat auffs blut von einem ſtier/

Der als ein opffer war vorm kampff geſchlachtet hier.

Der gute juͤngeling/ da er itzt faſt erlanget

Das vorgeſteckte ziel/ und gleich als ſieger pranget/

Kan ſich nicht halten auff noch ſteuren ſeinen gang/

Beſondern faͤllet hin vor ſich die laͤnge lang

In koth und opfferblnt; Doch iſt ihm nicht entfallen

Die liebe ſeines freunds Euryali fuͤr allen;

Denn als er von dem ort der ſchluͤpffrig war/ ſteht auff/

Da kommet Salius/ den hindert er am lauff/

Daß er zu boden faͤllt und in dem ſande liget/

Da ſpringt Euryalus herfuͤr und freudig ſieget/

Er kriegt den vorzug weg durch freundes foͤrderung

er jauchtzt mit gunſt des volcks/ uũ thut drauf einẽ ſprung

Nach
[225]Das Fuͤnffte Buch.
Nach dieſem kommet hin der Helimus gelauffen/

Der dritte war Dior/ der letzt im erſten hauffen

Hier machte Salius mit graͤßlichem geſchrey

Den gantzen ſchauplatz voll; Die vaͤter trugen ſcheu

Und wurden ſehr verwirrt/ er klagte/ daß er waͤhre

Mit argliſt und betrug gekommen umb die ehre;

Man moͤchte doch daran ihm wieder ſtattung thun/

Daß er fuͤr ſeine muͤh auch kriegte preiß und lohn.

Dem Euryal die gunſt und neigungen erſprieſſen/

Und daß er thraͤnen laͤßt von ſeinen wangen flieſſen/

Die ihm wol ſtehen an wie auch des leibes zier/

Aus dem der tugend ſchmuck viel ſchoͤner glaͤntzt herfuͤr.

Diores ſteht ihm bey und hebt an laut zu klagen:

Sol Salius davon das erſte kleinod tragen/

So kommet der zu kurtz/ der erſt kam an das ziel

Und hat vergebne muͤh gehabt in dieſem ſpiel.

Der vater ſagt hierauff Eneas: Eure gaben

O purſche/ ſollet ihr ohn eingem abbruch haben/

Und ſol euch niemand nicht verruͤcken den gewinſt;

Ein jeder ſol den preiß bekommen nach verdienſt.

Man laß den unfall mich bejammern meines freundes/

Den ohne ſchuld geſtuͤrtzt die liſt und neid des feindes.

Drauff ſchenckt dem Salius er eine leuenhaut/

Die greulich zoͤtig war und ſchrecklich ſehr beklaut.

Drauff faͤnget Niſus an: Wenn der ſo unten liget/

So ſtattlich wird beſchenckt und ſolchẽ preiß weg krieget/

Und dich der ſtrauchelnden erbarmſt mit edlem ſinn/

Was denn wird Niſus wol empfangen zum gewinn?

PIch/
[226]Das Fuͤnffte Buch.
Ich/ der mit tugend-ruhm den erſten preiß und gabe/

Haͤtt mich nicht das geluͤck geſiuͤrtzt/ verdienet habe?

Mit dieſen worten zeigt er ihm ſein angeſicht

Und gantzen leib/ der ſehr mit koth war zugericht.

Deß muſt Eneas ſelbſt der gute vater lachen/

Und ſchenckt ihm einen ſchild/ den Didymaon machen

Kunt ſchoͤn und artiglich: Er war bey einem grab

Im tempel des Neptuns vom feind geriſſen ab.

Mit dieſem koſtbahren geſchencke wil er ehren

Den tapffern juͤngeling und ſeinen ruhm vermehren.

Als nun der lauffkampff waꝛ verbꝛacht mit luſt und zier/

Und jeder ſeinen preiß bekommen nach gebuͤhr

Von des Eneens gunſt; Fieng er ſie an zu mahnen

Zu einen ſchaͤrffern ſtreit; Ihr lieben unterthanen/

Sagt er/ wer nun ein hertz und muth im leibe hat/

Der mache ſich herbey und zeigs mit kuͤhner that.

Zu einen kolben ſtreit ſolt ihr ſeyn eingeladen;

Es ſtehet jedem frey zu huͤten ſich fuͤr ſchaden/

Streicht auff die arme friſch und fuͤhrt die kolben ſo/

Daß ihr am end des kampffs der muͤhe werdet froh.

Das war ſein wort und ſinn/ und ſetzet auff zwo ſtuͤcken

Dem ſieger/ welchem wuͤrd der harte kampff geluͤcken/

Sol ſeyn ein fetter ochs mit guͤldnem ſchmuck verehrt/

Der uͤberwundene ſol haben helm und ſchwerd

Zu troͤſten ſeinen muth/ daß er nicht ſol verzagen/

Ob er ſchon dißmal nicht davon hat koͤnnen tragen

Den ſieg und ehren preiß. Stracks macht ſich Dares her

Mit groſſer leibesſtaͤrck und trotzt gewaltig ſehr.

Das
[227]Das Fuͤnffte Buch.
Das volck laͤßt ihm ſein thun mit gunſt geſchrey behagẽ:

Er war ein mann/ ders auch mit Paris pflag zuwagen/

Und mit ihm ging im ſtreit: Er hat auch bey dem grab/

Da wo der Hector ligt/ dem man als helden gab

Den tugend-namen/ groß/ den tapffern ſiegsman Buten/

Geſchlagen/ daß er ſich zu tod hat muͤſſen bluten/

Und hat ihn hin geſtreckt als ſterbenden in ſand/

Der ſonſt als fechter war von tugend wol bekand

Und groſſer leibes krafft/ der manchen hat geleget

Als ſieger in den ſtaub/ daß er ſich nicht mehr reget/

Auf ſolche weiſe ſchnitt der Dares maͤchtig auff/

Und ſuchte ſeinen mañ mit gantz entbrandtem ſchnauff.

Er macht ſich trefflich breit und ſchwencket hin und wie-

Die arme trotziglich: Er gehet auf und nieder (der

Er ſtreichet in die lufft mit frech-geſinntem muth/

Und iſt bereit zum kampff zu wagen leib und blut.

Man ſucht ſein gegentheil. Es wil ſich keiner wagen

In dem ſo groſſen heer mit dieſem man zu ſchlagen

Und gehn in kolben ſtreit. Er ſiehet friſch umbher/

Und meint/ ein jeder flieh fuͤr ſeine fauſt und wehr/

und wegre ſich des kampffs: Er macht mit frechem gan-

Sich zum Eneas hin verwartend da nicht lange/ (ge

Haͤlt mit der lincken hand den ochſen bey dem horn

Und redet mit verdruß/ als truͤg er leid und zorn:

O fuͤrſt Eneas/ weil ſich keiner traut zu gehen

Mit mir in dieſen kampff; Was ſol ich lange ſtehen?

Worzu wil man/ daß ich ſol lange warten hier?

Drumb lieber/ laß mir doch nur geben dieſen ſtier/

P 2Dẽn
[228]Das Fuͤnffte Buch.
Den du haſt auffgeſetzt. Das gantze heer ſtracks wolte

Mit jauchtzendem geſchrey/ daß man dem manne ſolte

Nur geben den gewinſt er haͤtte doch den preiß

Verdienet ſchon/ der fuͤrſt ſolt halten den verheyß.

Immittelſt lag Entell geſtreckt in gruͤnem raſen

Und kunte dieſen kerl ſich ſo bravieren laſſen;

Aceſt ſaß neben ihm/ und that ihm ſcharff verweiß/

Er ſolte nicht ſo leicht ihm treten ab den preiß.

Entellus (ſaget er) du außbund tapffrer helden

Wilſt du/ daß man umbſonſt ſol deinen namen melden;

Wo iſt der tapffre muth/ den du vor dieſer zeit

Erzeigteſt fertiglich zu manchen kampff und ſtreit?

Biſt du dir nicht mehr gleich? Wilſt du dir dieſe ſchande

So laſſen ſagen nach/ daß du ohn wiederſtande

Dem Dares weichen wilſt? Sol er dir den gewinn

Und fuͤrgeſetzten preiß fuͤrm maule nehmen hin?

Wo iſt dein meiſter nun der kuͤhne Eryx blieben/

Der dir die fechterkunſt gelehret und getrieben

Mit ſonderbahrem ruhm? Der von dir wird umbſonſt/

Wenn du dem Dares weichſt/ geruͤhmt mit ſeiner kunſt:

Was wird Sicilien von deinen namen melden/

Der du als kleinod warſt beruͤhmt der fechter-helden?

Was wird dich helffen denn der raub/ der auffgehenckt

An deinen pfoſten iſt/ dabey man dein gedenckt?

Drauff ließ Entellus ſich beſcheidentlich vernehmen:

Deßhalben darff ich nicht mich in geringſten ſchaͤmen;

Die liebe zu dem lob und ehre/ die ich hab/

Wird mir wol ohne furcht verbleiben bis ins grab.

So
[229]Das Fuͤnffte Buch.
So viel iſt aber ihm: Mein leib wil faſt veralten

Und wollen nicht mehr ſo/ wie vor/ die kraͤffte halten;

Mein blut iſt ſtumpff und kalt: ja waͤr ich noch ſo jung/

Wie dieſer ſchnaphahn iſt/ da mir mein muth gelung

Nebſt meiner leibesſtaͤrck; Ich ließ mir nicht bravieren/

Es ſolte weder lohn/ noch ſchoͤner ochſe ruͤhren

Mein hertze zu dem kampff: Was frag ich nach gewinſt/

Ich achte nur allein der tugend lob-verdienſt.

Mit dieſen wirffet er von ungeheurer ſchwere

Zween kolben auff den plan/ die mit beruͤhmter ehre

Der tapffre Eryx trug/ die er gewohnet war

Zu brauchen in dem kampff und mancherley gefahr;

Da er ſie an dem arm mit harten riemen bande/

Damit er ſteiffer waͤr geſchickt zum wiederſtande/

Das volck entſetzt ſich ob der beyden kolben ſehr/

Die von ſo vielem bley und eiſen waren ſchwer/

Der Dares ſonderlich verwegert ſich zugehen

In kampff/ und mag nicht ſo dem alten fechter ſtehen/

In gleichem wundert ſich Eneas ob der laſt/

Und wie ſie hier und da mit knoten ſind gefaſſt/

Er nimmt ſie in die hand und pruͤffet ihre ſchwere/

Der alte gut Entell ſagt: Ja wer damals waͤre

Darbey geweſt und haͤtt den Hercules geſehn

Mit ſeiner kolb und wehr vor ſeinem feinde ſtehn.

Was wurde fuͤr ein ſtreit am ufer hier geſtritten?

Was harte puͤffe hat der Eryx doch gelitten

Dein bruder? Dieſes war der ſtreitkolb/ denn er fuͤhrt/

Daran man zum gemerck das blut und hirn noch ſpuͤrt.

P 3Mit
[230]Das Fuͤnffte Buch.
Mit dieſem kunt er keck dem Hercul wiederſtehen/

Dem keiner kunte vor/ an ſtaͤrck und tugend-gehen;

Ich hab ſie auch gefuͤhrt in manchem kampff und ſtreit/

Da ich noch war bey krafft in fruͤhling meiner zeit;

Da mir das haar noch nicht im alter war beſchnieen/

Das ſich mit eiffer pflegt bey junger purſch zu muͤhen.

Wo aber Dares nicht beliebet dis gewehr/

Und dieſer kolben ihm beduͤncket ſeyn ſo ſchwer/

Auch unſer fuͤrſt alſo Eneas iſt geſinnet/

Ingleichem daß Aceſt fuͤr recht und gut erkennet/

Als richter dieſes kampffs; So mag man das gewehr

Nach gleichheit theilen ab und anders bringen her.

Ich wil dir zu dem kampff des Eryx kolben geben;

Du darffſt dich fuͤrchten nicht/ du aber leg darneben

Mir deine waffen her. Drauff warff er hin ſein kleid

Entbloͤſſet ſeinen leib und arme zu dem ſtreit/

Und ließ ſich mitten auf dem plan gantz fertig ſchauen/

Daß mancher/ der ihn ſah/ empfunde furcht und grauen:

Drauff macht Eneas gleich die kolben zu dem ſtreit/

Und wapnet beyde ſie nach recht und billigkeit.

Alßbald begunten ſie einander anzuſehen

Als feind und auffgericht mit ſteiffem fuß zu ſtehen;

Sie huben beyderſeits die arm hoch in die lufft

Zu ſchlagen maͤchtig drauff/ daß alles kracht und pufft:

Sie ſtunden aber ſo/ daß ſie die koͤpffe zogen

Weit von den ſtreichen ab und hinderwerts ſich bogen/

Vermiſchten hand und hand/ undtreitzten ſich zum ſtreit/

Der Dares gienge vor an leichter ſchnelligkeit/

Und
[231]Das Fuͤnffte Buch.
Und wolte ſeinem muth und friſcher jugend trauen;

Entellus aber war erſchrecklich anzuſchauen

Von wegen ſeiner groͤß und leibes ſchwerigkeit

Daß er zwar ſtaͤrcke noch hatt uͤbrig zu dem ſtreit;

Doch kan er ſeine knye des hohen alters wegen

Nicht ſetzen ſteiff und feſt/ noch ſich geſchwinde regen;

Der athem geht ihm ſchwer von ſeiner engem bruſt/

Keicht/ wenn er einen ſchritt nur thut/ und immer huſt:

Sie thun zwar manchen ſtreich/ doch in die leere luͤffte/

Offt treffen ſie den rumpff/ die hohle ſeit und huͤffte

Sie ſtoſſen von der bruſt groß ſchreyen in die lufft/

Und ſchlagen hinters ohr einander/ daß es pufft.

Es klatſcht von manchem ſtꝛeich das angeſicht und backẽ/

Man hoͤret ihren leib von vielen puͤffen knacken.

Entellus ſtehet feſt mit unbewegtem tritt

Und geht den ſtreichen aus nur faſt mit einem ſchritt

Und augen wachſamkeit: Der Dares iſt beſchaffen/

Wie einer/ der ſich legt mit ſtarckem zeug und waffen

Fuͤr eine feſte ſtadt und ſie beſtuͤrmet ſehr;

Und wie ein ſtarckes ſchloß von einem groſſen heer

Mit macht belaͤgert wird; Da rings auf allen ſeiten

Der feind ſich nimmet fuͤr daſſelbe zu beſtreiten;

Sieht balde hier und dort/ wie er ſich mach hinan

Verſuchend uͤberall ſein vortheil/ wie er kan;

Und ſtuͤrmet ſehr und offt zu machen eine luͤcke/

Iſt aber nur umbſonſt und hat dafuͤr kein gluͤcke;

So kan auch Dares nicht Entellen kommen bey;

Denn dieſer zeiget ihm die fauſt und macht ihm ſcheu.

P 4Er
[232]Das Fuͤnffte Buch.
Er hebt den kolben auff gar hoch/ iſt ſein gewertig/

Der Dares ſiehts zuvor und drehet ſich gar fertig/

Und gehet aus den ſtreich. Entell ſchlaͤgt in die lufft/

Und faͤllt mit ſchwerer laſt zu boden unverhofft.

Wie wenn ein fichtenbaum auff Erymanthens hoͤhen

Kan alters halben nicht wol in die laͤnge ſtehen/

Die wuͤrme nagen ihn und freſſen ſeine krafft/

Daß er zu letzt gar ſchwer an ſeiner wurtzel hafft

Und ploͤtzlich faͤllet umb: So gings auch den Entellen/

Der alters halben ſich nicht lange ſteiff kunt ſtellen

Und auff die erde fiel. Die Troer freuen ſich

Ob des Entellen fall und jauchtzen muthiglich.

Allein die Siculer entſetzen ſich daruͤber/

Und laſſen ihren ſinn und angeſteht viel truͤber

Anſehen als zuvor: Es wird ein groß geſchrey/

Davon die luff: erſchallt; Aceſt laͤufft erſt herbey

Und hebet von der erd aus hertzlichem erbarmen

Den alten guten freund Entell mit beyden armen.

Der held iſt darumb nicht durch dieſen fall gedaͤmpfft

Und hat mit ſeinem feind noch nicht gar außgekaͤmpfft:

Er gehet friſcher dran/ der zorn weckt das gemuͤthe/

Die ſchande zuͤndet an die krafft und das gebluͤte/

Das ihm bewnſte lob der tugend reitzt ihn an/

Daß er ſich wiederuͤmb laͤſt finden als ein mann.

Hiermit wurd er ergrimmt/ daß er koͤmmt hergefahren

Und treibt auf gantzem plan herumb den ſchnellẽ Daren/

Spannt alle kraͤffte dran/ und ſo erſchrecklich brauſt/

Daß er ſchlaͤgt auf ihn loß/ bald mit der rechten fauſt/

Bald
[233]Das Fuͤnffte Buch.
Bald hefftet er ihm an viel ſtreiche mit der lincken/

Er laͤßt ihm keine ruh/ daß er ſchier moͤchte ſincken:

Gleich wie mit krachen faͤllt der hagel auff das dach:

So brauſt auff Dares kopff und rumpff Entellens rach.

Er gibt ihm dicke puͤff in ungezehlter menge/

Und klopfft ihn dergeſtalt/ daß ihm das hertz zu enge

In ſeinem leibe wird: Er jagt ihn hin und her/

Und laͤßt ihn kommen nicht zu keinem ſtreiche mehr.

Drauff wil Eneas den Entell nicht laͤnger laſſen

Auff Daren ſchlagen zu und ſo erſchrecklich raſen:

Er macht dem kampff ein end/ reiſt Daren aus gefahr/

Der kaum noch athem ſchoͤpfft und ſehr ermuͤdet war;

Spricht ihm gar troͤſtlich zu und ſaget ſolcher maſſen:

O ungluͤckſelger mann/ wo haſt du dich gelaſſen?

Was thorheit iſt dir doch gekommen in den ſinn

Daß du dein hoffnung haſt zum ſieg gewendet hin?

Spuͤrſt du nicht andre krafft/ der du biſt zu geringe?

Wie darffſt du nehmen fuͤr ſo kuͤhn vermeſſne dinge?

Merckſt du nicht/ daß das gluͤck ſich hat von deiner ſeit

Gewendet? Weiche Gott! So ſchlichtet er den ſtreit.

Die freunde fuͤhren hin/ der kuͤmmerlich noch gienge/

Und ſein haupt bald auff die/ bald jene ſeite hienge/

Und dickes blut ſpie aus/ die zaͤhn auch mit dem blut;

Zum ſchiffen/ nehmen mit das ſchwerd und ehrnen huth

Den uͤberwundenen gemein verheiſſne gaben/

Und laſſen dem Entell den preiß und ochſen haben:

Da that der ſieger ſich mit uͤbermuth herfuͤr/

Daß er in kolben ſtreit gewonnen einen ſtier.

P 5Eneas
[234]Das Fuͤnffte Buch.
Eneas (ſaget er) und ihr o lieben leute

Von Troja/ ſehet doch/ wie ich gekaͤmpffet heute/

Bedencket auch hiernebſt bey dieſem harten ſtreit/

Was ich fuͤr kraͤffte hab gehabt in junger zeit/

Und wie ihr Daren habt durch eures fuͤrſten guͤte

Von meiner hand erloͤſt/ der ich von zorn und wuͤte

Entgegen ihn entflammt durch ſein verſchulden war/

So ſaget er/ und ſtellt ſich gegen ochſen dar/

Der als gewinſt ſtund da: Er hohlet aus mit kraͤfften/

Und ſahe gnaw/ wie er ihm eines moͤchte hefften/

Schlug zwiſchen hoͤrnern ihm den ſchweren kolben ein

Und traff ihn/ daß der ſtreich gieng durchs gehirn uñ bein.

Der ochſe faͤllet auf die erde tod und bebet:

Entellus ſieht ihn an und uͤber ihn ſo hebet

Zu reden an? Was ich dir an gelobet hab/

O Eryx/ ſey dir hie getragen voͤllig ab.

Nimm dieſe ſeele hin fuͤr Dares blut und ſterben;

Viel beſſer iſts gethan/ daß ochſen ſo verderben.

Hiemit ſey dieſer ſtreit mit gutem danck vollbracht/

Und gebe meiner kunſt zu fechten gute nacht.

Dann ſtellt Eneas an ein wetteſpiel mit pfeilen

Und ſetzet auf gewinſt/ dieſelben außzutheilen/

Dem kunſt und gluͤck wol wil: Er ladet darzu ein/

Wer luſt und liebe traͤgt/ und ſich kan ſchicken drein.

Er eilt mit groſſer ſchaar in Sergeſts ſchiff zu gehen/

Und laͤſſet einen maſt mit groſſer muͤh erhoͤhen

Und oben auf dem baum mit einem ſtarcken ſeil

Den vogel binden an und ſetzen aus zum pfeil/

Und
[235]Das Fuͤnffte Buch
Und bogenſchuͤtzen luſt: So etwan einge haben

Zu dieſen freyen ſpiel und fuͤrgeſetzte gaben/

Verfuͤgen ſich hinzu. Man wirfft das looß hinein

In einem ehrnen helm/ ein jeder hofft zu ſeyn

Der erſte: Dieſer iſt Hippocoon fuͤr allen

Mit gluͤcklichem geſchrey und groſſen freudenſchallen.

Meneſtheus/ der im krantz des oͤhlbaums ſtutzte her/

Und in dem ſchiffkampff trug den erſten preiß und ehr/

Folgt dem Hippocoon. Eurytion der dritte

Ein bruder Pandari/ der weyland tapffer ſtritte

Als guter bogenſchuͤtz fuͤr Troja/ der das band

Getroffenen vertrags durch Pallas trieb zertrannt/

Und auf die Griechen ließ erſt einen pfeil abgehen:

Der letzte war Aceſt/ der ſich auch unterſtehen

Mit junger purſche wolt an ſolchen ſtreit zu gehn;

Man faͤht die bogen an zu kruͤmmen und zu drehn

Mit gantzer leibes ſtaͤrck: Man hat nicht lange weile/

Man leget auf die ſehn die ſcharffgeſpitzte pfeile:

Der jung Hippocoon zielt gnau und druͤcket loß/

Es fleugt hin in die luſft das fluͤchtige geſchoß

Und faͤhret in den baum/ darauf der vogel ſtecket:

Der baum er zittert drob/ der vogel auch erſchrecket;

Da thoͤnt das gantze volck mit jauchtzendem geſchrey/

Und wuͤntſchten/ daß er haͤtt geſchoſſen naͤher bey.

Nach dieſen trat hinein Meneſtheus/ hat den bogen

Geſpannet nach gebrauch und hart an ſich gezogen/

Hielt in die hoͤh und zielt und ſchoß den pfeil ſchnell ab/

Ihm aber dieſer ſchuß gantz keinen vortheil gab.

Es
[236]Das Fuͤnffte Buch.
Es war erbaͤrmlich gnung/ daß er nichts kunte treffen/

Und muſte ſich darzu von andern laſſen aͤffen/

Da er die leine traff und ſchoſſe ſie entzwey;

Der vogel/ der daran gebunden/ flog nun frey;

Darauff Eurytion geſpannt die ruͤſtung hielte/

Setzt ohne ſaͤumnuͤß aͤn und nach demſelben zielte/

Rufft ſeimem bruder zu/ daß er ihm gluͤck verleyh:

Als er die taube nun ſieht fliegen franck und frey/

In hohem lufft revier/ und mit den fluͤgeln klatſchet/

Trifft er ſie/ daß ſie faͤllt danieder/ daß es platſchet/

Und iſt ſchon lange tod: Der pfeil ſtickt noch in ihr:

Aceſt war uͤbrig noch/ da ſchon die palmen zier

Und ſieg verlohren war: Gleichwol laͤßt er den bogen/

Den er ſchon allbereit geſpannet und gezogen

Zum maſtbaum gehen ab/ und laͤſſet ſeine kuͤnſt

Zu ſchieſſen andre ſehn/ und daß er nicht umbſonſt

Dem ſtraffen bogen fuͤhr: Hier laͤßt ſich ploͤtzlich ſehen

Ein zeichen in der lufft; Was kuͤnfftig mag geſchehen

Hierauf/ weiß man zwar nicht/ doch/ wie der außgang

Hat ſich nichts gutes drauff befundẽ und eraͤugt. (zeugt/

Die prieſter haben auch in Welſchland ihren leuten

Mit ſchrecken anders nichts als boͤſes koͤnnen deuten:

Es kam ein feuerpfeil geſchoſſen durch die lufft/

Und zoge ſich hin ab zur tieffen erden-grufft

Mit einem langen ſchweiff/ fuhr wieder in die hoͤhe

Verſchwindend in die lufft: Man ſiehet ja wol ehe/

Daß in dem lufft-revier vi el ſtralen ſchieſſen her/

Die gleich den ſternen ſind/ und andre zeichen mehr.

Das
[237]Das Fuͤnffte Buch.
Das volck der Siculer und Troer hielten innen/

Und kunten ſich fuͤr furcht und ſchrecken nicht beſinnen:

Sie ruffen bebend an die Goͤtter in gefahr:

Eneas ſchlaͤget nicht in wind diß zeichen gar/

Iſt deunoch wolgemuth/ uͤmbfaͤngt den freund Aceſten/

Bringt ihm geſchencke dar von koͤſtlichſten und beſten/

Und ſaget ſo zu ihm: O hochverdienter man

(Weil dich Gott Jupiter ſo gnaͤdig ſiehet an

Durch dieſes zeichen/ daß du ſolſt fuͤr andern allen

Ein ſonderbar geſchenck erheben nach gefallen)

Nim dieſen becher hin/ der meines vaters war

Anchiſens/ der ſehr alt/ wie kund und offenbar.

Schau doch wie ſind darauff geſtochen ſchoͤne bilder/

Geſchichte vieler jahr und tapffrer helden ſchilder/

Den meinem Vater hat geſchenckt mit milder hand

Der Thracer koͤnig/ als ein wahres freundſchafft pfand.

So ſagend/ ſetzt er ihm auff eine lorberkrone/

Erklaͤret ihn vorerſt mit hohen ehren-lohne

Zum ſieger dieſes kampffs. Der gut Eurytion

Mißgoͤnnt ihm keines wegs den preiß/ ob er ihm ſchon

Weit fuͤrgezogen iſt/ und laͤßt ihm nicht verdrieſſen/

Ob er den vogel ſchon allein hat koͤnnen ſchieſſen

In freyer lufft herab. Nach dieſen trifft die rey

den Mneſtheus/ welcher ſchoß die lein am baum entzwey.

Zum letzten folgte nach/ der in den baum geſchoſſen

Mit ſeinem ſchnellen pfeil; Hat gleichwol noch genoſſen

Von hoher mildigkeit des fuͤrſten ehr und lohn/

Ob er ſchon kriegte nicht die ſieges lorbeerkron.

Die
[238]Das Fuͤnffte Buch.
Die ſchuͤtzen war noch nicht von einander gangen/

Da traͤgt Eneas nach dem ſohn Jul verlangen

Der noch nicht muͤndig war/ und rufft Epitiden/

Der ihn mit lehr und zucht pflag an die hand zugehn/

Und ſaget ihm ins ohr: Wolan! geh/ ſag Aſcanen

Wo er ſein knabenheer geruͤſtet hat mit fahnen

Und zeug zu roß und fuß/ ſo ſol er auf dem plan

Als feldherr ziehen her und zeigen/ was er kan:

Da heiſſet er das volck/ das man ſah haͤuffig ſtehen

Herumb in gantzem kreyß/ zu ruͤcke ſchleunig gehen/

Vnd machen weiten raum/ die knaben ziehen an

Und kommen ſchoͤn geputzt hin auf den offnen plan.

Die eltern freuen ſich/ da ſie ſie ſehn ſo prangen

Mit freygeziemter luſt/ und laſſen ihr verlangen

Erſcheinen an der ſtirn mit gutem hoffnungs troſt/

Sie glaͤntzen voller ſchmuck/ ſie freuen ſich der luſt:

Und glaͤntzenden gepraͤngs/ daß ſie auf pferden koͤnnen

Schoͤn ſitzen/ reiten auch/ und uͤber das noch rennen:

Es wundert ſich das volck/ wenn ſie ſo ziehn vorbey?

Sie zeigen ihre gunſt mit froͤlichem geſchrey.

Sie waren alleſampt gekaͤmmt und ſchoͤn geputzet/

Und trugen blancke helm/ darin ein jeder ſtutzet

Ein jeglicher trug auch in haͤnden einen ſpieß/

Theils koͤcher ſampt geſchoß herunter hangen ließ.

Man hat mit ketten auch von golde ſie gezieret/

Drey waren oberſten/ von denen ſie gefuͤhret;

Der faͤhnelein auch drey: Ein jeder Oberſter

Gab ihnen ordnung/ maß/ befehl/ ritt hin und her

Ein
[239]Das Fuͤnffte Buch.
Ein jeder fuͤhrer hat bey ſich zwoͤlff tapffre knaben/

Die mit geſchwindem lauff ſein fleißig achtung haben/

Sie theilen ab ihr heer mit gleicher fuͤhrer ſchaar:

Den erſten hauffen fuͤhrt der Priams Enckel war/

Auch trug mit ſchoͤnem ruhm des großherrn vaters nah-

Ein ſohn des Polytes von koͤniglichem ſaamen (men/

Und fuͤrſtlichen gebluͤt/ der Welſchland mit der zeit

Solt bringen wiederumb zur alten herrligkeit/

Den traͤgt ein Thraciſch roß/ das war von weiſſen fleckẽ/

Die foͤrderfuͤß auch weiß/ eins von den beſten ſchecken/

Gieng hoch und ſtoltz herein/ hat einen weiſſen ſtern

An ſeiner ſtirne forn/ beruͤhmet weit und fern.

Der ander oberſter war Atys/ von des namen

Und ſtamm der Atyer ein volck der Welſchen kamen/

Demſelben war ſehr hold der junge printz Aſcan/

Der auch als heerfuͤrſt zog zuletzt auf dieſen plan/

An anſehn und manier der ſchoͤneſte vor allen/

Den ſonderlich ſich lies die koͤnigin gefallen

Die Dido/ als die ihm ein ſchoͤn Sidoniſch pferd

Zum angedencken hat und liebespfand verehrt.

Drauff ritt er wolgeſchickt. Die uͤbrigen der knaben

Aceſtis ſah man auch nicht ſchlechte pferde haben:

Die Troer richten auf mit lautem lobgeſchrey

Die knaben/ welche ſie ſehn tragen furcht und ſcheu

Fuͤr groſſer lob begier. Sie ſchauen ihr beginnen

Und tugend froͤlich an/ und koͤnnen ſich beſinnen

Der eltern weiſ und art/ als deren ebenbild

Die kinder tragen noch/ nicht minder/ als den ſchild:

Dem-
[240]Das Fuͤnffte Buch.
Demnach die puͤrſchgen nun mit munteren gebaͤrden

Der herrlichen im volck und eltern innen werden

Auf ihren pferden/ da ſie halten ſtill bereit/

Gibt der Epitides die loſung etwas weit/

Da lieffen ſie gleich aus/ und die drey oberfuͤhrer/

Als die da waren fuͤrgeſetzet als regierer/

Die ſonderten ſich ab mit ihrem knaben heer/

Und da man wiederumb ſie rufft zur wiederkehr/

Da wenden ſie ſich ſtracks und zucken ihre degen

Zum ſchein/ als wolten ſie ſich gegen andre regen

Mit feindlichem gemuͤth: Dann hoͤren ſie bald auf/

Und nehmen anders wo hin ihre flncht und lauff

Bald hin/ bald wieder her/ und ſtehen ſich entgegen/

Bald wollen ſie ſich ſo/ bald anders widerlegen/

Bald laͤuffet dieſes heer in eines andern kreyß/

Bald menget jenes dis auf gleich und andre weiß:

Sie halten ein gefecht mit blindem lerm und ſtreichen/

Bald dringet dieſer ein/ bald ſieht man jenen weichen/

Bald wurd die wehr und ſpieß auffs gegentheil gewand/

Bald bieten ſie zum fried einander mund und hand.

Gleich wie man giebet fuͤr von einem irregarten

Zu Creta/ deſſen gaͤng und wege mancher arten

Geweſen ſollen ſeyn verwirret/ ſchweiffig krumm/

Daß man nicht hat gewuſt/ wie man heraus doch kom̃:

Auf vielen wegen hat man irre muͤſſen gehen/

Und keiner hat gekunt fuͤr ſich den außgang ſehen;

Je mehr man hat gemeint zu treffen rechten ſteg/

Je mehr hat man vertiefft ſich auff dem irreweg.

Nichts
[241]Das Fuͤnffte Buch.
Nicht anders ſiehet man bey dieſen Troer kindern/

Wie ſie ſich in dem lauff verwirren und verhindern/

Bald nehmen ſie die flucht/ bald laſſen ſie ſich ein

In kampff/ und dieſes thun ſie nur zum ſpiel und ſchein.

Sie ſtellen ſich faſt gleich mit ihrem lauff und minen/

Mit ihrer ſchweiffigkeit/ den ſchluͤpffrigen Delphinen/

Die ſchwimmen balde krumm/ bald grade hin und her

mit manchem ſchweiff und zug/ und ſpielẽ auf dem meer.

Als Aſcan Albam baut und ſie bezog mit mauren/

Stifft er ein regiment/ das lange ſolte dauren/

Erneute dieſen brauch fuͤhrt lauff-und kampffſpiel ein/

Und lehrete das volck darob zu halten fein.

Wie nun der Aſcan ſpielt/ ſo habens auch gelehret

Die Roͤmer/ die das reich und regiment vermehret/

Und haben dieſe weiſ und hergebrachte zier

Gehalten ſteiff und feſt nach ordnung und gebuͤhr.

Als man dem vater nun dem heiligen Anchiſen

Die kaͤmpff-und ritterſpiel zu ehren hat erwieſen/

Da ließ erſt wiederumb das wandelbare gluͤck

Nach dem gemeinen lauff vermercken ſeine tuͤck:

Denn als ſie beym geſtad und vaͤterlichen grabe

Ihr opffer nach gebrauch gebuͤhrlich legen abe/

Und endlich dieſes feſt mit manchem ſpiel begehn;

Da hat diß laͤnger nicht die Juno koͤnnen ſehn;

Schickt Irim von der burg des himmels zu dem heere

Der Troer/ welches lag mit hauffen an dem meere/

Und laͤſſet/ da ſie jtzt gleich von dem himmel geht/

Entſtehen einen wind/ der hinder ihr ſtarck weht.

QSie
[242]Das Fuͤnffte Buch.
Sie ſuchte viel herfuͤr und hatte noch im hertzen/

Den ſie noch nicht geſtillt/ den alten groll und ſchmertzẽ.

Die Iris floge ſchnell auff ihrem bogen ab/

Der vieler farben ſchein mit ſchoͤnem glantze gab.

Sie kommet ploͤtzlich an und laͤßt ſich keinem ſehen/

Beſichtiget den port und ſieht viel voͤlcker ſtehen

Und lauffen zu dem grab/ und wird hiernebſt gewahr/

Das ihre ſchiffe ſtehn an port verlaſſen gar.

Es ſtunden noch allein von fern Trojanerinnen

Am ufer/ welche ſich mit klaͤglichem beginnen

Gehuben umb den tod Anchiſens/ weinten ſehr/

Und ſahen alleſampt hin in das tieffe meer.

Sie ſchrien uͤberlaut aus einem mund mit zagen:

Ach! ſollen wir uns noch durch ſo viel meere tragen/

Die wir ſind matt und muͤd? Iſt dahin noch ſo weit?

Ihr wuntſch iſt eine ſtadt/ da ſie die liebe zeit

Verbringen ruhſamlich; Sie laſſen ſich das leben

Zur ſee verdrießlich ſeyn/ und moͤgen nicht mehr ſchwebẽ

In toͤdlicher gefahr in aͤngſten und beſchwer.

Die Iris hebt ſich nun zu ihnen an das meer/

Und laͤßt ſich mitten ein zu ihnen/ die beladen

Mit vielen kummer ſind/ hat noch die kunſt zu ſchaden

Vergeſſen nicht/ legt ab ihr Goͤttliches geſicht

Wie auch das lichte kleid/ daß man ſie kenne nicht/

Uud nimmt an die geſtalt/ die Beroe ſonſt hatte

Ein abgelebtes weib/ des Doryclis ſein gatte/

Der weyland ohne ſtamm und kind mit tod abgieng;

Bey dieſen weiberchen die Iris ſo anfing;

O ar-
[243]Das Fuͤnffte Buch.
O armes volck/ (ſagt ſie) die in dem vaterlande

Bey deſſen untergang/ bey wuͤrgen/ mord und brande

Von feindes rotte nicht geſchleppt ſind zu dem tod!

O ungluͤckhaffte ſchaar/ zu welcher qual und noth

Erhaͤlt euch das geluͤck? Es ſind nun ſieben ſommer

Nach Trojens untergang/ da wir mit noth und kummer

So einen fernen weg zu waſſer und zu land

Gezogen ſind/ da uns viel klippen ſind bekand/

Und ſchrecklich ungeſtuͤm̃/ da wir nach Welſchland ziehẽ

Durchs mittellaͤndſche meer/ das im̃er ſcheint zu fliehen

Von unſern augen weg/ wenn wir durch ungeſtuͤmm

Von ſelbtem kommen ab getrieben uͤmm und uͤmm.

Hier ſind wir in das land des bruders Eryx kommen/

Hier hat der gute wirth Aceſt uns auffgenommen/

Wer wehret uns allhier zu bauen eine ſtadt/

Da man das buͤrgerrecht in fried und ruhe hat?

O liebes vaterland/ vergebens ſind die Goͤtter

Von Troja mitgefuͤhrt/ die unſer troſt und retter

Wenn weder ſie noch wir durch ihre huͤlff und hand

Erlangen koͤnnen einſt zur ruh ein ander land.

Sol es mit Troja denn nun gaͤntzlich ſeyn geſchehen?

Sol man den nirgend mehr die Troer fluͤſſe ſehen

Den Xanth und Simois? Wolan! ermuntert euch

Und ſteckt mit mir in brand die ungluͤcksſchiff zugleich.

Denn mir iſt in dem ſchlaff Caſſandra fuͤrgekommen/

Von der Prophetin man viel glaͤublich ding vernom̃en/

Gab eine fackel mir und ſagte dieſe wort:

Hier ſuchet Troja/ hier iſt euer hauß hinfort.

Q 2Itzt
[244]Das Fuͤnffte Buch.
Itzt iſt die rechte zeit die ſchiff in brand zu ſtecken/

Laßt euch die zeichen doch zu dieſer that erwecken/

und ſchiebts nicht laͤngeꝛ auf. Schaut/ hieꝛ ſind vieꝛ altar

Gewidmet dem Neptun: Gott beut euch ſelber dar

Die fackeln und den muth. Als ſie nun diß geſaget;

Ergreifft ſie erſt das feur und laͤßt es ſeyn gewaget/

Wirffts auf die ſchiffe hin; Der Troer frauen zunfft

Erſtaunet gantz hierob mit ſinnen und vernunfft/

Aus deren mittel ſagt die Pyrgo/ zwar von ſtamme

Geringe/ gleichwol doch des koͤnigs kinder amme/

Die aͤlteſte matron von dieſen weiberlein:

Das kan nicht Beroͤe/ ihr lieben ſchweſtern/ ſeyn;

Die iſt von Troja nicht/ noch des Doryclis gatte/

Die niemals ſolchen muth noch zornig hertze hatte/

Schaut doch die ſtrahlen an den augen/ ſo die zier/

Und Goͤtter majeſtaͤt gantz kundbar zeigen fuͤr.

Was regt ſie fuͤr ein geiſt/ wie groß laͤßt ſie ſich ſehen/

Wie ſieht/ wie redet ſie/ wie kan ſie praͤchtig gehen?

Ich bin von Beroͤe gekommen neulich her/

Die kranck zu bette ligt/ und klagt daruͤber ſehr

Mit unmuhts vollem ſinn/ daß ſie das gluͤck nicht habe/

Daß ſie auch koͤnte mit bey des Anchiſens grabe

Das opffer warten ab und wohnen bey der ehr:

Die weiber wurden erſt befangen mehr und mehr

Mit zweiffelmuͤthigkeit: Sie tragen aug-und ſinnen

Beſtuͤrtzet und verwirrt/ es kommet diß beginnen

Mit abſcheu ihnen fuͤr; Die liebe zu dem land/

In dem ſie blieben gern/ gab ihnen an die hand

Den
[245]Das Fuͤnffte Buch.
Den rath/ die ſchiffe nur in grunde zu verbrennen

Hingegen wiederrieth die hoffnung diß beginnen/

Weil ſie der Goͤtter ſchluß rufft in ein ander land/

Das ihnen durch den mund Anchiſens war bekand/

Die Goͤttin ſchwinget ſich mit fluͤchtigem gefieder

Hoch durch die wolcken hin und kom̃t in himmel wieder.

Nach dem die weiber nun durch dieſes ungeheur

Beſtuͤrtzt ſind/ lanffen ſie gantz raſend zu dem feur/

Das hinterm altar ligt/ und raffen es zuſammen;

Theils nehmen von altar die angezuͤndten flammen

Das reißig und geſtraͤuch und zuͤnden fackeln an;

Ein jede wirfft und thut zum brande/ was ſie kan.

Des feuers grimmigkeit ſchlaͤgt uͤberall zuſammen/

Man kan nicht baͤndigen die ungezaͤhmten flammen/

Sie fahren durch die ſchiff mit groſſem ungeſtuͤmm/

Und ſetzen ans gemaͤhld und bilder ihren grimm.

Eumelus/ der diß ſieht/ bringt flugs die poſt getragen

Zu des Anchiſens grab/ da noch die voͤlcker lagen

Mit hauffen auf dem plan/ berichtet von dem brand/

Es wuͤrden alle ſchiff geaͤſchert ein am ſtrand.

Sie ſehen ſelber auch im ſchwartzem dampffe fliegen

Die funcken/ auch Aſcan/ als er mit luſt und ſiegen

Die reuter fuͤhret heim/ hebt ſich geſchwinde fort

Mit ſeinem ſchnellen roß an den betruͤbten port.

Die hofemeiſter ſtehn mit ſchrecken/ furcht und zagen/

Und laſſen ihren printz den ritt gefaͤhrlich wagen

Nach ihrer meinung zwar/ da ſie befieng der wahn/

Es haͤtte wo ein feind die ſchiff geſtecket an.

Q 3Was
[246]Das Fuͤnffte Buch.
Was neuer grimm (ſagt er) ihr armen buͤrgerinnen

Hat euch genommen ein? was wollt ihr hier beginnen?

Wo dencket ihr hinaus? Was habt ihr angericht?

Auff ſolcherley geſtalt tilgt ihr die feinde nicht.

Ihr ſchadet euch nur ſelbſt/ und werffet euer hoffen!

Zu grund und boden hin: Wie fein habt ihrs getroffen!

Schaut ich bin euer fuͤrſt Aſcan: Legt/ hiemit ab

Den helm/ und ihnen ſich recht zu erkennen gab.

Darin er neulich hielt ein krieges ſpielgefechte:

Eneas eilt hinzu und ſeine kriegesknechte/

Ja auch das gantze heer der Troer; Aber ſie

Die weiber fliehen von einander/ eine hie

Die andre dort hinaus am ufer hin und wieder;

Ein theil laͤufft in den wald und laͤſſet ſich danieder/

Theils ſuchen hoͤhlen aus und lauſchen da mit ſcheu/

Und tragen ihrer ſelbſt verdruß mit gram und reu.

Sie ſehen nun/ was ſie mit ihren tollen ſinnen

Gerichtet haben aus und haſſen ihr beginnen

Und leben bitterlich: Sie kennen die geſtalt

Der ihrigen/ nach dem ſie kommen aus gewalt

Der Juno wiederumb zu vorigen verſtande:

Doch kan man darumb nicht die ſchiffe von dem brande

Erretten: Denn die flamm haͤlt unbezwinglich an/

Und niemand ſindet ſich/ der ſie gantz leſchen kan;

Sie lodert immer fort und wird vom hartz genehret/

Die feuchte kommt darzu davon ſie laͤnger zehret;

Das angezuͤndte werck gibt dicken dampff von ſich/

Die zaͤhe flamme friſt die ſchiffe grimmiglich.

Es
[247]Das Fuͤnffte Buch
Es kreucht durch alles hin das wuͤtende verderben/

Es wagt ſich mancher held und wil ein lob erwerben/

Weñ er die flam̃en leſcht. Es hilfft kein muth noch kunſt/

Ja auch die meerfluth nicht kan leſchen dieſe brunſt.

Eneas reiſſt ſein kleid von ſchultern/ rufft die Goͤtter

Zu huͤlff und beyſtand an/ als ſeinen ſchutz und retter/

Und hebt die haͤnd empor: O groſſer Jupiter/

Des allmacht ſich erſtreckt durch himmel/ erd und meer/

Wenn du uns alle ſampt Trojaner noch nicht haſſeſt/

Und daß du wieder uns nicht ſchweren zorren faſſeſt/

So noch die alte treu/ die vor der welt geweſt/

Der menſchen jammer muͤh und noth ſich jammern laͤſt;

So rette/ vater/ doch die ſchiff aus feuers noͤthen/

Und laß die wuͤtigkeit des todes keinen toͤden;

Erhalt uns Troer auch bey unſerm guͤtelein;

Im fall ich aber dir/ was noch mag uͤbrig ſeyn/

Fuͤr ſchuldig bin geacht/ ſo ſchlag mich in die erde

Mit deines donners macht/ daß ich begraben werde

Von deiner rechten hand. Er hatt kaum aus gebett/

Da ſiehet man alßbald/ wie an den himmel ſteht

Ein ſchwartzer regen ſturm: Er faͤllt mit groſſen guͤſſen/

Und ſcheinet/ als ob ſich die wolcken ſelbſt zerriſſen/

Die berge/ wald und feld erzittern fuͤr den knall

Des donners/ und der guß erfuͤllet uͤberall

Die ſchiff; Allein das holtz/ das nur war halb verbrunnẽ/

Wird von der naͤſſe feucht/ die haͤuffig kam geronnen/

Bis endlich dieſe brunſt geleſchet wurde gar/

Und alle ſchiff/ ohn vier/ gerettet aus gefahr.

Q 4Eneas
[248]Das Fuͤnffte Buch.
Eneas aber/ der durch dieſen fall mit ſchmertzen

Geruͤhret wurde/ trug viel kuͤmmernuͤß im hertzen;

Er waͤgets hin und her/ was beſſer ſey zu thun/

Ob er in dieſem land Sicilien ſol ruhn/

Doch oder in vergeſſ der Goͤtter rath und willen

Sol ſtellen/ oder ob er ſelbten ſol erfuͤllen

Und ziehn in Welſchland hin? Da faͤnget Nautes an

Ein-von der Pallas ſelbſt gelerth-und alter mann/

Der ſich in mancher kunſt geſchickt und herrlich machte/

Der ſeine meinung ſo und dergeſtalt fuͤrbrachte/

Daß er gab drauff bericht/ was etwan deutet an

Der goͤtter groſſen zorn und was ſey wol gethan

Nach ihrer ordnung/ ſpruch und unbewegten willen/

Den man ſol allerdings nach muͤgligkeit erfuͤllen/

Und gibt ihm dieſen troſt auf folgende geſtalt:

Eneas/ laß uns nur der goͤttlicheu gewalt

Zu folgen ſeyn bereit/ wohin ſie uns wil lencken

Und fuͤhren/ daß wir uns nur nehmen kein bedencken/

Es komme wie es woll: Auf Gottes gnaden huld

Laͤßt ſich all ungeluͤck wol tragen mit gedult.

Es iſt vorhanden noch der tapffre mann Aceſtes;

Nimm ihn/ als freund zu rath/ daß er mit dir dein beſtes

Zu ſuchen ſich bequem; Demſelben uͤbergib

Was von verlornem zeug und ſchiffen uͤberblieb/

Wie auch die jenigen/ die dein ſo groß beginnen

Verdruͤßig nehmen an und nicht mehr reiſen koͤnnen/

Als abgelebte leut und muͤde weiberlein/

Und was bey dir noch ſchwach und bloͤde moͤchte ſeyn;

Die-
[249]Das Fuͤnffte Buch.
Dieſelben leſ heraus/ und laß ſie/ weil ſie muͤde/

In dieſem lande ſich begehn in ruh und friede/

Und bauen eine ſtadt/ die man Aceſtam nenn/

Dabey man dieſen wirth Aceſten ruͤhmlich kenn.

So reitzt der alte freund mit rathſamen gedancken

Eneen an/ der hin und wieder lieſſe wancken

In ſorgen ſein gemuͤth. Drauff kam die ſchwartze nacht/

Die himmel/ erd und meer verhuͤllt und dunckel macht:

Da nun Eneas ſich zur ruh geleget hatte/

Deucht ihm/ wie zu ihm kam des vaters geiſt und ſchatte

Von ſterngewoͤlbtem hauß/ und redte ſo geſchwind:

Eneas/ o mein ſohn/ o einig liebes kind!

Das mir viel lieber war/ als mein ſelbſt eigen leben

(So lang daſſelbe mir von Goͤttern war gegeben)

Ja/ mein ſohn/ ſag ich noch/ der du zu Troja haſt

Erduldet viel beſchwer und groſſe jammerslaſt/

Ich komm hier auff befehl und Jupiters belieben/

Der von den ſchiffen hat das feuer abgetrieben/

Und endlich von dem ſitz der ſternenburg geſehn/

Und ihm dis ungeluͤck zu hertzen laſſen gehn:

Nimm dieſen weiſen rath/ den Nautes dir gegeben

Mit gutem willen an/ und dencke nach zu leben/

Was dieſer alte ſagt/ zeuch in Italien

Und nimm die purſche mit/ die freudig ein hergehn

In ihrer krafft und zier/ die tapffre hertzen tragen

Sich nach begebenheit mit ihrem feind zu ſchlagen;

Du haſt ein hartes volck in Welſchland noch fuͤr dir/

Das ungewohnet iſt der buͤrgerlichen zier

Q 5Und
[250]Das Fuͤnffte Buch.
Und ſitten freuͤndligkeit; Das muſſeſt du bekriegen/

Und wirſt es endlich auch mit ſchoͤnem ruhm beſiegen.

Doch muſſeſt du zuvor des Plutons hauß beſehn/

Und durch das ſchwartze ſee Avernus weiter gehn/

Daß du/ o ſohn/ zu mir auf ein geſpraͤch moͤgſt kommen

An orth der ſeligen/ da ich bin auffgenommen:

Denn in der helle bin ich nicht gekommen an;

Ich ſchwebe bey der zunfft der frommen/ da der plan

Und ſchoͤne luſtorth iſt der Elyſeer waͤlder/

Die ewig gruͤne zier der blumgemahlten felder.

Hier wird die jungfrau dich Sibylla bringen her/

Wenn du viel opffer haſt geſchlacht mit danck und ehr.

Da wird dir werden kund dein ankunfft und geſchlechte/

Und was fuͤr eine ſtadt nach himmels ſchluß und rechte

Dir wird beſchieden ſeyn. Hiemit ade mein ſohn!

Der tag bricht wieder an/ ich ſcheide nun davon.

So ſagt er und verſchwand: Gleich wie der rauch ver-

Der keine ſtelle mehr in hohẽ luͤfften findet. (ſchwindet/

Eneas rufft ihm nach: Wo eileſt du ſo hin?

Fuͤr wen doch flieheſt du? Siehſt du nicht/ daß ichs bin?

Wer treibet dich hinweg aus unſerm ſchoß und aͤrmen?

Kanſt du mich laſſen ſo umb deinem abſchied haͤrmen?

Drauff blaͤſt er in die aſch und machet feuer an/

Daß er dem Haußgott und der Veſta opffern kan;

Das leiſtet er mit brodt/ mit ſaltz und weyrauchs gaben/

Mit andacht und gebaͤt/ daran die Goͤtter haben/

Was ihnen wolgefaͤllt: Berufft von ſtunden an

Die purſche/ daß ihr noch dis werde kund gethan/

Und
[251]Das Fuͤnffte Buch.
Und erſtlich den Aceſt/ und gibt ihn zu vernehmen/

Worzu man muͤſſe ſich verſtehen und bequemen/

Was Jupiters befehl und vaͤterlich gebot

Erfodern/ und wie man ſol machen dieſe noth

Zur tugend/ und worauff er ſeine meinung gruͤnde/

Daß er gewiſſen ſchluß in dieſer ſachen finde/

Nichts hindert ſeinen rath/ Aceſt ihm beyfall gab.

Man laͤßt das ſchwache volck vom heere ſondern ab.

Es ſol das weibervolck/ und die an ruhm und ehren

Nach ihren bloͤden ſinn ſich nicht groß moͤgen kehren/

Zu ruͤcke bleiben nur und bauen eine ſtadt/

Und in beliebter ruh nach wolſtand leben ſatt.

Gantz ſpannew machen ſie die ruderbaͤncke wieder/

Die breter legen ſie/ die nicht mehr tauglich/ nieder/

Als die da uͤnun und uͤmm von feuer ſind verzehrt/

Und machen alles neu/ was zu der fahrt gehoͤrt.

An anzahl ſind ſie ſchlecht/ zum kriege wol gerathen/

Behertzt am muth/ beruͤhmt an ritterlichen thaten.

Eneas unter des mißt ab mit einem pflug

Den umbfang zu der ſtadt/ wie groß der raum ſey gnug.

Laͤßt jedem durch das loß die ſtellen zuerkennen/

Und daß man ſol den orth das neue Troja nennen:

Aceſtes/ als der ſelbſt von Troja buͤrtig iſt/

Freut ſich des neuen reichs/ das ihm nun iſt erkieſt.

Er laͤßt auch oͤffentlich außruffen eine meſſe

Zum handel und gewerb/ daß keiner nicht vergeſſe/

Was er gelernet hat zum lebens auffenthalt/

Gibt auch dem rath/ den er beruffet/ die gewalt

Zu
[252]Das Fuͤnffte Buch.
Zu ſprechen gleiches recht: man baut auch einen tempel

Der Goͤttin Venus da/ zu ehren und exempel

Des keuſchen ehebunds auf wolcken-hoher hoͤh

Des Erycinſchen bergs/ und/ das der orth beſteh

Mit heiliger gebuͤhr/ wird bey Anchiſens grabe

Ein prieſterhauß gebaut/ damit die opffer gabe

Und dienſt der Goͤttin ſtets beſtellet werden kan;

Es wird zum ſelben auch ein heilger wald gethan:

Die voͤlcker hatten nun neun tage lang geſeſſen/

Und mit einander fein in froͤligkeit gegeſſen/

Wie auch ihr opffer hingelegt auf den altar/

Da ſahe man das meer gantz ſtill und ohn gefahr.

Die winde laſſen ſich mit ihrem ſanfften wehen

Vernehmen/ daß man ſol zu ſegel wieder gehen;

Da hoͤrt man ein geheul herumb an gantzem port/

Verziehn noch tag und nacht/ ehe ſie ſich machen fort.

Sie letzen ſich mit wuntſch und eingemiſchten zaͤhren/

Nun wil das weibesvolck ſich anders erſt erklaͤren/

Und hat luſt mit zu ziehn/ die ehemals fuͤr das meer

Und deſſen ſchreckenbild ſich lieſſen grauen ſehr.

Schwer war es ihnen vor an Meergott zu gedencken/

Itzt aber wollen ſie ſich keines weges kraͤncken/

Sind willig und bereit zu dulden ſpat und fruͤh

Zu waſſer und zu land angſt/ noth/ gefahr und muͤh.

Der gut Eneas nun ſpricht ihnen zu mit worten

Auffs allerfreundlichſte/ ſie moͤchten dieſer orthen

Gebrauchen ruhiglich. Befiehlt ſie auf das beſt

Mit thraͤnen ſeinem freund dem guͤtigen Aceſt.

Be-
[253]Das Fuͤnffte Buch.
Befiehlt drey kaͤlber auch dem weit beruͤhmten ritter

Dem Eryx abzuthun/ ein lamb dem ungewitter

Zu opffern nach gebuͤhr und dann in ſchneller eil

Zuſtoſſen von dem port/ zu hauen ab die ſeil/

Er aber hatt umbs haubt gewunden oͤhleblaͤtter/

Steht oben auf dem ſchiff und ehret ſeine Goͤtter

Mit opffer und gebaͤt/ haͤlt in der hand die ſchaal

Und ſchuͤttets eingeweyd ins meer hin allzumal/

Geuſt auch den wein hinein. Sie haben guten wind/

Der ſie von hinden zu treibt immer fort geſchwind.

Die purſche rudert fort mit eiffrigem bemuͤhen/

Und ſtreichet durch das meer: Immittelſt da ſie ziehen/

Koͤmmt Venus zum Neptun mit ſorgen ſehr geplagt/

Und ſchuͤttet ihre noth heraus und alſo klagt:

Der Juno ſchwerer zorn und hertz/ das ſich nicht ſtillen

Durch meinen jammer laͤßt/ noch durch mein leid erfuͤllẽ/

Treibt mich/ Neptun/ daß ich dir falle hier zu fuß

Und mich gar niedrig mit gebaͤt erzeigen muß.

Ich klag und ſage noch/ daß Juno ihre ſinne

Durch bittern haß und groll ſo ſehr erhaͤrten koͤnne/

Daß weder lange friſt noch zeiten ſcharffer zahn/

Noch furcht/ noch liebes treu ſie ſaͤnffter machenkan.

Sie wil nicht auff beſehl des Jupiters was geben/

Noch durch der Goͤtter ſchluß bezwungẽ friedlich leben;

Sie hat dran nicht genung/ daß ſie der Troer ſtadt

Mit unerhoͤrtem haß gefreſſen gleichſam hat;

Sie wil den reſt darzu der armen ſtadt verderben/

Die laͤngſt zerſtoͤret iſt/ und was von bitterm ſterben

Ge-
[254]Das Fuͤnffte Buch.
Geblieben uͤbrig iſt/ die aſch und duͤrr gebein

Das ſol durch ihren grimm gantz außgerottet ſeyn.

Sie weiß die urſach wol in ihrem bittern hertzen/

Warumb ſie ſo gibt raum dem tollen ſinn und ſchmertzẽ/

Du biſt mein zeuge ſelbſt/ Neptun/ was fuͤr beſchwer

Sie mir hat angerichtt in Africaner meer;

Wie ploͤtzlich hat ſie doch mit ſchrecklichem getuͤmmel

Betruͤbet und vermiſcht das meer mit lufft und himmel/

Da ſie ſich auff dem ſturm des Eols ſteiff verließ/

Der doch vergebens nur mit gantzen kraͤfften bließ.

Und dieſes durffte ſie in deinem reiche wagen.

O ſchande/ daß man ſol von ſolcher unthat ſagen!

ſchau! was ſie mehr veruͤbt. Sie ſteckt die ſchiff in brand/

Und machte/ daß das volck der weiber an dem ſtrand

Gantz toll und thoͤricht wurd/ und als ſie ihre ſchande

Geuͤbet ſattſam aus an dieſem grimmen brande

Und vier gegangen drauff/ zwung ſie den uͤberreſt/

Daß man ſich ſondert ab/ und zog weg von Aceſt.

Was uͤbrig/ bitt ich/ laß die ſchiffe ſicher fahren/

Daß ſie ſich koͤnnen baß durch deine treu verwahren/

Und goͤnne/ daß das heer komm in Italien/

Damit ſie endlich doch in ruhe koͤnnen ſtehn.

Ich bitte ja darumb/ was ihnen feſter maſſen

Im ſchluß der Goͤtter iſt geworden zugelaſſen/

Die lebens Goͤttinnen ſind auch zu frieden mit/

Die ihnen in das land geſtatten freyen trit.

Drauff fieng der Meergott an bezwinger aller wellen;

Cythere/ du thuſt recht/ daß du kanſt glauben ſtellen

Zu
[255]Das Fuͤnffte Buch.
Zu meiner macht und reich/ daher du buͤrtig biſt;

Ich hab es auch verdient/ geſtalt es billig iſt.

Deßgleichen hab ich offt der winde grimm gebrochen/

Und wenn das meer getobt/ ihm freundlich zugeſprochen/

Nicht minder hab ich auch getragen ſorg und fleiß

(Wie Xanth und Simois mir zeugnuͤß und beweiß

Gantz klaͤrlich legen dar) Eneens auff dem lande

Da es mit Troja war gekommen zu dem ſtande/

Der ſehr gefaͤhrlich hielt; Da Thetis ſohn Achill/

Der lange bey dem heer der ſchiffe lage ſtill/

Mit zorn zu felde zog/ und an die Troer ſchaaren

Die abgemuͤdet ſehr/ kam grimmiglich geſahren/

Viel tauſend ſchlug er tod/ die fluͤſſe ſeufftzeten

Und muͤſten vor der meng der todten ſtille ſtehn.

Der Xanth fand keinen weg/ daß er ſich kund ergieſſen

Ins offenbahre meer und ungehindert flieſſen.

Ich riſſe damals weg in einer wolcken dampff

Eneen aus dem ſtreit/ da er ungleichen kampff

Gieng mit Achillen ein; Da dieſer uͤberlegen

Dem andern war an ſtaͤrck/ auch dieſem ſtund entgegen

Der Goͤtter will und gunſt. Ich haͤtte ſchier in ſand

Die treuvergeſſne ſtadt/ die ich mit meiner hand

Gefaͤllet hab/ gelegt/ habs auch noch fuͤrgenommen;

Laß dir nur keine furcht in dein gemuͤthe kommen;

Eneas ſol zum port nach deinen wuntſch und ſinn

Avernus ſicherlich gelangen ehſtes hin.

Nur einen ſollen ſie von ihrem gantzen heere

Zu ruͤcke laſſen hier in meinem reich und meere.

Fuͤr
[256]Das Fuͤnffte Buch.
Fuͤr viel ſol nur ein haupt zum opffer bleiben mir/

Ein einig haupt wil ich zum opffer halten hier.

Als nun der Meer gott hat der Goͤttin hertz erfreuet

durch ſolcherley geſpraͤch/ daß ſie nicht was mehr ſcheuet/

Spannt er den wagen an und zaͤumt die wilden roß/

Sitzt auff/ laͤßt ihnen frey den zuͤgel ſchieſſen loß.

Rennt uͤbers hohe meer mit ſeinem blauen wagen/

Die wellen legen ſich/ das meer muß ſich ſanfft tragen/

Wie ſchwuͤlſtig es auch war/ weil ſein Gott druͤber faͤhrt

Gleich als mit donners macht und aller unruh wehrt.

Es ſchwindet das gewoͤlck an hohen himmels buͤhnen/

Man ſiehet groſſe ſchaar/ die zum geferthen dienen

Dem maͤchtigen Neptun/ auch ungeheure thier/

Die mit dem obertheil des leibes ſtehn herfuͤr.

Man ſah auch Glauci zunfft/ die alten meeres Goͤtter/

Des Phorci gantzes heer und des Neptuns trompeter/

Der Nimfen ſchoͤner chor ſtund auff der lincken hand/

Die Thetis/ Melite/ und wie ſie ſind genand.

Hier laͤſſet wiederumb Eneas ſeine ſinnen/

Die noch nicht wurden recht bißher der freuden innen/

Weil er des anfangs war und wetters ungewiß/

Zur freude muntern auf und alle ſegel hieß

Auffſpannen ohn verzug/ und alle ſegelſtangen

Zu richten ſchnelliglich. Sie helffen alle langen

Undſtrecken an die hand. Man bindet unten an

Das ſegel/ daß der wind ſich recht drein legen kan/

Und richtens in die hoͤh: Die ſchiffe gehn geſchwinde

Und ungehindert fort/ weil ihre ſegel winde

Zu
[257]Das Fuͤnffte Buch.
Zu tragen aͤmbſig ſind: Fuͤr allen gieng erſt her

Der Palinur/ und ſtrich gantz freudig durch das meer.

Die andern hieß man nach demſelben eilend kommen.

Es hat itzt faſt die nacht das nuttel ein genommen/

Die ſchiffer hatten ſich die laͤnge hingelegt/

Und ſchlieffen alſo feſt/ daß keins ein bein mehr regt.

Da koͤmmt der Schlaffgott an von blinckendem geſtirne/

Und treibt die finſtre dunſt und ſchatten vom gehirne

Dem Palinur/ der ſchlieff. Geht auff denſelben zu/

Und ſtoͤrt mit boͤſem traum demſelben ſeine ruh/

Der nichts verſehen hat/ und laͤſſet ſein gefieder

Im hindeꝛtheil des ſchiffs/ waꝛ gleich dem Phorbas/ niedeꝛ/

Und ſaget ſo zu ihm: Mein Palinur/ das meer

Fuͤhrt jtzo fuͤr ſich hin die ſchiff und gantzes heer.

Der wind geht trefflich gut/ du kanſt dich nieder legen

Ein ſtuͤndlein oder zwey/ und deiner ruhe pflegen:

Drumb lege dich nur hin/ und nimm dir ſo viel ruh/

Daß du die augen kanſt ein wenig ſchlieſſen zu/

Die matt und muͤde ſind: Ich wil in des verrichten

Fuͤr dich das ſteuerampt. Der ſteurman ſagt mit nichtẽ;

Und hub die augen auff/ wie wol gar kuͤmmerlich/

Wilſt du/ daß ich das meer/ das ſanfft jtzt zeiget ſich/

Nicht kennen ſol? Sol ich dem wilden meere trauen/

Sol ich auff dieſem glaß Eneens hoffnung bauen?

Sol ich dem leichten wind hingeben dieſes pfand/

Der ich ſo offt beruͤckt des wecters liſt erkand/

Wie klar es immer war? So ließ er ſich vernehmen/

Und war daran/ daß er ſich itzo ſteiff bequemen

RZu
[258]Das Fuͤnffte Buch.
Zu ſeinem ampte wolt; Und greifft das ruder an/

Und fuͤhrt es wiederumb/ wies loͤblich war gethan/

Daß ers nicht fallen ließ/ und hub die aug- und ſinnen

Zum goldgeſtirnten thron/ zu ſteiffen ſein beginnen.

Schau! da kam wiederum der Schlaffgott/ ſchliche ſacht

Und nahm den zweig/ den er in Lethe bach naß macht

Und mit bewehrter krafft benetzt in Stygens fluſſe/

Der ſich durchs hellenreich mit ſchwartzer fluth ergoſſe/

Und ruͤhret ſeinen ſchlaff auff beyden ſeiten an/

Und ob er ſich ſchon wehrt/ wars doch umbſonſt gethan/

Er zwingt die augen doch/ die matt und muͤde nicken

Bis er ſie durch den ſchlaff kan ſchlieſſen und beruͤcken:

Er hatte ſich itzt kaum erquickt an ſuſſer ruh/

Da faͤllet uͤber ihn der geiſt und ſetzt ihm zu/

Daß er ihn uͤber bord wirfft in des meeres tieffe/

Er nimmt das ruder mit/ das er feſt hielt und ſchlieffe;

Reiſt auch ein ſtuͤcke weg vom hindertheil am ſchiff/

Und offtmal ſeine purſch umbſonſt umb huͤlff an rieff.

der Schlaffgott ſchwingt ſich auf in hohe lufft von hiñen

Und wird ein voͤgelein: Die ſchiff ingleichen koͤnnen

Nicht minder lauffen ſchnell und ſicher durch das meer/

Als ſie der Meergott hatt befreyet vom beſchwer/

Der ihnen gab den troſt mit kraͤfftigem verſprechen/

Es ſolten ihre ſchiff hinfuͤro nicht mehr brechen/

Sie ſolten ohngefahr nach Welſchland kommen hin.

Drumb halten ſie ſich dran mit unerſchrocknem ſinn;

Sie kamen numehr hin an dieſe ſtein- und klippen/

Da die Sirenen ſich mit honig ſuͤſſen lippeu

Ver-
[259]Das Sechſte Buch.
Vernehmen lieſſen ſchoͤn/ ein orth/ der mit gefahr

Fuͤrweilen denen/ die da ſchlieffen/ wiedrig war;

Wie man daſſelbe noch ſieht an den knoch und beinen/

Die haͤuffig ligen da bey dieſen felß- und ſteinen;

Die wellen ſchlugen auch mit ſtettem brauſen an

Die klippen/ wer der zeit ſich noch erinnern kan:

Er ſeufftzet offt und dick. Und gehet ihm zu hertzen

Der unfall ſeines freunds/ und klaget ſo mit ſchmertzen:

O Palinur/ der du dem wetter und dem meer/

Wenns klar und heiter war/ vertraueteſt zu ſehr/

Hier ligſt du nackt und bloß in unbekandtem lande

und niemand iſt der dich verſcharrt auf frembdem ſande:

Du biſt entfernet nun von deinen freunden ſo/

Die deiner ſich vorſehn/ und ligeſt/ weiß nicht/ wo.


Das Sechſte Buch.


SO redet weinend er/ laͤſt drauf mit vollem biegẽ

Das ſchiffyeer gehen fort/ und frey die ſegel fliegẽ/

Und faͤhret endlich ein in der Euboer land/

Und koͤmmet in die ſtadt/ die Cumas wird genand;

Sie kehren umb die ſchiff/ da ſie im Haven gehen/

Und laſſen fuͤrders ſie daſelbſt im ancker ſtehen:

Das heer bedecket gantz den krum gebognen ſtrand/

Die tapffre purſche ſpringt mit freuden an das land/

Ans land Italien: Theils ſchlaͤgt aus kieſelſteinen

Zu kochen feuer auf/ theils traͤger von den Haynen

Und walde holtz herbey: Und wie ſie eine quell

Gefunden/ fuͤhren ſie Eneen an die ſtell

R 2Und
[260]Das Sechſte Buch.
Und zeigen ihm diß gluͤck: Er aber geht in deſſen

In tempel/ und wil nicht des Gottesdienſts vergeſſen/

Ehrt Feben/ als den Gott/ der dieſem orth ſteht fuͤr/

Und geht zur prieſterin mit heiliger begier.

Sibylla aber wohnt in einer felſen hoͤhle;

Derſelben blieſe Gott ein eine weiſe ſeele/

Und gabenreichen geiſt: Macht ihr die dinge kund/

Die kuͤnfftig/ aber itzt noch ſind im tieffen grund.

Itzt gehn ſie auf den Hayn der heilgen Waldgoͤttinne/

Hernach erreichen ſie des tempels guͤldne zinne/

Da Febus wuͤrdig ſitzt: Der Daedal (wie man ticht)

Als er in Minos reich wolt laͤnger bleiben nicht/

Der ihm die kuͤhnheit nahm ſich zu befreyen wieder/

Und trauen ſich der lufft mit waͤchſernen gefieder/

Schwung ſich durch einen weg/ der ihm ſo unbekand/

Als ungewoͤhnlich war/ ins kalte nordenland.

Und ließ ſich in dem ſchloß zu Cumas endlich nieder.

Als er nun in das land gekommen erſtlich wieder/

Hat ſein geſteder er dir/ Febus/ nur allein

Zum heiligen gemerck gewidmet wollen ſeyn/

Und hat ihm auffgebaut zu ehren einen tempel

Und fuͤr der thuͤr den tod Androgens zum exempel

Und denckmahl abgebildt auf einem groſſen ſtein/

Und was der Griechen ſtraff hat dafuͤr muͤſſen ſeyn;

Dann haben ſaͤhrlich ſie (o elend!) ſieben knaben

Und ſo viel maͤgdelein zum opffer muͤſſen haben

Und Crete hingeſchickt: Es ſteht darneben auch.

Der eymer/ wie die purſch hat muͤſſen den gebrauch

Zu
[261]Das Sechſte Buch.
Zu loͤſen nehmen an umb ihren tod und leben.

Hingegen aber ſah man Creta ſtehen eben

Und eigentlich gebildt/ erhabner als das meer/

Und wo der Minotaur/ der ochs/ iſt kommen her/

Der mitten in dem kreyß des irregartens ſtunde/

Aus welchem keiner ſich entwircken endlich kunte;

Allein der Daedalus/ ein mann von hoher kunſt

Und meiſter dieſes wercks bewogen durch die brunſt

Der Ariadnen/ die ſie Theſeus hertzlich truge

Und ſich mit liebenden gedancken immer ſchluge/

Zeigt ihr die griffe drauff/ wies muͤſte ſeyn gethan/

Wenn ſie wolt kehren frey von dieſer irrebahn

Zu ruͤcke wiederumb ohn faͤhrligkeit und ſchaden;

Und gab ihr in die hand zu fuͤhren einen faden/

Durch deſſen huͤlffe ging ſie in die laͤng und quer

Krumm/ zwerch/ gerad und kam zuruͤcke wieder her.

Du wuͤrdeſt/ Icarus/ auch eine ſtelle haben/

Dein vater wuͤrde dich auch haben eingegraben

Und abgebildet ſchoͤn/ wenn nicht der groſſe ſchmertz

Gantz eingenommen haͤtt das vaͤterliche hertz.

Er unterſtund ſich zwier den unfall fuͤr zuſtellen/

Da Icarus ſein ſohn geſtuͤrtzet in die wellen

Des meers aus hoher lufft. zwier ſunck ihm hin die hand/

Weil ihm die krafft verließ/ ſein ſinnen und verſtand.

Sie haͤtten alles noch genauer wahrgenommen/

Wenn nicht Achat voran geſchicket waͤre kommen/

Wie auch Deiphobe Sibylla ſonſt genand/

Die als prophetin war und prieſterin bekand/

R 3Des
[262]Das Sechſte Buch.
Des Febens und Dian: Die fieng ſo an zu ſagen

Zum Fuͤrſten: Laß dir nicht/ Eneas/ jtzt behagen

Der ſachen eitle ſchaw. Die zeit verbeut es dir/

Viel beſſer iſts gethan zu ſchlachten ſieben ſtier

Aus unberuͤhrter heerd und ſo viel ebner maſſen

Der außerleſnen ſchaaff/ die man ſol opffern laſſen

Nach uͤblichen gebrauch. Diß war Sibyllen wort;

Die leute ſaͤumen nicht und machen balde fort.

Nach heiligen befehl. Die Goͤttliche Sibylle

Alß nonn und prieſterinn geht zuͤchtiglich und ſtille

In tempel/ und berufft die Troer dahin ein.

Es war wie eine hoͤhl gehauen aus ein ſtein/

Man kunte dahin faſt von hundert enden kommen/

Man hatte hundert wol der thuͤren war genommen/

So viel bericht/ beſcheid und antwort kommen her

Von der Sibyllen mund mit weßheitreicher lehr.

Sie waren nun dahin zur thuͤr des tempels kommen/

Da ſprach die prieſterin/ als ſie ſie hatt vernommen;

Es iſt nun eben zeit/ daß ihr euch durch den mund/

Und außſpruch Gottes macht eur gluͤck uñ zuſtand kund.

Gott! ſchauet Gott! Als ſie ſo gehling fuͤr der ſchwelle

Mit worten fuhr heraus/ blieb ſie nicht auff der ſtelle/

Und fing zu raſen an/ verkehrt ihr angeſicht/

Auf manche weiſ und art/ hielt eine farbe nicht/

Zerſtreuete das Haar/ und ließ es ſtraubicht hangen/

Der athem kam ihr ſchwer von enger bruſt gegangen

Und keichte fort und fort/ ſchien majeſtaͤtiſcher

Und groͤſſer/ als zuvor in heilger pracht und ehr.

Und
[263]Das Sechſte Buch.
Und da ſie itzt beruͤhrt des geiſtes nahes hauchen/

Schien alles umb ſie her zu brauſen und zu rauchen

Und was ſie redete/ klung nicht nach ſterbligkeit.

Eneas (ſagte ſie) wo laͤſſeſt du die zeit?

Verzeuchſt du dein gebaͤt und opffer abzulegen?

Ehe wird ſich Gottes ſtim̃ in dieſem hauß nicht regen/

Und dieſe hoͤhle wird nicht eher offen ſtehn.

Dꝛauf ſchwieg ſie ſtill und ließ ihꝛ woꝛt nicht weiteꝛ gehn.

Den Troern aber fuͤhr ein ſchrecken in die beine/

Daß ſie erſtarreten von kalter furcht/ wie ſteine;

Und fieng der koͤnig an von innerm hertzens grund

Zu beten: Febe/ dem die noth iſt ſattſam kund

Der armen Troer ſtadt/ der du dir ihre ſchmertzen/

Muͤh/ jammer und beſchwer ſtets lieſeſt gehn zu hertzen/

Der du der Troer pfeil/ den Paris ab-ließ-gehn

Auff den Achill/ den er im Tempel ſahe ſtehn

Gerichtet/ daß er ihm in leib iſt blieben ſtecken/

Ich bin durch dein geleit/ zwar nicht ohn fahr und ſchreckẽ/

Doch gleichwol kommen durch zu waſſer und zu land/

Und iſt mir manches meer und Haven wolbekand;

Ja zu den Mauren auch/ die weit ſind abgelegen/

Und in das land/ da ſich die Syrten ſchrecklich regen.

Itzt reichen wir einmal ans land Italien/

Das immer ſcheinet von uns hinterwerts zugehn.

Bißhieher mag das gluͤck uns wiedrig ſeyn geweſen;

Laſt doch/ ihr Goͤtter nun und Goͤttinnen/ geneſen

Das arme Troer volck/ ſchont ihrer doch nach recht/

Als die ſich uͤberſtrebt bekennen fromm und ſchlecht.

R 4Hat
[264]Das Sechſte Buch.
Hat ſich die ſtadt und ſchloß entgegen euch gewehret

Und daß der Troer volck war praͤchtiglich geehret

Durch manchẽ ſtreit und ſieg; So ſeyd doch dran ver-

daß ihre macht uñ pracht im brand uñ aſche ligt. (gnuͤgt/

Und du/ o heilige prophetin/ die/ was kommen

Auff erden kuͤnfftig ſol/ vorher ſchon hat vernommeu

Von himmels vollen geiſt gib/ (denn ich nicht begehr/

Was mir vom himmel nicht verſprochen kommet her)

Daß ſich die Troer doch im Welſchland moͤgen ſetzen

Mit ihrer Goͤtter ſchaar und wieder ſich ergetzen

Nach viel erlittner noth/ als welche hin und her

Vertrieben worden ſind auff manchem wilden meer.

Ich wil dem Feben und Dianen zum exempel

Der ewgen danckgebuͤhr erbauen einen tempel

Von dichtem marmorſtein und ordnen nach gebuͤhr

Ein feſt auff alle jahr zu Febens namens zier.

Sibylla/ dir ſol auch in unſerm reich und lande

Ein tempel ſtehn gebaut/ wenn uns im beſſerm ſtande

Wird ſcheinen das geluͤck; Da wil ich froh und frey

Dein hoch beruͤhmte kunſt und ſchrifften legen bey

Der nach gebornen welt und kuͤnfftigen geſchlechte

Und wil getreue leut erwehlen deine rechte

Zu heben fleißig auf: Doch ſchreibe die geticht

Und hoch geſinnte ſpruͤch auff palmenblaͤtter nicht/

Damit ſie in die lufft die winde nicht zerſtreuen/

Und deine muͤhe dich hernachmals moͤg gereuen.

Laß lieber ſie von dir geſungen klaͤrlich ſeyn.

Mit dieſem hoͤrt er auff und ſtellt ſein reden ein.

Allein
[265]Das Sechſte Buch.
Allein die prieſterin begunte zu ergrimmen

Erfuͤllet von dem geiſt/ und ſchien anitzt zu glimmen

Von angeflammtem ſinn; Sie lag in ihrer hoͤhl

Und muͤhte ſich/ ob ſie koͤnt ſtoſſen aus die ſeel

In offne prophecey. Sie wuͤtet/ tobt und brauſet/

Daß einem/ der ſie ſah/ mit gantzem abſcheu grauſet/

ſie kruͤm̃t und zerrt das maul mit geiffer/ daß es ſchaͤumt/

Und ſiehet ſchrecklich aus/ als ob ihr wachend traͤumt.

Als ſie ihr hertze nun zum außſpruch zwingt und ſchicket/

Da gehn die thuͤren auff/ da keinen man erblicket/

Der ſie beruͤhrt und regt; Da faͤnget ſie ſo an

Zu propheceyen/ daß mans weit vernehmen kan:

O der du endlich biſt erloͤſt aus vielen noͤthen/

Da dich der tod nicht hat vermocht im meer zu toͤdten

(Doch ſtehet dir bevor zulande mehr gefahr)

Die Troer werden noch (entſchlag dich gantz und gar

Der ſorg und kuͤmmernuͤß) in Welſchland angelangen;

Wenn aber/ wie ich ſeh/ ein harter krieg angangen

Und angeflammt wird ſeyn/ und daß der Tyber fluß

Mit manchen tod gebein und blute ſchaͤumen muß/

Da werden ſie mit reu/ ja ſchreyen/ ihr beginnen

Verdammen/ daß ſie ſo tumm haben handeln koͤnnen/

Die fluͤſſe werden dir Simois/ wie auch Xanth

Nicht mangeln/ du wirſt ſehn ein neues Griechenland

Und kriegesheer darzu: Es wird ſich auch da finden

Ein anderer Achill/ der luſt zu uͤberwinden

Traͤgt ſeinen kuͤhnen feind. Er iſt aus keiner eich

Entſprungen/ ſondern auch an ſtam̃ den Goͤttern gleich;

R 5Dar-
[266]Das Sechſte Buch.
Darzu wird Juno friſch ſtets hinter euch her jagen/

Da wirſt du manches volck uͤm̃ ringt von noth und plagẽ

Ja dieſ- und jene ſtadt in Welſchland flehen an/

Damit dir in gefahr werd huͤlff und ſchutz gethan.

Und dieſer kriegesſturm/ der grimmig her wird gehen/

Wird wieder/ wie vorhin/ von einem weib entſtehen

Und frembden ehegemahl: Du aber wiederſteh/

Und dieſem ungeluͤck nicht aus dem wege geh.

Sieg allem boͤſen ob: Dein heil und friedens ſegen

Wird ſich in Griechenland am allererſten regen

Zu deiner huͤlff und ſchutz/ und zwar aus einer ſtadt/

Auff welcher nimmermehr dein hertz geſonnen hat.

So ſprach Sibylla her aus ihres tempels clauſen/

Und propheceyete mit wortgeſchweiff und brauſen/

Davon die klu fft erſcholl/ miſcht dunckle wort mit ein/

Wenn ſie was brachte fuͤr/ das ſchiene wahr zu ſeyn.

Apollo gab ihr zu/ ſie moͤchte propheceyen:

Nun aber lenckt er ſie von ſolchem tollen ſchreyen.

Als ſie nun ihren grimm und raſen abgeſtellt/

Gab ſeine rede drauff der tapffre Troer held:

O Jungfrau/ daß du mir viel ſagſt von muͤh und leiden/

Das mir obhanden ſteh/ und ſey nicht zuvermeiden/

Daſſelb iſt mir nicht neu: Ich bin auch nicht ſo tumm/

Daß mir ein ungeluͤck gantz unvorſehens komm.

Ich hab es alles vor von Helenen vernommen/

Und biu in meinen ſinn demſelben vorgekommen/

Damit ich/ wenn es koͤmmt/ ihm wiederſtehen kan/

Und bleibe nach dem muth der ſieger auf dem plan.

Umb
[267]Das Sechſte Buch.
Umb eines bitt ich nur (dieweil an dieſem orte/

Wie man berichtet mich/ ſol ſeyn der hellenpforte/

Des Plutons koͤnigreich und hoch erhabner ſtuel/

Der finſtre Acheron und ſchwartzer hellen pfuhl)

Daß ich zum vater doch Anchiſen moͤchte gehen/

Und ihn daſelbſt/ was er doch gutes machet/ ſehen;

Zeig mir den weg dahin und mich gerade fuͤhr/

Und oͤffne mir hernach die heilge hellenthuͤr.

Auff dieſen ſchulteru hab ich ihn durch ſpieß und flam̃en/

Die man ſah allerſeits mit wuͤten gehn zuſammen/

Getragen durch den feind;Er iſt durch alle meer

Mit mir gezogen fort/ er litte noth/ beſchwer/

Gefahr und ungeſtuͤmm faſt uͤber ſein vermoͤgen

Und uͤberbliebnen krafft des hohen alters wegen;

Er gab mit bitten auch mir dieſen anbefehl/

Als auff den lippen ihm itzt ſchwebte ſeine ſeel;

Ich moͤchte doch zu dir in deine wohnung gehen

Und ehrerbietiglich deßwegen dich anflehen.

Drumb/ lieber/ laß dir doch des ſohns und vaters ſchmertz

Auf unſeres gebaͤt beruͤhren ſinn und hertz:

Du kanſt ja/ was du wilſt/ zuwege leichtlich bringen/

Und dich durch hindernuͤß und ſchwere ſachen dringen;

Dich hat ja nicht uͤmbſonſt die groſſe Hecate

Der gegend fuͤrgeſetzt/ da wo die ſchwartze ſee

Und hellenfluͤſſe ſind. Es hat ja Orpheus koͤnnen

Sein weib Eurydicen durch froliches beginnen

Und ſuͤſſen harffen klang gewinnen aus der hoͤll/

Es hat ja Pollux auch den bruder von der ſchwell

Der
[268]Das Sechſte Buch.
Der helle koͤnne ziehn/ da einer umb den andern

Bald auf der ſchwartzẽ bahn des todes muͤſſen wandern/

Bald wieder auf den ſteg des ſuͤſſen lebens kam:

Was ſol ich meldung thun von Theſeus/ welcher nahm

Den weg zur hellen hin? Was ſol ich ferner melden

Von groſſem Hercules/ dem außbund aller helden?

Sind ſie vom Goͤtter ſtamm/ bin ich auch von geſchlecht

Des groſſen Jupiters und habe gleiches recht.

Mit ſolchen worten bat Eneas die Sibylle

Feſt haltend den altar/ und hielte ſich gar ſtille;

Drauffließ Sibylle ſich vernehmen ſchlecht und recht:

Eneas/ der du biſt von goͤttlichem geſchlecht;

Es laͤſſet ſich gar leicht hinab zur helle fahren/

Sie ſtehet tag und nacht weit offen allen ſchaaren

Und voͤlckern in gemein: Allein zu ruͤcke gehn/

Und wieder auf der bahn des freyen lebens ſtehn/

Da hat es muͤh und noth. Es ſind derſelben wenig/

Die der gerechte Gott und groſſe himmel koͤnig

Geliebet/ oder die der tapffre tugend-ſinn

Bis an der ſterne ſitz hoch hat erhoben hin.

Die von der Goͤtter zunfft mit gluͤck gezeuͤget worden/

Und auffgenommen ſind in groſſer helden orden/

Die haben das gekunt. Es liget uͤmm und uͤmm

Nichts als nur wald und puſch/ und fleuſt mit ungeſtuͤm̃

Den hellſchen fluß herumb: Wofern dir nun beliebet

Und tragſt ſo groſſe luſt/ zufahren unbetruͤbet

Zwier uͤber ſolchen fluß/ zwier ſehn das ſchwartze reich/

Und achteſt dieſe muͤh gering/ ob ſelbte gleich

Sehr
[269]Das Sechſte Buch.
Sehr groß und wichtig iſt/ und kanſts fuͤr kurtzweil achtẽ

So hoͤr mich erſtlich an/ was man hier zu betrachten

Und fuͤr zunehmen hat. Es ſteht auff einem baum/

Der wegen dicken laub begreifft faſt weiten raum/

Ein guͤldner zweig/ iſt ſchlang/ belaubet ſchoͤn vom golde/

Weil Plutons ehegemahl demſelben ſehr iſt holde/

Iſt er gewidmet ihr/ und dieſen baum bedeckt

Herumb der gantze wald und gleichſam ihn verſteckt

In dunckel-gruͤnem thal doch kan man nicht ehr kom̃en

In tieffen grund der erd/ man habe den genommen

Und abgebrochen vor den gold belaubten aſt

Und zu der reiſ hinab gemachet ſich gefaſt.

Diß edele geſchenck/ daran ſich ſehr ergetzet

Die frau Proſerpina/ hat ſie auch ein geſetzet/

Daß mans ihr bringe dar/ und pfleget fort und fort

Ein andrer guͤldner zweig zu wachſen an dem orth/

Da er gebrochen iſt. Drumb ſuche tieff darinnen/

Und ſieh dich fleißig umb/ daß du ihn moͤgſt gewinnen

Und maͤhlich brechen ab; Deun er gibt leichtlich nach/

Und folget dir gar gern ohn muͤh und ungemach/

So Gott dich haben wil/ an dieſen orth zuziehen:

Wo nicht/ wird keine krafft/ noch eimges bemuͤhen

Gewinnen dieſen zweig. Du kanſt mit keinem keil

Ihn hauen von dem ſtamm noch mit geſpitztem pfeil.

Zu dem iſt noch dein freund Miſenus nicht begraben:

(Ach leider! kanſt du dis ſo gar vergeſſen haben?)

Und verunreiniget die ſchiff und gantzes heer

Mit ſeinem todten leib/ weil ihn noch hat das meer:

In
[270]Das Sechſte Buch.
In dem du hier umb rath der Goͤtter vorſicht frageſt

Und hier an meiner thuͤr bekuͤmmert klagſt und zageſt.

Gib wieder ihn zuvor der erd und ſcharr ihn ein/

Und laß ihn nach gebuͤhr beſtattet ehrlich ſeyn.

Laß zweene ſchwartze ſtier zum opffer ſchlachten abe/

Halt eine ſeelmeſſ ihm zu ehren bey dem grabe:

Dann wirſt du aller erſt die hellſchen fluͤſſe ſehn

Und Plutons reich/ zu dem ſichs ſonſt nicht laͤſſet gehn

Von einem ſterblichen. So viel ſagt ihm Sibylle/

Brach ihren reden ab und ſchwiege wieder ſtille.

Als nun Eneas ſo verweißlichen bericht

Bekam/ gieng er davon mit traurigem geſicht/

Verlaͤßt die felſem hoͤhl/ und wieget mit gedancken

Den außſchlag/ der ihn macht gantz hin und wieder wan-

Weil er ſehr ungewiß und zweifels knoten hat; (cken/

An ſeiner ſeite geht ſein reißgenoß Achat;

Der gehet eben ſo mit traurigen gebaͤrden/

Behafft mit gleicher ſorg und aͤngſtigen beſchwerden;

Sie halten ihr geſpraͤch und reden mancherley

Mit wunderung/ was fuͤr ein freund geſtorben ſey/

Der unbegraben ligt/ wie neulich ſie vernahmen

Aus der prophetin mund. Als ſie an port nun kamen/

Da ſehn ſie/ daß Miſen da liget jaͤmmerlich

Ertruncken in dem meer: Sie muͤſſen beyde ſich

Entſetzen ob den fall/ und klagen ihn verlohren

Als einen tapffern mann von Eolus gebohren/

Dems keiner leichtlich that bevor in ſeiner kunſt/

Der manchem kriegesheer erweckte volle brunſt

Mit
[271]Das Sechſte Buch.
Mit ſeinem helden-ertz zum ritterlichen ſtreite;

Der groſſe Hector ließ ihn nicht von ſeiner ſeite.

Umb Hector war/ Er ſtets/ als ein trompeter zwar/

Doch der auch mit gewehr dem ſeind ſich ſtellte dar.

Als aber ihn Achill/ als ſieger/ bracht umbs leben/

Hat er zum tapffren held Eneas ſich begeben

Nicht in geringerm ſtandt: Als er nun ohn gefehr

Die hohle Muſchel nimmt/ und blaͤſet/ daß das meer

Erſchallet weit und breit/ und fodert durch ſein blaſen

Die meeres Goͤtter aus zum kampff verwegner maſſen/

Da koͤmmet uͤber ihn der Triton eyffers voll/

Und wirfft ihn in das meer (wenn man es glaͤuben ſoll)

Es brauſet maͤnniglich mit groſſem ſchrey- und klagen:

Eneas aber muß das leid am meiſten tragen.

Dcauff thun ſie nach geheyß der heilgen prieſterin

Mit weinen und geſeufftz/ und eilen ohn verziehn;

Sie muͤhn ſich ein altar hoch in die lufft zu fuͤhren

Mit baͤumen und geſtraͤuch/ geſtalt ſich wil gebuͤhren/

Man gehet in den wald/ da lange nichts gefaͤllt/

Von alten baͤumen iſt/ da ſich viel wild noch haͤlt;

Da hewt man hartzbaͤum ab/ da eichen mit den beilen/

Da eſchen/ da ſpalt man die ſtoͤcke mit den keilen/

Da waͤltzt man buͤchenbaͤum von bergen hoch hinab:

Eneas gieng voran und jedem ordnung gab/

Und mahnt zur arbeit ſie/ fuͤhrt gleichẽ zeug und waffen:

Schlaͤgt ſelbſt die hand zu werck/ weñ andre wollẽ gaffen/

Und als er ſieht den wald ſo unermaͤßlich groß/

Bricht er in dieſe wort betruͤbt und wuͤntſchend loß:

O daß
[272]Das Sechſte Buch.
O daß der guͤldne zweig ſich itzo lieſſe blicken

In dieſem groſſen wald! Ach moͤcht es uns geluͤcken!

Dieweil/ Miſen/ von dir die heilge priſterin

Hat alzuwahr geſagt mit unverfalſchtem ſinn.

Stracks kommen aus der hoͤh mit rauſchendem gefteder

Zwo tauben fliegend her und ſetzen ſich danieder

Fuͤr augen dieſes helds ins graß: Eneas kennt

Der mutter boͤgel wol/ iſt froͤlich ſtracks geſinnt?

Und betet inniglich: Ihr taͤublein/ ſo ihr ſpuͤret

Den weg zum guͤldnen zweig/ ey mich doch dahin fuͤhret

Und leitet in den wald durch euren gleichen flug/

Und du/ o mntter/ ſey mir doch zum beyſtand gnug

In zweiffelhafftem ſtand. Nach dieſem bleibt er ſtehen

Und nimmet fleißig wahr/ was man fuͤr zeichen ſehen

An dieſen tauben kan/ und wo ſie fliegen hin/

Wie weit ſich aber ſtreckt der ſcharffen augen ſinn/

So weit auch fliegen ſie: Bald ſetzen ſie ſich nieder

Und gingen in der weyd/ bald ſchwungen ſie ſich wieder

Und flogen weiter fort. Als ſie ſich nun jtzund

Erhoben ferner hin nach des Avernus ſchlund

Und ſchweffel gelben ſee/ ſieht man ſie gleicher maſſen

Sich wieder ſchwingen hoch und wieder nieder laſſen

Zu ſammen auff den banm/ den vor gewuͤntſchten orth/

(Dahin Eneas ſich ohn ſaͤumnuͤß machet fort)

Man ſahe/ wie der glantz des goldes durch das gruͤne

Und durch des baumes zweig außbuͤndig blinckt uñ ſchie-

So pflegt in winterzeit wie gold zu blincken ſchoͤn (ne:

das hartz/ weũ man den baum ſieht wieder gruͤnend ſtehn/

Von
[273]Das Sechſte Buch.
Von dems nicht wird beſaamt/ man ſieht es zaͤhe kleben/

Wie gelben leim und rings des aumes ſtam̃ uͤmgeben:

So war auch die geſtalt der ſchattenreichen eich/

Was dieſen guͤldnen zweig anlangt/ dem hartze gleich.

Es klappert uͤber das das guͤldne blat vom winde/

weñ er durch wald und puſch bließ ſaͤnfftlich und gelinde.

Eneas greifft geſchwind nach ihm und bricht ihn ab

Begierig/ ob er zwar allmaͤhlich ihm nach gab.

Und bringt ihn in das hauß Sibyllens hingetragen.

Immittelſt ſtellen an die Troer-leid und klagen/

Am haven uͤmm Miſen/ thun ſeinem leichnam auch

Den letzen ehrendienſt nach hergebrachten brauch

Wie wol er nichts drum weiß: erſt wird hoch aufgefuͤhret

Ein hauffen holtz/ den ſie rings uͤmm/ wie ſichs gebuͤhret/

Mit todten baͤumen laub beſtecken/ ſetzen auch

Cypreſſen baͤume vor zu meiden ſtanck und rauch.

Sie legen auch darauff zur zierde ſeine waffen.

Theils Troer ſind bemuͤht riſch an die hand zuſchaffen

Die keſſel/ tragen zu das waſſer/ ſetzens an

Das feuer/ waſchen drauff/ wies braͤuchlich iſt gethan/

Den kalten leichnam ab und endlich balſamieren/

Man ſiehet mit geſeufftz das volck groß klagen fuͤhren;

Dann legen ſie den leib auff eine todtenbahr/

Der mit dem thraͤnen Naß genug benetzet war

Und legen oben drauff/ was man noch fandte (leider!)

Den mantel/ den er trug und ſeine rothe kleider/

Theils machen ſich hinzu/ und heben auff die bahr/

Und leiſten dieſen dienſt/ wor zu man traurig war.

SDann
[274]Das Sechſte Buch.
Dann zuͤndeten ſie an den hauffen nach der weiſe

der vorfahrn hinderweꝛts/ gantz fuꝛchtſam ſacht und leiſe;

Es wird der weyrauch anch/ den man ſchafft zu der hand/

Die ſpeiſen/ oͤhl/ gefaͤß/ darinn es war/ verbrandt.

Nach dem die aſche nun gefallen war zuſammen/

Und nunmehr hatten außgebrand die lichten flammen/

Da leſchen ſie das/ was noch uͤbrig war/ mit wein/

Und ſamlen nach gebrauch die aſche wieder ein.

Auch leget Chorineus das uͤbrige gebeine

In einen ehrnen topff und lieſet ſie gar reine

Zuſammen/ daß man ſie zum denckmahl ſetze bey/

Er traͤgt auch waſſer umb/ beſprengt zwier oder drey

Mit einem oͤhlepuſch/ den er ins waſſer tauchet/

die purſch/ uñ darum wurd ein oͤhlzweig hier gebrauchet/

Weil der Minervenbaum bedeutet einigkeit

Und friede: Letzlich da er abgefegt die leut

Und wieder rein gemacht/ ſprach er: Man mag nun

Und bliebe laͤnger nicht an dieſem orte ſtehen: (gehen.

Allein der fromme held ließ einen ſchweren ſtein

Ihm ſetzen und ſein lob zum denckmal hauen ein

Auch ſein gewehr und zeug die trompte mit den riemen

Auff einem hohen berg auff haͤnden nach geziemen.

Und dieſer berg heiſt itzt von dieſem mann Miſen/

Und dieſer nahme wird in ewigkeit beſtehn.

Als dis geſchehen war/ und daß auff ſolche maſſen

Eneas hatte nun den man beſtatten laſſen/

Denckt er an den befehl der weiſen prieſterin/

Und iſt in eil bemuͤht zu thun nach ihrem ſinn

Es
[275]Das Sechſte Buch.
Es war ein hohlendach mit ungeheurem ſchlunde/

Erſchrecklich/ kieſicht/ groß mit tieff geduͤfftem grunde

Und ſchwartzem heilenſee und finſter duͤſtern wald

Verwahrt das fluͤgel-volck/ das durch die luͤffte ſchallt/

Kunt unbeſchaͤdigt nicht daruͤber ſich erſchwingen/

Weil aus dem ſchwefel-pſuhl ſo boͤſe duͤnſte giengen

Und ſtiegen hoch hinauf bis an die ſternen lufft/

Daher nennt ſie der Griech die vogel-leere grufft.

Hier laͤßt Eneas erſt vier ſchwartze farren ſchlachten;

Der prieſter/ welches war hierbey auch zu betrachten/

Geuſt zwiſchẽ hoͤꝛnern ein den wein/ wies bꝛaͤuchlich waꝛ

Und ſchneidet oben ab das dick geborſte haar/

Das legt er in das feur als erſtling/ rufft und thoͤnet/

Damit die hellen-frau werd heilig ausgeſoͤhnet

Die groſſe Hecate/ die alles regt und ſchreckt/

So weit der himmel ſich und hellenreich erſtreckt;

Theils ſetzt die meſſer an/ und faͤnget auf in ſchaalen

Das blut/ ſo warm es iſt zum heilgen opffer mahlen.

Eneas ſelbſt geht dran/ und ſchlachtet beym altar

ein ſchwartzes ſchaaſ und kuh/ die nit mehr fruchtbar war

Sie fiel von einem ſtreich durch ſeines armes ſtaͤrcke;

Er ehret aber doch mit dieſem tapffern wercke

Die mutter/ welche hat gebohrn die ſchwartze ſchaar/

Die nacht/ wie auch die erd/ die ihre ſchweſter war/

Und dann Proſerpinen die koͤnigin der geiſter.

Nicht minder ſtellet er zuletzt dem obermeiſter

Und koͤnig Pluto an ein opffer bey der nacht/

Und ſchaffet/ daß es werd in heiligkeit verbracht.

S 2Er
[276]Das Sechſte Buch.
Er nimmt das eingeweyd der ochſen mit den wammen/

Und legt es auff das feur/ geuſt fett oͤhl in die flammen;

Schau aber/ umb die zeit da Titans guͤldner ſchein

Auff dieſem groſſen rund ſich wieder ſtellet ein;

Da zitterte die erd/ die gruͤnde ſich erregten/

Man ſahe wie der wald und berge ſich bewegten/

Die hunde heuleten/ als Plutons frau kam an

Im finſtern: Darauff heiſt Sibylle auf dem plan

Das volck zuruͤcke gehn und ſchreyet: Aus dem wege/

Was irrdiſch iſt geſinnt! weg weg von dieſem ſtege/

Und tretet von dem wald: Du aber geh heran/

Eneas/ grade fort und laß/ als tapffern mann

Dich ſehn mit bloſſem ſchwerd. Itzt muſtu unmuth toͤdtẽ/

Itzt haſt du kuͤhnen muth und ſteiffes hertz von noͤthen/

Mehr ſagt ſie nicht zu ihm; Und laͤſſet ſich hinab

Vom geiſt erfuͤllet gantz ins offne hoͤhlengrab.

Er geht der fuͤhrerin mit unerſchrocknen ſchritten

Und friſchen fuͤſſen nach: Ich aber muß ſo bitten:

Ihr Goͤtter/ die ihr ſeyd regenten in dem reich

Der ſeelen/ uͤber die ihr herrſcht gerecht und gleich/

Ihr ſchattenbilder ihr/ du klumpe der geſtalten/

Darinn der gantzen welt Ideen ſind enthalten/

Und du/ o hellſcher fluß der Phegethon genand!

Ein ort/ da weit und breit die ſtillſamkeit bekand;

Vergoͤnnet/ daß ich mag erzehlen/ was mir kommen

Zu ohren ſelber iſt/ und was ich hab vernommen/

Sebt mir zu/ eure macht/ den tieff verborgnen grund

Und helliſche geſchicht zu machen andern kund.

Sie
[277]Das Sechſte Buch.
Sie giengen beyd allein bey nacht in finſtrer hoͤhle/

Und kamen endlich hin/ da zwar ſchwebt manche ſeele/

Doch aber ohne leib/ in Plutons wuͤſten reich/

Da es dem mondenſchein beynahe ſahe gleich/

Im fall derſelbe blinckt durch dicke wolckendecken/

Da man ihn ſiehet bald herfuͤr gehn/ bald verſtecken

Sein ſilberklares liecht: Sie giengen durch den wald

Bey dicker nacht/ da ſich laͤßt keinerley geſtalt

Der erden-dinge ſehn: So bald ſie waren kommen

In vorhoff/ hatten da ihr lager eingenommen

In hoͤhlen hin und her die ſchwere traurigkeit/

Der unmuth/ Sorge/ gram und nagend hertzeleid.

Es hielten ſich da auff die bleichen kranckheit ſchaaren/

Das alter und die furcht: Auch da zu finden waren

Der hunger/ welcher offt zum boͤſen reitzet an/

Die armuth/ dero man ſich nicht erfreuen kan

Mit freyer namens-zier/ die ſchreckliche geſtalten/

Der bittre tod und muͤh/ die grimmigen gewalten/

Dann auch der ſuͤſſe ſchlaff/ der mit dem tod verwand/

Die wolluſt-uͤppigkeit/ und eitle lebens tand.

Dagegen uͤber war zu ſehn der krieg und jammer/

Der unholdinnen zunfft und eyſen-grimme kammer/

Der tolle zwyſt und zanck/ die zwytracht/ dero haar

Mit ſchlangẽ uͤmm und uͤmm geflochten ſchrecklich war.

Ein groſſer ruͤſtenbaum mit alten aſt und zweygen

Ließ in der mitten ſich mit dickem laube zeigen;

Die eitlen traumgeſicht/ geſtalt man giebet fuͤr/

Sind ſeßhafft an dem ort und ſchweben uͤmm allhier/

S 3Und
[278]Das Sechſte Buch.
Und iſt kein einig blat/ an welchem ſie nicht hangen/

Und wenn das laub fallt ab/ ſo ſind ſie auch vergangen:

Man ſiehet uͤber das den groſſen pferdeman/

Der manches ungeheur hier haͤlt gebunden an.

Man ſiehet wunderthier von zweyerley geſtalten

Halb menſch und halber fiſch in ihrem kreiß ſich halten;

Da iſt der Briarens/ der hundert haͤnde hat

Der mutter erden ſohn/ den Thetis ſehnlich bat/

Dem Jovi bey zu ſtehn/ hier kroch mit krummen gange

Mit ſchrecklichem geziſch die ungeheure ſchlange

Des Lerniſchen moraſts; Das drey gekoͤpffte thier

Mit flammen aus geruͤſt Chimera war auch hier.

Es waren ebenfalls die drachen grimme frauen

Die Sorgonen/ wie auch Harpyen anzuſchauen/

Die raͤuber-voͤgel ſind/ der dreygeliebte mann

Geryon ließ ſich auch diß orthes ſchauen an.

Hier zuͤckt ſein blanckes ſchwerd Eneas fuͤr entſetzen/

Das ihn kam ploͤtzlich an/ der meinung zu verletzen/

Wer ihn entgegen kaͤm/ und wo ihm haͤtte nicht

Die weiſe frau Sibyll gegeben den bericht/

Daß es ohn leibe nur geſtalt und ſchatten wehren/

Die man durch eyſengrimm nicht koͤnte ſo verſehren;

Sie floͤgen in der lufft herumb gleich wie ein ſchein/

Er haͤtte zorniglich wol doͤrffen ſchlagen drein/

Und in die leere lufft nach den geſpenſten ſtreichen/

Diekeiner/ wer er ſey/ wit waffen kan erreichen

Von dannen kamen ſie zum ſchwefelblauen fluß/

De nman heiſt Acheron/ der truͤbe ſich ergoß

Mit
[279]Das Fuͤnffte Buch
Mit dickẽ wuſt und ſchlam̃ und macht ein groß gebrudel/

Und warff hin allen ſand aus ſeinem tieffen ſtrudel

Bis in Cocytus bach. Der fehrmanu/ Charon/ der

Vom unflat ſtarret und beſchmutzt war hefftig ſehr/

Haͤlt dieſe fluͤß in acht/ iſt ſchrecklich an zu ſehen/

Und ließ den grauen bart gar tieff hinunter gehen

Und wachſen ungekaͤmmt: Die augen flammten ihm/

Sein kleid war ſehr bekleckt/ und hieng zerlapt heruͤm:

Er lenckt den ſchwartzen kahn mit einer ſtang und ruͤhrte

Den grund/ dem ſegel gab er nach und uͤberfuͤhrte

Die ſeelen/ war zwar alt und hatte graue haar/

Gleichwol das alter ihm als Gott gruͤn-kraͤfftig war.

An dieſes ufer kam ein groſſes volck der ſeelen/

Die in den leibern ſich mit kummer noht und quaͤlen

Gehalten hatten auff/ und wurd ein groß gedraͤng

An weib-und mannes volck in ungezehlter meng.

Es waren in der zahl auch helden mit begriffen/

Die knab-und maͤgdelein ohn unteꝛſcheid mit lieffen/

Auch juͤngling/ welche fuͤr der eltern angeſicht

Mit hertzleid buͤßten ein das ſuͤſſe lebens licht/

Da ihnen ſie aus noth den letzten dienſt erwieſen/

Und ſie nach ſitt und brauch zur erde bringen lieſſen.

Wie viel zur herbſteszeit/ wenns erſtlich wieder kalt

Wil werden/ fallen ab der blaͤtter in dem wald/

Ja wie der ſtoͤrche heer mit dickem hauffen ziehen/

Wenn ſie die winterzeit ins warme land zu fliehen

Treibt uͤbers hohe meer: So dick gehaͤuffte ſchaar

Der ſeelen ſtunde hier und betens eiffrig war.

Ein
[280]Das Sechſte Buch.
Ein jeder wil ſich erſt hinuͤber fuͤhren laſſen/

Sie ſtrecken aus die haͤnd und muͤhn ſich hoͤchſter maſſen

us tragender begier zum andern gegenport;

Der ſchiffer nimmt ſie auf/ und fuͤhrt ſie alle fort/

Er zeigt ſich ſtoͤrriſch-boͤß. Die aber unbegraben/

Die treibt er von dem ſtrand/ wil ſie nicht bey ſich haben.

Encas (denn es kam faſt wunderlich ihm fuͤr/

Daß ſo groß auffgelaͤuff erreget wuͤrde hier)

Sag jungfrau (hub er an) was mag doch das bedeuten/

Daß zu dem jammerbach von ſo viel hauffen leuten

Geſchieht ſolch zugelaͤuff. Sols leid ſeyn oder freud?

Umb was bemuͤhen ſich die ſeelen? Was fuͤr ſtreit

Und unterſcheid iſt/ daß ein theil von ufer lauffen/

Die andern ſahren durch den pfuhl mit dicken hauffen?

Drauff gab die prieſterin gar kurtzlich den beſcheid:

Eneas Goͤtter ſohn ohn allem zweiffel-ſtreit/

Du ſiehſt den trauerbach Cocytus vor dir liegen/

Die Goͤtter muͤſſen ſelbſt ſich fuͤrchten zu betriegen

Deſſelben heilge macht durch einen falſchen eyd/

Das volck/ das du dort ſiehſt/ iſt voller duͤrfftigkeit

Und unbegraben noch. Der ſchiffer/ der ſie fuͤhret/

Heißt Charon/ die er fuͤhrt/ ſind/ maſſen ſichs gebuͤhret/

Begraben; Kan auch nicht die ſeelen fahren an/

Wo ſie nicht ſind gebracht zu ihrer ruhebahn

Und daß der leib verſcharrt/ ſie muͤſſen aͤngſtig leben

Wol in die hundert jahr und uͤmb das ufer ſchweben:

Dann nimmt ſie Charon erſt auf ſeine ſchwartze fehr/

Da ſehn ſie nach begier den hellſchen pfuhl und meer.

Eneas
[281]Das Sechſte Buch.
Eneas ſtehet ſtill und wil nicht fuͤrder gehen/

Er waͤgt in ſeinem ſinn viel dings/ kan nicht verſtehen/

Wie diß und jenes ſey: Es geht ihm ſolcher ſtand

Zu hertzen/ weil er iſt ſo jaͤmmerlich bewand.

Er ſieht da gehn betruͤbt/ die noch nicht ſind begraben

Lencaſpin und Oront/ und keine ruhe haben.

Der eine fuͤhrete das ſchiff der Lycier.

Als ſie nun beyde gleich durchs ungeſtuͤmme meer

Von Troja zogen ab/ geſchachs/ daß ſie ergriffe

Ein unvorſehner ſturm und ſie mit mann und ſchiffe

Stuͤrtzt in der fluthen reich. Schau/ da kam eben her

Der ſchiffman Palinur/ den nechſt das wilde meer/

Da er nach Welſchland zog und an der ſternen zinnen

Umb wetter kundigung hub ſein geſicht und ſinnen/

Daß er vom ſchiffe fiel/ verſchlunge grimmiglich:

Als er ihn nun erkand in finſtern/ da er ſich

So traurig trug herein/ hebt er ſo an zu ſagen

Und ſpricht zu erſt ihn an: Ich muß dich itzo fragen/

Mein guter Palinur; Was fuͤr ein Gott hat dich

Geraubet uns/ der du ſo bliebeſt jaͤmmerlich

Im ſaltzbeſchaͤumtẽ meer? Sag an fein rund und offen/

Ich habe dich ja vor auff luͤgen nie betroffen?

Durch dieſen außſpruch hat Apollo meinen ſinn

Geaͤfft/ der doch gab fuͤr/ du wuͤrdeſt kommen hin

Nach welſchland/ und geſund vom meere wieder kommẽ/

Hat die verheiſſung denn ein ſolches end genommen?

Drauff ſaget Palinur: Eneas/ tapffrer held/

Es hat des Febens ſpruch mit nichten dir gefehlt

S 5Viel
[282]Das Sechſte Buch.
Viel minder dich geaͤfft: Gott hat mich in die tieffe

des meers auch nicht geſtuͤrtzt: Als ich ein wenig ſchlieffe/

Verſah ichs/ daß ich fiel und abſtuͤrtzt in die fluth/

Der ich das ſtener doch mit feſter hand und muth

Noch hielt und zohe mit/ es wurde weggeriſſen

Mit gantzer ungeſtuͤmm/ wies kam/ kan ich nicht wiſſen;

Ich muß mich wundern ſelbſt/ wenn ich gedencke dran/

Wies ſo geſchwind geſchehn war mit mir armen mann;

Ich ſchwere bey dem meer/ das ſich nicht lieſſe ſtillen/

Daß ich mich nicht beſorgt ſo wol umb meinentwillen/

Als daß dein ſchiff nicht kaͤm in noͤthen und gefahr/

Dieweil es ſo beraubt des ſteuerruders war.

Und haͤtte leichtlich ſich ein windſturm koͤnnen regen:

Drey naͤcht hat mich der wind auff ungebaͤhnten wegen

Des groſſen meers gefuͤhrt: Ich hab Italien

Den vierdten tag hernach mit gnauer noth geſehn;

Da mich der wellen macht hub hoch empor/ ich kame

Mit ſchwimmen an das land/ und itzt den haven name

In ſichrer meinung ein: Mein kleid ſehr naß vom meer

Macht mir groß hindernuͤß und leidiges beſchwer.

Doch wolt ich klimmen fort und einen felß erreichen/

Daß ich dem wilden meer haͤtt koͤnnen noch entweichen:

Allein ein grauſam volck fuhr wieder mich im grimm

Hielt mich fuͤr ihrem raub und brachte mich ſo uͤmm.

Nun aber wird mein leib getrieben von den winden/

Und kan am ufer noch nicht ſeine ruhe finden;

Drumb ſey gebethen doch durch das ſo fuͤſſe licht/

Das durch den ſternenſitz durch lufft und wolcken bricht:

Ich
[283]Das Sechſte Buch.
Ich bitt durchs vaters huld/ durch deines ſoͤhnleins jugẽd/

Durch hoffnung/ die du ſchoͤpffſt von ſeiner großẽ tugend/

Errette mich aus noth/ in der ich ſtecke hier/

O unbeſiegter held! o tugend ſchild und zier!

Kan aber diß nicht ſeyn/ ſo laß mich dieſes haben/

Daß du wollſt meinen leib verſcharren und begraben

(Denn dieſes ſteht bey dir) und frage nach dem ort/

Da wo mein leib noch ligt an dem Velinſchen port.

Wofern du aber auch nicht kanſt darzu gelangen/

So beut mir armen doch/ der ich mit noth befangen/

Sonſt deine huͤlff und hand/ und fuͤhr mich uͤbern bach/

Damit ich meine ruh im tod ohn ungemach

An dieſem orte hab. Drauff gab ihm die Sibylle

Antwortlich den beſcheid: Ach Palinur/ nur ſtille

Mit dieſem! wannenher koͤmmt dieſe grimme gier

In deinen ſinn? Soltu wol koͤnnen wuͤntſchen dir

Zu ſehn den hellſchen pfuhl/ den fluß der unholdinnen/

Ohn welchen niemand kan was greulichers erſinnen?

Der du noch deinen leib muſt ſchnoͤde ligen ſehn/

Wollſt du an jenem bach ſo leichtlich uͤbergehn?

Das goͤttliche geſchick laͤßt ſich von keinem bergen;

Drumb dencke/ daß du ſolſt hier lieber ſtille ſchweigen;

Und faſſe dieſen troſt in deinem ungluͤckſtand/

Daß noch das nachbarvolck dir treue huld und hand

Wird bieten; Welche durch die groſſe wunderzeichen

Bewogen werden wol noch laſſen ſich erweichen

Und bringen deinen leib gebuͤhrlich zu der ruh/

Sie werden uͤber das ein grabmahl legen zu/

Und
[284]Das Sechſte Buch.
Und dis begaͤngnuͤß-feſt hoch feyerlich begehen/

Und wird an ſelbten ort dein nahm und ruhm beſtehen

Zu aller zeiten zeit/ daß auch das gantze land

Durch deinen namen wird geruͤhmt ſeyn und genand.

Durch dieſe rede wird enthoben ſein gemuͤthe

Von ſorgen/ und der ſchmertz ließ etwas von der wuͤte

In ſeinem Hertzen nach: Er freut ſich/ daß das land

Mit ſeinem namen ſol in kuͤnfftig ſein genand.

Sie gehen nachmals fort/ geſtalt ſie angefangen/

Und nahen ſich zum fluß; Da kommt auf ſie gegangen

Der ſchiffman/ als er ſie ſchon hatte vor geſehn

Durchs ſtille wald-gepuͤſch hin zu den ufer gehn;

Du magſt ſeyn wer du wilſt (faͤngt er erſt an zu reden

Und ſchilt ſtracks zorniglich) der du uns zu bevehden

Gewapnet kommſt hieher zu unſerm hellenfluß;

Ich moͤchte wiſſen gern/ was dich her treiben muß.

Sag an/ was iſt dein thun/ was haſt du hier zu ſchaffen/

Worzu iſt angeſehn dis ſcharff gewehr und waffen?

Flugs packe dich zuruͤck! Hier iſt der ſeelen ſitz

Des ſchlaffs und ſtillẽ nacht: Du biſt allhier nichts nuͤtz;

Ich darff ja niemand/ der noch lebet/ uͤberfuͤhren/

Es wil ſich gantz und gar nicht ſchicken noch gebuͤhren;

Ich nam Alciden mit und jenes frembdes paar/

Den Theſeus und Pirith/ das mir doch leide war/

Ob diß Gedritte zwar von goͤttlichem gebluͤte

Gezeuget war und trug ein tapfferes gemuͤthe/

Das ſich nicht zwingen laͤßt. Den jener kam und kunt

Mit ketten binden an den dreygeſchnautzten hund/

Der
[285]Das Sechſte Buch.
Der vor der hellen ligt: Der lieff mit groſſem ſchrecken

Zu ſeinem koͤnig hin: Alcides kunt ihn trecken

Und baͤnde legen an: Der Theſeus und Pirith

Erkuͤhnten ſich die frau Plutons zu nehmen mit.

Sibylla gabe kurtz darauff die gegenſage:

Du darffſt/ o Charon/ nicht deswegen fuͤhren klage/

Es ſtellt dir keiner hier auff ſolche weiſe nach/

Beſorge dich nur nicht: Es wird kein ungemach

Noch ſchaden bringen dir: Du haſt dich fuͤr die waffen

Zu fuͤrchten nicht/ ob ſchon der hellen-hund mit blaffen

Nicht hoͤret auf und ſtets erſchreckt der ſeelen ſchaar/

Als die ſich immer zu beſorgen der gefahr/

Ob ſchon die keuſche frau Proſerpina verwahret

Des vetters hellen-bnrg: Encas ungeſparet/

Was er an muth vermag/ der fromm und tapffre mann

Kommt in die hoͤlle her zu ſeinem vater an.

So du die froͤmmigkeit/ die ihm iſt angelegen

Mit hohem ehren glantz/ dich laͤſſeſt nicht bewegen/

Erkenne doch den zweig (den er zoch unterm kleid

Herfuͤr) alßbald hierauff legt ſich ſein zornig leid.

Nichts mehr ſetzt ſie hinzu: Er muß hoch heilger maſſen

Sich aus verwunderung des zweigs einnehmen laſſen

Des herrlichen geſchencks/ das Gottes ewger rath

Als ſonderlichs gewaͤchs vorher verordnet hat/

Das er erſt lange zeit hernach bekam zu ſehen.

Was ſol er weiter thun? Er laͤſts alſo geſchehen/

Faͤhrt nach den ufer zu mit ſeinem ſchwartzen kahn/

Und wil den frembden gaſt gar willig nehmen an/

Dann
[286]Das Sechſte Buch.
Dann geht er einen ort demſelben aus zu wehlen/

Und ſtoͤßt von baͤncken weg viel andre ſchlechte ſeelen/

Macht in den gaͤngẽ raum/ und nim̃t den groſſen mann

Den tapffern Troer held zu ſetzen uͤber/ an.

Da wil der hohle balck fuͤr ſchwere faſt nicht halten/

Schoͤpfft waſſer hauffen weiſ/ dieweil er iſt voll ſpalten/

Doch endlich bringt er die prieſterin und mann

Ohn bruch in dickem ſchlamm und ſchilff beim ufer an.

Der hellenhund faͤngt an mit dreygeſchnautztem rachen

Ein ſchreckliches gebell/ das weit erſchallt/ zu machen

Und liget ungeheur im weg und an dem loch/

Als nun Sibylle ſieht/ daß er den halß hebt hoch/

Der voller ſchlangen ſtarrt/ wil ſie ihr heil verſuchen

Und wirfft ihm ſtuͤcklein fuͤr von honig ſuͤſſem kuchen/

Thut drunter ſpecerey/ auff daß er ſchlaffe feſt:

Er/ der ſchon raſend war von hungers wuͤt und beſt/

Sperrt ſeinen rachen auf und ſchnappet nach den ſtuͤckẽ/

Die man ihm warffe fuͤr; Legt ſich drauff auff dem ruͤckẽ

Und ſtreckt ſich auff die erd die laͤnge lang fuͤrs loch/

Eneas ging voran/ dieweil der hund ſchlieff noch/

Er koͤmmt ans ufer hin/ da wo kein wiederkehren

Noch wieder kommen iſt: Es laſſen ſich ſtracks hoͤren

Der ſtimmen mancherley/ und wo man gehet ein/

Da winſeln jaͤmmerlich der kinder ſeelelein;

Die von der erſten milch der grimme tod geriſſen/

Und die des ſuͤſſen lichts des lebens ſo ſeyn muͤſſen

Beraubet vor der zeit. Bey dieſen ſahe man

Gerechte ſeelen ſtehn/ die faͤlſchlich waren an-

Ge-
[287]Das Sechſte Buch.
Geklagt und ohne recht zum tod verdammet worden/

Auch anderer geſtalt durch frevelthat und morden

Entleibet jaͤmmerlich: Denn dieſer ort iſt nicht

Beſtellet ohn verhoͤr/ ohn beyſtimm und gericht.

Der richter Minos pflegt die ſeelen zuverhoͤren/

Und laͤßt ſich nicht durch gunſt noch neid uñ haß bethoͤrẽ/

Die ſtimmen ſamlet er/ die auffgezeichnet ſind/

Darauff ſich auch die ſchaar der ſeelen haͤuffig find

Auff Ladung vor gericht; Da fraget er ſcharff und eben/

Wie jeder hat gefuͤhrt ſein thun/ gewerb und leben/

Und uͤberleget gnau begangne miſſethat/

Erwegt das urtheil drauff mit reiffem ſinn und rath.

Nechſt dieſen iſt der ort der hoch betruͤbten ſeelen/

Die ſich mit bangigkeit und ſtetten aͤngſten quaͤlen/

Und darumb ihnen auch aus blinden trieb und wahn

Auch lebens uͤberdruß den tod ſelbſt angethan/

Als daß ſie wollen hier in dem gemeinen leben

In armuth/ duͤrfftigkeit/ in noth und kummer ſchweben.

Nun ſtehet ihnen vor der ewge rath und ſchluß

Der Goͤtter/ daß daſelbſt ein jeder bleiben muß

Und kan von dieſem pfuhl nicht wieder ruͤckwerts kehren.

Der Styx/ der neunmal laͤufft darzwiſchen/ eilt zuwehrẽ

Den ſeelen dieſen paß. Nicht weit davon ſah man

Die trauerfelder ſtehn/ wie man ſie nennen kan.

Hier lag geſondert ab auff den gemeinen ſtegen

Herumb den Myrthen wald/ die groſſer liebe wegen

An gliedern abgezehrt ihr leben endeten/

Und kunt die liebe doch in tode nicht vergehn;

Sie
[288]Das Sechſte Buch.
Sie lieben ſich noch hier: Eneas ſieht in gleichen

Die Phoedram/ Procrin und die Eryphylen ſchleichen

Mit hoch betruͤbtem ſinn: Die zeiget ihm die leich

Und wunden ihres ſohns/ der dem Oreſtes gleich

Die mutter ſchluge tod und greulich ſich befleckte/

Den auch ſein raſen muth/ wie jenen/ toͤdtlich ſchreckte/

Und umb das leben bracht/ er ſieht Paſtphaen

Und die Evadnen/ auch Laodamien gehn

Bey dieſen in geleit. Hiernebenſt ſieht er wandern

Den Caeneus bey dem wald herumb mit vielen andern/

Der war ein Juͤngeling/ und wurd in eine frau

Verwandelt/ und noch einſt mit groſſer wunder ſchaw

Durch groſſe bitt und wuntſch in einen mann verkehret/

Vom Meergott/ blieb darnach gantz feſt und unverſehret.

Darunter fand ſich auch die Dido/ welche ſich

Entleibet/ und nun erſt nach ſolchen todesſtich

Irrt in dem wald herumb. So bald Eneas koͤmmet

Was naͤher zu ihr hin/ und wer ſie ſey/ vernimmet

In dem er ſie erkennt in dunckeln/ wies pflegt ſeyn/

Wenn durch die wolcke man erblickt des mondenſchein:;

Ließ er das zaͤhren Naß abflieſſen von den wangen/

Und ſprach ſie an mit lieb und hertzlichen verlangen:

Du arme Dido du/ ſo haſt du ſelbſelbſt dich/

Wie mir wurd kund gethan/ entleibet jaͤmmerlich?

Ich habe leider! Schuld an deinem tod und leiche/

O koͤnigin/ ich bin ungern aus deinem reiche

Gezogen/ welches mir von hertzen nun iſt leid/

Daß ich bezeugen kan mit einem theuren eyd.

Allein
[289]Das Sechſte Buch.
Allein die Goͤttliche gewalt hat mich gezwungen/

Und mittelſt ihrer macht genoͤthigt und gedrungen

Zu ziehn an dieſen ort/ der voller ſchlamm und wuſt

Bey dicker finſternuͤß ligt ohne liecht und luſt.

Ich habe deſſen auch mich nicht vermuthen koͤnnen/

Daß meine reiſe dir haͤtt der geſtalt zu ſinnen

Und hertzen ſollen gehn/ daß du in ſolche noth

Soltſt kommen/ und dir ſelbſt an thun den bittern tod.

Halt fuß! fuͤr wen wilſt du dich ſo entziehn zuruͤcke?

Mein zuſpruch ruͤhret her von goͤttlichem geſchicke.

Mit ſolcher ſanfften red bezwung er ihr gemuͤth/

Die ihn ſah ſtoͤrriſch an und unverſoͤhnte wuͤt

In ihren augen trug. Doch kunt er ſie gewinnen/

Daß ſie ließ mildiglich die feuchten zaͤhren rinnen;

Sie ſchlug zur erde hin ihr leidig angeſicht/

Und wolt ihn an zuſehn erkennen wuͤrdig nicht;

Sie bliebe/ was er nur mocht ſagen/ unbeweget/

Nicht anders/ als wenn ſich ein harter felß nicht reget

Wenn er von wellen wird beſtuͤrmet grimmiglich/

Daß alles knallt und kracht. Zuletzt erhub ſie ſich.

Mit grimm in finſtern wald/ da ſie in gleichen ſchmertzen

Fand ihren vorgen mann Sicheus/ der vom hertzen

Sie liebte bruͤnſtiglich. Eneas minder nicht

Beſtuͤrtzt ob dieſen fall in milde zaͤhren bricht

Und folgt ihr weinend nach bejammrend ihre plagen

Ihr leid und ungeluͤck mit bitterhafften klagen:

Hernach geht er des wegs/ den er beſchritten/ fort:

Sie hatten itzt das feld erlanget und den ort/

TDa
[290]Das Sechſte Buch.
Da wo geſondert ab von andern ſchlechten ſchaaren

Der tapffern helden zunfft beyſammen haͤuffig waren;

Da ſtoͤßt ihm Tydeus auf/ da Menalippens ſohn/

Der aus dem kriege hat gebracht ſchoͤn lob davon/

Wie auch die blaſſe ſeel Adraſtens/ auch viel ſchaaren

Der Troer/ die im krieg erbaͤrmlich blieben waren/

Die man hat allbereit beweinet nach gebuͤhr/

Die kamen alleſampt zu ihm betruͤbt herfuͤr.

Als er ſie ſiehet nun in langer reyhe ſtehen/

Muß er von ſeiner bruſt viel ſeufftzer laſſen gehen;

Die ſeelen ſtehn herumb zur recht-und lincken hand.

Eneas ſieht ſie an bejammernd ihren ſtand/

Und hat dran nicht genung ſie einmahl an zu ſehen/

Er ſchoͤpffet ſeine luſt beharrlich da zu ſtehen

Und naͤher gehn hinzu/ zu forſchen eigentlich/

Auff was fuͤr weiſ und art ein jeder haͤtte ſich

An dieſen ort verfuͤgt; Wie er waͤhr dahin kommen/

Und was er fuͤr ein end in jener welt genommen;

Als nun die oberſten und heer der Griechen ſehn

[E]neen in dem glantz der blancken waffen ſtehn

In duͤſtrer dunckelheit/ da werden ſie uͤmgeben

Mit groſſer furcht und angſt/ theils ſich von hinnen hebẽ/

Gleich wie fuͤr weilen ſie mit gantz beſtuͤrtztem ſinn

Die fluͤgel-ſchnelle flucht zum ſchiffen namen hin;

Theils regten ihre ſtimm; Allein ſie blieben ſtecken/

Ihr ſchreien war uͤmbſonſt/ das ſie da zu erwecken

Sich muͤhten hefftiglich. Er gehet weiter fort/

Da ſieht er Priams ſohn Deiphobum ermordt

Und
[291]Das Sechſte Buch.
Und greulich zugericht. Es waren da zuſchauen

Viel wunden an dem kopff/ die ohren abgehauen

Darzu die beyden haͤnd/ und/ das gar ſchaͤndlich war/

So ſahe man die naſ zerſtuͤmmelt gantz und gar/

Er bebte voller furcht/ war voller angſt und ſchrecken/

Und wolte ſorgſamlich den ſchaden gerne decken.

Eneas ſpricht ihm zu/ und redet ihn ſo an;

Daß er ihn an der ſprach/ und rede kennen kan.

Deiphobe/ o held/ der du mit gluͤck und rechte

Fuͤhrſt von den Troern her dein ankunfft und geſchlechte/

Wer hat ſein grauſam hertz an dir ſo aus geuͤbt/

Wer hat dich ſo zerhackt/ verwundet und betruͤbt?

Als itzt die letzte nacht zu Troja war gekommen/

Da hab ich durchs geruͤcht/ das laut erſcholl/ vernommẽ/

Du waͤreſt endlich auch/ als du mit groſſer ſchlacht

Die Griechen hier und da zerſtreut und uͤmgebracht/

Gefallen uͤberhin auff der erſchlagnen hauffen

Nach lang gewehretem gefechte/ mord und rauffen/

Da hab ich dir geſetzt ein leeres grab und ſtein

Am Raͤetiſchen geſtad/ das ſolt ein denckmal ſeyn.

Ich habe dreymahl auch an deines grabes hoͤhle

Mit uͤberlauter ſtimm geruffen deine ſeele;

Dein name/ ſchild und helm ſteht da geleget bey/

Damit es deines ruhms ein ſtetes denckmal ſey.

Dein leib/ o werther freund/ hat mir nicht moͤgen werdẽ/

Daß ich ihn haͤtte bracht gebuͤhrlich zu der erden

In deinem vaterland: Drauff ſagt Deiphobus:

Eneas/ werther freund/ des treu ich ruͤhmen muß/

T 2Dn
[292]Das Sechſte Buch.
Du haſt es alles wol beſtellt/ nichts unterlaſſen

Und meinem geiſt bezeigt ſein ehr gebuͤhrter maſſen;

Allein der goͤtter ſchluß und unbefugte ſtuͤck

Der Helenen zoch mich in dieſes ungeluck.

Dieſelb hat hinter ſich gelaſſen dieſe zeichen/

Wie man geſehen hat an meiner blaſſen leichen.

Denu wie die letzte nacht den Troern kam herbey

Acht ich dafuͤr/ daß es dir unentfallen ſey/

Wie wir dieſelbige in froͤligkeit verbrachten/

Die falſch und nichtig war/ da ſich die feinde machten

Mit hauffen aus dem pferd/ das unß als grimme peſt

Zum untergang der ſtadt verſehen iſt geweſt.

Die Helene/ die ſich und ihr beginnen ſchmuͤckte/

Als wie ſie ſich zum tantz und reygen luſtig ſchickte/

Fuͤhrt das Trojaner volck und frauen rings heruͤmm/

Und hielt des Bachus feſt mit tollem ungeſtuͤmm/

Trug eine fackel ſelbſt und lieffe mitten innen/

Steckt ſie den Griechen auf von ſchloſſes hohen zinnen

Und lockte ſie heran; Ich aber/ der ich war

Mit ſorgen abgezehrt uͤmringet mit gefahr/

Begabe mich zur ruh und ließ die augen ſincken

In angenehmen ſchlaff/ der/ wie ich mich ließ duͤncken/

So ſanfft war alß der tod: Da ich mich nun verließ

Auf mein getreues ſchwerd und wolgeſchaͤrfften ſpieß/

Da war das ſchoͤne ſtuͤck mein weib immittelſt kommen:

Und hatte mir mein zeug und waffen weggenommen:

Sie ruffet Menelas den vorgen mann zu ihr

Ins ſchloß/ und oͤffnet ihm den eingang zum loſier/

In
[293]Das Sechſte Buch.
In hoffnung/ dieſes werd er uͤber alle maſſen

Als ſonderbahr geſchenck ihm wol gefallen laſſen/

Und zu ihr wiederumb gewinnen lieb und luſt/

Samb wehr das alte weg und keinem mehr bewuſt.

Was ſol ich ſagen viel von meiner noth und jammer?

Sie uͤberfielen mich mit ſturm in meiner kammer;

Ulyßes war darbey der leichte galgenſtrick/

Aͤls der die fackel trug zu allem bubenſtuͤck:

Ihr Goͤtter/ ſo ich recht euch kan umb rach anſchreien/

So ſtrafft die Griechen doch/ daß andre ſich auch ſcheuen.

Doch lieber! ſag mir auch/ wie biſt du kommen her

Noch lebendig/ kommſt du getrieben von dem meer?

Wie? Kommſt du auff befehl/ und goͤttliches belieben?

Hat dich ein ungluͤcksſturm an dieſen ort getrieben/

Da ſich nicht blicken laͤſt der ſuͤſſe ſonnenſchein

Da alles traurig pflegt und ohne luſt zu ſeyn?

Als ſie nun in geſpraͤch ſo mit ein ander waren/

Da koͤmmt die morgenroͤth am himmel hergefahren/

Und haͤtten doͤrffen wol die liebe lange zeit

Verbringen dergeſtalt durch plauderhafftigkeit.

Allein Sibylle mahnt Eneen abzulaſſen

Als ſein geferth/ und red ihm zu auf dieſe maſſen:

Die nacht verſtreicht und wir verbringen zeit und weil

Mit eitelem geſchwaͤtz/ mit klagen und geheul:

Hier iſt der ort/ da wo ſich theilen zweene wege/

Zur groſſen Plutons burg geht man auf rechtem ſtege/

Hiedurch gelangen wir ins Elyſeer feld/

Da ſich der frommen ſchaar mit freuden auffenthaͤlt.

T 3Allein
[294]Das Sechſte Buch.
Allein der lincke weg fuͤhrt zu der hellen fluͤſſen/

Da ſchwere ſtraff und pein die boͤſen leiden muͤſſen

Fuͤr ihre miſſethat. Ach groſſe prieſterin

(Sagt drauff Deiphobus) entzuͤnde deinen ſinn

Doch nicht mit ſolchem grim̃. Ich wil von hinnẽ weichẽ/

Und wieder in die zahl der armen ſeelen ſchleichen

Zur ſinſtern hellenburg. O heldenſchmuck und zier/

Gehabe dich nun wol nach hertzlicher begier

Mit beſſerm gluͤck als ich. Als er ſo viel geſprochen/

Iſt er von ſtunden an zuruͤcke weg gekrochen:

Eneas ſieht ſich uͤmm und auff dem lincken pfad

Beim felſen ſiehet er gar eine weite ſtadt;

Die rings uͤmgeben war mit dreyfach dicken mauren/

Die wieder allen ſturm der wellen kunten tauren/

Der ſchnelle Phlegethon/ ein grimmer hellen-ſtrom

Fleuſt mit beflammter fluth dieſelbige herumb;

Und wirffet ſchwere ſtein herab mit groſſen krachen/

Das einem moͤchte wol viel furcht und ſchrecken machen.

Hingegen uͤber ligt ein groß und ſtarckes thor/

Da ſeulen von Demant ſtehn praͤchtiglich empor/

Daß weder irrdiſche noch himmliſche gewalten

Dieſelte moͤgen je zerſchellen und zerſpalten.

Man ſiehet einen thurn von eiſen auffgefuͤhrt/

Der mit der ſpitze faſt bis an die wolcken ruͤhrt.

Tiſiphone ſitzt da mit einem kleid uͤmgeben/

Darau man ſehen kan viel blut und eyter kleben;

Die vorthuͤr zu der hoͤll verwahrt ſie tag und nacht/

Und laͤſt ſich finden ſtets in unverdroſſner wacht.

An
[295]Das Sechſte Buch.
An dieſem ort hoͤrt man erbaͤrmlich ſeufftz-und klagen/

Und wie ſo grimmiglich man laͤſt die ſeelen ſchlagen.

Man hoͤret das geraͤuſch von eyſen und metall/

Und wie die ketten man ſchleppt hin und her mit ſchall.

Eneas ſtehet ſtill/ vernimmet/ gantz erſtarret

Wie alles ſchrecklich thoͤnt/ kracht/ rauſchet/ knirſcht und

O jungfrau/ ſage mir/ was hat es fuͤr geſtalt (knarret.

Mit ihrem uͤbelthun und ſuͤndlicher gewalt?

Was muͤſſen ſie fuͤr ſtraff fuͤr ihr verbrechen tragen?

Was hoͤret man fuͤr leid und groſſes jammer ſchlagen?

Drauf gab Sibylla ihm vernuͤufftigen bericht;

O tapffrer Troer fuͤrſt/ es wird verſtattet nicht/

Daß ein gereiſter mann wolt treten auff die ſchwelle/

Viel minder gehen ein in der verdammten hoͤlle;

Denn als mich Hecate geſetzet hatte fuͤr/

Daß ich verwahrete nach tragender gebuͤhr

Den ſchwartzen hellenwald/ hat ſie mir rund und eben

Gezeigt der Goͤtter rath und zu erkennen geben

All urtheil/ recht und ſatz. Dis reich hat Rhadamanth/

das nach dem eyſern recht iſt ſtreng und ſcharff bewand:

Er ſtellet an verhoͤr; Was einer hat verbrochen/

Er ſtrafft und zuͤchtiget und laͤßt nichts ungerochen;

Er zwingt mit folterung zu ſagen/ was man hat

In ſeinem lebenslauff veruͤbt fuͤr boͤſe that;

Die man mit ſchnoͤder luſt und heimblich hat begangen/

Weßwegen man noch nicht die ſtraffe hat empfangen/

Weil man ſein boͤſes thun verſchoben bis zuletzt

Da ihn der bittre tod in angſt und noͤthen ſetzt.

T 4Stracks
[296]Das Sechſte Buch.
Stracks koͤmmt Tiſiphone die raͤcherin und ſchlaͤget

Mit ihrer peitſche drauff/ die ſchlangen/ die ſie traͤget

In lincker hand/ reckt ſie den boͤſen fuͤrs geſicht/

Faͤhrt uͤbermuͤthiglich und hoͤhnſche reden ſpricht.

Rufft die ergrimmte ſchaar/ die ſchwartzen wuͤterinnen/

Die ihre ſchweſtern ſind und auch nichts gutes ſpinnen;

Da wird mit ſchrecklichem geknarr erſt auffgethan

Die pforte/ die man nicht ohn grauſen ſehen kan.

Schau! ſiehſt du nicht/ was da fuͤr boͤſe waͤchter ſitzen

Am eingang? Wie ſie doch die augen laſſen plitzen

Mit dreuen/ zorn und grimm/ und weiter drinnen ſitzt

Ein ungeheure ſchlang mit gifft und zorn erhitzt/

Die hat wol funfftzig koͤpff/ iſt ſcheußlich an zuſehen/

Drauff ſiehet man die hell erſchrecklich offen ſtehen

Die ſtrecket ſich ſo tieff hinunter in die klufft/

Wie hoch man ſehen kan in die geſtirnte lufft.

Hier iſt das rieſen volck/ das uhralt erd-geſchlechte/

Das von dem donnerſtrahl nach thoͤrichtem gefechte

Geſchlagen wurde hin ins tieffe hellen grab;

Die zween Aloider/ die ſtarcken leute hab

Ich auch geſehen hier/ die ſich mit tollem wuͤten

Die blaue himmels burg zu reiſen ab bemuͤhten

Und ſtoſſen von dem reich den groſſen Jupiter:

Ich hab geſehen auch/ wie Salmoneuͤs ſo ſchwer

Und hart gebuͤſſet hat/ da er des Jovis krachen

Und groſſen wetterſturm wolt nach-gar trotzig-machen:

Vier roſſe fuͤhrten ihn durch Griechen land mit pracht/

Warff fackeln unters volck und zog mit frevler macht

In
[297]Das Sechſte Buch.
In Elis groſſe ſtadt mit ſchnoͤdem triumphieren/

Und wolte/ daß man ihn mit Goͤtter ehre zieren

Und heilig halten ſolt: O armer ſtoͤltzeling!

Der ſich in ſeinem ſinn ſolch unerhoͤrte ding

Und thorheit nahme fuͤr: Der ſturm und donnerkrachẽ

Auff einer kupffern bruͤck mit wagen nach-wolt-machen/

Das unnaehthunlich iſt: Allein der Jupiter

Der groſſe Gott/ der thun kan uͤberſchwenglich mehr/

Warff einen ſcharffen keil von wolcken auff ihn nieder/

Daß er zu boden fiel/ und nicht vermochte wieder

Zuſtehen auff: Er warff nicht fackeln nur herab

Noch kienholtz/ das nur rauch und dicke duͤnſte gab.

Man ſah auch Tityum mit unterm hauffen gehen/

Der milden erden ſohn/ des leib man kunte ſehen

Neun huffen landes lang/ wie er geſtrecket lag;

Da kam der grimme geyr/ der legt ihm an viel plag;

In dem er grauſamlich den krummen ſchnabel ſtackte

In ſeine leber ein/ und auf dieſelbe hackte

Gantz unablaͤßiglich/ er ſenckte tieff ſich ein

In ſeine bruſt/ und ließ ihn nimmer ruhig ſeyn.

Die leber/ eingeweyd und hertz/ das er zerpicket/

Waͤchſt jmmer wiederumb und bleibet unzerſtuͤcket/

Der ſchmertz iſt immer neu/ und an deſſelben leid

Sucht der ergrimmte Geyr ſtets ſeine koſt und weyd.

Was ſol ich Ixion und Pirithoen melden/

Wie auch die Lapither die ſonſt beruͤhmten helden/

Doch wie dieſelbten ſich durch grimmen mord und ſtreit

Hernach beflecketen und uͤbten grauſamkeit;

T 5So
[289[298]]Das Sechſte Buch.
So haͤngt/ ſchau! uͤber ſie ein ſchweꝛeꝛ ſtein; man meinet/

Er werde fallen itzt/ wie er nicht anders ſcheinet:

Es funckeln bett und tiſch von klarem gold gemacht/

Die eſſen ſtehn allda mit koͤniglicher pracht;

Darbey ligt aber auch die groͤſte wuͤterinne

Tiſiphone/ die wehrt/ daß keiner was gewinne

Von ſpeiſen/ ſtehet auf/ und reckt die fackel fuͤr/

Flucht greulich/ ſchaͤrffet mehr und mehr die hungeꝛs gieꝛ.

Hier ſind die jenigen/ die unter ſich als bruͤder

Einander waren ſtets gehaͤßig und zuwieder/

So lang ſie lebeten/ und die an eltern ſich

Mit ſchlagen/ mord und raub vergriffen grimmiglich.

Man ſah an dieſem ort die jenigen nicht minder/

Die mit betrug und liſt beruͤckt die ſchirmes kinder.

Die aber ihren ſinn und ſorgen vollen muth

Geleget hatten nur auf ihr erworbnes gut/

Und die den ihrigen gelaſſen nichts dahinden/

Dergleichen leute ſind in groſſer zahl zu finden/

Auch die in ehebruch ergriffen kamen uͤmm/

Und die gezogen nach dem krieg mit rohem grimm/

Die warten auff die ſtraff/ die ihnen iſt gedreuet/

Dafuͤr ſie hatten ſich in wenigſten geſcheuet/

Und ſticken eingeſperrt. Wilſt du berichtet ſeyn/

Was jeder leiden muß fuͤr ſtraffe noth und pein?

Es waltzen manch hinauf ein rundes felſſen-ſtuͤcke/

Und wenns koͤmmt auff den berg/ da faͤllet es zuruͤcke:

Dis waͤhret immer zu: Ein andrer wird ans rad

Gebunden/ laͤufft herumb/ und keine ruhe hat;

Es
[299]Das Sechſte Buch.
Es ſitzet Theſeus da/ und wird wol ewig ſitzen

Der ungluͤckhaffte mann/ der in der hoͤlle ſchwitzen

Und nimmer ſterben muß/ wie auch der Phlegyas/

Der maͤuniglich vermahnt und ſchreyt ohn unterlaß

Mit uͤberlauter ſtimm: Ihr menſchen/ denckt zu lieben

Gerechtigkeit und treu und gutes thun zu uͤben:

Denn wer die Goͤtter hat belegt mit ſchimpff und hohn/

Der muß ergrimmte rach empfahn zu ſeinen lohn.

Der hat ſein vaterland umb ſchnoͤdes gold gegeben

Und einen wuͤterich geſetzet uͤber leben

Und gut der buͤrgerſchafft; Er hat geſetz umb geld

Gemacht/ und wiederumb dieſelben abgeſtellt/

Ein ander iſt mit luſt an ſeine tochter kommen/

Und hat ſie ihm zur ehe verbottner weiſ genommen:

Sie haben alle ſampt erſchrecklich thun geuͤbt/

Und ihre luſt an dem gebuͤſt/ was ſie geliebt/

Haͤtt hundert zungen ich/ und hundert ſtarcke kehlen/

Ein eyſenfeſte ſtimm; Es wuͤrde mir doch fehlen

Die miſſethaten zu erzehlen alleſampt

Und ſtraffen derer/ die zur hoͤlle ſind verdammt.

Als nun die alte nonn des Febus diß geſaget;

Wolan! (ſprach ferner ſie) im fall es dir behaget/

So gehe fort/ und gib der frau Proſerpinen

Den guͤldnen zweig/ damit du ſicher moͤgeſt gehn.

Ich ſeh die mauren ſchon von rieſen aufgebauet/

Wie auch die thoren/ die man gegen uͤberſchauet/

Gar koſtbarlich gewoͤlbt/ wo man die ſchoͤne gab

Und gold-belaubten zweig ſol wieder legen ab.

Mit
[300]Das Sechſte Buch.
Mit dieſem gehen ſie zugleich durch finſtre wege

Und eilen mitten durch auff fuͤrgenomne ſtege/

Und nahen zu der thuͤr. Eneas nimmet ein

Den eingang/ laͤſſet ſich drauff angelegen ſeyn

Zu ſpruͤtzen auf den leib die friſche brunnen quelle/

Dann hefftet er den zweig hoch an die oberſchwelle.

Als dieſes nun verbracht/ und der Proſerpinen

Der zweig gelieffert ein/ geſtalt es war vorſehn/

Da kommen ſie ins land/ das voller freude ſchwebet/

Da wo der ſelgen ſchaar in gruͤnen waͤldern lebet

Mit ſtets beliebter luſt/ mit unbetruͤbter ruh/

Da ſie in freud und wonn ihr leben bringen zu.

Hier legt ſich guͤtiger der himmel auf die felder/

und ſchmuͤckt mit ſchoͤnem licht die laub-begruͤntẽ waͤlder

Hier laͤſſet Titans ſchild erblicken ſeinen ſchein/

Hier ſieht man ziehen auf das heer der ſternelein.

Theils haben ihre luſt mit tantzen und mit ſpringen

Auff ſchoͤn begruͤntem plan/ theils in dem ſande ringen

Und treiben ſpiel und ſchertz; Theil ſtimmen lieder an/

Die nemblich Orpheus ſchoͤn auff ſeiner harpffe kan/

Die ſieben ſeiten hat. Derſelbe kam gegangen

In einem langen kleid und kunte zierlich prangen/

Schlug bald mit fingern drauf/ bald helffenbeinern kiel/

Und trieb mit aller luſt das ſuͤſſe harpffen ſpiel.

Hier ließ ſich Teucer auch der aͤltſte ſtammherr ſehen

Des Troiſchen geſchlechts: Man ſah die helden ſtehen

In ſchoͤner reyhe her/ die weit bey beſſrer zeit

Gebohren und gelebt in gluck und froͤligkeit.

Da
[301]Das Sechſte Buch.
Da war der Ilus und Aſſaracus zu ſchauen/

Wie auch der Dardanus/ der Troens ſtamm zu bauen

Der erſte ſtiffter war: Er ſteht und wundert ſich/

Daß ihr gewehr und zeug ſo liget ſchnoͤdiglich/

Und daß die wagen da ohn ſtreitern ledig ſtehen

Die ſpieſſe ſticken da/ man kan die pferde ſehen/

Wie ſie gantz bloß und loß zu weyden gehn im graß;

Denn die begier/ die man gehabt ohn unterlaß

Zum waffen/ roß und zeug/ da man noch war im leben/

Scheint nach dem tode ſtets den ſeelen an zukleben.

Auf beyden ſeiten ſieht er ſitzen in dem graß/

Viel andre/ da fuͤr ſich ein jeder tranck und aß/

Und dem Apollo ſang ein liedelein zu ehren

In gruͤnem Lorberwald/ da lieb und luſt ſich nehren

Von edelem geruch/ da wo der groſſe fluß

Eridan fleuſt herab in wald mit ſtrengem guß:

Hier war das volck/ das fuͤr das vaterland geſtritten/

Und fuͤr daſſelbige viel wunden hatt gelitten;

Es war auch da zu ſehn der keuſchen prieſter ſchaar/

So lang ein jeder noch in ſeinem leben war:

Wie anch der tichter zunfft/ und die dem Gott zu ehren

Apollo hatten ſich gar trefflich laſſen hoͤren;

Auch die durch lehr und kunſt mit ſteter embſigkeit

Gefuͤhrt und zugebracht die kurtze lebenszeit;

Und endlich/ welche viel durch wolthat ihnen haben

Verpflichtet alſo feſt/ daß ſie derſelben gaben

Gedencken fuͤr und fuͤr. Den allen wird zum preiß

Geſetzet auff das haupt/ ein haub/ als ſchnee/ ſo weiß:

Als
[302]Das Sechſte Buch.
Als ſie nun ſtunden da in einem weiten kreyſe/

Da hub Sibylla an und redt auf ſolche weiſe;

Fuͤr allen ſiehet ſie mit wundrung und begier

Muſaeum/ welcher gieng an ſchoͤner laͤng herfuͤr

Und mittẽ ſtund im volck. Sagt mir doch ohn verheelen/

Die ihr zu gegen ſeyd allhier/ ihr ſelgen ſeelen/

Und du/ o werther mann/ und trefflicher poet/

Wo iſt die gegend doch/ wo iſt der ort und ſtett/

Da ſich Anchiſes haͤlt? Wir ſind anher gekommen

Und ſeinetwegen durch den hellen-fluß geſchwommen:

Derſelben gab der held mit kurtzem ſo bericht:

Es hat kein einiger gewiſſe wohnung nicht/

Wir wohnen alleſampt in ſchattenreichen waͤldern

An ufern/ wieſen und in blumgemahlten feldern.

Steigt (ſo es anders euch beliebt) den huͤgel an/

So wil ich fuͤhren leicht euch auff die rechte bahn

Drauffgieng er vor ſie her und zeigt die ſchoͤnen felder/

Der bunten wieſen ſchmuck/ die matten und die waͤlder/

Hernach verlaſſen ſie des hohen huͤgels zinn:

Anchiſes geht und ſicht mit gnauem fleiß und ſinn

Die in dem gruͤnem thal feſt eingeſchloſſne ſchaaren

Der ſeelen/ welche ſehr des liechts begierig waren/

Und wolten gerne gehn in lichten Goͤtter ſaal/

Er uͤberleget da der ſeinen gantze zahl

Und lieben nachkoͤmling/ und fleißiglich betrachtet

Der leute gluͤck und ſtand/ auff ihre ſitten achtet

Und ſtrenge tapfferkeit/ Als er zu ihm heran

Eneen kommen ſieht auff dem begruͤnten plan/

Da
[303]Das Sechſte Buch.
Da hebt er beyde haͤnd empor mit frohen ſinnen/

Und laͤſſet mildiglich die feuchten zaͤhren rinnen

Und bricht in dieſe wort: So biſt du endlich dann/

O viel geliebter ſohn/ zu uns gekommen an;

Und deine lieb und treu/ zu der ich mich vorſehen

Als vater habe ſtets/ hat alles uͤberſtehen

Was muͤhſam iſt/ vermocht: Kein ſturm/ kein ungeluͤck/

Noch einige gefahr hat deinen fuß zuruͤck

Gezogen: Ich kan nun mein hertze wieder laben

An deinem augenſchein und meine freude haben

An unſerem geſpraͤch: So ſtunde mir mein ſinn/

Daß ich gerichtet war auff die gedancken hin/

Du wuͤrdeſt kommen noch: Ich zehlte zeit und ſtunden/

Und gleichwol hab ich mich gar nicht betrogen funden

In meiner ſorg und wahn. Durch was fuͤr land und meer

Vernehm ich/ o mein ſohn/ daß du biſt mit beſchwer

Getrieben hin und her? Was furcht hab ich getragen/

Du moͤchtſt durch Libyen dich mit groſſem ſchadẽ wagẽ?

Eneas ſaget drauff: Dein ſchatten/ vater/ der

Bey nacht mir offt kam fuͤr und ſah betruͤbet ſehr/

Hat mich genoͤthiget an dieſen ort zu kommen/

Mein ſchiffzeug aber bleibt im meer mir unbenommen

O vater/ reiche mir doch deine liebeshand

Und laß uͤmfangen dich. Nimm an diß treue pfand/

Entzeuch dich meiner nicht. Darauff ließ er viel thraͤnen

Von wangen flieſſen ab mit liebes vollem ſehnen:

Er wolte dreymal ihn umbfangen; Doch umbſonſt/

Dieweil ſein geiſt floh weg/ wie eine leichte dunſt.

Da
[304]Das Sechſte Buch.
Da wird er eines walds im thal immittelſt innen/

Und ſiehet Lethe bach mit lindem ſauſen rinnen;

Umb dieſen ſchwebete ein ungezehlte ſchaar/

Da es nicht anders als auff bunten wieſen war/

Da wo die bienlein ſich in ſchoͤnem fruͤhling ſetzen

Auf manchen blumen zweyg und ihren muth ergetzen/

Da ſie mit groſſer ſchaar uͤmm weiſſe lilien

Sich ſchwingen/ daß man hoͤrt durch weite felder gehn

Das ſummende geraͤuſch: Eneas/ da ers nimmet

Genau in augenſchein/ erſtaunt und ihn ankoͤmmet

Ein ploͤtzlich ſchrecken/ fragt die urſach/ weil er nicht

Von einem jemahls des genommen ein bericht/

Was diß ſey fuͤr ein fluß/ und welche dieſe menge

Der leute/ die ſich ſo mit haͤuffigem gedraͤnge

Ans ufer legten hin? Drauff hub Anchiſes an;

Die ſeelen (ſaget er) die du ſiehſt auff dem plan/

Die nach der Goͤtter ſchluß/ verordnung und befehlen

Mit andern leibern ſich vereinen und vermaͤhlen/

Die ligen hin und her an Lethe bach zerſtreut

Und trincken unbeſorgt des leids vergeſſenheit;

Dieſelben wil ich dir fuͤr augen klaͤrlich zeigen

Und geben unterricht des/ was ſich hier eraͤugen

Zu deinem frommen kan/ damit du deſto mehr

Dich freueſt/ denn du haſt nach vielerley beſchwer

Gefunden Latien. O vater/ ſol man meinen/

Daß in der vorgen welt die ſeelen ſich vereinen

Mit leibern wiederumb/ als der ſo ſchweren bruͤd?

Was treibt die armen doch fuͤr grimmige begierd?

Diß
[305]Das Sechſte Buch.
Diß alles wil ich dir/ mein ſohn/ geziemter maſſen

Erzehlen und dich nicht in zweiffel ſticken laſſen;

Drauff faͤngt Anchiſes an und meldet nach der reyh/

Wie dieſe gantze welt von Gott geſchaffen ſey.

Anfaͤnglich iſt ein geiſt im himmel/ erd und meere

Und in des mondes kreyß und ſonn und ſtrenen heere/

Der alles nehrt und traͤgt/ und durch die gantze welt

Ergeuſt ſich dieſe krafft/ die alls geſchoͤpff beſeelt/

Und wil vermiſchet ſeyn mit dieſem groſſen runde/

Daher der menſch/ das vieh und voͤgel art entſtunde/

Wie auch das ſchuppen heer/ das in dem meere ſchwebt/

Sie haben ſeel und krafft/ dadurch ein jedes lebt;

Ohn das die leiber ſie und irrdiſche gelieder

Durch abgelebte zeit und kranckheit druͤcken nieder/

Deßwegen fuͤhlen ſie furcht/ hoffnung/ freud und leid/

Und koͤnnen ſehen nicht der warheit lauterkeit.

Weil ſie verſchloſſen ſind in finſtrer leibes hoͤhle;

Ja wenn in letztem zug der leib wird von der ſeele

Verlaſſen/ laͤſt doch nicht der angeklebte wuſt

Gantz von der ſeele loß noch alle boͤſe luſt.

Es muß viel unrath noch/ den niemand kunt vertreiben/

Der ſehr veraltet iſt/ dahinden endlich bleiben;

Derhalben werden ſie geuͤbt durch ſtraff und zucht;

Dadurch ſie kommen loß von aller boͤſen ſucht.

Es werden etliche an freye lufft gehencket/

Und etlich in dem grund des tieffen meers geſencket/

Da aller ſuͤnden ſchlamm wird gleichſam abgeſpuͤhlt/

Und nicht mehr ungemach die arme ſeele fuͤhlt.

UEin
[306]Das Sechſte Buch.
Ein andrer wird vom feur gebrennet und gefeget/

Ein jeder findet/ was ihn ſchmertzet/ aͤngſtet/ reget

Und voller unruh macht. Hernach dann werden wir

Gelaſſen in die Aw/ die voller luſt und zier;

Jedoch ſind wenig/ die in ſolche ſchoͤne felder

Gelaſſen werden ein/ und in die freuden-waͤlder/

Auch unſer wenige beſitzen dieſes feld/

Darinne lauter luſt und wonne ſich euthaͤlt.

So lange bis die zeit von Gott geſetzt gekommen/

Und allen unflat hat den ſeelen abgenommen

Und uͤbrig blieben iſt der himmelreine ſinn/

Der ſchlecht und bloß gericht zu ſeinen uhrſprung hin.

Weñ nun in ſolchem ſtand ſind tauſend jahr verlauffen/

So fodert ſie Gott ab zum Lethe bach mit hauffen/

Daß ſie uneingedenck ſich ſehnen wiederumb

Hin in die vorge welt und altes eigenthumb

Und ſchoͤpffen wieder luſt in vorgen leib zu kehren.

Als nun Anchiſes ſich ſo hatte laſſen hoͤren/

Nimmt er den ſohn mit ſich/ wie auch die prieſterin

Und fuͤhrt ſie durch die ſchaar der ſeelen mitten hin/

Da groß geraͤuſche war/ Geplerr und lautes ſchreyen/

Steigt einen huͤgel an/ daß er durch alle reyhen/

Wie ſie ſtehn/ koͤnne ſehn/ und wiſſe/ wer der ſey/

Der etwan hier und dort geht weg/ und koͤmmt herbey.

Wolan! (ſagt er) nun wil ich kuͤrtzlich dir erzehlen/

Wie das Trojaner volck/ die außerleſſnen ſeelen/

Wird hoch beruͤhmet ſeyn/ und was nach Gottes recht

Von Welſchem volcke wird entſtehn fuͤr ein geſchlecht/

Das
[307]Das Sechſte Buch.
Das unſern namen wird mit groſſem ruhm vermehren;

Ich wil hiernebenſt auch dich deines gluͤcks belehren.

Schau! jener juͤngeling/ den du ſiehſt gehen dort

An einer ſtang/ hat in dem wald den erſten ort

Durchs looß/ und wird zu erſt ins leben wieder kom̃en/

Der von dem Welſchẽ ſtam̃ ſein ankunfft hat genom̃en;

Er heiſſet Sylvius/ dein nach gebornes kind/

Von dem der nahm und volck Albaner kommen ſind;

Den wird dir dein gemahl Lavinia gebehren/

Wenn dich das alter wird tieff kruͤmmen und verzehren

Nach lang verwichner zeit/ und wird ihn in dem wald

Als koͤnig aufferziehn/ der auch wird wieder alt

Und zeuͤgen Koͤnige; Dann werden wir regieren

In Alben groſſer ſtadt und gleichen ſcepter fuͤhren;

Dem folget Procas nach der Troer glantz und zier/

Der Capys/ Numitor/ und welcher gleichet dir

Am namen Sylvius Eneas/ auch an tugend

Und tapffrer ſtreitbarkeit in ſeiner zarten jugend

Fuͤrtrefflich und geſchickt: Wenn er erwehnte ſtadt

Beherrſchen ſolte noch mit weiſem ſinn und rath.

Schau dieſe juͤngling an; Was zeigen ſie fuͤr ſtaͤrcke?

Was werden ſie thun dar fuͤr edle tugendwercke?

Sie tragen einen krantz von eichenlaub zur zier/

Weil ſie die buͤrgerſchafft beſchuͤtzet fuͤr und fuͤr.

Dieſelbe werden dir viel ſchoͤne ſtaͤdte bauen/

Die du wirſt praͤchtiglich auff hohen bergen ſchauen;

Da iſt Noment/ Fiden/ da Gabien und dann

Collatien/ das hoch ſteht auff der ehrenbahn/

U 2So
[308]Das Sechſte Buch.
So die gelobte frau Lucretia bereitet

Und bis ans ende hat mit tapffrer zucht beſchreitet:

Sie werden uͤber das Inus/ Pomerien

Und Bolam und Coram zu bauen laſſen gehn

Viel groſſe koſten auff: So wird man ſie dann nennen:

Nun aber ſind ſie noch ohn namen zu erkennen

Und wuͤſte felder nur. Es wird der tapffre held

Der Romulus/ den man kennt durch die gantze welt/

Den mutter Ilia von Troiſchem gebluͤte

Gebehren wird/ beruͤhmt an thaten und gemuͤthe

Zum anherrn Numitor ſich ſchlagen ins geleit;

Schau! wie er zweene puͤſch in voller zierligkeit

Auff ſeinen helme traͤgt. Sein vatet wil ihn heben

Itzt ſchon in ſternen thron und ihm die Gottheit geben.

Schau/ ſohn/ durch Romulus behertzten muth und rath

Wlrd ſich das groſſe Rom/ die weit beruͤhmte ſtadt/

Erſtrecken bis ans end der ungepfaͤhten erden/

Und wird die tugend dann der Roͤmer kundbar werden/

Und wird mit einer maur die ſtadt uͤmgeben ſich/

Die ſieben huͤgel hat und liget praͤchtiglich/

Und ſchauen ihr geluͤck an dieſer ſchoͤnen jugend/

An ſolcher herrligkeit und unerſchrocknen tugend/

Die mit der mutter ſich der Cybele vergleicht/

Die praͤchtig einher faͤhrt und an die thuͤrne reicht/

Erhaben unb gekroͤnt/ hoch herrlich anzuſchauen

In Phrygiſchem gebiet von maͤnnern und von frauen

Erfreuet durch geburt der Goͤtter/ und uͤmfaͤngt

Viel hundert enckelein/ die alleſampt vermengt

Sind
[309]Das Sechſte Buch.
Sind mit den himmliſchen/ die nach dem kurtzen leben

In hoher ſternenburg in ſuͤſſen freuden ſchweben.

Kehr dein geſicht hieher und ſiehe das geſchlecht

Und deine Roͤmer an: Hier ſtehet ſchlecht und recht;

Der Keyſer und der ſtamm der von Juͤl wird kommen/

Und in des Jovis thron wird werden auffgenommen:

Das iſt der man Auguſt/ der Keyſer/ welcher koͤmmt

Von groſſen Goͤttern her und dar ſein ankunfft nimmt.

Der wird in Latien die guͤldne frieden-zeiten

Auffs neue fuͤhren ein nnd ſtillen krieg und ſtreiten

Im lande/ da zuvor Saturnus hat regiert/

Und wird das regiment/ das er gar loͤblich fuͤhrt/

Erſtrrecken in die fern weit uͤber Garamanten

Und Indien: Es ligt ein land/ das von bekandten

Sehr weit entlegen iſt/ faſt auſſer der revier

Des jahres und der ſonn/ wo atlas kuckt herfuͤr/

Der auff den ſchultern traͤg das firmament und ſterne/

Und ſeinen umbfang kan erſtrecken in die ferne.

Die Perſer zittern ſchon/ daß Keyſer Auguſt koͤmmt/

Wie maͤnniglich den ſpruch der goͤtter klar vernimmt.

Auch Scythien erbebt/ und Nilus ſelbſt erſchricket/

Das gantz Egyptenland in trauernoͤthen ſticket/

Wenns den Auguſtum ſieht/ den wunder-groſſen held/

Der unter ſein gebiet wird zwingen alle welt.

Es iſt auch Hercul nicht ſo weit herumb gezogen/

Ob er gleich hat erlegt mit ſeinem pfeil und bogen

Den ſchnellgefuͤſſten hirſch/ wie auch das wilde ſchwein

In Erymanthen wald: Ja was noch mehr mag ſeyn/

U 3Die
[310]Das Sechſte Buch.
Die ſchlang in Lerna pfuhl geſchrecket und erſtochen:

Es iſt auch Bacchus nicht ſo weit herumb gekrochen/

Der weit und breit herumb auff ſeinem wagen faͤhrt/

Und wie man pflantzen ſol den wein/ die leute lehrt/

Auch ſchnelle Tyger treibt von Niſens wuͤſten hoͤhen

Und koͤnnen wir annoch in ſchnoͤdem zweifel ſtehen/

Ob man ſol auff dem pfad der tugend gehn herein?

Sol oder kan der fuͤrſt ſo ſtarck und maͤchtig ſeyn/

Daß ſie von Latien dich wollen koͤnnen beugen?

Schau aber/ wer iſt der/ der dort mit oͤhlezweigen

Gekroͤnt das heilge traͤgt? Ich kenn ihn an dem haar

Und grauen bart/ daß er der Numa ſey fuͤtwahr/

Der erſt Rom bringen wird durch ſatzungen zum ſtande/

Der in ein groſſes reich aus einem andern lande

Und Cures kleiner ſtadt geſchicket worden iſt/

An deſſen ſtelle wird mit groſſer macht und liſt

Der Tullus kommen an/ der wird des landes friede

Und ruhe kehren uͤmm/ und ſein volck/ das faſt muͤde

Und traͤg zum waffen iſt/ zum kriege reitzen an/

Das faſt entwehnet iſt/ und nicht mehr ſtegen kan.

Auff dieſen koͤmmt hernach der Ancus groß von ruͤhmen

Und hochgeſinnter pracht mehr als ihm kunte ziemen/

Der nunmehr auch zu ſehr dem poͤbel haͤnget an/

Und deſſen eitler Gunſt und rauchs ſich freuen kan.

Wilſt du die koͤnige Tarqvinios auch ſehen/

Und wies der ſtoltzen ſeel des Bruti mag ergehen/

der unter ſchnoͤdem ſchein der ſreyheit nam das ſchwerdt/

Und wolte ſchuͤtzen ſo geſetz/ altar und herd?

Be-
[311]Das Sechſte Buch
Begehrſt du auch zu ſehn die Buͤrgermeiſter wuͤrde/

Die er hat wiederumb erlangt mit ſchwerer buͤrde?

Das buͤrgermeiſter ampt wird dieſer erſt empfahn/

Wie auch das grimme beil und ruthen nehmen an.

Er wird die Kinder auch der nngluͤckhaffte vater/

Der fuͤr die freyheit iſt ein allzuſcharffer rather/

Zur ſteaffe ziehen her/ weil ſie den frieden-ſtand

Durch neuen krieg und ſtreit verkehrt und uͤmbgewand.

Die nach-geborne welt mag/ was ſie wil/ nur ſagen

Und dieſe ſtrenge that verkleinerlich außtragen;

Die liebe/ die er traͤgt zum vaterlande/ ſiegt/

Wie auch die groſſe brunſt des lobes ihn vergnuͤgt.

Schau auch die Decier und dort die Druſen ſtehen/

Desgleichen den Torquat/ der grimmig au zu ſehen

Des Fallbeils halben iſt. Camill/ der aus der ſchlacht

Sein tapffres kriegesvolck ohn ſchaden hat gebracht/

Iſt auch zu finden da: Die aber herrlich ziehen

In gleicher ruͤſtung her/ und die man ſiehet bluͤhen

In gutem friede nun/ weil ſie die nacht noch haͤlt

An dieſem ort/ und noch nicht ſind in jener welt;

Wie werden leider! ſie einander uͤberziehen

Mit gantzer heeresmacht und eiffrig ſich bemuͤhen

Den andern leid zu thun; Wenn dieſer wald und feld

Sie von ſich laſſen wird ins leben jener welt.

was ſchlachtẽ werdẽ ſie veruͤbẽ/ was fuͤr wuͤrgẽ?
Jul. Cæſ.

der ſchwaͤher koͤm̃t herab von Alpiſchen gebirgẽ

Und aus Ligurien: Der Eydam faͤhret her
Pompeins

Aus Aſien und ſtellt ſich wieder ihn zur wehr.

U 4Ach
[312]Das Sechſte Buch.
Ach/ kinder/ ſtehet ab von buͤrgerlichen waffen/

Und dencket fried und ruh mit gantzem ernſt zuſchaffen:

Stoſſt nicht ſelbſt euer ſchwerd in euer eingeweyd/

Und macht euch ſelber nicht beſchwer und hertzeleid.

Du erſter/ ſchone doch ſelbſt deiner/ der du fuͤhreſt

Vom himmel dein geſchlecht/ verſchaffe/ daß du ziereſt

Noch ſchoͤner deinen ruhm der guͤt und mildigkeit/

Leg nur die waffen hin und meide krieg und ſtreit/

Schau! dort ſteht Mum̃ius/ der wird Corinth bekriegẽ/

Und uͤber dieſe ſtadt mit groſſem anſehn ſiegen/

Und wird ſich machen groß durch außgetilgte macht/

Der Griechẽ/ und nach Rom ziehn mit beruͤhmter pracht.

die haupſtadt Argos wird der Roͤmer Paulus ſchleiffen

Auch Agamemnons ſtadt Mycenen ſtarck angreiffen!

Und gaͤntzlich tilgen aus auch Pyrrhen greiffen an/

Achillens tapffern ſohn/ und ſchlagen von dem plan.

Da er ſein Ahnen wird nicht laſſen ungerochen/

Weil er ſich noch beſinnt/ wie glaub und treu gebrochen

Von tollen Griechen war/ die der Minerven bild

Und tempel haben durch und durch mit blut erfuͤllt.

Wer ſol von deinem lob/ o groſſer Cato/ ſchweigen?

Wer ſol/ o Coſſe/ nicht dein hohe thaten zeigen?

Wer kan des Gracchi ſtamm/ das paar Seipiaden

Die tapffern helden wol ſtillſchweigend uͤbergehn?

Die maͤchtiglich zerſtoͤrt die ſtadt Carthago haben;

Wer kan Fabritium und deſſen hohe gaben

Zu melden tragen ſcheu/ der ohne glantz und pracht

Bey ſchlechtem haab und gut ſein anſchn groß gemacht?

Wer
[313]Das Sechſte Buch.
Wer mag/ Serrane/ nicht gedencken deiner tugend/

Der du zwar haſt beſtellt vom aufang deiner jugend

Den pflug und ackerwerck/ doch von der gantzen ſtadt

Der herrſcherin der welt gezogen biſt in rath?

Wo ziehet ihr mich hin/ der ich bin matt und muͤde/

Ihr edlen Fabier? Du/ groſſer/ haſt uns friede

Geſchaffet wiederumb. Du biſt der einge man/

Der durch verzuͤgerung alls wiederbringen kan.

Es werden andere die kunſt in ertz zugraben

Außuͤben artiglich und die gemuͤther laben;

Es werden ander auch in blanckem Marmorſtein

Geſtalten mancher art lebhafftig hauen ein.

Es werden finden ſich/ die ſchoͤn von krieg und vheden

Von recht und billigkeit und wolſtand koͤnnen reden/

Auch die des himmelslauff und ſternenkunſt verſtehn/

Wenn diß und jens geſtirn pflegt auff und ab-zu-gehn.

Du aber/ Roͤmer/ denck die voͤlcker zu regieren

(Diß ſol ſeyn deine kunſt/ die dich wird ſchoͤner zieren)

Und halte ſteiff darob/ daß friede geh in ſchwang

Und fuͤhre maͤnniglich ſein thun ohn zwang und drang;

Die dir gehorſam ſind und willig ſich ergeben/

Die ſol du guͤtiglich erhalten bey dem leben;

Die aber ſtoltzes muths ſich ſperren wieder dich/

Mit denen magſt du wol verfahren ſtrengiglich.

So ſagt Anchiſes zwar; Und da ſie dieſe ſachen

Erzehlter maſſen ſich groß wunder lieſſen machen/

Setzt er noch dis hinzu. Sich doch und nimm in acht/

Wie der Marcell zeucht her mit herrlich groſſer pracht

U 5Und
[314]Das Sechſte Buch.
Und ſchoͤnem raub/ den er dem feind hat abgejaget/

Schau! als ein ſiegesherr er uͤber alle raget

Und gehet ihnen vor an ſtaͤrcke ruhm und ehr;

Der wird mit ſeinem zeug und roß der Poener heer

Und freveln Gallier/ die immer wider ſtreiten/

Erlegen ritterlich/ und ſeinen namen breiten

Auf gantzem weltkreyß aus: Wird Rom ſein vaterland

Verſetzen wiederumb in alten friedenſtand/

Und endlich Romulo dem vater zum exempel/

Auffhengen allen raub zum dritteumal im tempel.

Drauff ſagt Eneas (denn er ſah/ daß neben her

Ein ſchoͤner juͤngeling mit blanckem zeug und wehr

Gleng/ doch mit truͤber ſtirn und traurigen geberden/

Und der ſein angeſicht ſchlug immer zu der erden)

O vater/ wer iſt der/ der bey dem mann geht her/

Der ſo gewapnet iſt und ſcheinet traurig ſehr?

vielleicht mags ſeyn ſein ſohn? Iſts einer von nachkom̃en/

Die von dem groſſen ſtamm ihr ankunfft her genom̃en?

Was jauchtzendes geraͤuſch erhebt ſich beym geleit?

Wie koͤmmt er ihm ſo bey/ mit was fuͤr aͤhnligkeit?

Doch aber iſt ſein haupt mit ſchwartzer nacht uͤmgeben/

Und ſcheint in kuͤmmernuͤß und traurigkeit zuſchweben.

Drauff fieng der vater an und lieſſe mildiglich

Die zehren flieſſen ab: O ſohn/ bekuͤmmre dich

Mit nichten uͤmb dem gram und traurigkeit der deinen/

Darob ich ſelber muß mit bitterm ſchmertzen weinen.

Gott wird den juͤngeling nur zeigen dieſer welt

Und laͤnger goͤnnen nicht. Wenn laͤnger dieſer held

Haͤtt
[315]Das Sechſte Buch.
Haͤtt ſollen ſeyn alhier/ ſo wuͤrde Rom euch deuchten/

Ihr Goͤtter/ gar zu groß und in die augen leuchten.

Mit was fuͤr ſeufftzen wird das voͤlcklein von dem feld

Bis in des Martis ſtadt begleiten dieſen held?

Was wirſt du/ Tyberſtrom/ fuͤr eine leiche ſehen?

Wie wirſt du gantz beſtuͤrtzt mit deinen fluten ſtehen/

Wenn du wirſt flieſſen hin bey dem noch neuen grab?

Es wird von Troer volck auch nicht ein einger knab

Den Roͤmſchen eltern ſo beruͤhmte hoffnung bringen/

Noch ſo nach ehr und ruhm mit vollem eyffer ringen/

Es wird ſich Rom auch nicht erheben koͤnnen ſo/

Noch eines ſaͤugelings inkuͤnfftig werden froh.

Die froͤmmigkeit iſt hin/ die alte treu und tugend/

Die er erwieſe bald in ſeiner zarten jugend

Mit unverzagtem muth und tapffrer kriegeshand:

Es dorffte keiner ihm thun kuͤhnlich widerſtand

Ohn ſtoͤſſen/ beydes wenn er ſich zu fuſſe ſchluge/

Und wenn er ſich zu roß gebrauchen ließ im zuge.

O armer juͤngeling/ wenn du des todes netz

Doch koͤnteſt reiſſen durch und brechen das geſetz

Der fruͤhen ſterbens noth? Du biſt Marcell geheiſſen/

Der du der tugend dich wirſt aͤmbſtglich befleiſſen.

Gebt lilgenblumen her und roſen/ die ich ſtreu

Auff meines enckels grab/ des geiſt gezieret ſey

Mit ſolcherley geſchenck; Doch iſt der dienſt vergebens!

Dieweil er nicht mehr hat empfindnuͤß ſeines lebens.

So ſtrichen ſie heruͤmm in feldern weit und breit

Und ſahen alles durch mit gnauer merckſamkeit.

Nach
[316]Das Sechſte Buch.
Nach dem Anchiſes nun fuͤr augen alles zeigte

Eneen ſeinem ſohn/ uud ihm das hertze neigte

Durch treu auffmunterung zur ſchoͤnen lob-begier/

Und wie er kuͤnfftig ſol erlangen ruhm und zier/

Erzehlt er ihm hernach von ſchlachten/ ſtreit und kriegen/

Und wie er ſeinen muth in manchen ſchweren zuͤgen

Erzeigen muͤſte keck: Er lehret ihn zugleich/

Wie es beſchaffen ſey mit dem Latiner reich/

Mit ihrem volck und ſtadt; Und was er muſte meiden

Fuͤr arbeit und gefahr/ und was er muͤſte leiden.

Es werden pforten hier des ſchlaffes zwo geſchn/

Aus welchen pflegen ſtets die traͤum herfuͤr zugehn:

Ein iſt von klarem horn/ aus welcher traͤume kommen/

Die man mit warheits grund hat eigentlich vernom̃en;

Die ander iſt gantz weiß von Elephanten zahn/

Draus kom̃en falſche traͤum erfuͤllt mit trug und wahn.

Nach dem Anchiſes nun den ſohn und die Sibylle

Mit ſolcherley geſpraͤch begleitet in der ſtille/

Und durch die andre pfort laͤßt wieder von ſich ziehn/

Nimmt er ſtracks ſeinen weg zum meer und ſchiffen hin/

Beſuchet ſeine purſch: Darauff er ſich verfuͤget

Zum haven Cajeta/ der gleich am ufer liget.

Man wirfft das ancker ein/ die ſchiffe bleiben ſtehn/

Und wil Eneas nicht auff dißmal weiter gehn.


Das Siebende Buch.


Du haſt auch unſerm port/ als du gabſt auf das lebẽ/

Cajeta/ Troens amm ein ewig denckmal geben

Und
[317]Das Siebende Buch.
Und in beruff gebracht. Nun aber ruhet hier

An dieſen ort dein lob und ſchoͤne namenszier.

Und dieſe ſtaͤte/ da in Welſchland dein gebeine

Ligt (ſo es iſt ein ruhm/ inmaſſen ich vermeine)

Hat ihren namen nun von deines namenszier/

Der wird ihr unverruͤckt verbleiben fuͤr und fuͤr.

Der fromm Eneas nun nach dem er aller maſſen/

Wie es gebraͤublich iſt/ die amme hatte laſſen

Begraben/ und das meer ſich ſanfft und ſtille trug/

Stoͤſſt er von haven ab und nimmet ſeinen zug

Mit vollem ſegel fort: Die linden luͤfftlein wehen

Des nachts/ man ſiehet auch am hohen himmel ſtehen

Den ſilberklaren mon/ der wil mit ſeinem ſchein

Den fahrenden zu troſt und huͤlffe dienlich ſeyn.

Das meer glaͤntzt von dem liecht/ das im̃er ſchien zu bebẽ/

Man ſah ſie bey den berg Circeo itzund ſchweben/

Da wo die Circe ſich laͤßt hoͤren in dem wald/

Der immer vom geſang mit liebligkeit erfchallt.

Dahin ſich keiner darff zu kommen unterwinden;

Dieſelbe reiche frau pflag Cedern anzuzuͤnden

Des nachts in ihrer burg/ und webte/ das es ſchnurrt/

Da wird ein ſeufftzgeſchrey und loͤwenzorn gehort.

Die wehren ſich mit macht die ketten anzunehmen/

Und wollen ſich der frau nicht nach begehr bequemen/

Und bruͤllen grimmiglich bey wolcken-ſchwartzer nacht:

Die wildẽ ſchwein und baͤhr ergrimmen auch mit macht.

Die menſchen heulten auch in woͤlffiſchen geſtalten/

Die dieſe goͤttin kunt mit greulichen gewalten

Und
[318]Das Siebende Buch.
Und kraͤuter wunderkrafft verwandeln ſichtbarlich.

Daß nun das Troervolck nicht haͤtt zu furchten ſich/

Noch dieſes abendtheur ingleichen moͤchte leiden/

Da kommen ſie an port/ damit ſie moͤchten meiden

Das ungelobte land. Neptun laͤßt guten wind

Die ſegel treiben fort/ und ſchafft/ daß ſie geſchwind

Entkommen mit der flucht/ und fuͤhrt ſie ab vom lande/

Das voller greuel war/ voll grauſamkeit und ſchande.

Es war von ſtrahlen itzt das meer roth anzuſehn/

Das guͤldne morgenroth begunt herfuͤr zugehn.

Da regten ſich nicht mehr die ungeſtuͤmmen winde/

Das wehen hoͤret auff und legte ſich geſchwinde:

Man legt die ruder an/ und muͤhet ſich mit fleiß

Zu ſchneiden durch das meer/ das wunderbare eyß.

Da ſieht Eneas gleich hier eine wildnuͤß ligen/

Die ſich ſehr weit/ wie ihn ſein augen nicht betriegen/

Erſtrecken in die fern: Entzwiſchen dieſen fleuſt

Der ſtrenge Tyberſirom/ der ſich ins meer ergeuſt

Mit vielem gelben ſand. Es flogen manche ſchaaren

Der voͤgel/ die alſo am fluß gewohnet waren/

Bald umb/ bald oben her mit lieblichem geſang/

Davon der ſternen-ſaal in hoher lufft erklang.

Eneas gibt befehl den andern mitgeſellen/

Sie moͤchten ihre fahrt ſo wiſſen an zuſtellen/

Damit ſie kehreten die ſchiffe hin ans land.

Drauff faͤhrt er froͤliglich in ſchatten-reichen ſtrand/

Und ſchlancken Tyburſtrom. Wolan/ o Pierinne/

Du Goͤttin Erato/ erwecke meine ſinne/

Der
[319]Das Siebende Buch.
Der ich bin dein Poet: Ich wil itzt melden frey/

Was in dem Latien fuͤr zeit geweſen ſey.

Als dieſer frembdeling Eneas erſt ankame/

Mit ſeinem heer zu ſchiff und dieſes land einname:

Ich wil den anfang her erhohlen erſter ſchlacht/

Und melden rohen ſtreit und groſſe krieges macht:

Wie gegen ander ſind mit wuͤten und mit morden

Die Koͤnge grimmiglich zum krieg entzuͤndet worden/

Auch das Tyrrhenſche volck/ und wie Italien

Bezwungen worden iſt das ſtreiten anzugehn.

Die mannigfaͤltigkeit der vorgeloffnen dinge

Waͤchſt unter haͤnden mir. Das werck iſt nicht geringe/

Das ich itzt nehme fuͤr; Es iſt viel wichtiger/

Als ich je außgefuͤhrt/ und laͤßt ſich handeln ſchwer.

Latinus koͤnig/ der nun alt und lebens muͤde/

Sein land und leute wol regiert in ſtillem friede/

Koͤmpt von den Faunus her/ und Marica/ wie man

Aus alten ſchrifften des berichtet werden kan.

Der Faunus aber iſt von Picus hergekommen/

Und dieſer hat von dir/ Saturnus/ hergenommen

Sein ankunfft und geſchlecht: Des erſter ſtiffter/ du/

Dem das geſchicke hat gegeben gnuͤg und ruh;

Doch aber keinen ſohn und maͤnnlich leibes erben.

Der erſte gienge drauff mit fruͤhem tod und ſterben.

Ein einge tochter nur erhielt diß hauß und reich/

Das auch den groͤſſeſten an herrligkeit war gleich.

Als ſie nun zeitig war den ehſtand zubeſchreiten/

Und daß ihr ſolte ſeyn geleget an die ſeiten

Ein
[320]Das Siebende Buch.
Ein lieber gatt und wirth/ kam aus Italien/

Viel junge mannſchafft an; Ein jeder wolte ſtehn

Dem fraͤwelein zu dienſt. Es warb fuͤr andern allen

Der Turnus umb dieſelb/ und ließ ſie ihm gefallen/

War eines alten ſtamms/ kunt eine lange reyh

Der Ahnen weiſen auff/ war reich und keck darbey.

Die koͤnigliche frau Amata wolte dieſen

Fuͤr ihren tochtermann mit groſſer lieb erkieſen;

Doch aber war es nicht von Goͤttern ſo vorſehn:

Man ſahe hier und da viel ſchrecklich ding geſchehn.

Es war ein Lorberbaum in ſchloßhoff mitten drinnen/

Des laub gewidmet war mit heiligem beginnen

Der Pierimen Gott/ ſtund ſicher fuͤr gefahr/

Und wurd in heilger furcht erhalten auff viel jahr.

Man gabe fuͤr/ es haͤtt Latin/ als er ihn fande/

Und baut das erſte ſchloß/ mit heilig-feſtem ſtande

Gewidmet dieſem Gott/ und fuͤrder dannenher

Den burg- und ackersmann genennt Laurentier.

Schau! abentheurlich ding hat ſich hier zu getragen

(das man nicht leichtlich kan ohn groſſe wundrung ſagẽ)

Es koͤmpt ein dicker hauff der tollen bienelein

Hoch aus der lufft/ und nimmt des baumes gipffel ein

Mit hefftigem gebrumm: Sie wuſten ſich zu ſchlingen

Gar dicht zu ſammen ein/ und an den zweigen hiengen/

als dick-gehaͤuffter ſchwarm der prieſter fing ſtracks an:

Es koͤmmet wie wir ſehn/ zu uns ein frembder mann/

Und kriegsheer/ welches kommt vom ſelbten ort gezogen/

Woher das bienenheer man kommen ſieht geflogen;

Nimſt
[321]Das Siebende Buch.
Nimt gleichfalls ſeinen zug zum Lorberbaume hin

Zu ſchwingen ſeine fahn auff Trojens burg und zinn/

Und zu regieren da. Zu dieſem kan man ſehen/

Als man Laviniam ſieht bey dem vater ſtehen/

Da ſie das reine feur zuͤnd auff dem altar an/

Wie eine flamme ſie (erſchrecklich iſts gethan!)

Ergreifft/ und zuͤndet an die Koͤnniglichen haare/

Verbrennt den zierath auch beim heiligen altare/

Daß man ſie kniſtern hoͤrt; Auch wird beruͤhrt davon

Die mit viel edelſtein verſetzte Koͤnigskron.

Darauff wird ſie mit rauch und rothem glautz nmbgebẽ:

Man ſieht mit wuͤtigkeit das feuer ſich erheben

Den gantzẽ tempel durch. Das war ein ſchrecklich ding/

Das ſich ließ ſehen an/ und zwar nicht fuͤr gering.

Denn der gemeine ruff/ erſcholl/ es propheceyten

Die weiſen prieſter auch/ und wolten diß ſo deuten/

Sie wuͤrde werden groß an macht und herrligkeit;

doch ſtuͤnd dem volck auch vor ein groſſer krieg und ſtreit.

Der Koͤnig aber/ der durch dieſe wunderſachen

Ihm anders kunte nichts/ als ſchweren unmuth machen/

Geht zu den Fauns hin/ als der ſein vater war/

Auff daß er ſeinen ſpruch an heilgem ort erfahr/

Als der ein prieſter war. Laͤßt ſich ſein anbefohlen

Zu gehen in den wald und alda rath zu hohlen

Zu Albun/ welches war ein hoch- und ſchoͤner wald/

In dem ein heilger brunn mit ſtetem rieſeln ſchallt/

Und ließ ein groß geſtaͤnck von ſich in duͤſiern luͤfften/

Das ſolches weit und breit kunt laub und graß vergifftẽ/

XDas
[322]Das Siebende Buch.
Das Welſche volck und die Sabiner hohlen rath

Daſelbſt/ wenn man in noth denſelben noͤthig hat.

Hieher nun brachte mit der prieſter ſeine gaben/

So viel er kunte nur von ſeiner herde haben;

Und in der ſtillen nacht legt er ſich auff die fell

Der abgeſchlachten ſchaaff und ſchlieff an heilger ſtell.

Da ſieht er manchen traum vor ſeinen augen ſchweben

Mit mancherley figur/ er hoͤrt viel ſtimmen eben;

Erfreut ſich des geſpraͤchs mit Goͤttern/ redet an

Den Acheron/ zu dem er ſich geſellen kan

In tieffem hoͤllen pfuhl. Als hier nun gleicher maſſen

Latin der vater wolt ſich ins geſpraͤch einlaſſen

Und hohlen unterricht; Bracht er zum opffer auch

Viel ſchaffe/ die er ſchlacht nach heilger ſitt und brauch:

Und als er legte ſich auff dererſelben felle/

Kam ploͤtzlich dieſes wort aus innerm wald und hoͤlle:

Laß deine tochter nicht mit einem Welſchen mann/

Mein ſohn/ begattet ſeyn; Du thuſt nicht wol daran/

Und traue Turno nicht/ der ſie ihm wil verbinden;

Es werden andre ſchon ſich in der frembde finden/

Die werden kommen an mit uns gar nah verwand/

Und machen unſer reich und namen weit bekand:

Und die vom ſelben ſtamm entſproſſne kindeskinder

Noch werden unter ſich/ als tapffre uͤberwinder/

Bezwingen alle reich zu waſſer und zu land/

So weit das regiment der ſonnen iſt bekand.

Dieſ antwort/ die Latin von ſeinem vater hoͤret

In ſtiller nacht/ und ſie/ als treu ermahnung/ ehret/

Haͤlt
[323]Das Siebende Buch.
Haͤlt er nicht in geheim; Beſondern laͤſts geſchehn/

Daß ſie durch Welſchland muͤß durch das geruͤchte gehn;

Das dieſe newe maͤhr mit ſchnellem ſlug außſtreuet;

Da gleich im mittelſt koͤmpt das Troerheer erfreuet/

Und binden an die ſchiff an gruͤnem meeres ſtrand.

Der fuͤrſt Eneas ſteigt mit ſeinem volck ans land.

Er ſatzt ſich unterm baum/ der dicken ſchatten gabe/

zu gleich die oberſtẽ/ und dañ der * ſchoͤne knabe: *
Aſcanius

Sie ſtellen an ihr mahl und ſitzen in dem graß/

Die teller ſind vom brod/ darauff ein jeder aß

(Denn ſo wolts Jupiter der himmelskoͤnig haben)

Die teller fuͤllen ſie vom obſt und feldes gaben:

Als hier nun dieſes mahl verzehret worden war/

Und daß der hunger nicht geſtillet wurde gar/

Daß ſie das teller brod auch muſten noch benagen/

Und ſchieben mit begier in unerfuͤllten magen;

Sieh da fieng an Jul: So ſtoͤſſt uns an die noth

Daß man muß eſſen auch das harte Teller brod?

mehr ſpielt er nicht darzu. Diß woͤrtlein/ als mans hoͤrte/

Auch alle muͤh und noth zum gutem ende kehrte:

Der vater nam es ihm ſtracks von dem munde zwar;

Doch weil er war beſtuͤrtzt von andacht/ ſchwieg er gar.

Bald ſagt er: Sey gegruͤſt/ o landt/ das mir gehoͤret

Von goͤttlichem geſchick/ das mein ſinn heilig ehret!

Und ihr haußgoͤtter ſeyd gegruͤſſet tauſendmahl//

Die ihr mich habt geſchuͤtzt getreulich uͤberall!

Diß hauß/ diß vaterland iſt mir nun aubefohlen/

Mein vater hat mir das (ich wils nun wieder hohlen)

X 2Als
[324]Das Siebende Buch.
Als ein geheimbtes gluͤck der Goͤtter kund gethan:

Weñ dich/ mein ſohn/ ſagt er/ die hungers noth kompt an/

Nach dem du an ein land/ das du nicht kennſt/ gefahren/

Und du nichts uͤbrig haſt fuͤr deinem mund zu ſparen/

Weil alles iſt verzehrt/ bis auff das tellerbrod/

Das du muſt eſſen auff in groſſer hungers noth/

Da denck ein eigen hauß zu hoffen noch im friede/

Wenn du nach vieler noth biſt worden matt und muͤde/

Da baw dir eine burg mit unverdroſſner hand/

Und foͤrdre ſelber du dein gluͤck und friedenſtand.

Diß war die hungersnoth/ die war uns noch beſcheiden/

Und ſolte heben auff inkuͤnfftig alles leiden:

Derhalben nur wolan! und ſaͤumet euch nur nicht

Zuforſchen aus den ort mit fruͤhem tageliecht;

Was das fuͤr leute ſeyn/ und wo die ſtaͤdte ligen

Des volcks/ entgegen die wie ehſtes ſollen kriegen/

Und laſt uns hier und da aus ſtreiffen von dem port/

Und uns erkundigen gelegenheit und ort.

Nun aber laſſet uns dem Jupiter zu ehren

Ein opffer bringen dar und dieſe ſchalen leeren/

Und rufft Aͤnchiſen an den vater mit gebaͤt/

Und ſetzet auff den tiſch den ſuͤſſen wein/ und geht.

Als er dis außgeſagt/ ſatzt er von gruͤnen zweigen

Ein kraͤntzlein auff das haupt/ den Goͤttern zubezeigen

Mit andacht ſein gebaͤt: Dem geiſt der dieſen ort

Regieret/ gibt er ehr/ als ſeinem ſchutz und hort/

Dann rufft er an die erd/ die erſte aller Goͤtter/

Die waſſergoͤttinnen/ die fluͤſſe/ nacht und wetter/

Die
[325]Das Siebende Buch.
Die auffgegangne ſtern/ der Creter Jupiter/

Die mutter Cybelen und andre Goͤtter mehr

Im him̃el/ meer und hoͤll: Hier laͤßt vom klarem him̃el

Der groſſe Jupiter vernehmen ein getuͤmmel

Und ſtarcken donnerknall/ zeigt von dem hohem ſitz

Des himmels eine wolck mit guͤldnem ſtrahl und plitz/

und ſchwingt ſie mit der hand: der ruf wird ausgeſtreuet

Stracks in der Troer heer/ ein jeder wird erfreuet

Bey ankunfft dieſes tags/ an welchem man nach rath

Und ſchluß der Goͤtter ſolt auch bawen eine ſtadt.

Sie richten an ein mahl auff augenſcheinlich zeichen

Gantz eiffrig/ keiner wil an fleiß dem andern weichen/

Sie ſetzen becher auff/ und ſchencken ſie vol wein/

Und zieren ſie nach luſt mit friſchen kraͤntzen fein.

Es war der andre tag dem erdenkreiß erſchienen

Mit goldgeſtrahltem liecht den ſterblichen zu dienen/

Da ziehn ſie einer hier der andre dort hinaus

Zuforſchen nach der ſtadt/ port/ graͤntzen/ hoff und hauß/

Der voͤlcker/ ihnen wird darauff bericht gegeben/

Daß an Numici fluß Latiner wohnhafft leben/

Ein ſchoͤn und ſtreitbar volck/ das gleichfalls wohn herum

In ungezehlter zahl dort bey dem Tyburſtrom.

Eneas iſt bemuͤht aus jedem ſtand und weſen

Einhundert an der zahl geſandten außzuleſen/

Die heiſt er ziehen hin zur koͤniglichen ſtadt/

Ein jeder einen zweig von Pallas oͤhlbaum hat.

Er gibt geſchencke mit den Koͤnig zu verchren/

Mit angehenckter bitt und freundlichem begehren/

X 3Er
[326]Das Siebende Buch.
Er wolle fried und bund mit ihnen gehen ein

Den Troern/ und in ruh ſie laſſen bey ihm ſeyn/

Sie brechen eilend auff/ wie ihnen iſt geheiſſen/

Und ziehen ſchleunig fort mit langen tagereiſen.

Er aber miſſet ab die mauren zu der ſtadt/

Und macht den ort zu recht/ den er erſehen hat.

Gleich wie ein lager wird befeſtigt und verwahret;

So laͤßt er keinen fleiß und arbeit ſeyn geſparet/

Daß er den erſten platz am ufer mache feſt

Mit thaͤm̃en/ wall/ paſtey/ wie ſichs laͤßt thun auffs beſt.

Itzt hatten ſie ſo weit die reiſe fortgenommen/

Da ſie Latini burg in augenſchein bekommen/

Sie ziehen bey der maur zum ſchloßthor ruͤſtig ein;

Die zarte jugend laͤßt ſich angelegen ſeyn/

Zu ſpielen vor dem thor/ ſie uͤben ſich in reiten/

Infahren/ mit geſchoß/ mit lauffen/ ſchlag- und ſtreiten.

Itzt ſchuellen ſie den pfeil von krummen bogen ab/

Itzt jener zu dem kampff dem andern reitzung gab.

Da reitet einer vor dem Koͤnig an zumelden

Die poſt/ es waͤhren angekommen tapffre helden

Und leut in frembder tracht. Er laͤßt ſie laden ein

Ins koͤnigliche ſchloß und ihm wilkommen ſeyn.

Er aber ſetzet ſich im mitten auff dem ſaale

Auff ſeiner Ahuen ſtul ohn uͤppigem geprale.

Das ſchloß war ſchoͤn und groß recht koͤniglich und feſt/

Mit hundert ſeulen hoch geſtuͤcket auff das beſt.

Es lag am hoͤchſten ort der ſtadt/ da auch vorzeiten

Der Picus von Laurent hat wollen ihm bereiten

Sein
[327]Das Siebende Buch.
Sein koͤnigliches ſchloß: Sehr ſchreckliche geſtalt

Hat dieſe groſſe burg von puͤſchen heck und wald.

Der eltern andacht auch gab anſehn ihm und ehre/

Den Koͤngen wurde hier verliehen macht und wehre

Zum erſten regiment; In dem ſie durch das looß

Empfingen recht und fug zu dieſer burg und ſchloß/

Dis war ihr rathhauß/ kirch/ ihr ſitz zum opffermahlẽ/

Die ſie die vaͤter hier verbrachten ohne pralen/

Da ſie an einem tiſch nur ſaſſen fuͤr und fuͤr/

Und hatten abgeſchlacht zu eſſen einen ſtier.

Es ſtunden uͤber das der alten ahnen bilder

Im eingang nach der reyh/ und ihre tugend ſchilder

Auß Cedern holtz gemacht: Man kunt hiernebenſt ſehn

Sabin den vater/ der war aus Italien/

Und der/ wie an dem bild war eigentlich zuſehen/

Die krumme ſichel hielt/ wie er wol kunt beſtehen

Mit ſeiner wintzerkunſt/ die er den ſeinen lehrt/

Auch war Saturnus da/ den man als alten ehrt/

Wie auch das Janos bild/ das man zwey ſtirnicht keñet/

Und andre Koͤnige/ die man die eltſten nennet

Die fuͤr das vaterland gelitten tapffre ſtreich/

Als ſie auch wol behertzt fuͤrs ſelbte kaͤmpffen gleich.

Es hangen uͤber das viel waffen zeug und wehren

An pfoſten/ die man ſol des ortes halben ehren/

Auch wagen/ die man hat gewonnen in der ſchlacht/

Nicht minder krumme beil und andre ſiegespracht;

Als ſchoͤn gepuͤſchte helm/ und ſchloͤſſer ſtarcker thoren/

Viel koͤcher/ bogen/ pſeil/ und ſchantzen die verlohren

X 4Der
[328]Das Siebende Buch.
Der fchiffherr hatt im ſtreit. Er Picus als ein held/

Der manchem roſſe hat ſein raſen eingeſtellt/

Trug einen krummen ſtab/ wie Romulus gefuͤhret;

Und ſaß in einem ſtock vom purpur ſchoͤn gezieret;

Zur lincken hand trug er gar elnen kurtzen ſchild/

Die Circe ſein gemahl mit liebes brunſt erfuͤllt

Und eingenommen/ ſchlug mit einem guͤldnen ſtabe

Denſelben/ und hierauff ihm einen giffttrauck gabe/

Daß er verwandelt wurd durch ihren zaubergeiſt

In einen bunten ſpecht/ geſtalt ſein name heiſt.

In ſolchen tempel nun der Goͤtter auff dem throne

Des vaters ſaß Latin/ und trug auff ſeine krone/

Ließ die geſandten der Trojaner kommen fuͤr/

Und red ſie erſt ſo an mit freundlicher manier.

Sagt an ihr Dardaner (den uns iſt eur geſchlechte

Und ſtamm ſehr wohl bekand/ wie anch geſetz nnd rechte

Die ihr vom himmel hoch begnadet/ durch das meer

Genommen euren lauff und zu uns kommet her)

Was bringet ihr/ was iſt eur bitten und begehren;

Was mangel leidet ihr/ daß ihr mit groſſen heeren

Und ſchiffen koͤmmet an zu unſern meeresſtrand

Durch ſo viel ungemach zu waſſer und zu land?

Entweder habet ihr vom rechtem weg geirret/

Doch oder ſeyd von ſturm verſchlagen und verwirret.

(Dergleichen ungemach und vielerley beſchwer

Das ſchiffvolck leiden muß auff ungebaͤhnten meer)

Ja das ihr/ wie ich hab von eurem thun und ſtande

Gehoͤrt/ zu ruhen denckt in unſerm port und lande?

Nehmt
[329]Das Siebende Buch.
Nehmt unſer gaſtrecht an/ und ſtellt euch nicht ſo gar/

Als wie ihr uns nicht kennt/ die wir/ wie offenbahr/

Saturnus kinder ſind/ gerecht ohn recht und zwange/

Und allen ſatzungen/ freywillig ohne drange/

Die wir uns halten nach des alten Gottes art/

Der uns beſchuͤtzet hat und gnaͤdiglich bewahrt.

Zwar ich erinnre mich (denn es ſind nicht viel jahre/

Nur das nicht das geruͤcht davon erſchollen ware)

Das mir das alte volck Aurunci kund gethan/

Wie Dardan ſey von hier nach Troja kommen an/

Sonſt buͤrtig hier zu land; Sey ferner auch bewogen

Nach Samos/ welches iſt ein Eyland/ hin gezogen/

Das Samothracien anitzo wird genand/

Als er nun zoge weg aus der Tirrhener land

Des koͤnigs Coriti// iſt er zu ſeinem lohne

Entzuͤckt ins ſternẽ reich/ und ſchwebt im him̃elsthrone/

Da er der Goͤtter zahl mit tempeln und altar

Vermehret/ weil ſein nahm iſt heilig offenbahr.

Er endete ſein wort. Drauff finge der geſandte

Ilioneus/ den man beredſam gnug erkandte

Zu reden alſo an: O koͤnig/ der beruͤhmt

Vom herrlichem geſchlecht des Fauni/ wies geziemt.

Es hat kein ſturm noch macht der wellen uns gezwungẽ

In euer land zu ziehn: Kein ſtern hat uns gedrungen/

Noch von der rechten bahn und wegen abgefuͤhrt/

Es hat auch unſern ſinn kein irrthumb je beruͤhrt.

Wir kommen alleſampt mit raht und gutem hertzen

In dieſe ſtadt/ nach dem wir ſind mit groſſem ſchmertzen

X 5Ver-
[330]Das Siebende Buch.
Verjaget von dem reich/ dem keines aller end

Iſt worden gleich geſchaͤtzt/ ſo weit die ſonne rennt.

Vom Jupiter entſpringt der anfang dieſer reiche

Und ſtammes/ welchem iſt auff erden keiner gleiche.

Es ruͤhmt das Troer volck das Jupiter allein

Ihr großherr vater ſey. Nun muß Eneas ſeyn/

Als der von Troja iſt/ von Jupiters geſchlechte;

Derſelbe ſendet uns/ als ſeine treue kuechte/

An deinen port und hoff. Wie groſſe krieges fluth

Nun uͤberſchwemmet hat land/ ſtaͤdte/ leib und gut

Des armen Troervolcks; Wie ſie aus Griechenlande

Gebrochen grimmig iſt durch das gefild und ſtrande

Des Troiſchen gebiets/ ja wie gantz Aſterland

Wie auch Europa ſich in ſtreit hat angerannt

Durch des geſchickes trieb/ das wiſſen Nationen/

Die an dem letzten theil des erdenkreyſes wohnen/

Wie auch das ferne volck in ſchwartzem Mohrenland

Dem alles/ was ſich hat verloffen/ iſt bekand.

In dieſe flut ſind wir durch ſo viel wuͤſte meere

Hieher geſtoſſen an mit unſerm kriegesheere/

Und bitten wenig platz fuͤr unſre Goͤtter hier/

Und einen ſichern port nach nothdurfft und gebuͤhr;

Ja freye fluth und lufft/ die jedem ſtehet offen.

Es wird/ wo ihrs nehmt an/ nicht uͤbel ſeyn getroffen;

Wir werden eurem reich nicht uͤbel ſtehen an/

Und euer lob und ruhm wird nicht ſeyn ſchlecht gethan:

Und dieſe wolthat auch wird nimmermehr veralten/

Wir wollen ewig ſie in unſerm ſinn behalten/

Ihr
[331]Das Siebende Buch.
Ihr werdet uͤber das empfinden keine reu/

Wenn ihr Auſonier uns Troern lieb und treu

Erweiſet/ wie zu euch wir das vertrauen haben:

Ich ſchwere durch das gluͤck Eneas/ durch die gaben/

Ja ſtarcke tugend-hand/ ſo einer ſie durch treu/

Doch oder in dem krieg erfahren hat mit ſcheu/

Das unſre bundfreundſchafft (halt dieſes nicht geringe/

Daß wir dich bittlich itzt anlangen ſchlechter dinge/

Und unſerm Gottesdienſt fuͤrtragen nach gebuͤhr)

Viel voͤllcker hiebevor geſuchet mit begier.

Doch hat das goͤttliche geſchick uns angetrieben

Mit maͤchtigen befehl zuſuchen und zu lieben

Dis erſte land und reich; Denn auch/ wie ihr ſelbſt wiſt

Und meldet/ Dardanus alhier entſproſſen iſt.

Apollo reitzt uns an/ und heißt uns widerkehren

Mit ſtrengem anbefehl/ und tieffgegruͤndten lehren

Hin nach den Tyburſtrom in der Tyrrhener laud/

Und wo Numici fluß und brunen iſt bekand.

Er ſchickt dir uͤber daß hier dieſe kleine gaben/

Die ihm das vorge gluͤck und zeit laͤßt uͤbrig haben/

Die noch gerettet ſind/ da unſer vaterland.

Verheeret untergieng/ fuͤr raub und grimmen brand.

Anchiſ der vater pflag beym heilgen opffermahle

Zu opffern jederzeit aus dieſer guͤldnen ſchale.

Dis war des Priami uhralte koͤnigs kron/

Wenn er gerichte hielt und ſaß auff ſeinem thron/

Dis war ſein ſcepter/ dis ſein heilger huth (ſonſt muͤtze

Der Perſer weibesvolck) die nirgend uns ſind nuͤtze.

Nach
[332]Das Siebende Buch.
Nach untergang des reichs. Hier iſt auch ſchoͤn gewand

Und goldgeſtickte zier an kleidern/ ſo die hand

Der Troerimen hat gar artiglich geſticket.

Als nun Ilioneus/ warumb er hergeſchicket/

Gantz zierlich fuͤrgebracht; Bedencket ſich Latin/

Schlaͤgt nieder ſein geſicht ſteiff zu der erde hin/

Verwendet nicht ein aug/ er kehret ſich als Koͤnig/

An gold umd purpur nicht/ der ſcepter iſt zu wenig

Des konigs Priami. Vielmehr iſt er bedacht/

Wie mit der tochter werd ein heyrathswerck verbracht.

Darzu erwieget er des Fauni ſpruch im hertzen/

Das goͤttliche geſchick ließ ſo mit ſich nicht ſchertzen;

Diß eben muͤſte ſeyn der liebe tochtermann/

Kein ander wurde durch den ſpruch gedeutet an;

Der wurde gleichfalls auch zum ſcepter ſeyn erkohren

Mit gleicher macht und ehr/ und wurd ein ſohn geboren

Ihm werden dermaleins an tugend hoch und werth/

Der faſt die gantze welt bezwinge mit dem ſchwerdt.

Die Goͤtter wollen gluͤck zu unſern thun verleyhen/

(Sagt er erfreut zuletzt) und gnaͤdigſt benedeyen

Den außſpruch ihres munds! du aber/ lieber gaſt/

Es ſol dir ſein gewaͤhrt/ was du gebeten haſt.

Die gaben nehm ich an/ und wil ſie nicht ausſchlagen;

Hinwieder wil ich euch/ als Koͤnig/ nichts verſagen:

Es ſol euch mangeln nicht des landes fettigkeit/

So herrlich ihrs gehabt zu Troja vorger zeit.

Nur moͤcht Eueas ſelbſt (im fall ihn eingenommen

Begierde hat nach uns und unſrer freundſchafft) kom̃en/

Er
[333]Das Siebende Buch.
Er darff fuͤr mir als freund mit nichten tragen ſcheu/

Ich wil es als ein pfand des bundes legen bey;

Wenn euer Koͤnig mir die rechte hand wird geben:

Ihr wollt ihm diß mein wort berichten rund und eben:

Ich hab ein einges kind und tochter/ die ſolnu/

Ihr leben nach gebuͤhr im ehſtand bringen zu.

Doch iſts in Goͤtter rath und willen nicht vorſehen/

Daß ſie den heilgen ſtand mit einem ein-ſoll-gehen/

Der dis orts buͤrtig iſt: Die zeichen/ die man hat

Mit ſchrecken angeſehn/ bedeuten/ daß nicht rath

Bey ſolcher heyrath ſey. Man hat vielmehr vernom̃en

Durch manche prophecey/ es wuͤrd ein eydam kommen

Aus frembden landen her. Diß waͤhr Italien

Noch uͤbrig/ alſo muͤſts inkuͤnfftig noch ergehn/

Das andre kaͤmen an aus weit entlegnem lande/

Die uns ſich gleicheten beyds am gebluͤt und ſtande/

Und truͤgen unſern ruhm und namen ſonder end

Beruͤhmt in gantzer welt bis an das firmament.

Nun aber wie ich kan vermuthen draus nicht wenig/

Und ich hier nebenſt wuͤntſch/ ſo iſt es euer Koͤnig/

Den darzu hat vorſehn das goͤttliche geſchick/

Daß er genieſſen ſol dis ſonderbahre gluͤck.

Hierauff dann laͤſſet er viel ſchoͤne roß ausleſen.

Aus allen/ die er hat nach jeder art und weſen.

Dreyhundert ſtunden wol in einem groſſen ſtall/

Da laͤßt er alſobald den Troern allzumahl

Der reyh und wuͤrden nach eins einem jeden ſchencken/

Die waren ſchoͤn geputzt mit roßſchmuck und gehencken

Von
[334]Das Siebende Buch.
Von klarem dichten gold: Das deckwerck war gemacht

Vom purpur und mit gold geſtickt mit hoher pracht

Der bruſtriem war verſetzt mit groſſen guͤldnen ſpangen:

Man ſahe lauter gold umb ſie her unter hangen;

Sie keuten das gebiß/ das war von rothemgold:

Eneen/ dem er ſich fuͤr allen zeigte hold/

Der nicht zugegen war/ verehrt er einen wagen/

Und ein paar ſchoͤne roß den ſelbigen zutragen;

Sie waren edler art/ und blieſen dampff und dunſt:

Als nun Latinus ſie aus milder huld und gunſt

Beſchenckte der geſtalt/ und wieder fertigt abe;

Da ſetzen ſie ſich auff/ und ruͤhmen ſolche gabe

Und koͤnigliche gnad: Sie traben ſtoltz daher/

Und bringen ihren printz die neue friedens maͤhr.

Schau! da koͤmpt Jovis frau von Argos hergefahren

Mit zornigem geſicht und außgeſtreuten haaren/

Fleugt durch die lufft hinab und ſiehet vom Pachyn

Der Siculer vom fern/ wie froͤlich ſeinen Sinn

Der fuͤrſt Eneas traͤgt/ wird gleicher maſſen innen/

Der Troer ſchiff armad/ und was ſey ihr beginnen/

Wie ſie ſich eine ſtadt zu bauen nehmen fuͤr/

Itzt einer erdſcholl ſich vertrauen mit begier/

Und nunmehr ihre ſchiff gantz aus den augen laſſen:

Sie ſteht und ſieht es an faſt uͤber alle maſſen

Beweget und gekraͤnckt von neid und eiffers ſucht/

Sie ſchuͤttelt ihren kopff und alſo ſchilt und flucht:

Ach des verhaßſten ſtamms! o der verkehrten ſchaaren

Der Phryger/ die mir ſtets entgegen ſind gefahren

Mit
[335]Das Siebende Buch.
Mit trotz und frechem ſinn! was ſie nur fangen an/

Das iſt zu wieder mir und meinem rath gethan

Wie? ſind ſie dem noch nicht zu Troja umbgekommen?

Hat man ſie fangen nicht gekunt/ da ſie genommen

In haſſt geweſen ſind; Hat die verbrandte ſtadt

Dem Gottsvergeſſnem volck der Troer nicht geſchadt/

Sind ſie immitten durch der feinde heer und hauffen/

Ja ſind ſie ſicher ſo der fruersbrunſt entlauffen?

Doch/ glaub ich/ meine macht iſt endlich muͤd und laß/

Und ich hab aus geruht von meinem zorn und haß

Ja ich hab mich erkuͤhnt/ da ſie aus ihrem lande

Geſtoſſen worden ſind/ und kommen von denn ſtande

Der ſtoltzen herrligkeit/ mit unverſoͤhntem grimm

Denſelben nach zugehn durch fluth und ungeſtuͤmm/

Und hab den fluͤchtigen auff offenbahrem meere/

So weit es immer laͤufft/ gehalten gegenwehre;

Was nur fuͤr kraͤffte hat der himmel und das meer/

Das hab ich angewandt entgegen dieſem heer.

Was haben mir genuͤtzt die Syrten/ klippen/ ſchluͤnde/

Die Scylla/ die Charybd und tieffe meeres gruͤnde?

Sie ligen ſicher nun an gelbem meeres ſtrand/

Und leben da nach wuntſch in weichem ruheſtand/

Vorſehn ſich keines meers/ noch meiner: man bedencke/

Was das fuͤr unrecht ſey/ und wies mein hertze kraͤncke.

Der Kriesgott hat vermocht die blut-ergrimmte ſchaar

Der Lapither zu grund zu richten gantz und gar.

Der Jupiter hat ſein rachgieriges beginnen

Und zorn getreten ab der keuſchen jaͤgerinnen

Ent-
[336]Das Siebende Buch.
Entgegen Calydon der altgewordnen ſtadt.

Was aber haben ſie verwircket in der that?

Ich aber/ die ich bin des Gottes aller goͤtter

Des Jupiters gemahl/ kan wieder dieſe ſpoͤtter

Nichts fruchtbahr richten aus: Ich habe/ was ich kan/

Ich ungluͤckhaffte frau/ verſuchet und gethan.

Ich hab in alle form und weſen mich verkehret/

Ich habe nichts verſaͤumt zu thun/ was ſich gehoͤret;

Doch iſt Eneas nun mein ſtoltzer ſiegesmann;

Wofern nun meine macht und majeſtaͤt nichts kan/

Und nicht genung iſt/ wil ich kein bedencken tragen

Zuruffen alles an mit ſteten jammerklagen:

Kan ich die Goͤtter nicht erweichen/ wil ich gar

Den teuffel machen loß und aller geiſter ſchaar.

Hab ich nicht fug uud macht (wolan! es mag ſo bleiben)

Eneas aus dem reich Latini zu vertreiben/

Und das Lavinia nach ſolchem himmelsſchluß

Demſelben unverruͤckt zur ehe werdem muß;

So ſtehet mir doch frey/ verhindrung einzuſchieben/

Und beyde mit verzug und harren zubetruͤben;

So ſtehet mir doch frey der beyden Koͤnge volck

Zu rotten aus/ daß ſie vergehn/ wie eine wolck.

Auff ſolcherley entgelt mag ſohn und vater treten

In nahe bundespflicht/ und mit einander beten.

O braut Lavinia/ dein ſchoͤnes heyrath gut

Sol ſeyn der Rutuler und Troer rothes blut/

Ich wil verſchaffen/ daß Bellona dir verbleibe

Die werberin: Es hat auch nicht nur jenem weibe

Der
[337]Das Siebende Buch.
Der Hecuba getraͤumt/ wie ſie zur welt gebaͤhr

Zwo fackeln: Venus ſol auch haben gleich beſchwer

Und ſchreckliche geburt. Es ſol ein andrer kommen/

Der Paris aͤhnlich iſt/ und ſol (wie man vernommen)

Von Troja wiederumb mit todtſchlag mord und peſt

Geſtellet werden an ein blutig hochzeit feſt.

Aͤls ſie nun diß gered/ ſchwung ſie ſich gantz hinabe

Auff offnen erdenkreiß/ und rufft aus hoͤlſchen grabe

Die grimme Teuffelin mit graͤßlichem geſchrey/

die krieg/ zorn/ luſt und ſchand außuͤbt mit luſt ohn ſcheuͤ:

Alecto nennt man ſie; Dem vater Pluton grauet

Fuͤr ihr und haſſt ſie ſelbſt: Der ſchweſtern keine trauet

Demſelben ungeheur. Gar offt verkehrt ſie ſich

In mancherley geſtalt/ und ſieht aus grimmiglich.

Die haare wim̃eln ihr von gifftbeſchaumten ſchlangen/

Zur ſelbten kommet nun des Jovis frau gegangen/

Reitzt ſie mit dieſem wort und alſo zu ihr ſpricht:

O jungfran/ die du biſt gebohren an das liecht

Von heilig finſtrer nacht/ thu mir doch dieſen willen/

Und laß dir meinen wuntſch dienſtfertig zuerfuͤllen

Wohl angelegen ſeyn. Streck hieran hand und ſinn/

Das unſer ehr und ruff nicht gaͤntzlich ſincke hin;

Hilff wehren/ daß ja nicht die Troer etwan koͤnnen

Bey den Latinern ſich einſchmeicheln und gewinnen

Derſelben hertz und ſinn die heyrath einzugehn;

Und hin und wieder ſich im land Italien

Zuſctzen: Du kanſt ja die bruͤder gegen bruͤder

Außruͤſten zu den krieg/ du kanſt ja hin und wieder

YEr
[338]Das Siebende Buch.
Erregen haß und neid in haͤuſern liſtiglich/

Daß mann/ weib kind und magd nicht koͤnnẽ halten ſich/

Und unter einem dach beyſammen friedlich leben/

Du kanſt zu mord und brand leicht fug und urſach geben.

Faſt tauſend namen ſind dir ruͤhmlich beygelegt/

Ja tauſend kuͤnſt und griff dein hertze bey ſich traͤgt:

Schuͤtt aus die volle bruſt/ zerreiß die friedensbande/

Streu urſach aus zum krieg in dieſem reich und lande:

Die mannſchafft ſey nur eins/ zu lieben das gewehr/

Zu fordern/ ja gewalt zu brauchen und ein heer

Zuſammlen in der eyl. Alecto ſich gebrauchet

Stracks ohne wortgeſchweiff: Ihr hertz von gifftſchaum

Sie machet ſich zu erſt an die Latiner hin/ (rauchet/

Und legt ſich heimblich fuͤr die thuͤr der koͤnigin.

Die wegen/ daß itzt war das volck der Troer kommen/

Von weibſcher ſorg und zorn wurd hefftig eingenom̃en:

Der Troer hochzeit war ihr auch entgegen ſehr/

Sie war voll bangigkeit und lieffe hin und her.

Derſelben ſchiebet nun Alecto eine ſchlange

In buſem tieff hinein/ daß ſie die wuͤt empfange

Und lauff im hauß herumb gleich wie ein ungethuͤmm/

Und miſche fried und ruh mit groſſem ungeſtuͤmm.

Die ſchlange faͤhrt hinab entzwiſchen kleid und bruͤſte

Und ſenckt ohn fuͤhlnuͤß ihr ins hertze tolle luͤſte

Einblaſend ihre ſeel: Es wird das halsband ihr

Von golde ſtracks verkehrt in gifftig ſchlangen thier/

Die haube gleichesfalls wurd ihr zu einer ſchlange/

Verwirrt ſich in die haar und kreucht mit krum̃en gange

Durch
[339]Das Siebende Buch.
Durch ihre glieder hin: Und als das erſte gifft

Sich ſchleicht den ſinnen ein und das gebeine trifft/

Und noch nicht die vernunfft in gantzer bruſt empfunde

Die tolle raſenheit/ und ſchwere hertzenswunde:

Da ſie weint umb ihr kind/ und umb das hochzeitfeſt/

Das dem Eneas ſchon man zubereit en laͤßt

O vater (ſchreyet ſie) ſol unſere Lavine

Den Troern werden heimgefuͤhret/ daß ſie diene

Den fluͤchtigen zum raub? Erbarmeſt du dich nicht

der tochter und dein ſelbſt? Hoͤr/ was die mutter ſpricht.

Erbarm dich ihrer doch! wie ehrvergeſſner maſſen

Wird mich der raͤuber bald mit ehſtem wind verlaſſen/

Und fuͤhren auff dem meer das fraͤwelein davon:

Wie wuͤrde deinem reich dis bringen ſchimpff und hohn?

Iſt nicht der hirtenknecht von Troja auch ſo kommen/

Und hat von Sparta weg die Helenam genommen/

Und durch das wilde meer gefuͤhrt nach Troja hin?

Was nuͤtzt dein heilge treu/ und ſorgen treuer ſinn

Fuͤr dein ſelbſt eigen hauß? Wie offt haſt du gegeben

Dem Turno deine hand/ daß er mit ihr ſol leben

In unverruͤckter eh? Sie iſt ihm ja erkieſt

Fuͤr ſeine wehrte braut/ der ſonſt dein blutſreund iſt.

So aus den fremoden wird ein tochtermann begehret/

Und dich des Fauni ſpruch und anbefehl beſchweret/

Und du hierauff beruhſt/ gilt meine meinung ſchlecht/

Daß jedes land/ ſo nicht erkennet unſer recht

Noch ſcepter/ frembde ſey: So wollens auch verſtehen

Die Goͤtter ingeſampt: Wil man nun weiter gehen

Y 2Der
[340]Das Siebende Buch.
Der erſten ankunfft nach/ ſo iſt es ja bekand/

Daß der Mycener ſtadt ſey Turni vaterland;

Denn Inach und Acris deſſelben ahnen waren.

Als ſie Latinum nun viel anders ſieht verfahren/

Der ihr haͤlt widerpart/ daß ſie nichts ſchaffen kan

Mit worten/ was ſie nur mag bringen auff die bahn;

Und aber ſich die ſchlang und raſende beginnen

Ins eingeweyde ſchleicht/ und gantz beſitzt die ſinnen/

Da laͤſſet ſie ſich aus die ungluͤckhaffte frau/

Mit greulicher geſtalt/ und ungeheurer ſchaw.

So thun die knaben auch mit ihrem kreyſel eben/

Dem ſie mit kurtzer peitſch viel harte ſtreiche geben/

Und treiben ihn heruͤmb in einem groſſen kreiß/

Auff einem weiten ſaal mit ſtrenger muͤh und fleiß/

Und ſind mit gantzem ſinn erpicht dis ſpiel zuuͤben

Wenn von der peitſche nun der kreyſel wird getrieben/

Da laͤufft er krum herumb: Die knaben ſehn es an

Mit groſſer wunderung/ wie er ſo lauffen kan/

Und wiſſen nicht/ warumb er ſo in kreyß kan ſchweben/

Da ihn die peitſche kan die krafft und ſeele geben.

Nicht minder wird heruͤmb getrieben fruͤh und ſpat

Die ungluckhaffte frau immitten durch die ſtadt/

Und frech-geſinntes volck. Ja was noch mehr/ ſie irret

In duͤſter-wildem wald mit raſerey verwirret/

Und ſcheinet Bachus feſt zu halten voller wuͤt/

In dem ſie nimmet fuͤr mit grimmigem gemuͤth

Ein greuelhafftes werck und ungeſtuͤmes toben;

Man ſieht/ wie ſchnelle ſie ſich hat davon gehoben/

Da
[341]Das Siebende Buch.
Da ſie die tochter fuͤhrt in dicken wald und heck

Auff daß ſie fuͤr das volck der Troer ſich verſteck/

Und ihnen fug benehm das hochzeitfeſt zu machen/

Und ſchiebe hindernuͤß in ſolche heyrathsſachen:

Sie ſchreyet: Hoſcha! ho! juchheſa!Bacche du/

Biſt wuͤrdig nut allein/ daß man dir lege zu

Die braut Laviniam: Denn dir allein zu ehren

Trug ſie in ihrer hand dieſelbe zubewehren

Ein mit Rebblaͤtter en bewundnen ſpitzen ſpieß/

Umb deinetwegen ſie ſich nicht verdrieſſen ließ

Zumuſtern deine zunfft auff alte weiſ und maſſen

Und das dir heilge haar zu ehren wachſen laſſen;

Da fleugt aus das geſchrey und meldet/ daß die zunfft

Der frauen kommen ſey von ſinnen und vernunfft;

Drauff treibt ſie alleſampt ein bruͤnſtiges verlangen

Zu ſuchen neuen ſitz: Sie kommen haͤuffig gangen

Und laſſen hauß und hoff dahinden wuͤſte ſtehn/

Gehn mit zerſtreutem haar/ darein die winde wehn.

Die andern fuͤllen an mir raſendem getuͤmmel

Und zitterndem geheul die weite luſſt und himmel/

Sie gehen angekleidt mit Gemſen fellen her/

Und traͤget jede mit weinblaͤttern einen ſpeer.

Siefuͤhret mitten in ein angezuͤndte ſichte

Mit zorniger begier und ſinget ein getichte

Von ihrer tochter und des Turni hochzeit feſt/

Sie dreht die augen umb/ die ſie wie feuer laͤßt

Erſchrecklich blicken an: Drauff hebt ſie an zuſchreyen

So graͤßlich/ daß man ſich entſetzen muß und ſcheuen:

Y 3Hoho!
[342]Das Siebende Buch.
Hoho! Ihr frauen hoͤrt/ wo enden ihr auch ſeyd

In gantzen Latien/ ſo ihr noch lieb und leid/

Entgegen mir empfindt/ die ich zwar vom gebluͤte

Bin eine koͤnigin; Itzt aber vom gemuͤthe

Ein ungluͤckhaffte frau: So euch die ſorg anficht

Des muͤtterlichen rechts/ ach duldet es doch nicht/

Reiſt eure hauben ab/ und laſſet euch belieben

Das tolle Bacchusfeſt im zorn mit mir zu uͤben;

So trieb Alecto an die arme koͤnigin

Durch wald und wuͤſteney auff dieſen tollen ſinn.

Daß ſie lieff uͤberall hindurch mit hellſcher wuͤte

Und ließ durch Bacchus brunſt entzuͤnden ihr gemuͤthe

Als nun bedunckte gnung der tollen Teuffelin/

Daß ſie zur erſten wuͤt haͤtt angereitzt den ſinn/

Und des Latini rath und gantzes hauß zerſtoͤret/

Und alles ober und zu unterſt faſt gekehret/

Streckt ſchnell die wuͤterin die ſchwartzen fluͤgel aus

Und ſchwingt ſich in die ſtadt und kuͤhnen Turni hauß.

Man gibet aber fuͤr/ das dieſe ſtadt und mauren

Die Danae gel aut den Acriſinſchen bauren/

Als ſie durch einen ſturm ins laud Italien

Getrieben kam/ woſelbſt ſie ruhig bliebe ſiehn.

Es wurde Ardea der ort genennt von alten:

Den groſſen namen hat er nun bißher erhalten;

Doch hat es das geluͤck itzt eben ſo gefuͤgt/

Das hier in dieſem ſchloß der groſſe Turnus ligt/

Und ſchlaͤfft bey finſtrer nacht. Alecto leget nieder

Die grenliche geſtalt und grimmerfuͤllte glieder/

Nimmt
[343]Das Siebende Buch.
Nimmt an ſich das geſicht von einer alten frau/

Traͤgt runtzeln an der ſtirn/ und ſiehet aus gar grau:

Setzt eine haube auff/ nimpt einen zweig zutragen

Von einem oͤhlebaum: Man haͤtte duͤrffen ſagen/

Es wehre Calybe die alte prieſterin

Der Juno/ ſo war ſie ihr aͤhnlich an dem kinn.

Da kommet ſie dem held/ als er itzt ſanffte ſchlieffe/

Fuͤrs angeſicht/ und ihm mit dieſem wort zurieffe:

O Turne/ wilt du denn das deine muͤh und fleiß

Vergebens ſey/ und laͤßt dem andern lohn und preiß!

Sol ſcepter/ kron und thron/ darzu du biſt geboren/

Den bauren fallen heim und ihnen ſeyn erkohren?

Schau! wie der koͤnig dir die braut und heyrath gut

Verſaget/ die du doch erwarbſt mit deinem blut.

Geh nun/ der du nur biſt verlacht/ an die gefahren/

Die keinem angenehm/ noch je zu dancke waren!

Schlag der Tyrrhener heer und ſchuͤtze noch darzu

Den koͤnig und ſein volck bey ihrer friedensruh!

So viel hat Juno mich die groſſe frau der Goͤtter/

Da du in ſanffter ruh noch lagſt bey ſtillem wetter/

Geheiſſen/ daß ich dir ſol ſagen/ offentlich;

Derhalben nur wolan und laß ermuntern dich!

Zeuch deine waffen an/ ermahne deine leute

Mit unerſchrocknem muth/ auff das ſie ſich noch heute

Begeben ins gewehr/ thun außfall/ greiffen an

Die weibſchen Phrygier/ die dort auff weichem plan

Aus ufer ſich geſetzt/ laß deinen muth erwecken/

Laß die gemahlten ſchiff alsbald in brand nur ſtecken:

Y 4Die
[344]Das Siebende Buch.
Die himmliſche gewalt gebeuts; Und wo Latin

Der koͤnig wegert ſich zu folgen deinem ſinn/

Und ſchlaͤgt die heyrath ab/ ſo mag er ſelber ſchaden/

Wenn er fuͤhlt deinen zorn/ ihm dann zu halſe laden.

Der juͤngeling verlacht die alte prieſterin/

Und giebet antwort ihr auff ihre red und ſinn;

Daß neulich iſt ein heer zu ſchiffe zu uns kommen

An ſtrengen Tyburſtrom/ das hab ich laͤngſt vernom̃en;

Ich hab es/ wie du meinſi/ mit nichten laſſen gehn

Fuͤr meinen ohren bey: Es weiß Italien;

Du darffeſt darumb nicht mich ſchrecken oder kraͤncken;

Die himmels koͤnigin wird noch wol an uns dencken.

Du gutes muͤtterlein/ das alter druͤckt dich ſehr/

Drumb kanſt du nicht gar wol erzehlen neue maͤhr.

Du machſt dir eitle ſorg/ und beyder Koͤnge kriegen

Das wil/ Prophet in/ dich mit falſcher furcht betriegen.

Geh du in tempel nur und warte fein das dein/

Und laß den maͤnnern krieg und fried befohlen ſeyn/

Da laͤßt die hellenfrau ſich hefftiglich erbittern:

Dem juͤngling/ da er außgeredet/ koͤmmet zittern

Und ploͤtzlich ſchrecken an; Die augen ſtarren ihr/

Sie ſieht den juͤngling an mit grimmer rachbegier.

Sie laͤſſet das geziſch ſo vieler ſchlangen hoͤren/

Und kan die teuffelslarb/ die neulich ſie verkehren

Kunt in ein altes weib/ erſchrecklich laſſen ſehn;

Dann ſieht man/ wie ſie weiß die augen umbzudrehn/

Die fuͤnckeln wie das feur/ und als er ſich beſinnet/

Und mehr zu bringen fuͤr aus wunderung beginnet/

Stoͤßt
[345]Das Siebende Buch.
Stoͤßt ſie ihn von ſich weg/ und recket aus dem haar

Ihm alle ſchlangen fuͤr/ aus welchen jede wahr

Der andern gleich an grimm: Sie laͤßt die peitſche hoͤrẽ

Mit ſchrecklichem geklatſch bey ihm die furcht zu mehren/

Und thun die wort hinzu mit raſendem geplerr:

Schau mich doch itzund an/ mein guter junger herr!

Ich bin das muͤtterlein/ das ſich der Koͤnge kriegen

Des alters halben laͤßt mit falſcher furcht betriegen!

Sieht dieſe ſachen an. Was iſt das/ o geſell?

Ich komm her aus dem reich der ſchweffel-gelben hoͤll/

Und bin die grimmeſte von Plutons wuͤterinnen;

Ich trag in meiner hand den krieg und mord-beginnen.

Darauff warff ſie erboſt mit einer fackel hin/

Die traff ihn bey der bruſt und rauchte gleich wie kien

Vermengt mit ſchwartzem liecht/ das uͤber groſſe ſchreckẽ

Ließ ihn nicht ſchlaffen ein/ und muſte ſtracks ihm weckẽ

Von ſeinem leibe floß die ſaltz-benetzte fluth/

der ſchweiß; ſtracks fieng er an zu duͤrſtẽ mord und blut.

Er poltert mit geſchrey/ man ſol ihm balde ſchaffen

Und hohlen ſein gewehr; Er ſuchet ſeine waffen

Im bett und gantzem hauß: Die grimme waffenluſt

Und ſchnoͤder kriegesgrimm entzuͤndet ſeine bruſt;

Er wuͤtet uͤber das mit zorn: Wie wenn mit kniſteru

Die flamme/ die gemacht von reißig/ man hoͤret fliſtern/

Und an die ſeiten ſchlaͤgt des keſſels; Da geſchicht/

Daß fuͤr der groſſen hitz das waſſer rauchet nicht:

Es brodelt/ ſiedet/ ſpringt/ und kan nicht hoch auffbaͤumẽ/

Man ſiehet/ wies mit rauch auffſteiget/ und kan ſchaͤumẽ:

Y 5Es
[346]Das Siebende Buch
Es kan ſich itzt die fluth im keſſel halten nicht

Der ſchwartze dampff faͤhrt auff und in die hoͤhe bricht.

Derhalben laͤſſet er der Adelichen jugend

Ankuͤndigen/ daß ſie mit ritterlicher tugend

Zum koͤnig gehen hin/ mit auffruck/ daß er ſey

Geworden bruͤchig an den friedensbund und treu/

Heiſt ſie auch ruͤſten ſich/ und fertig ſtehn in waffen

Dem land Italien ſchutz/ fried und ruh zuſchaffen/

Und von den graͤntzen ab/ zu treiben feinds gewalt;

Er wolte beyden gnung gebuͤhrlicher geſtalt

Gewachſen ſeyn/ ſo wol Latinern/ als dem heere

Der Troer/ das itzt ſey gekommen von dem meere.

Als er nun dis gered/ und ſeyn gebaͤt gethan/

Sind die Rutulier mit ernſtem fleiß daran

Sich ſelbſt zu muntern auf/ die waffen anzulegen:

Der eine laͤſſer ſich die ſchoͤne jugend regen/

Den andern reitzet an das adliche gebluͤt/

Den dritten tapffre fauſt/ ruhm/ ehr und groß gemuͤth.

In dem nun Turnus ſo den Rutulern wolt rathen

Zum krieg behertzt zu ſeyn/ zu uͤben tapffre thaten;

Schwingt ihr gefieder auch die hoͤllſche raͤcherin/

Und faͤhret in der eil zu den Trojanern hin:

Sieht aber ihn zuvor aus einen ort gar liſtig/

An welchen der Jul/ der ſchoͤne knabe/ ruͤſtig

Dem wilde ſtellet nach mit guter ſpur und lauff/

Da treibt das hellſche weib die hunde ploͤtzlich auf/

Und ſchaffet/ daß die wind empfindlich koͤnnen riechen

In welcher Heck und puſch die hirſche ſich verkriechen/

Und
[347]Das Siebende Buch.
Und gierig trieben auf: Daher iſt aller ſtreit

Gekommen/ der auch hat gereitzt die bauersleut.

Es war ein ſchoͤner hirſch/ und trug ein hoch geweyhe/

Der Tyrrhus vater mit den ſoͤhnen zog mit treue

Denſelben auf/ ſo bald er von der hindin kam/

Der auch des koͤnigs vieh in fleißig obhut nam;

Dem auch vertrauet war die gantze heerd in feldern/

und was ſich weit und breit fuͤr wilt haͤlt auf in waͤldern/

Die ſchweſter Sylvia pflegt ſeyn mit allem fleiß/

Als der auch war gewohnt derſelbigen geheiß.

Sie hat offt ihre luſt ihm umbs geweyh zu winden

Ein friſches kraͤntzelein/ mit ſeidner ſchnur zu binden:

Sie kaͤmmt/ ſie badet ihn mit klarem brunnen Naß/

Er ließ ſich greiffen an/ und mit dem herren aß/

Des tiſches er gewohnt: Er lieff herumb in waͤldern/

In hecken/ puͤſch und thal/ auff wieſen und in feldern/

Und kehrte wiederumb zur ſtelle/ die er kand/

Ob er ſchon ſpat bey nacht ſich wieder heimwarts fand.

Denſelben trieben auf des printzens ſchnelle winde/

Als ſie ihn irren ſehn/ und ſchwimmen gar gelinde

Den ſtillen fluß hinab/ und in dem gruͤnen graß

Zu lindern groſſe hitz ſich nieder legt und aß:

Es wurd Julus auch entzuͤndet und befangen

Von liebe/ groſſes lob und namen zuerlangen:

Er griffe nach dem pfeil/ und legt ihn auf die ſehn;

Die Goͤttin ließ den ſchuß nach wuntſch und willẽ gehn/

Der pfeil faͤhrt durch die lufft mit ſchnurrẽ und trifft ebẽ

den hirſch durch bauch und darm: Das wild flieht noch

(mit beben

[348]Das Siebende Buch.
In den bekanten hoff und koͤmpt in ſtall hinein/

Und winſelt/ weil er fuͤhlt den ſchuß mit groſſer pein.

Gleich einem/ der umb huͤlff erbaͤrmlich andre flehet/

Und ſchreyet/ daß der ſchall durchs hauß zum nachbar ge-

Das maͤgdlein Sylvia ſchlaͤgt auf die arm fuͤr leid (het.

Und rufft das bauervolck/ das ſonſt fuͤr haͤrtigkeit

Dergleichen noth nicht acht/ umb huͤlffe/ ſie erſcheinen

Faſt unvorſehns/ und eh mans haͤtte ſollen meinen

(Denn dieſe wuͤterin verbarg ſich in dem wald)

Da hatten ſie ſich all auff mancherley geſtalt

Vorſehen mit gewehr mit knuͤtteln pfaͤhl und ſtangen/

Und was nur einer kan ergreiffen und erlangen/

Das macht der zorn zur wehr. Der Tyrrhus rufft zu ſich

Das volck/ in dem er gleich mit keilen muͤhſamlich

Zerſpaltet einen baum/ der als vierſchroͤtigt kunte

Zerhauen werden in viertheil/ darauff begunte

Er auch zu toben ſehr und greulich/ nam das beil

Und lieff mit ſeiner ſchaar zum ſtreit in ſchneller eil/

Als nun die wuͤterin ſich nmbſieht auff der warte/

Daß zeit zu morden ſey/ ſie ferner nicht verharrte/

Stieg hoch hinauff das dach/ und von dem ſtall herab

Nach hirten art und brauch dem volck ein zeichen gab.

Sie bließ ins krumme horn/ und kunt die ſtim̃ erheben

Mit helliſchem geſchrey/ daß man den wald hoͤrt beben/

Und thoͤnen weit und breit. Es kam der ſchall dahin/

Wo der Dianen ſee ligt nemblich Ariein.

Er iſt an ſchweffelfluß Nar gleicher maſſen kommen/

An den Velinſchen pfuhl hat man ihn auch vernom̃en;

Die
[349]Das Siebende Buch.
Die muͤtter lauffen hin und her und aͤngſten ſich/

Sie druͤcken an die bruſt die kinder furchtſamlich.

Die bauren gehn den ſchall nach/ nehmẽ mit ſich waffen;

Man ſieht die Troer auch/ wie ſie ſich eilend raffen

Aus ihren lager fort/ zu ſtehn dem Aſcan bey/

Sie ziehn in ordnung her mit wol gefaſter rey/

hier gielt kein baurenſtreit/ ſtock/ knuͤttel/ pfaͤhl und ſtangẽ/

Es wird mtt ſcharffem ſchwerd und ſpieſſen angefangen

Zu fuͤhren aus ſein recht: Man ſieht mit ſchrecken an/

Wie eine dicke ſaat die ſchwerdter auff den plan.

Und wenn die ſonne wirfft auffs ertz die hellen ſtrahlen/

So ſiehet man gar ſchoͤn die voͤlcker ziehn und pralen/

Es wiederprallt das liecht bis an die wolcken bahn/

Gleich wie die welle ſich erſt weiſ laͤßt ſehen an

Vom winde/ dann erhebt das meer ſich ſacht und baͤumet

Die wellen hoͤher auff/ hernach faͤhrts auf und ſchaͤumet

Und ſteigt von innern grund bis an des himmelsſitz:

Hier wird des Tyrrhi ſohn der groͤſſeſt an der ſpitz

Des bawrenheers gefaͤllt. Es kam von feindes bogen

Ein ſcharffgeſpitzter pfeil von weitem hergeflogen/

Und fuhr ihm in die kehl/ und ſchloß der rede lauff;

Da gab er jaͤmmerlich mit blut ſein leben auff.

Es bleibet auff dem platz viel volck und ſchlechte leute;

Gales wird endlich auch ein angenehme beute

Dem ungezaͤhmten tod/ als er war hoch betagt

Der ſich als ſchiedesman mit untern hauffen wagt:

Der an gerechten thun war keinem fuͤr zuziehen/

Der ſich umb fried und ruh am meiſten wolte muͤhen.

Er
[350]Das Siebende Buch
Er war der reichſte mann in gantz Italien;

Fuͤnffheerde ſchaaff hat er in voller weyde gehn/

Fuͤnff herde rinder auch. Ingleichen hat er ligen

Ein hundert huffen lands/ die ließ er alle pfluͤgen.

Als nun in freyem feld ein allgemeine ſchlacht

Mit vieler untergang war grimmiglich verbracht;

Verlaͤßt die hellſche frau/ da ſie der Juno willen

Und ihr verſprechen hat vermoͤgen zuerfuͤllen;

Als ſie mit blut itzt hat den krieg gefangen an/

Und beyde heer gebracht auf offenbaren plan/

Das land Italien/ und faͤhrt nach dem getuͤmmel

Auf hoher wolckenbahn bis an den blauen himmel

Und red die Juno an/ als wuntſches haberin/

Mit ſtoltzer redners pracht und hochbeflammten ſinn:

Schau an den zanck und ſtreit/ das wuͤrgẽ raub und mor-

Das dir zuwege nun durch mich gebracht iſt wordẽ/ (den

Sag; Tretet nun in bund und feſten fried vergleich/

Ich habe wunderlich vermengt Latini reich.

Ich hab die Troer ſchoͤn mit Welſchem blut beſpruͤtzet;

Ich wil noch dieſes thun/ wenns nur zur ſache nuͤtzet/

Und ich verſichert bin/ daß dirs gefaͤllig ſey;

Ich wil den krieg und ſchlacht mit ſtuͤrmiſchen geſchrey

Den nachbarn machen kund auf allen graͤntz-und ecken/

Und die gemuͤther zu der waffenluſt erwecken/

Das maͤnniglich brech auf von allen orten her/

Und wil in feldern uͤmb außſtreuen ſchild und ſpeer/

du haſt (ſagt Juno drauf.) gnug furcht uñ trug erreget;

Es iſt nun allbereit der grund zum krieg geleget;

Man
[351]Das Siebende Buch.
Man gehet naͤher nun zuſammen auf den plan/

Es iſt mit gluͤck genug auff dieſesmal gethan.

Das land iſt eingenetzt von neuem blut vergieſſen;

Sie moͤgen immer hin das heyrathsfeſt beſchlieſſen

Und hochzeit halten nun; Der ſchoͤne Venus ſohn

Und koͤnig ſelbſt Latin; Diß ſey ihr beyder lohn.

Dich aber laͤſſet nicht der Jupiter hier ſchweben

In hellgeſtirnter lufft und deines willens leben/

Drumb mache dich nur weg: Ich wil/ was uͤbrig iſt/

Von gluͤck und Muͤh/ vorſehn mit eignem rath und liſt/

Auf dieſes wort mnſt ſie von dannen wieder wiſchen;

In fluge hoͤrte man die boͤſen ſchlangen ziſchen/

Sie ſchwunge ſich davon hinab zum Acheron/

Und muſte laſſen ſtehn des himmels friedenthron.

Immitten unter dem gebuͤrg und tieffen gruͤnden

Iſt ein bekandter ort in Latien zufinden/

Denſelben traͤgt der ruff in manches ferne land/

Wird von hochheilger ehr Amſancti thal genand/

Ein dickgepuͤſchter wald auf beyden ſeiten ſtoͤſſet

An dieſen wunderort/ immitten fleuſt und toͤſſet

Mit hefftigem geraͤuſch/ das von dem felß entſteht/

Ein ſtrom/ der umb und umb mit ſeinem wirbel geht.

Hier zeigt man eine hoͤhl/ die greulich anzuſehen/

Und ein erſchrecklich loch des Plutons/ da man gehen

Kan in die hoͤll hinein; Und wenn der hoͤllſche fluß/

Der Acheron/ entzwey ſich endlich reiſſen muß:

So thut die groſſe klufft auf ihren gifftgen rachen/

Von dem die hoͤllſche frau/ als ſie ſich weg muſt machen/

Und
[352]Das Siebende Buch.
Und ſich dahin verkroch/ das feindlich ungethuͤmm/

Die erd und Himmel hat erleichtert wiederuͤmm.

Nicht minder wil die frau und koͤnigin im himmel

Das was noch uͤbrig iſt/ von dieſem kriegs getuͤmmel/

Verrichten allerdings. Die gantze hoͤllen ſchaar/

Die neulich aus der ſchlacht erbaͤrmlich kommen war/

Koͤmpt in die ſtadt hinein und bringet mit getragen

Die in der ſchlacht der feind hat grimmiglich erſchlagen/

Da war der knab Almon/ Gales auch/ des geſicht

Von wunden/ ſtaub und koth war uͤbel zugericht.

Sie flehen ſehnlich an die himmeliſche Goͤtter:

Verfluchen den Latin/ der ſonſt ſol ſeyn ihr retter

Der Turnus koͤmpt darzu/ und mitten in der klag

Vermehret er die furcht des feuers/ mords und plag/

Die Troer wuͤrden ein ins koͤnigreich-geladen

Der Phrygier geſchlecht naͤhm man mit ſeinem ſchaden

Des Turni in das land/ man hielt ſie lieb und werth/

Ihn aber triebe man vom hauſe/ hoff und herd.

Dann machen ſich heran die maͤnner/ derer frauen

durch Bachus brunſt erfuͤllt mit abſcheu und mit grauẽ

In waͤldern lieffen uͤmb mit tantzen und gefecht/

(Denn der Amatæ ruff und namen war nicht ſchlecht)

Von vielen orthen her verſamlet/ und begehren/

Mit poltern und geſchrey/ man ſol dem feind zuwehren/

Sie laſſen ziehn hinaus: Sie wollen ſtracks kurtz rund

Ziehn in verfluchten krieg zu wieder Gottes mund

Und allen deutungen mit gantz verkehrten ſinnen/

Mit toller wuͤtigkeit und zornigem beginnen

Da
[353]Das Siebende Buch.
Da ſtehn ſie hauffen weiſ umbs koͤnigliche ſchloß/

Und wollen/ daß er ſie zum kriege mache loß

Gleich wie ein felß im meer/ ſo ſteht er unbeweget/

Ja wie ein ſtarcker felß/ wenn groſſer ſturm ſich reget/

Und ſtreubt ſich gegen ihn: Er bleibt an ſeiner ſtell/

Ob gleich die wellen macht mit ſchrecklichem gebell

Sich wider ihn erhebt/ ob ſchon die ſtein ihn druͤcken

Und klippen/ iſts umbſonſt: Sie koͤnnen ihn nicht ruͤcken

Von ſeinem feſten ort/ der meerſchilff widerprallt/

Der an die ſeite ſchlaͤgt/ ob er gleich hefftig ſchallt.

Nach dem ſich aber wil ereignen kein vermoͤgen

Des volckes blinden rath zu ſteuren und zu legen/

Und das nach Junons winck die ſache gehen ſoll/

Die unverſoͤhnlich noch und grimmen eiffers voll.

Rufft der Latinus an die Goͤtter ihm zu zeugen;

Redt in die leere lufft;Es wil ſich nichts eraͤugen

Zu ſeinem heil und ſchutz. Wir muͤſſen (faͤngt er an)

Itzt brechen durchs geſchick/ das keiner meiden kan.

Es reiſt uns dieſer ſturm in abgrund vieler plagen:

O ihr elenden leut/ ihr werdet muͤſſen tragen

Mit eurem tod und blut die ſtraffen eurer ſchuld/

Weil ihr habt lieber krieg als fried und ruh gewolt.

Du aber/ Turne/ wirſt dein grauſames beginnen

In leidung ſchwerer ſtraff erſt endlich recht erkennen;

Da wirſt du allzuſpat bereuen deine that/

Und bey den Goͤttern dich bewerben umb genad.

Ich hab an laͤngſten nun in dieſer welt gelebet/

Und mein ſinn nirgend hin als nach der ruhe ſtrebet;

ZIch
[354]Das Siebende Buch.
Ich lig in ſtillem port: Man kan mir/ als ein grab

Und koͤniglich gepraͤng/ durchaus nichts nehmen ab.

Mit dieſem ſchwieg er ſtill/ und ſchloß ſich in ſein zim̃er/

Legt ab das regiment/ und ließ es gehen immer/

Wies gehen moͤchte nur: Es war ein alter brauch

In altem Latien/ den die Albaner auch

Fuͤr heilig hielten ſtets/ Den pfleget auch zu halten

Die herſcherin der welt/ und laͤßt ihn nicht veralten/

Wenn man ins offne feld ſol ziehen itzt zur ſchlacht/

Und das außlaͤndiſch heer mit gantzer krieges macht

Angreiffen muthiglich/ die Geten und die Dacer/

Hireaner/ Araber/ die Sarmater und Thracer/

Ja ziehen weiter hin nach Oſt und Inder meer/

Zu ſchlagen wiederumb der Parther ſiegesheer.

Es ſind zwey kriegesthor (ſo werden ſie genennet)

Die man an heiligkeit und Martis furcht erkennet;

Mit hundert ſchloͤſſern wol ſtehn ſie verwahret feſt/

Sind eiſern gantz und gar die nimmermehr verlaͤßt

Der huͤter Janos/ der ſtets fuͤr der ſchwelle wachet:

Weñ nun der Roͤmſche rath hat einen ſchluß gemachet

Mit unbewegtem ſinn zu ziehen in den ſtreit/

Da koͤmmet der regent der buͤrger/ traͤgt ein kleid

Mit koͤniglichem ſchmuck: Es wird ihm umbgeleget

Ein ſchoͤner rock darzu/ dergleichen braͤuchlich traͤget

Das volck der Gabier: Er ſchleuſt ſelbſt auff die thor/

Und fuͤhret aus das volck zum ſtreit/ wie hiebevor

Nach brauch geſchehen iſt. Da gehn die heeres ſchaaren

Ihm auff den fuſſe nach/ die beyds am muth und jahren

Zum
[355]Das Siebende Buch.
Zum kriege dieneten: Das ertz gibt allbereit/

Wenns durch die lufft erthoͤnt/ den beyfall zu dem ſtreit.

Als nun Latinus auch damahls die vhede ſolte

Den Troern kuͤnden an/ geſtalt ſein landvolck wolte/

Und alſo ſchlieſſen auch den krieges tempel auff/

Da trug der vater ſcheu/ und kehrte ſeinen lauff

Von dieſen dingen ab/ und muſte dafuͤr halten/

es waͤhr ein ſchaͤndlich thun ein ſolches ampt verwalten/

Beruͤhrte nicht einmahl das thor/ gieng fuͤr ſich fort

Verbergend ſich geſchwind an einen finſtern ort.

Da kam die koͤnigin der Goͤtter hoch vom himmel/

Und wolte ſtillen ſelbſt den auflauff und getuͤmmel;

Sie ſtieß ſelbſt mit der hand ans thor/ da gab ſichs bald/

Sie rieß die pfoſten ab und ſprengt ſie mit gewalt.

Auſonia/ die noch war ungeregt geblieben

Und ruhte bißhieher/ wil itzo gleichfals lieben

Die grimme waffenluſt; Theils ſchickt zu fuſſe ſich

Ins feld/ theils trabet her auff roſſen muthiglich/

Und tummelt ſich in ſtaub: Es ſtehen all und gaffen

Nach ruͤſtung/ zeug und wehr/ nach ertz uñ blanckẽ waffen/

Nach waffen fragen ſie/ theils putzet aus in eil

Mit fettem ſchmer und oͤhl helm ſpieße/ ſchild und pfeil/

Und wetzen an dem ſtein viel aͤrte/ ſenß und parten/

Und haben ihre luſt die fahnen und ſtandarten

Zutragen in der hand/ und hoͤren wie ſo ſchoͤn

Im felde ſchallt und hallt das ehrine gethoͤn

Fuͤnff groſſe ſtaͤdte ſind/ die ſchmieden neue wehren/

Und machen gute helm/ das keiner kan verſehren

Z 2Das
[356]Das Siebende Buch.
Das haupt mit pfeil und ſchwerdt/ und flechten weidne

auch harniſch/ wieder die kein haw-noch ſtechẽ gilt. (ſchild

Auß zaͤhem ſilber ſieht man glatte ſtieffeln machen:

Es wurd in waffenbrauch der bauren zeug und ſachen

Pflug/ ſenſe/ ſichel/ karſt gewendet und verthan/

Es war nur eine luſt die waffen ziehen an.

Sie ſchmieden gantz neu uͤmb die waffen/ ſchwerdt und

Die ihnen vorgerzeit der vater hinterlieſſe: (ſpieſſe/

Man hoͤret/ wie ſchon itzt den angriff die trompet

Erthoͤnet/ durch das volck die kriegesloſung geht.

Der nimt in eil den helm/ der ſpañt die pferd am wagen/

Die mit erhitztem ſchnauff und zorn ſich muthig tragen/

Der dritte nimt den ſchild/ daß er die ſtreiche kan

Außnehmen/ zeucht darauff ein guͤldnes pantzer an/

Und guͤrtet an die ſeit ſein ſchwerdt/ drauff beſter maſſen

Er ſich kan in gefahr als treuen ſchutz verlaſſen.

Ihr goͤttinnen macht nun auff euren Helicon

Und hebet an ein lied in lautem helden-thon

Erzehlt die fuͤrſten/ die zum kriege ſind bewogen/

Und wie viel voͤlcker ſeyn denſelben nachgezogen

Ins offenbahre feld/ und was fuͤr heeresmacht

Damahls Italien fuͤr ſich hab auff gebracht/

(Das gute land/ das viel hergeben kunt und ſchaffen/)

Und was ein jeder hab gefuͤhrt fuͤr wehr und waffen.

Ihr goͤttinnen/ ihr koͤnnt euch noch erinnern des/

Und was verlauffen ſey/ erzehlen ohn vergeß.

Zu uns iſt kaum ein wort in kleinem halle kommen/

Wir haben wenig faſt von dem geſchrey vernommen/

Wie
[357]Das Siebende Buch.
Wie dieſer feldzug ſey geſtellet worden an/

Und was fuͤr thaten hab ein jeglicher gethan.

Erſt zeucht zum krieg herein Mezentius der Goͤtter

Veraͤchter/ ein Tyrann und auffgeblaſſner ſpoͤtter/

Und ruͤſtet aus ein heer/ dem folgte Lauſus gleich/

Der ſohn/ der allen war in dieſem gantzen reich

An ſchoͤnheit fuͤr zu ziehn/ den Turnus außgenommen/

Den ſahe man daher mit reiſgem zeuge kommen/

Der ſonſt wol zwingen kunt die pferd und wilde thier/

Fuͤhrt tauſend man mit ſich in ſchoͤner waffen zier

Aus Agyllina/ doch vergebens/ weil er bliebe

Erſchlagen auff dem plan/ werth/ daß mit beſſrer liebe

Sein vater ihn gemeint und ſolcher kriegs beſchwer

Befreyet/ ja daß er ſein vater nimmer wehr

Geweſen/ ſo hett er auch baß ſich zuerfreuen/

Und wuͤrd ihn dieſer zug nicht haben duͤrffen reuen.

Nach dieſen zeiget ſich der ſchoͤne Aventin/

Und rennet durch das feld auff ſchoͤnem wagen hin;

Mit palmen ſchoͤn geziert/ zog her mit tapffern roſſen/

Und war von groſſen held Tyrinthius entſproſſen

Und fuͤhrt des vaters ſchild/ darauff viel ſchlangen man/

Und vielgekoͤpfften wurm geſtochen ſehen kan;

Den Rhea eine Nonn vermiſcht mit einem Gotte

Vorbotner weiſe hat der jungfrauſchafft zum ſpotte

Gebohren an die welt in walde Aventin/

Nach dem der Hercules Geryon ſtarck und kuͤhn

Als ſieger/ ſchluge tod/ und nach Laurentum kame/

Und wuſch die ochſen ab/ die er dem Spanier nahme/

Z 3In
[358]Das Siebende Buch.
In dem Tyrrhenſchen fluß. Sie trugen lange ſpieß/

Und grauſames gewehr/ das ſich nicht mercken ließ/

Das wie ein wanderſtab ſieht aus/ ſtickt aber drinnen

Ein rundgeſpitzt gewehr/ damit ſie ſtreiten koͤnnen;

Sie fuͤhren lantzen/ wie bratſpieſſe/ waren auch

Bey dem behertzten volck Sabinern in gebranch.

Er aber ging zu fuß/ und hatte ſich bedecket

Mit einer Loͤwenhaut/ daß man dafuͤr erſchrecket/

Sie ſtarrt vou borſten noch/ und ſtack der kopff darinn/

Die zeene ragten vor; So ſahe man ihn ziehn

Ins koͤnigliche ſchloß ſehr greulich anzuſehen/

Der wuſt in Herculs kleid erſchrecklichher zugehen:

Auch zweene bruͤder da ſich machen von Tiburt.

Verlaſſen ihre ſtadt/ und legen an das gurt/

Und kommen beyde her aus Griechenland gezogen/

Sie ſtehen an der ſpitz/ da wo die pfeile flogen

Sehr dick/ und anders nicht war dieſes anzuſehn/

Als wenn von hohem berg her zweene rieſen gehn/

Die man Centaurẽ nennt: Wenn ſie von bergẽ lauffen/

Othryn und Homolen/ da wo der ſchnee mit hauffen

Zu ligen pflegt: Der wald gibt ihnen raum und ort/

Wenn ſie mit ſchnellem lauff ſo ruͤſtig ziehen fort/

Und weichen mit geraͤuſch die hecken aus dem wege/

Wenn ſie mit vollem grimm betreten dieſe ſiege.

Es laͤſts auch Ceculus/ der Praͤneſtin erbaut

An ihm ermangeln nicht/ den/ wie ein jeder traut/

Ja glaͤubet fuͤr gewiß/ Vulcanus hat gezeuget/

Und in dem wuͤſten wald ein wildes thier geſaͤuget/

Und
[359]Das Siebende Buch.
Und funden iſt hernach auff einem feuerherd/

Der fuͤhrt ein regiment von bauren wol bewehrt.

Demſelben ziehen nach die buͤrger zu Praͤneſte/

Und die das feld Gabin zu bauen auff das beſte

Befliſſen muͤhſam ſeyn; Wie auch das volck/ ſo muß

Da wohnen/ wo entſpringt der Aniener fluß/

Die auch das Herniſche Gebirge wohnhafft bauen/

Das von dem himmel naß befeuchtet man kan ſchauen/

Und die Anagnia die reiche ſtadt ernehrt/

Und Amaſen der fluß nach nothurfft ſpeiſt und mehrt.

Dieſ haben alle kein gewehr/ noch ſchild/ noch wagen/

Theils pflegen zweene ſpieß in jeder hand zu tragen.

Der groͤßſte theil wirfft auff den feind mit kugeln loß

vom bley/ die man mit hand uñ ſchleuder warf und ſchoß.

Aus peltzen machen ſie der woͤlffe runde muͤtzen/

Die ſetzen ſie auffs haupt und muͤſſen ſich ſo ſchuͤtzen;

Der lincke fuß iſt bloß/ der rechte wird verwahrt

Mit einem rohem fell: Das iſt ihr brauch und art/

Nun koͤmpt Meſſapus her/ ein wolerfahrner reiter/

Neptunus groſſer ſohn/ ein unerſchrockner ſtreiter/

Den keiner noch durch feur/ noch eyſen toͤdten kunt/

Bringt volck/ das laͤngſt nicht war geuͤbt und nichts ver-

Ia richtet ſchnell ein heer/ das lange nicht in zuͤgẽ (ſtund;

Geweſen war/ und wil auffs nene wieder kriegen:

Dieſelben zogen all in gleicher ordnung her/

Und lieſſen ihre ſpiel zu ihres fuͤrſten ehr

Erklingen freudiglich. Gleich wie die weiſſen ſchaaren

Der ſchwaͤne/ wenn ſie hoch in klaren luͤfften fahren/

Z 4Und
[360]Das Siebende Buch.
Und kommen von der weyd/ ein liedlein ſtimmeu an/

Daß mans in fernem fluß und ſee vernehmen kan.

Man ſol auch meinen nicht/ daß ſo viel kriegesſchaaren

In dieſem groſſen heer mit ordnung koͤnten fahren;

Beſondern daß die meng und uͤbergroſſe heer

Der heiſchern vogel floͤg ans land von hohem meer

Schau da koͤmpt Clanſus von Sabiniſchen gebluͤte

Entſproſſen/ der ſelbſt war am ſtreitbahren gemuͤthe

Gleich einem groſſen volck/ und fuͤhrt ein krieges heer/

von welchem beyds die zunfft uñ das geſchlecht nunmehr

Der Claudier entſpringt durch der Latiner reiche/

Als den Sabinern wurd gegeben nach vergleiche

Ein gutes theil vom Rom: Mit ihm zog gleichfals auff

Das volck von Amitern/ ein ſchoͤn geruͤſter hauff/

Das loͤblich alte volck/ der ſtreitbahren Quiriten/

Der ſtadt Ereti purſch ſich auch hierzu erbieten;

Mutuſca/ welche ſtadt an oͤhlwachsthumb ſehr reich

Laͤßt ihre kriegesmacht mit andern ſehn zugleich.

Wie viel im Libſchen meer ergrimmte wellen brauſen/

Wenn ſie im-herbſt entſtehn durch ſtarcker winde ſauſen/

Ja wie viel ahren ſind in feld an Hermus ſtrand/

Und wie viel derer auch das korrenreiche land

Vnd ſchoͤne Lycien in heiſſen ſommertagen/

Wenn das getreydich ſich zeigt gelb und reif/ kan tragen:

So groſſe menge volcks zeucht wehr und waffen an/

Und ſtellen Turno ſich zum beyſtand auf den plan.

Es klinget ſchild und ertz; Die erde faſt erzittert

Durch dieſen heereszug; Haleſus ſehr erbittert/

Der
[361]Das Siebende Buch.
Der Agamemnon ſonſt mit dienſt war zugethan/

Beut ſeine voͤlcker auff und laͤſſet ſpannen an/

Des Troer namens feind zu leben und zu ſterben/

Laͤßt riſch ein groſſes heer von kuͤhnem volcke werben

Und fuͤhrets Turno zu/ daſſelbe zoge dick

Von Maſſyſchen gebirg/ da man mit muͤh und gluͤck

Den ſchoͤnen weinbaw treibt.

Es ſchickt Abella auch viel tapffre kriegesſchaaren/

So viel in ihrem kreiß zum kriege tauglich waren/

Iſt obſt/ und gartenreich: Ein volck von ſitten hart/

Das ſeine waffen wirfft auf teutſche weiſ und art;

Die ſie an einem riem ziehn wiederumb zu ruͤcke;

Die helmen ſchneiden ſie aus eines baumes ſtuͤcke;

Der korck geneñet wird. es blinckt ihr ſchild und ſchwerdt/

Und iſt von harten ſtahl und eyſen wol bewehrt.

Es hat dich Nurſæ auch/ die im gebirge liget/

O Ufens/ der mit gluͤck unb waffen herrlich ſieget/

Und weit beruͤhmet iſt/ geſchicket in den ſtreit/

Der fuͤhrte ſonderlich ein volck von rauhigkeit/

Und das in waͤldern war gewehnt zu vielem jagen/

Das muͤh und ungemach muſt hin und wieder tragen:

Man hieß ſie Aequier und hatten hartes land/

Das mit ſehr ſchwerer muͤh gepfluͤgt wurd und gewandt.

Wie offt ſie mit dem pflug das erdreich muͤſſen kehren/

So offt bewaffnen ſie ſich gegen feind zu wehren//

Und laſſen fuͤr und fuͤr das ihre freude ſeyn/

Wenn ſie nur kbnnen viel vom raube tragen ein/

Und von geraubtem gut hin bringen ſo ihr leben.

Ein prieſter von dem volck der Marſer kam auch eben

Z 5Nach
[362]Das Siebende Buch.
Nach dieſen auff den plan/ der Umbro wurd genand/

Ein tapffrer man/ der war von Koͤnig abgeſand

Archippo: War geziert/ und außgeputzt mit glantze/

Und war ſein helm belaubt mit einem oͤhlbeerkrantze/

Der kunte kraͤfftiglich einſchlaͤffen die natur/

der ſchlangẽ wenn er braucht ein kraut/ und daꝛzu ſchwuꝛ:

Er kunte zorn und grimm derſelben/ wenn ſie ziſchten/

Und von dem gelbẽ ſchaum des giffts abſcheulich giſchtẽ/

Beſaͤnfftigen/ und wenn gebiſſen einer war/

Da kunt er retten ihn durch kunſt von todsgefahr.

Doch war ihm ſeine kunſt und artzeney nichts nuͤtze/

Die weil er kunte nicht des Troers pfeil und ſpitze

Vertreiben meiſterlich. Es halff ihn weder tranck/

Noch ſchlaffgebaͤrender und zaͤubriſcher geſang.

Kein einig kraut/ das er auff Marſer bergen funde/

Kunt ſtillen dieſen gifft/ und heilen ſeine wunde:

Es hat betrauret dich mit klaͤglicher geſtalt/

Mit winſeln und geheul der Angeroner wald.

Es hat dich auch beweint der ſilberklare brunnen/

Der Fucinus/ und iſt mit thraͤnen offt gerunnen.

Es ruͤſtet Virbius ſich gleichfalls in das feld

Ein ſohn Hippolyti; Ein ſchoͤn-und junger held/

Den ſeine mutter hat Aricia geſchicket/

(Dis war nur eine ſtadt) der herrlich außgeſchmuͤcket

An leib und ſinnen war/ gezogen in dem wald

Aegerie/ da ſich mit lieblicher geſtalt

Der fluß Hymettus zeigt mit ſchoͤnem blumgepraͤnge/

Da er der jagerfrau der fetten opffer menge

Auff
[363]Das Siebende Buch.
Auff den Altar gebracht; Die ihr zu dienſt und ehr

Laͤßt ſchlachtẽ ſchaaff und rind und keine menſchen mehr.

Denn wie man gibet fuͤr/ und durchs geſchrey vernom̃en

Als durch der Phaͤdræ liſt Hippolytus umbkommen/

Und ſeines vaters zorn und angereitztem muth

Muſt alſo gnuͤge thun mit ſeinem jungen blut/

Da er zerriſſen wurd von ſeinen tollen pferden/

Hab er doch lebendig flugs koͤnnen wieder werden/

Erweckt durch artzeney und der Dianen gunſt;

Da hat der Jupiter geruͤhrt durch zornes brunſt/

Daß einer wiederumb ins leben koͤndte kommen/

Der einmahl ſeine reiſ ins hellenreich genommen/

Den meiſter dieſer kunſt den Aeſculapius

Mit ſeinem donnerſtrahl geſtuͤrtzt in hellenfluß;

Doch hat die jagerfrau Hippolytum verſtecket

Aus gnad an einen ort/ da man ihn nicht entdecket/

Und hat ihn wiederumb der Nimf Egerien

Geſchickt in ihren wald und ſchadloß laſſen gehn/

Da er in wuͤſtem wald Italien ſein leben

Zubraͤchte ſonder ſtand/ der ruhe nach zu ſtreben

In unbekandter ſtill/ und hieſſe Virbius/

Mit namens enderung: Daher kein pferd auch muß

In tempel Trivie noch heilge waͤlder gehen;

Man treibet ſie hinweg/ und muͤſſen da nicht ſtehen/

Weil ſie den wagen ſampt dem juͤngeling am ſtrand

Geworffen haben umb geſchuͤchtert und entbrand

Durch anblick derer thier/ die man meerwunder nennet;

Nichts deſto minder doch hat deſſen ſohn gerennet/

Ge-
[364]Das Siebende Buch.
Getummelt dieſe roß in offenbarem feld

Und zoge mit begier in krieg als junger held

Er Turnus lieſſe ſich fuͤr andern helden ſehen/

Ritt ab und zu und kunt nicht lange ſtille ſtehen/

War herrlich von geſtalt des leibes anzuſehn/

Es ſtund ihm alles an gar brav und wunderſchoͤn:

Haͤlt in der hand den ſpieß/ und kan ſich fuͤrſtlich tragen/

Man ſiehet andern ihn mit gantzem haupt fuͤr ragen;

Auff ſeinem helm/ der mit drey puͤſchen war geziert/

Und die Chimera abgebildet/ die beruͤhrt

Von raſender begier wie Etna aus dem rachen

dampf rauch und feueꝛ ſpie/ und kunts ſo ſchꝛecklich machẽ

Und flammen werffen aus/ ſo blutig als die ſchlacht

Und treffen auff dem plan wurd beiderſeits verbracht.

Die Ioͤ aber war auff ſeinem ſchild gegraben/

Die man an dieſem ort ſah keine hoͤrner haben:

Itzt war ſie auf dem leib bewachſen gantz mit haar

Itzt durch verwandelung ſie eine kuh ſchon war.

(Darbey zur gnuͤge man abnimmet und betrachtet

Wie hoch er hat gewolt von ankunfft ſeyn geachtet)

Es war da Argus auch auff dieſem ſchild zu ſehn/

Der bey dem fraͤuelein als huͤter muͤſte ſtehn;

Wie auch der Inachus der vater/ welcher goſſe

Die vollen eymer aus/ daß es mit hauffen floſſe/

Gleichwie ein ſtarcker ſtrom. Diß war auf Turni ſchild

Und helm in rothem gold ſchoͤn kuͤnſtlich abgebild.

Ihm folgt ein groſſes heer zu fuſſe/ groſſe hauffen

Mit ſchilden kommen her zu felde keck gelauffen/

Da
[365]Das Siebende Buch.
Da iſt viel Griegiſch volck/ Auruncer/ Rutuler/

Sicaner/ Sacraner/ Labicer/ Numicer.

Zu dieſen allen kam von Volſiſchem geſchlechte

Camilla/ wolte bey-auch-wohnen dem gefechte:

Fuͤhrt ſchoͤne reuterey bewaffnet allzumahl

Mit tuͤchtigem gewehr von eyſen und von ſtahl.

War eine kriegerin und ſpielte nicht mit Tocken/

Gewehnt auch ihre hand zu keinen flachs noch wocken/

Ließ korb und wolle ſtehn: Sie war ein freuelein/

Unv hatte luſt und lieb in hartem ſtreit zu ſeyn/

Und mit geſchwindem lauff den wind zu uͤberſtreben;

Sie kunt mit ſchnellem fluß ſich uͤbers feld erheben/

Daß ſie die ſpitzen nicht der ahren ruͤhret an/

Und fuͤhr mit trockner ferſch durch Thetis naſſe bahn.

Es kam die junge purſch vom land und hauß gelauffen/

Wie auch das weibes volck mit ungezehlten hauffen

Verwundrend ihrer ſich/ und ſahen ſie ſtarr an/

Daß ſie ſo maͤnnlich zog mit maͤnnern auf den plan/

Wie ſie heroͤtſch ſah voll freudiger begierde/

Wie ihr der Mantel ſtund von koͤniglicher zierde/

Wie ſie mit guͤldnem hefft gefaſſet hat das haar/

Das wie das guͤldne liecht der ſonne glaͤntzend war.

Wie ſie den koͤchter kunt an ihre ſeite guͤrten/

Wie ſie mit eiſen ſpitz hat einen ſpeer von myrthen/

Der ziemlich lang und dick; Wie ſie der hirten ſchaar

Zu brauchen deſſen pflegt/ im fall es noͤthig war.

Das
[366]Das Achte Buch.

Das Achte Buch.


ALs Turnus zu Laurent die fahn heraus geſtecket/

Und durch den trompten ſchall die tapffern roß er-

wecket/

Und uͤberall das volck trieb an zum krieg und ſtreit/

Koͤmpt ſtracks in Latien der ruff/ das weit und breit

Der leute muth wird reg/ verwirret und bethoͤret/

Sie lauffen hin und her/ das gantze land verſchweret

Sich zu dem kriegeszug: Die junge purſche tobt

Mit ungezaͤhmten ſinn/ und nichts als waffen lobt.

Meſſap und Ufens ſind die außerleſnen fuhrer/

Wie auch Mezentius Tyrrhniſcher regierer/

Ein mann/ der keine ſcheu fuͤr Gott im himmel trug;

Man bringet uͤberall auff voͤlcker zu dem zug.

Es wird auch Venulus nach Arpos zu dem helde/

Dem groſſen Diomed geſchickt/ daß er ihm melde

Den gantzen handel an/ und ihn uͤmb huͤlffe baͤt/

Berichtend/ daß ihr reich nun beyſtand noͤthig haͤtt/

Darein die Troer ſchon gewapnet waͤren kommen/

Und haͤtten zum beſitz die Haven eingenommen:

Eneas waͤhre ſtarck zu ſchiffe kommen an

Und wolte fuͤhren ein und bringen auf die bahn

Die Goͤtter ſeines lands/ die/ wie man hatt erfahren/

Zu Troje unterbracht vom Griechenlande waren:

Es doͤrffte dieſer gaſt ohn grund zur ungebuͤhr/

Als wolt ihn das geſchick zum Koͤnig/ geben fuͤr.

Und
[367]Das Achte Buch
Und haͤtte ſich viel volck zu dieſem mann geſchlagen/

Man hoͤrte weit und breit im lande von ihm ſagen/

Und haͤtte groſſen ruff. Was er gedencke nun/

Und wo er ziele hin mit ſolchem ſeinen thun/

Wenn ſich das gluͤcke ſolt nach ſeinen ſinne fuͤgen/

Und der Latiner reich gewinnen und beſiegen/

Das koͤnt er Diomed viel baß/ als Turnus/ ſehn/

Und als der Koͤnig ſelbſt Latinus kan verſtehn/

So giengs in Latien. Dis kunte gleichesfalles

Der tapffre Troer held Eneas mercken alles

Drumb ſchwebt er voller ſorg und aͤngſtigen beſchwer/

Erwieget alles gnau/ und dencket hin und her.

Wie/ wenn des waſſers ſchein/ das in dem keſſel bebet

Vom gegen glantz der ſonn/ und wenn der monden hebet

Zu blincken an und ſtrahlt in waſſer/ ſiehet man/

Daß es ſteigt in die lufft/ und leuͤchtet oben an

Das hohe himmelſchloß. Die nacht kam itzt gegangen/

Und waren alle thier mit ſuͤſſem ſchlaff befangen

Auff gantzem erdenkreiß. Es ruhte von der muͤh

Das fluͤgelſchnelle heer der voͤglein und das vieh.

Da ſich der vater auch Eneas legte ſchlaffen

In kalter lufft/ nicht weit von ſeinem ſchiff und haven/

War wegen ſchweren kriegs voll ſchwerer ſorgenpein;

Bis endlich er begunt hierob zu ſchlaffen ein.

Da duͤnckt ihm/ wie der geiſt des orts herfuͤr ſich reckte

Aus ſeinem ſchoͤnem fluß/ der umb den leib ſich deckte

Mit grauem ſegeltuch/ und auff dem haupt trug er

Von ſchilffrohr einen krantz. Drauff wolt er die beſchwer

Und
[368]Das Achte Buch.
Und ſorg ihn reden aus. O der du biſt entſproſſen

Von goͤttern (ſaget er) und fuͤhreſt unverdroſſen

Die Troer ſtadt uns zu/ und denckſt auff ewge zeit

Zu ſchuͤtzen Trojens reſt und alte herrligkeit;

Du kommeſt eben recht nach maͤnnigliches hoffen

Ins land Italien: Daſſelbe ſteht dir offen/

Da haſt du deinen ſitz und ein beſtaͤndig hauß;

Steh feſt/ und weiche nicht/ und laß dich keinen ſtrauß

Noch dreuende gefahr des krieges/ der ſich reget/

Erſchrecken/ denn es hat ſich gaͤntzlich ſchon geleget

Der Goͤtter grimm und zorn. Itzt (daß du dieſes nicht

Fuͤr einen traum nehmſt auff und eitelem geticht)

Wirſt du ſehn eine ſaw mit dreyſig ferckeln ligen

Bey einer eich/ iſt weiß/ die weiſen fercklein ſchmiegen

Sich umb die bruſt herumb. Da iſt der ort der ſtadt/

Da deine muͤh und noth gewiß ein ende hat.

Wenn man/ das Aſcan ſol nach dreymahl zehen jahren

Die groß Albauer ſtadt erbauen/ wird erfahren:

Ich ſage dir vorher nicht ungewiſſes ding.

Nun wil ich zeigen dir (merck auf/ halts nicht gering)

Auff was manier du koͤnuſt das jenge/ was obhanden

Steht/ gluͤcklich richten aus. Es wohnt in dieſen landen

Ein volck/ daſſelbe wird genand Arcadier/

Die von dem Pallas ſind vorzeiten kommen her:

Die ihrem koͤnige Evandro nachgezogen/

Der aus dem lande wurd zu fliehen weg bewogen:

Sie wehlten einen ort und bauten eine ſtadt

Auff einem hohen berg/ die ihren namen hat/

Und
[369]Das Achte Buch.
Und Pallanteum heiſt von ſeinem großherrn vatter/

Der am verſtande war ein nuͤtzlicher berather.

Schau dieſe Arcader ſind immer im gewehr

Und kriegen mit dem volck der alten Latier.

Die nimm mit dir in krieg als treue bundsverwandte/

Ich wil dich auff dem fluß ſelbſt fuͤhren neben ſtrande/

Damit du dennoch wol mit rudern kommeſt fort

Den ſtrengen ſtrom hinauff und fahreſt in den port/

Wolan! ſo mach dich auff/ erhebe deine ſinne/

Eneas/ den gebohrn die Goͤttin/ die Luſtinne/

Und bringe/ wenn der glantz der ſternelein vergeht/

Der Juno nach gebuͤhr dein heiliges gebaͤt.

Und dencke wie du inoͤgſt derſelben wieder-willen

Und dreuen mit geſchenck und tieffer demuth ſtillen:

Dann ſolſt du mir hernach erzeigen danck und ehr/

Wenn du/ alß ſieger/ haſt erlegt des feindes heer.

Ich bin der Tybur Gott blaufarbig anzuſehen/

Den du am uferſtrand ſiehſt ſachte fuͤrbaß gehen;

Ich bin derſelbe ſtrom/ den Goͤttern lieb und werth;

Hier iſt mein wohnungs ſitz/ der weit und breit geehrt;

Und bin aus Tuſcia uhrſpruͤnglich hergekommen:

Damit hat ſeine red ihr end und ziel genommen.

Hernach verbarg er ſich der Waſſergott im ſtrom/

Und gab ſich nach dem grund hinunter wiederumb.

Immittelſt geht die nacht vorbey/ Eneas ſtehet

Von ſeinem lager auf/ und nach den auffgang gehet/

Und ſieht das guͤldne ſchild der ſonnen froͤlich an/

Nim̃t mit der hohlen hand/ wies braͤuchlich war gethan/

AaDas
[370]Das Achte Buch.
Das waſſer aus dem fluß/ und red auff ſolche weiſe

Gen Himmel: O du ſchaar der nimpfen/ die ich preiſe

Im Laurentiner land von welchen ſtammen her

Die waſſer; Dir ſey auch/ o vater Tybur/ ehr

Mit deinem heilgen ſtrom; Erzeiget mir genade/

Nehmt mich in euren ſchutz/ daß mich beruͤhr kein ſchade

Noch einige gefahr. Dein ſchoͤnes haupt und quell

Ruͤhr her/ wo her es woͤll/ von welchem ort und ſtell/

Als der erbarmnuͤß du mit meiner noth getragen/

Mein ſeufftzen angehoͤrt/ gelindert meine plagen.

Ich wil nun allezeit dich ehren nach gebuͤhr/

Ich wil dir immerdar geſchencke tragen fuͤr.

O ſchoͤn gehoͤrnter ſtrom und Koͤnig allerfluͤſſe/

So weit Italien befeuchten deine guͤſſe/

Nimm mich doch endlich auf und leiſte wircklich bald/

Was du mir zugeſagt erzehleter geſtalt.

So betet er und lieſt von ſchiffen zwo galeen/

Gab ihnen ruder zu/ hieß ſie in ruͤſtung ſtehen.

Schau aber was ſich ſchnell-fuͤr ungeheur erhebt/

Und was fuͤr wunderding fuͤr ſeinen augen ſchwebt.

Man ſiehet eine ſaw/ die weiſſ/ ſich niederlegen

Im wald/ am ufer ſtrand/ umb ſelbige ſich regen

Viel weiſſe ferckelein/ die dir der fromme mann

Eneas zum altar/ o Juno/ fuͤhrt heran/

Vnd mit den fercklein laͤßt/ als opffer/ ſchlachten abe/

Umb zu verſoͤhnen dich mit ſolcher ehr und gabe.

Allein der Waſſergott beſaͤnfftigt dieſen fluß/

Der ſonſt die gantze nacht geſchwuͤlſtig ſich ergoß.

Er
[371]Das Achte Buch.
Er lieff zuruͤck und blieb in ſeiner fluth beſtehen/

Und macht den ſtrom ſo ſchlicht/ daß er kunt linde gehen/

Gleich wie ein ſtehend ſee. Damit es nicht ſo ſchwer

In ihrer groſſem muͤh dem rudervolcke wehr.

Demnach ſo eilen ſie/ ſind freudig/ fort zugehen/

Frolocken mit geſchrey: Die ſanfften luͤfftlein wehen.

Da faͤhret durch die fluth das wol verpichte ſchiff/

Das waſſer wundert ſich/ daß es ſo ſchnelle lieff/

Es wundert ſich der wald/ daß ungewohnter weiſe

Die menſchen auff dem fluß verrichten ihre reiſe/

Und tragen ſchilder/ die weit glaͤntzen kunten ſehr/

Und daß gemahlte ſchiff auff fluͤſſen ſchwimmen her.

Sie rudern tag und nacht mit muͤhſamen beſchwerden

Bis ſie durch lange bucht gehn und ermuͤdet werden.

Und fahren manchen puſch und gruͤnen wald fuͤrbey:

Es war der fluß ſo ſtill/ daß ſie den ſchatten frey

Im waſſer kunten ſehn/ das gleichſam ſie mit ſchiffen

Durchſchnitten: Itzt hat ſie die mittags zeit begriffen/

Und ſtunde mitten faſt am blauen himmels rund

Die ſonne/ da man gleich das ſchloß und mauren kunt

Auch etlich haͤuſer ſehn: Die nun bis an die ſterne

Der Roͤmer macht erhoͤht durch krieg/ der weit und ferne

Mit ſieges pracht erſchallt. Er fuͤhrte ſchlechten ſtand

Evander dazumahl/ und hatt ein armes land.

Sie kehren ihre ſchiff in eil dahin/ und nahen

Sich dieſer ſtadt und ſchloß/ die ſie von weiten ſahen.

Deſſelben tags hielt gleich der Koͤnig fuͤr der ſtadt

Im wald ein freudenfeſt/ geſtalt er jaͤhrlich that.

A a 2Dem
[372]Das Achte Buch.
Dem groſſen Hercules und Goͤtter zunfft zu ehren/

Und deren altar mit geſchencken zuvermehren

Zugleich ſampt ihm ſein ſohn/ der Pallas/ auch zugleich

Die junge manſchafft/ die am ſtrand/ und guͤtern reich/

Die brachten weyrauch dar und raucht auf den altaren

Das warme opffer blut. Als nun die ſchiffe waren

Geſehn von ihnen ſchon/ und daß ſie fahren ein

Beim ſchattenreichen wald/ und ſtill in rudern ſeyn/

Erſchrecken ſie ſo ſehr durch ſchnellen anblick deſſen/

Daß ſie ſtracks alleſammt ihr opfferwerck vergeſſen/

Und ſtehn von tiſchen auf. Der kuͤhne Pallas ſchreyt/

Sie ſollen ſtoͤren nicht des feſtes heiligkeit.

Und nahm ſelbſt in die hand den außgezognen degen/

Und lieff in eiffers grimm den ſchiffen ſtracks entgegen/

Und redet ſie ſo an von hoch erhabnen ort:

Ihr jungen leute/ was ſucht ihr fuͤr einen port?

Was urſach treibet euch in frembdes land zu kommen?

Wo habt ihr eurem lauff zu ſegel hingenommen?

Woher ruͤhrt ewr geſchlecht? von welchem ſtam̃ ſeyd ihr?

Bringt ihr krieg oder fried? Eneas trat herfuͤr/

Und laͤſſet oben her vom ſchiffe ſich ſo hoͤren/

Und wil mit zeigung vor des gruͤnen oͤhlzweigs lehren/

Warumb er kommen ſey; Wir ſind/ o guter freund/

Trojaner/ aber der Latiner itzo feind.

Sie haben freventlich mit krieg uns angegriffen/

Als wir gar lagen ſtill an port auff unſern ſchiffen.

Evandrum wolten wir gern bittlich ſuchen an:

Hierumb iſt diß von uns gemeinet und gethan.

Der
[373]Das Achte Buch.
Derhalben bringt ihm vor und ſagt/ wie ihr vernommẽ

Daß Troer oberſten in bottſchafft angekommen/

Und bitten einen bund mit ihnen ein zu gehn.

Der Pallas kunte kaum fuͤr wundrung ſtille ſtehn/

Als er den namen hoͤrt der kriegs-beruͤhmten lente;

Trit aus/ wer du auch biſt/ ſagt er/ der du von ſtreite

Und langem kriege koͤmmſt/ Sprich ſelber muͤndlich an

Den vater/ und zeuch ein bey uns als lieber mann

Und angenehmer gaſt. Drauff heiſt er ihn willkom̃en/

Und gibt ihm ſeine hand; Und als er ſie genommen/

Truͤckt er ſie treulich feſt. Da gingen ſie ſo fort

Den griuͤnen wald hinein verlaſſend fluß und port.

Eneas redet an den Koͤnig ſolcher maſſen/

Wie es die hoͤffligkeit nicht anders thun wolt laſſen:

Du frommer Koͤnig du aus tapfferm Griechenland/

Dem ich/ wie das geluͤck und mein betruͤbter ſtand

Erfodert/ flehen muß/ und dem ich dieſe zweige

Des friedens oͤhlebaums in tieffer demuth zeige;

Ich habe zwar bedorfft in keiner furcht zuſtehn/

Daß du ein Griegſcher fuͤrſt/ und aus Arcadien

Biſt buͤrtig und verwand den bruͤdern/ den Atriden;

Doch aber meine treu und liebe zu dem frieden/

Auch heilger Goͤtter ſpruch und feſt verheiſſungs pfand/

Daß unſre vaͤter ſind einander auch verwand/

Und dann dein gut geruͤcht/ das weit und breit erſchollẽ/

Hat mich krafft des geſchicks mit dir verbinden ſollen/

Und ſelbiges zu thun getrieben kraͤfftig an/

Was ich ſonſt gerne thu und nicht wol laſſen kan.

Aa 3Der
[374]Das Achte Buch.
Der Dardanus hat erſt zu bauen angefangen

Der Troerſtadt/ das ihm mit gluͤck iſt fort gegangen/

Daß er der ſtiffer iſt derſelben alten ſtadt/

Den die Electra (wie die Griechen ſagen) hat

Gebohren an die welt. Derſelb iſt angekommen

Der zeit in Phrygien. Electra hat genommen

Ihr ankunfft und geſchlecht von groſſem Atlas her/

Der auff den ſchultern traͤgt den himmel und das heer

Der guͤldnen ſternelein: Ihr aber ſeyd gekommen

Von dem Mercurius/ der ſeinen ſtamm genommen

Vom Maja/ die ihn hat auff dem gebuͤrg Cyllen

Gebohren/ das man ſieht voll ſchnee und kaͤlte ſtehn.

Die Majam aber hat der Atlas auch gezeuget/

Auff deſſen ſchultern ſich der gantze himmel neiget.

So koͤmmt nun unſer ſtamm von einem ahnen her/

Hierauff verlaſſend mich und keinem andern mehr

Hab ich geſandten nicht an dir verſchicken wollen;

Noch mit behender liſt und griff verſuchen ſollen/

Die meinung deines ſinns: Ich komme ſelbſt zu dir

In tieffer demuth her/ als der ich habe mir

Nicht laſſen widrig ſeyn mein eigen blut und leben

In mancherley gefahr/ ja in den tod zugeben.

Die Rutuler/ die dich verfolgen grimmiglich

Mit unbefugten krieg/ die ſind auch wider mich.

Vermoͤgen ſie ſo viel uns beyde zuvertreiben/

Wird ihnen mangeln nichts/ geſtalt ſie trotzig glaͤuben/

Daß ſie nicht unters joch ziehn gantz Italien/

Und muͤſſe dieſem volck auch zu geboten ſtehn

Das
[375]Das Achte Buch.
Das groſſe meer/ das ſich beyds unten und dann oben

Streckt an Italien mit ungeſtuͤmen toben.

Nimm von mir meine treu/ und gib auch deine mir/

Wir haben tapffres volck/ das uns viel traͤget fuͤr/

Sind muthig/ ſtarck und keck zugehen an das ſtreiten/

Wir ſind vorſehen auch mit jungen tapffern leuten.

Eneas brach hierauff ſein wort und reden ab;

Der Koͤnig aber auff ihn gnaue achtung gab/

Sah ihm ſteiff ins geſicht/ ob er ihm was an augen

Koͤnnt ſehn und mercken ab/ das nicht viel moͤchte taugẽ/

In dem er redte/ ſah er ihn von fuͤß auf an/

Sagt drauff mit wenigen/ als ers fand wol gethan:

O rapffrer Troer held/ wie biſt du mir willkommen!

Wie gern erkenn ich dich/ wie gern hab ich vernom̃en

Dein unverfaͤlſchte treu! Denn ich erinnre mich

Derſelben zeit noch wol/ da deinen vater ich

Gehoͤret und geſchn. Ich kan mich noch beſinnen/

Was er fuͤr reden fuͤhrt/ und was er fuͤr beginnen

Bey ſich verſpuͤren ließ. Mir koͤmmet jtzt in ſinn/

Wie Priam ſeine reiſ hin nahm nach Salamin/

Daſelbſt Heſionem der ſchweſter zu zuſprechen

In ihrem koͤnigreich: Von dannen ſah man brechen

Ihn wieder auff/ da er wolt etwas weiter gehn

Umb ſich zuſehen umb in land Arcadien.

Da wuchſen mir die haar/ als juͤngling/ ſchon am kinne/

Und wenn die oberſten der Troer ich beſinne/

So muß ich ſelbige mit wundrrung ſchauen an/

Wie auch den Priamum/ den unerſchrocknen mann.

A a 4Anchiſes
[376]Das Achte Buch.
Anchiſes aber thats den andern vor fuͤr allen/

Denſelben ließ ich mir inſonderheit gefallen;

Ich hatte luſt/ wies iſt mit junger purſch bewand/

Den mann zu reden an/ und geben ihm die hand.

Ich hielt ihn lieb und werth/ ich muſte zu ihm kommen/

Ich hab ihn in die ſtadt Pheneum mit genommen

Mit ſonderbahrer luſt: Als er zog weg von mir/

Gab er mir ſchoͤne pfeil/ und koͤcher ſchoͤner zier/

Nicht minder einen rock/ den man gebraucht zum reiten/

Der war mit gold geſtickt und glaͤntzt auf allen ſeiten;

Auch zweene guͤldne zaͤum/ die nun mein Pallas hat.

Drumb was ihr bittet nun/ demſelben geb ich ſtatt/

Und geh die buͤndnuͤß ein/ die ihr von mir begehret.

So bald das liebe liecht den morgen uns gewaͤhret/

Wil ich euch fertgen ab mit froͤlichem beſcheid/

Und huͤlfflich ſpringen bey mit einem heer zum ſtreit.

In des (weil ihr zu uns als freunde ſeyd gekommen)

Begehet mit uns auch dis feſt/ wie ihr vernommen/

Das wir nicht brechen ab/ noch moͤgen ſchieben auff.

Seyd froͤlich/ und laſt itzt dem opffer ſeinen lauff.

Und nun gewehnt euch ſchon zu nehmen unverdroſſeu

Mit dieſem mahl vor lieb bey euren bundsgenoſſen.

Da hieß er wiederumb das eſſen bringen her/

Wie auch das trinckgeſchirr/ und was darbey noch mehr

Von noͤthen war/ das man hat vorhin abgenemmen/

Und heiſt ſie alleſampt alſo zuſammen kommen/

Und noͤthigt ſie/ daß ſie ſich ſetzen in das graß:

Eneen/ welcher an der oberſtelle ſaß/

Laͤßt
[377]Das Achte Buch.
Laͤßt er auff einem ſtul von Ahornbaume ſitzen/

Den kuͤnſtlich hat die hand des meiſters koͤnnen ſchnitzen/

Legt drauff ein loͤwenfell: Die purſch/ die ſonderlich

Darzu verordnet war/ bezeiget aͤmbſig ſich;

Wie auch die prieſter/ die hin fuͤr dem altar traten/

Und trugens eingeweyd des ochſens auff gebraten/

Und legeten brodt auff den tiſch/ und ſchenckten ein

In guͤldene pocal den ſuͤſſen freuden wein.

Eneas langte zu mit ſeinen mittgenoſſen/

Und aß vom eingeweyd des ochſens unverdroſſen/

Vom ruͤcken ebenfallß/ war alt fuͤnff gantzer jahr/

Und der mit gutem fett gantz aus durchwachſen war.

Nach dem nun die begier zu eſſen war geſtillet/

Und durch dis kleine mahl der magen angefuͤllet/

Da ſprach Evander ſo: Diß jahrfeſt/ dieſes mahl

Und dieſen altar hat kein eitler wahn noch wahl

Uns zubegehn gereitzt: Das iſts/ weil wir ſind worden

Errettet von gefahr/ vom wuͤrgen raub und morden;

Drumb halten wir es ſo/ und geben alle jahr

Dem Hercul ehr und danck fuͤr abkehr der gefahr.

Vorerſt ſchau jenen felß/ wie er ſich abwerts neiget/

Und gleichſam ſeinen fall mit klarer deutung zeiget/

Schau! wie die groſſen ſtein zerſtreut ſind hin und her/

Und wie das felſernhauß man faſt nicht kennet mehr/

Man ſiehet/ wie hernach die felſen ſind gefallen;

Da iſt ein hoͤhlendach geweſen auch fuͤr allen/

Das tieff in erdenſchlund hinab erſtreckte ſich/

In welchem Cacus hat gewohnt der wuͤterich/

A a 5Er
[378]Das Achte Buch.
Er ſahe greulich aus/ weil weder mon noch ſonne/

Hinein ſchien/ und die erd von warmen blute ronne/

Auch hingen menſchenkoͤpff genagelt an der thuͤr/

Die ſchreckliche geſtalt den augen zeigten fuͤr.

Diß unthiers vater war Vulcanus/ deſſen rachen

War anzuſehn/ gleich wie der kopff von einem drachen/

Spie lauter funcken aus/ und ſchrecklich ſchwartzes feur/

War ſcheußlich/ lang und dick/ ein groſſes ungeheur.

Es iſt uns aber auch/ da wir zuſammen traten/

Und mit geſamten wunſch um huͤlff und rettung baten/

Die zeit geſprungen bey/ und einen ſtarcken Gott

Uns zu geſchickt/ der hat gerochen unſern ſpott

Und unertraͤglich joch. Denn Hercul kam gegangen

Der den drey-leibichten Geryon hat gefangen/

Getoͤdtet und beraubt mit ſtiges pracht und macht/

Und trieb das vieh hindurch/ das er davon gebracht

In groſſer meng und zahl/ daß es rings umb die felder

Lang hin am waſſeꝛ ſtund und einnahm thal und waͤldeꝛ/

Allein des Caci ſinn verwegen und verrucht/

Damit kein bubenſtuͤck noch trug blieb unverſucht

Und ungewagt/ entwand vier außerleßne ſtiere/

Und trieb ſie von der heerd/ der ſchoͤnen kuͤh auch viere/

Und zoch dieſelbige beim ſchwantz in ſeine hoͤhl/

Daß keiner auff die ſpur kaͤm und ſie wieder ſtehl.

Als nun war umbgewand die ſpur/ und er ſie trecket/

Hielt er ſie in der hoͤhl verborgen und verſtecket;

Als ſie nun Hercul ſucht/ war keine ſpur/ die ihn

In Caci hoͤhlendach mit nachricht wieſe hin.

In
[379]Das Achte Buch.
In des/ als er ſein vieh/ das wol geweydet hatte/

Wo anders triebe hin von dieſer wieſ und matte/

Und wolt itzt ziehen weg/ da ſchrye rind und kuh:

Der wiederſchall im wald erthoͤnte: Mu mu mu!

Die eine kuh/ die in die hoͤhle wat gezogen/

Schrie auch/ mu mu! da fand ſich Cacus ſehr betrogen

In ſeiner hoffnung/ da er ihm feſt bildet ein/

Das vieh wehr wol verwahrt in hohlem felſenſtein.

Da wird der Hercules mit groſſem grimm entzuͤndet/

Fuͤr ſchmertzens hefſtigkeit/ den er darob empfindet/

Nam riſch die wehr zur hand/ die knoͤtichtſchwere keul/

Und lieff hin auff den berg in wunderſchneller eil.

Da haben nuͤſre leut den Cacum erſt geſehen

Beſtuͤrtzet am geſicht/ und gantz erſchrocken ſtehen;

Er flieht nach ſeiner hoͤhl faſt ſchneller als der wind/

Die furcht an ſeine fuͤſſ ihn gleichſam fluͤgel bind.

Als er ſich nun darein verſchloſſen und verkrochen/

Wie auch den groſſen ſtein/ als er die kett zerbrochen/

Geworffen nieder hat/ den ſelber der Vulcan/

Der Cacus vater war/ geſchmiedet kuͤnſtlich an

Gedachte kett/ an der derſelbe ſtein feſt hienge/

Und hat befeſtiget das loch/ dadurch man gienge/

Mit einem ſiegel: ſchau! da faͤhret Hercul her

Mit raſender begier vom zorn ergrimmet ſehr

Und ſuchet allerſeits auf unterſchiedne maſſen/

Wie er ihm komme bey und endlich moͤge paſſen;

In dem er ſein geſicht bald hier bald dorthin wend/

Mit grimmen zeenen knirſcht und voller zorren brennt.

Er
[380]Das Achte Buch.
Er that wol etlichmal verſuch herumb zugehen

Umb Aventinus berg/ und bliebe ſtille ſtehen/

Verſuchend etlichmahl/ ob er die ſteinern thuͤr

Zerbrechen moͤchte/ die geleget war dafuͤr:

Jedoch umbſonſt: Und wurd ſo muͤd bey jedem mahle/

Daß er ſich ſetzen muſt ein wenig in dem thale.

Da ſtund ein ſpitzer felß/ gar ſtickel uͤberall

Auff dieſer hoͤhl/ und war hoch anzuſehn zumahl/

Bequemer auffenthalt der voͤgel/ die von leuten

Dafuͤr geachtet ſind/ daß ſie nichts guts bedeuten;

Am ſelbten/ wie er lincks ſich neiget oben her

Dem ſtrom zu/ ſtem̃t er ſich mit aller macht und ſchwer

Hinauf die rechte ſeit/ und ſtrebet ſtracks dagegen/

Und macht ihn wackeln erſt/ und daß er ſich muß regen:

Bald riſſ er ihn bis an die untre wurtzel loß/

Hernach gab er geſchwind ihm einen ſtarcken ſtoß;

Darob erregte ſich in luͤfften ein getuͤmmel/

Daß auch erthoͤnete der groß gewoͤlbte himmel/

Der uferſtrand erbebt/ man ſiehet/ wie der fluß

Von ſchrecken angefuͤllt zuruͤcke lauffen muß/

Allein die hoͤhlenburg wurd alſo hart getroffen/

Daß die vor finſtre thuͤr itzt gantz und gar ſteht offen/

Und man hinein kan ſehn: Gleich wie durch eine macht

Sich von einander thut die erd und ſchrecklich kracht/

Dadurch die hoͤlle ſich eroͤffnet und entdecket/

Daß auch die bleiche ſchaar der ſeelen wird erwecket/

Welch oͤrther ſind verhaßt den Goͤttern in gemein/

Und man von oben her ſieht in den ſchlund hinein/

Der
[381]Das Achte Buch.
Der greulich anzuſehn/ davon die ſeelen beben/

Und furchtſam muſten ſtehn/ wenn ſie ſehn umb ſich

Das offne tagesliecht. Als Cacus der geſtalt (ſchweben

Und unvermuthend zwar durch Herculis gewalt

In liechte wurd ertappt und in der hoͤhle lage

Verſchloſſen/ daß er ſieng an eine groſſe klage

Mit bruͤllen und geheul/ ſetzt ihm der Hercul zu

Von oben mit geſchoß und ließ ihm keine ruh.

Gebrauchet allerley gewehr und ſchwere waffen/

Damit er wieder ihn ſich traute was zuſchaffen/

Hielt ſtets mit werffung an der zweig und groſſer ſtein.

Er aber (weil nunmehr nicht muͤglich kunte ſeyn

Zu meiden die gefahr) ſpeyt aus dem weiten rachen

Viel dicken rauch und dampff und kunt im loche machen

(O ſchrecklich wunderding!) ſo finſtre nebeldufft/

Daß man nichts ſehen kunt in dieſer wuͤſten klufft:

Ja er macht in der hoͤhl ein uͤberſchrecklich ſchmauchen/

er fuͤllt die nacht mit dampff/ mit feuer duͤnſt und rauchẽ.

Aleides kunte dis aus tapffrer eiffers brunſt

Nicht leidẽ/ ſpringt herab durch feuer/ dampff und dunſt/

Wie dicke ſie auch iſt/ wie neblicht ſind die duͤffte

Wie ſchrecklich auch der ſchlund der ungeheuren kluͤffte:

Er griff den Cacum ſtracks/ ob er gleich feur und rauch/

Doch ohn verrichtung/ ſpie mit dampfferfuͤlltem hauch.

Er druͤckt und aͤngſtet ihn unauffgehoͤrter maſſen/

Und wolte von ihm nicht fuͤr grimm und zorn ablaſſen;

Die augen ſprungeu ihm aus ſeinem kopff/ die kehl

Erſticket/ daß er muſt außſpeyen ſeine ſeel.

Stracks
[382]Das Achte Buch.
Stracks wurd der groſſe ſtein vom eingang weggeriſſen/

Die wohnung auf gemacht und alls entzwey geſchmiſſen/

Das vieh/ ſo er entfuͤhrt/ bracht man an ſonnenſchein/

Und was er wieder recht fuͤr gut gezogen ein.

Es wird das greulich aaß gezogen bey den fuſſen

Aus der zerſtoͤrten klufft/ darob die leute lieſſen

Sich ſchauer nehmen ein. Dann kunten ſie ſich nicht

Satt oder muͤde ſehn am ſchrecklichen geſicht/

An aug und bruͤſten/ die von dick- und rauchen haaren

Bewachſen uͤberall und gleichſam borſtig waren;

Sie ſehn den rachen an/ wie dieſes ungeheur

Nicht ſpeyen kunte mehr wie vorhin/ rauch und feur/

Seyther iſt man dem brauch und ſitte nach gekommen/

Daß man zu ehren hat dem Hercules genommen/

Diß feſt in heilger acht/ und haben fuͤrder auch

Die nachkoͤmlinge froh gehalten den gebrauch/

Und dieſen tag gefeyrt mit opffern und gebaͤten/

Und iſt Potitius am erſten auffgetreten/

Als ſtiffter dieſes feſts/ wie auch hernach Pinar/

Der dieſes heilgen brauchs getreuer Huͤter war.

Der hat den altar auch/ den wir auch allzeit wollen

Den groſſen nennen/ wie wir ihn auch nennen ſollen/

Gebauet in dem wald/ und angeſtellt die feyr/

Weil dieſer Held erlegt dis ſchrecklich ungeheur.

Derhalben nur wolan ihr purſche/ weil wir halten

Dem Hercules zur ehr diß feſt/ darinn die alten

Uns fuͤrgegangen ſind/ ſo bringet kraͤntze her/

Und ſetzt ſie auff das haupt/ und was zum opffer mehr

Ge-
[383]Das Achte Buch
Gehoͤret; Trinckt friſch ruͤm/ und rufft aus einem munde

Deu groſſen Hercul an/ daß dem gemachten bunde

Sein recht geſcheh: Denn er iſt aller unſer Gott/

Der uns errettet hat aus aller noth und ſpott/

Und opſſert willig wein. So redet er zu ihnen/

Und hieß den Hercules mit allem fleiß bedienen:

Drauff wurd von Pappellaub/ das von zwo farben war/

Ein krantz gewunden/ den wund er ſich umb die haar.

Wie Hercules gethan/ und nahm den birckenmeyer

In ſeine rechte hand/ der zu der heilgen feyer/

Und feſt gehoͤrig war: So bald goß jederman

Ein wenig auff den tiſch/ wies braͤuchlich war gethan;

Und waren wolgemuth/ und beteten die Goͤtter

Mit heilger andacht an/ als ihren ſchutz und retter.

Immittelſt neiget ſich die ſonn am himmels dach/

Und kam die dunckle zeit des abends allgemach.

Man ſah die prieſter zunfft ſich ein-zum opffer-ſtellen;

Potitius gieng fuͤr/ bekleidt mit rauchen fellen/

Geſtalt es braͤuchlich war/ ſie trugen fackelen

Und namen wieder fuͤr zum opffermahl zu gehn.

Sie ſetzen auff den tiſch auch obſt mit ſchweren ſchaalen

Wie auch das emgeweyd/ und thun den opffermahlen

Zur gnuͤg ihr heilges recht/ die zunfft der Salier

Sich finden auch herbey und tantzen luſtig her

Nach dem geſang und ſpiel umb altar/ da die flammen

Von opffer/ welches angezuͤndt iſt/ gehn zuſammen:

Ein jeder iſt geziert mit einem Pappeln krantz;

Hier waren junge purſch/ die trieben ſpiel und tantz;

Dort
[384]Das Achte Buch.
Dort ſaſſen alte leut/ die prieſen Herculs tugend

Und thaten mit geſang/ wie er ſchon in der jugend

Zwo ſchlangen haͤtt erwuͤrgt mit ſeiner kindeshand/

Die erſten beſtien/ die wider ihn entbrand

Durch Juno bittern haß/ und wie er ferner haͤtte

Mit krieg gekehret uͤmb die weitberuͤhmte ſtaͤdte/

Als Troja/ und hernach Oechalia/ wie er

Wol tauſendterley muͤh/ angſt/ elend und beſchwer

Aus zwang des Koͤnigis Euryſteus und getriebe

Der grimmen himmelsfrau durch groſſe tugendliebe

Gelitten haͤtte feſt. Du unbeſiegter held/

(So ſungen ſie) der du biſt groß in gantzer welt;

Du haſt das pferdevolck von zweyerley geſtalten

Die man Centauren nennt/ mit grimmigen gewalten

Erſchlagen und erwuͤrgt/ du haſt den groſſen ſtier

Zu Creta umbgebracht/ das ungeheure thier;

Du haſt den lewen auch vermocht zu uͤbermeiſtern

Im walde Nemea/ die hoͤlle ſampt den geiſtern

Geſchreckt und uͤberſtrebt. Es hat der hoͤllenhund/

Da er die beine fraß/ und lag mit offnem ſchlund/

Gefuͤrchtet deinen zorn/ und allda laſſen liegen

Was er benaget hat/ weil er ſich muſte ſchmiegen

Fuͤr deine groſſe macht. Nicht einige geſtalt

Der ungeheuren thier/ auch keinerley gewalt

Hat jemals dich geſchreckt. Typholus hat nicht koͤnnen

Mit ſeiner ſtaͤrck und wehr dir etwas angewinnen/

Noch ſchrecken jagen ein: Es hat dir nicht an rath

Gemangelt/ da die ſchlang dich ſo uͤmringet hat/

Zu
[385]Das Achte Buch.
Zu Lerna bey dem pfuhl/ da ſie mit hundert kehlen/

Dir hefftig ſetzte zu und dachte dich zu queelen;

Sey doch von uns gegruͤßt/ du warer Jovis ſohn/

Der du den Goͤttern biſt ihr kleinod/ zier und kron.

Komm gnaͤdig doch zu uns zu dieſem deinen feſte/

Anff dem wir freuen uns zu ehren dir auffs beſte.

So preiſeten ſie ihn mit ihrem lobgeſang/

Sie ſetzen auch hinzu/ mit inniglichem danck

Des Cari felſenburg/ wie er erſchrecklich ſchrye

Ja wie er ſchweffel/ dampff und feuer von ſich ſpie

Man hoͤret/ wie davon berg/ huͤgel/ puſch und wald

Mit hefftigem gethoͤn erklinget und erſchallt.

Als ſie nun dieſes feſt beſtellt mit opffern haben/

Geſchachs/ daß ſie geſammt ſich in die ſtadt begaben:

Der Koͤnig gieng zu fuß/ der hoch bejahret ſchon/

Mit dem Eneas und dem Pallas ſeinem ſohn;

Da unterweges er manch ſchoͤn geſpraͤche hielte/

Damit man den verdruß in gehen nicht ſo fuͤhlte/

Es koͤmmet wunderlich Eneen alles fuͤr/

Laͤßt ſchieſſen hin und her die augen/ traͤgt begier

Und luſt zu dieſen ort: Er forſchet gnau und eben

Nach allen wolgemuth/ und ließ bericht ihm geben/

Er hoͤret die geſchicht erzehlen vorger leut/

Und wie geweſen ſey ihr ſtand und moͤgenheit.

Drauff hub Evander an/ der/ maſſen man noch ſchauet/

Auff Palatinus berg hat eine ſtadt gebauet:

Das Faun-und Nimfen volck bowohnte dieſen wald/

Ein volck von grober art und euriſcher geſtalt;

BbJa
[386]Das Achte Buch.
Ja die entſproſſen ſind aus harten eichenbaͤumen/

Die guter ſittenbau und wandel nichts einraͤnmen/

Die ſich verſtehen nicht auff ochſen ſpannen an/

Und wie es umb den pflug und acker ſey gethan.

Sie wiſſen nicht beſcheid zu werben/ zu handthieren/

Sie koͤnnen ſparen nicht/ und keinen handel fuͤhren;

Sie nehren ſich von obſt/ von wilpraͤt auff der jagt/

Wie harte ſpeiſ es ſey/ ſie ihnen doch behagt;

Da iſt Saturnus erſt von Creta hergekommen/

Dem von dem Jupiter ſein land war ein genommen/

Und floh fuͤr ſeiner macht: Der hat die groben leut/

Die hin und wieder man auff bergen ſah zerſtreut/

In ordnung wieder bracht/ und ſatzungen gegeben/

Nach deren inhalt ſie und meinung ſolten leben;

Und hat daſſelbe land genennet Latien/

Weils ihm da ſicher hat und ruhig koͤnnen gehn/

Und iſt die guͤldne zeit geweſen (wie man ſaget)

Da er regieret hat: Das volck hat nicht geklaget.

Man hatte fried und ruh; Bis aͤrgre zeit drauff kam/

Da mehr und mehr das gold in ſeinem werth abnam/

Und tolle raſenheit zum krieg war auff gekommen/

Da auch der ſchnoͤde geitz die menſchen eingenommen:

Da ſind Auſonier/ wie auch Sicanier

Gekommen in diß land mit einem groſſen heer/

Und iſt Saturni land durch rauben krieg und morden/

Ja manchen uͤberfall genand offt anders worden:

Da haben Koͤnige und unter anderen

Der grimme Tybris ſich im land Italien

Er-
[387]Das Achte Buch.
Erhoben thurſtiglich; Nach welches namen haben

Die Welſchen ſich bequemt und dieſem fluſſe gaben

Den namen Tybris auch/ der ſonſt hieß Albula/

Der ſich verloren hat in gantz Italia.

Als ich nun war entſetzt von meinem reich und ſtande/

Und außgetrieben wurd aus meinem vaterlande/

Und daß ich muſte ziehn gantz euſerſt an das meer/

Bin ich an dieſen ort gekommen endlich her

Durchs gluͤck und goͤttliches fuͤrſehn/ das weißlich waltet/

Und in der menſchen thun regieret/ herrſcht und ſchaltet:

Die mutter eine nimpf hat mich gemahnt auch an/

Nicht minder hat es mir der Febus kund gethan

In ſeinem weiſen ſpruch. Nach dieſem/ da er gienge

Des weges weiter fort/ zeigt er ihm groſſe dinge/

Der heiligen altar/ den ſeine mutter hat

Geſtifftet und die pfort/ die mit bedachtem rath

Den Roͤmſchẽ namen fuͤhrt Carmenta/ wie man ſaget/

Der nimf Carment zur ehr/ der dieſes hat behaget/

Die auff wahrſagerey ſich ziemlich wol verſtund/

Und erſt hat auffgethan zu propheceyn den mund;

Die Troer wuͤrden noch nach vielerley beſchwerden

Und außgeſtandner muͤh beruͤhmt und herrlich werden/

Und Pallanteum ſeyn ein hochbenahmte ſtadt/

Die von dem Pallas her den edlen namen hat.

Dann zeigt er auch den wald mit ruͤhmlichen vermelden/

Den Romulus der kern und kleinod tapffrer helden

Zur freyheit hat gemacht/ auff ſolche weiſ und art/

Wie weyland zu Athen gemachet ruͤhmlich ward.

Bb 2Er
[388]Das Achte Buch.
Er gienge weiter fort und an die ſtelle kame/

Die heilig wird genand: Lupercal iſt der name/

Bey einem kuͤhlen felß/ und iſt den goͤtzen Pan

Nach brauch Arcadiens geheilget bey gethan.

Er wieß ihm auch den ort des grabes Argilete/

Der weyland war verflucht/ verflucht auch noch die ſtete/

Er haͤtte keine ſchuld des namens noch geſchicht/

Und gab/ wie Argus wehr der gaſt getoͤdt/ bericht.

Hernachmals fuͤhrt er ihn auffs groſſe ſchloß Tarpeien

Und Capitolium/ das man in golde ſtehen/

Kan gleichſam ſehen jtzt; Daß hiebevor nur war

Mit wilden puͤſchen rauh bewachſen gantz und gar.

Es war zu der zeit ſchon diß orthes zu verſpuͤren

Ein hoher andacht geiſt/ die hertzen zu beruͤhren

Des ſitten groben volcks mit ſchrecken/ furcht und ſcheu/

Sie zitterten dem wald und felß zu wohnen bey.

Es wohnt in dieſem wald und auff den gruͤnen hoͤhen

(Sagt er) gewiß ein Gott. Doch kan man nicht verſtehẽ

Was es fuͤr einer ſey. Zwar die Arcadier

Beſtehn auffdieſem wahn/ daß es den Jupiter

Selbſt da geſehen hab/ da er zum oͤfftern ſchluge

Am ſchwartzen ſchild/ den er in ſeiner rechten truge/

Und einen wetter ſturm in luͤfften reget an.

Du ſieheſt uͤber das/ wies ſchlecht dort iſt gethan

Umb jenes ſtaͤdte paar/ wie ſie ſind umbgekehret/

Zerriſſen auff den grund/ verwuͤſtet und verheeret/

Du ſieheſt noch den reſt von ihrem mauerwerck/

Der alten vaͤter grab und ſchrifftliches gemerck.

Schau!
[389]Das Achte Buch.
Schau! dieſe ſtadt hat Jan/ der beydes forn und hinden

Geſtirnet iſt/ jen hat Saturnus/ wie wir finden/

Gebauet: Dieſe wird Janiculus genand;

Jen heiſt Saturnia; So viel mir iſt bekand.

In ſolcherley geſpraͤch kam man ins ſchloß gegangen

Evandri/ deſſen thun nicht war von groſſem prangen:

Man ſah am roͤmſchen marckt die groſſen heerden gehn/

Und weiden hin und her/ da itzt pallaͤſte ſtehn.

Sie bloͤckten in der gaß Carin/ die jtzt gebauet

Sehr ſchoͤn und herrlich iſt/ daran man wunder ſchauet:

Als man ins zimmer kam/ hub er ſo redend an;

In dieſes hauß iſt ein gekehrt der ſiegesmann

Alcides: Dieſer ſitz war dieſem groſſem helden/

Von dem man anders nichts/ als tugendlob muß meldẽ/

Nicht zu gering und klein. Mein werther lieber gaſt/

Sey doch in deinem ſinn ſo keck und wol gefaſt/

Daß du moͤgſt groſſes gut und ſchnoͤdẽ pracht verachten/

Und bild dir ein/ daß man dich wuͤrdig ſol betrachten/

Wie der Alcides war/ und laß mein guͤtelein

Dir lieb und angenehm mit gutem willen ſeyn.

Mit dieſem fuͤhret er den trefflichen Eneen

Ins enge loſament/ ließ ihn nicht laͤnger ſtehen/

Lud ihn zu ſitzen hin/ auff eine lager ſtatt/

Die er mit einer haut von einer baͤhrin hatt

bedeckt/ wie auch mit laub. Die braune nacht kam gangẽ/

Und hatt den erdenkreiß mit finſternuͤß umbfangen.

Die Venus aber/ die bey ſolcherley gefahr

In ihrem hertzen nicht ohn fug erſchrocken war/

B b 3Be-
[390]Das Achte Buch.
Bewogen auch durch der Latiner hartes dreuen

Und auffſtand/ welches ſie nicht wenig muſten ſcheuen/

Sprach ſie Vulcanum an/ und zwar da ſie gleich lag

Bey ihm in guͤldnem bett/ und bracht ihm ihre klag

Gar zierlich fuͤr und kunt nach ihrem wuntſch und willẽ

Sein hertz mit Goͤtter lieb bewegen und erfuͤllen:

Als wieder Troja zog das heer der Griechen aus/

Und dieſe ſchoͤne ſtadt und koͤnigliche hauß

Mit feur verheerte/ das ohne krieg und morden

Nach Goͤttlichem geheyß wehr außgetilget worden/

Hab ich fuͤrs arme volck umb keine huͤlffe dich

Erſucht/ noch mittel/ die du haͤtteſt noch fuͤr mich/

Mein liebſter ehgemahl/ von deiner kunſt und gaben

Gebethen/ die ich nun von noͤhten werde haben.

Ich habe nicht gewolt dir uͤberlaͤſtig ſeyn/

Noch muthen etwas an/ das nichts kunt bringen ein:

Wie wol ich war verpflicht des Priami geſchlechte/

Und kindern/ ihnen bey zuſtehn nach meinem rechte/

Und des Eneens muͤh/ noth/ elend und beſchwer

Mit naſſen augen hab beweinet offt und ſehr.

Nun aber hat er ſich in Latien begeben/

Nach Jupiters befehl/ und will da wohnhafft leben;

Derhalben ſey von mir dein heilge Majeſtaͤt

Erſucht demuͤthiglich mit innigem gebaͤt;

Laß meinen ſohn doch ſeyn vorſehn mit guten waffen/

Damit er fried und ruh ſich einmahl koͤnne ſchaffen.

Es hat Tythonia und Thetis koͤnnen dich

Erweichen/ da ſie auch ſo baten inniglich.

Als
[391]Das Achte Buch
Aͤls ſie nun aus geredt/ und er ihr ſolch begehren

Und willen wolte nicht auff einem ſtutz gewehren/

Umbfing die Venus ihn mit weiſen aͤrmelein

Und kunte gegen ihm thun freundlich hold und fein;

Er alſobald empfand die flamme/ wie er pflegte

Die ſich in marck und bein gantz bruͤnſtig bey ihm regte/

Nicht anders/ als der plitz/ der mit geſchwindem liecht

Mit einem donnerſchlag durch dicke wolcken bricht.

Sein ehgemaͤhlin nun begunte dis zu mercken/

Und wuſte/ was fuͤr krafft ſie haͤtt in liebeswercken

Durch ihrer ſchoͤnheit glantz/ war friſch und guter ding/

Daß ihr der poſſen ſo nach wuntſch von ſtatten gieng.

Da ſprach der alte herr/ der fuͤr und fuͤr verbliebe

Derſelbigen verknuͤpfft mit demantfeſter liebe:

Was hohlſt du deine bitt und urſach alſo weit/

O Goͤttin/ wo haſt du gelaſſen allbereit

Dein zuverſichtliches mir tragendes vertrauen/

Das ich wol eh an dir hab froͤlich koͤnnen ſchauen?

Wehr gleiche ſorge dir gelegen vormahls an/

So wuͤrd ich haben das zur ſelben zeit gethan.

Und haͤtte deinen ſohn und leute wollen ruͤſten

Mit guten waffen aus nach meinem recht und luͤſten;

War auch entgegen nicht dem groſſen Jupiter/

Daß Troja ſolte ſtehn noch zehen jahr und mehr/

Und ſolte Priamus noch andre zehn jahr leben/

Darwieder wolt auch nicht der Goͤtter ordnung ſtreben:

Und nun auch/ wenn du je zu kriegen biſt geſinnt

Und noch der meinung biſt/ wolan! wil ich geſchwind

B b 4Was
[392]Das Achte Buch.
Was ich vermag und kan durch meine kunſt verheiſſen;

Wil ungeſparter muͤh ich mich dahin befleiſſen;

Und thun/ was du begehrſt: Was ertz und eyſen kan/

Was feur und blaſebalg/ ſol werden bald gethan/

Halt nur mit bitten ein/ als wenn du dir nicht trauteſt

Bey mir zu gelten was/ und nur vergebens bauteſt

Auff meine huͤlff und ſchutz: Diß ihr zu machen kund

Gab er ihr einen kuß auff ihren roſenmund/

Umbfienge freundlich ſie/ blieb ihr in ſchoſſe ligen/

Sanck hin in ſuſſen ſchlaff/ und ſchoͤpffte ſein vergnuͤgen

An vielgewuͤntſchte ruh. Darnach zu mitternacht/

Als gleich der erſte ſchlaff gethan war und verbracht:

Macht er ſich auff behend/ gleich einem embſgen weibe/

Die/ daß ſie ihr gewerb und nahrung ehrlich treibe

Mit ſpinnen und gewerb/ ſteht auff und wend ein theil

Der nacht zur arbeit an/ ſchlaͤgt feuer auff in eil/

Und wecket ihr geſind/ daß ſie bey liechte ſpinnen

Ihr tagewerck recht auff/ und wil alſo gewinnen

Ihr liebes ſtuͤcklein brodt/ damit ſie keuſch und rein

Behalt ihr ehebett/ und ihre kinderlein

Erzieh mit lob und nutz. Auff ſolche weiſ und maſſen

Will ſich Vulcanus hier nicht traͤger finden laſſen:

Er machet ſich geſchwind aus ſeinem weichen bett/

Und mit behendem fleiß an ſeine ſchmiede geht.

Es liegt ein eyland da/ Sicilien und Liparen/

Zur ſeite/ da viel felß-und hohe klippen waren

Voll ſchweffel/ dampff und rauch/ darunter eine grufft/

(Wie in dem Etnas berg/) zuſehen mit dicker dufft/

Die
[393]Das Achte Buch.
Die darumb außgehoͤhlt/ damit die ſchmiodgeſellen

Ihr eſſe ſolten da und ſchmiedewerck anſtellen.

Dieſelbe hoͤhle gibt ein groß gethoͤn von ſich/

Man hoͤrt/ daß widerſchallt der amboß maͤchtiglich

Von ſchlaͤgen/ die auff ihn mit ſchrecklichen gewalten

Geſchehen/ und die er kan unbewegt behalten:

Der ſtahl ziſcht in der hoͤhl/ in ofen ſchnaubt das feur/

Da iſt Vulcani ſchmied/ iſt groß und ungeheur/

Und wird Vulcania die Juſul noch genennet.

Hieher nun kam Vulcan der ſchmiede Gott gerennet

Vom blauen himmels ſchloß: Es ſtunden alda ſchon

Die knecht und ſchmiedeten/ daß alles thoͤnt davon/

Der Brontes/ Steropes/ Pyracmon/ welcher gienge

Im heinbde/ ſonder wambs; Sie ſchwitztẽ nicht geringe/

In dem ſie ſchmiedeten an einem donnerkeil/

Der jtzund allbereit verfertiget zum theil

Und außgefeilet ward/ dergleichen viel von himmel

Der vater Jupiter mit ſchrecklichem getuͤmmel

Wirfft auff den erden kreiß. Ein theil blieb unvolbracht/

Und wurde mit der feil noch nicht gar außgemacht.

Drey ſtrahlen machten ſie von hagel und von ſchloſſen/

Drey von den wolcken/ die von waſſer ſich ergoſſen/

Drey von dem rothen feur/ und drey von ſchnellem wind;

Herbſt/ Sommer/ Winter/ Lentz dadurch bezeichnet ſind.

Und als Vulcanus kam/ da miſchten ſie zum wercke

Den plitz und donnerknall/ zu nehmen ein gemercke

Des zorrens/ furcht und angſt/ wenn Jupiter mit plitz

Und donner ſchlaͤget drein/ daß auch der himmel ſitz

B b 5Und
[394]Das Achte Buch.
Und erde beben muß. Auff einer andern ſeite

Und feilbanck machten ſie dem Kriegsgott zu dem ſtreite

Ein ſchreckliches geſchirr und wagen/ damit er

Bringt ſtaͤdt und voͤlcker auff und richtet groſſe beer.

Auch ſchmieden ſie den ſchild und harniſch fuͤr Minervẽ/

Die ihren zorn und grimm erſchrecklich kunte ſchaͤrffen/

Sie uͤberguͤlden alls mit eiffer-munterm fleiß/

Und machen ſchuppen dran auff drachen art und weiſ;

Sie ſetzen auch hinzu die eingeflochtnen ſchlangen

Und der Meduſen haupt/ das an der bruſt gehangen

Der weiſen Gottin iſt. Man ſah noch/ was ſie gab

Fuͤr blicke/ da der kopff ihr war gehauen ab:

Ihr purſche/ ſagt Vulcan/ laſt dieſes alles ligen;

Ihr ſolt was anders itzt zu thun (merckt auff mich) kriegẽ

Es muß itzt ruͤſtung ſeyn fuͤr einem held gemacht;

drumb brauchet eure krafft/ und ſchmiedet/ daß es kracht.

Darzu gehoͤret ſtaͤrck/ ihr muͤſt die faͤuſte regen/

Und eure kunſt zu hauff an ſolche waffen legen.

Saͤumt in geringſten nicht. Er machte nicht mehr wort;

Sie aber griffen an das werck und machten fort.

Es wolte keiner was an ſich erwinden laſſen/

Sie theilten unter ſich die arbeit gleicher maſſen/

Da wird das ertz und gold geſchmeltzet in der glut/

Daß es mit hauffen fleuſt/ wie eine groſſe flut.

Es wurd auch in der eſſ geſchmeidig ſo das eiſen/

daß man es/ wie man wolt/ kunt auf dem amboß ſchmeiſ-

Sie machten einen ſchild ſo groß/ daß er allein (ſen

Kunt wieder alle ſchuͤß der feinde gnugſam ſeyn.

Den
[395]Das Achte Buch.
Denſelben machen ſie aus ſieben feſten platen:

Die andern hurtiglich die blaſebaͤlge traten.

Man ſiehet etliche das eiſen kuͤhlen ab/

Da es mit dickem dampff ein groß geziſche gab.

Die gantze hoͤhl erthoͤnt von haͤmmern und von ſchlagen/

Vnd kan gantz unbewegt der amboß das ertragen.

Sie heben unter ſich die arm empor mit macht

Und ſchmeiſſen ſchlag umb ſchlag/ das alles knallt und

drauff nehmẽ ſie herfuͤr mit ihrer zang das eyſen; (kracht.

Und kehrens umb und umb/ und koͤnnen alſo ſchmeiſſen/

Und mit demſelbigen ſo uͤmb-geſchicklich-gehn/

Daß es nach ihrem kopff und willen recht muß ſtehn.

In dem nun mittlerweil Vulcanus ſolche ſachen

Im land Eolien in eil gedenckt zu machen/

Da weckt Evandrum auff der liebe ſonnenſchein

Und liebliche geſang der bunten voͤgelein/

Die unter ſeinem dach die ſtimmlein laſſen ſchallen.

Der alte herr ſteht auff und laͤſſet ſichs gefallen

Das kleid zulegen an/ und an zu ziehn die ſchu/

Die er mit riemen feſt nach Tuſcer art bind zu.

Drauff haͤnget er ſich umb die ſchultern an die ſeite

ein ſcharff Tegaͤiſch ſchwerdt/ gebrauchet laͤngſt in ſtreite/

Legt uͤber eine haut von einem Pantherthier/

Die er zog unterm arm zur rechten ſeit herfuͤr.

Es gingen auch mit ihm von hoher ſtieg herunter

Zween hunde/ die auff ihn beſtellt und waren munter

Und friſch zulauffen mit als ihrem herren nach;

Er gieng zu ſeinem gaſt mit ihm zu halten ſprach/

Und
[396]Das Achte Buch.
Und unterredung in geheim/ der noch gedachte/

Was er des vorgen tags fuͤr buͤndnuͤß mit ihm machte/

Und was er ihm verhieß. Nicht minder machte ſich

Eneas auff gar fruͤh: Sie gaben froͤliglich

Einander ihre hand/ als ſie zuſammen kamen/

Die mitgeferthen/ die ſie beyde mit ſich namen/

War Pallas und Achat; Sie ſatzten mitten drinn

Sich nieder in dem hauß/ und fahn mit freyem ſinn

Alſo zu reden an: Erſt redte ſo der Koͤnig:

Du tapffrer oberſter der Troer/ der nicht wenig

An tugend haabe gilt/ bey deſſen leben ich

Geſtehen nimmer will/ daß Troja koͤnne ſich

Mit ſeinem reich und macht verloren gaͤntzlich achten;

Ich habe zwar/ wenn ich will meinen ſtand betrachten

Den groſſen namen nach/ nicht zu zuſetzen viel:

Denn auff der einen ſeit iſt meines reiches ziel

Der ſtrenge Tyburſtrom/ der gleichſam uns verſperret;

Und auff der andern ſeit uns feindlich zwackt und zerret

Das volck der Rutuler/ das faͤhrt gewapnet her/

Und koͤnnen ſicher kaum ſeyn fuͤr dem thore mehr.

Doch aber hab ich fuͤr nach deinem wolvergnuͤgen

Dir groſſes volck und heer zur huͤlffe bey zu fuͤgeu;

Welch heil dir das geluͤck itzt zeiget wunderlich/

Und koͤmmt/ als wenn Gott ſelbſt geruffen haͤtte dich.

Es ligt ein alte ſtadt Agylla wol mit mauren

Befeſtigt/ welche noch kan manchen puff außtauren/

Nicht weit von hier/ da vormals ſonſt die Lydier

Ein kriegberuͤhmtes volck mit uͤber groſſem heer

Sich
[397]Das Achte Buch.
Sich nieder ſetzeten auff der Hetrurer hoͤhen;

Dieſelbe Stadt als ſie bey gutem wolergehen

Geſtanden hat viel jahr/ hat glelch zur ſelben zeit

Mezentius beherrſcht mit ſtoltzer grauſamkeit.

Was ſol ich ſagen viel von greuel/ wuͤrg-und morden/

Das von dem wuͤterich iſt aus geuͤbet worden;

Die Goͤtter wollens ihm vergelten endlich ſo/

Daß mit den ſeinigen er nimmer werde froh.

Ja dieſer grauſame tyrann und grimme richter

Band tod an lebende/ geſichter an geſichter/

Und haͤnd an haͤnde (o der unerhoͤrten quaal!)

Die floſſen der geſtalt mit eiter/ blut und ſchwal/

Und muſten jaͤmmerlich mit ſolcherley umbfaſſen

Durch einen langen tod ihr liebes leben laſſen:

Allein die buͤrgerſchafft wurd endlich ſchwuͤrig drob/

Als er es machen wolt mit ihnen gar zu grob/

Und allzugreulich tobt: Umringen derowegen

Ihn und ſein hauß und hoff/ und ſich gewapnet legen

Fuͤr ſeine thuͤr und thor und ſchlagen alles tod

Von ſeinen leuten/ die ihn ſtehen bey in noth.

Ja werffen feuer auch ans dach und hohen giebel/

Jedoch entrinnet er dem ungeſtuͤmen uͤbel/

Und dieſer wuͤrgerey/ floh ins Rutulierland

Zum Turnus/ der ihn ſchuͤtzt mit willger freundes hand/

Als ſeinen alten gaſt. Allein die voͤlcker kommen

Aus gantz Italien/ da ſie ſchon laͤngſt genommen

Die waffen zu der hand mit vollem eiffers grimm/

Und fodern den tyrann mit macht und ungeſtuͤmm

Zur
[398]Das Achte Buch.
Zur ſtraff/ und ſtehen da bereit zu ſcharmuͤtzieren;

Zu dieſen wil ich dich/ o faͤrſt Eneas/ fuͤhren/

Du ſolſt ihr feldherr ſeyn: Es liget alles voll

Am haven/ ſind fuͤr leid und ungedult faſt toll;

Und wollen/ man ſol ſie ſtracks fuͤr die feinde fuͤhren;

Allein ein alter man/ bey dem ſich weißheit ſpuͤren

Und propheceyung ließ/ eroͤffnet ſeinen mund

Und that zum unterricht diß ihnen freundlich kund:

O ſchoͤne manſchafft aus Hetrurien entſprungen

Der vaͤter blum und krafft/ die wahrer ſchmertz getrungẽ

Zu ziehen gegen feind/ und die gerechter grimm

Entgegen den Mezentz gereitzt mit ungeſtuͤmm

Es mag kein Welſcher mann nach goͤttlichem vorſehen

Sich auff ſo groſſes volck und regiment verſtehen:

Fuͤr allen dingen muͤſt ihr ſeyn darauff bedacht/

Wie von den frembden euch ein heerfuͤrſt ſey gebracht.

Drauff hat ſich dieſes volck ſo angehoͤrter maſſen

Nach goͤttlichen bericht im felde ſtillen laſſen;

Der Tarchon aber hat mir bottſchaffk zugeſand/

Und mit des reiches kron den ſcepter zuerkand:

Und wil mich allerdings zu ihrem Koͤnig machen;

nun nehm ich mich gern an des krieges und reichs ſachen:

Allein mein kalter leib und traͤges alterthumb

Mißgoͤnnt die berrſchafft mir zu werben ehr und ruhm.

Zwar wolt ich meinen ſohn wol gern hierzu vermahnen/

Daß er ſich dieſes reichs und aller unterthanen

Nehm an/ im fall er nicht von einer mutter wehr/

Die aus Sabinen iſt gekommen buͤrtig her/

Und
[399]Das Achte Buch.
Und alſo haͤtte theil an dieſem vaterlande:

Du aber/ dems gegoͤnnt nach jugend und verſtande

Vom goͤttlichem geſchick/ den ſelbſt der Goͤtter rath

Zu dieſem regiment beſtimmet weißlich hat;

Nimms an/ o tapffrer held/ und hertzog der Trojaner/

Wie auch nicht weniger inkuͤnfftig der Tuſcaner?

Ich wil dir uͤber das mein hoffnung troſt und hort/

Den Pallas/ geben mit zu ziehen mit dir fort/

Damit er ſich gewehn nach deiner lehr und rechten/

Und lern die kriegeskunſt/ den ſchweren ſtreit und fechten/

Auch halte deine that fuͤr augen ſtettiglich/

Daß er dirs nach zu thun mit ruhm befleißge ſich.

Ich wil zweyhundert ihm Arcadſche reuter geben/

Schoͤn außerleſſnes volck/ und leute/ welche ſtreben

Mit keckem muth nach ruhm: So viel wird auch fuͤr ſich

Der Pallas nehmen mit mein ſohn und ehren dich.

Evander hatte kaum dis wort gebracht zum ende/

Da ſchlug Eneas und Achates gar behende

Die augen auff die erd/ und dachten hin und her

Mit traurigem gemuͤth an hart und viel beſchwer.

Sie wehren laͤnger auch in den gedancken blieben/
*Die

Venus.

Weñ ſie die * Luſtinne nicht haͤtte ſelbſt vertriebẽ/

Die an dem ſternen ſitz ein klares zeichen gab:

Denn unvorſehens fuhr ein ſchneller plitz herab

Von klarem him̃els thron mit ſolchem ſchall und knallen/

Nicht anders/ als wolt alls in einem hauffen fallen:

Man kund auch in der lufft vernehmen einen ſchall/

Der anders klunge nicht/ als der trompeten hall.

Sie
[400]Das Achte Buch.
Sie ſahen auff/ da hoͤrt man wieder groſſes knallen/

Man ſiehet im gewoͤlck viel waffen/ welche ſchallen/

Wenn an einander ſie geſtoſſen wurden offt/

Man ſieht ſie ſchimmern hell in hoch geſtirnter lufft.

Die andern wurden drob beſtuͤrtzt in ihren ſinnen;

Eneas aber kennt der mutter der Goͤttinnen

Gelaut/ uud daß es wehr ein zeichen der genad/

Da ſie ihm huͤlff und ſchutz zu thun verſprochen hat.

Derhalben ſaget er. Steh nur in keinen ſorgen/

Mein hoch geliebter wirth/ es iſt mir unverborgen/

Was dieſes wunder bring. Es gilt die deutung mir;

Der himmel will/ ich ſol dem kriege ſtehen fuͤr/

Die mutter Venus hat mir dieſes guter maſſen

Vorher gezeiget an/ und deutlich wiſſen laſſen;

Ich ſolte/ wo ein krieg ſich wuͤrde ſpinnen an/

Diß wunderzeichen ſehn am hohen himmelsplan/

Dann wolte ſie mir auch von himmel huͤlffe ſchaffen

Und geben an die hand Vulcanus ſtarcke waffen.

Ach leider! was ſteht nun fuͤr mord und blutbad fuͤr

Dem Laurentiner volck/ wie wirſt du/ Turne/ mir

noch buͤſſen maͤchtiglich/ was leichnam ſchild und waffen

Viel tapffrer leute wird der vater Tybris raffen

In ſeinem ſtrome fort! Sie moͤgen uns nun ſtreit

Und vhede bieten an/ und brechen bund und eyd.

Als er diß außgered/ ſtieg er vom ſtul herunter/

Gieng erſtlich zum altar des Herculs friſch und munter/

Und machte feuer an/ hernach ins geſtrig hauß;

Da ſein ſchlecht weſen war/ und ſahe froͤlich aus.

Evan-
[401]Das Achte Buch.
Evander ſchlachtete daſelbſt mit ſeinen gaͤſten

Den Troern gute ſchaaff/ und die mau von den beſten

Erwehlte nach gebrauch/ nach dieſem gieng er fort/

Und ſah/ was ſeine purſch guts macht an meeres port.

Aus ihnen nimmt er fuͤr die beſten zu erkieſen/

Die ſich als tapffre leut im kriege brauchen lieſſen;

Den uͤberbliebnen theil erachtet er fuͤr gut

Zu ziehen laſſen heim bey ſtillem ſtrom und fluth.

Die floſſen mit dem ſtrom hinunter ohn bemuͤhen

Und arbeit/ weil ſie nicht die ruder dorfften ziehen;

Sie brachten zeitung mit dem kleinen ſohn Aſcan/

Wies umb den vater ſtuͤnd und annoch waͤr gethan.

Es wurd ein gutes pferd gegeben einem jeden/

Der von den Troern war zu dieſem krieg beſchieden/

Und in Hetrurien itzt ſolte ziehen mit/

Das allerſchoͤnſte roß war/ drauff Eneas ritt;

Man fuͤhrts ihm fuͤr und war gantz um und um bedecket

Mit einer rothen haut/ vom leuen/ der noch recket

Die ſpitzen klauen aus/ die ſchimmerten verguͤldt;

Der ruff wird laut hievon und alles ſtracks erfuͤllt

In dieſer kleinen ſtadt: Es zoͤgen eilend reiter

Ins land Hetrurien/ viel volck und gute ſtreiter:

Da ſieng das weibesvolck aus groſſer furcht und ſcheu

Den Goͤttern an geluͤbd zu legen doppelt bey.

Die furcht iſt groͤſſer noch als die gefahr zuachten/

und ſcheinet ſchrecklicher des Mavors larv und ſchlachtẽ.

Damals nam ſeinen ſohn Evander bey der hand/

Als er geſegnen wolt ſein liebes vaterland/

C cUnd
[402]Das Achte Buch.
Und reiſefertig war. Er weinte ſolcher maſſen/

Daß ſich die zaͤhren leicht nicht wolten ſtillen laſſen/

Und redet alſo: O das mir der Jupiter

Koͤnnt meine vorge jahr doch wiederbringen her/

Wie ich war zu der zeit/ da ich that fuͤr Praͤneſte/

Als ich im offnen feld die feinde ſchlug/ das beſte/

Und als ein ſiegesheer viel hauffen zundet an

Von ſchildern! daß ins graß biß mancher/ rittersmann.

Auch koͤnig Herilus/ den ich zu tode ſchluge

Mit dieſer meiner fauſt und preiß und ſieg weg truge;

Dem die Feronia/ als er gebohren ward

Drey ſeelen eingepflantzt von unterſchiedner art.

(erſchrecklich/ daß mans ſagt) dreymal muſt man die waf-

Gebrauchẽ wider ihn/ eh man was kunte ſchaffen/ (fen

Und muſte dreymal ſeyn ertoͤdtet in dem ſtreit;

Dem dennoch dieſe fauſt drey ſeelen zu der zeit

Genommen ritterlich/ und eben ſo viel waffen

Geraubet allemal/ daß er nichts kunte ſchaffen/

Wenn (ſag ich) mirs ſo gut koͤnnt annoch wieder ſeyn/

Daß ich mich mit dem feind in ſtreit koͤnnt laſſen ein;

Ich wolte/ lieber ſohn/ mich nimmer von dir trennen/

Und ſolt Mezentius mein nachbar nicht ſo koͤnnen

Bravieren trotziglich. Er haͤtte ſo viel blut

Vergieſſen nicht geſolt mit frevelhafftemmuth/

Und dieſe ſchoͤne ſtadt von buͤrgern oͤde machen.

Ihr Goͤtter aber/ die ihr noch fuͤr uns wollt wachen/

Und du/ o groſſer Gott und Koͤnig Jupiter/

Laſt euch des koͤniges und der Arcadier

Be-
[403]Das Achte Buch.
Beſchwer zu hertzen gehn/ und wie ihr habt vernom̃en/

Mein vaͤterlich gebaͤt zu euren ohren kommen/

Wenn eure majeſtaͤt und goͤttliches geſchick

Mir dieſe gnade thut und ſchencket diß geluͤck/

Daß mein ſohn Pallas mir ſol laͤnger ſeyn am leben/

Wo mir mein leben ſol ſo lange ſeyn gegeben/

Daß ich ihn wieder ſeh und wieder zu ihm komm;

So bitt ich einig nur umb lebens friſt: Hierumb

Soll mir kein ungemach noch einige beſchwerden/

Die ich erdulden muß/ ſo ſchwer und bitter werden;

Wo aber du/ o gluͤck/ mir dreueſt ein beſchwer

Und unfall/ der mir faſt zuſagen greulich wehr;

So laß doch nun/ ach nun! den faden meines lebens

Mich ſelber reiſſen ab/ damit ich nicht vergebens

Ohn hoffnung leben muß/ weil ich nicht wiſſen kan/

Obs nach den außgang wird mit mir ſeyn wolgethan/

Und voller zweiffel bin in meinem thun und ſorgen/

Die ich/ mein lieber ſohn/ fuͤr dich trag in verborgen/

Der du mein einig und in meinem alterthumb

Gezeugte freude biſt/ mein kleinod/ zier/ und ruhm

Der ich dich noch allhier in meinem armen halte/

Daß nicht durch boͤſe poſt mein hertz und muth erkalte

Das war das letzte wolt des vaters/ eh ſein ſohn

Mit ſeiner reuterey zoch in den krieg davon;

Und fiel in ohnmacht hin. Die diener alßbald kamen

Gelauffen/ und ihn ſtracks auff ihre ſchultern namen/

Und trugen ihn ins ſchloß. Es zoch die reuterey

Numnehr zum thor hinaus/ die erſten/ die darbey

C c 2Sich
[404]Das Achte Buch.
Sich funden/ war der fuͤrſt Eneas/ und der treue

Achat und oberſten die Troer nach der reyhe;

Der Pallas mitten drinn war ſtattlich anzufehn

In ſeinem reiterrock und ſtund ihm alles ſchoͤn.

Gleich wie der morgenſtern/ der ſich fuͤr andern allen

Beflammten ſternelein die Venus laͤßt gefallen

Wenn er geſpuͤhlet ab in groſſem Occan

Sein ſchoͤnes liecht laͤßt ſehn an hohen himmels plan/

Und kan die finſternuͤß mit ſeinem glantz verjagen;

Die weiber ſtehen auff den mauren voller zagen/

Und ſehn von weitem nach/ wie dieſes ſchoͤne volck

Und reuterey zeucht fort und eine dicke wolck

von leichtem ſtaube macht: dadurch die waffen ſchim̃ern/

die ſpieſſe/ ſchwerdter/ helm und ſchilde ſchrecklich flim̃ern;

Sie ziehn hindurch/ wo ſie der weg am naͤchſten fuͤhrt

Durch Hecken und gepuͤſch gewapnet und geziert.

Es gehet das geſchrey ſehr weit/ die pferde lauffen/

Durchs feld mit vollem trab und uͤber groſſen hauffen.

Es iſt ein groſſer wald an kuͤhlem ſtrom der ſtadt

Agylla/ den umbher der alten andacht hat

Gehalten heilig-werth. Die huͤgel allerwegen

Und finſtrer tannenforſt ſich umb denſelben legen/

Die alten Griechen/ wie viel in der Meinung ſtehn/

Dievormahl in gehabt am erſten Latien/

Die haben dieſen wald/ den jahrfeſttag darneben

Dem feld- und viehe-Gott Sylvan geheilget eben.

Der Tarchon hatte da ſein lager nicht gar weit/

Und das Tyrrhener heer lag gut in ſicherheit

Itzt
[405]Das Achte Buch.
Itzt kunt man alles volck von hohem huͤgel ſehen/

Und wie daſſelbige in ordnung kunte ſtehen

Zu warten ihres feinds im offenbarem feld:

Eneas ritt hinzu der unerſchrockne held/

Und die zum kriegeszug erleſſne ſchoͤne jugend/

des landes blum und kern und außbund tapffrer tugend;

Und weil ſie waren muͤd von dieſer reiß beſchwerd/

Verſorgen ſie den leib und fuͤttern ihre pferd;

Allein die Venus kam bekleidt mit einer wolcke/

Daß ſie nicht wurd erblickt von dem gemeinen volcke/

Bracht ihre gaben mit/ und da ſie dazumal

Erblicket ihren ſohn in einem tieffen thal

Beyſeits am kuͤhlem fluß/ da fieng ſie an gar eben;

Zuſagen/ und wolt ihm ſich zuerkennen geben;

Sieh an/ mein lieber ſohn/ die angenehme gab

Die du gewuͤntſchet haſt/ ich dir verheiſſen hab/

Iſt nun verfertiget vermittelſt meines gatten

Sinnreichen kunſt und muͤh/ dir/ lieber ſohn/ zu ſtatten.

Trag kein bedencken nun zu fodern auff den plan

Die ſtoltzen von Laurent/ ja nimms mit Turno an

Dem tapffern kriegesheld: Diß war der Venus rede/

Und reitzte ſo den ſohn zur offenbahren vhede/

Darauf umbfieng ſie ihn/ legt unter einer eich

Die blancken waffen hin ihm gegen uͤber gleich;

Er aber hoch erfreut in ſeinem hertz und ſinnen

Von wegen dieſer gab und ehre der Goͤttinnen/

Kan ſich nicht ſehen ſatt/ beſieht es hin und her/

Kehrts mit den haͤnden umb/ verwundert ſich gar ſehr.

C c 3Itzt
[406]Das Achte Buch.
Itzt greifft er an den helm/ der ſchrecklich und mit grauen/

Wenn man den federbuſch betrachtet/ war zuſchauen/

Und ſchiene flammen außzuſpeyen: Dann nam er

Das blancke wuͤrgeſchwerd und pantzer/ welcher ſehr

Vom eyſen dicke war/ blutfaͤrbig groſſer ſchwere/

Gleich einer blauen wolck/ im fall ſie etwan wehre

Von ſonnenglantz entzuͤnd/ wird roͤthlich von dem ſtrahl

Und glaͤntzet weit von ſich am hohen himmels ſaal.

Nach dieſen ſah er an die ſtieffeln/ die vom glantze

Des gold- und ſilberſchaums ſchoͤn waren/ dann die lantze

Und ſchild/ den kluge hand ſo uͤbertrefflich gar

Gefertigt/ daß es nicht wol außzuſprechen war.

Im ſelbten hatte nun Vulcan nicht unerfahren

Der propheceyungskunſt/ und was in kuͤnfftgen jahren

Sich wuͤrde tragen zu/ der Roͤmer ſieg und pracht

Und Welſchen tapfferkeit gar meiſterlich gemacht.

Es waren alle/ die von Aſcan ſolten haben

Ihr ankunfft/ in dem ſchild ſehr artiglich gegraben

Und eigentlich gebildt; Es waren anzuſehn

Die kriege/ wie ſie nach der ordnung ſollen gehn.

Auch wie in gruͤner hoͤhl Mars eine woͤlffin hegte/

Die zweene knaͤbelein gebahr und niederlegte.

Sie hiengen an der bruſt/ und ſpieleten darbey

Und lecketen die zitz der woͤlffin ohne ſcheu/

Sie aber beugt herumb den ſchlancken halß zum jungen

Und ſchlichtet weichlich ſie/ und wiſchte mit der zungen

Auff ihren leibern uͤmb: Von dannen nicht gar weit

Hater entworffen Rom mit ſchoͤner Artigkeit/

Wie
[407]Das Achte Buch.
Wie unbefugter weiſ die weiber aus Sabinen

Geraubet wurden/ da auff hohen ſchaue-buͤhnen

Das kreiß- und ritterſpiel ward ſtattlich angemacht/

Und mit der ſchauer gunſt und jauchtzgeſchrey verbracht.

Daher dem alſobald enttzwiſchen den Latinern

Und koͤnig Tatio und Euriſchen Sabinern

Ein neuer krieg entſtund/ ſchau! was ſich drauff begab/

Als dieſe Koͤnige vom kriege ſtunden ab;

Da ſtelleten ſie ſich gewapnet beym altare

Des groſſen Jupiters/ der da gebauet ware/

Und hielten eine ſchaal ein jeder in der hand/

Und ſchlachteten/ geſtalt die weiſe war bekand/

Zum opffer eine ſaw: Nach dieſem ward gerichtet/

Ein heilge buͤndnuͤß auff/ und aller ſtreit geſchlichtet.

Von dannen war nicht weit zuſchauen ſchrecklich an/

Wie Metinm vier pferd zerriſſen auff dem plan

(Er haͤtte bund und pflicht nicht alſo ſollen brechen

Und ſtandhafft kommen nach gethanenem verſprechen)

Seyn eingeweyde ward ſo greulicher geſtalt/

Weil er den eyd ſo brach/ geſchleppet durch den wald/

Daß auch die dorne ſtraͤuch von ſeinem blute troffen;

Es war auch die geſchicht zu ſehen klar und offen/

Wie der Porſenna hieß den printz Tarquinium/

Der außgetrieben war/ einſetzen wiederumb.

Er ſetzte zu der ſtadt mit hefftigen gewalten/

Mit hartem zwang und drang; Die Roͤmer zu erhaltẽ

Die freyheit/ wehrten ſich und fuͤhrten ſcharffen ſtreit;

Da haͤtteſt du geſohn fuͤr zorn und grimmigkeit

C c 4Por-
[408]Das Achte Buch.
Porſennam boͤrſten auff/ wie er mit bitterm dreuen

Erzuͤrnet war/ da ſich nicht Cocles wolte ſcheuen/

Und unterwunde ſich/ die bruck zu heben auff/

Und hindert unverzagt der feinde ſturme-lauff;

Und daß die Claͤlia/ als ſie zerriß die bruͤcke/

Schwum freudig durch den fluß mit ſonderbarem gluͤcke.

Am obern theil des ſchilds war Manlius zu ſehn/

Wie er/ als ſtegsherr/ kunt fuͤr Jovis tempel ſtehn/

Und mit beflammten muth und tapfferkeit erhalten

Das Capitolium/ das/ wie vor bey denen alten/

Da es war Romuls ſitz und koͤnigliches hauß/

Noch war mit ſtroh bedeckt und ſahe ſtachlicht aus.

Schau! eine weiſſe ganß flog da auff in gebaͤuen/

Die nunmehr ſind bedeckt mit gold/ und fieng zu ſchreyẽ

Und propheceyen an/ es kaͤm eingroſſes heer/

Und wehren nicht mehr ſern die kuͤhnen Gallier.

Dieſelben kamen an durch dorne puͤſch und hecken/

Und weil die finſtre nacht ſie kunte da bedecken

Da fehlet es nicht viel/ daß ſie nicht oben auff

Gekom̃en waͤren leicht auffs ſchloß durch ſturmes lauff:

Sie hatten lang krauß haar/ das aͤhnlich war dem golde

Und trugen gelbe Baͤrt/ als welche ſchoͤn und holde

Denſelben ſtunden an/ auch krieges-roͤckelein

Vom purpur und verbremt mit guͤldnen borten fein.

Die haͤlſe/ die wie milch ſich zeigen weif und holde/

Behaͤngen ſie rings umb mit ketten/ die von golde

Sind artiglich gemacht/ ſie tragen zweene ſpieß

Wie des Alpinſchen volcks gebrauch und ſitte ließ.

Die
[409]Das Achte Buch.
Die ſchilde ſind faſt lang/ mit denen ſie ſich decken

Und kan dahinden auch ein ſchuͤtze ſich verſtecken.

Vulcanus hat hier auch auff dieſem groſſen ſchild

Die pfaffen/ die man nennt die Salier/ gebildt/

Die ſprungen weidlich mit mit gantz entbloͤſten leibern/

Und hielten ſo ihr feſt mit ihren tollen weibern;

Es waren auch die huͤth in ſchild geſtochen ein/

Umb die das prieſtervolck trug woͤllne ſchnuͤrelein.

Darbey war auch der ſchild der von dem hohen himmel

Bey Numæ zeiten fiel/ zu ſtillen das getuͤmmel;

Darbey man dieſe ſtimm gehoͤrt hat eigentlich;

So lange wird die ſtadt zufreuen haben ſich/

Daß ſie die maͤchtigſte ſey aller ſtaͤdt auff erden/

Wie lange dieſer ſchild bey ihr wird funden werden.

Wenn man nun weiter will die augen laſſen gehn/

So kan man auch daſelbſt die erbarn frauen ſehn/

Wle ſie durch dieſe ſtadt auff weichen haͤnge wagen

Das heiligthum und zeug des opffers braͤuchlich tragen.

Bey dieſem weiter hin an einem andern ort

Hat er die hellenburg und Plutons reich und pſort

Hinzu gethan/ wie auch die wolverdienten ſtraffen/

Die Catilinam fuͤr ſein uͤbelthaten traffen/

Da er an einen Felß hieng/ den er uͤber ſich

Muſt immer ſehen an und ſchauen zitterlich/

Daß er itzt fallen moͤcht. Er wird in ſeinen ſinnen

Von anblick auch geſchreckt der grim̃en rach-goͤttinnen.

Hier war der frommen ſchaar geſondert etwas ab/

Der Cato/ als regent/ befehl und ordnung gab.

C c 5Ent-
[410]Das Achte Buch.
Enttzwiſchen beyden war/ der hoͤllen und dem lande/

Das auffgeſchwollne meer/ das von dem wind und ſande

Bißweilen gelbe ſcheint. Der ſchaum war oben auff

Den wellen grau/ und ſchwum̃ im meer ein groſſer hauff

Meerſchwein in einem kreyß/ die gleich wie ſilber glaͤnztẽ/

und ſchnittẽ durch die flut des wildẽ meers und ſchwántztẽ

Die blauen wellen durch. Immitten auff dem meer

Sah man das Actiſche gefecht und groſſes heer

An ſchiffen/ wehr und zeug/ man kunte da mit grauen

Den gantzen berg Leucat/ gleich als im feuer ſchauen/

So war es umb und umb bezingelt mit dem heer/

Daß auch der krieger glantz und gold ſchien in das meer.

Auguſt der Kaͤyſer ließ zuvor ein bethfeſt halten/

Und zoch den Roͤmſchen rath/ die obern und die alten

In dieſen kriegeszug/ drauff theilt er weit und breit

Die Welſchen voͤlcker ab/ und fuͤhrt ſie an zum ſtreit;

Stund oben auff dem ſchiff dahinden auff der ſpitze/

Sein augen flammeten und waren gleich dem plitze/

Und fuͤhrt auff ſeinem helm des vaters Juli ſtern/

Agrippa hielte ſich mit ſeinem heer nicht fern.

Fuͤhrt ſeine voͤlcker an bey gutem wind nnd wetter/

Stund auf dem ſchiffe forn/ und trotzt auff ſeine Goͤtter.

Hat einen ehrenkrantz gewunden umb ſein haar/

Weil er ins feindes ſchiff behertzt geſprungen war/

Und ſelbtes uͤberwand. Antonins dagegen

Hielt auff der andern feit/ bereit itzt anzuregen

Sein uͤbergroſſes heer/ das er von frembder macht.

Und vieler voͤlcker ſchaar zuſammen hat gebracht.

Der
[411]Das Achte Buch.
Der juͤngſt vom rothem meer/ als ſiegherr/ war gekom̃en/

Und gantzem Orient ſein regiment genommen

Egyppten dienet ihm/ des morgenlandes macht

Und Bactrianiſch reich hat er mit ſich gebracht;

Das war das euſerſte in des Antom reiche:

Sein ehgemahl zoch mit Cleopatra zugleiche

(das ihr nicht war erlaubt) Sie eileten mit macht;

Das meer ſchaͤumt uͤberall/ das ſchiff von rudern kracht.

Die ſchnaͤutzen tringen ſich mit rauſchen durch die wellẽ/

Daß einen das gehoͤr vergehet durch das gellen:

Sie fuͤhren auff die hoͤh/ man haͤtte/ wie es ſcheint/

Die Inſuln Cycladen zu ſchwimmen faſt gemeint

Auff Thetis naſſer bahn/ und ſich gar loß geriſſen/

Doch oder waͤren berg an bergen angeſchmiſſen.

Auff ſo gewaltigen und hoch gethuͤrnten werck

Und ſchiffzeug ſetzten ſie mit gantzer macht und ſtaͤrck

Einander hefftig zu: Sie werffen feuerballen

Vom werg und pech gemacht: Die pfeile hefftig fallen/

Neptunus naſſes feld wird roth von neuen blut;

Die Koͤnigin laͤßt auch erblicken ihren muth/

Iſt mitten unterm volck/ und gibet ihm ein zeichen

Mit einer glocke/ daß ſie ſtreiten/ und nicht weichen/

Und dachte noch nicht dran/ daß ihr das ſchlangen paar/

Das iſt; Der grimme tod/ ſo nah am leben war/

Die ungeheuer auch der mancherleyen Goͤtter/

Der hundeskopff Anub/ der blaͤffer und der ſpoͤtter

Sind gegen dem Neptun/ der Venus und Minerv

Und brauchen wider ſie all ihrer waffen ſchaͤrff/

Es
[412]Das Achte Buch.
Es tobt der grimme Mars mit fechten/ ſtoſſen/ ſchmeiſſen

(Der außgeſtochen war gar kuͤnſtlich in dem eyſen)

Und die vom himmels printz befehlicht kamen her

Der raͤcherinnen zunfft/ die klaͤgliches beſchwer/

Angſt/ kum̃er/ ſorge/ noth/ verzweifflung/ jam̃erſchlagen

Mit bringen in die welt den ſterblichen getragen/

Es kommt die zwietracht auch hinzu und freuet ſich/

Und geht in ihrem kleid zerlumpt elendiglich.

Bellone folget nach mit ihrer blutgen geiſel

Mit der ſie treibet fort/ als einem leichten kreyſel/

Die menſchen ingemein/ zu ſtreiten grimmiglich/

Und kehren ihr gewehr und eyſen wider ſich.

Als nun Apollo ſah die ſachen ſo beſchaffen/

Daß zweiffelhafftig ſtund ihr gluͤck/ gefecht und waffen/

Da nahm er zu der hand den bogen und geſchoß/

Und ließ ihn auff das heer des feindes gehen loß.

Da wurden ſtracks beſtuͤrtzt die obgemeldten ſchaaren/

Und muſten reiſſen aus/ ſo viel derſelben waren.

Man ſah die koͤnigin mit erſter ſegel-macht

Und gunſt geneigten wind ſelbſt fliehen aus der ſchlacht.

Vulcanus hatte ſie gantz bleich gebildet abe/

Weil ſie ſich ſcheuete fuͤr ihren tod und grabe/

Und alſo fuhr davon/ da wind und meer war ſtill;

Hingegen ſchien betruͤbt das groſſe waſſer Nil.

Der Keiſer aber hielt Triumpff zu dreyen mahlen/

Und zoch ein in die ſtadt den Goͤttern zubezahlen

Ihr opffer und geluͤbd/ und ſolte dieſer ehr

Seyn in Italien vergeſſen nimmermehr.

In
[413]Das Achte Buch.
In allen kirchen/ die ſehr groß/ in groſſer menge/

Ja durch die gantze ſtadt wurd ein ſehr groß gedraͤnge

Getuͤmmel und gelaͤuff: Es war des dinges viel

An jauchtzen und geſchrey/ an freud und freuden ſpiel.

In allen tempeln ſah man groſſe menge frauen

Und war in jeder kirch altar und dienſt zuſchauen/

Fuͤr einem jeden wurd geſchlachtet ab ein ſtier.

Auguſtus ſelber ſaß im tempel/ der zur zier

Dem Faͤbus war erbaut von lauter marmorſtuͤcken/

Beſah die gaben/ ſo die voͤlcker muſten ſchicken

Nach brauch zum loͤſegelt/ da wurde/ was man ſchenckt

An ſchoͤne ſaͤulen hin in tempel auffgehenckt

Da gingen auch einher die uͤberwunden waren/

In einer langen reyh viel groſſer voͤlcker ſchaaren/

Von mancher ſprach und art/ von kleidungs unterſcheid/

Von wandel/ waffen/ thun in krieg und friedenszeit.

Vulcanus hatt hier auch die traͤg- und feigen Afer

Geſtochen auff den ſchild/ die Leleger und Carer/

Ingleichen waren auch Gelonen dazuſehn/

Die ſich auff das geſchoß und bogen wol verſtehn.

Es war hier auch zuſehn/ wie Euphrat ſaͤnffter floſſe/

Der zwey gehoͤrnte Rhein nicht minder ſich ergoſſe:

Der ſtrenge ſtrom Arax ſchien/ als wolt er fuͤr grimm.

Zerſſreien bruͤck und tamm mit gantzem ungeſtuͤmm.

Eneas wunderte ſich uͤber ſolche ſachen/

Die Mulciber im ſchild ſo ſchoͤn hat koͤnnen machen;

Und freute ſich alſo der ſchoͤnen bilderey/

Wiewol ihm unbewuſt/ was die bedeutung ſey.

Nam
[414]Das Neunde Buch.
Nam ihn an ſeinen arm mit ſampt den hohen thaten/

Die ſeinen kinderen noch ſolten wolgerathen/

Wenn ſie mit froͤmmigkeit/ mit tugend und verſtand

In krieg und friedens zeit regiereten ihr land.


Das Neunde Buch


ALs dis beſonders nun daſelbſt wird fuͤrgenom̃en/

Laͤßt Juno ihre magd die Irim zu ſich kommen/

Und ſchickt ſie mit befehl vom hohen himmelszelt

Zum Turno/ welcher war ein kuͤhner junger held:

Der eben in den wald des großherrn vaters gangen

Pilumni/ und im thal zu ruhen angefangen.

Die Iris koͤmmt zu ihm/ thut ihren roſen-mund

Mit ſaufften worten auff/ und macht demſelben kund

Der Juno anbefehl. Was kein Gott haͤtte ſollen

Dir/ Turne/ ſagen zu/ das hat dir jtzo wollen

Gewaͤhren dieſer tag und angenehme zeit/

Die dir gibt an die hand den griff zur gluͤckligkeit.

Encas iſt nun mehr vom Haven auffgebrochen/

Laͤßt ſtadt und Voͤlcker ſeyn/ und hat ſich tieff verkrochen

In des Evandri reich und koͤnigliche Stadt:

Iſt daran nicht vergnuͤgt; Hoͤr/ wo er weiter hat

Verſetzet ſeinen fuß/ Er iſt zu euſſerſt kommen

Ins land Hetrurien/ und zuflucht da genommen/

Da ſamlet er ein heer im gantzen Lydien/

Und darff mit baurenvolck zu felde wollen gehn.

Was
[415]Das Neunde Buch
Was wilſt du nun/ o held/ ſo lang bedencken tragen?

Es iſt nun zeit nach roß und nach geſchirr zufragen.

Ach ſaͤume dich ja nicht/ und greiff das lager an/

Das ſonder ordnung iſt/ und man leicht ſchrecken kan;

Mit dieſem ſchwunge ſie die bundgeſtrahlten fluͤgel/

Und floge freudig auff hoch uͤber berg und huͤgel/

Und als ſie an das zelt der dicken wolcken kam/

Schnitt ſie den bogen durch und ihren flug fort nam.

Der junge held wards inn/ und kandte ſie gar eben/

Beginnet ſeine haͤnd in himmel auffzuheben/

Und ruffet ihr ſo nach. O Iris himmelszier/

Wer hat von himmel dich hieher gefandt zu mir?

Wo koͤmmet ploͤtzlich her das heiterklare wetter?

Der himmel thut ſich auff/ ich ſeh das hauß der Goͤtter/

Und ſchweben umb und umb viel tauſend ſternelein;

Ich wil dem zeichen gern zu folgen willig ſeyn/

Wer du gleich biſt/ der mich anmahnet zu den waffen.

Als er dis außgered/ wolt er nicht lange gaffen/

Gieng fuͤrbaß an dem fluß/ und ſchoͤpffet oben her

Das waſſer aus dem ſtrom und bat die Goͤtter ſehr.

Man ſah das gantze heer nunmehr zu felde gehen/

An reutern maͤchtig ſtarck/ ſtaffieret und vorſehen

Mit außerleſſnem zeug und goldgeſtickter zier.

Die erſte ordnung hat Moſſap und gienge fuͤr;

Den nachzug fuͤhreten die beyden juͤngelinge

Tyrrhei ſoͤhn/ am muth und ſtaͤrcke nicht geringe.

Der Turnus laͤſſet ſich ſehn mitten in dem heer/

Und reitet ab und zu als ein feldoberſter/

Ge-
[416]Das Neunde Buch.
Gewapnet und behertzt/ war eines kopffes groͤſſer/

Dem fluſſe Ganges gleich/ in welchem ſieben waͤſſer

Gantz ſtille flieſſen her; Und wie der wunderſtrom

Der Nil/ der fruchtbahr macht das gantze land herumb/

Wenn von gefild er ſich zuruͤcke machet wieder/

Und laͤſſet ſich nunmehr in ſeinem ſtrome nieder.

Da ſieht das Troer heer/ daß dicker ſtaub auffgeht/

Und gleich wie eine wolck in truͤben luͤfften ſteht.

Es wird mit finſternuͤß bedecket das gefilde/

daß man kaum ſchim̃ern ſieht die lantzẽ/ helm und ſchilde/

Caicus rieff und ſchrie am erſten von dem wall

Ihr buͤrger/ ſchauet doch/ wie ſteigt ein dicker ſchwal

Vom ſtaub auf in die hoͤh. Kom̃t bald mit euren waffen/

Und dencket das geſchuͤtz in eil zur hand zu ſchaffen.

Laufft/ laufft zu walle ſtracks! der feind iſt kommen an!

Der Troer volck ſchreit laut/ es laͤuffet jederman

Den Troern zu/ und wil ſich auff den mauren wehren/

Geſtalt der tapffre fuͤrſt Eneas ſie ſo lehren

Bey ſeinem abzug wolt/ auff daß/ ſo irgend kaͤm

Der feind/ ſein volck alsbald zur ſtadt die zuflucht naͤm/

Und ſolten ſich durchaus erkuͤhnen nicht zu wagen

Ihr gluͤck in freyem feld/ und mit den feinden ſchlagen:

Das lager ſolten ſie verwahren und die ſtadt/

Die ſtarcke Thuͤrn und waͤll/ paſtey und mauren hat.

Ob gleich nun ſcham und zorn ſie reitzen und ermahnen/

Zu treffen mit dem feind/ zu ſchwingen ihre fahnen;

Thun ſie doch nach befehl/ und ſchlieſſen hinter ſich

Die pforten feſte zu/ und warten freudiglich

Ge-
[417]Das Neunde Buch.
Gewapnet ihres feinds auff hohen waͤll- und thuͤrmen.

Und machen ſich gefaſt entgegen ſtreit und ſtuͤrmen.

Der Turnus reitet vor dem heer/ das ſachte zog/

Nahm zwantzig reuter mit/ und war/ als wie er flog.

Sein roſſ/ darauff er ritt/ das hatte weiſſe flecke

Aus Thracien gebracht/ ein wunderſchoͤner ſchecke/

Trug einen rothen buſch auff ſeinem helm/ und kam/

Eh jemand ſeiner wahr hoch von den mauren-nahm.

Wer iſt/ ihr junge purſch/ der mit mir erſt ſich wage

Den feind zu greiffen an/ und der ſich mit mir ſchlage?

Sieh da! (ſagt er) und druͤckt den leichten bogen ab/

Schoß einen pfeil ins land und ſeinen feinden gab

Dis zeichen zu dem krieg/ nach alter weiſ und ſitte/

Nach dieſem ſchwung er ſich im feld und einher ritte:

Die reuter ſchreyn ihm nach/ das volck der Rutuler/

Und brauſen ungeſtuͤm mit jauchtzen ſchrecklich ſehr.

Es nimmet wunder ſie/ daß die Trojaner koͤnnen

So laß und traͤge ſeyn/ und kuͤhnes nichts beginnen.

Warumb ſie truͤgen ſchew zu ziehn auff freyen plan/

Zu bieten ihrem feind die ſtirn/ mann gegen mann?

Was waͤre das/ nur ſtets im faulen luder liegen/

Und nicht eh/ als wenns ihm dem feind gefiele/ kriegen;

Der Turnus aber ritt die mauren uͤmm und uͤmm.

Nimmt ſie in augenſchein/ iſt ſtuͤrmiſch/ ungeſtuͤmm;

Sucht weg und ſtege da den Troern beyzukommen/

Da keiner jemals hat ein mittel wahrgenommen;

Und iſt gleich einem wolff/ der einem vollen ſtall

Und ſchaaffen ſtellet nach/ der ſiehet uͤberall/

D dWie
[418]Das Neunde Buch.
Wie er ihm komme bey; Er geht herumb und brum̃et/

ſteht wind und regẽ aus/ weñs ihm nur nuͤtzt und from̃et/

Bis uͤber mitternacht. Immittelſt bloͤcken fein

An ihrer mutterbruſt die jungen laͤmmerlein;

Sind ſicher/ ſcheuen nichts/ da moͤcht der wolff zerſpringẽ

Fuͤr zorn und grimmigkeit/ daß ihm nicht wil gelingen

Sein anſchlag auff die ſchaaff: Er wuͤtet wider ſie/

Sperrt ſeinen rachen auff/ und hat vergebne muͤh.

Die freßgier treibet ihn/ die er durch langes faſten

Geſamlet hat/ und kan dafuͤr nicht ruhn noch raſten/

Der ſchlund iſt ihm gar duͤrr; Weil lange zeit kein blut

Er eingeſoffen hat. Nicht anders war zu muth

Dem Turno/ da er umb die ſtadt und veſtung ritte

Zu ſehen mittel ab/ wie er ſie leicht beſtritte/

Er brennt fuͤr zorn und grim̃ und unmuth nim̃t ihn ein/

Daß es ihm wehe thut bis auff das marck und bein;

Weil er nicht abſehn kunt/ auff was geſtalt und maſſen

Sich die belaͤgerung und ſturm thun wolte laſſen:

Wo man ſol lauffen an/ wie die belaͤgerten

Aus ihren wercken ſind zu treiben/ daß ſie ſtehn

Und halten eine ſchlacht in offenbahrem Felde:

Darumb wars nur zu thuu dem eiffrig-kuͤhnem helde:

Er greifft das ſchiffzeug an/ ſo viel er kan und mag/

Das auf des lagers ſeit auf freyem ſtrome lag

Umbgeben mit moraſt und teichen allerſeiten;

Darauff nimmt er ſich fuͤr mit aller macht zu ſtreiten/

Und ruffet ſeinem volck/ ſie ſollen bringen her

Granaten/ feuerbaͤll und was des zeuges mehr/

Und
[419]Das Neunde Buch.
Und zwar er ſelber griff nach fackeln/ und nach braͤnden/

Und warff ſie auff die ſchiff aus zorn mit ſeinen haͤnden.

Das kriegsvolck muͤhet ſich/ ſo viel ein jeder kan;

Des Turni gegenwart treibt ſie gewaltig an.

Sie ruͤſten ſich geſammt mit fackeln/ kien und braͤnden/

Sie raffen von dem herd das feur mit grimmen haͤnden.

Die fackeln ſchmaucheten/ und gaben dunckel liecht/

Die brunſt mit funcken bis an hohen himmel bricht.

Ihr Muſen/ ſaget an/ was haben doch fuͤr Goͤtter

Von Troern dieſe noth und feuersbrunſt/ als retter

Genaͤdig abgewandt? Was ſanffte himmelsgunſt

Hat von den ſchiffen abgetrieben dieſe brunſt?

Es wird zwar die geſchicht fuͤr unbeglaubt gehalten/

Weil ſie iſt uͤberjahrt und ſcheinet zuveralten:

Doch hat der ruff bißher gewaͤhret fort und fort;

Als der Eneas fieng an Idens meeresport

Zu bauen an die ſchiff/ und auff dem hohen meere

Zu ſegeln willens war mit ſeinem groſſen heere;

Hat Berecynthia/ die muttet ihren ſohn

Den Jovem angered in hohem himmelsthron:

Mein ſohn/ erfuͤlle mir doch dieſes mein begehren

Als deiner mutter/ die du wirſt und ſolleſt ehren;

Seit du den himmel haſt mit gantzer heeresmacht

Bezwungen und das reich der ſternen unterbracht/

Hab ich dort einen wald von fichten lang gehabet/

An welchen ſich mein ſinn mit groſſer luſt gelabet/

Zu oberſt auff dem berg war ein geheilgter wald/

Auff dem manch opffer ward von leuten angeſtallt/

D d 2Trug
[420]Das Neunde Buch.
Trug rohte tannenbaͤum/ auch Ahorn. Dieſe habe

Dem Troer juͤngeling Eneen ich zur gabe

Geſchencket wolgeneigt/ weil er benoͤhtigt war

Derſelben zu dem baw der ſchiff in kriegsgefahr.

Nun aber muß ich noch ein ſorgſam leid bedencken:

Befreye mich davon/ daß michs nicht moͤge kraͤncken/

Und laß mein muͤtterlich begehren haben raum/

Und ſchaffe/ daß die ſchiff erbaut aus ſolchem baum

Auff keiner reiſe nicht noch einigen beſchwerden

Von keinerley gewalt der winde bruͤchig werden/

Laß ihnen dienlich ſeyn gebetener geſtalt/

Weil ſie gewachſen ſind in meinem heilgen wald:

Der ſohn antwortet ihr/ der ſtern und himmel reget/

Der dieſes gantze rund regieret und beweget;

O liebe mutter/ was gedenckſt und ſucheſt du?

Wilſt du dem goͤttlichen geſchicke muhten zu/

Daß ſchiffe/ welche ſind gemacht von menſchen haͤnden

Unſterblich ſollen ſeyn/ und nimmermehr vollenden

Ihr weſen und gebraͤuch? Sol denn des meeres furch

Eneas machen ſtets und ſicher gehen durch?

Sol deñ das fichten haus ſtets durch die fluten ſchneidẽ/

Und nimmermehr gefahr von wilden wellen leiden?

Sag/ welchem gott iſt wol gegeben dieſe macht?

Doch wenn die ſchiff einmal das ihrige vollbracht/

Und werden in den port und haven ſeyn gekommen

Des lands Italien/ und der gefahr entſchwommen

Des ungebaͤhnten meers/ und des Anchiſens ſohn

In Latien gebracht/ da wil ich ihnen ſchon

Abneh-
[421]Das Neunde Buch.
Abnehmen die geſtalt/ die ſterblich weſen traͤget/

Daran die lange zeit die ſcharffen zaͤhne leget;

Ich wil zu goͤttinnen ſie machen dergeſtalt/

Damit ſie uͤbers meer empfangen die gewalt/

Wie Nercus tochter iſt die ſchoͤne Dodo worden/

Und mit der Galathee geſetzt in goͤtter orden/

Die liegend auff der bruſt durchſchneiden fluht und meer/

das von der winde macht brauſt/ tobt und ſchaͤumet ſehr.

Drauff ſchwur er einen eyd daruͤber feſt zu halten/

Bey ſeines bruders fluß und hoͤlliſchen gewalten (neñt/

Des Plutons/ bey dem ſtrom/ den man Styr griegiſch

Der in dem tieffen ſchlund von pech und ſchweffel breñt.

Letzt that er einen winck/ davon erbebt der himmel/

In wolcken hoͤrte man ein ſchreckliches getuͤmmel.

Nun kam der tag herbey/ der itzt verheiſſen war/

Und hatten ziel und zeit erfuͤllet gantz und gar

Die lebens-goͤttinnen/ die darzu war beſtimmet/

Die mutter dencket nach/ und ihr zu ſinnen nimmet

Zu treiben ab das feur von ſchiffen/ weil ſo ſehr

Der Turnus uͤbt gewalt und frevelt mehr und mehr.

Hier ließ ein newes licht ſich erſt fuͤr augen ſehen/

Und von dem auffgang ſah man einen glantz entſtehen/

Der umb den himmel lieff: Es ließ ſich ſehen auch

Der Corybauten hauff nach ihrem tollen brauch.

Man hoͤret auch ihr ſpiel mit zymbeln und ſchalmeyen/

Mit pfeiff- und trom̃elen/ mit ſpringen und mit ſchreyen

Auff dem Idæer berg. Zu dem kam unverhofft/

Mit ſchrecken eine ſtimm aus der geſtirnten Lufft/

D d 3Und
[422]Das Neunde Buch.
Und war ſo ſtarck/ daß ſie den beyden kriegesheeren

Zu ohren deutlich kam: Seyd unbemuͤht zu wehren/

Ihr Troer/ dieſem brand von meinen ſchiff und heer/

Und greifft deßwegen auch zu keinerley gewehr.

Es ſol dem Turno eh die macht gegeben werden

Zu brennen aus das meer/ als legen mehr beſchwerden

Den heilgen fichten an: Geht ihr nun hin befreyt/

Als Goͤttinnen des meers/ wie Cybele gebeut.

Mit dieſem riſſen ſtracks die ſchiffe von dem ſtrande

Ein jedes ab ſeyn tau und fuhren von dem lande

Hinunter in die flut/ und tauchten tieff ins meer

Die ehrnen ſchnautzen ein/ wie der Delphinen heer:

Dakamen wiederumb herfuͤr ſo viel geſtalten

Der jungfraͤulein (wer wolt es nicht fuͤr wunder haltẽ?)

Als ſchiff am ufer vorhin waren anzuſehn;

Und kunten ſchnelle durch das feuchte marmor gehn.

Das volck der Rutuler wird hefftig drob erſchrecket

Meſſapus ſelber auch in furcht und aͤngſten ſtecket;

Die pferde werden ſcheu/ der gantze ſtrom bleibt ſtehn/

Gieng langſam/ rauſchet heiſch und ſaͤumet ſich zu gehn

Ins ſaltz-beſchaumte meer. Doch wil nicht ſtracks deswe-

Der Turnus ſeinen muth und waffen niederlegẽ/ (gen

Spricht ihnen zu ein hertz/ die feigen ſtraffet er;

Diß wunderwerck/ ſagt er/ gilt dem Trojaner heer/

Denſelbigen iſt Zeus zu huͤlffe ſonſt gekommen:

Itzt aber hat er ſie von ihnen weggenommen.

Die Troer warten nicht/ daß ſie die Rutuler

Mit feuer tilgen aus/ mit waffen und gewehr.

Dar-
[423]Das Neunde Buch.
Darumb iſt ihnen nun der paß zur ſee genommen/

Und haben mehr davon kein Hoffnung zuentkommen;

Sie ſind umbs element des meeres nun gebracht/

Der erdkreyß aber ſteht in unſrer hand und macht.

Viel tauſend voͤlcker ſind im Welſchland/ welche tragen

die waffen: Was darff ich nach dem verhaͤngnuͤß fragẽ?

Der goͤttliche beſcheid/ darauff die Aroer ſich

Beruffen/ ſchreckt mich nicht. Es iſt ſchon voͤlliglich

Dem außſpruch gnung geſchehn/ geſtalt ſichs wil gezie-

Des die Trojaner ſich faſt allzu trotzig ruͤhmen/ (men/

Man hat nach goͤttlicher verordnung ſatt gethan/

Die Venus auch geehrt/ ſo viel man ſol und kan/

Weil ſie ins fette land Italien ſind kommen;

Hingegen bleibet mir mein reich auch unbenommen/

Daß ich das loſe volck darff mit bewehrter hand/

Mit gantzer heeresmacht vertilgen aus dem land.

Darumb daß ſich ihr fuͤrſt darff ohne ſcheu und ſchaͤmen

Erkuͤhnen meine braut mir wollen weg zunehmen;

Vnd dieſer ſchmertz trifft die Atriden nicht allein/

Und ſol den Griechen nicht allein erlaubet ſeyu

zugreiffen zum gewehr: Doch moͤcht hier jemand ſprechẽ:

Gnung/ daß man ſich einmal hat an ſie koͤnnen raͤchen/

Und daß ſie ſind zerſtoͤrt. Ja wenn ihr uͤbelthun

Vor gnung geweſen wehr/ und truͤgen jtzo nun

Fuͤr frembde weiber ſcheu/ wo ſie nicht wolten haſſen

Daſſelbige geſchlecht und unentfuͤhret laſſen;

Die ihr vertrauen gar zu ſehr auff ihrem wall

Und graben friſcher an/ der uns fuͤr dieſes mahl

D d 4Ein
[424]Das Neunde Buch.
Ein wenig haͤlt zuruͤck/ und kan noch ihrem leben/

Das ſie weit ſtrecken hin/ gar kurtze friſtung geben.

Gedencken ſie nicht dran/ daß ihre groſſe ſtadt

Geaͤſchert ein/ die ſelbſt Neptun erbauet hat?

Ihr aber/ tapffre purſch/ wer wil durch ſeine ſtaͤrcke

Und unerſchrocknen muht zerreiſſen dieſe wercke

Und vor geſchuͤtzten wall? Wer iſt/ der nebenſt mir

Das lager greiffet an mit freudiger begier/

Das voller ſchrecken iſt? Ich dencke nicht mit waffen

Vulcani wider ſie die Troer was zuſchaffen;

So hab ich auch noch nicht von noͤhten tauſent ſchiff;

Ich wil nicht nehmen fuͤr betrug und ſchlimme griff.

Laßt all Hetrurier mit ihnen ſich verbinden/

Sie ſollen ſchewen nicht/ daß ich ſie uͤberwinden

Mit liſt und raͤncken wil/ bey duͤſterfinſtrer nacht/

Wie jene/ die das bild der Pallas weggebracht

Da oben auff dem ſchloß die wacht ſie nieder machten/

Wir wolten auch dahin nicht ſinnen oder trachten

Uns zu verbergen in ein ungehewres pferd/

Nein. Offentlich am tag mit feuer grimm und ſchwerdt

Hab ich mir fuͤrgeſetzt die veſtung anzurennen:

Was gilts/ ſie ſollen dann mich lernen anders kennen/

Und ſpuͤren in der that/ daß ſie nicht Danaer

Noch griegſche poͤrſchelein fuͤr ſich nun haben mehr

Die Hector zehen jahr hat ruͤhmlich auffgehalten/

Und widerſtanden feſt den feindlichen gewalten.

Itzt weil das beſte theil des tages iſt vorbey/

So wird/ was uͤbrig noch/ euch tapffre purſche/ frey

Gege-
[425]Das Neunde Buch.
Gegeben/ daß ihr moͤgt auch eures leibes pflegen

Nach wolverbrachter muͤh/ und euch zur ruhe legen

Mit gutem muht/ und hofft/ daß morgen auf dem plan

Sol eine harte ſchlacht (ſeid fertig!) gehen an.

Immittelſt wird befehl dem oberſten gegeben

Meſſapo/ daß er ſol die wachten gnau und eben

Beſtellen und vorſehn; Und feuer rings uͤmbher

Anlegen an die ſtadt; Es werden Rutuler

Bey vierzehn an der zahl verordnet/ acht zu haben

Mit ihrem kriegesvolck auffs Feindes wall und graben:

Ein jeder fuͤhrete mit ſich ein hundert mann

Behertzte junge kerl/ geputzt und angethan

Mit blanckem waffenzeug/ und trugen auf den ſpitzen

Der helme rohte puͤſch/ die in der ſonne blitzen

Mit purpur-rohtem glantz: Sie lauffen ab und zu/

Eins loͤſt den andern ab/ und wechſeln muͤh und ruh.

Sie legen ſich ins graß/ und fuͤllen ſich mit weine/

Die becher ſtuͤrtzen ſie herumb/ die ſie gar reine

Geſoffen haben aus. Die feuer leuchten hell;

Die waͤchtet bringen zu die nacht auff einer ſtell

Mit ſpielen ohne ſchlaff. Dis kunten alles ſehen

Die Troer von dem wall/ die in der ruͤſtung ſtehen/

Und nehmen ihre ſchantz genaw und wol in acht;

Sie eillen auch aus Furcht/ und ſind darauff bedacht

Die thoren zu beſehn/ die wachten zu verſtaͤrcken/

Zu bawen bruͤcken auff/ und machen mit viel wercken

Die feſtung feſter noch. Sie tragen zu geſchoß;

Der Mneſtheus und Sereſt bemuͤhn ſich ohn verdruß

D d 5Und
[426]Das Neunde Buch.
Und treiben hurtig an; Die/ wenn gefahr obhanden/

Als hoffemeiſter ſind der jugend vorgeſtanden:

Geſtalt Eneas ſelbſt diß angeordnet hat

Zum beſten und behuff/ dem allgemeinen ſtat.

Die wachten wurden auff der maur beſtellt von allen/

Wie einem jeden war das recht und loß gefallen:

Bald ſtehet dieſer da/ bald jener auff der wacht/

Was jedem iſt zuthun/ das nimmet er in acht.

Es war der Niſus hier beſtellt fuͤr eine pforten/

Ein ſohn des Hirtaci/ ein juͤngling nicht von worten/

Beſondern in der that behertzt und unverzagt/

Der von dem Idens berg/ da man ſich von der jagt

Ernehret/ kame dem Eneen zugezogen

Als leibſchuͤtz/ wol verſucht mit ſeinem pfeil und bogen/

Und ſein geferthe war der ſchoͤne juͤngeling

Euryalus dem kein Trojaner jemals gieng

An zarter ſchoͤnheit fuͤr: Man hatte nie geſehen

Ein ſchoͤner junges blut in Troer waffen ſtehen/

Ein juͤngling/ dem der bart zu wachſen jtzt fieng an;

Sie waren beyde gleich einander zugethan

Mit lieb und freundespflicht: Sie lieſſen ſich belieben

Zugleich auch in den krieg zn ziehn und ſich zu uͤben;

Sie waren dazumal beſtellet auff die wacht/

Und gaben unterm thor auf andre fleißig acht.

Euryal (ſaget Niß) was ſol ich wol gedencken/

Solt auch der Goͤtter ſchaar ins menſchlich hertze ſencken

Inbruͤnſtige begier/ daß einer unverzagt

Dem kuͤhnen ſinn haͤngt nach und in gefahr ſich wagt?

Wo
[427]Das Neunde Buch
Wo dieſem nicht ſo iſt/ wie? Ob nicht einem jeden

Sein Gott iſt ſeine luſt/ die ihm ſein gluͤcke ſchmieden/

Am beſten kan und mag/ wenn ſie faͤhrt ungeſtuͤmm?

Mein hertz geht mir ſchon laͤngſt mit den gedancken uͤm̃/

Entweder einen ſtreit/ doch oder ſonſt zu nehmen

Was wichtig fuͤr/ und kan zur ruh ſich nicht bequemen/

Noch damit ſeyn vergnuͤgt. Du ſiehſt die Rutuler/

Wie ſie in ihrem thun ſich trauen gar zu ſehr:

Man ſiehet nicht/ wie vor/ mehr ſo viel feuer ſcheinen;

Sie ſchlaffen gar gewiß/ wie man nicht anders meinen

Und rechnung machen kan: Sie haben geſtern wein

Den gantzen abend durch in halß gegoſſen ein:

Es liget alles ſtill: Hoͤr/ was mir iſt gekommen

In ſinn und was ich hab anitzo fuͤrgenommen.

Es wuͤntſchet maͤnniglich der rath und die gemein/

Es moͤcht Eneas doch ihr fuͤrſt zugegen ſeyn.

Sie ſchicken bothen auch an ihn umb zu vernehmen/

Wie ſie ſich ſollen recht nach ſeinem ſinn bequemen:

Im fall ſie ſagen zu/ was ich begehre/ dir:

(Denn ich vergnuͤge mich an meinem ruhm und zier

In uͤbung dieſer that) ſo wolt ich mir getrauen

Zu finden einen weg/ wo man den huͤgel ſchauen

An jenem orthe kan/ daß ich kaͤm in die ſtadt

Pallanteum/ woſelbſt der fuͤrſt Eneas hat

Itzt ſeinen auffenthalt. Euryal uͤbernommen

Von groſſer lobbegier muß gleichſam hier erſtummen/

Und ſich entſetzen drob. Redt ſeinen freund drauff an/

Der eiffrig ſeinen ſinn ſchlug auff die ehrenbahn.

So
[428]Das Neunde Buch.
So wilſt du/ Niſe/ denn mich dieſen hohen ſachen/

Der ich bin dein geſell nicht auch theilhafftig machen?

Wilt du den anſchlag/ der von hoher wichtigkeit

Allein veruͤben aus/ und gehen in den ſtreit?

Sol ich dich laſſen ziehn durch ſo viel faͤhrligkeiten/

Und mitten durch den feind nicht deinen gang begleiten?

So hat mein vater mich ein tapffrer kriegesmann

Opheltes nicht gelehrt/ der mich von jugend an

In mancher krieges-noht/ da uns die Griechen machten

Viel ſchrecken und gefahr/ und unſerm Troja brachten

Den letzten untergang/ erzogen loͤblich hat/

Und meinen ſchnellen ſinn regiert mit weiſem raht:

Auch hab ich nebenſt dir gehandelt nicht dergleichen/

Und hat mich niemand je geſehn fuͤr furcht erbleichen/

Da ich Eneen zog dem groſſen fuͤrſten nach

Durch euſerſte gefahr und manches ungemach.

Es iſt in dieſem leib ein hertze noch zufinden/

Das alle liebe kan des lebens uͤberwinden/

Und das/ wornach du ſtrebſt/ umb ſolche zier und kron

Das leben gaͤbe hin gar gern zu danck und lohn.

Der Niſus ſagte drauff: Ich trage ſolche ſorgen

Und argwohn nicht zu dir/ das ſey dir unverborgen;

Es waͤr auch nicht gemaͤß der pflicht und billigkeit/

So wahr der groſſe gott mich bringet aus dem ſtreit

Mit freuden wiederumb/ und der ſonſt von den goͤttern/

Als die gehaͤßig ſind den ungerechten ſpoͤttern/

Dis gnaͤdig ſiehet an; Dis ſag ich/ ſo es kaͤm/

Daß mir Gott oder fall des gluͤcks mein leben naͤhm

(Geſtalt
[429]Das Neunde Buch.
(Geſtalt ſichs offt begibt/ wie du ſelbſt weiſſeſt eben)

So wolt ich gern/ daß du noch uͤbrig bliebſt am leben/

Denn deinem alter nach/ das ſchoͤn und bluͤhend iſt/

Biſt du viel wuͤrdiger der laͤngren lebens-friſt;

So haͤtt ich hinter mir noch einen freund verlaſſen/

Der meinen leichnam koͤnt von feinden tapffrer maſſen

Gewinnen in dem ſtreit/ doch oder loͤſen ein

Mit einem ſtuͤcke geld/ und wie es pflegt zu ſeyn/

Verſcharren in ein grab. Ja wo auch dis nicht ſolte

Vom gluͤck erlaubet ſeyn/ daß er dann halten wolte

Cin ſeelen-opffer mir verſtorbenen zur gab

Und zierte meine leich mit einem ehren-grab.

Zu dem was wuͤrd es ſeyn/ wenn deine mutter ſolte

Empfangen hertzeleid/ ſo ich dich laſſen wolte

Mit gehen in gefahr/ die ſich erkuͤhnet hat

Von ſo viel weiberen/ und des Aceſtis ſtadt

Hindan geſetzt/ und dir als ihrem lieben kinde

Gezogen nach/ daß ſie an deiner lieb empfinde

Vergnuͤgung/ freud und wonn? Er aber wendet ein:

Was du nur bringeſt fuͤr/ kan gantz nicht tauglich ſeyn:

Und was ich einmal hab in meinem ſinn beſchloſſen/

Dem wil ich bleiben nach zu ſetzen unverdroſſen

Steiff/ feſt und unbewegt. Laß uns nur eilen fort!

So ſagend/ weckt er auff die waͤchter an der pfort/

Die nach ihm ſolten erſt das waͤchterampt beſtellen/

Sie treten fuͤr ihm hin: Sie beyde ſich geſellen

Und gehen von der wacht hin zu dem printz Aſcan

Den anſchlag und ihr thun ihm vor zu zeigen an.

Die
[430]Das Neunde Buch.
Die menſchen und das vich auff dieſem kreyß der erden

Erleichtern durch den ſchlaff ihr arbeit und beſchwerden.

Der Troer oberſten und außerleſſne ſchaar

Der gantzen ritterſchafft in rath verſamlet war/

Und uͤberlegten gnau die hohen reiches ſachen/

Was ſie in dieſer zeit und zuſtand ſolten machen/

Und wer als bothe ſolt Eneen zeigen an/

Wies mit den feinden ſey/ und ihrer macht gethan.

Sie ſtehn und lehnen ſich an ihre lange lantzen/

Und hatten ihre ſchild in mitten in den ſchantzen/

Da wo ihr lager war/ auf einem ebnen plan;

Da kommen beyde heer gezogen freudig an/

Der Niſ und Euryal: Sie bitten furzukommen/

Sie haͤtten groſſe ding geſpuͤrt und fuͤrgenommen;

Es wehr der muͤh wol werth/ daß man damit verweil/

Und nach erfoderung der ſachen nicht ſo eil.

Jul empfieng ſie erſt/ die wegen haſtig gehen

Sehr keicheten/ und kaum vermochten ſtill zu ſtehen/

Und gab dem Niſo erſt zu reden fug und macht/

Derſelbe that ſein wort/ das er ſo fuͤrgebracht:

Ihr Troer/ hoͤrt uns an mit wolgeneigten ſinnen/

Und ſchaͤtzt nicht unſer thun und hitziges beginnen/

Das wir euch tragen fuͤr/ nach unſrer jungen zeit/

Und daß uns mit dem witz gebricht erfahrenheit.

Die Rutuler vom wein berauſcht ſich niederlegen;

Ihr lager iſt gantz ſtill/ man hoͤret ſich nichts regen.

Wir haben einen ort mit kriegsliſt abgeſehn

Drauff ihnen abbruch kan mit ſonderm gluͤck geſchehn.

Auff
[431]Das Neunde Buch.
Auff einem ſcheideweg nicht ferne fuͤr der pforte/

Die nach dem meere ligt am wol bequemen orte/

Sind ihre feuer gar verloſchen uͤberall/

Und ſteiget in die lufft ein ſchwartzer rauch und ſchwall.

Wo ihr uns wollet nun erlauben zu ergreiffen

Die wolgelegenheit/ und etwas außzuſtreiffen

Nach Pallanteum hin/ da unſer hertzog iſt/

So ſolt ihr wieder ſehn uns hier in kurtzer friſt

Mit guter beut und raub nach wolgegluͤcktem ſtreiten

Und groſſen niederlag/ dazu wir uns bereiten

Mit einem kuͤhnem muth: Der weg iſt uns bekand/

Wir haben laͤngſt geſehn wies damit iſt bewand.

Denn als wir taͤglich faſt des orts gefliſſen waren

Der jagt/ da haben wir geſehen und erfahren

In einem duͤſtern thal das fordertheil der ſtadt/

Da ſich die Tyber auch uns fuͤrgezeiget hat.

Da fieng lethes an/ ein mann von ſinn und jahren

Behende/ klug und alt/ der viel dings hat erfahren:

Ihr Goͤtter dieſes lands/ die ihr dem feind zu trutz

Das neue Troja nehmt in euren ſchirm und ſchutz;

Ihr habt gleichwol nicht fuͤr uns gaͤntzlich außzutreiben/

Weil ihr ſo tapffre purſch uns laſſet uͤberbleiben/

Und ſchickt uns manſchafft zu/ die ihren feſten muth

Uns bieten an fuͤr uns zu wagen leib und blut;

So ſagend/ faſt er ſie an ſchultern und an haͤnden/

Sich ihnen beyderſeits mit liebe zuverpfaͤnden/

Ließ uͤbers angeſicht die zaͤhren flieſſen ab/

Was (ſagt er) kan man euch fuͤr preiß/ geſchenck und gab

Er
[432]Das Neunde Buch.
Erſtatten wuͤrdiglich fuͤr ewre ſchoͤne tugend/

Ihr tapffern juͤngeling/ die ihr euch ewrer jugend

Gebrauchet hurtiglich? Die Goͤtter werden ſich

Zuforderſt gegen euch erzeigen gnaͤdiglich/

Und euch die ſchoͤnſte gab und ehrenkron verleyhen/

Und ewre froͤmmigkeit wird euch zu lohn gedeyen/

Das uͤbrige wird dann Eneas bringen ein/

Wie auch Aſcanius/ wenn er wird kommen ſeyn

Zum wachsthumb ſeiner jahr/ der nim̃er aus den ſinnen

Wird laſſen ewre zier und tapfferes beginnen.

Ja ich (ſprach Aſcan drauff) des heil und wolergehn

Allein auff wiederkunfft meins vaters kan beſtehn;

Bitt euch gantz fleißiglich; O Niſe durch die goͤtter/

Die wir ja alleſampt flehn an als unſre retter/

Durch den Aſſaracum/ der Troens ſchutzherr war/

Und durch das heiligthumb und heiligen altar.

Der goͤttin Veſta/ die ſehr groß an ehr und gaben/

Ja durch das/ was ich nur am gluͤck und treu kan haben/

Das leg ich gleichſam ein in ewren ſchoß und hand/

Zum zeichen meiner lieb und feſten unterpfand:

Hohlt meinen vater doch/ und bringet mir ihn wieder:

Kein trauren ſol mir mehr die ſinne ſchlagen nieder;

Wenn ich ihn wieder hab: Ach bringet ihn doch her

In meine gegenwart/ nach ihm verlangt mich ſehr

Ich wil zween ſilberne mit bildern außgeetzet

Pocale ſchencken euch/ mit edelſtein verſetzet;

Die ſelbſt mein vater in eroͤberung der ſtadt

Arisba machte beut und mir geſchencket hat.

Auch
[433]Das Neunde Buch.
Auch einem jeden wil ich zweene dreyfuͤß geben/

Die bey zwey pfunden ſchwer am golde ſind zu heben;

Auch einen becher/ der ſehr kuͤnſtlich iſt gemacht

Fuͤr alters/ den ſelbſt hat die Dido hoch geacht/

Und mich damit begabt. So aber ich gewinne

Das land Italien/ und als ein ſiegsherr drinne

Den ſcepter fuͤhren werd/ und herrliche gewalt

Bekommen/ daß ich auch die beut außtheile bald;

Will ich dir Turnus pferd/ das du wol haſt geſehen/

Und wie es glaͤntzend kunt in ſeiner ruͤſtung gehen/

Den ſchild und federpuſch/ o Niſe/ die ich hab

Beſtimmt zu nehmen aus dem loß/ als deine gab/

Ertheilen mildiglich. Der vater wird dir geben

Zwoͤlff mutterpferde zu/ gefangene darneben

Mit waffen außſtaffiert/ darzu ein gut ſtuͤck land/

Das ſelbſt der Koͤnig hat Latin in ſeiner hand.

Dich aber Euryal/ o blume ſchoͤner jugend/

Du abriß aller zier und außerleſſnen tugend/

Dich liebt und ehrt mein ſinn/ dich nehm ich hertzlich an/

Der meinem alter du biſt naͤher zugethan:

Und nehme dich nun an fuͤr meinem freund und treuen/

Der beydes in geluͤck ſich koͤnne mit mir freuen/

In unfall bey mir ſtehn. Ich wil in meinem thun

Begehren keiner ehr ohn dich/ noch je beruhn

Auff meinem eignen rath. Es ſey in friedenszeiten/

Und wenn ich fuͤhre krieg und muß gefaͤhrlich ſtreiten/

Will ich vertrauen dir der ſachen wichtigkeit/

Und dein verſtand und rath ſoll gelten jederzeit.

E eDrauff
[434]Das Neunde Buch.
Drauff ſaget Euryal: Es ſol wol nie geſchehen/

Daß man mir gebe ſchuld/ als haͤtt ichs grob verſehen;

In dieſem kuͤhnen werck/ und haͤtte nicht vollbracht/

Was ich mit ſteiffem ſinn vor haͤtte laͤngſt bedacht.

So viel ſag ich von mir; ſonſt wil ich lieber ſchweigen:

Es mag ſich nur das gluͤck gut oder boͤſ erzeigen;

Doch aber bitt ich nur diß einige von dir/

Das ich weit hoͤher halt/ als aller gaben zier.

Ich habe/ da ich bin vom hauſe weg gezogen/

Noch eine mutter/ die mit mir zu ziehn bewogen

Nicht bleiben wolte da in der Trojaner land.

Aceſt der koͤnig bot ihr gleichfalls ſeine hand

Und milde freundſchafft an/ ſie ſolt in ruhe wohnen

In ſeiner ſtadt/ und ſich mit vielen reiſen ſchonen;

Iſt ſonſt von altem ſtamm des koͤnigs Priamus/

Dieſelbe hab ich nun ohn letztem abſchieds-gruß

Unwiſſend der gefahr/ wie ich ſie moͤchte nennen/

Und ſchweren ungemachs zu hauſe laſſen kommen;

Ich ſchwere bey der nacht und deiner rechten hand/

Der ich mit dienſten dir und pflichten bin verwand;

Ich kan die thraͤnen nicht der mutter mehr ertragen:

Drumb ſey gebeten doch zu ſtillen ihre klagen/

Und troͤſte ſie/ weil ſie weiß keine huͤlff noch rath/

Und ſteh ihr bey/ weil ſie ſonſt niemand bey ſich hat:

Vergoͤnne/ daß ich des mich mag zu dir vorſehen/

So wil ich in gefahr auch deſto kecker gehen.

Die Troer wurden drauff beſtuͤrtzt und fiengen an

Zu weinen/ daß ſich auch nicht ſelbſt enthalten kan

Der
[435]Das Neunde Buch.
Der ſchoͤn Aſcanius: Und ließ ihm gehn zu hertzen/

Als der noch hefftiger dadurch empfunde ſchmertzen:

Weil er beraubet war des vaters gegenwart/

Nach dem er aͤngſtig that nach wahrer liebesart:

Drauff ſprach er wiederumb: Es ſey dir zugeſaget/

Was dir nach deinem ſinn in dieſem werck behaget/

Das du mit groſſem muth dir jtzo nimmeſt fuͤr:

Ich wil die mutter auch verpflegen nach gebuͤhr/

Als gienge ſie mich an/ und meine mutter wehre:

Ich wil ihr folgen gern und leiſten pflicht und ehre:

Es ſol der nahme nur Creuſa mangeln dran;

Nicht wenig gutes auch wird ihr thun jederman;

Die weil ſie einen ſohn hat an das liecht gebohren/

Der ihm die tugend hat zu ſeinen ruhm erkohren:

Es mag dein anſchlag wie er wolle/ lauffen ab/

Nicht deſto minder ſol dir bleiben/ was ich hab

Dir treulich zugeſagt. Ich wil dir hiemit ſchweren

Bey meinem haupt/ daß ich dir dieſes wil gewaͤhren;

Gleich wie mein vater pflag zuſchweren ohne tuͤck/

Was ich dir ſage zu/ wenn du koͤmmſt mit geluͤck

Zu ruͤcke wiederumb/ und dieſes ſol nach rechte

Verbleiben unverruͤckt der mutter und geſchlechte.

So ſaget er und weint/ nam ſeinen degen ab/

Des hefft verguͤldet war den ihm ſein vater gab/

Der von Lycaon war mit einer ſchoͤnen ſcheide

Vom helffenbein gemacht ſehr kuͤnſtlich und geſchmeide.

Der Mneſtheus gab dem Niſ ein borſtig Lewenfell/

Der treu Alethes zog den heim ſtracks auff der ſtell

E e 2Von
[436]Das Neunde Buch.
Von ſeinem haupt herab und ihm denſelben gabe:

Der Niſus machts auch ſo/ und zoge ſeinen abe

Und tauſchten dergeſtalt. Sie machen ſich alsbald

Gewapnet auff den weg/ es gienge jung und alt

Mit ihnen bis ans thor/ die oberſten begleiten (reiten/

ſie auch nach wuntſch: Man ſieht den ſchoͤnẽ printz mit

Der vor den jahren ſchon trug ein recht maͤnnlich hertz/

Und hatte mannes ſorg ohn kinderſpiel und ſchertz.

Der ihnen viel befahl dem vater anzuſagen;

Allein es war umbſonſt; Sie kunten nichtes tragen

Zu ſeinen ohren hin; Es wurd in leeren wind

Zerſtreuet/ was es war/ das keine ſtette find.

Sie waren itzt hinaus und uͤbern graben kommen/

Und als ſie ihren weg zum lager hin genommen

Bey duͤſter-dunckler nacht/ war ihnen zwar die noth

Vorhanden außzuſtehn den bittern feind/ den tod.

Doch als ſie kamen hin/ ſo ſahn ſie hin und wieder

Daß ſich das kriegesvolck bezecht geſtrecket nieder

Zu ſchlaffen in dem graß. Da ſtehen an dem port

Die wagen und geſchirr; Es ligen hier und dort

Die leute/ keiner denckt ſich auff und fort zu raffen/

Es ligen hin und her zerſtreuet wehr und waffen/

Wie auch die weingefaͤß: Da faͤnget Niſus an

Und ſagt: Euryale/ die noth geht nun an man;

Es muß gewaget ſeyn mit macht darein zuſchlagen:

Hier iſt der weg hindurch; flugs/ ehs beginnt zu tagen:

Verhuͤte du/ daß uns von hinden keine rott

Zu uͤberfallen komm; Und machen uns zum ſpott.

Drumb
[437]Das Neunde Buch.
Drum ſiehe weit herum. Hier will ich nun durchbrechen/

Und alles machen kahl mit hauen und mit ſtechen/

Und wil dir machen raum/ daß wir dann alſofort

Gelangen ſicherlich am vorbeſtimpten orth.

So redet er und ſchwieg; gieng ſtracks auf den Rhamne-

Mit ſeinem degen zu/ der ſtattlich auf tapeten (ten

Geſtrecket lag/ und bließ den ſchlaff mit vollem ſchnauff

Von ſeiner bruſt/ allein er ſtund nicht wieder auff

Vom Niſens erſten ſtreich: Derſelbe war ein Koͤnig

Und vogelſchauer/ der dem Turnus war nicht wenig

Beliebt und angenehm/ doch hat er nicht gekunt

Vertreiben dieſen tod durch ſeinen weiſen mund.

Er uͤberfiel zu dem drey diener bey den wagen/

Die zwiſchen wehr und zeug ohn allen ſorgen lagen/

Auch Nhemi waffenknecht und kutſcher/ den er traff

Gleich bey den pferden an befangen von dem ſchlaff.

Hieb ihnen beyden ab den halß/ der fuͤr ſich hienge;

Schlug ihren herren auch den kopff ab mit der klinge;

Der rumpff ligt da und ſchluckt in blut/ das bett und erd

Iſt von dem ſchwartzen blut befeuchtet und beſchwert.

Er toͤdtet Tamir auch/ den Lam und junggeſellen

Serran/ der da bey nacht ſich kunte luſtig ſtellen

mit tantzẽ/ ſpiel und ſchertz: War ſehr ſchoͤn von geſtalt/

Lag aber da und ſchlieff bezwungen von gewalt

Des ſtarcken rebenſaffts: Wie ſelig wehr er blieben/

Wenn er dieſelbe nacht das ſpiel haͤtt durch getrieben

Und bis am hellen tag: Der Niſus war ſo toll/

So wild und ungeſtuͤm/ und grimmer wuͤte voll/

E e 3Nicht
[438]Das Neunde Buch.
Nicht anders/ als ein loͤw/ der hungrig und ergrimmet

Im fall er einen ſtall voll ſchaffe wo vernimmet/

Groß lermen richtet an (weil ihn die grimme gier

Des hungers reitzt und treibt) er friſt die arme thier/

Und ſchleppt ſie hin und her/ die fuͤr ihm ſtracks erſchreckẽ

Erſtum̃t von kalter furcht/ und koͤnnen nicht mehr bloͤckẽ.

Der loͤwe bruͤllet fort mit ſeinem blutgen ſchlund.

Euryalus machts auch/ wie Niſus tapffer kunt/

Und tobt nicht weniger gantz ungehaltner maſſen/

Und muß viel ſchlechtes volck das liebe leben laſſen;

Als Febus/ Hebeſus/ der Rhetus/ Abaris/

Die davon wuſten nichts/ nur Rhetus ſahe diß/

Als wachend/ alles an: Weil aber er von ſchrecken

Gantz eingenommen war/ ſo wolt er ſich dedecken

Mit einem trinckgeſchirr/ und becher/ der ſehr groß/

Dem aber/ als er auffſtund und ſich gabe bloß/

Euryalus das ſchwerdt tieff durch die rippen ſtieſſe/

Und ſelbtes wiederumb mit vielem blut außriſſe;

Der ſpie mit blut heraus die ſeel/ und gab den wein

Mit blut vermiſcht von ſich und buͤſt ſein leben ein.

Immittelſt faͤhret fort Euryalus mit morden

Und wuͤrgen in geheim und iſt gar hitzig worden;

Er wolte nun das volck Meſſapi ſchlagen auch;

Da wo zuletzt das feur verloſch/ und nach gebrauch

Die pferde weideten im graß/ doch angebunden/

Geſtalt er ſelber ſah und gut fuͤr ſich befunden;

Da ſprach der Niſus (denn er meinte das er gar

Zu hitzig und ergrimmt in todt- und wuͤrgen war)

Laß
[439]Das Neunde Buch
Laß uns nun hoͤren auff/ wir haben gnung geſchlagen:

Es koͤmmt das liecht heran/ und wil nun wieder tagen;

Das liecht/ das unſerm thun und anſchlag widrig iſt/

Wir haben gute bahn gemacht in kurtzer friſt

Immitten durch den feind: Sie lieſſen viel der dinge

Vom ſilber ligen da/ und hielten ſie geringe/

Als waffen/ kriegsgeſchirr/ und ſchoͤn tapetenwerck

Euryalus greifft zu und nimmet zum gemerck

Rhamnetis pferdeſchmuck; Er traͤget auch verlangen

Nach ſeinen guͤldnen gurt/ geziert mit ſchoͤnen ſpangen/

Das ehmals Cædicus ein uͤberreicher mann

Geſchenckt dem Remulo/ als er fieng buͤndnuͤß an

Und gaſtfreundſchafft mit ihm/ da er nicht war zugegẽ/

Er aber Remulus laͤßt dieſes alles legen

Dem kleinen Enckel bey/ als er jtzt gute nacht

Den ſeinen gab und ſtarb: Dann ward es frey gemacht

Den Rutulern zur beut. Die haben alls bekommen.

Als nun Euryalus das guͤrtel umbgenommen/

Zu ſeinen nutz zwar nicht; Setzt er dann uͤber das

Den helm Meſſapi auff/ der ihm kam nicht zu paß/

Wie auch der federpuſch. Da eilen ſie zugehen/

Und wollen laͤnger nicht im feindes lager ſtehen;

Sie machen ſich vielmehr ins freye ſichre feld.

Als dieſe niederlag zu wercke war geſtellt/

Da ſah immittelſt man herkommen heeres ſchaaren/

Die aus der ſtadt Latin voran geſchicket waren/

In dem das fußvolck zog in ordnung langſam fort.

Und brachten Turno mit beſcheid und gegenwort.

E e 4Drey-
[440]Das Neunde Buch.
Dreyhundert waren wol derſelbigen zu zehlen

Der ritter/ welchen hat als meiſter zu befehlen/

Derſelbe hieß Volſcens: Ein ieder war vorſehn

Mit einem ſchild: jtzt ſah man ſie was naͤher gehn

Und ziehn beym lager her und zu der ſtadt ſich kehren/

Da ſehn ſie dieſe zween in ihrem zeug und wehren

Von fern ſich lencken auff den weg zur lincken hand/

Mit dem Euryalus wars alſo ſchlecht bewand/

Daß ihn der helm verrieth/ und nicht daran gedachte/

Was er doch/ da er ſich ſo außſtaffieret/ machte

Es war zwar in der nacht/ doch war es mondenſchein/

Und kunte dannenher nicht wol verborgen ſeyn.

Da deuchte maͤnniglich/ daß dieſes was bedeute:

Der Volſcens ſchreyet auff im hauffen/ ſteht ihr leute!

Wornach habt ihr zu gehn/ wer ſeyd ihr im gewehr!

Wo dencket ihr hinaus? Wo ſeyd ihr kommen her?

Sie ſagten drauff kein wort und namen alſo balde

Vertrauend ſich der nacht die flucht hin zu dem walde;

Die renter ſtellten ſich auff die bekante weg/

Und legten rings umbher die waͤchter an den ſteg/

Und wehreten den paß. Der wald war da mit ſtraͤuchẽ

Bewachſen hier und da mit hagen und ſteineichen/

Mit finſternuͤß erfuͤllt/ mit hecken ohne zahl/

Daß man empfunde ſcheu und grauen uͤberall.

Dadurch gieng nur ein weg gar heimlich und verborgen/

Der keine tapffen hatt/ und muſte man ſtets ſorgen/

Daß man nicht gienge ſchlimm: Der gute juͤngeling

Euryal wuſte nicht/ wo enden er recht gieng.

Es
[441]Das Neunde Buch.
Es hindern beydes ihn die ſinſtern zweig und hecken/

Und ſchwere beute/ die er nicht vermag zu trecken/

Und fuͤhret ihn die furcht den rechten weg fuͤrbey

Der Niſ entgehet recht den feinden ohne ſche u/

Und weiß doch nicht/ daß er der faͤhrligkeit entkommen

Und ſeine zuflucht hier an dieſes ſee genommen:

Das von der Alben ſtadt hernachmals fort und fort

Genennt iſt worden ſo.

Man ſahe dazumal des Koͤnigs ſtelle ſtehen

Als er nun ſtille ſtund nach ſeinem freund zu ſehen/

Fieng er zu klagen an mit jaͤmmerlichem ſchall:

Wie ungluͤckhafft bin ich/ mein lieber Euryal!

Wo biſt du kommen hin/ wie hab ich dich dahinden

Gelaſſen/ wo ſol ich/ mein freund/ dich wieder finden?

Da gieng er wiederumb auff dieſer jrrebahn

Zuruͤck/ und ſuchte fort in walde/ wie er kan?

Nimmt auch zugleich in acht die tapffen in dem gehen/

Und laͤufft herumb in wald/ und kan nicht ſtille ſtehen:

Er hoͤrt das traben zwar der pferd/ und ein geſchrey/

Getuͤmmel und geraͤuſch/ weiß doch nicht was es ſey.

Es wehrete nicht lang/ da hoͤret er das ſchreyen

Der feind und ſiehet nun Euryalum den treuen

Und nun verlaſſnen freund/ dem nun der gantze hauff/

Durch dieſes orts betrug und finſtre nacht ſtoͤßt auff

Mit ſchnellem uͤberfall/ und gegen ihn ergrimmet

Ergreiffet thurſtiglich/ und ihn gefangen nimmet/

Euryalus gereitzt durch noth und tugendbrunſt

Wil zwar ſich wehren viel/ doch aber iſts umbſonſt.

E e 5Was
[442]Das Neunde Buch.
Was ſol nun Niſus thun/ mit was fuͤr macht und ſtaͤrcke

Sol er ihm ſtehen bey/ und zeigen ein gemercke

Der unverruͤckten treu? Was ſol er gegen feind

Gebrauchen fuͤr gewehr/ daß er rett ſeinen freund?

Sol er ſich in gefahr zu ſtecken kecker wagen?

Sol er ſich laſſen ſam̃t dem freund von feind erſchlagen

Von wegen ſchnoͤden ruhms? Er zeucht den bogen an

Geſchwind/ und ſieht am mon an hohem himmelsplan/

Und betet inniglich: O goͤttin dort von ferne

Latonen liebſtes kind! O zier der ſchoͤnen ſterne/

Der waͤlder fuͤrſtin du! Steh mir doch gnaͤdig bey

Und hilff/ daß meine muͤh nicht gar vergebens ſey.

So jemals Hirtacus mein vater dich verehret

Mit opffergabe hat; So ich ſie auch vermehret

Mit meinen jagten hab/ wo ich dir auffgehenckt

Die waffen ans gewoͤlb/ und auch zur zier beſchenckt

Den tempel mit der beut/ ſo hilff mir dieſe menge

Der feinde/ welche ſtehn mit maͤchtigem getraͤnge

Umb den Eurialum/ zertrennen durch den pfeil/

Den ich jtzt druͤcke loß/ vielleicht zu huͤlff und heil

Des freunds Euryali: Ob er ſo moͤg gewinnen

Gelegenheit und raum den feinden zu entrinnen:

Regiere meinen ſchuß. Mit dieſem muͤht er ſich/

Und warff den ſpieß von ſich/ der floge ſchnelliglich

In finſtern durch die lufft/ und fuhr dem tapffern ritter

Dem Sulmo in den ſchild/ zerbrach/ und gieng der ſplitter

Ihm tieff ins hertz hinein/ er fiel/ und lieff das blut

Mit hauffen aus der bruſt/ wie eine warme flut/

Ward
[443]Das Neunde Buch.
Ward alſo kalt und bebt der bauch ihm etwas lange/

Sie ſehen hier und da ſich umb/ daß manchem bange

Von dieſem wurffpfeil wird. Nach dieſem wurde Niſ

Viel muthiger und ſchwung noch einen andern ſpieß.

Dahinden von dem ohr: Als ſie nun ſtehn und murren

Mit feigheit/ koͤmmt der ſchweiß und fleugt mit groſſem

ſchnurren/

Dem Tagus durch den ſchlaff/ daß er im Hirne law

Und warm blieb ſtecken feſt: Der Volſcens fienge rauh

Im zorn zu wuͤten an/ und kan doch nirgend ſchen

Den man/ von den der ſchuß zum zweitenmal geſchehen/

Noch wo er ſol im grimm ſich endlich wenden hin:

Dein blut ſey unterdes mein vortheil und gewinn/

Du folt hinwiederumb fuͤr dieſe beyde buͤſſen/

Und jtzt dein junges blut durch meinen zorn vergieſſen:

So ſagt er/ und zugleich zoch er den blancken ſtahl

Von ſeiner ſeit/ und gieng ſtracks auff den Euryal.

Da kam den Niſus an ein ploͤtzliches erſchrecken/

Und wolte laͤnger ſich im walde nicht verſtecken?

Schrie laut/ wie einer/ der geraͤth in raſenheit/

Und kunte laͤnger nicht erdulden ſolches leid.

Mich/ mich/ ich bin/ der euch diß hat gethan zu leyde;

Stoßt euer ſchwerd in mich und in mein eingeweyde/

O ihr Rutulier! der ſchade koͤmmt von mir/

Er hat gehandelt nicht zuwider der gebuͤhr;

Er hat auch nicht gekunt: Das wird mir zeugnuͤß geben

Der himmel und die ſtern/ die alles wiſſen eben/

Nicht anders/ als wir ſelbſt. So lieb war ihm der freund/

So gut/ ja gar zu gut hat ers mit ihm gemeint.

So
[444]Das Neunde Buch.
So ſagte Niſus zwar: Doch war das ſchwerd gezuͤcket/

Das gehet durch die bruſt mit gantzer krafft gedruͤcket

Und riß ſein frommes hertz entzwey/ er fiel zur erd/

Und muſte ſterben ſo von Volſcens grimmen ſchwerd.

Die lebens roͤth/ das blut floß uͤber ſeine glieder

Und ſchoͤnen leib; Der halß ſich neigte hin und wieder

Auffbeyde ſchultern hin/ gleich wie ein bluͤmelein

Verwelcket und verdirbt/ wenn ſie der pflug druͤckt ein

Und von dem ſtengel reiſt; Und wie die mohnen pflegen/

Wenn ihr haupt nieder ſinckt beſchwert von vielen regẽ.

Der Niſus aber fiel immitten unter ſie/

Und drang durch alle hin mit gantzer leibes muͤh

Nur auff den Volſcens zu/ mit Volſcens wil er gehen

Allein ein gaͤngelein/ kein andrer ſoll ihm ſtehen:

Die feind uͤmringen ihn und treiben ihn zuruͤck

Von allen ſeiten her: Er aber that ein ſtuͤck

Mit ſtarcker freudigkeit/ und ſchlaͤgt mit ſeinem degen

Herum und macht ihm raum/ daß keiner ſich darff regen/

Bis er an Volſcens koͤmpt/ da ſtoͤſſet er nicht faul

Demſelben/ da er ſchrie/ den degen in das maul/

Und nam/ eh er ſelbſt ſtarb/ das leben ſeinem feinde/

Und fiel und ſtarb alsdenn auff ſeinem todten freunde/

Weil er verwundet war auch toͤdlich in die ſeit/

Und ſtarb da endlich mit gar ſanfft ohn angſt und leid.

Gluͤckſelig ſeyd ihr beyd/ ſo ich vermoͤgen habe

Durch meine tichterkunſt/ ſolt ihr auch in dem grabe

Stets unverweßlich ſeyn. Eur name/ ruhm und ehr

Wird allezeit beſtehn/ vergehen nimmermehr.

So
[445]Das Neunde Buch.
So lang Eneens ſtamm die Roͤmer wohnen werden

Beym Capitolio in frieden ohn beſchwerden:

So lang das Roͤmſche reich mit ſeinem vater ſteht

Und Kaͤyſer: Alſo auch eur name nicht vergeht.

Als nun die Rutuler die juͤngling uͤberwunden/

Und bey demſelbigen viel ſchoͤnen raub gefunden/

Da trugen ſie den leib des todten Volſcens hin

Mit zaͤhren/ ſtillem muth und hochbetruͤbten ſinn.

Es war im lager auch nicht minder leid und klagen/

Weil Rhamnes lage tod/ und andre viel erſchlagen/

Als nembllch der Serran/ der Numa/ und noch mehr:

Viel volck zu ſehen an die leichnam/ lieffen her.

Es waren etliche/ die noch ein wenig lebten/

Und deren ſeelen kaum noch auff den lippen ſchwebten:

die wallſtat iſt noch waꝛm von friſcheꝛ ſchlacht und moꝛd/

Es rinnet noch der ſtrom mit rothem blute fort.

Sie kennen unter ſich den raub mit groſſer freude/

Den Niſ und Euryal/ die jungen helden beyde

Von den erſchlagenen mitbrachten/ kennen auch

Meſſapens blancken helm/ den er mit ſtettem brauch

Auff ſeinem haupte trug: Auch kunten ſie erkennen

Den pferde ſchmuck/ den man mußt abermahl gewinnen

Mit groſſem ſchweiß und muͤh. Es ſtellte ſich nun ein

Die ſchoͤne morgenroͤth mit ihrem guͤldnen ſchein/

Da kam die ſonne her in ihrem glantz gefahren/

Und alle dinge klar durchs liecht entdecket waren:

Da ritte Turnus her mit waffen angethan/

Und mahnete das volck ſich auch zu wapnen an/

Ein
[446]Das Neunde Buch.
Ein jeder oberſter/ als ſie gewapnet waren/

Fuͤhrt ſie zum krieg und ſtreit/ ein jeder ſeine ſchaaren/

Und reitzten ſie zum zorn mit allerhand geſchrey/

Vermeldend/ wie es juͤngſt im lager gangen ſey.

Hiernebenſt ſtecken ſie die haͤupter auff die ſpieſſe/

Und richten ſie ſo auff/ daß ſichs anſehen lieſſe

Erbaͤrmlich/ ſchryen drauff mit uͤber lautem ſchall:

Diß iſt des Niſus haupt/ dis iſt der Euryal.

Die Troer/ die ſchon laͤngſt des kriegs gewonet waren/

Und hatten jammer/ muͤh und ungemach erfahren/

Sind auch mit ihrem heer gefaſt in gutem ſtand/

Und ſtellen ordentlich ſich auff die lincke hand

Der manren ins gewehr (die weil die rechte ſeite/

Umbgeben mit dem ſtrom befreyet war von ſtreite)

Und theils nimmt tam̃ und wall/ theils groſſe grabẽ ein/

Theils auff den thuͤrnen ſtehn mit truͤbem augenſchein

Sie muͤſſen ſchauen an die haͤupter tapffrer ritter

Auff ſpieſſen ausgeſteckt/ das ihnen herb und bitter

Kam fuͤr/ und uͤber das ſehn ſie mit ſchwerem muth

Dieſelben trieffen noch von dick geronnem blut.

Sie waren allzuſehr bekand den armen leuten:

Immittelſt lieff der ruff gefluͤgelt außznbreiten

Die poſt in gantzer ſtadt/ und koͤmmt zu ohren hin

Der mutter Euryals und ſchlaͤget ihren ſinn

Gar ploͤtzlich von vernunfft: kein warmer blutestropffe

Iſt weder an dem leib/ noch angeſicht und kopffe;

Es faͤllt ihr alſobald die ſpindel aus der hand/

Ihr tagewerck ligt da und iſt nun ſchlecht bewand.

Bald
[447]Das Neunde Buch.
Bald lieff das arme weib hinaus mit heul- und klagen/

Und kunt nach weiber art ſich gar wehmuͤthig tragen/

Mit außgeriſſnem haar. Bald lieff ſie ohn vernunfft

Den hohen wall hinauff fuͤr aller weiberzunfft

Und durch das kriegesvolck/ ſie war beraubt der ſinnen/

Daß ſie nicht wuſte ſelbſt ihr thoͤrichtes beginnen;

Sie kand die krieger nicht/ noch waffen/ noch gefahr:

Da fuͤhrt ſie ihre klag/ die weit zu hoͤren war

Sol ich/ Euryalus/ dich alſo ſehen ligen?

Wilſt du mein alterthumb mit ſolcher ruh vergnuͤgen!

Haſt du/ o grauſamer/ mich koͤnnen ſo allein

Hier laſſen/ daß du nicht haſt wollen bey mir ſeyn?

Iſt mir/ als mutter/ nicht/ da du in krieges vheden

Itzt ziehen wolteſt/ dich zu letzt noch an zu reden

Gegeben fug und macht? Ach leider! ligſt du dort

In einem frembden land/ an einem ſolchen ort/

Da du den hunden muſt und fluͤgel-ſchnellem heere

Ein raub und ſpeiſe ſeyn? Hab ich die letzte ehre

Dir nicht erzeigen kunt/ daß ich dir zu gedruͤckt

Die augen haͤtte noch/ und dich zu grab beſchickt?

Hab ich dir nicht geſolt die wunden waſchen abe

Und decken mit dem kleid/ das ich verfertigt habe

Dir eilend tag und nacht/ damit ich mir vertrieb

Die zeit am alterthumb/ weil du mir wareſt lieb?

Wo ſol ich gehen hin/ wo mag ich deine glieder/

Die von einander ſind gehawen/ finden wieder?

Wo wird dein leichnam ſeyn? Wie wird er ſein verletzt/

Ja wol zerhackt/ zerfleiſcht/ zerriſſen und zerfetzt!

Ver
[448]Das Neunde Buch.
Vergilteſt du mirs ſo/ daß ich aus lieb bewogen

Bin mit dir/ o mein ſohn/ zu land und meer gezogen?

Ihr lieben Rutuler/ ſchieſt mich doch nur zu tod/

Wenn ihr aus froͤmmigkeit bejammert meine noth!

Ja laſſet alle ſchuͤſſ auff mich alleine gehen/

Laſt mich den grimmen tod zum zweck und ziele ſtehen!

Laſt mich/ die ihr ſtecht tod/ nur bald die erſte ſeyn/

Doch oder/ Jupiter/ erbarme du dich mein:

Und ſchmeiß verhaßte mich mit deinem donnerkeile

Hinunter in die hoͤll/ weil anders ich zu theile

Dem tod nicht werden kan/ noch meines lebens ab/

Das mir ſehr bitter iſt/ kan-kommen/ und ins grab.

Als ſie ſich nun gehub mit ſolchen thraͤnen-klagen/

Da muſten ſich beſtuͤrtzt die oberſten auch tragen:

Es ſtenge maͤnniglich betruͤbt zu ſeufftzen an:

Sie ſind gar laß zum ſtreit/ und niemand wil gern dran.

Weil dann die mutter nun gedachter beyden ſoͤhne

So hefftig traurete mit klaͤglichem gethoͤne:

Fuͤhrt ſie Idæus und der Actor auff begehr

Ilioneus und des Juͤli/ welche ſehr

Mit andern weineten/ davon nach hauß zu bette:

Drauff hoͤrte man von fern die trompter in die wette

In felde blaſen auff. Dann ſchreyen ſie zu hauff

So hefftig/ daß der ſchall ſteigt bis an himmel auff/

Die voͤlcker eilen fort mit ihren ſchild und decken/

Daͤrunter ſie ſich dicht und feſt zuſammen ſtecken/

Und wollen fuͤllen aus die graben und den wall

Zerreiſſen: Man bemuͤht zum ſturm ſich uͤberall.

Es
[449]Das Neunde Buch.
Es ſtreben etliche die mauren zu erſteigen

Mit leitern/ da ſie ſich ſehr ſchwach und duͤnne zeigen

Am volck und widerſtand/ wo man hindurch kan ſehn/

Und die beſatzung nicht gar dicke ſcheint zu ſtehn.

Die Troer auff den feind hingegen haͤuffig ſchoſſen

Mit allerhand gewehr und ihre leitern ſtoſſen

Mit groſſen hacken ab/ als die erfahrenheit

Noch hatten uͤbrig gnug bey langer kriegeszeit:

Da ſie ihr vaterland und feſtung zubeſchirmen/

Traun muſten lernen viel/ und wehren manchẽ ſtuͤrmen:

Sie weltzten auch hinab gefaͤhrlich ſchwere ſtein;

Dadurch den ſtuͤrmenden gewehret moͤchte ſeyn/

Ob ſie den dichten keil und ſchildbedeckten hauffen/

Der an die mauer wolt hinan mit ſturme lauffen/

Zu trennen wehren gnug. Doch aber war der feind

Zu ſtehen alles aus geſchicket und gemeint/

Und gleichwol kunt ers doch die laͤnge nicht außſtehen;

Denn da der dicke hauff ſich trung hinan zugehen/

Da wird ein ſchwerer ſtein von ungeheurer groͤß

Gewaͤltzet von der maur mit ſchrecklichem getoͤß;

Der koͤmmt mit ungeſtuͤmm herunter nun gelauffen/

Und trennt mit ſchwerem fall den ſchildbedecktẽ hauffen/

Und machet unter ſie nicht eine kleine luͤck/

Hierauff wil keiner nicht mit blindem ſturm und gluͤck

Mehr lauffen an die maur: Sie muͤhen ſich vom weiten

Mit den belaͤgerten mit allem ernſt zu ſtreiten/

Ob man ſie von dem wall mit ſchieſſen treiben koͤnt/

Da faͤhrt Mezentius am andern ort und end/

F fFuͤhrt
[450]Das Neunde Buch.
Fuͤhrt einen fichtenbaum und bringet feur getragen

Und wirffts hinan: Allein Meſſap wils kuͤhner wagen/

Nimmt mit ſich ein geſchuͤtz/ und reiſt den wall entzwey/

Rufft leitern an die maur zu bringen bald herbey.

Ihr/ Muſen/ laſſet mich doch dieſe bitt erhalten/

Daß ihr wolt uͤber micht mit gnad und hulden walten/

Zu melden/ was daſelbſt und zu derſelben zeit

Der Turnus außgeuͤbt fuͤr niederlag im ſtreit;

Und welchen dieſer/ der und jener hab erſchlagen/

Und ſeyd geneigt mit mir den groſſen krieg zutragen

Nach allem uͤmbſtand aus. Denn ihr als Goͤttinnen

Habts noch in friſchem ſinn und koͤnnt es anderen

Zum denckmal bringen bey. Es war von dicken buͤhnen

Ein hoher thurn gebaut/ der ſonderlich kunt dienen

Der ſtadt zum widerſtaud/ gelegen trefflich gut/

Den ſich die Italer mit gantzem ſinn und muth

Mit aller leibeskrafft und euſſerſtem vermoͤgen

Bemuͤhten eiffers voll von ſeinem ort zuregen/

Und gantz zu werffen uͤmb: Allein das gegentheil

Die Troer ſchickten ſich zuſchuͤtzen ehr und heil.

Mit ſteinen und geſchoß: Da haͤtte man geſehen

Wie ſie von fenſteren und Soͤllern lieſſen gehen

Die pfeil und ſtein herab/ der Turnus geht voran

Wirfft eine fackel drauff/ ſo hoch er werffen kan/

Und zwar ſo gluͤcklich/ daß ſie an der einen ſeiten

Des thurnes hafftet an/ und durch der winde ſtreiten

Ergriffe das gehoͤltz/ nimmt auch die pfoſten ein

Und bleibt ſo lange dran/ bis ſie verzehret ſeyn.

Die
[451]Das Neunde Buch.
Die guten leute drinn erſchracken hoͤchſter maſſen/

Und wuſten nicht/ was ſie thun ſolten oder laſſen;

Sie wolten gern entfliehn dem groſſen ungeluͤck;

Vergebens! Denn in dem ſie lieffen dicht und dick

Zuſammen/ und zur ſeit zuruͤcke ſich begaben/

Und ſo vermeineten/ es ſolte noth nicht haben/

Weil da war keine brunſt; Da faͤllt der thurn herab

Gantz ploͤtzlich mit der ſchwer und groſſes krachen gab.

Die leute waren ſchon halb tod/ da mit der ſchwere

Der thurm fiel uͤber ſie/ theils fiel in eigne wehre/

Daß ihnen von dem ſpieß das holtz gieng durch die bruſt.

Kaum einer oder zween/ ſo viel mir iſt bewuſt/

Entkamen/ Helenor und Lycus/ ihrer wenig

Bey ſolcher groſſen zahl Helenor war vom koͤnig

Der Lydier gezeugt/ geboren von der magd

Lyeimnia/ die ihn/ dieweil er ihr behagt/

Zog heimblich auff/ und ſchickt ihn unerlaubter maſſen/

Dieweil mit Sclaven ſichs nicht wolte thun ſo laſſen/

In krieg/ fuͤr Troja hin: Der trug ein bloſſes ſchwerdt

Und ungemahlten ſchild/ weil er war ungeehrt.

Als er ſich nun befand immitten tauſend ſchaaren

Des Turni/ die auff ihn erpicht als feinde waren/

Und ſahe hier und dort die Welſchen ſtehn umbher/

Da tobt er wie ein Pard/ das wider ſpieß und wehr/

Wenns von den jaͤgern iſt geſteller und umbringer/

Laͤufft grimmig und erboſt/ ja uͤber ſpieſſe ſpringet/

Und auff die jaͤger zu/ und weil es ſolcher noth

Nicht zu entfliehen weiß/ ſtuͤrtzt ſichs gar in den todt:

F f 2So
[452]Das Neunde Buch.
So kam der juͤngeling ergrimmet her gelauffen/

Und ſatzt immitten durch deß feindes hellen hauffen/

Weil er doch ſterben muſt/ und lieffe tumm hinein

Wo ſchlacht und harter ſtreit am dickſten pflegt zu ſeyn;

Der Lycus aber/ der ſich ſchnelle kunte raffen

Auff ſeinen fuͤſſen fort/ floh zwiſchen feind und waffen

Bis an die feſtung hin/ und ſtrebet oben auff

Zukommen auff die maur/ zu faſſen in dem lauff

Mit ſeiner fauſt die hand der purſch und mitgenoſſen/

Den Turnus aber doch zugleich beids mit geſchoſſen

Und lauffen uͤbereilt/ und redet ihn ſo an

Sehr rauh und ungeſtuͤm/ als nun ſein ſiegesmann:

Du narr/ wie haſt du ſo die flucht hieher genommen?

Gedenckſt du meiner hand mit lauffen zu entkommen?

Als er nun hienge ſo/ zeucht er ihn ſtracks zuruͤck

Und reiſſet von der maur zugleich ein groſſes ſtuͤck.

Es laͤſſet deſſen ſich ein bild an adler ſchauen/

Der einen haſen greifft mit ſeinen krummen klauen/

Doch oder einen ſchwan und fuͤhrt ihn in die lufft:

Ja wie ein grimmer wolff ein ſchaͤfflein nimmet offt

Vom ſchaffſtall weg und fleucht: Die mutter laͤufft und

Da wird nun uͤberall ein groß geſchrey erwecket (bloͤcket

Bey den belaͤgerten/ die feinde lauffen an/

Man fuͤllt die graben aus mit erde/ wie man kan.

Die andren werffen an die thuͤrne feuerballen/

Und wolten in dem ſturm erlangen ruhm fuͤr allen/

Als ſich Lucetius noch an der pforte fand

Vorhabens ſie jtzund zu ſtecken in den brand;

Den
[453]Das Neunde Buch.
Den warff Ilioneus mit einem felſen ſtuͤcke:

Es hielte Liger auch Emathion zuruͤcke/

Und gab ihm ſeinen reſt: den Chorinæum ſchlug/

Aſylas/ daß er ſtarb/ der ſonſt den preiß auch trug

In waffen mit dem ſpieß/ der Liger mit den pfeilen;

Der Cenæus lieffe ſtracks den Ortyg zu er eilen/

Erlangt und ſticht ihn tod: der Turnus faͤhrt heran/

Und ſtegt dem Cenaͤus ob/ der kurtz war ſiegesman.

hier macht er groſſen raum/ ſchlaͤgt einẽ nach dem andern/

Daß ſie mit groſſer ſchaar ins reich der ſeelen wandern:

Da bleibet Idas auch/ der wieder harten ſturm

Mit ritterlicher fauſt vertheidigt einen thurm.

Orivern kriegt in den leib des Capys ſtahl und ſpitze:

Aͤls der empfaͤnget auch nur eine kleine ritze

Von des Themillæ ſpieß/ da wirfft der narr zur ſtund

Den ſchild hinweg/ und haͤlt die hand hin auff die wund:

Da faͤhret her ein pfeil gefuͤttert und geſchaͤfftet;

Der aber ihm die hand an ſeine lincke hefftet/

Und gleichſam nagelt an/ und ſich ſo tieff durch trung/

Daß er zerſpaltete bis auff den tod die lung/

Es ſtund Arcentis ſohn mit waffen ſchoͤn ſtaffieret/

Mit einem reiterrock bekleidet und gezieret/

Am farbe dunckelroth/ wie man in Spanien

Zutragen pflegt geſtickt mit golde trefflich ſchoͤn.

Ein juͤngling vom geſtalt ſehr trefflich/ den ſein vater

Geſchicket hatt in krieg/ zu ſeyn ſein ſelbſt berather/

War in des Martis wald am ſtarcken fluß Simeth

Im land Sicilien erzogen/ da wo ſteht

F f 3Ein
[454]Das Neunde Buch.
Ein feiſter altar/ da nicht mehr die ſchiffer Goͤtzen

Paliei Menſchen auff-zur opffergabe-ſetzen/

Wie vormals/ ſondern vieh. Drumb hieß man den altar

Verſoͤhnlich/ weil der Goͤtz nicht mehr ſo grauſam war.

Da legt Mezentius ſein andre waffen nieder/

Nam eine ſchlender die er drehte hin und wieder

Mit brum̃en um den kopff/ und ſchwung zwier oder drey/

Und warff ihm an die ſtirn ein groß loch mit dem bley/

Wie denn der Arcens gleich ihm gegen uͤberſtundte/

Und faͤllet ihn/ daß er die laͤnge lang begunte

Zuſtrecken ſich in ſand: Der Aſcan/ wie man ſagt/

Der vorhin pflegte ſtets zu ziehen auff die jagt

Umb das geſcheuchte wild zu hetzen und zu fangen;

Hat damals/ als der krieg iſt erſtlich angegangen/

Ergriffen einen pfeil/ und einen ſchuß gethan/

Da von geblieben iſt der tapffre held Numan/

Der hieß ſonſt Remulus/ und war des Turni ſchwager

Geworden neulich erſt/ und danu deſſelben lager

Behertzt gezogen nach/ der ſtund forn an der ſpitz/

Und ſchrie viel dinges her/ theils gut/ theils nicht viel nuͤtz/

Daß man es mache kund; Und kunte ſich von wegen

Der neuen ſchwaͤgerſchafft mit Turno trotzig regen

Mit hochgeſtuntom muth/ und machte mit geſchrey

Und plaudern ſich ſehr groß und ſonderliche ſcheu.

Ihr Troer (ſager er) die ihr ſeyd zwier gefangen/

Wie iſt euch/ wollen nicht erroͤthen ewre wangen?

Schaͤmt ihr euch nicht/ daß ihr noch einſt belaͤgert ſeyd/

Und muͤßt zum zweiten mal erfahren angſt und leid?

In
[455]Das Neunde Buch.
In dem ihr wiederumb die mauren fuͤr-muͤſt-ſchuͤtzen

Dem tode/ das euch doch zum wenigſten wird nuͤtzen.

Ey lieber/ ſchauet nun/ was doch fuͤr leute ſind

Vom Troja kommen her/ die eines Koͤnigs kind

Zu rauben ſind gemeint! die ſich mit krieg und ſtreiten

Bemuͤhen unſre braut zu nehmen von der ſeiten!

Was fuͤr ein ungeluͤck/ ja was fuͤr tummer wahn

Hat euch genoͤthiget bey uns zukommen an?

Hier ſind Atriden nicht/ hier kein Ulyß zu finden/

Der beſſer ſchwatzen kan/ als mauren uͤberwinden.

Es gibt hier ſolche leut/ die ſind von harter art/

Die kinder werden ſtracks vom mutterleibe hart;

So bald ſie werden jung und an die welt gebohren/

So tragen wir ſie hin und ſchaͤtzen ſie verlohren

An einem ſtrengen ſtrom/ da tauchen wir ſie ein;

Es mag gleich harter froſt und ſcharffe kaͤlte ſeyn.

Sinds knaben/ muͤſſen ſie ſich uͤben ſtets mit jagen/

Und in dem wald und puſch viel arbeit lernen tragen/

Den bogen ſchieſſen ab nach vorgeſteckten ziel/

Und pferde tummelen iſt nur ihr kinderſpiel.

Sind ſie gekommen nun in junggeſellen orden

Und an dem leibe ſtarck und muth behertzet worden/

So koͤnnen ſie auch baß ertragen die beſchwer/

Mit wenigen vergnuͤgt arbeiten deſto mehr.

Da koͤnnen ſie das ſeld bey gutem friede pfluͤgen/

Da koͤnnen ſie den feind/ die ſtaͤdt und land bekriegen/

Wir koͤnnen unſer thun und leben bringen zu/

Mit eyſen/ haben doch bey unruh gute ruh.

F f 4Die
[456]Das Neunde Buch.
Die ochſen treiben wir mit umbgewandten ſpieſſen/

Und laſſen weder fried noch kriegen uns verdrieſſen:

Das hohe alterthum nimmt uns nicht krafft und blut/

Und ſchwaͤcht nicht unſer hertz noch ſteiffgeſinnten muth.

Wir koͤnnen einem helm auff grauen haͤuptern tragen/

Und doͤrffen eben nicht nach zobelmuͤtzen fragen/

Wir haben allezeit an friſcher beute luſt/

Und leben von dem raub/ trug iſt uns unbewuſt.

Ihr ſeyd mit gold geziert und purpurfarbnen roͤcken/

Laſt aber euren muth zur tugend nicht erwecken/

Ihr moͤget tantzen gern und bey den frauen ſeyn/

Ihr traget weiberhuͤt mit bunten baͤnderlein.

O rechte weiber ihr (ich wolt euch maͤnner nennen/

Kan aber nicht an euch ein manneshertz erkennen)

Geht auff den berg hinauff/ dort auff den Dindymon/

Und hoͤret luſtig an den ſuͤſſen pfeiffen-thon/

Des ihr gewohnet ſeyd. Es rufft euch zuerfreuen

Die mutter Cybele mit paucken und ſchalmeyen

Auff ihrem Idensberg. O geht und laſt das ſchwerdt

Den maͤnnern/ denen es geziemet und gehoͤrt.

Als er nun brachte fuͤr ſo eitle pralereyen/

Und ließ ſich ſo heraus die Troer zubeſchreyen

Mit greulichem gewaͤſch/ da kunte das Aſcan

Verſchmertzen keineswegs noch laͤnger hoͤren an;

Ergriffe ſein geſchoß und ſpannete den bogen/

Und als er mit dem arm ihn hatt an ſich gezogen/

Stund er und baͤtete fuͤr Gott dem Jupiter/

That ihm demuthiglich geluͤbd und heilig ehr.

All-
[457]Das Neunde Buch.
Allwaltger Jupiter/ laß mir mein thun geluͤcken/

Wie kuͤhn es immer ſey/ laß dieſen pfeil abdruͤcken/

So wil ich deiner kirch zu opffern einen ſtier

Geloben heiliglich/ der ſol ſein weiſſer zier/

An groͤſſe gleich der kuh/ und zwar von ſolcher ſtaͤrcke/

Daß er ſchon von ſich geb ein ſcheinbares gemercke

Der kuͤhnen ſtreitbarkeit/ und einem andern ſtier

Die ſtirn zum kampffe biet mit hitziger begier.

Der Jupiter erhoͤrt des Aſcans bruͤnſtig beten/

Daß er fuͤr ſeinem thron demuͤthig kam getreren/

Und gab von lincker hand mit einem donnerknall

Ein zeichen/ daß er ſey nach wuntſch erhoͤret all.

Als es nun donnerte am klaren himmelsſchloſſe/

Da geht der bogen loß/ und rauſcht mit dem geſchoſſe

Zugleich und flog dahin erſchrecklich durch den kopff

Des Remuli; Da faͤllt der arme gute tropff

Zu boden und bleibt tod: Geh/ geh nun hin und ſpotte

Und ſchmaͤhe tapffre leut mit deiner leichten rotte

Mit ſtoltzem hohngeſpraͤch! dis ſey den Rutulern

Zur antwott heimgeſchickt von denen Phrygiern/

Die zwier gefangen ſind. Dis war des Aſcans rede

Und unerſchrockne that bey dieſer neuen vhede/

Die Troer machten drauff ein hefftiges geſchrey/

Frolockten inniglich und wurden keck darbey.

Der ſchongehaaͤrte Gott Apollo ſah da eben

Vom himmelſitz herab/ der achtung hatte geben

Auff beyde kriegesheer/ ſaß auff dem wolckenzelt/

Und redt Juͤlum an/ den jungen ſiegesheld:

F f 5Friſch
[458]Das Neunde Buch.
Friſch dran/ o edler knab/ in deiner zarten jugend/

Und wachſe mehr und mehr in ſolcher neuen tugend!

So findet man den weg/ der ſchwer zu finden iſt

Zum guͤldnen himmelsthron/ der du von Goͤttern biſt

Gebohren/ und wieſt noch in kuͤnfſtig goͤtter zeugen:

Es wird ſich aller krieg mit recht zum ende neigen/

Der noch entſtehen muß durch Goͤttliches geſchick

Bey dem Romaner volck mit noth und ungeluͤck.

Dir aber/ junger held/ iſt Troja zu geringe

Zu klein und ſchlecht/ der du dich nimmeſt groſſer dinge

mit muth und gluͤck ſchon an: mit dieſem ſchwung er ſich

Vom hohen himmels thron/ und trennte maͤchtiglich

Die lufft/ die umbher webt/ mit guͤldenem gefieder/

Und ſetzt ſich zum Aſcan an ſeine ſeite nieder/

Nam aber die geſtalt des alten Butens an/

Der dem Anchiſen vor mit dienſt war zugethan/

Als der ſein waffenknecht und waͤrter war geweſen

Fuͤr ſeinem thor/ den auch Anchiß hatt außerleſen

Des Aſcans reißgeferth derſelben zeit zu ſeyn.

Der Gott Apollo gieng zum ſelbten nun hinein;

Und war dem alten gleich dem But in allen dingen/

An ſprach/ an farb/ am haar und an den waffen klingen/

Und redt Juͤlum an/ der ſehr begierig war

Zu ſetzen fort den ſtreit/ zu gehen in gefahr.

Du ſohn Eneens/ laß dich nur damit begnuͤgen/

Daß Numan deiner macht hat muͤſſen untenligen/

Und du ihn haſt entleibt/ und daß kein ander hat

An dir mit gleichem zorn gerochen dieſe that.

Der
[459]Das Neunde Buch.
Der groß Apollo laͤſt dir gern fuͤr erſt die ehre/

Und neidet dich gar nicht/ daß du mit deiner wehre

Und pfeile gleichen ruhm an Remulo erjagt.

Doch halt an dich und laß ein mehrers ungewagt

In dieſem kampff und krieg/ weil du noch biſt ein knabe.

Das war Apollons red/ und brach immitten abe/

Verlohr ſich aus geſicht und in die lufft verſchwand.

Ihn haben alſobald die oberſten erkand

Fuͤr einem Gott: Es hat das volck ihm gleicher maſſen

Gekennt an ſeinem pfeil/ an ſeinem thun und laſſen/

Daß er was goͤttlichs hatt/ und haben ihn gehoͤrt

An koͤcher und geraͤuſch/ als er davon ſich kehrt/

Derhalben wehren ſie dem printz/ wie ſie nur koͤnnen/

Der ſehr begierig war mit gantzem muth und ſinnen

Des ſtreits/ und mahnen ihn von ſeinem vorſatz ab/

Wie Febus neulich ihm ſelbſt zu verſtehen gab/

Mit meldung/ dieſes ſey deſſelben wort und wille;

Er laͤſſets ſo geſchehn/ und wird drauff wieder ſtille;

Sie gehen wiederumb in ſtreit mit friſchem muth/

Und wagen in gefahr ihr leben/ gut und blut.

Da laͤßt ſich ein geſchrey auff allen mauren hoͤren

Das allenthalben geht und einnimmt die bruſtwehren/

Man ſchieſt den bogen ab/ man wirfft mit ſpieß und ſper/

Das gantze feld ligt voll von pfeilen und gewehr!

Es klingen ſchild und helm von hefftigem geſchieſſe/

Ein grimmer ſtreit geht an/ es fallen pfeil und ſpieſſe

In ſolcher meng/ als viel ſind waſſertroͤpffelein:

Im fall ein regen faͤllt bey dem geſtirnten ſchein

Der
[460]Das Neunde Buch.
Der geiſſe/ wie man ſonſt pflegt diß geſtirn zu nennen/

Bey deſſen auffgang man viel waſſer ſiehet rinnen/

Das auff das erdreich platſcht von hohen wolcken her/

Und wie viel hagel faͤllt ins meer/ wenn Jupiter

Mit einem rauhen ſud ſtuͤrtzt einen dicken regen

Herab/ und kan mit ſturm das wolckenzelt bewegen

Und maͤchtig dringen durch. Schaut! was der Pandar

Und Bitias/ entflam̃t mit unerſchrocknem muth/ (thut/

Gebruͤder/ die gezeugt von dem Alcanor waren/

Vnd die Hiera hat mit vielerley gefahren

Im walde Jupiter erzogen haͤrtiglich/

Und ſolche Juͤngling zwar/ die wie die tannen ſich

Erhuben in die hoͤh/ und wie die berge waren;

Dieſelben/ wie ſie ſich nun auch an tugend paaren/

Eroͤffnen eine pfort/ die gegen feinds gefahr

Auffs oberſten befehl feſt zugeſchloſſen war.

Denn ſie verlieſſen ſich auff ihre ſtaͤrck und waffen/

Damit ſie trotziglich vermeinten viel zuſchaffen/

Und noͤthigten alſo mit frevel-kuͤhner that/

Ohn alle noth/ den feind zu kommen in die ſtadt.

Sie ſtehn/ wie hohe thuͤrn im thor auff beyden ſeiten/

Geruͤſtet und geſchickt die feinde zu beſtreiten;

Sie tragen ſchoͤne helm/ die ſchimmern von dem glantz/

Auch dicke federpuͤſch/ und warten ihrer ſchantz.

Gleich wie an Padus Strom und Atheſim zwo eichen

Mit hohem wipffel ſtehn und faſt am himmel reichen/

Die unbehauen ſind/ und oben wackelen;

So ſah man dieſe kerl in ihren waffen ſtehn.

Die
[461]Das Neunde Buch.
Die Rutuler/ als ſie den eingang offen ſehen/

Mit hellem hauffen ſtracks auff die Trojaner gehen/

Und brechen ein mit ſturm: Da wurden alſobald

Viel oberſten getrennt von Troern mit gewalt

Mit ihrem gantzen heer/ und in die flucht geſchlagen;

Ein theil derſelbigen ermordt im thore lagen/

Da war der Quercens/ da Eqvicolſchoͤn ſtaffiert/

Da Tmarus/ den ſein muth zu hitzig angefuͤhrt/

Und Hæmon/ der zum krieg und ſtreit ſein blut gelobte/

Da kam es/ daß der feind noch mehr ergrimmet tobte:

Die Troer ſamlen ſich mit hauffen auch dahin/

Und unterwinden ſich mit allzukuͤhnem ſinn

Zu fechten hand an hand/ und weiter ſich zu wagen.

Als ſich nun dieſes gleich hier hatte zu getragen/

Da ward dem oberſten/ dem Turno/ poſt gebracht/

Der die Trojaner mit viel wuͤrgen irre macht/

Und an der andern ſeit ſehr wuͤtend war geworden/

Da ſich der feind ergrimmt mit unerhoͤrten morden

Erwieß/ und offen hielt die pforten ungeſcheut/

Da ſteht er ab daſelbſt von angefangnem ſtreit/

Und eilt mit grimmigen begierden eingenommen

Der Troer pforten zu/ den bruͤdern beyzukommen/

Die trotzig fahren her/ und erſtlich druͤckt er ab

Auff den Antiphaten/ und traff ihn/ daß er gab

Das junge leben auff (denn er kam ihm entgegen

Gelauffen erſt in wurff ſich ihm zu widerlegen)

Er war ein Baſtart kind Sarpedons/ der ihn hatt

Gezeugt mit einer frau aus Thebens groſſer ſtadt.

Der
[462]Das Neunde Buch.
Der welſche ſpieß koͤm̃t ihm mit ſchnurrendem gefieder

Geflogen durch die lufft in leib/ da faͤllt er nieder/

Die wunde die ſehr groß/ gab eine menge blut

Mit vielem ſchaum heraus/ und floß wie eine flut.

Das eyſen/ welches ſich tieff hatt hinein gedrungen/

Blieb/ daß es wurde warm/ beſtecken in den lungen;

Schlug darnach Meropen und Erymanthen tod/

Und legt Aphidno auff die harte ſterbensnoth/

Auch endlich Bitiæ/ des augen funcken ſpruͤeten/

Und gleichſam in dem kopff fuͤr grim und zorne gluͤeten:

Er gab ihm aber nicht mit einem ſpieß den reſt

(Denn wider ſolche wehr war er zu hart und feſt)

Nein/ ſondern es kam her ein ſchleuderſtein gefahren

Mit ſolcher ſchwerigkeit/ daß er ſich nicht verwahren

Kunt gegen dieſen wurff; Gleich wie ein donnerkeil/

Der alles dringet durch/ zermalmt in ſchneller eil.

Der ſtarcke ſchild kunt ihm zu ſtatten hier nicht kommen/

Darzu zwo ochſenhaͤut der meiſter hat genommen[?]

Auch kunt der pantzer nicht abhalten dieſen ſtein/

Der mit zwey fachein blat und guͤldnen ringelein

War auff die waͤhr gemacht: Es faͤllt der kerl danieder

Mit ungeheurer laſt/ das erdreich ſchallet wieder

Von dieſem ſchwerem fall/ es thoͤnet auch der ſchild/

Und alle gegend wird von ſolchem puff erfuͤllt.

Gleich wie zu ſeiner zeit bey Bajens ſtadt und ſtrande

Gelegen nicht gar weit von dem Euboͤer lande/

Ein ſteinrer pfeller faͤllt/ den man mit groſſer ſchwer

Und ſtuͤcken auff gebaut vorher/ am wilden meer.

Der-
[463]Das Neunde Buch.
Derſelbe pfeiler faͤllt fuͤr ſich mit groſſem knalle/

Und ſinckt tieff in den gruud mit ſeinem ſchweren falle/

Das meer wird ungeſtuͤm und ſchlaͤget an dem ſtrand

Mit gantzer wellenmacht/ und wirfft empor den ſand/

Daß auch von dem gethoͤn ſich Prochyta erſchuͤttert/

Das Eyland/ ebenfalls Inarime erzittert/

Das zarte bette/ das auff Typhoeus gelegt

Auff Jovis anbefehl/ daß er ſich nicht mehr regt.

Der kriegs gewaltge Gott gab damals muth und ſtaͤrcke

Den Rutulern/ daß ſie erwieſen tapffre wercke

Zu abbruch ihres feinds/ und reitzte ſie frifch an

Zu gehen in den ſtreit/ zu ſtehen auff dem plan.

Hingegen ſchickt er zu den Troern furcht und ſchrecken

Zu fliehen/ und ſich fuͤr dem Turno zu verſtecken.

Das volck der Rutuler lieff allerſeits herbey/

Weil die Trojaner ſich geſtellet ohne ſcheu:

Sie hatten trefflich luſt zu fechten und zu kriegen:

Als ſeinen bruder nun der Pandars ſahe ligen

Erſchoſſen im gefecht/ und wie ſein itzger ſtand/

Demnach ſich daß geluͤck verkehret/ war bewand.

Da ſtaͤmmet er ſich an mit euſſerſtem bemuͤhen

In ihrem angel ſtracks die pforte zu zuziehen:

Es geht ihm an/ ſchleuſt zu; Laͤſt aber in gefahr

Viel ſeiner purſche/ die fuͤrm thor verſchloſſen war.

Doch nimmet er noch ein/ die ungeſaͤummt zu rennen

Und dringen ſich mit durch. O thoͤrichtes beginnen

Des kerles/ der nicht ſah/ daß Turnus drunter war

Verſchloſſen in der ſtadt/ und bracht ſie in gefahr

Nicht
[464]Das Neunde Buch.
Nicht anders wars gethan/ als wenn bey ſchwachen heer-

Ein grim̃ig tigerthier ſolt eingeſchloſſen werden. (den

Stracks ließ er neuen grimm an augen ſehen an;

Da ſahe Pandarus erſt was er hatt gethan.

Die waffen klungen/ daß man drob empfunde grauen/

Die rothe feder war auff ſeinem helm zu ſchauen/

Als bebte ſie; Der ſchild gab einen ſolchen glantz/

Wie heller plitz von ſich;Da kennen ſie ihn gantz/

Wie er war an ſich ſelbſt: Sie muͤſſen nun bejahen/

Daß es der Turnus ſey/ den ſie ſo ungern ſahen;

Die groͤſſe ſeines leibs und fuͤrſtliche geſicht

Iſt ihnen zu bekand und zweiffelt keiner nicht;

Es kam die Troer an ein ploͤtzliches erſchrecken;

Der groſſe Pandar wil ſich aber nicht verſtecken/

Sprang trotziglich herfuͤr mit ſchnauff und tollem grim̃

Des bruders eingedenck/ der in dem ungeſtuͤmm

Kam umb/ von Turni hand und ſagt/ laß dich berichten/

Das iſt Amatæ ſchloß und Koͤnigs hauß mit nichten/

Daß du erlangen wilſt zu deinem heyrath gut/

Du biſt auch nicht daheim in vaͤterlicher hut

Und Veſtung/ da du kanſt umbgehn mit deinen freunden/

Du ſieheſt ja nunmehr/ daß du biſt bey den feinden/

In feindes lager hier: Du haſt ja keine macht

Zu kommen wieder loß: Der Turnus druͤber lacht/

Fieng an: Haſt du ein hertz mit mir den kampff zu wagẽ;

Magſt aber Priamo in kurtzen wieder ſagen/

Daß von dir ſey auch hier gefunden ein Achill;

Drauff nam er ſeine ſchantz in acht und ſchwiege ſtill.

Der
[465]Das Neunde Buch.
Der Pandar aber ſchoß mit gantzen leibeskraͤfften/

Und wolte Turnen eins mit einem ſpieſſe hefften/

Der knoͤrricht und noch nicht zum brauch polieret war/

Fuhr in die leere lufft umbſonſt und ohn gefahr.

Die Juno kam darzu und wandt ihn von dem orte

Und ſeite Turnus ab; Da fuhr er in die pforte.

Da fing der Turnus an: Schau (ſagt er) dieſer wehr/

Die meine hand mit macht kan ſchwingen hin und her/

Solt du entfliehẽ nicht: denn der ſie fuͤhrt und ſchwinget/

Das iſt ein ander mann/ und dem ſie baß gelinget/

Da ſtreckt er hoch den arm/ und gibt ihn einen ſtreich

Entzwiſchen beyde ſchlaͤff/ und ſpaltet mitten gleich

Von ander ihm die ſtirn/ wie auch die glatte backen;

Da fiel er/ daß man hoͤrt fuͤr laſt den boden knacken:

Und als er niederfaͤllt mit auffgehauner ſtirn/

Beſpruͤtzt er ſein gewehr mit vielem blut und hirn

Itzt ſterbend/ und hieng ihm der kopff mit gleichen theilen

Auff beide ſchulteren: Die Troer fluͤchtig eilen:

Und wenn ſich haͤtte recht der ſieger hier bedacht

Zubrechen ab das ſchloß vom thor mit gantzer macht;

Und daß ſein kriegesvolck wehr eingelaſſen worden/

was wuͤrd entſtanden ſeyn fuͤr ſchlagen/ wuͤrg- und mordẽ?

Es wuͤrde dieſer tag dem volck geweſen ſeyn

Der letzte/ krieg und lerm zugleich geſtellet ein.

Doch aber grimmigkeit und eiffriges beginnen

Zu wuͤrgen trieb ihn an die feind ohn einig ſinnen.

Anfangs erhaſchet er die beyde/ Phalarim

Und Hygen/ traff auff ſie mit groſſem ungeſtuͤm/

G gUnd
[466]Das Neunde Buch.
Und hieb ſie in die knie: Als aber ſie noch lieffen/

Und auff dem wege hin von mildem blute trieffen;

Schoß er ſie in den rumpff; Die Juno gab ihm krafft/

Und muth/ daß er viel volck ihm aus dem wege ſchafft.

Nechſt dieſen toͤdtet er den Halym und Phægeen/

Durch deſſen ſchild man ſah den ſpieß in leib tieff geheu.

Darnach den Noemon/ Alcander/ Halium/

Und Prytanim/ als die durch aus nichts wuſten drum

Da oben auff der maur/ und mit des feindes ſchaaren

Zu ſtreiten muͤhſamlich in ſturm begriffen waren:

Dem Lyncens/ der auff ihn mit blindem eiffer lieff

Und zum gehuͤlffen an die ſpießgefellen rieff/

kam er zuvor/ ſtund hoch/ und ſchwunge friſch und munteꝛ

Den degen/ hieb ihm glatt mit einem hieb herunter

Den kopff mit ſamt dem helm/ daß er faſt ziemlich weit

Vom rumpffe ligen blieb: Da ſetzt er fort den ſtreit

Und ſchlug den Amycum/ der wol geuͤbt im jagen

Hat manches wildes thier gefangen und geſchlagen;

Dems keiner auch bevor that an erfahrenheit

Zu ſchmieren das gewehr und eyſen zu dem ſtreit

Und waffenen mit gifft. Es blieb auch auff der ſtete

Der Clytius/ wie auch der Creteus ein Poete/

Der Creteus der ſich gern zum Pierinnen hielt/

Der immer zu hat luſt zum verſen/ und gern ſpielt

Auff ſeiner harff und leyr manch ſchoͤn geticht und lieder/

Er ſchwunge ſeinen ſinn bald hoch/ bald flog er nieder/

Daß alles klunge wol/ und ruͤhmet allezeit

Roß/ zeug und heldenvolck und wolgefuͤhrten ſtreit.

Als
[467]Das Neunde Buch.
Als endlich Mneſtheus und Sereſt die poſt vernom̃en/

Die Troer oberſten/ daß ſo viel leut umbkommen/

Verfuͤgen ſie ſich hin und ſehens ſelbſt mit an/

Wie ihr volck iſt zerſtreut/ und jeder/ wie er kan/

Bald hier/ bald dorthin laͤufft; Sie ſehen eingelaſſen

Den feind/ und wiſſen nicht mit was beſcheid und maſſen

Da faͤngt Meneſtheus an: Worauff ſteht euer ſinn;

Wo dencket ihr hinaus; Wo wolt iht endlich hin;

Wo koͤnnet ihr denn wol ein andre zuflucht haben/

Als dieſe ſtadt und maur/ als dieſen wall und graben?

Sol denn ein einger Menſch der rings in eurer ſtad?

Umbgeben/ ungeſtrafft veruͤben ſolche that?

Ja ſol ein einger menſch/ ihr wol behertzten buͤrger/

So ungerochen ſeyn eur ungeſchlachter wuͤrger;

Sol er ſo brave kerl ohn allem widerſtand

Erſchlagen; jammert euch denn nicht das vaterland/

Das nun ſo elend iſt; Auch nicht eur alten Goͤtter;

Nicht euer lieber fuͤrſt/ als der da unſer retter

Und euer ſchutzherr iſt? wie? ſchaͤmt ihr euch denn nicht

Daß euch durch faule furcht der muth und witz gebricht?

Solch und dergleichen wort bewegen ſie dermaſſen/

Daß ſie ein hertz und muth auffs neue wieder faſſen/

Und halten ſtand dem feind in dickgehaͤufftem heer.

Der Turnus euſſert ſich/ und truet ſich nicht mehr/

Eutweichet allgemach nach lang gehaltnem ſtreite/

Und fleucht dem waſſer zu/ und zwar auff deſſen ſeite/

Die von dem Tyberſtrom beſchloſſen rings umbher:

Die Troer halten an mit ſchreyen deſto mehr/

G g 2Und
[468]Das Neunde Buch.
Und lauffen haͤuffig zu: Wie wenn der jaͤger menge

Ein grimmig loͤwen thier mit feindlichem gedraͤnge

Verfolget und umbringt/ ſetzt ihn mit ſpieſſen zu;

Der loͤw erfchrickt darob und ſchnaubet nach der ruh/

Wie keck er immer iſt/ wil er doch nicht mehr ſtehen/

Sieht dennoch grimmig aus itzt in zuruͤcke geheu/

Und laͤßt ihm zwar nicht zu ſein zorn und tapfferkeit/

Daß er zu ruͤcke tret und ablaß von dem ſtreit;

Kan/ ob ers gleich gern thaͤt/ nichts wider pfeil und waf-

Bey ſolcher jaͤger meng verrichten oder ſchaffen; (fen

So wandte Turnus ſich mit zweiffel/ ob er ſtehn/

Doch oder ob er ſoll aus dem gefechte gehn

Zuruͤcke ſacht und ſacht/ und gieng das hertz ihm uͤber

Von zorn/ und haͤtt dem feind im ſtreit geſtanden lieber.

Ja eben dazumal fiel er zwier mitten ein/

Und zwang ſie auch ſo offt/ ſo viel ihr mochten ſeyn/

Zu nehmen nach der maur die flucht mit hellem hauffen:

Doch endlich kamen ſie in groſſer meng gelauffen

Aus ihrem lager her/ und wider ihn allein;

Da knnt er ihnen ja nicht gnug gewachſen ſeyn.

So dorffte Juno auch ihm keine krafft dargegen

Verleyhen wider die Trojaner/ noch ſich regen:

Denn Jupiter ſchickt hin von hohem himmelszelt

Die Irim/ die ſich in den luͤfften auffenthaͤlt/

Die ſeiner ſchweſter poſt/ die nicht gar gut war/ brachte/

Wie ſie in ihrem ſinn ihr bildet ein und dachte/

Wo Turnus wiche nicht aus der Trojaner ſtadt.

So war der junge held nun bloß von huͤlff und rath/

Und
[469]Das Neunde Buch.
Und kunte noch mit child noch mit der fauſt ſich wehren

Die ſpieſſe wieder ihn begunten ſich zu mehren/

Daß er war allerſeits gewaltig uͤbermannt;

Es klappert ihm der helm umb kopff in ſolchem ſtand

Von unauffhoͤrlichem geſchieſſe/ das drauff fiele

Mit hefftigem gethoͤn und grimmig hartem ſpiele:

Und ob er ſchon ſehr ſtarck von hartem kupffer war/

So ward er loͤchricht doch und hatte ſtets gefahr

Bey ſtettem ſteinen wurff? So wurden auch geſchoſſen

Die federn von den helm/ das macht ihn ſehr verdroſſen/

und ferner war ſein ſchild ſo ſchwach und ſchlecht bewand

Daß wider mehrer ſchuͤß er nicht mehr war baſtant.

Denn der Trojaner volck und der behertzte ritter

Meneſthens fuͤhren fort zu werffen ſpieß und ſplitter.

Zu dem floß ihm der ſchweiß von gantzem leib herab/

Vermiſcht mit ſtaub.

Auch wurd ihm keine zeit zu Athmen recht gegeben/

Der ſchwere ſchnauff macht ihm noch kraͤncklicher ſein le-

Und ſchwaͤchte feinen leib; Da ließ er ſeinen muth/ (ben/

Und ſtuͤrtzt mit einem ſprung ſich gaͤhling in die fluth;

In ſtrengen Tyber ſtrom mit allen ſeinen waffen:

Dieweil er doch nichts mehr fuͤr dißmal kunte ſchaffen.

Der Schutzgott Tyberin mit ſeinem gelben ſtrom

Nam ihn auff/ als er kam/ und bracht ihn wiederumb

In gute ſicherheit/ durchs waſſer/ das gelinde

In ſeinem ſtrome floß/ und ſtellet ihn geſchwinde

Nach abgewaſchnem blut den ſeinen wieder zu

Mit froͤlichem gemuͤth zu ſchoͤpffen neue ruh.


[470]Das Zehende Buch.

Das Zehende Buch.


ALs ſich in Latien erhub dis kriegeswetter/

Da ward eroͤffenet das himmel-hauß der Goͤtter;

Der koͤnig Jupiter berufft durch Majens ſohn

Den allgemeinen rath in den geſtirnten thron.

Da ſah er von der hoͤh die laͤnder alle ligen

Und das Trojaner heer mit den Latinern kriegen;

Er ſah ihr lager an/ und wie ſie ſich geſtellt

Zu bieten ihre ſtirn einander in dem feld.

Sie ſatzten auff dem ſaal ſich nieder/ aller maſſen

Wie ſie gewoͤhnlich bey der Goͤtter taffel ſaſſen/

An beyden ſeiten gieng in ſelbten eine thuͤr/

Da traͤget Jupiter ſo ſeine rede fuͤr:

Ihr groſſen Goͤtter ihr/ was habt ihr angefangen;

Wie ſeyd ihr ſo zuruͤck in eurem ſchluß gegangen,

Und ſtreitet unter euch mit ſolcher bitterkeit:

Ich that euch ja verbot zu meiden krieg und ſtreit/

Noch die Trojaner mehr verfolgen und vertreiben/

Und ſolt Italien in fried und ruhe bleiben.

Was iſt denn abermal/ das mir entgegen iſt/

Entſtanden unter euch fuͤr mißhall/ zanck und zwiſt?

Was mißverteauen hat euch beyderſeits getrieben

Dem kriege nach zu ziehn/ die waffen aus zu uͤben

Es wird (laſt euch nur nicht verlangen) allzufruͤh

Euch kom̃en auff den halß die kriegs beſchwer und muͤh.

Wenn
[471]Das Zehende Buch.
Wenn ſich wird dermaleins der Hannibal erregen/

Und eure Roͤmerburg und heer zugrunde legen/

Wenn er wird kommen an von hoheu Alpen her

Mit groſſem ungeſtuͤmm: Da moͤgt ihr eur gewehr

Gebrauchen/ wie ihr koͤnnt/ da moͤgt ihr nach geluͤſten

Euch gegenander aus zu felde grimmig ruͤſten/

Da moͤgt ihr vhed und haß mit offnem raub und mord

Veruͤben thurſtiglich und ſtreiten immerfort.

Nun aber ſtehet ab/ und laſſet friede wallen/

Vertragt euch froͤlich doch nach meinem wolgefallen.

Dis war der Jupiterß kurtz fuͤrgebrachte red

Zu ſtellen gaͤntzlich ab die angefangne vhed.

Die Venus aber/ die in ſchoͤner zier und glantze

gieng praͤchtiglich einher/ doch nicht/ wie ſonſt/ zum tantze;

Bracht ihre noth und leyd mit mehrern worten fuͤr:

O vater/ groſſer Gott (ſagt ſie) was haben wir

Sonſt ohne dich anitzt/ daß wir in ungluͤck koͤnnen

Umb beyſtand ruffen an? Du ſieheſt das beginnen/

Der Rutuler/ wie ſie ſehr trotzig fahren her

Zu legen meinem volck den Troern an beſchwer/

Du ſiehſt wie Turnus ſtoltz mit ſeinen roß und knechten

Einher zencht/ und des gluͤcks und ſiegeshand in fechten

Sich praͤchtig uͤberhebt. Iſt doch der Troer heer

In ſeiner veſtung nicht fuͤrm feind geſichert mehr.

Ja muͤſſen noch darzu in ihren maureu ſtreiten/

Und ſehn die graben voll von blut auff allen ſeiten:

Eneas iſt nicht da/ und weiß nicht ihren ſtand

Noch wie diß/ oder das ſey in der ſtadt bewand.

G g 4Wilſt
[472]Das Zehende Buch.
Wilſt du denn nimmermehr die leute von dem drange

Der feindlichen gewalt entleidgen? Wie lange

Sol wehren ihre noth? Der feind ſetzt wieder zu

Der neuen Trojen ſtadt und laͤßt ihr keine ruh.

Auch hat ein ander heer ſich wider Troja funden/

Das Diomedes fuͤhrt. Ich werde neue wunden

(Ja freulich/ ſolt ich nicht!) gewaͤrtig muͤſſen ſeyn/

Und ſtreiche vom gewehr der menſchen nehmen ein/

Die ich dein kind doch bin. Iſts ihm nicht zugelaſſen

Den Troervolck zu ziehn in Welſchland/ allermaſſen

Bey deinem willen ſteht; Und daß ſie wider dich

Dahin gezogen ſind; So moͤgen ſie auch ſich

Der ſtraffe wegern nicht/ und buͤſſen ihr verſehen;

Und magſt auch ihnen bey/ mit huͤlff und troſt nicht-ſtehẽ

Im fall ſie aber ſich gezogen in dis land/

Auff goͤttlichen beſcheid/ rath/ außſpruch und verſtand

So wol der untern/ als der oberen gewalten/

Wer wolte dann ſo nicht dein recht in ehren halten?

Wer kan es ſtoſſen umb? Wer traut ſich das geſchick

Zu endern/ oder wer kan machen neu geluͤck?

Was ſol ich ſagen mehr von ſchiffen/ die im lande

Der Siculer am ſtrand verzehrt ſind von dem brande?

Was wiederhohl ich auch das alte leid und klag/

Was uns der Winde-fuͤrſt hat angelegt fuͤr plag

Und bitteres beſchwer? In dem er grimmer maſſen

Die winde hat erregt und wider uns gelaſſen

uff allen meeren aus: Ja wie die Iris iſt

Von wolcken abgeſand durch Juno haß und liſt

Zum
[473]Das Zehende Buch.
Zum Troer weibervolck/ daß ſie mit tollen ſinnen

Sich lieſſen reitzen an die ſchiffe zuverbrennen:

Sie hat mir neulich erſt (woſelbſt ihr grimm und liſt

Mit letzter grauſamkeit noch nicht verſuchet iſt)

Die hellſche wuͤterin aus Plutons reich erreget/

Die in die oberwelt ſich ploͤtzlich hat geleget

Und wuͤtig ſehr erzeigt in land Italien

Durch manche liebe ſtadt. Nun will ich laſſen ſtehn

Das regiment/ zu dem die Troer zuſpruch haben

Krafft goͤttlichen geſchicks/ verheiſſung/ gnad und gaben.

Wir haben zwar darauff gehoffet jederzeit/

So lang uns bey gewohnt des gluͤcks gewogenheit

Nun aber moͤgen die am ſelbten ſich vergnuͤgen/

Die du wilſt lieber/ daß ſie dieſes volck beſtegen.

Wenn deine boͤſe frau den Troern goͤnnt kein land/

So bitt ich/ vater/ dich umb ihren jammerſtand

Und den noch rauchenden zerſtoͤrten vaterlande/

Erlaube mir doch nur aus dieſer noth und ſtande

Zu ziehn Aſcanium/ und machen krieges frey/

Vergoͤnne mir/ daß nur mein enckel uͤbrig ſey.

Eneas zwar mag auff dem meer herumb ſich treiben/

Und wo das gluͤck ihn wird hinfuͤhren/ alda bleiben:

Verleyh nur mir die macht zu retten den Aſcan/

Und bringen aus gefahr des ſtreits auff ſichre bahn.

Ich hab noch Amathus/ Cytheren und noch Paphen

Wie auch Idalium: Da kan er ohne waffen

Ohn preiß und ehren zwar/ jedoch in guter ruh/

Ohn ſorgliche gefahr ſein leben bringen zu:

G g 5Und
[474]Das Zehende Buch.
Und dann gebiete nur/ ſo es dich mag geluͤſten/

Der ſtadt Carthago ſich mit aller macht zu ruͤſten

Entgegen Latien/ und zu begwaͤltigen:

Es ſoll darumb der ſtadt gantz nichts im wege ſtehn

Was hats dem Troervolck genuͤtzt und beygetragen/

Daß ſie entrunnen ſind dem krieg und kriegesplagen;

Entgangen mitten durch die feinde/ ſchwerd und brand/

Durch ſo viel faͤhrligkeit zu waſſer und zu land;

In dem es Latium und andre Troja ſuchet/

Wenn dieſes gleichfals ſoll/ wie jenes ſeyn verfluchet/

Und allem anſehn nach zerſtoͤret untergehn/

Ach wuͤrd es nicht viel baß umb dieſe leute ſtehn/

Wenn ſie/ wo Troja ſtund/ ſich haͤtten in dem ſande/

Ja in die aſch geſetzt in ihrem vaterlande?

Erlaub dem armen volck/ ich bitte flehentlich/

Daß ſie nun wiederumb wohnhafftig ſetzen ſich

Am Xanth und Simois/ gib ihnen aus genaden/

Daß ſie nicht noch einmal in ſo gefahr und ſchaden

Ins alte vaterland zu ruͤcke moͤgen ziehn/

Und dieſer groͤſſeren gefahr und noth entfliehn.

Da faͤhrt die Juno auff von grimmem zorn getrieben:

Und wil der Venus das in ihren buſen ſchieben:

Wie (ſagt ſie) noͤtigeſt du mich denn alſo fort/

Daß ich muß brechen aus in ungeſtuͤmme wort/

Und meine hertzensnoth/ die ich mit ſtille ſchweigen

Bißher hab zu gedeckt/ nun oͤffentlich anzeigen;

Wer hat Eneen je zum krieg getrieben an:

Hat einer aus der zunfft der Goͤtter das gethan:

Hat
[475]Das Zehende Buch.
Hat ein Menſch daran ſchuld?Das kan ja kejner reden:

Wer hat Latinum ihn bezwungen zu befehden:

Ja/ ſagt man/ wenn man ſol auff das verhaͤngnuͤß ſehn/

Iſt er gezogen doch ins land Italien/

Auff goͤttlichen beſcheid. Dem ſey ſo! durch das raſen

Caſſandræ haben das die goͤtter zugelaſſen:

Caſſandra hat ſein hertz gereitzt durch prophecey/

Wie nemblich Welſchland ihm zum ſitzt verordnet ſey’

Wer hat ihn angereitz von ſeinem heer zu ziehen/

Wer hat ihn angemahnt auff ſchiffen weg zu fliehen

Und trauen ſich den wind? Wer hat ihn angeregt/

Daß er die kriegeslaſt auff einen knaben legt:

Solt er die feſte ſtadt und mauren einem knaben/

Wie printz Juͤlus iſt/ ſo leicht vertrauet haben?

Wer hat geheiſſen ihn mit den Tuſcaneren

Zu halten uͤberein und buͤndnß einzugehn.

Ja voͤlcker wiegeln auff/ die ſtill und ruhig ſaſſen?

Was fuͤr ein Gott hat ihn gefuͤhret ſchlimmer maſſen

In ungelegenheit? Was fuͤr geſtrenge macht

Hat ihn an unſerm theil in ſolche noth gebracht?

Was hat doch Juno ſchuld? Was Iris die vom himmel

Geſchicket worden ab ohn einigen getummel:

Iſts deine meinung noch gantz wider billigkeit

Wenn ſich das Welſche volck macht auff zum krieg und

Das neue Troja/ das ſie nicht wol leiden koͤnnen (ſtreit

Zutilgen mit den ſchwerd/ mit feuer zuverbrennen:

Iſt dir das wider recht/ wenn Turnus ſeinen ſtand

Behaupten wil/ und kaͤmpfft getroſt fuͤrs vaterland?

Iſt
[476]Das Zehende Buch.
Iſt denn auch dieſes recht/ was die Trojaner wollen/

Daß die Latiner ſich von hinnen packen ſollen/

Und uͤberziehen ſie/ und halten ſie ſo ſchlecht/

Und freveln trotziglich: Iſt denn auch dieſes recht?

paßieret diß denn auch/ nach frembden land ſich dringen/

Und freye voͤlcker zu dem joch der knechtſchafft zwingen?

Verwuͤſten land und ſtand/ und fuͤhren weg den raub/

Des alters ſchonen nicht: Geſchicht diß nach erlaub?

Iſt dis auch recht gethan/ ſich diebſcher weiſ einſchleichen

In neue ſchwiegerſchafft in frembden koͤnigreichen/

Und fuͤhren aus dem ſchoß der mutter fraͤwelein

Die ſich in heyrath ſchon gelaſſen haben ein?

Iſt dis auch billigkeit/ den friedens oͤhlzweig tragen/

Und an die ſchiffe doch das kriegeszeichen ſchlagen?

Du kanſt den Griechen aus den haͤnden ziehn davon

Und retten aus gefahr Eneen deinen ſohu/

Und eine nebelkapp demſelbigen umbgeben/

Daß er unſichtbar ſey/ und bleibe bey dem leben:

Du kanſt verwandeln auch die ſchiff in jungfreulein:

Soll uns denn eben das nicht auch erlaubet ſeyn?

Iſts unrecht/ daß wir auch den Rutulern hingegen

Ein wenig ſtehen bey? Du klagſt Eneens wegen/

Daß er nicht ſey zur ſtell/ uud weiß nichts umb die ſach

Ey laß ihn immer ſeyn! Was fragen wir darnach?

Du haſt Idalium/ Cytheren und auch Paphen:

Darinnen bleibe du: Was gehn dich an die waffen?

Was plageſt du die ſtadt und ſolche leute mehr

Die mit dem krieg umbgehn und leiden viel beſchwer?

Sind
[477]Das Zehende Buch.
Sind wir die jenigen/ die euer kraͤncklich weſen

Und zuſtand ſind bemuͤht/ nach dem ihr ſeyd geneſen/

Zu tilgen in den grund? Sind wirs/ und nicht vielmehr

Der den Trojanern hat gefuͤhrt der Griechen heer

In ihre ſtadt und land? Wem iſt es bey zumeſſen/

Das ſich Europa hat und Aſia fuͤr deſſen

Verwickelt in den krieg? Wer hat den bund und treu

Zertrennet unter ſie mit ſolcher ſchelmerey?

Kan der Trojanſche dieb und ehebrecher ſagen/

Er hab auff mein getrieb und beyſtand weg getragen

Den ſieg in Spartens ſtadt? hab ich ihm an die hand

Gegeben wehr und zeug? Hab ich ſein hertz gewand

Durch lieb und luſt zum krieg? Da haͤttſt du tragen ſollẽ

Fuͤr deine leute ſorg ohn widerſinn und grollen;

Nun iſts zu ſpat/ daß du koͤmmſt auffgezogen her

Mit unbefugter klag und machſt des zancks nur mehr.

Diß war der Juno red und kuͤnſtlich wortgepraͤnge/

Und fuͤhrte wider ſie/ die Venus nach der laͤnge

Vermeinten ſtarcken grund: Die Goͤtter murmelten/

Und lieſſen ihre ſtimm nach gunſt und neigung gehn.

Gleich wie ein wind der ſich erſt laͤßt im walde hoͤren

Mit ſaͤnffterem geſauß/ die ſchiffer zu belehren/

Darbey zunehmen ab/ daß in der hoͤchſten ſtill

Sich auff dem wilden meer ein ſturm erheben will.

Der vater Jupiter/ der alles aller enden

In dieſer gantzen welt hat unter ſeinen haͤnden/

Faͤngt an/ und da er redt/ da wurden allzumal

Die Goͤtter ſanfft und ſtill im hohen himmels ſaal.

Die
[478]Das Zehende Buch.
Die erd erbebete mit ſchrecklichem getuͤmmel:

Es regt ſich aber nichts am firmament und himmel/

Der wind und meer wurd ſtill und legten ihren grimm:

So hoͤret dann und merckt mit fleiß auff meine ſtimm.

Weils durchaus nicht mag ſeyn/ daß die Trojaner koͤñen

Mit dem Latinervolck verbinden hertz und ſinnen

Mit unverruͤcktem bund/ und eur uneinigkeit

Kein ende nehmen wil/ man ſaget/ man gebeut

Und rathet/ was man kan/ was nun wird einem jeden

Begegnen heute noch/ er mag krieg oder frieden

Zur hoffnung ſetzen aus/ das mag er nehmen hin/

Wie er in hoffnung hat getroͤſtet ſeinen ſinn.

Es ſol ein jeglicher ſeyn bey mir gleich geachtet

Und ohne unterſchied gehalten und betrachtet/

Es mag die veſtung feyn beſtuͤrmt zum ungeluͤck

Der Welſchen/ oder durch der Troer boͤſes ſtuͤck

Und irrthumb/ und daß ſie der goͤtter raht und willen

Nach ihrem wahn geſchaͤtzt und ſelbten zu erfuͤllen

Nicht haben recht bedacht: Ich wil noch Rutuler

Noch Troer zehlen loß von ſtraffen und beſchwer.

Was einer hat gethan verwircket und gehandelt/

So wird ihm folgen nach ſein thun/ wie er gewandelt.

Der koͤuig Jupiter iſt allen menſchen gleich/

Und ſieht auff alle hin/ ſie ſeyn arm oder reich.

Das goͤttliche geſchick wird ſeinen weg wol finden/

Und alſo wieder fried und recht zuſammen binden:

Bethewrete hierauff mit einem winck ſein wort/

Und ſchwur gebraͤuchlich bey dem hoͤllſchẽ fluß und pfort/

Als
[479]Das Zehende Buch.
Als ſeines bruders erb des Plutons bey dem ſchlunde

Des ſchwartzen ſchweffel-pfuhs in tieffem hoͤllengrunde:

Und als er winckte/ bebt das gantze Firmament.

Mit dieſem hoͤrt er auff und bracht ſein wort zum end.

Stund auff von ſeinem thron/ der war vom gold bereitet/

Die zunfft der goͤtter ihn bis in ſein ſchloß begleitet.

Immittelſt aber haͤlt das volck der Rutuler

Vor allen pforten an/ die Feinde hin und her

Zu ſchlagen in die flucht/ und auff die erd zu ſtrecken/

Und rings umbher die ſtadt mit feuer anzuſtecken;

Die Troer wurden nun in ihrer feſtung ſehr

Geaͤngſtet und bedraͤngt/ und war kein hoffnung mehr

Dem uͤbel zu entgehn. Die armen leute ſtehen

Auff hohen thuͤrnen zwar/ und meynen zu entgehen:

Umbſonſt! Sie bleiben nicht auff ſelbtem unverletzt;

Sie hatten auch die maur/ doch duͤnne gnug/ beſetzt.

Der feind ſchoß ſtarck hinauff: die Troer aber wehren

Sich wie ſie koͤnnen nur mit ſteinen ab zu kehren

Die hefftige gewalt/ Sie nehmen feur zur hand/

Und werffen auff den feind kien/ fackeln/ bech und brand.

Der junge fuͤrſt Aſcan/ dorfft ſelber ſich erkuͤhnen/

Und war mit ſchoͤnem haupt entbloͤſſet unter ihnen/

Fuͤr welchen billig trug die Venus ſorg und pein.

Er leuchtete ſo ſchoͤn/ gleich wie ein edelſtein/

Der eingefaſſet iſt mit gold den halß zu zieren/

Doch oder auff dem haupt in einer kron zufuͤhren.

Ja wie auch glaͤntzet ſchoͤn das weiſſe helffenbein

In Bux und Terebinth mit kunſt geleget ein.

Das
[480]Das Zehende Buch.
Das wollen-weiche haar ließ er von nacken hangen/

Der weiß wie milch ſah aus und kunte zierlich prangen

In einem guͤldnen krantz verſetzt mit edelſtein/

Das auff dem haupte war geflochten artig ein.

Es hat viel tapffres volck dich/ Iſmarus/ geſehen/

Wie du gewiſſe ſchuͤß haſt laſſen abegehen/

Und pfeile zugericht mit gifft: Der buͤrtig aus

Dem lande Lydien von edlem ſtamm und hauß.

Da man den fluß Pactol ſieht uͤbers feld ergieſſen

Den guͤldnen ſand/ und da die leute pfluͤgen muͤſſen

Ein allzufettes land. Auch fand Meneſtheus ſich/

Den ſchoͤnes tugendlob erhube praͤchtiglich/

Als er des vorgen tags den Turnus friſch und munter

Mit unverzagtem muth trieb von dem wall herunter:

Es war auch Capys da/ von dem die groſſe ſtadt

In Welſchland Capua noch ihren namen hat.

Dieſelben waren nun in langem krieg begriffen/

Da gleich Eneas fuhr mit ſeinem volck und ſchiffen

Zu mitternacht daher. Denn als er abſchied nam

Von dem Evander itzt/ und in das lager kam

Des Tarchons/ und entdeckt dem Koͤnig ſeinen namen/

Und wannenher ſein ſtamm und groß Anherren kamen/

Was er begehrete von dem Tuſcaner heer/

Und er hingegen ihm zu leiſten willig wehr;

Und wie Mezentius ihm haͤtte fuͤrgenommen

Mit groſſer heeresmacht an ihn/ als feind/ zukommen/

Berichtet ihm den trotz des Turni auch hierbey/

Und was auff eigne macht und arm zu trauen ſey.

Diß
[481]Das Zehende Buch.
Dis haͤlt er ihm theils fuͤr/ theils ſucht er ihn zu lencken

Mit bitt auff ſeine ſeit. Der Tarchon ohn bedencken

Schlaͤgt ſeine macht zu ihm/ und gehet buͤndnuͤß ein:

Als nun die Lydier ſich ſehn befreyet ſeyn

Vom goͤttlichen beſcheid/ weil uͤber ſie regierte

Nunmehr ein frembder fuͤrſt/ und fuͤr den feind ſie fuͤhrte;

Da gehen ſie zu ſchiff auff goͤttliches geheiß:

Eneens ſchiff geht vor/ und hat den erſten preiß;

Forn war ein Lew gemahlt; Daruͤber war ingleichen

Der Idensberg/ auff den die Troer muſten weichen/

Als Troja ward zerſtoͤrt; war ihnen ſehr bequem/

Und derentwegen auch nicht wenig angenehm.

Da ſitzt der tapffre mann Eneas in gedancken/

Und muß in mancher ſorg und tieffen zweiffel wancken/

Indem er gnaw erwegt/ was ſich begeben koͤnnt/

Und was zu hoffen ſey; Was außſchlag/ was fuͤr end

Der krieg gewinnen moͤcht: Es ſaß an lincker ſeite

Der Pallas neben ihm: Bald fraget er die leute/

Welchs das geſtuͤrne ſey/ nachdem bey finſtrer nacht

Die ſchiffer richten ſich und nehmen wol in acht;

Bald klagt er/ was er hab beyds auff dem meer und erde

Gelitten fuͤr gefahr/ angſt/ elend und beſchwerde.

Ihr Muſen/ machet auff nun ewren Helicon.

Und ſtimmet an ein lied in einem hoͤhern thon.

Helfft nur beſchreiben auff poetiſch art und weiſe/

Was beym Eneen iſt geweſen auff der reiſe

Fuͤr kriegesvolck/ als er zog aus Hetrurien

Zu waſſer/ und geruͤſt in welſchland wolte gehn.

H hDer
[482]Das Zehende Buch.
Der Maſſycus/ der erſt war unter denen ſchiffen/

Die mit Eneen ſich vereinbahrten/ begriffen/

Hieß ſein ſchiff tieger/ weil die ſchnautze gantz und gar

Des ſchiffes/ wie diß thier/ gemachet artig war.

Der fuͤhrte tauſend mann/ die aus den ſtaͤdten waren

Aus Clus und Coſſ/ zumal des krieges wol erfahren:

Sie trugen bogen und geſchoß/ wie ſichs gebuͤhrt/

Und waren aller dings mit waffen wol ſtaffiert.

Zugleich fuhr Abas her erſchrecklich von gebehrden/

In deſſen voͤlckern kund nicht einer funden werden/

Der mit gewehr und zeug nicht war ſehr wol vorſehn;

Man ſah Apollinem auf ſeinem ſchiffe ſtehn/

Zum zeichen ſchoͤn verguͤldt/ geziert mit einer krone/

Sechshundert knechte gab demſelben Populone/

Die ſtadt ſein vaterland. Es waren junge leut/

Und hatten zu dem krieg genung erfahrenheit.

Allein das Eyland Ilv ſehr reich vom ſtahl und eyſen

Gab ihm dreyhundert mann die fertig mit zureiſen.

Der dritte war Aſyl/ der aus den Aderlein

Der abgeſchlachten thier kunt weißlich propheceyn.

Er hatte hohen witz/ und kunte ſcharff verſtehen/

Wie alle ſternelein am himmel richtig gehen

Und was ſie deuten an mit ihrem lauff und ſtand/

Und wie ihr liecht und ſchein beſchaffen und bewand:

Er kunte das geſchrey der voͤgel auch den leuten/

Wie auch den donner/ plitz und ungewitter deuten:

Derſelbe bracht in eil zuſammen tauſend mann

Mit ſpieſſen wol geruͤſt zulieffern auf den plan.

Es
[483]Das Zehende Buch.
Es hat ſie Piſæ ihm (die zwar ligt auff dem grunde

Des lands Hetrurien/ doch nach dem uhrſprung ſtunde

Am Alpheus wunderfluß) zum krieg befohlen an/

Dem folget Aſtur nach/ der ſchoͤne rittersmann

Der tapffer ſaß zu roß und traute ſeinen waffen

Und fuͤhrt dreyhundert mann/ die alle ſampt zuſchaffen

Zugeben ihrem feind getrauten freudiglich/

Und willig mit zuziehn verbunden hatten ſich.

Ich wil dich/ Cyene/ nicht/ der du ein tapffrer fuͤhrer

Warſt der Ligurier und loͤblicher regierer/

Gehn unberuͤhrt vorbey/ ich wil auch dich/ o held/

Cupavo/ laſſen nicht fuͤr dißmal ungemeld/

Ob gleich du fuͤhreteſt faſt wenig heeresſchaaren:

Auf deſſen helm geſteckt viel ſchwanenfedern waren.

Die lieb iſt beyden euch geweſen urſach dran/

Und ſind die federn dir zum denckmal beygethan/

Dieweil dein vater iſt verwandelt/ den man meinet

Daß Cyenus/ da er ſehr umb Phaethontem weinet

Aus liebe gegen ihm; In dem er ſang ein lied

Beim Pappelbaͤunje/ wie der junge held verſchied/

Und ſeine ſchweſteren in ſolche baͤume waren

Verwandelt/ da ſie das mit hertzeleid erfahren/

Sey grau geworden gar/ und hab hernach gefuͤhrt;

Sein alter ruhiglich/ bis kranckheit ihn geruͤhrt;

Da hat er auffwerts ſich geſchwungen von der erden/

Und ſingend in die lufft geflogen ohn beſchwerden.

Nun fuͤhrete bey ſich Cupavo Cycni ſohn

Auff ſeinem ſchiffe (das den namen trug davon

H h 2Weil
[484]Das Zehende Buch.
Weil forn ein pferdeman ſtund und wurd fortgetrieben

Mit Rudern) etlich volck das lieſſe ſich belieben

Zu ziehen fuͤr den feind/ und waren gleich wie er

Behertzte junge leut und tauglich zu dem heer.

Derſelbe pferdemann ſiund uͤbern waſſer oben

Sehr hoch/ hat einen ſtein gleich als empor gehoben

Und drewte ſo damit der Flut von oben her

Und ſchnitte mit dem ſchiff ſo durch das tieffe meer.

Es hatte Ocnus auch beruͤhmt vom ſtamm und ſtande

Ein ſchoͤn volck auffgebracht in ſeinem vaterlande/

Des Tyberini ſohn und Mantus/ welche kunt

In weiſe prophecey eroͤffnen ihren mund.

Derſelbe hat der ſtadt der mutter nahmen geben/

Daß ſie heißt Mantua. Er hat ſie auch hierneben

Sehr ſtarck befeſtiget mit mauren uͤmm und uͤmm/

Daß ſie wol ſtehen aus kan feindlich ungeſtuͤmm;

Das gute Mantua/ das jeder zeit gehabet

Viel ſtiffter/ die mit witz und tugend hoch begabet/

Die doch von einem ſtamm nicht ſind gekommen her;

Sie war in drey zuͤnfft abgetheilet und nicht mehr/

Allein ein jede zunfft beſtund aus vier quartiren;

Sie aber war das haupt und hatte zu regieren

Zwoͤlff voͤlcker einer ſprach in gantz Hetrurien/

Und auff denſelbigen kunt ihr vermoͤgen ſtehn.

Fuͤnffhundert zogen auch aus bitterm haß von dannen

Zu ſtreiten muhtiglich entgegen den tyrannen

Mezentium: Es war gemahlet an ihr ſchiff

Das waſſer Mincius/ das aus Menaco lieff.

Und
[485]Das Zehende Buch.
Und da viel roͤhricht ſteht. Aulet zog mit ingleichen

Auff einem ſchweren ſchiff/ das langſam muſte ſtreichen/

Hat hundert ruder wol/ und kehreten mit macht

Die wellen ab/ das meer war voller ſchaum und kracht.

Das ſchiff/ darauff er fuhr/ hieß Triton/ weil man ſehen

Den Triton kunte drauff mit ſeiner Trompte ſtehen:

Er ſchiene/ wenn er bließ/ als wolt er uͤberall

Erſchrecken land und ſee mit ſeiner trompten-ſchall.

Derſelbe hatte zwar/ wie andre menſchen pflegen/

Ein menſchlich angeſicht; Doch war er hier entgegen

Biß an die huͤffte rauch/ halb menſch/ und halber fiſch/

Und ſchaͤumet unter ihm das waſſer mit geziſch.

Schaw ſo viel oberſten/ die außerleſen waren/

Sah man zu dieſen zug auff dreyßig ſchiffen fahren

Den Troern zum entſatz. Da ſchnitten ſie hindurch

Das blawbeſchaumte feld/ und machten tieffe furch.

Es war itzt Cynthius am himmel untergangen/

Und hatte Cynthia zu ſcheinen angefangen;

Da ſaß Eneas/ (der fuͤr unmuht/ forg und pein

Fuͤr das gemeine heil nicht kunte ſchlaffen ein.)

Und fuͤhrt das ſteuer-ampt/ und fieng an zu regieren

Das ſegel; Da ließ ſich der Chor der nimfen ſpuͤren/

Die vorhin waren auch geweſen im geleit

Bey ihm auff ſeiner reiſ in mancher faͤhrligkeit.

Die goͤttin Cybele hat unter andern gaben

Gegeben ihnen auch den fug und macht zu haben

In offenbarem meer/ und nimfen da zu ſeyn/

Die vorhin waren ſchiff/ ſie ſchwummen ſachte fein

H h 3Und
[486]Das Zehende Buch.
Und ſtrichen durch die fluht/ und dererſelben waren

So viel als ſchiffe ſind in Haven eingefahren/

Dieſelbe ſtoſſen nun dem Troern held gleich auff/

Da er war mitten in der reif und vollem lauff.

Sie kanten ihn von fern/ als der ihr fuͤrſt fuͤr deſſen

Geweſen war/ das noch blieb ihnen unvergeſſen;

Sie ſchwimmen umb ihn her und tantzen nach der zier:

Cymodoce/ die weit den andern gienge fuͤr

An wolberedſamkeit/ darinn ſie kunte prangen

Mit ſchoͤnem weißheit ruhm/ kam hinden nach gegangen/

Und hielt mit rechter hand das ſchiff/ und buͤckte ſich/

Trieb mit der lincken fort das waſſer ſaͤnfftiglich

Dann redet ſie ſo an den Troer held Eneen;

Der gantz nichts weiß darumb/ wie er diß fol verſtehen:

Du groſſer Goͤtter ſohn und ſtammherr wacheſt du

Eneas/ wache nur und ſiehe fleißig zu/

Daß alles ſtehe wol: wenn ſich die winde ruͤhren/

So dencke ſorgſam du das ſegel zu regieren/

Wir ſind die ſchiffe/ die aus fichten vor erbaut/

Die auf dem Idensberg man heilig hat geſchaut/

Nun ſind wir Nimfenvolck/ des meers einwohnerinnen.

Denn als die Rutuler mit frevelem beginnen

Und toller wuͤtigkeit uns euſerſt ſatzten zu

Mit ſchwerd und feuersgrim̃/ und lieſſen uns nicht ruh;

Da haben ungern wir geriſſen loß die bande/

Die wir noch laͤnger dir gedient in deinem ſtande/

Und ſuchen mit begier dich auf dem groſſen meer!

Der du noch ſteheſt aus viel ſorgen und beſchwer/

Die
[487]Das Zehende Buch.
Die Mutter Cybele hat uns aus beyleid geben

Zu haben die geſtalt/ und freye macht zu ſchweben/

Als Goͤttinnen/ im meer und mit einander gleich

Zu leben immerdar in Nereus naſſem reich.

Allein der junge fuͤrſt Aſcan iſt eingeſchloſſen

In mauren jaͤmmerlich/ und wird vom feind beſchoſſen

Und hefftiglich geſtuͤrmt/ die reuter Arcader

Sampt dem Tuſcaner volck ſind ſchon geſchicket her

Und voraus angelangt. Der Turnus hat beſchloſſen/

Daß ſie ihr kriegsheer nicht zuſammen koͤnnen ſtoſſen/

Zu hauen ihnen ein/ und legen volck dafuͤr/

Und traͤgt zu ſchlagen ſtets verlangen und begier.

Diß hab ich wollen dir/ o fuͤrſt/ ſeyn unverborgen;

drumb mache dich bald auff mit kom̃end-ehſtem morgen/

Und gib als oberſten dem volck und krieges heer

Befehl und maß/ daß ſie ſtehn fertig in gewehr/

Und nimm den ſchild zur hand/ das groſſe meiſterſtuͤcke/

Den dir Vulcan gemacht zu deinem ſchutz und gluͤcke/

Der undurchdringlich iſt/ und hat mit manchem bild

Denſelbigen geziert/ wie auch den rand verguͤld.

Dann wirſt du morgen/ ſo du meinem wort wirſt trauen

Vie hauffen Rutuler im felde ligen ſchauen.

So ſagt ſie/ und in dem ſie gieng und ließ das ſchiff/

Stieß ſie daſſelbe fort geſchicklich/ damit lieff

Das ſichtenhauß/ gleich wie ein wurffpfeil/ ſo geſchwinde/

Der nicht je gibt bevor dem fluͤgelſchnellem winde.

Da eileten mit dem die andern ſchiffe nach/

Eneas wundert ſich unwiſſend dieſer ſach/

H h 4Und
[488]Das Zehende Buch.
Und gleichwol ward er froh/ umb das ſie propheceyte/

Er wuͤrde haben gluͤck und kommen aus dem ſtreite/

Als ſiegesreicher held. Hebt demnach ſein geſicht

Zum blaugewoͤlbten thron und bittend kuͤrtzlich ſpricht:

O mutter Cybele/ von der die Goͤtter kommen/

Die du dich Dindymi des berges angenommen/

Und dir gefallen laͤßt/ die du daſſelbe land

Und hohe ſtaͤdte liebſt/ und leuen/ die geſpannt

Fuͤr deinem wagen ſind. Du ratheſt mir zu wagen

Ein treffen mit dem feind und tapffer drein zuſchlagen.

Ey nun ſo gieb geluͤck zu deinem propheceyn/

Und komm zum Troervolck mit ſanfftem gnaden ſchein.

So viel red er/ mehr nicht: Und unterdes kam wieder

Der lichte febus an mit glaͤntzendem gefieder

Und jagte weg die nacht. Da ließ er ſtracks ergehn

An alles volck befehl/ ſie ſolten ruͤſtig ſtehn/

Und jeder ſich zur fahn ohn alle ſaͤumnuͤß finden/

Und an die waffen auch das hertze laſſen binden

Daß/ wo der leib verwahrt/ der muth auch ſey bereit/

Und halte ſich gefaſt zu gehen an den ſtreit.

Er war nunmehr ſo weit mit ſeinem heer gekommen/

Daß er die Troer hat in augenſchein genommen

Und ſeine lagerſtatt. Er ſteiget in die hoͤh

An hindertheil des ſchiffs/ und recket auff der ſee

den blancken ſchild hoch auf: da hoͤrt man an dem ſchreyẽ/

Davon der himmel ſchallt/ wie ſich die Troer freuen

Und jauchtzen auff der maur: Das iſt die eigenſchafft

Der hoffnung/ daß ſie kan erwecken muth und krafft.

Die
[489]Das Zehende Buch.
Sie ſchieſſen tapffer loß/ und heben an zu ſchreyen

Mit ſolcher freudigkeit/ daß ſich der feind muß ſcheuen:

So thun die Kranniche/ und geben in der lufft

Ein zeichen mit geſchrey/ wenn ein gewitter offt

Und ſturm obhanden iſt; Sie fliegen ſeewarts nieder

Und fliehen fuͤr dem ſud mit rauſchendem gefieder:

Dem Koͤnig Turno kam mit ſeinen oberſten

Dis eben ſeltzſam fuͤr/ und kunten nicht abſehn/

Wie das gemeinet war/ ſo lange bis ſie ſahen

Daß ſich die ſchiffe mehr und mehr dem lande nahen

Und daß mit ſegeln war bedeckt das gantze meer/

Und ſahen/ daß der fuͤrſt Eneas kam daher.

Der helm und federpuſch war ſo hell an zu ſehen/

Daß lauter flamm und feur von ſelben ſchien zu gehen

Und fuͤnckelte der ſchild vom golde dergeſtalt/

Nicht anders/ als wenn glantz von feur zu ruͤcke prallt/

Ja oder wenn bey nacht ſich laſſen ſehn Cometen

Gantzfeuerroth/ die faſt gemeiniglich propheten

Sind vieles ungeluͤcks: Und wenn ſich ſehen laͤßt

Der heiſe hundstagſtern und eitel hitze blaͤßt/

Der durſt und kranckheit bringt den armen menſchenkin-

und hefftig raffet weg dz vieh mit kalb und rindern/ (dern

Ja auch den himmel ſelbſt betruͤbt mit ſeiner peſt

Der Turnus aber ſteht ohn wancken ſteiff und feſt/

Beſetzt den uferſtrand/ und will Eneen wehren

Mit gantzer heeres macht in haven einzukehren

Er ſprach den ſeinen zu/ und gab den tapffern preiß/

Den traͤgen aber that er zorniglich verweiß:

H h 5Was
[490]Das Zehende Buch.
Was ihr euch wuͤnſcht (ſagt er) ihr redlichen ſoldaten/

Das habt ihr nun/ und wird euch beſſer noch gerahten

Ewr angewandter fleiß/ zu brechen durch mit macht/

Und die gelegenheit zu nehmen itzt in acht.

Ihr traget eur geluͤck in ewrer fauſt und waffen:

Da denck ein jeder nun was ruͤhmliches zuſchaffen/

Und denck an hauß und hoff/ an ſeine kinderlein/

Wie alles fuͤr dem feind verthaͤdigt moͤge ſeyn.

Ein jeder ahme nach der alten vaͤter tugend/

Und thu was ihm geziemt in ſeiner friſchen jugend;

Wir wollen ihnen frey ſtracks unter augen ziehn/

Und ſie vom haven abzuhalten uns bemuͤhn/

Indem ſie muͤde/ bloͤd und ſich vor ſollen laben/

Und keinen feſten ſtand noch außtritt moͤgen haben.

Wer ſich nur waget keck/ und greifft friſch zu der that/

Derſelbe ſeines gluͤcks ſich offt erfreuethat.

So ſagt er/ und erwog bey ſich/ was er fuͤr leute

Von ſeinem volcke ſolt außſchicken zu dem ſtreite/

Und welchen er befehl der ſtadt belaͤgerung/

So wolt er hier und da thun ſeinem ampt genung.

Eneas unterdes war naͤher nun am ſtrande

Und einig drauffbedacht/ zu ſetzen aus am lande

Sein heer und kriegesvolck: Da ſteigen ſie herab

Auff bruͤck und bretteren/ wies an die hand ſich gab.

Viel merckten/ wo das meer zuruͤcke lieff/ und ſprungen

Hinunter auff den ſand/ und dann zum lande drungen;

Die andern kletterten auf rudern riſch hinab/

Der Tarchon ſah ſich umb und fleißig achtung gab

Auff
[491]Das Zehende Buch.
Auf einem ort am ſtrand/ da er/ daß kein grund waͤre/

Sich duͤncken ließ/ dieweil kein murmeln man im meere

Vernahm/ da ſich der ſtrom beſtaͤndig ſtill erwieß/

Noch wider klipp und ſtrand mit brauſen ſich außließ:

Da iſt er alſobald/ die ruder anzuſchlagen

Bemuͤht/ und bittlich dis den volckern fuͤrzutragen:

Wollan! ihr tapffre purſch/ legt friſch die ruder an/

Und eilt an jenen ort/ daß man außſteigen kan.

Jagt/ jaget nur friſch drauf/ damit die ſchnautzen ſpalten

Des feindes erdenland mit feindlichen gewalten/

Und ſetze ſich die keel tieff in die erd hinein/

Solts auch an dieſem ort gelitten ſchiffbruch ſeyn/

ſo frag ich nichts darnach/ wenn ich nur einſt vom ſtrande

Kan kommen ſicherlich/ und bin in feindes lande.

Als Tarchon dis geredt/ da ſtemmt die purſche ſich

Ans Ruder mit gewalt und zogen maͤchtiglich/

Daß ſie mit jedem mal auffſtunden von den baͤncken:

Da kunten ſie die ſchiff ſchnell jagen fort und lencken.

Ins land Italien. Da kamen ſie vom ſtrand

Ohn ſchaden alleſampt/ und ſaſſen an dem land.

Dein ſchiff/ o Tarchon/ war vor dieſem außgenommen/

Das kunte gantz und gar auffs trockne land nicht kom̃en.

Denn als daſſelbige kam auf den hohen ſand/

Da ſchwebt es eine weil/ und blieb in einem ſtand/

Und muſte manchen puff außſtehen von den wellen/

Bis endlich mochten ſie daſſelbe zu zerſchellen

Das es vonander gieng. Da ließ es in das meer

Die leute ſincken hin. Die ſchwummen hin und her.

Weil
[492]Das Zehende Buch.
Weil aber auff der flut die ruderſtuͤcken ſchwummen/

Wie auch die Ruderbaͤnck/ als kunten ſie nicht kommen

Mit ſchwim̃en an das land. Auch wenn das waſſer floß

Zuruͤcke/ ſchlug es ſtets die fuͤſſe unten loß.

So ließ ſich Turnus auch nicht feig und traͤge finden/

Un wolte laſſen nichts an ſeinem fleiß erwinden;

Fuͤhrt eilend wider die Trojaner in das feld

Sein gantzes kriegesheer/ gleichwie ein braver held.

Man blaͤſet zu den ſtreit/ es zittert ſtadt und mauren:

Eneas thut vorerſt den anfall auff die bawren;

Ein zeichen/ das ſehr gut den ſeinen war zum ſtreit/

Und ſchlug viel Latier mit ſtrenger tapfferkeit.

Erſt bliebe Theron todt/ ein mann von groſſer ſtaͤrcke

Der aber allzukuͤhn in dieſem einem wercke/

Daß er gieng ohne ſchew auff den Eneen loß;

Dem aber gab er nur nicht mehr/ als einen ſtoß/

Der ſchild und pantzer durch mit gantzẽ kraͤfften-drunge/

das ſchwerd fuhr gar in leib und ihm ſein blut verſchlun-

Da halff der pautzer nicht/ wie dick er immer war (ge;

Verguͤldet/ in der Noht und toͤdtlichen gefahr.

Da kam der Lycas her/ als jener war beſtritten/

Der war aus mutterleib/ als ſie verſchied/ geſchnitten/

Und Febus anverlobt; Derſelbe/ da er war

Noch klein/ kunt er entfliehn dem eiſen und gefahr.

Nicht weit davon ſchlug er den ſtreitbaren Cißeen

Und Gyan/ den man ſah ſehr ungeheuer ſtehen;

Die fuͤhrtẽ eine keul und ſchlugen ſchrecklich drein/

Daß viel volck auff dem platz das leben buͤſſet ein.

Es
[493]Das Zehende Buch.
Es halffen ſie gar nicht des Herculs ſchwere waffen/

Sie kuntẽ mit der ſauſt/ wie ſtarck ſie war/ nichts ſchaffẽ

Noch daß ihr vater war des Herculis geferth/

So lang er ſchwere muͤh ſtand aus hier auff der erd.

Indem (ſchaw!) Pharo ſich ruhmrettig hoͤren lieſſe/

Und nichts dahinden war; Da ſchoß mit einem ſpieſſe

Eneas ihm ins Maul: Du haͤtteſt/ Cydnon/ auch

Nicht mehr die lebensgab und himmelſuͤſſen hauch/

Indem du zogeſt nach zur ungluͤckhafften ſtunde

Dem freunde Clytio/ der erſt an zartem munde

Ein gelbes baͤrtlein kriegt: Es haͤtt Eneens fauſt/

Der mitten in dem heer des feindes zornig brauſt/

Zu boden dich gefaͤllt/ und haͤtteſt muͤſſen ligen

Erbaͤrmlich auff dem plan ohn lieb und wolvergnuͤgen/

Daran du allezeit trugſt deine freud und luſt;

Wenn deine bruͤder nicht einmuͤhtig und getroſt;

Und ſieben an der zahl dir waͤren zugelauffen/

Und dich in ſolcher noht gezogen aus dem hauffen;

Sie lieſſen ſieben ſpieß auff den Eneen gehn:

Umbſonſt!Er bliebe doch ohn allem ſchaden ſtehn;

Sie ſprungen theiles ab vom ſchild und helm zuruͤcke/

Theils wandte Venus ſie zu ſonderbarem gluͤcke

Eneens ihres ſohns/ ohn daß ſie ritzten nur

Ein wenig ſeine haut: Eneas aber fuhr

Heraus und ſagte zu Achaten ſeinem frennde.

Gib mir die ſpieſſe/ die im leibe meiner feinde

Der griechen auf dem feld fuͤr Troja ſtecketen:

Es ſol mir gleichfalls traun kein ſchuß leer abegehn.

Auff
[494]Das Zehende Buch.
Auf dieſe noht: Hiemit griffer nach einem ſpieſſe/

Der war ſehr groß/ den er von haͤnden gehen lieſſe

Derſelbe flog und fuhr den Mæon durch den ſchild/

Der war vom kupffer ſchoͤn gemacht/ doch nicht verguͤld/

Und drung den harniſch durch und dañ die bruſt/ da lieffe

Sein bruder eilend zu Alcanor und ergriffe

Ihn/ als er fiele hin/ mit ſeiner rechten hand;

Ward aber ploͤtzlich/ da er ſich ein wenig wandt/

Gefchoſſen in den arm mit einem ſcharffen ſpieſſe/

Der weiter fuͤr ſich gieng/ ſo gar/ daß er zerriſſe

Die ſehnen/ und ihn laͤhmt: Da hieng er gleichſam todt/

Und kunte ſelber nicht ihm helffen aus der noht.

Als nun der Numitor aus rachbegier bewogen

Den ſpieß aus Mæons leib in hoͤchſter eil gezogen/

Schoß er ihn nach dem held/ auf den er war erpicht/

Kunt aber ihn/ wie gern er wolte/ treffen nicht;

Doch ſchrammer er die huͤfft Achatens/ der im ſtreite

Eneen pflegte ſtets zu ſtehen an der ſeite.

Da kommt der Lauſus her/ der buͤrtig aus der ſtadt/

Die Cures wird genennt/ zwar jung/ doch kuͤhn von that/

Von fern auf Dryopen/ und ihn mit ſeinem ſpieſſe

Aus gantzer leibeskrafft ſo ungehewer ſtieſſe/

Daß er das eyſen ihm hinein druͤckt unters kinn/

Daruͤber er zugleich verlohr die ſprache/ ſinn

Ja leben/ weil ihm war die gurgel durchgeſchnitten/

Und alſo wurde ſchnell geraͤumet aus der mitten/

In dem er fiel zur erd/ und ſpie dickes blut/

Er drunge ferner durch und ſchlug mit friſchem muth

Drey
[495]Das Zehende Buch.
Drey Thracier zu todt/ die waren vom geſchlechte

Des groſſen Boreas/ wie auch drey ritterknechte/

Die vater Idas hat geſchickt von Iſmar her:

Es koͤmpt Haleſus auch in weg mit ſeiner wehr/

Auch der Auruncer heer/ Neptunus ſohn ingleichen/

Meſſap der tapffre held/ der nicht gewohnt zu weichen/

Ein mann der ſich verſtund auff reiten und gefecht/

Und wuſte/ wie man ſolt im ſattel ſitzen recht.

Sie ſtreben unter ſich einander zu verjagen/

Bald laſſen dieſe ſich/ bald jen in kampff und ſchlagen.

In ſumma/ es geht ſchon in graͤntzen weidlich an

Des lands Italien: Es kaͤmpffet wer nur kan/

Und geht nicht anders her/ als wenn auf allen ſeiten

In luͤfften wider ſich die winde hefftig ſtreiten/

Mit gleichem muth und krafft: Sie ſind auf ſich erpicht/

Und wollen unter ſich einander weichen nicht.

Die wolcken ſtehen ſeſt/ das meer ſtreubt ſich entgegen/

Und keines wil den zorn und wuͤte niederlegen;

Da ſchwebet unter ſie der bittre kampff und ſtreit

Sehr lang/ und kan man nicht abſehn/ auf welche ſeit

Der ſieg ſich lencken wil/ weil ſie ſo hart feſt ſtehen/

Und keins dem andern wil erſt aus dem wege gehen:

So kaͤmpffen dieſe heer zuſammen auf dem plan/

Da ſtunde fuß an fuß gantz feſt/ und mann an mann:

Als aber Pallas ſah/ da wo der ſtrom geriſſen

hat ſtein und baͤume loß und weit vom ſtrand geſchmißẽ/

Daß ſein Arcadier/ die nicht gewohnt im ſtreit

Zu fuß zu gehn/ doch zwang des ortes ranhigkeit

Zu
[496]Das Zehende Buch.
Zu laſſen ihre pferd/ und den Latinern wandten

Den ruͤcken/ welche drauf friſch hinter ihnen rannten

Und ſie verfolgeten; da that er was man kan

In ſolchem kummerſtand und fing bald bittlich an

Sie friſch zu muntern auff/ bald wuſt er anzuſtellen

Gar ernſtlich ſeine red: Ihr lieben ſpießgeſellen/

Sagt er) wo wollet ihr doch endlich fliehen hin?

Bedenckt eur ſchaͤndlich thun doch ſelbſt in eurem ſinn.

Ich bitt euch umb euch ſelbſt/ und eure tapffre thaten

Umb des Evanders ruhm und namen/ der euch rathen

Zu allen guten kan/ ich bitt euch umb den krieg/

Den ihr vollendet habt mit ſchoͤnem lob und ſieg/

Ja umb die hoffnung/ die ihr moͤget zu mir haben/

Daß ich des vaters lob und ſchoͤne tugend gaben

Gedencke nach zuthun; Vertraut doch nicht der flucht/

Ihr ſeyd ja in dem krieg bewaͤhret und verſucht.

Ihr muͤſſet mit gewalt euch durch die feinde ſchlagen/

Und wo der hauffe ſteht am dickſten/ tapffer wagen/

Dadurch muͤſſt ihr und ich/ als euer fuͤhrer/ ziehn

Zuruͤck ins vaterland/ nicht aber ſchaͤndlich fliehn.

Es ſind nicht Goͤtter/ die uns dringen oder jagen:

Sie muͤſſen auch wie wir den todt am halſe tragen:

So viel ſind unſer auch/ als ihrer moͤgen ſeyn;

Wir haben muth und fauſt wie ſie/ zuſchlagen drein.

Zu dem bedenckt/ daß wir vom meere ſind umbgeben/

Und koͤnnen durch die flucht uns nicht von hinnen heben:

Zu land iſt uns verſperrt der weg: Sol man denn nu

Zu waſſer wiederumb auff Troja ziehen zu?

So
[497]Das Zehnde Buch.
So ſagt er/ und iſt erſt begierig anzulauffen/

Und ſetzet mitten durch der feinde dicken hauffen:

Fuͤr allen ſtoͤßt ihm auf zu ſeinem ungeluͤck

Der Lagus/ welcher ſich bemuͤht ein felſenſtuͤck

Zu reiſen ab/ den ſchoß er mitten durch den ruͤcken

Mit einem ſpieß/ daß er in ſtaub ſich muſte buͤcken;

Drauff zoch er wieder aus den ſpieß/ der tieff hinein

Gleich bey dem ruͤckgrad war gefahren ins gebein.

Der Hisbon meynte zwar/ in dem er mit verweilen

Mit dieſem war bemuͤht/ er wolt ihn uͤbereilen.

Doch als er lieff hinzu und ſehr ergrimmet war

Durch ſeines feindes tod/ kam er ſelbſt in gefahr

Aus unbehutſamkeit; Dem Pallas/ der ſich ſchwunge

Behend herumb/ kam vor/ und ſtach ihm durch die lunge.

Nach dieſem nahm er fuͤr den kuͤhnen Helenum/

Und als er fertig war mit ihm/ Anchemolum.

Ihr beyde/ Laride und Thymber/ die erkohren

Dem Dauniſchen geſchlecht und zwilling ſeyd geboren/

Die ihr einander wart gar aͤhnlich am geſicht/

Und derentwegen faſt zu unterſcheiden nicht

Von ewren Eltern ſelbſt/ die aber drumb nicht minder

Gefallen lieſſen ſich die wunderlichen kinder/

Im fall ſie einen fuͤr dem andern ſahen an/

Ihr/ ſag ich/ muſtet auch hier ſterben auff dem plan.

Der Pallas aber hat mit hartem unterſcheide

Euch von einander bracht/ in dem er alle beyde

Mit ſeinem ſchwerdte hieb/ das ſeines vaters war:

dem Thymbeꝛ ſchlug eꝛ weg das haupt mit haut undhaaꝛ

J iLari-
[498]Das Zehende Buch.
Laridi ſeine hand/ die gleichſam ſuchte wieder

Der ſie gefuͤhret hat/ es regten ſich die glieder

Der todten finger noch und griffen nach dem ſchwerdt/

Daß dieſer juͤngeling zufuͤhren war wol[/] werth.

Als die Arcadier/ die vorhin durch die reden

Pallantis angereitzt die feinde zu bevheden/

Des tapffern juͤngelings beruͤhmte thaten ſehn/

Da werden ſie behertzt loß auff den feind zugehn/

Die theils der bittre ſchmertz/ theils tugendſcham erreget/

Da ward der Rheteus von dem Pallas ſtracks erleget/

In dem er jagete mit dem geſchirr fuͤrbey/

Und ſo viel zeit und friſt hat Ilus annoch frey.

Denn Pallas hat den ſpieß auff Ilum hingerichtet/

Weil aber Rheteus kam dar zwiſchen/ als gefluͤchtet/

Von tapfferm Teuthras und deſſelben bruder auch/

So fuhr er ohn gefehr ihm mitten durch den bauch;

Und fiel danieder tod von ſeinem kriegeswagen

Und kunte noch aus grimm mit beyden fuͤſſen ſchlagen

Auff der Latiner feld. Und wie ein Ackersmann/

Im fall der ſommer ſich nach ſeinem wuntſch laͤßt an/

Und groſſe hitze bringt/ darzu der wind entſtehet/

Die ſtoppeln zuͤndet an/ da denn die flamme gehet

Und faͤhrt behende durch/ ja durch die felder ſich

Erſtrecket weit und breit. Der baur ſitzt ruhiglich

Und achtets nicht gar groß/ wenn ſo das feuer wimmert/

Und uͤbers gantze feld mit vollem glantze flimmert/

Dieweil es alſo geht nach ſeinem wuntſch und ſinn:

So wandte ſich das volck Pallantis alles hin

Zu
[499]Das Zehende Buch.
Zu ſeinen oberſten/ und koͤmmet zugelauffen

Ihn zu entſetzen/ als der von dem hellen hauffen

Der feinde war umbringt: Allein der tapffre mann

Haleſus macht ſich auff/ und legt den ſchild feſt an

Und haͤlt ihn ſo gantz fuͤr/ begegnet ihnen allen/

Und ſchlaͤget ihrer drey/ daß ſie zu boden fallen/

Den Ladon/ Phereta und den Demodocum/

Den Strymon aber jagt er eine weil herumb/

Und hiebe mit dem ſchwerdt die rechte hand ihm abe/

Damit er ſeiner kunſt zu fechten urlaub gabe/

Der erſtlich dem Haleß faſt bey der gurgel war/

Zielt aber gar zu lang und kam ſelbſt in gefahr

Faͤhrt fort/ nimt einen ſtein/ der ſchwer war an gewichte:

Und wirfft den Thoas gleich damit ins angeſichte:

Daſſelbige geſchoß faͤhrt endlich durch die ſtirn/

Zerſchmettert das gebein/ und miſcht mit blut und hirn

Daſſelbe greulich ſehr: Sein vater kuͤnte ſehen

Und ſagen was da wuͤrd in kuͤnfftig noch geſchehn;

Der legte ſeinen ſohn in wald verborgner weiſ/

Daß er nicht zog in krieg: Als nun der alte greiß

Sein augen zu gethan und abgedanckt von hinnen/

Da haben ſich an ſohn die lebens ſpinnerinnen

Gemacht und ihn verbannt/ daß er von dem gewehr

Evandri ſterben ſolt: Als nun Haleſus ſehr

Begunte grimmiglich die feinde zu zertreten/

Da fienge Pallas an/ eh er ihn ſchoß/ zu beten:

O vater Tybris/ gib doch meinem ſpieß geluͤck/

Den ich auf den Hales mit gantzer krafft abdruͤck.

J i 2Auf
[500]Das Zehende Buch.
Auff daß er moͤge recht ſein hartes hertze ruͤhren;

Ich wil dein eiche dann mit ſeinen waffen zieren/

Und dieſe beute dir zum denckmahl hencken an.

Als nun der Pallas hat dis ſein geluͤbd gethan/

Erhoͤrte Tibris ihn: In dem nun gleich herunder

Haleſus ziehen wil Imaons ſeinen plunder/

Da gab er ſeine bruſt zu bloß des Pallas ſpieß/

Und ſeinen ſchild ſo gar unachtſam ligen ließ.

Der Lauſus/ an dem viel im kriege war gelegen/

Ließ ſeine voͤlcker nicht gerahten derentwegen/

Daß dieſer tapffre held ſo blieb/ in furcht und noht;

Er macht ſich erſtlich an den Abas/ ſchlaͤgt ihn todt/

Der ſich ſatzt wider ihn. Er war den kriegesſchaaren/

Die mit in dieſen krieg zu fuß gezogen waren/

Ein feſter widerhalt/ und hielt der feinde lauff

Und einbruch muhtiglich mit groſſen kraͤfften auff.

Da blieben Arcader/ da blieben viel Tuſcaner;

Nicht minder kommen umb viel leute der Trojaner/

Die von den Griechen nicht gerieben waren auf;

Die voͤlcker beyderſeits hier nahmen ihren lauff

Zuſammeu freudiglich/ und giengen am vermoͤgen

An macht und oberſten einander gleich entgegen.

Die da zu hinderſt ſich befunden in der meng/

Die machten uͤberall ein ſchrecklich groß gedraͤng/

Und ließ das volck nicht zu/ zu regen hand und waffen/

Auf ſeiner ſeite muͤht ſich Pallas raum zu ſchaffen/

Und ſetzt dem feind hart zu/ der andern ſeite war

Der Lauſus fuͤrgeſetzt. Es waren ihre jahr

Nicht
[501]Das Zehende Buch.
Nicht von einander weit; Sehr ſchoͤne juͤngelinge/

Doch aber das geluͤck hat ihnen ſchlechter dinge

Die wiederkunfft verſagt ins liebe vaterland;

Doch hat der himmelsherr ſie itzt noch abgewandt/

Und ſie nicht laſſen in den kampff zuſammen gehen/

Sie ſolten beyderſeits bald groͤſſerm feinde ſtehen/

Und ihnen ſeyn ihr end mit groͤſſerm ruhm beſchehrt.

In des die goͤttin ſich Juturna eilend kehrt

Zu ihrem bruder hin dem Turnus/ Lauſi wegen/

Daß er ihm huͤlffe thaͤt/ ihn bittlich anzuregen;

Der rennte durch das volck mit ſeinem wagen her/

Und als er ſeine leut erſah/ ſagt er nicht mehr/

Als dieſes: Es iſt zeit/ daß ihr auffhoͤrt zu ſchlagen;

Es wil mit Pallas nur zu kaͤmpffen mir behagen;

Ich wil auf Pallas gantz allein/ ſonſt niemand/ gehn;

Er muß mir gantz allein mit ſeinen waffen ſtehn.

Ich moͤchte wuͤntſchen/ daß ſein vater ſolte ſehen/

Wie ich mit ſeinem ſohn ein gaͤnglein wolte gehen:

Drauff traten auf geheiß die voͤlcker auf die ſeit/

Und machten raum und platz zum fuͤrgeſetzten ſtreit.

Der junge Pallas ſteht und wundert ſich der dinge/

Daß auf ſo ſtoltze red das volck zuruͤcke gienge:

Er ſieht den Turnum an mit grimmigen geſicht

Von fuß an bis auffs haupt/ verwendt kein auge nicht/

Dann gibt er antwort ihm auf ſeine red und prangen:

Entweder werd ich nun bald ſchoͤnen ruhm erlangen/

Daß einen oberſten ich uͤberwunden hab/

Und ſeine waffen/ als ein held genommen ab;

I i 3Doch
[502]Das Zehende Buch.
Doch oder daß ich ſey geſtorben als die helden/

Von denen anders man nichts kan als ehre melden.

Mein Vater wird ſich wol zu ſchicken wiſſen drein/

Es komme wie es woͤll. Drumb laß dein drewen ſeyn:

Als er geredet das/ da trat er in die mitten

Ins feldt/ und ließ ſich nicht zu ſtehen ab erbitten.

Den Arcadern erſtarrt im leibe das gebluͤt/

Und nam die kalte furcht gefangen ihr gemuͤht.

Der Turnus ſteigt herab von ſeinem kriegeswagen/

Und ſchickte ſich zu fuß mit faͤuſten ſich zu ſchlagen/

Und wie ein lew/ der von der warte hat geſehn

Vom weiten einen ſtier in gruͤnem felde ſtehn

und ruͤſten ſich zum ſtreit/ ſich ſchnell pflegt auffzuraffen/

Und laͤufft/ als ob er floͤg. So gleich war auch beſchaffen

Der Turnus/ da er kam und auff den Pallas gieng;

Als nun vermeinete der kuͤhne juͤngeling/

Daß Turnus wehr ſo nah/ daß er ihn wuͤrde koͤnnen

Erreichen mit dem ſpieß/ war gaͤntzlich ſein beginnen

Zu thun den erſten ſchuß: vielleicht huͤlff ihm das gluͤck/

Ob er ſchon ſchwaͤcher wehr zu wagen dieſes ſtuͤck/

Und redet alſo nach dem hohen himmelsthrone:

O groſſer Hercules/ der helden zier und krone;

Ich bitt dich umb das pfand der gaſtwirth freundligkeit/

Die dir mein vater hat erwieſen jederzeit/

Da du als frembdeling biſt zu denſelben kommen/

Und bey ihm an dem tiſch viel wolthat eingenommen;

Ey lieber ſtehe mir in dieſem ſchuſſe bey/

Daß mein feind halb tod ſeh/ daß ich ſein ſieger ſey:

Ja
[503]Das Zehende Buch.
Ja muͤſſe ſehen zu/ daß ich ihm koͤnne raffen/

Und nehmen freudig ab den ſtarcken ſchild und waffen.

Der Hercul hoͤrte zwar den Juͤngling/ wie er bat/

Weil aber er nicht dorfft/ er einen ſeufftzer that

Aus tieffem hertzengrund und ließ viel milde zaͤhren/

Die aber kunten nicht erfuͤllen ſein begehren:

Da ſagte Jupiter im hohen himmelsthron

Mit freundlichem geſpraͤch zum Hercul ſeinem ſohn:

Es hat ein jeder menſch gewiſſe maß zu leben/

Und eine kurtze zeit iſt allen menſchen geben

Zu leben in der welt/ die alles in ſich ſchlingt/

Und wenn ſie einmal hin/ ſie keiner wiederbringt

Wer aber ſein geruͤcht weit von den eiteln ſachen

Mit ruͤhmlichen verdienſt und thun kan groͤſſer machen/

Der thut ein tugendwerck/ und welcher dieſes kan/

Der iſt und bleibet wol ein hochgeliebter mann.

Fuͤr der gewaltigen ſtadt Troja ſind geblieben/

Viel goͤtter ſoͤhne tod. Ja den ich pflag zu lieben

Mit hertzlicher begier/ der iſt geraffet hin/

Sarpedon: was wird denn der Turnus fuͤr gewinn

Erlangen kuͤnfftig bald?Es zeucht ihn ſchon das ende

Und iſt zum ziel gelangt des lebens faſt behende.

So ſagt er/ und wandt ſich zum heer der Rutuler/

Der Pallas aber warff mit kraͤfften einen ſpeer

Und zoch vom leder drauff. Der ſpieß fuhr gar behende

Und fiel/ da wo der ſchild die ſchultern deckt am ende.

Daſelbſt arbeitet er ſich durch den obern rand

Und ritzt den Turnum nur/ weil er von ſchwacher hand

J i 4Ge-
[504]Das Zehende Buch.
Geworffen kam: da ließ auch Turnus einen gehen

Der ſtarck von eyſen war/ mit dem er kunt beſtehen/

Den er ſchwung lange gnung auff den Pallantem zu/

Und fieng alſo zu ihm zu reden an: ſieh nu/

Ob beſſer mein geſchoß/ als deins/ den ſchild durch dringe.

Mehr wolt er ſagen nicht: Hiemit die ſpitze ginge

Mit einem ſtarcken ſchuß immitten durch den ſchild/

Der mit ſo vielem ertz und platen war verhuͤllt/

Da ſo viel doppelt haͤut umbhergezogen waren/

Und kunte durch die blech und ſtarcken harniſch fahren/

Und endlich durch das hertz: Der Pallas aber riß

Aus dieſer groſſen wund den annoch warmen ſpieß/

Doch aber wars umbſonſt und wolte nicht gelingen/

Dem blut und ſeele hindurch einen weg auß giengen/

Da fiel er fuͤrwerts auff das angeſicht dahin/

Die ſchweren waffen drob erthoͤnten uͤber ihn:

Und als er jtzo lag in toͤdlicher beſchwerde/

Biß er mit blutgem mund ins feindes land und erde.

Der Turnus aber ſtund auff ihn und fieng ſo an:

Ihr guten Arcader/ ſagt/ was ich hab gethan/

Evandro wiederumb: Und denckt ihm meine rede

Zumelden/ weil ich ſteh mit ihm in krieg und vhede:

Als ſchick ich wieder ſo ihm Pallas ſeinen ſohn/

Wie er umb mich verdient; Diß ſey ſein rechter lohn.

So viel er ehre nur/ ſo viel er troſt kan haben/

Wenn er zur erde kan ihn bringen und begraben;

Ich goͤnn es ihm gar gern. Es werden theur zu ſtehn

Den Koͤnig kommen an Eneens herbergen.

Hie-
[505]Das Zehende Buch.
Hiemit trat er auff ihn/ und riß den gurt ihm abe/

Der herrlich/ ſchoͤn und groß/ den ihm ſein vater gabe;

Auff dem die ſchaͤndliche hiſtory war gemacht/

Wie eine groſſe meng geſellen in der nacht

Von ihren weiberen/ im bette/ da ſie lagen

Und ſchlieffen/ wurden abgewuͤrget und erſchlagen.

Dieſelbige geſchicht war ſchoͤn gebildet fuͤr

Von dem Eurytion mit voller goldes zier.

Der Turnus freute ſich/ daß er den ſieg bekommen/

Und dieſe ſchoͤne beut dem Pallas abgenommen.

Des menſchẽ hertz weiß nicht/ wies ihm noch moͤchte gehn/

Und was von goͤttlichem geſchick ihm iſt vorſehn/

Kan ſich nicht maͤßigen/ iſt trotzig und vermeſſen/

Und kan in frend und gluͤck bald ſeiner ſelbſt vergeſſen.

Es wird noch mit der zeit dem Turno gehen ſo/

Daß er der beute wird nicht ſeyn mehr uͤbrig froh/

Er wlrd noch wuͤntſchen drumb ein groſſes geld zu geben/

Daß er dem Pallas nicht genommen haͤtt das leben

Und gurt: Ja es wird ihm der tag abſcheulich ſeyn/

Da er mit Pallas iſt den kampff gegangen ein.

Da kamen nun herbey die Arcader mit klagen/

Mit weinen und geſeufftz den leichnam weg zutragen:

Sie namen ſeinen ſchild und legten ihn darauff

Und trugen ihn ſo weg: Es folgt ein groſſer hauff

Mit leid und traurẽ nach. mit was fuͤr leid und ſchmertzẽ/

O juͤngling/ wird dein tod dem vater gehn zu hertzen?

Doch wird ihm dieſer fall auch bringen ehrund ruhm/

Weil du von Turno biſt in kampff gekommen umb.

J i 5D
[506]Das Zehende Buch.
Diß iſt der erſte tag/ an dem du trugſt belieben

Zugehen in den ſtreit der dich auch auffgerieben.

Jedennoch haſt du auch verlaſſen hinter dich

Viel hauffen/ die du haſt erſchlagen ritterlich.

Es kam Eneen nun nicht nur allein zu ohren

Der ruff/ daß Pallas haͤtt im kampff den ſieg verloren/

Ja umbgekommen wehr. Es kam auch wahre poſt

Von ſeines krieges-heers erlittenen verluſt.

Mit fernerem bericht/ es waͤre hoch von noͤhten/

Wenn ſie der grimme feind nicht alle ſolte toͤdten/

Daß man doch rettung ſchaff dem volcke/ welches ſchon

Dem feinde kehrte ſich und haͤuffig lieff davon.

Da ſchlug mit jedem hieb Eneas alles nieder/

Was ihm zu handen kam/ nichts kunt ihm ſtehen wider.

Er macht ihm durch den feind mit voller grimmigkeit

Ein weites feld/ und raum/ und ſuchte dich zum ſtreit/

O Turnus/ der du nun des neuen ſteges wegen

Dich kunteſt ſtoltz genug und uͤbermuͤhtig regen;

Evander/ Pallas; ja was ihm zu gut geſchehn

Das ſchien fuͤr augen ihm Eneen nun zu ſtehn.

Die gaſt-freundſchafft/ da er erſt zum Evander kommen/

Der Bund/ den er mit ihn gemacht und angenommen

Mit handgelobter treu/ die zuſag/ daß er wolt

Auff Pallas haben acht gar fleißig/ wie er ſolt.

Als er nun alles diß ihm ſchmertzlich fuͤhrt zu ſinnen/

Beginnet er mit grimm vier juͤngling anzurennen.

Sulmonis ſoͤhn/ auch vier die Ufens hat gezeugt/

An denen ſich ein lob der guten art eraͤugt/

Und
[507]Das Zehende Buch.
Und ſchleppt ſie lebendig/ daß ſie ein opffer wehren

Pallantis/ deſſen tod er raͤchen wolt und ehren/

Und ſolt ihr blut/ als der gefangnen leute/ ſeyn

Darzu gebraucht/ daß mans ins feuer ſprenget ein.

Als dieſes war verbracht/ wolt er erzuͤrnter maſſen

Von weitem ſeinen ſpieß auff Magum gehen laſſen:

Er aber buͤckte ſich gar liſtig und geſchwind/

Da ging der ſpieß leer ab und zitternd in den wind/

Ergriff ihm an die knie hinfallend auff die erde/

Und ſagt. Ich bitte dich umb gnade/ die mir werde

Umb deines vaters tod und deinem lieben ſohn

Jul/ in welchem blinckt die tugendflamme ſchon/

Erzeiget unverdient: erhalte mich beym leben

Den meinigen zu troſt/ ich wil dir alles geben/

Was ich vermag und bin zu meinem loͤſegeld/

Wenn ich von dir ſol ſeyn auff freyen fuß geſtellt.

Ich hab ein fuͤrſtlich hauß/ da liget tieff vergraben

Ein ſonderbarer Schatz/ den keiner leicht mag haben/

An ſilber/ gold-geſchmeid/ geſchirr und edelſtein/

Und was an kunſtgeſchick hochſchaͤtzbar pflegt zu ſeyn/

Es haͤngt ja nicht an mir der Troer ſieg ſo eben/

Es wird nicht eine ſeel ſo groſſen außſchlag geben.

Drauff gab Eneas ihm antwortlich den beſcheid:

Laß mich mit deinem gold und ſilber ungeheit/

Hebs deinẽ kindern auff. Es gilt nicht mehr der handel:

Der Turnus hat vorerſt den kriegesbrauch und wandel

Gehoben auff/ in dem er den Pallantem hat

Getoͤdtet; dieſes iſt auch meines vaters raht

Und
[508]Das Zehende Buch.
Und meines ſohnes ſinn. Als er diß aus geſprochen/

Wil er des Pallas tod nicht laſſen ungerochen:

Er hielte mit der hand den helm und beuget ihm

Den halß/ und ſtieß darauff mit zorn und ungeſtuͤmm

Den degen tieff hinein/ ſo weit er kunte gehen.

Nicht weit davon ſah er des Febus prieſter ſtehen/

Der eine prieſter haub mit einem heilgen band

Auff hatte/ ſchoͤn bekleid mit koͤſtlichem gewand/

Und waffen außſtaffiert/ den bracht er in die mitten

Und tricb ihn auff dem platz: Aͤls er nun außgeglitten

Zur erden nieder fiel/ ſtund er auff ihm und ſtieß

Das ſchwerd ihm durch den leib/ daß er das leben ließ.

Als er ihn ſeinem grimm nun auffgeopffert hatte/

Legt er auff ihn den ſchild/ des uͤbergroſſer ſchatte

Den groſſen leib bedeckt. Die ſchoͤnen waffen traͤgt

Sereſt davon/ und ſie als ſiegeszeichen legt

Dem groſſen Kriegsgott bey. Der Cæculus gebohren

Von ſtamm des ſchmiedegotts und zu den krieg erkohren/

Und Umbro/ welcher war entſprungen von gebirg

Der Marſen/ richteten auffs neue das gewuͤrg

Und blutig kaͤmpffen an. Eneas hier entgegen

Fuhr fort in ſeinem grimm/ und hieb mit ſeinem degen

Dem Anxur ab die hand/ daß ihm entfiel der ſchild

Der viel wahrſagerey gab fuͤr/ und von ſich hielt

Mehr/ als ſein thun auswieß/ in meinung/ dieſes ſolte

Ihm bringen groͤſſre krafft und gar zu hoch naus wolte/

Und ließ beduͤncken ſich zu ſeyn was ſonderlich

Fuͤr allen anderen und traute thoͤricht ſich/

Er
[509]Das Zehende Buch.
Er wuͤrde grau und alt ohn ſorgen und beſchwerden

Mit ſonderbahrem ruhm durch ſolches fuͤndlein werden.

Der Tarquitus erzeigt ſich auff der andern ſeit

Mit blinckendem gewehr ſehr muthig in dem ſtreit.

Es hatte Fauus ihn der Waͤldergott gezeuget/

Und Driope die Nimf gebohren und geſeuget/

Derſelbe ſtoͤſſet auff mit ploͤtzlicher gefahr

Eneen/ da er gleich ſo ſehr ergrimmet war;

Eneas ſctzoß auff ihn mit einem langen ſpieſſe/

Der ihn verhinderte und nicht gebrauchen lieſſe

Den groſſen ſchild/ in dem derſelbe ſticken blieb;

Wie in dem pantzer auch/ er hohlet aus und hieb

Hernach den kopff ihm ab/ ob er gleich zu ihm trate

Mit klaͤglicher geſtalt/ und ihn umbs leben bate/

Und noch viel ſagen wolt/ den warmen ſtrumpff weltzt er

Mit fuͤſſen fuͤr ſich hin und redte feindlich ſehr

Frolockend uͤber ihn: Da magſt du bleiben ligen/

Da laß dich fuͤrchten nun/ und dir daran genuͤgen.

Die gute mutter wird dich nun nicht ſcharren ein/

Noch legen in das grab des vaters dein gebein

Da magſt du ligen nun den voͤgeln und den thieren;

Doch oder mag ein fluß und waſſer dich wegfuͤhren/

Damit das ſchupenheer ſein hungrige begier

An deinem blut erfuͤll und labe ſich an dir.

Gieng fuͤrbaß/ und erlieff den Lycam und Antheen/

Die er in Turni heer ſah an der ſpitze ſtehen/

Auch Numam und Camert; der hat ein gelbes haar/

Volſcens der tapffre held deſſelben vater war/

Be-
[510]Das Zehende Buch.
Beynah der reichſte fuͤrſt in dem Latiner lande/

Regierete die ſtadt/ die noch traͤgt ihre ſchande/

Weil ſie der feind gewann/ da ſie ſo ſtille ſaß/

Und ihres eignen heils ſo liederlich vergaß.

Denn als zum oͤfftern man von feindes ankunfft ſagte/

Und gleichwol ſich der feind zu kommen an nicht wagte/

Da that man ſcharff verbot/ nicht mehr zu thun bericht/

Es moͤchte kommen an des feinds heer oder nicht.

Als ſie nun ſchwiegen ſtill und gar zu ſicher waren/

Da kam der feind mit ſturm gantz unverſehns gefahren.

Da kompt das ſprichwort her: das ſtille ſchweigen hat

Verderbet und geſchleifft Amyclens groſſe ſtadt:

Gleich wie Egeon war der ungeheure rieſe

Der (wie man giebet vor) aus funfftzig haͤlſen blieſe

Und ſo viel bruͤſten auch/ viel feuer rauch und dampff;

Als er mit ſo viel ſchild- und ſchwerdtrn botte kampff

Dem groſſen Jupiter/ und wider ihn ſich machte

Wenn er von himmel plitzt und mit dem donner krachte

Gleich alſo wuͤtete Eneas auff dem Plan/

Und ſiegte manchem held mit groſſem eyffer an. (worden

So bald ihm nur das ſchwerdt war einmahl warm ge.

Da fuhr er zornig fort mit wuͤrgen und mit morden/

Ja gieng Niphæo auch/ der anff ihn war gericht

Und mit vier roſſen fuhr/ recht unters angeſicht.

Als nun die pferde ſahn vom weiten ihn herſchreiten/

Und hoͤrten wie er brauſt aus eiffersſucht zu ſtreiten/

Da lieffen ſie zuruͤck und warffen ungeſtuͤm

Fuͤr groſſer furcht und ſcheu den mann und wagen uͤm/

Und
[511]Das Zehende Buch.
Und lieffen zum geſtad und ſchleppeten den wagen:

In des fuhr Lucagus mit ungeſtuͤmen jagen

Auf einem wagen her/ daran zwey roß geſpannt/

Sein bruder Liger mit ihm in die feinde rannt/

Sein bruder aber nahm den zuͤgel und regierte

Die pferde/ Lucagus den bloſſen degen fuͤhrte

und ſchwung ihn um den kopff mit unerſchrocknem muth.

Eneas aber ließ das ihnen nicht ſeyn gut/

Und kunte leiden nicht ihr uͤbermuͤthig toben/

Daß ſie ſich unters volck ſo ungeſtuͤm erhoben/

gieng auff ſie grimmig loß/ und ſtundt mit langem ſpieß

Gerichtet wider ſie und ſich behertzt er wieß.

Zu dem fieng Liger an vermeſſentlich zu reden:

Du ſiehſt die pferde nicht fuͤr dir des Diomeden/

Achillens wagen nicht; Auch nicht der Phryger feld/

Es wird dir nun das ziel des krieges fuͤrgeſtellt/

Und deines lebens end in dieſem unſern lande:

Man hoͤrte dieſe red/ die er aus unverſtande

Und tollem ſinn bracht fuͤr/ in lager weit und breit/

Doch wolt Eneas nicht mit worten thun beſcheid/

Schwung lieber ſeinen ſpieß mit gantzen leibeskraͤfften/

Und wolte ſeinem feind eins auf die goſche hefften/

Als nun der Lucagus/ in dem er fuͤrwerts hieng

Und auf die pferde zu zuſchlagen jtzt anfieng/

Auch mit dem ſpieſſe dreut/ den lincken fuß recht ſetzte:

Zum ſtreit/ da kam der ſpieß und ihn ſehr hart verletzte:

Denn er gieng durch den rand des ſchildes/ und fuhr ihm

lincks bey der ſcham ins beim mit ſehwerer pein und grim̃[/]

Und
[512]Das Zehende Buch.
Und ſtuͤrtzte ſterbend itzt im feld aus ſeinem wagen/

Dem muſt Eneas noch verweißlich dieſes ſagen:

Es haben/ Lucage/ nicht etwan faule pferd

Verleitet dein geſchirr/ noch einige beſchwerd

Der naͤchtlichen geſpenſt hat dich vermocht zu jagen.

Nein. Sondern du biſt ſelbſt geſprungẽ von dem wagen/

Und biſt geſtanden ab von fahren ohne noht/

Drumb ruͤck ich billicher dir auff den herben tod.

Darauff hielt er die pferd. Der arme bruder Liger

Sprang von dem wagen auch/ erkandte ſeinen ſieger/

Warff ſein gewehr hinweg/ und hub die haͤnd empor/

Und fieng an ſein gebet zu tragen alſo vor:

O Troer held/ ich bitt mit medrigen gebaͤrden

Umb deine gaben/ die an dir geruͤhmet werden/

Umb deinen vater/ der dich tapffern mann gezeugt/

Umb deine mutter/ die dich frommen ſohn geſaͤugt/

Ach ſchencke mir nur jtzt mein lieb und junges leben/

Erbarme dich doch mein/ ich kan dir ſonſt nichts geben/

Als ein demuͤthig hertz. Da er noch ferner bat/

Redt ihm Eneas ein und naͤher zu ihm trat:

Haͤttſt du mir ſolche wort fuͤr eine weile geben;

So wolt ich jtzo dich erhalten bey dem leben:

Nun aber ſtirb und gib dem bruder das geleit/

Weil du auch biſt mit ihm gezogen in den ſtreit.

Drauff ſtieß er ihm durchs hertz den degen/ daß der ſeele

Stund offen freyer paß zu fliehn aus ihrer hoͤhle.

Solch wuͤrgen uͤbet aus Eneas/ ſolchen mord

Auf offenbarem plan/ als ſieger hier und dort/

Und
[513]Das Zehende Buch.
Und wuͤtete/ gleich wie ein waſſer/ das von oben

Herſtuͤrtzt mit groſſer macht und ungezaͤhmten toben:

Doch oder wie ein wind mit wolckenſchwartzer nacht

Und dicken regenguß herfaͤhret/ ſtuͤrmt und kracht.

Als endlich der Aſcan und ſeine leut erfahren/

Da fielen ſie heraus/ als die vergebens waren

Belaͤgert/ lieſſen bloß die ſtadt und lager ſtehn/

Und wolten gleichfalls mit aus dem gefechte gehn.

Immittelſt redete der groſſe himmelsvater/

Der ſtern und menſchen Gott/ der guͤtigſte berather

Die Juno erſt ſo an in ſeinem himmelsſaal/

O meine ſchweſter/ und mein hochgeliebt gemahl/

Die Venus (wie du vorhin meiuteſt unbetrogen)

Erhaͤlt das Troer volck/ dem ſie iſt ſtets gewogen/

Bey ihrem reich und macht/ nicht ihr der leute muth

Noch kriegeriſche fauſt zu faͤrben ſich von blut

Der feinde/ noch ihr hertz in noͤthen aus zu tauren

Und zuverthaͤdigen ihr leben ſtadt und mauren.

Dem Juno wiederumb demuͤhtig gab beſcheid:

Mein ſchoͤnſter ehgemahl/ wie kanſt du mir mehr leid

Anthun/ die ich vorhin empfinde noth und plagen/

Und furcht und ſcheue fuͤr dein harte reden tragen?

Wenn unſre liebe krafft/ wie vormals ſie gehabt/

Da eines ans andre ſich mit treuem ſinn gelabt/

Noch haͤtt und haben ſolt/ ich wolte kuͤhnlich ſagen/

Du wuͤrdeſt mir das nicht/ warumb ich bitt/ abſchlagen

Der du allmuͤgend biſt/ das nemblich ich haͤtt macht

Zu bringen Turnen weg aus dieſer harten ſchlacht/

K kUnd
[514]Das Zehende Buch.
Und ſeinem vater noch dem Daunus zuerhalten

zumtroſt: Nun aber weils nicht ſeyn kan/ magſtu walten;

Er ſterbe nur/ wenns ja umb ſein ſo frommes blut/

Daß er dem Troer volck haͤlt her/ von noͤthen thut.

Er ſtam̃t gleichwol von uns/ und hat zum großuhrahnen

Pilumnum/ fuͤhret auch ſein wappen/ ſchild [und] fahnen/

Zu dem hat er gar offt mit mild- und reicher hand

Dem tempel und altar viel gaben zugewand.

Der himmelsfuͤrſt gab ihr kurtz dieſe gegenſage:

Wo du nur bitteſt das/ worzu ich willen trage/

Daß ihm dem juͤngeling ein auffſchub fuͤr dem tod

Und eine kleine friſt zu fliehn die harte noth

Gegeben werde frey/ der ſonſt das kurtze leben/

Wenn zeit und ſtunde koͤm̃t/ dem tod doch her muß geben/

Und deine meinung iſt/ daß ich diß heiſſe gut/

So bringe Turnum weg und rette bald ſein blut

Und leben mit der flucht von dieſer noth zu ſterben/

Dieweil obhanden ſteht das grimmige verderben/

So viel hab ich noch raum ihm nach gelegenheit

Ohn nachtheil des geſchicks zu friſten ſeine zeit.

Wofern du aber ſuchſt ein mehrers durch dein bitten/

Und meineſt/ daß der krieg gantz koͤnne ſeyn vermitten

Und werden abgeſchafft/ geaͤndert leichtiglich/

Iſt deine hoffnung falſch und du betriegeſt dich.

Darauff antwortete die himmelsfrau mit weinen:

Wie? Wenn du es mit mir ſo guͤtlich wolteſt meinen

Und gaͤbſt mirs mit dem ſinn/ was du mit worten dich

Beſchwerſt und Turno blieb gantz unveraͤnderlich

Des
[515]Das Zehende Buch.
Des lebens nießgebrauch? Nun aber muß er dulden

Den bitterſchweren tod ohn mißthun und verſchulden/

Es wehre dann/ daß ich mich irrt in meinem wahn:

Ja lieber wolt ich/ daß mir falſche furcht leg an/

Und triege mich mein ſinn/ und moͤchte werden innen/

Daß du verenderteſt/ wie du kanſt/ dein beginnen.

Als ſie diß aus geredt/ fuhr ſie von hoher bahn

Der ſternen alſo bald bekleidt und angethan

Mit einer wolcken deck/ und trieb in hohen luͤfften

Ein ungewitter auff mit duͤſtern nebelduͤfften

Und fuͤgt ſich an den ort/ wo beyde heere ſich

Im felde jagten umb/ und ſtritten grimmiglich.

Da kunt/ als Goͤttin/ ſie aus einer wolcken machen

Ein nichtiges geſpenſt (o wunderſeltne ſachen!)

Das ſah Eneen gleich/ und gab ihm ſolch gewehr/

Wie er gebraͤuchlich fuͤhrt in zuͤgen ſchlacht und heer.

Es ſchien der ſchild und helm auch eben ſo polieret/

Und mit gemaͤhlden außgeſtochen und gezieret/

Wie des Eneens war/ den er gewoͤhnlich trug

Auff ſeinem ehrenhaupt/ im fall er zu dem zug

Und ſtreit ſich ruͤſtete: Sie kunt ihm hier beneben

Wort ohne krafft mit ſchall und ohn verſtande geben/

Und macht auch ſeinen gang/ wie des Eneens war/

So gleich und eigentlich/ und allerdinges zwar/

Geſtalt man giebet fuͤr/ daß auch des leibes leben/

Die ſeelen/ in geſtalt der leiber umbher ſchweben;

Und wie die traͤume/ die den ſchlaffenden mit ſchein

Betrieglich kommen fuͤr und ſcheinen menſchen ſeyn.

K k 2Daſ-
[516]Das Zehende Buch.
Daſſelbige geſpenſt ließ freudig ſich im treffen

Forn ſehen an der ſpitz/ und kunte Turnen aͤffen

Sehr artig/ ſchoß nach ihm und fodert ihn heraus;

Der Turnus ſetzt drauff zu mit bitterm zorn und ſtraus/

Er/ ſchoß nach ihm/ und meint/ der ſchuß ſolt ihm geluͤcken/

Da flohe das geſpenſt/ und kehret ihm den ruͤcken:

Da laͤſſet Turnus ſich betriegen von dem wahn/

Er hab Eneen weg getrieben von dem plan:

Macht leere hoffnung ihm und ſagt vermeſſner weiſe;

Wo haſt du hin geſetzt/ Eneas/ deine reiſe?

Wo fleuchſt du hin? Verlauff doch deine heyrath nicht/

Die mit dir kraͤfftiglich iſt worden auffgericht.

Mit dieſer fauſt wil ich das koͤnigreich dir geben/

Wornach du auff dem meer haſt immer wollen ſtreben/

So rieff er laut/ und folgt dem ſchatten bilde nach

Mit bloſſen ſchwerdt/ und wolt aus uͤben ernſte rach/

Und merckte nicht/ wie daß gantz eitel ſeine freude

Verſtaͤubt in leeren wind mit unmuth/ reu und leide.

Es ſtunde da ein ſchiff mit einem langen ſeil

Gebunden an dem felß/ daß man in ſchneller eil

Auff eine leiter kunt und bruͤcke darauff ſteigen:

Es war den koͤnigen Oſin und Clus zu eigen

Die darauff kamen an: Auffs ſelbte ſchiff ſtuͤrtzt ſich

Eneens ſchattenbild/ und fleucht ſo ſchnelliglich/

Als haͤtt es ſich entſetzt und ſich verbergen wolte.

Der Turnus auch nicht faul/ nicht anders/ als er ſolte/

Setzt ihm begierlich nach/ ſaͤumt in geringſten nicht/

Springt uͤber hin die bruͤck und mit ſich ſelber ficht;

Die
[517]Das Zehende Buch.
Die Juno reiſt entzwey das ſeil/ ſo bald er kommen;

Da wird in eil das ſchiff zu ruͤcke weg genommen/

Und faͤhret durch die bahn der wilden wellen hin/

Eneas aber traͤgt begierig ſeinen ſinn

Mit ihm/ der nunmehr war abweſend einzugehen

Den lang gewuͤntſchtẽ kampff/ und als ein mañ zu ſtehen

Und toͤdtete viel volck/ das ihm in wege war/

Und ſchluge ſich behertzt durch mancherley gefahr.

Nun wieder auffs geſpenſt mit wenigen zukommen/

So hat daſſelbe zwar die flucht auffs ſchiff genommen/

Und ſich darein verſteckt. Nun faͤhrt es in die lufft/

Wird eine ſchwartze wolck und dicke nebeldufft.

In des traͤgt Turnen weg ein ſturm herumb in meere

Unwiſſend/ auff was weiß er weg genommen wehre/

Sah umb ſich/ wiſſend nicht wie ihm geſchehen war/

Und wuſt auch wenig danck dem/ der ihn aus gefahr

Gerettet hatte ſo/ und aus dem ſtreit geuommen/

Da ſo viel volckes war von ſeinem ſchwerdt umbkom̃en;

Hebt ſeine hand hinauff gen himmel/ betet an:

O vater Jupiter/ des allmacht alles kan

Und kraͤfftiglich vermag/ haſt du mich ſo betrachtet/

Und ſolche ſchand und ſchimpff zu tragẽ werth geachtet?

Haſt du zur ſtraffe mich gezogen der geſtalt;

Wo fuhr ich hin? Wo kam ich her? Was fuͤr gewalt/

was flucht hat mich hinweg von meinem volck genom̃en?

Wer werd ich ſeyn geacht/ wenn ich werd wiederkom̃en?

Wie? Sol ich wieder mich erheben nach Laurent

Die ſtadt und mauren anzuſehn? Zu welchen end?

K k 3Was
[518]Das Zehende Buch.
Was wuͤrde mir das volck/ das mir iſt nachgezogen/

Wol anders ſagen nach/ als daß ich ſie betrogen/

Als die ich haͤtt (o ſchand!) gelaſſen in dem ſtich/

Und wehr entlauffen aus dem ſtreit gar ſchnoͤdiglich?

Mich duͤnckt/ ich ſehe ſchon/ wie ſie mit groſſem hauffen

Zerſtreuet hier und dort ohn maaß und ordnung lauffẽ;

Mich duͤnckt/ ich hoͤre das geſeufftze derer leut/

Die von dem feind erwuͤrgt hinfallen in dem ſtreit.

Was mach ich? Oder wie? kan nicht die klufft der erden

Mich zu verſchlingen weit gnung auffgeſperret werden?

Ihr winde tragt vielmehr erbarmung gegen mir

(Ich ruff euch ſehnlich an und ehr euch nach gebuͤhr)

Und laſſet dieſes ſchiff an ſtein und klippen gehen

Zuſcheitern/ oder auff den ſeiten faͤhrlich ſtehen

Und ſtuͤrtzen in den grund/ daß nicht die Rutuler

Mir folgen koͤnnen nach/ noch von mir ſagen mehr

Wo ich geblieben ſey: So ſagend ließ er wancken

Sein hertze hin und her mit wuͤtenden gedancken/

Ob er ſol fallen in ſein eigne wehr und ſchwerdt

zu meidẽ ſchimpff und hohn (ſein ſiñ war gantz verkehrt)

Doch oder ob er ſolt ins meer vom ſchiffe ſpringen/

Vielleicht dann moͤcht es ihn mit ſchwim̃en ſo gelingen/

Daß er kaͤm an den ſtrand/ und koͤnt ins freye feld

Sich wieder ſtellen ein den Troern als ein held.

Er unterſtunde ſich wol dreymal beyde ſtuͤcken

Zu nehmen fuͤr: Bald wolt er uͤber ſich ſelbſt zuͤcken

Das ſchwerdt und fallen drein/ bald ſpringẽ in das meer

Damit er kaͤm nur ab der leidigen beſchwer.

Allein
[519]Das Zehende Buch.
Allein die Juno ließ aus beyleid ſich bewegen/

Und wehrt ihm allemahl die hand an ſich zu legen.

Da fuhr er mit dem ſtrom und gutem winde fort/

Daß er durch huͤlffe kam der goͤttin an den port

Und ſeines vaters ſtadt/ dem man des alters wegen

Und koͤniglichen pracht mußt billich ruhm beylegen;

War Ardea genandt: Immittelſt aber kam

Der grimmige Mezentz/ und Turni ampt annahm

Aus Jupiters befehl; da hetteſt du geſehen/

Wie er kunt in das volck der Troer wuͤtig gehen/

Die wegen ihres gluͤcks frolockten ziemlich ſehr/

Es lieff zuſammen das Tyrrhenſche kriegesheer/

Und waren alleſampt mit einigem gemuͤhte

Erherbt auff dieſen mann mit haß und groſſer wuͤte/

Und ſchieſſen auff ihn zu von allen ſeiten her;

Er aber ſtehet feſt gleich wie ein felß im meer/

An den der winde grimm und wellen hefftig ſchlagen;

Er bleibet unbewegt/ und kan noch wol vertragen

des meers und him̃els zorn/ ihr draͤuen ſtaͤrck und macht;

Er toͤdtet ihrer viel in dieſer harten ſchlacht/

Als Hebrum/ Latagum und Palmum/ der ſehr zagte/

Und ſich ſelbſt blind hinein ins feindes eyſen jagte.

Den Latagum warff er mit einem groſſen ſtein/

Den er vom berge brach/ recht ins geſicht hinein;

Den Palmum aber hieb er in die knieſcheibe/

Und ließ ihn portzeln hin/ und muſte von dem leibe

Die waffen laſſen ziehn dem Lauſus ſeinem ſohn/

Die ſchenckt der vater ihm als ſeiner tugendlohn;

K k 4Es
[520]Das Zehende Buch.
Es muſt Evantes/ auch der Phryger/ ihm herhalten/

Auch Mimas/ welcher war aus Paris nebenalten

Und mittgeſellen/ den Theano in der nacht

Zur welt gebohren hat/ da Paris auch gebracht

Iſt an des tageslicht vom koͤniglichen weibe

Der Hecuba/ die ſich beduͤnckt bey ſchwerem leibe

Im ſorgenfreyen ſchlaff/ wie eine fackel ſie

Gebehre zu der welt mit groſſer angſt und muͤh.

Der Paris liget zwar nach ſeinem fuͤrſtenſtande

Begraben praͤchtiglich in ſeinem vaterlande;

Der Mimas aber ligt im Laurentiner ſand

Ob er vom ſtande ſchon iſt ſchlecht und unbekand/

Und wie ein wildes ſchwein/ das von den bergen jagen

Die hunde grimmiglich und unablaͤßig plagen/

Dem viele jahr Veſul der berg zum auffenthalt

Gedienet und beſchuͤtzt fuͤr anlauff und gewalt/

Das auch gemaͤſtet war im Laurentiner lande

Im roͤhricht lange zeit beim pful und uferſtrande;

Wenn nun daſſelb im netz gefangen ſich befindt/

So iſt es eine weil gantz ſtill und nichts beginnt.

Bald ſaͤhrets aber auff in ſeinem muht ergrimmet/

Und mit erboßtem ſchlund fuͤr zorren gleichſam glim̃et

Die borſten ſteigen ihm erſchrecklich in die hoͤh/

Und niemand hat das hertz/ daß er zu ihm friſch geh/

Und ſich entgegen ihm ſtell muhtig ohne ſchewen/

Sie ſetzẽ ihm von fern ſtets zu mit ſchieß- und ſchreyen/

Das nemblich ihnen deucht am ſicherſten zu ſeyn:

Nicht anders lieſſen ſie mit dem Mezentz ſich ein,

Da
[521]Das Zehende Buch.
Da ſie doch hatten fug denſelbigen zu haſſen/

Und keiner hat das hertz ihn naͤher an zu ſaſſen

Mit blinckendem gewehr. Sie zerrten ihn von fern

Mit ſpieſſen und geſchrey/ und keiner wolte gern

Gehn muhtig auff ihn zu: Er aber unverzaget/

Ob er ſchon allerſeits gezwackt ward und geplaget;

Wand ſich bald hin bald her/ knirſcht mit den zeenẽ hart/

Und ſchuͤttelt von dem ſchild die ſpieſſe mancher art.

Acron war aus der ſtadt Corito hergekommen/

Ein Grieche von geburt/ der/ als er hatt genommen

Aus ſeinem vaterland die flucht ließ ſeine braut

Dahinden/ die ihm war gebraͤuchlich anvertraut.

Als nun Mezentius an ihn kam etwas nahe/

Und bey der feder ihn und purpurkleide ſahe

Das ſeine braut ihm ſchenckt/ und innen ward/ daß er

Viel ſchaden richtet an in ſeinem kriegesheer:

Da war er wie ein leu/ der lange nicht gefuͤttert/

der auff der weide hin und her ſchleicht offt und wittert;

Denn ihn die hungersgier ſehr wuͤtend treibet an/

Und ſo er ohngefehr ſieht auff der wildnuͤß bahn

ein ſchuͤchtern reh und hirſch mit ſchoͤnen groſſen zweigẽ/

ſperrt er den ſchlund weit auff/ uñ kan ſich freudig zeigẽ/

Er laͤſſet in die hoͤh die maͤhne grimmig ſtehn/

Setzt in das eingeweid die klawen und die zeen/

Ligt mit dem leibe drauff/ und waͤſcht den rohen rachen

mit dickẽ ſchweiß uñ blut; ſo kunts Mezentz auch machẽ;

Er flel immitten durch die feinde mutiglich/

Wo ſie am dickeſten verſamlet hatten ſich.

K k 5Da
[522]Das Zehende Buch.
Da ward der Acron auch zu boden hingeſchlagen

Der ungluͤckhaffte mann/ den niemand dorffte klagen/

Als ſeine liebe Braut/ die er daheim verließ;

Als er nun ſeinen geiſt mit todesangſt außbließ/

ſtrampfft er noch auff die erd und zappelt mit dẽ fuͤſſen/

Dadurch man ſah das blut auff ſeinem ſpieſſe flieſſen

Der nun zerbrochen war. Da floh herumb Orod/

Den achtete Mezentz nicht wehrt zu machen tod

Zu geben einen ſtich ihm haͤmiſch in den ruͤcken/

Mit ſeinem ſcharffen ſchwerdt zu hauen ihn in ſtuͤcken/

Beſondern laͤufft und trit ihm unter augen recht

Und wil als mann mit mann mit ihm gehn ins gefecht/

Der nicht ſo fertig war mit ſchlimmer liſt und fuͤnden/

Als mit bewehrter fauſt den feind zu uͤberwinden/

Als er ihn hatte nun gefaͤllt und unterbracht/

Da trat er mit dem fuß auff ihn mit ſieges macht/

Und hielt die hand am ſpieß/ der tieff ſtack in Oroden/

Und ſagt: ihr tapffre purſch/ ihr ſeht/ wie ich zu boden

Oroden hab gelegt: Hie ligt der tapffre mann/

Orodes/ der genug bey dieſem krieg gethan.

Die purſche folgte nach mit ſiegsgeſang und freuden:

Als aber der Orod von hinnen wolte ſcheiden

Und ſprach zu letzt diß wort: Du ſieger/ wer du biſt/

Der du mich haͤlteſt noch ſo grimmig angeſpieſt;

Mein tod wird dermaleins nicht ungerochen bleiben/

Und deine froͤligleit wirſt du nicht lange treiben:

Es wird dir eben auch ſeyn ſolcher todt beſchert/

Und wirſt in dieſem fold auch liegen ungeehrt.

Da
[523]Das Zehende Buch.
Da ſagt Mezentz im zorn und bitterſuͤſſen lachen:

Gott mag das/ wie er wil/ mit mir inkuͤnfftig machen/

Du aber ſtirb nur fort; In dem er dieſes ſprach/

Zoch er den ſpieß aus ihm/ da lieff viel blut hernach.

Ihm aber ſchloſſe zu der tod die augenlieder

Mit eiſenfeſtem ſchlaff/ von dem er nimmer wieder

Wird wachen auff. Nachdem kam Cedicus heran/

Der ſchlug Alcathoum den tapffern rittersmann.

Es war itzt beyderſeits faſt gleiche niederlage/

Verluſt/ beſchwer und tod und ſtund in gleicher wage

Das gluͤck in dieſem ſtreit: ſie ſchlugen gleich am macht/

Und wurden gleich an zahl von andern umbgebracht.

Der ſieger blieb ſo wol als der beſiegte ligen;

Wer itzund unten lag/ kunt balde wieder ſiegen;

Sie ſtunden alſo feſt aus toller eyfersſucht/

Daß keiner beydestheils luſt hatte zu der flucht.

Die goͤtter jammerte in Jovis ſternenhauſe/

Daß beyder theil mit ſo erherbtem zorngebrauſe/

Ohn vortheil und gewinn einander ſchlugen tod/

Und daß die menſchen ſo ſich braͤchten ſelbſt in noht/

Muͤh/ elend und beſchwer. Auff der Trojaner ſeiten

Sah Venus ſorgſam ſie mit ihren feinden ſtreiten;

Die Juno aber ſah auff der Latiner heer;

Die hellſche wuͤterin tobt immer mehr und mehr

Immitten dieſem volck und ſtreitenden heerſchaaren/

Die beyderſeits an zahl viel tauſend tauſend waren;

Allein Mezentius ging auff dem kampffplan her/

Und war in ſeinem ſinn uͤbergrimmet uͤberſehr.

Schwung
[524]Das Zehende Buch.
Schwung einen groſſen ſpieß/ wie der Orion pflegte/

Wenn er ſich mitten durch das meer zu gehen regte

Zu fuß und gleichwol ihm die ſchultern ragten hoch

Herfuͤr/ da er ſo tieff im meere gienge doch.

Denſelben kunte man den baͤumen auch vergleichen/

Wie hoch ſie kunten auch an hoͤchſte berge reichen:

Geht mit den fuͤſſen zwar auff niedrer erdengrufft

Hebt aber hoch das haupt weit durch der wolcken dufft

So ging Mezentus mit ſeinem groſſen ſpieſſe

Einher/ und ſeinem feind ſich ſchrecklich ſehen lieſſe/

Eneas ſchickte ſich demſelbigen zu ſtehn/

So bald er ihn nur hat im heer von fern geſehn.

Er aber unverzagt ſtund feſt und unbeweget/

Und wie ein harter felß im minſten ſich nicht reget/

Erwartet ſeines feinds/ den er fuͤr tapffer haͤlt/

Und ſich hinwiderumb auff ſeine tugend ſtellt.

Und als er ſo viel wegs mit augen abgeſehen

So weit/ als ihm beduͤnckt der ſpieß wol koͤnte gehen

Zu reichen an den feind/ da fieng er laͤſterlich

Zu brechen in dis wort und zu vermeſſen ſich:

Schau dieſe meine fauſt/ der ſpieß und dieſe wehre/

Die ich fuͤr meinem gott und helffer einig ehre/

Die wollen mir anitzt im kampffe ſtehen bey;

So laß ich dieſen ſpieß abgehen friſch und frey.

Thu hiemit diß geluͤbd dich/ Lauſus/ mit den waffen/

Die ich dem raͤuber werd von ſeinem leibe raffen/

Zukleiden/ zum gemerck/ daß ich hab dieſem mann

Eneen in dem kampff mit ruhin geſieget an:

Da
[525]Das Zehende Buch.
Da ſchoß er ab den ſpieß! dem er viel kraͤffte gabe/

Der fuhr mit ſchnurren hin/ kam/ glipffet wieder abe

An des Eneen ſchild und fuhr noch ziemlich weit

Dem tapfferen Anthor in leib hart bey der ſeit/

Dem Anthor/ welcher war des Herculis begleiter/

Ein guter rittersmann und wolbehertzter ſtreiter

Von Argos her geſchickt/ war ſtets ans koͤnigs ſeit

Evandri/ ſatzte ſich hernachmals mit der zeit

In des Pallantis ſtadt in ruhe ſich zu nehren:

Kunt aber dieſen ſpieß nicht ab-vom leibe-wehren/

Der einem andern war von thaͤter zugedacht/

Er ſah an himmel noch/ eh er gantz zugemacht

Die augen hat/ und da er itzo wolte geben

Sein liebes leben auff/ erinnert er ſich eben

Noch ſeines vaterlands/ da er in froͤligkeit

Und gutem wolergehn gelebt hat lange zeit.

Eneas warff auch loß/ da kam der ſpieß geſchwungen

mit gantzer kraft/ uñ kam ſchnell durch dẽ ſchild gedrungẽ

Der mit dreyfachem blech gemacht war ſtarck und feſt/

Mit dreyen haͤuten auch bezogen auff das beſt.

Er war mit leinwad auch wohl etlich mahl umbgeben;

ein treflich werck/ und kunt hindurch der ſpieß doch ſtrebẽ/

Fuhr unten in den bauch/ und hatte keine krafft

Daß er zu dringen durch was haͤtte mehr geſchafft.

Eneas froh/ als er des feindes blut erblickte/

Und von der ſeite ſtracks den ſcharffen degen zuͤckte/

Und ſetzt ihm zu/ in dem er ſehr erſchrocken war:

Als nun der Lauſus ſah fuͤr augen die gefahr;

Hub
[526]Das Zehende Buch.
Hub er zu ſeufftzen an umb ſeines vaters wegen/

Und fieng ſich an die lieb in ſeiner bruſt zu regen

Und weinet bitterlich. Ich wil/ o junger held/

Dein ſchoͤnes tugendwerck nicht laſſen ungemeldt.

Hier wil ich deinen fall und herben tod erzehlen/

Und deine fromme that und tugend nicht verheelen/

Wenn diß dein ruͤhmlich werck die nachgeborne welt

Wie ſichs begeben hat/ nur auch fuͤr glaͤublich haͤlt.

Als nun Eneas lieff/ Mezentium zu ſchlagen/

Da wiche dieſer aus/ und wolte ſich nicht wagen/

Als der untauglich ſich muſt aͤuſſern der gefahr/

Weil ihm der ſchild und ſpieß an leib gehefftet war.

Er zoch den ſpieß heraus/ der juͤngling lieff darzwiſchen/

Und warff den degen fuͤr/ daß er ihn nicht erwiſchen

Noch uͤberfallen kunt: Und als Eneas gleich

Itzt ſeine fauſt hub auff zu geben einen ſtrich

Dem feinde/ lieff er ſtracks ins ſchwerdt/ und ihn ſo hielte/

Daß er dem vater nicht/ auff den er einig zielte/

Koͤnt eines hefften an: Die purſche hinder her/

Und ſchoſſen auff ihn loß und ſchrien graͤßlich ſehr.

Sie muͤhten ſich den feind mit ſchieſſen abzukehren/

So lange bis Mezentz durch ſeines ſohns verwehren

Und ſchild kam ſicher durch. Der Troer held ward gar

Erbittert/ deckte ſich doch wider die gefahr.

Wie wenn ein hagel faͤllt; da lauffen/ die da pfluͤgen

Vom felde weg/ es laͤßt der bauer alles ligen/

Der wandersmann laͤufft hin zu einem ſichern dach/

Und wil auff dieſe weiſ entgehn dem ungemach.

Ein
[527]Das Zehende Buch.
Ein andrer nimpt die flucht aus ufer ſich zu legen

Bey einen baume hin/ ein ander fleucht fuͤrm regen

In eine felſenhoͤl/ damit ſie/ wenn das liecht

Der ſonne wiederumb durchs zelt der wolcken bricht/

Den uͤberreſt des tags zur arbeit koͤnnen wenden:

So that Encas auch/ da ihm von allen enden

Geſetzet wurde zu mit ſpieſſen und geſchoß/

Da ſchuͤttelt er vom ſchild den kriegeshagel loß/

Ließ alles uͤbergehn/ kunt alle puͤffe tragen

Vermittelſt dieſes ſchilds und frendiger ſich wagen:

Gab Lauſo harte wort/ und dreut ihm grimmiglich:

Wie lauffſt du denn ſo toll und giebeſt ſelber dich

In toͤdliche gefahr? wilſt du an groͤßre ſachen/

Als du verrichten kanſt/ dich ſo verwegen machen.

O deine froͤmmigkeit/ die treue kindespflicht

Dem vater darzu thun/ betreugt dich; ſie kan nicht

Dir helffen in gefahr. Blieb gleichwol unterdeſſen

Bey ſeinem frechen ſinn und thoͤrichten vermeſſen.

Da wurde mehr und mehr der Troer fuͤrſt ergrimmt/

Und Lauſi lebenszeit ihr end und ziel beſtimmt/

Und ſtieß ihm mittẽ durch den leib mit macht den degen/

Ging beydes durch den ſchild/ der/ wie er ſich verwegen

Offt kunte mit geſchrey/ viel zu geringe war/

Und durch das roͤckelein/ das ſeine mutter klar

Gewircket hat vom gold: und ward ſo weit gehuͤllet

Die bruſt und buſem ein/ mit rohtem blut erfuͤllet:

Nach dieſem fuhr ſein geiſt vom leibe durch die lufft

Zum unter irrdiſchen durch finſtre weg und dufft.

Als
[528]Das Zehende Buch.
Als nun Eneas ſah des ſterbenden gebehrden/

Und wie er wunderlich erblaſſet kunte werden;

Da ſeufftzet er gar tieff aus beyleid/ reicht ihm dar

Die hand/ und dachte dran/ wie ihm geweſen war:

Da ihm ſtieg gleiche treu und liebe zu gemuͤthe

Als ihm ſein vater ſtarb; Es wallte das gebluͤte

Ihm eben ſo/ als er ihn ſahe ligen tod/

Was ſol ich/ guter knab/ der du in ſterbens noth

Itzt ligeſt/ fuͤr dein werck/ das herrlich iſt zu preiſen/

Zum ewig-werthen lohn fuͤr ehre dir beweiſen;

Was ſol ich geben dir/ als der ich ohne ſcheu

Hab meinen vater auch erzeiget ſolche treu/

Das deiner edlen art gemaͤß ſey zu er kennen?

Ich kan dir anders nichts/ als deine waffen goͤnnen:

Dieſelbigen behalt/ an welchen du gehabt

Haſt einig deine luſt/ und dein gemuͤth gelabt.

Du magſt verſcharret ſeyn in deiner eltern grabe/

Wo nur dein vater auch diß nimmt fuͤr eine gabe

Mit gutem willen an/ und dafuͤr ſorge traͤgt

Daß dein gebeine werd in erden ſchoß gelegt/

Du kanſt/ unſeliger/ den troſt von hinnen tragen/

Daß dich der tapffre held Eneas hat erſchlagen:

Er ſchalt das kriegsvolck auch des Lauſt haͤrtiglich/

Das ſie den todten weg zu tragen ſaͤumten ſich/

Und richtet ihm ſelbſt auff das haar/ das ſonſt geputzet

Und ſchoͤn gekaͤmmet gilſſ/ vom blut ſehr war beſchmutzet

Als ſie den Lauſum nun befoͤrdern itzt zu grab;

Da ſtund ſein vater an dem fluß und wuſch ſich ab.

Vom
[529]Das Zehende Buch.
Vom blut/ und ſauberte die hart geſchlagne wunde/

Und richtet auff den leib/ den er ſehr matt befunde/

Und lehnt an einem baum ſich an mit ſchwerer laſt/

Sein helm hing aber nicht ſehr weit an einem aſt.

Es ruhen gleichſam auch die waffen von dem ſtreite

Und ligen auff der wieſ; Es ſtehn an ſeiner ſeite

Viel junge tapffre purſch; Er aber kranck und ſchwach

Keicht kuͤmmerlich und ſchwer und fuͤhlt viel ungemach

hielt mit deꝛ hand das haupt/ ſein langeꝛ baart ihm hienge

Hinunter auff die bruſt; Er fragete viel dinge

Von wegen ſeines ſohns; Er ſchickt an manchen ort/

Und ließ ihm melden an/ er ſolte ſchleunig fort

Sich machen auff/ es wehr ihm ſo und ſo gegangen/

Leg kranck an einer wund/ die er im ſtreit empfangen

Das kriegsvolck aber traͤgt den Lauſum tod daher

Auff ſeinem ſchildt/ und weint/ und ihn beklaget ſehr/

Als einen tapffern held; Der/ ob er ſchon geſtorben

An einer wunde war/ doch ſchoͤnes lob erworben/

Als der bezwungen ward von einem ſolchen held

Des unverweßlich lob geht durch die gantze welt.

Sein hertz/ das ihm ſchon vor-kunt dieſes ungluͤck-ſagen

Merckt ihr geſeufftz von fern/ und ihre trauerklagen/

Beſchmutzt ſein graues haar mit ſtaub/ hebt beyde haͤnd

Zum himmel/ und dahin ſein augen ſeufftzend wendt.

Bald faͤllt er auff die leich und hebet an zu klagen;

Hab ich denn ſolche laſt zu leben koͤnnen tragen/

O vielgeliebter ſohn/ daß ich dich ließ im ſtreit

An meiner ſtatt ſtehn aus der feinde grauſamkeit/

L lDer
[530]Das Zehende Buch.
Der ich dich hab gezeugt? ſoll ich dein vater leben

Erloͤſt von deiner wund/ und du den geiſt auffgeben?

Nun (leider!) wird die flucht mich hochbetruͤbten mañ/

Wenn ich verjagt muß ſeyn/ beſchwerlich kommen an!

Die wund iſt allzutieff und gehet ſchwer zu hertzen/

Und kan dieſelbige ſo leichtlich nicht verſchmertzen/

Ja deinen namen hab ich auch/ o ſohn/ befleckt/

In dem ich mir den neid durch boͤſes thun erweckt/

Der ich verſtoſſen bin von meines vaters throne/

Und mir von meinem haupt genommen iſt die krone;

Mein volck und vaterland/ dem ich verhaſſet bin

Durch meine ſchuld/ hat mich zur ſtraffe ſollen ziehn.

Ich haͤtte ſonder ſcheu des todes leib und leben

In allerley gefahr/ als ſchuldig/ ſollen geben:

Nun aber leb ich noch/ und kan gleichwol noch nicht

Verlaſſen dieſe welt/ die menſchen/ und das licht;

Doch will ich ſterben nur. Hiemit wolt er nicht laͤnger

So ligẽ/ uñ ſich ſelbſt durch ſchwermnht machen baͤnger:

Da richtet er ſich auff/ wiewol das krancke bein

Und tieffer wunden ſchmertz ihn nicht ließ gehn herein;

Doch war er unverzagt/ und hieß ſein roß herfuͤhren;

Das war ſein zieraht noch/ an ſelbten kunt er ſpuͤren

Und ſchoͤpffen ſeinen troſt. Es ſtund ihm ohne ſcheu

In allem ſtreit und ſchlacht als tapffrem ſieger bey.

Als er daſſelbe nun ſich traurig ſahe tragen/

Hub ers an ſolcher weiß zu troͤſten und zu ſagen;

Wir haben/ rhæbe/ lang gelebet (wo die welt

Noch anders etwas lang in ihrem kreyſe haͤlt)

Entwe-
[531]Das Zehende Buch.
Entweder ſolt du heut mit mir den ſieg wegtragen

Und mit Eneens haupt viel raub und beut erjagen/

Und das durch Lauſt todt mir zugefuͤgte leid

Mit mir zu raͤchen ſcharff ſtehn unverzagt im ſtreit.

Wo aber ich durchaus durch meine ſtaͤrck und waffen/

Durch meine tugendkrafft nichts werde koͤnnẽ ſchaffen/

Solſtu auch ſterben mit; Denn du wirſt/ wie ich mein/

Als ritterliches pferd nicht koͤnnen dienſtbar ſeyn/

Noch dem Trojanervolck dich unterwuͤrffig machen:

Denn dieſes wehren ja fuͤr dich zu ſchlechte ſachen.

Da neiget ſich das pferd/ gleich wies gewohnet war/

Mit ſonderbahrer ehr/ und bot den ruͤcken dar.

Er ſtiege muhtig auff/ und ſetzte ſich zu rechte

Zu ziehen wiederumb gewapnet ins gefechte/

Nahm ſo viel ſpieß/ als er kunt tragen/ in die hand/

Weil er ſie noͤthig hat zu dieſem harten ſtand.

Trug ſeinen blancken helm und federn/ welche waren

Mit ſonderbahrer art gemacht von pferdehaaren:

So ritt er ſporenſtreichs in hauffen mitten ein/

Es macht ihm noch die ſcham im hertzen groſſe pein/

Da er juͤngſt in der ſchlacht Eneen muſte weichen/

Und da er ſeinen ſohn ermordet ſah erbleichen/

Das hertzleid wird vermiſcht mit groſſem zorn und grim̃/

Der laͤßt ſich mehr und mehr heraus mit ungeſtuͤmm/

Und ruͤhret ſein gemuͤht mit unerhoͤrtem ſchmertzen

Wenn er des ſohnes lieb und treue nimmt zu hertzen/

Da er mit ſeinem leib ihn ſchuͤtzt in hartem ſtreit:

Drauff faßt er wiederumb/ wie vor/ die tapfferkeit/

L l 2Und
[532]Das Zehende Buch.
Und ruffet etlich mahl mit lauter ſtimm Eneen.

Eneas kant ihn bald/ ward froh/ und bliebe ſtehen:

Fieng wuͤnſchend alſo an: Das gebe Jupiter

Und Febus/ daß du koͤmmſt mit mir zu kaͤmpffen her.

Mehr wort zu machen hier das wolte gar nicht taugen;

Ging ſtracks mit ſeinem ſpieß ihm freudig unter augen;

Da ſprach Mezentiuſ: was? wilſt du ſchrecken mich/

O grauſamer/ der du mich haſt ſo grimmiglich

Gebracht umb meinen ſohn? Diß war das mittel eben/

Dadurch du koͤnteſt mich auch bringen umb das leben.

Denn weil du haſt getoͤdt ſo grauſam meinen ſohn/

Bin ich des lebens ſatt und uͤberdruͤßig ſchon:

Der todt macht mir nicht ſcheu/ ich acht auch keine goͤtter

Daß ich ſie bitten ſolt umb huͤlff/ als meine retter:

Laß nur dein ſchrecken ſeyn. Denn ich bin kommen her/

Daß ich nach meinen ſohn zu ſterben auch begehr.

Ich aber bringe dir zuvor noch dieſe gaben/

An denen magſt du dich mein zngedencken laben.

Stracks ſchoß er einen ſpieß auff ſeinen feind mit macht/

Bald einen andern/ und noch einen andern bracht.

Und ſchoß ſie in den ſchild/ und flohe mit dem roſſe

In einem kreyß herumb/ und hefftig auff ihn ſchoſſe.

Allein der guͤldne ſchild haͤlt aus/ bleibt unverwand/

Er ritte dreymahl umb ihn nach der lincken hand/

Der nur zu fuſſe ſtund/ und ſchoß auff ihn viel ſpieſſe:

Eneas aber! der diß alles gehen lieſſe/

Trug gleichſam einen wald mit ſeinem ſchild umbher

Von pfeilen: Endlich als es ihm wolt fallen ſchwer/

So
[533]Das Zehende Buch.
So lange zu verziehn/ und trug verdruß die ſpieſſe

Zu reiſſen aus dem ſchild/ das ſich ſchwer handeln lieſſe/

Auch der ungleiche ſtreit ihn machte groſſen drang/

Gedacht er hin und her/ und ſanne bey ſich lang/

Bricht aber endlich loß/ und trifft mit einem ſpieſſe

Das pferd durch beyden ſchlaff/ davon es umb ſich ſtieſſe

Und in die hoͤhe ſprang/ ſchlug forn und hinten aus.

Der reuter ſaß darauff mit groſſer furcht und graus/

Da warff es ihn herab/ und muſte ſelber fallen

Auff ihn mit ungeſtuͤm: Da wurde ſtracks von allen

Im feld ein groß geſchrey erregt/ da ſchrie der feind

Daß es in luͤfften ſchallt/ da ſchrie zugleich der freund.

Eneas lieff hin zu und zog heraus den degen/

Und ſagte: wo iſt nun der tapffre mann zugegen

Mezentius? Wo iſt ſein harte wuͤtigkeit?

Wie laͤßt er ſo bald ab von angefangnem ſtreit!

Er aber/ da er ſich gen himmel auffgehoben

Mit ſeinen augen hat/ und friſche lufft von oben

Geſchoͤpfft und wiederumb ein wenig ſich vernam

Mit ſeinem krancken ſinn/ und zu ſich ſelber kam.

Wie kanſtu (ſaget er) du bittrer feind/ mein leben

Verfolgen dergeſtalt und ſolche ſchmaͤhwort geben?

was dreuſtu mir den tod? der todt bringt mir nicht ſcheu

Du magſt mich toͤdten nur: Es ſtehet dir nun frey.

Ich hab anff ſolchen ſinn/ und eingebildte maſſen

Mich nicht mit dir in ſtreit gewagt und eingelaſſen/

Daß ich nicht ſterben wolt; es hat mein ſohn auch nicht

Mit dir zum beſten mir die buͤndnuͤß auffgericht/

L l 3Nur
[534]Das Zehende Buch.
Nur dieſes einige bitt ich durch das verzeihen

Und gnade/ die man mag den feinden auch verleyhen/

Wenn ſie bezwungen ſind/ laß meinen leichnam ſeyn/

Daß er werd in das grab geſcharret ehrlich ein.

Ich weiß den bittern haß der meinen gar zu eben/

Die mir fuͤrdeſſen offt geſtrebt nach leib und leben.

Derſelben wuͤten halt von meinen leichnam ab/

Und laß mich werden ein geleget in ein grab

Mit meinem ſohn (bitt ich) ſo redet er/ und reckte

Die gurgel willig hin/ der degen ihn nicht ſchreckte

Den ihm Eneas ſtieß hinein/ und gab von ſich

Mit blut/ das haͤuffig floß/ die ſeele jaͤmmerlich.


Das Eilffte Buch.


IMmittelſt kam herfuͤr die morgenroͤthe gangen:

Eneas (ob er wol mit ſorgen war befangen/

Den todten ſeines volcks zu goͤnnen ihre zeit/

Daß ihnen man nach recht gemeiner ſterbligkeit

Ihr grab bereitete/ und war in ſeinem hertzen

Ob des Pallantis leich mit kummer/ noht und ſchmertzen

Beruͤhrt) bezahlete mit fruͤher tages zeit

Den Goͤttern ſein geluͤbd/ nach dem er aus dem ſtreit

Als ſieger wiederkam. Er ließ ein hohe eiche

Behauen umb und umb/ und machen glat und gleiche/

Und richten in die hoͤh: Da wurde zeug und wehr/

Und was Mezentius der fuͤrſt verlor im heer/

Ge-
[535]Das Zehende Buch.
Gehencket an (dir/ Mars/ zum ſchoͤnem ſieges zeichen

Dem keiner iſt am macht im kriege zu vergleichen)

Die federpuͤſche/ die noch troffen ſehr vom blut/

Die ſetzet er ihm auff/ wie auch den eiſenhut/

Und that ihm in die hand die abgebrochne ſpieſſe/

Die der Mezentius im ſtreit auch hinterlieſſe/

Er band den harniſch auch ihm an die bruſt/ der gar

Sehr an zwoͤlff orthen durch-in ſtreit-geboret war/

Und an den lincken arm den ſchild/ den blancken degen

In helffenbeinern ſcheid laͤßt er ihm auch umblegen:

Als dis geſchehn/ vermahnt er ſeiner voͤlcker ſchaar

(Die mit den oberſten bey ihm verſamlet war)

Und fieng an der geſtalt ſie ernſtlich zuvermahnen/

Die ſieges halben froh frey ſchwungen ihre fahnen:

Ihr tapffern leut/ es iſt das groͤſſeſte gethan;

Laſt euch nur keine ſorg und kummer ligen an;

Was annoch uͤbrig iſt/ ſchaut an/ ihr guten leute/

Das ſind die erſtlinge/ der ſchoͤne raub und beute

Dem ſtoltzen Koͤnige gezogen ſiegreich ab!

Das iſt Mezentius/ den ich erwuͤrget hab

Mit dieſer meiner hand. Nun haben wir beſchloſſen

Zu reiſen zum Latin/ dem Koͤnig/ unverdroſſen/

Und nach der ſtadt Laurent: Wolan! ſo ſeyd bereit

Mit tapfferem Gemuͤth/ und ruͤſtet euch zum ſtreit!

In hoffnung/ ſieg und ruhm des krieges zugewinnen/

Und laſſet keine furcht verhindern eur beginnen

Noch ſchnoͤd unwiſſenheit/ wenn euch von Goͤtter ſaal

Gegeben wird ein winck/ die faͤhnlein allzumahl

L l 4Zu
[536]Das Eilffte Buch.
Zuziehen aus der erd/ und in das feld zufuͤhren

Die junge ritterſchafft: anitzt wil uns gebuͤhren

Die leichnam unſrer purſch zu ſcharren in die erd/

Welch letztes ehrengrab man achtet hoch und werth

In unterm hellenreich. Geht hin/ ſprach er/ und zieret

Mit dieſer letzten ehr/ inmaſſen ſichs gebuͤhret/

Der tapffern ſeelen ſchaar/ die uns mit ihrem blut

Erworben dieſes land und hoch geſchaͤtztes gut.

Fuͤr allen laſſet uns Pallantem ſeinem vater

Evandern ſchicken zu/ als unſerem berather

Und hoch geneigten freund/ in ſeine burg und ſtadt/

Da er ſein regiment und herrſchafft annoch hat;

Den Pallas/ ſag ich/ den als tapffern krigeshelden/

Von dem man anders nicht als ruhm und lob kan meldẽ/

Die finſtre ſterbensſtund in ſeiner jungen zeit

Genoͤthigt hat zugehn den weg der ſterbligkeit;

So redet weinendt er/ beruͤhrt von leid und jammer/

Verfuͤget ſich hierauff ins loſament und kammer/

Da wo der alt Acet Pallantis leib verwahrt/

Der ſonſt zu dienen hat noch fleiß noch treu geſpart

Als waffentraͤger des Pallantis vorger zeiten:

War aber damals gleich geordnet zu begleiten

Den Pallas/ dem er ſtund als hoffemeiſter fuͤr/

Mit fleißgem unterricht und aller zucht-gebuͤhr/

Wiewol mit minderm gluͤck. Es ſtunden umb die leiche

Die diener alle ſampt/ das Troervolck zu gleiche/

Trojanerinnen auch mit auffgeloͤſtem haar/

Und zogen trauriglich/ wie damals braͤuchlich war.

Als
[537]Das Eilffte Buch.
Als nun der Troer fuͤrſt zur thuͤr hinein gegangen/

Da wurde groß geheul und trauren angefangen/

Sie ſchlugen an die bruſt mit ſeufftzen/ klag und leid/

Der koͤnigliche hoff erſchallte weit und breit.

Eneas/ als er ſelbſte in augenſchein/ genommen

Den Pallas/ wie er lag verblichen/ und bekommen

An ſeine zarte bruſt ein offne ſchwere wund/

Die er von Turnus ſpieß mit groſſem weh empfund.

Fieng ſo mit thraͤnen an: Ach du clonder knabe/

Sagt er/ hat denn das gluͤck mir nicht gegoͤnnt die gabe/

Da es ſo froͤlich zu mir kam/ daß ich an dir

Haͤtt meine freud und ehr gehabet nach begier?

Hab ich dich laͤnger nicht im leben moͤgen ſehen/

Da mein gelůck begunt in vollem flor zuſtehen?

Haſt du mein koͤnigreich nicht muͤſſen ſchauen an/

Noch kommen wieder heim/ als tapffrer ſiegesman?

So iſt dein vater nicht von mir verſichert worden/

Dem ich verſprach/ daß du von feindes hand und morden

Verſchonet ſolteſt ſeyn. Ich dencke noch daran/

Da ich von ihm zog weg/ was er mir guts gethan:

In dem er mich umbfieng/ erwieſe lieb und guͤte/

Und ließ mich offen ſehn ſein koͤniglich gemuͤthe/

Und mit anſehnlicher gewalt verſchickte zwar/

Doch ſorgſam warnete fuͤr mancherley gefahr.

Es waͤr in Latien ein hartes volck zu finden/

Und ſchwer daſſelbige mit ruhm zu uͤberwinden:

Nun hat ſein hoffnung ihn betrogen (leider!) ſehr/

Die er zu mir geſetzt/ und thut vielleicht noch mehr

L l 5Geluͤbd
[538]Das Eilffte Buch.
Geluͤbd und opfferdienſt und fuͤllt mit reichen gaben

Den heilgen altar an: weil wir nun fuͤr uns haben

Den todten juͤngeling/ und der nun nichtes mehr

Den Goͤttern ſchuldig iſt; So wollen wir die ehr

Ihm thun zu guter letzt/ und ſchicken ihn zu grabe

Wiewol es an ſich ſelbſt iſt faſt vergebne gabe.

O ungluͤckhaffter mann/ nun wirſt du ſehen an/

Wie jaͤmmerlich es ſey mit deinem ſohn gethan;

Und wie er lig im ſarg ertoͤdtet und verblichen/

Von dem der ſchoͤne geiſt des lebens iſt gewichen!

O ſchoͤne wiederkunfft/ triumpf und ſieges pracht/

Wornach ſich mancher groß verlangen hat gemacht!

Wie ſchoͤn hat ſich mein wort im außgang nun befunden!

Doch wirſt du/ Koͤnig/ nicht ihn ſehn mit ſolchen wunden

Geſchlagen/ deren man zu ſchaͤmen haͤtte ſich/

Auch iſt dein ſohn im ſtreit nicht blieben ſchnoͤdiglich.

Er hat von ſeinem feind erlanget ruhm und ehre/

Daß du ſein vater/ wenn er noch am leben waͤre/

Nicht urſach habeſt ihm zu wuͤntſchen boͤſes ding/

Als einem ſohne/ der nichts ruͤhmlichs begieng

Ach leider! wie iſt dir/ Italien/ abgangen

Ein theurer mañ! wie wird dein hoffnung und verlangẽ/

Mein ſohn Jul/ betruͤbt; Als er nun ausgeredt

Mit weinen/ heiſſet er auffheben vou der ſtett

Den jaͤmmerlichen leib/ und nam von gantzem heere

Ein tauſentmann/ die ihn mit letzter lieb und ehre

Begleiteten zum troſt/ wie ſehr gering und klein

In ſolchem groſſen leid derſelbe moͤchte ſeyn/

Der
[539]Das Eilffte Buch.
Der doch aus ſchuld und pflicht geleiſtet muſte werden

Dem vater/ welchen traff mit leidigen beſchwerden

Am meiſten dieſer fall: Da ſiehet man wie ſie

Geſchaͤfftig ſind hierzu mit unverdroſſner muͤh.

Ein theil nimmt ruͤthelein von hagebuch- und eichen/

Und machten flechten/ wie gebraͤuchlich war bey leichen

Und eine todtenbahr/ darauff der todte fein

Sanfft wurde hingelegt/ das bette ward mit meyn

Beſtecket umb und umb/ da nehmen ſie und heben

Den juͤngling auff das laub/ der zuvergleichen eben

Mit einer blume war/ die mit den fingern fein

Von ſtengel wird gepfluͤckt von einem jungfraͤulein/

Es ſey viole gleich/ doch oder mertzenblume/

Die ihren glantz nicht mehr hat mit ſo ſchoͤnem ruhme

Und gleichwol auch noch nicht verlohren ihre zier/

Das erdreich gibt ihr nicht mehr krafft undſafft herfuͤr.

Eneas hieß heraus zwey purpur kleider bringen

Gemachet und geziert mit borten/ hefft-und ſchlingen

Und ſtarreten vom gold: Die Dido hatte ſie

Fuͤrweilen ſelbſt gemacht mit kunſt verſtand und muͤh/

Dazu ſie hatte luſt/ weil ihr diß thun geluͤcket/

Und hat es artiglich durchaus mit gold geſticket.

Derſelben kleider eins zeuch er dem juͤngling an/

Und wil den letzten dienſt/ ſo viel er immer kan/

Ihm leiſten trauriglich/ bedeckt auch ſeine haare

Mit einer haube/ da er liget auff der bahre/

Die jtzt verzehren ſol des feuers grimmigkeit/

That haͤuffig auch hinzu viel dings/ was er im ſtreit/

Da
[540]Das Eilffte Buch.
Da er ſich mit dem volck der Laurentiner ſchluge/

Mit unbeflecktem ruhm erwarb und mit ſich truge/

Und hieſſe dieſen raub mit langer pracht und reyh

Herbringen/ laͤſſet auch die pferde fuͤhren bey/

Und waffen derer feind/ die er hat uͤberwunden:

Man ſahe denen auch die haͤnde feſt gebunden:

Die als ein opffer ihm man ſolte ſchlachten ab/

Und mit der todten blut beſprengen feur und grab;

Und heißt die oberſten an groſſe ſtacken tragen

Die waffen derer feind/ die er hat tod geſchlagen;

Und ihre namen laͤßt er oben ſetzen an;

Man fuͤhrte bey der hand den armen alten mann

Aceten/ da ſah man/ wie er mit vollen haͤnden

Schlug an die bruſt/ wie er mit naͤgeln kunte ſchaͤnden

Fuͤr leid das angeſicht: ja endlich fiel er gar

In ohnmacht auff die erd fuͤr weh/ wie lang er war.

Sie fuͤhren mit ſich auch den blutbeſpruͤtzten wagen

Der Rutuler/ die er im felde hat erſchlagen:

Sein reitpferd Aethon/ das er vormals braucht im ſtreit/

gieng hinden her ohn ſchmuck und weint fuͤr groſſem leid/

Und netzte das geſicht mit groſſen milden thraͤnen/

Und gabezu verſtehn ſein innigliches ſehnen

Nach ſeinen rittersmann. Ein ander trug den ſpieß/

Ein ander ſeinen helm; Das andre/ was er ließ

Dahinden/ nahm fuͤr ſich der Turnus/ als der fieger:

Nach dieſem folgeten gar trauriglich die krieger

Und voͤlcker in gemein: Die Troer oberſten

Mit den Hetruriern und volck der Arcadern

Mit
[541]Das Eilffte Buch.
Mit umbgewandter wehr: Als nun in ordnung gienge

Das ſaͤmptliche geleit/ und hielte nicht geringe

Des jungen heldens tod; da blieb Eneas ſtehn/

Und lieſſe diß geſeufftz aus tieffem hertzen gehn.

Die ebenſelbige hartgrimme noht zu kriegen

Zwingt uns von hinnen zu den andern/ welche ligen

Erſchlagen noch im feld/ daß wir dieſelben auch

Beſtaͤttigen zur erd nach uͤblichen gebrauch.

O Pallas theurer held/ ſey mir zu ewgen zeiten

Gegruͤſſt und lebe wohl in ſteten gluͤckligkeiten!

Mehr ſagt er nicht/ und gieng auff gleichgefuͤhrtem pfad

Mit hochbetruͤtem ſinn zur maur und lagerſtatt.

Bald darauff kamen an vom koͤnige legaten

Mit belbaums zweige/ ſo da umb erlaubnuͤß baten/

Daß ihnen ſtuͤnde frey die todten/ die zerſtreut

Im felde lagen/ zu begraben ungeſcheut.

Es ließ ſich ja nicht mehr mit uͤberwundnen ſchlagen/

Noch denen/ welche ſind entleibet/ feindſchafft tragen:

Er moͤchte ſchonen doch der freunde/ die ihn ſonſt

Bewirthet hiebevor/ erzeiget lieb und gunſt;

Und deren koͤnig von ihm ſchwaͤher ſey gennet:

Als nun der Troer fuͤrſt fuͤr gut und recht erkennet

Ihr bitten/ laͤſt er diß unweigerlich geſchehn/

Gibt ihnen uͤber das ſo viel noch zuverſtehn;

Und ſagt: Ihr guten leut/ was ungluͤckhafft beginnen/

Hat euch in ſolchen krieg und noht verwickeln koͤnnen/

In dem ihr unſre lieb und freundſchaͤfft ſetzt beyſeit/

Und ſuchet an umb fried fuͤr die/ ſo in dem ſtreit

Sinn
[542]Das Eilffte Buch.
Sind umbgekommen? Den wolt ihnen ich gern goͤnnen

Auch wenn ſie lebten noch: Ich habe mein beginmen

Bis da-gerichtet hinzukommen in eur land/

Wenn das verhaͤngnuͤß nicht mir haͤtte zuerkand

Darinne raum und ſitz. Ich hab auch keine vhede

Mit dem Latinervolck diß land zu machen oͤde.

Eur Koͤnig aber hat verlaſſen unſern bund

Und gaſtfreundſchafft/ in dem/ wie offenbahr und kund/

Er ſich des Turnus ſchutz hat anvertrauen wollen;

Es haͤtte Turnus ſich in tod ſich wagen ſollen/

Als das er in gefahr braͤcht ſeine buͤrgersleut/

Im fall er war geſinnt zu enden ſelbſt den ſtreit

Und krieg mit eigner fauſt/ die Troer zuverjagen/

So haͤtt er moͤgen nur ein gaͤnglein mit mir wagen

Mit ſolcherley gewehr/ wie ich in haͤnden hab/

Da haͤtte moͤgen der/ dem gluͤck und tugend gab/

Das leben bringen weg: Ihr moͤcht nun ziehn und haben

Erlaubnuͤß eure leut und buͤrger zubegraben.

Als nun Eneas ſo geredet tapfferlich/

Da ſchwiegen ſie gantz ſtill/ und ſahen unter ſich

Ein ander wundrend an; do Drames/ der von jahren

War hoch und hatte viel geſehen und erfahren/

Der dieſem jungen held dem Turno allezeit

Auffſetzig war/ und hielt ihm immer gegenſtreit;

Fieng alſo muͤndlich an ſein antwort abzulegen:

O Troer held/ der du mit thateu uͤberwaͤgen

Kanſt deines namens ruhm/ wie ſol ich gnungſam dich

Erheben/ und dein lob außbreiten wuͤrdiglich?

Wor-
[543]Das Eilffte Buch.
Woruͤber ſoll ich doch verwundern mich am meiſten;

Ob dein gerechtes thun/ dadurch du allen leiſten

Wilſt ihr gebuͤhrlich recht? Wie? Oder ſol ich mehr

Ertheilen deiner ſtaͤrck und manheit lob und ehr?

Wir wollen danckbahrlich diß auch zu ruͤhmen wiſſen

Und an zumelden alls dem Koͤnig ſeyn befliſſen

In vaͤterlicher ſtadt/ auch fleißig darob ſeyn/

Wenn uns das gluͤcke nur wird weg und maß verleyhn/

Dich mit dem Koͤnig auff das neue zu verbinden;

Es mag der Turnus ſohn/ wo er kan buͤndnuͤß finden/

Wies ihm am beſten duͤnckt; wir wollen huͤlff und hand

Dir bieten gern zur ſtadt/ die dir iſt zu erkand

Vom goͤttlichem geſchick/ dieſelbig auffzubauen:

Uns ſolt fuͤr keiner laſt noch muͤhewaltung grauen

Wir wollen nehmen auff die ſchultern holtz und ſtein/

Und nach vermoͤgen dir mit fleiß bedienet ſeyn/

Die andern nahmen auff mit beyfall/ gunſt und ſchallen

Des Dranees gegenwort/ und lieſſens ſich gefallen.

Zwoͤlff tage wurden an geſetzt zum ſtilleſtand/

Von beyden theilen wurd fuͤr recht und frey erkand

Zu gehen aus und ein: Da ſahe man mit hauffen

Im walde hin und her ſie durch einander lauffen;

Da hewt man mit der axt die hohen eichen ab/

Die cedern/ ſicht/ und eich ein groſſes krachen gab/

Die mit den wipffeln ſich biß an die wolcken tragen;

Man laͤdet ſelbig auff/ und laͤſſet ſie auff wagen

Weg fuͤhren/ daß ſie ſich fuͤr ſchwere biegen faſt/

Da geht mit knarren fort die ungeheure laſt

Der
[544]Das Eilffte Buch.
Der ruff/ als bothe/ lieff den leid-fall anzudeuten/

Der mit dem Pallas ſich begeben/ allen leuten;

Er koͤmpt Evandern fuͤr/ er fuͤllt ſein hauß und ſtadt

In welcher neulich erſt man außgegeben hatt/

Es haͤtt in Latien der Pallas ſieg und ehre

Erworben/ und anitzt zum einzug ruͤſtig waͤre.

Das volck der Arcader laͤufft eilend nach dem thor

Und traͤget fackeln/ die man nach gebrauch trug vor

Den leichen; da wird ſtracks der weg von langen reihen

Der fackeln hell und licht/ die ſtrahlen ſich weit ſtreuen/

So weit die graͤntzen gehn. Das volck der Troer kam

Entgegen ihnen/ und mit trauren zu ſich nam

Das heer der Arcader. Als ſie nun ſahen ziehen

Die weiber in das ſchloß/ da thaten ſie und ſchrien

So ſchrecklich/ daß die ſtadt in wunderſchneller eil

Erfuͤllet wurde gantz mit klagen und geheul.

Der koͤnig aber ließ ſich nichts zu ruͤcke halten/

Noch ſchwaches alter/ noch ſein koͤniglich verwalten/

Noch groͤſſe ſeines leids; gieng/ wo der hauffe war

Am dickſten/ legte ſich hin auff die todtenbahr (chen

und leichnam ſeines ſohns: kunt anfangs kein wort ſpre-

Fuͤr weinen und geſeufftz/ biß man ihn hoͤrte brechen/

Da kaum das hertzeleid der ſtimme lieſſe ſtatt/

In dieſe wort; Mein ſohn/ wo bleibet nun die that?

Von dem/ was du mir haſt verſprochen in dem ſtreiten

Dich wollen laſſen nicht zu ſehr und weit verleiten?

Heiſt das behutſam dich gewaget in dem ſtreit?

Das wuſt ich gar zu wohl/ was fuͤr gefaͤhrligkeit

Die
[545]Das Eilffte Buch.
Die neue ſeuche hat zu blincken in den waffen/

Und was die ſuͤßigkeit des ruhms vermag zu ſchaffen/

Wenn anfangs wol gelingt bey junger purſch der ſtreit.

O Anfang voller klag und voller bitterkeit

Denn du/ o junges blut/ und außbund ſchoͤner jugend

Gemacht! O hartes jahr der lehr und ſcharffen tugend

Des allzunahen kriegs! Ach daß der goͤtter ſchaar

Fuͤr mein gebaͤt und wuntſch verſtopfft die ohren gar.

Und du mein frommes weib/ wie wol iſt dir geſchehen

Durch deine todesfarth/ daß du nicht darffeſt ſehen

Diß ſchwere hertzeleid/ und nicht geſparet biſt

Auff dieſen groſſen fall/ der mir fuͤr augen iſt:

Ich aber muß den lauff und ordnung uͤberſtreben/

Der kindern geben iſt den ſtamm zu uͤberleben.

Ich/ der ich vater bin/ leb uͤber meinen ſohn/

Ach daß ich ſelber doch mit den Trojanern ſchon

Laͤngſt fort gezogen waͤr/ ſo haͤtten mich erſchoſſen

Die Rutuler/ und haͤtt als kriegsman unverdroſſen

Mein leben in dem ſtreit gelaſſen fuͤr dem ſohn/

Und dieſes leichgepraͤng haͤtt ich zum ehren-lohn/

Und doͤrffte ſehen nicht mit leid/ wie man heimbfuͤhret

Pallantem meinen ſohn/ der mir mein hertze ruͤhret.

Doch will ich/ Troer/ euch nicht geben deſſen ſchuld

Noch dem gemachten bund/ noch gaſtfreundſchafft und

Die uns verbundẽ bleibt mit treugegebnen haͤnden: (huld

Es iſt ein ungeluͤck/ das ich nicht habe wenden

Noch endern je gekunt/ das mir beſcheret war

In meinem Alterthumb. Weil denn dein ſohn hat zwar

M mSein
[546]Das Eilffte Buch.
Sein leben muͤſſen hin-in beſter bluͤthe-geben/

Und fuͤr der zeit in noth des harten todes ſchweben:

So ſol mir noch diß leid zur troͤſtung dienſtlich ſeyn/

Daß er ſein leben hat da erſt gebuͤſſet ein/

Als er ſo manchem mann und Rutuler genommen

Zu vor das leben hat und ſiegreich iſt gekommen

Mit dem Trojaner heer/ das er mit groſſer macht

In der Latinerland mit edlem ruhm gebracht.

Ich kan dir zwar/ mein ſohn/ nach tragender begierde

Kein beſſer leichgepraͤng mit groͤſſrer wurd und zierde

Zu richten/ als gethan Eneas/ und dann mehr

Die oberſten des volcks/ und der Tyrrhener heer.

Sie bringen zwar mit ſich die ſchoͤne ſiegeszeichen

Und waffen derer leut/ die du auch haſt zu leichen

Gemacht mit tapffrer fauſt. Es ſolten aber auch/

O Turnus/ ſtehen hier an ſtacken nach gebrauch

Dein waffenzeug und wehr: wenn ich dir waͤr an jugend

Und gruͤnen kraͤfften gleich/ und koͤnte meine tugend

Noch zeigen/ wie ich pflag vor zeiten/ da ich war

Ein junger rittersmann/ uud kunte der gefahr

Begegnen freudiglich in manchem kampff und ſtreite.

Was aber halt ich auff die tapffre Troers leute

In ihrem kriegeswerck/ ich ungluͤckhaffter mann?

Sie koͤnnens laſſen doch nicht laͤnger ſtehen an.

Derhalben ziehet hin/ und ſaget eurem Koͤnig

Daß ich zwar lebe noch/ acht aber gleichwol wenig

Mein leben/ welches mir nun bringt verdrießligkeit/

Weil mein ſohn Pallas iſt geblieben in dem ſtreit.

Daß
[547]Das Eilffte Buch.
Daß aber ich noch bleib in dieſem jammerleben/

Sey ſeine tapffre fauſt dran urſach/ die mir geben

Und meinem ſohne kan die hoffnung/ ſchuld und pflicht/

Und uns am Turnus ſich zu raͤchen ſcheuen nicht.

Nichts beſſer koͤnt er uns durch ſein verdienſt und gluͤcke

Zuwege bringen/ als diß einge freundſchafft ſtuͤcke/

Daß er hinwiederumb dem Turnus eins verſetz

Und durch deſſelben tod uns beyderſeits er getz.

Ich ſuche zwar ja nicht in dieſem meinem leben

Ergetzung oder freud/ begehr auch nicht zu ſtreben

Nach ſolcher eiteln luſt/ die mir unziemlich ſcheint:

Ich bin begierig nur und einiglich gemeint

Zu bringen meinem ſohn hin untter in die hoͤlle

Die angenehme poſt/ daß Turnus der geſelle

Hat muͤſſen ſeiner that erfahren grimme rach.

In deß die morgenroͤth herfuͤr am himmel brach/

Und brachte wiederumb die ſuͤſſen liechtes gaben/

Den armen ſterblichen/ und ihre muͤh zu laben/

Ihr werck und arbeits brauch. Es ließ Eneas nur

Und Tarchon todtenfeur am ſtrande richten zu/

Da bracht ein jeglicher die todten hingetragen

Die er nach altem brauch mit ſchmertzen muſte klagen:

Als ſie nun unten feur anlegten/ war die lufft

Verfinſtert umb und umb von dickem rauch und dufft/

Man ſahe dreymal ſie in blancken waffen lauffen

Umbs leichenlager her/ und angezuͤndte hauffen:

Sie ritten dreymal auch mit tieffer traurigkeit

Umbs leichenfeuer her und heulten ſehr fuͤr leid.

M m 2Sie
[548]Das Eilffte Buch.
Sie netzten das gewehr und erde mit viel thraͤnen/

Und lieſſen das geſchrey und kuͤmmerliche ſehnen

Mit der poſaunen ſchal auff-ſteigen in die lufft

Hernach dann warffen ſie hin in die feuersdufft

Die beuten/ welche ſie den feinden abgenommen/

Als ſchoͤne degen/ helm/ und was ſie ſonſt bekommen

An wagen/ zaum und zeug/ desgleichen ſchild und wehr/

Damit ſie kein geluͤck gehabt/ das lieb und hehr

Geweſen ihnen war. Es wurden auch nicht minder

Zum opffer abgeſchlacht viel ſchoͤne fette rinder;

Entkehlten borſtge ſchwein/ und rein vieh allerhand/

Das hin und wieder war geraubet auff dem land

Und warffens in das feur/ da ſtunden ſie am ſtrandte

Auff allen ſeiten her und ſahen/ wie da brandte

Das feuer ihrer leut/ und gaben achtung drauff/

Biß auff die helffte war verbrand der gantze hauff/

Und kunten gaͤntzlich nicht ſich da von laſſen bringen/

So lange/ bis die nacht gab dieſen trauerdingen

Ihr ende/ ziel und maß/ die allen glantz und ſchein

Des himmels/ der verſetzt mit lichten ſternelein/

Verwandelt und verkehrt. Man ſahe gleichfalls lauffen

Die traurgen Rutuler und bauen ſcheiterhauffen

In ungezehlter meng an einem andern orth;

Theils rafft der leichnam viel zur grufft und erden fort/

Und ſcharren ſie da ein; Theils fuͤhren die bekandten

Hinweg ins nachbahrs land und einen jeden ſandten

In ſeine heimat hin: was aber von der ſchaar

Gemeiner kriegesleut und ſchlechten poͤbel war/

Und
[549]Das Zehende Buch.
Und welche hier und da mit groſſen hauffen lagen/

Verbranden ſie nach brauch ohn ordnung/ ehr und klagen/

Da leuchtet allerſeits das feuer uͤbers feld/

Das mit behendem fleiß ward haͤuffig angeſtellt.

Als nun der dritte tag war jtzund angebrochen/

Und ſich die ſternelein am himmelszelt verkrochen;

Da nahinen ſie die aſch und die vermiſchten bein/

So viel ihr kunten noch vom feuer uͤbtig ſeyn/

Mit hoch betruͤbtem muth und traurigen gebaͤhrden/

Und ſcharreten ſie ein in warmen ſchoß der erden.

Man hoͤret aber gleich in des Latini ſtadt

des koͤnigs/ der noch ſehr viel macht und reichthumb hatt/

Ein groß gethoͤn vom leid und lauten jammerſchlagen/

Von weinen und geſeufftz/ von winſeln/ weh und klagen/

Die muͤtter klagen hier mit ungeſtuͤmmen leid/

Daß ihre ſoͤhne ſind geblieben in dem ſtreit;

Die weiber/ daß ſie nun in wittben-ſtand gekommen/

Und ihnen ſind ſo bald die maͤnner weg gemommen

Und in dem krieg erwuͤrgt. Die ſchweſtern ſehnen ſich

Nach ihren bruͤderen und trauren jaͤmmerlich

Die kinder/ die beraubt der eltern ſind geworden/

Beweinen ihren ſtand und ungluͤckhafften orden/

Verfluchen alleſammt den krieg/ gezeug und wehr/

Des Turnus heyrahtswerck/ und aufgebrachtes heer

Er ſolte (ſagten ſie) ſtch ſelber kecklich wagen/

Und mit dem Troerheld ſich in dem felde ſchlagen/

Und heben auff den krieg/ als deſſen hoch gemuͤth

Stund nach dem Welſchen reich/ kron/ titul und gebiet

M m 3Dis
[550]Das Eilffte Buch.
Diß mutzet Drances auff noch ſehrer/ iſt ergrimmet/

Und ſich der andern an-mit bittern reden-nimmet/

Giebt fuͤr/ der Turnus ſol ſtehn in dem ſtreit allein/

Eneas nur mit ihm ſich woͤlle laſſen ein.

Hingegen waren viel der andern andrer ſinnen

Und redten Turno nur ſein beſtes zu gewinnen;

Nicht wenig ſchuͤtzt ihn auch das anſehn/ ruhm und ehr

Der koͤnigin/ die ihn fuͤr audern liebte ſehr;

Sein groſſer nahm und ruff/ daß er ſo offt geſchlagen

Die feinde von dem plan/ kunt ihm auch viel bey tragen:

Als dieſ empoͤrung nun ſich regt mit tollem wahn/

Da kommen noch darzu (ſchau!) die geſandten an

Und bringen aus der ſtadt des groſſen Diomeden

Gar traurigen beſcheid: Es wolte zu bevehden

Die Troer klecken nichts/ die koſten thaͤtens nicht/

Und waͤhr mit aller muͤh durchaus nichts außgericht/

Man haͤtte nichts vermocht durch gaben zuerlangen

Es haͤtte wollen auch kein bitten was verſangen:

Man muſte ſich thun umb nach andrer huͤlff und rath/

Und den Trojanerheld anſlehen umb genad

Und friedlichen vergleich. Es wurde ſelbſt der Koͤnig

Latinus uͤber der begebenheit nicht wenig

Betruͤbet und verzagt. Es waͤre zeugnuͤß ſatt/

Daß dieſer Troer fuͤrſt nach Gottes heilgen rath

In Welſchland kommen ſey/ wenn man beſinnen wolte

Der Goͤtter ungenad und zorren/ wie man ſolte/

Und die begraͤbnuͤſſe/ die man fuͤr augen hat.

Gab demnach anbefehl/ damit der gntze rath

Und oberſten des lands nach hoffe ſchlennig kaͤmen/

Und allen umbſtand nach die ſach in rathſchlag naͤhmen

Sie
[551]Das Eilffte Buch.
Sie ſtelleten ſich ein mit uͤbergroſſer meng/

Und wuͤrde ſolchem volck die ſtraſſe faſtzu eng

Der alte koͤnig ſaß hoch mitten in und praͤchtig

Und trug den ſcepter in der hand/ und ſah bedaͤchtig/

Doch nicht gar froͤlich aus: Da laͤßt die bothen er/

Die er nach Arpis hatt verſchicket/ ſagen her

Was ſie guts bringen mit ſie ſollen ihm erzehlen

Nach ordnung alle ding/ und gaͤntzlich nichts verheelen

Ein jeder ſchwiege ſtill; der Venulus fieng an/

Daß nicht des koͤniges befehl blieb ungethan:

Ihr lieben buͤrger ihr/ wir haben unſre reiſe

Vollzogen nach erheiſch und anbefohlner weiſe:

Wir haben Diomed und alles zeug und heer

Der Griechen angeſehn/ wir haben was noch mehr.

Deſſelben hand beruͤhrt/ die Troja hat zerſtoͤret:

Er baute nach den ſieg/ da er das reich verheeret

In Jaͤpygia/ da wo man ſiehet ſtehn

Den hohen Gurgansberg/ die ſtadt Argiripen

Die er hat ſo genennt nach ſeinem vaterlande/

In welchem er nun frey regiert in frieden ſtande

Als wir nun kamen fuͤr und funden willig ohr/

Da lieſſen wir zuerſt die gaben tragen vor/

Thun unſern namen kund/ und aus was vaterlande

Wir ſind gekommen an berichten/ in was ſtande

Und weſen wir itzt ſeyn was uns fuͤr feind und macht

Den ungluͤckhafften krieg hab uͤbern halß gebracht;

Aus was fuͤr urſach wir nach Arpos ſind gekommen.

Als Diomedes nur der koͤnig dis vernommen/

Gab er mit ſanfftem muht uns freundlichen beſcheid.

O ihr gluͤckſeligen und wolgediegne leut/

M m 4Ihr
[552]Das Eilffte Buch.
Ihr alten Latier/ die bey Saturnus zeiten.

Und guͤldnem regiment in tauſend gluͤckligkeiten

Gelebet und geſchwebt; was unfall/ was fuͤr leid

Bekuͤmmert euch/ die ihr bißher geweſen ſeyd

So ſtill und unbetruͤbt? was reitzt euch anzutaſten

Ein unbekandtes volck? koͤnnt ihr nicht laͤnger raſten?

So viel der unſern ſich an das Trojanſche land

Vergriffen mit dem ſchwerdt mit raubẽ mord und brand;

(Das laß ich ungemeld; was wir in zehen jahren

Fuͤr Trojens feſter ſtadt erlitten und erfahren/

Was Simois der ſtrom fuͤr ritterliche leut

Und helden hat verſchluckt in dieſem langen ſtreit)

Die ſind ja alleſampt fuͤr ſolchem krieg und morden/

Am leibe/ gut und blut geſtrafft erſchrecklich worden/

So gar/ daß Priamus/ als abgeſagter feind/

Hett moͤgen gegen uns nicht uͤbel ſeyn gemeint.

Das weiß das hefftige gewitter/ das Minerve (ſchaͤrffe/

Auffs heer der Griechen ſchoß mit gantzem grimm und

Das zeugt Caphareus auch/ an deſſen klippen brach

Manch hohes ſchiff entzwey: das war Minervens rach.

Nach dieſem kriege ſind wir hier und da hinkommen/

Und haben unſern lauff durch manchen weg genommen

Mit vielerley gefahr. Der Menelaus nam

Zum Pharos ſeinen weg/ und an die ſeulen kam

Des Proteus/ auff dem meer vom ungeſtuͤm verſchlagen/

Da er noch auſſerhalb des vaterlands muß tragen

Das elend und beſchwer. Der Ithacus iſt gar

An Etna kommen hin mit euſſerſter gefahr.

Was
[553]Das Eilffte Buch.
Was ſoll ich ſagen viel vom Pyrrhus reich und landen/

Die er verloren ſah mit groſſem ſchad- und ſchanden/

Ia eignem untergang? was ſoll ich meldung thun

Von Creter koͤnigs-fall/ wie er mit ſchimpff und hohn

Hat muͤſſen wenden ſich von ſeinem hauß und lande?

Und wie der Locrer volck am Africanſchen ſtrande

Wohnhafftig ſitzen muß/ weil ihm der weg verrannt

Zu kommen wiederumb ins liebe vaterland?

Der Agamemnon ſelbſt des Griechenlands regierer

Und wieder Phrygien der ober kriegsheer fuͤhrer/

Iſt/ da er wieder heim gekommen neulich war/

Von ſeiner eignen frau mit ploͤtzlicher gefahr

Des lebens umbgebracht: als er nun umbgekommen/

Und Troja durch die muͤh Atridens eingenommen/

Da hat Egyſthus ſich geſetzt an ſeine ſtett/

Der ehdieb/ und mit liſt deſſelben ehebett

Genommen ein: was ſol ich mehr vom ungluͤck ſagen/

Daß Venus hat zu mir zorn/ haß und neid getragen/

In dem ſie mir nicht hat gegoͤnnt den ruheſtand/

Daß ich kaͤm wieder heim ins liebe vaterland/

Und fuͤnde meine frau und unſer ehebette/

So keuſch und unbefleckt/ wie ich gewuͤnſchet hette/

Und moͤchte Calydon die wunderſchoͤne ſtadt

Noch ſehen wiederumb. Was ſchrecklich ding und that

Sol ich auffs neue nun/ was greuliches beginnen?

Da ich erfahren muß/ mit leid/ und werden innen/

Wie meine kriegespurſch verkehrt ins vogelheer

Schwebt oben in der lufft/ an fluͤſſen und am meer?

M m 3O grim.
[554]Das Eilffte Buch.
(O grimme ſtraff und plag der meinigen!) ſie ſchreyen

An klippen jaͤmmerlich: Das hab ich muͤſſen ſchewen

Und fuͤrchten von der zeit/ da ich war ſo verkehrt

In meinem tollen muht/ daß ich mit meinem ſchwerdt

Auch nach den Goͤttern hieb/ und eine groſſe wunde

Schlug Venus in die hand: Von ſelbter zeit und ſtunde

Hab ich kein gluͤck gehabt. Ach nein! ach reitzt mich nicht

Zu einem ſolchen krieg/ der wider recht und pflicht;

Ich wil nicht haben mehr mit dieſen voͤlckern vhede/

Weil einmal Troja iſt zerſtoͤrt und worden oͤde/

Ja gantz verwuͤſtet ligt/ noch an den alten groll

Gedencken/ weil ich mich nicht frewen kan noch ſol

Der Troer ungeluͤcks: Ihr moͤget dieſe gaben

Die ihr habt mitgebracht/ Eueen laſſen haben/

Dem wendet ſie nur zu: Ich hab beids in der weit

Und in der naͤhe mich mit ihm in kampff und ſtreit

Gelaſſen und verſucht. Ich weiß ihr moͤgt mir trawen/

Wie maͤchtig er ſich laͤßt in ſchild und waffen ſchaweu/

Und wie er auff den feind mit tapfferm muhte dringt/

Und wie er ſeinen ſpieß mit gantzen kraͤfften ſchwingt:

Wenn andre zweene noch dergleichen tapffre krieger

Der Troer land gehabt: ſo haͤtten ſie als ſieger/

Das gantze Griechenland wol moͤgen nehmen ein/

Und wuͤrde ſo ihr gluͤck verkehret worden ſeyn

In leid und klagbeſchwer. Daß aber wir ſo lange

Fuͤr Troja lagen/ da wol manchem ward ſehr bange;

So wiſſet/ daß den krieg und ſieg das helden-paar/

* Das Troja hat geſchuͤtzt/ bis in das zehnde jahr.

Mit
[555]Das Eilffte Buch.
Mit ritterlicher fauſt gehalten und verſchoben:

Sie waren alle beid an ſtaͤrck und muht zu loben;

Sie kunten beyde wol umbgehn mit dem gewehr.

Eneas aber hat das erſte lob und ehr/

Was froͤmmigkeit betrifft. Ihr moͤget friede machen/

Und rahten/ wie man kan/ das beſte zu den ſachen;

Doch aber huͤtet euch/ daß es nicht komm zum ſtreit/

Und machet euch nicht ſelbſt beſchwer und hertzeleid/

Was/ groſſer koͤnig/ nun uns Diomed gegeben

Fuͤr antwort und beſcheid/ das haſt du kurtz und eben

Von uns gehoͤret an/ auch ſeinen ſinn und raht/

Den uͤber dieſen krieg er uns eroͤffnet hat.

Der abgeſandte hat dis kaumlich außgeſprochen/

Und ſein wort/ das er kurtz gefaſſet/ abgebrochen;

Da war mit bloͤdem muht erſchrocken maͤnniglich/

Und hatten mit gebrauß viel redens unter ſich/

Gleich wie das rauſchen iſt/ wen ſtrenge ſtroͤme ſchieſſen/

Und ihnen ſtein und fels den freyen paß verſchlieſſen:

Es macht auch ein geraͤuſch der nechſtgelegne ſtrand

Vom waſſer/ wenn es ſchlaͤgt mit ungeſtuͤm amrand.

So bald ſie hatten nun den muht geſtillt ein wenig/

Und lieſſen vom geſpraͤch/ da ſetzet ſich der koͤnig

Auff ſeinen hohen thron/ und redet ſie ſo an:

Ihr lieben Latier/ es waͤre baß/ daß man

Haͤtt vorhin ernſt gebraucht in dieſen hauptes ſachen/

Und einen rechten ſchluß darinnen wollen machen/

Und hielte keinen raht zu eben ſolcher zeit/

Da man belaͤgert iſt von feinden allbereit.

Zur
[556]Das Eilffte Buch.
Zur unzeit kriegen wir/ ihr lieben unterthanen/

Und wollen wider die außziehn mit unſern fahnen/

Die von der goͤtter ſtamm ihr ankunfft fuͤhren her/

Und unobſieglich ſind/ die keine macht noch wehr

Kan ſchlagen von dem plan/ die nimmer muͤde ligen

Zu feld/ und nimmer mit dem feind ſich muͤde kriegen;

Und wenn dieſelben gleich verlieren gluͤck und ſieg/

So koͤnnen ſie doch nicht ablaſſen von dem krieg;

So einge hoffnung ihr geſchoͤpfft von Diomeden

Und den Etoliern die Troer zu bevheden/

Die laſſet fahren nur. Ein jeder ſetz auff ſich

Sein hoffnung: gleichwol doch ſeht ihr/ wie kuͤmmerlich

Und ſchlecht es ſey gethan; was wir fuͤr noht und plage

Gehabet hier und da/ ja was fuͤr niederlage

Wir haben muͤſſen ſehn an unſerm kriegesheer/

Das iſt fuͤr augen noch und was des unrahts mehr/

Geb aber keinem ſchuld. Denn alle tapffre tugend/

Die immer nur kan ſeyn bey unterwießner jugend/

Iſt worden angewand. Wir haben alle macht/

Im gantzen koͤnigreich zum kriegszug auffgebracht

Nun was ich endlich hab in meinem ſinn beſchloſſen/

Das wil ich ſagen kurtz (gebt achtung unverdroſſen)

Es ligt am Tyberſtrom ein altes ſtuͤcke land/

Das mir durch erbfall iſt geworden zuerkand/

Reicht in die laͤnge hin bis nach den abendlande/

Da die Sicaner vor gewohnt bey gutem ſtande/

Es wird von Rutulern beſaͤet und gepfluͤgt;

Es iſt ein hartes land/ doch noch zum acker tuͤgt/

Und
[558[557]]Das Eilffte Buch.
Und weiden/ da es iſt ſehr rauhe/ hart und wilde.

Dis gantze ſtuͤcke land mit wald/ geheg/ gefilde

Gebirg und zugehoͤr mag der Trojaner ſeyn

Daß ſie mit uns in bund und freundſchafft treten ein/

Und wollen ihnen vor-zum frieden mittel-ſchlagen/

Und bundsgenoſſenſchafft des koͤnigreichs antragen.

Da moͤgen ſie ſich dann zu wohnen ſetzen hin;

Wo anders ſie hierzu traͤgt ihre luſt und ſinn;

Und moͤgen ihnen nach beliebnuͤß ſtaͤdte bauen.

Wofern ſie aber nicht zu wehnen ſich getrauen

In dieſem harten land/ und meinen anderswo

Zu werden ihrer muͤh und hoffnung beſſer froh/

So/ daß ſie koͤnnen wohl aus dieſem lande kommen/

Als die der goͤtter raht und außſpruch laͤngſt vernom̃en/

So ſollen zwantzig ſchiff/ die in Italien

Von beſtem holtze ſind/ fuͤr ſie gebauet ſtehn.

Ja oder wol nochmehr/ ſo ſie ſie koͤnnen fuͤllen;

Die zugehoͤr am holtz ligt ſchon nach ihrem willen

Am waſſer/ nur daß ſie den leuten thun gebot/

Wieviel ihr ſollen ſeyn/ wie viel/ und was die noht

Erfoder ingemein: wir wollen zeug und waffen

Und alle zugehoͤr an ertz und leuten ſchaffen.

Ich ſeh fuͤr gut auch an/ daß etwan hundert mann

Verordnet werden/ ſo die bottſchafft nehmen an

Von oberſten des volcks/ die ihnen unſer ſinnen

Und meinung tragen fuͤr und ſie belehren koͤnnen/

Daß wir gemeinet ſeyn/ zu haben fried und ruh;

Wenn ſie auch wolten nur dem vorſchlag ſtimmen zu.

Sie
[558]Das Eilffte Buch.
Sie ſollen reiſer auch vom oelbaum in den haͤuden

Mittragen zum gemerck und treuen friedens-pfaͤnden/

Darnebenſt auch geſchenck an gold und helffenbein/

Ein koͤniglicher ſtuel und purpur-rock ſol ſeyn

Denſelben bey gefuͤgt/ als unſers reicheszeichen:

Wolan/ getrewe raͤht/ ihr ſcht mit mir ingleichen

Der ſachen ſchwerigkeit/ erwegts mit reiffem raht/

Und kommt zu huͤlffe nun dem ſchwachen reich und ſtaat

Da ſtunde Drantes auff/ der wider dieſen ritter

Den Turnus truge haß/ der heimlich war und bitter;

Des Turni hoher ruhm ſtach ihn mit ſchnoͤdem neid/

War am vermoͤgen groß/ an wolberedſamkeit

Noch groͤſſer/ aber kalt und traͤger fauſt zu fechten/

Doch gut zu geben raht und nachzugehn den rechten/

An anhang maͤchtig gnug. Sein adeliches blut

Vom muͤtterlichem ſtamm macht ihm gar ſtoltzen muht.

Von ſeinem vater war gewiſſes nicht zu ſagen:

Er ſtund auff/ wie geſagt/ und kunte praͤchtig tragen

Den hochgeſinnten geiſt. Er fuͤhrte wider ihn

Den Turnum harte wort und macht ihm kopff und ſinn

Viel toͤller als er war des koͤnigs rede wegen:

O frommer koͤnig du/ du traͤgſt zu uͤberlegen

Uns eine ſache fuͤr mit wolbedachtem raht/

Die niemand unbewuſt/ und nicht von noͤthen hat

Zu reden viel davon. Denn jederman geſtehet/

Daß er gut wiſſen hat/ wies her-im reiche-gehet

Und was gemeiner ſtaat erfodre nach gebuͤhr:

Doch wil faſt niemand gern die ſache tragen fuͤr/

Und
[559]Das Eilffte Buch.
Und ſagen frey heraus: Er moͤcht uns freyheit goͤnnen

Zu reden/ wie man ſol die ſache recht erkennen/

Und lege ſeinen muht und auffgeblaſenheit/

Durch deſſen uͤbelangefangnen krieg und ſtreit/

Ja widerſinniſch art (ich wil es warlich ſagen/

Er mag mir bittern haß bis in den tod nachtragen/

Und drewen mit dem ſchwerdt) wir ſehen und verſtehn/

Daß mancher tapffrer held hat muͤſſen untergehn

Und fallen in der ſchlacht: Wir ſehen/ daß die bawren

Und buͤrger ſind behafft mit groſſem leid und trauren/

In dem er an das heer der Troer ſich verſucht;

Wonns aber geht an ſtreit/ ergreifft er ſelbſt die flucht/

Und gleichwol wil er noch/ wenn er ſich hat verkrochen/

Den him̃el ſchrecken ſelbſt mit poltern trotz-und pochen.

Du wolleſt eines noch/ o frommer koͤnig du/

Den gaben/ die du ſchickſt in groſſer menge zu

Den Troern/ legen bey/ und dich an niemand kehren/

Noch dir von jemands trotz zu geben laſſen wehren

Dein kind Laviniam dem tapſſern Troerheld/

Der dieſer heyraht ſich hat wuͤrdig eingeſtellt/

Und alſo ſchaffen/ daß in dieſem reich und lande

Der friedensbund verbleib mit ewigfeſtem bande.

Im fall man aber traͤgt fuͤr Turnus furcht und ſchew/

Daß man die warheit nicht heraus wil ſagen frey/

So laß uns zu ihm ſelbſt mit tieffer demuht gehen/

Und bitten ihn umb gnad/ daß er doch wolle ſtehen

Von ſeinem fuͤrſatz ab/ und treten ab ſein recht

Dem koͤnig und dem land/ als ein getrewer knecht.

Was
[560]Das Eilffte Buch.
Was fuͤhrſt du/ Turne/ doch das arme volck und ſchaaren

So offt und ohne noth in ſcheinbahre gefahren?

O der du alles leids und ungluͤcks ſtiffter biſt/

Wie ſolches offenbahr und klar fuͤr augen iſt

Krieg bringet uns nichts guts/ wir fodern ruh und friede/

O Turne/ alleſamt/ des krieges ſind wir muͤde;

Erfreue wieder doch mit frieden dieſes land

Und tritt Eneen ab das theure friedens pfand/

Die koͤnigliche braut. Ich will fuͤr andern allen

Dich bittlich ſuchen an/ ja gar zu fuſſe fallen/

(Denn du dir bildeſt ein/ als truͤg ich haß zu dir:

Und wenn diß ja ſeyn ſol/ wer kan denn was dafuͤr?

Laß dir der deinigen beſchwer zu hertzen gehen/

Die dich umb fried und ruh/ umb heil und wol fahrt flehẽ/

Leg deinen ſtoltzen muth/ und weil du haſt das feld

Verlohren/ ey ſo ſchaff/ daß auch werd abgeſtellt

Der ungluͤckhaffte krieg: Wir/ die wir ſind geſchlagen/

Die haben leichen gnung geſehn von hinnen tragen/

Es iſt ja dieſes land erſchoͤpffet allzuſehr

An waffen/ volck und geld/ nichts iſt ja uͤbrig mehr.

Wo aber dirs zu thun iſt umb der leute rede/

Umb groſſen ruhm und ruff zu uͤben dieſe vhede

Mit ſtrengem eiffer aus/ und haſt im leibe noch

So ſtarckes hertz und muht; ey nun ſo wag es doch:

Wenn dir diß reich und braut ſo ſehr iſt an gelegen/

Und biete deinem feind/ die ſpitze von dem degen/

Und geh mit friſchem muth ihm unters angeſicht/

Wilſt du da hinden ſtehn? Ey ja das gehet nicht!

Ja
[561]Das Eilffte Buch.
Ja freylich! Sollen wir als ungeachte ſchaaren/

Die unbeerdiget und unbeweinet waren/

Im felde fallen hin/ und fuͤrchten unſrer haut/

Daß Turnus habe nur die koͤnigliche braut?

Wolan haſt du ein hertz und denckeſt nachzuſchlagen

Den tapffern elteren/ ſo nimm dir fuͤr zu wagen

Ein gaͤngelein mit dem/ der dich zum kampff begehrt/

Und laß verroſten nicht dein ritterliches ſchwerdt.

Durch ſolche red erzuͤrnt der Turnus bittrer maſſen/

Der ohne das nicht kunt ſich viel vexieren laſſen/

Er ſeufftzte tieff und brach mit worten ſo heraus:

du macheſt/ Drance/ ſtets viel wort mit zanck und graus/

Bevorab aber wenn die zeit erheiſcht mehr fechten

Als ſchwatzen/ mehr die fauſt/ als plauderey und rechten/

Und wenn die ſtaͤnde ſind des reichs geladen ein/

Erſcheineſt du geſchwind und wilſt der erſte ſeyn.

Das rahthauß muß man nicht mit loſen worten fuͤllen/

Damit du ſicher prangſt nach deinem frechen willen/

So lange wall und maur dem feind entgegen ſtehn/

Und man die graben noch nicht kan erfuͤllet ſehn

Von der erſchlagnen blut. Derhalben magſt du krachen

Mit deiner donnerſtimm/ geſtalt du pflegſt zu machen/

Du Drance/ leg auff mich die ſchuld der furchtſamkeit/

Weil du der jenge biſt/ der in dem ktieg und ſtreit

Viel hauffen Troer hat mit tapffrer fauſt erſchlagen/

Und ſolchen edlen ruhm und lob davon getragen/

Daß er das weite feld geſchmuͤcket hin und her

Mit ſiegeszeichen hat/ und was der gleichen mehr.

N n.Was
[562]Das Eilffte Buch.
Was ritterliche fauſt und lebendige ſtaͤrcke

Vermag und ſchaffen kan fuͤr hochgeruͤhmte wercke/

Das magſt du ſelber nur erfahren in der that

Und ſehen eigentlich/ was dieſes auff ſich hat.

So doͤrffen wir den feind auch ſuchen nicht gar ferne/

Er ſteht rings umb die ſtadt herumb/ und wolte gerne

Mit uns gehn an den ſtreit. Wir gehen loß auff ihn:

Komm mit/ haſt du ein hertz/ was wilſt du hier verzichn?

Iſt dir das ſtreitbarkeit von viel verlognen ſachen

Groß ruͤhmen! plauderey und pralwort herzumachen?

Iſt dir das ſtreitbarkeit zu fliehen von dem plan/

Im fall der feinde heer gezogen kommet an?

Hab ich/ du loſer mann/ jemals die flucht genommen?

Kan je ein menſch mit fug deßwegen an mich kommen/

Und mich beſchuldigen/ daß ich getragen ſchew

Und fuͤr der feinde heer geworden fluͤchtig ſey/

Im fall er ſehen wird/ daß groͤſſer iſt geworden

Die Tybur von dem blut der Troer durch das morden

Und metzeln meiner fauſt? Es ligt das gantze hauß

Evanders mit dem ſtamm/ und iſt mit ihm gar aus.

So bin ich uͤbers volck der Arcader auch kommen/

Und hab ihm ſein gewehr und waffen abgenommen.

So ſchlimm hat mich auch nicht das groſſe* Rieſenpaar

Befunden/ denen ich ſo uͤberlegen war/

Daß ich ſie niederwarff; Und tauſent wol der andern

Die von mir umbgebracht zur hoͤllen muſten wandern/

Und zwar in einem tag/ als nemlich mit gefahr

Ich zwiſchen einer maur und wall umbgeben war.

Krieg
[563]Das Eilffte Buch.
Krieg bringet uns nichts guts. Das magſtu propheceyẽ

Eneen auff den kopff/ und dich dafuͤr ſelbſt ſcheuen;

Darumb ſo fahr nur fort zu machen alles irr

Mit ſchrecken/ furcht und ſchew/ mit allerley gewirr/

Und heb die macht empor der voͤlcker/ die geſchlagen

Nun ſind zum zweitem mal/ und dencke viel zu ſagen

Verkleinerlich vom zeug und waffen des Latin.

Der Griechen oberſten ſind nun mit bloͤdem ſinn

Erſchrocken fuͤr dem feind und der Trojaner waffen:

Nun ſcheut Tydides ſich; Es koͤnte nun nichts ſchaffen

Achilles/ wenn er noch bey uns am leben waͤr/

Der Aufid fleuſt zuruͤck von Adriatſchem meer.

Auch da der ſchlauhe dieb fuͤr meinem zorn und drewen

Sich ſtellet liſtiglich denſeldigen zu ſchewen/

Straͤngt er noch haͤrter an die anklag wider ſich/

Und machet ſeine tuͤck noch vielmehr ſcheinbarlich.

Doch wil ich nimmermehr aus deines leibeshoͤhle

(O fuͤrchte dich nur nicht!) Dir reiſſen deine ſeele

Mit dieſer meiner fanſt; Weil du ein ſolcher biſt/

Der wider tugend nur gebrauchet arge liſt.

Sie mag in deiner bruſt und laͤnger bey dir wohnen

Und dir nach deinem neid und unart billich lohnen.

Nun wend ich meine red/ herr vater/ gegen dir/

Und deine mittel/ die du haſt geſchlagen fuͤr.

Im fall du fuͤhrohin kein hoffnung mehr wilt bawen

Auff unſet heer und zeug/ noch deinen kraͤfften trawen/

Und wo dich etwan deucht/ daß wir nun gantz und gar

Durch eine niederlag in euſſerſte gefahr

N n 2Ge-
[564]Das Eilffte Buch.
Gerahten/ alſo daß wir uͤberall verlaſſen

Und das erzuͤrnte gluͤck in keinem weg noch maſſen

Sich wenden wil noch kan; So laſſet uns die knie

Der Troer faſſen an und umb genade ſie

Und friede flehen nur. Wiewol was ſol ich ſagen?

Wenn wir nur wolten was nach alter tugend fragen/

Und haͤtten von ihr noch ein kleines fuͤnckelein/

Wir wolten nicht ſo traͤg/ ſo zag und laͤßig ſeyn.

Gluͤckſelig kan ich die fuͤr andern billig ſchaͤtzen/

Und in die edle zunfft der tapffern leute ſetzen/

Die ihrer muͤhe froh geworden dergeſtalt/

Daß ſie geſichert ſind geweſen fuͤr gewalt

Und ſchnoͤder dienſtbarkeit;Die lieber haben geben

Ihr leben wollen auff/ als ſolche ſchmach erleben.

Wo aber wir noch wol an macht und mannſchafft ſtehn/

Und ſtaͤdt und voͤlcker noch ſind in Italien/

Wo auch dem Troervolck der ſieg/ den ſie gewonnen/

Viel blut gekoſtet hat/ das haͤuffig iſt geronnen/

Und ihre todten auch in gleicher anzahl ſind/

Nicht minder ſchad und leid bey ihnen gleich ſich findt;

Was wollen wir denn flugs verzagen auff der ſchwelle

Des angefangnen kriegs und treten von der ſtelle

Mit ſchandẽ/ ſchimpff und hohn? was ſchreckt uns fuͤr ein

Eh mit der trompte wird geblaſen zu dem ſtreit? (leid/

Der menſchen muͤh und zeit/ die immer wechſelt abe/

Und unterworffen iſt der endrung bis zum grabe/

Hat viel dings wiederumb gebracht in beſſern ſtand:

Das gluͤck/ das dieſem bald/ bald jenem beut die hand/

Und
[565]Das Eilffte Buch.
Und freundlich blicket an/ hat manchen ſehr verletzet/

Und nachmahls wiederumb in guten ſtand geſetzet.

Wird uns nicht Diomed zur huͤlffe kommen an/

So wirds Meſſapus thun der tapffre rittersmann/

Wie auch Tolumnius/ der bißher ſein beginnen

Zum fuͤrgeſetzten zweck hat gluͤcklich richten koͤnnen/

Und ander-oberſten/ die manches land und ſtadt

Zur beyhuͤlff/ ſchutz und trutz uns zugeſchicket hat.

Auch wird der außſchuß der Latein- und Laurentiner

Uns bringen groſſen ruhm und machen deſto kuͤhner:

So iſt nicht weniger Camilla bey der hand

Die von dem edlen ſtamm der Volſcer iſt bekandt.

Die fuͤhret reuterey/ die ſchoͤn ſtaffiert und gleiſen/

Ja die von fuß auff ſind bewehrt von ſtahl und eyſen:

Duͤnckts aber euch ſeyn gut/ daß ich geh gantz allein

In ſtreit/ und laſſe mich mit dem Eneas ein/

Und man mich fodert aus von dem Trojaner theile/

Wil ich nicht hinderlich ſeyn dem gemeinen heile.

Das gluͤck im kampff und ſtreit hat ſich von dieſer hand/

Den feind zu ſiegen an/ noch nicht gar abgewandt/

Daß ich umb zuverſicht und ſchoͤner hoffnung willen

Mich einig dings/ wie ſchwer es moͤchte zu erfuͤllen

Und zu verſuchen ſeyn/ ſol wegern ſchnoͤdiglich:

Ich wil mit friſchem muht dem feinde zeigen mich

Und gehen auff ihn loß/ und ſolt er uͤberwegen/

Achill/ den groſſen held/ und ihm ſeyn uͤberlegen;

Und truͤg er waffen gleich/ die Mulciber gemacht/

So bin ich doch mit ihm in ſtreit zu gehn bedacht.

N n 3Ich
[566]Das Eilffte Buch.
Ich Turnus/ der ich denck den vorzug zu behalten

An muht und tapfferkeit/ und keinem von den alten

Wil geben was bevor; Gelob ohn trug und liſt

Euch und dem koͤnig/ der mein ſchwiegervater iſt/

Zu opffern meine Seel/ mein junges blut und leben/

Das ich zum beſten euch wil in den tod hingeben;

Begehrt Eneas mein und fodert mich zum ſtreit;

Ich wuͤntſche/ daß ers thu/ ich bin hierzu bereit.

Der Drances mag nur gehn: Er ſol mit mir nicht theilẽ

Mein gluͤck noch ungeluͤck; Wenn mich moͤcht uͤbereilen

Der goͤtter zorn und grimm/ ſol er nicht deſto mehr

Sein leben buͤſſen ein: Erlang ich aber ehr

Von meiner tapffern fauſt; Sol er das kleinſte ſtuͤcke/

Als ein verzagter kerl nicht tragen von dem gluͤcke/

Das mir beſcheret iſt. Solch handlung pflogen ſie

Mit hadder und gezaͤnck/ mit zweiffelhaffter muͤh.

Eneas ruͤckte fort ſein lager/ zeug und wagen:

Da kam der both und bracht in eil die poſt getragen

Ins koͤnigliche ſchloß mit ſchrecken und geſchrey/

Und machte hie und da den leuten furcht und ſchew;

Es kaͤm am Tyburſtrom lang uͤbers feld gezogen

Tyrrhenſch- und Troervolck. Und dis war nicht erlogen:

Die leute wurden irr/ beſtuͤrtzet und erſchreckt

Und ungeſtuͤmiglich zu groſſem zorn erweckt.

Sie foderten in eil fuͤr ſich gewehr und waffen/

Und griffen alle zu/ und wolten fort-ſich raffen;

Die junge mannſchafft ſchrie nach waffen und gewehr;

Der gantze raht ſah aus betruͤbt und weinte ſehr;

Doch
[567]Das Eilffte Buch.
Doch ſagten ſie nicht viel. Hier hub ſich bis in himmel

Ein hefftiges geſchrey mit murrendem getuͤmmel

Und mancher ſtreitigkeit/ daß faſt nicht anders war

Als wenn die voͤgelein mit uͤbergroſſer ſchaar

Sich laſſen in den wald mit manchen ſtimmen nieder/

Und wenn die heiſche fchwaͤn auf ſeen hin und wieder

Und an dem Padusſtrom ſich haͤuffig laſſen ſehn/

Und heben an zugleich ein uͤberlaut gethoͤn

Ja wol (ſagt Turnus drauff) der zeit ſich zu bequaͤmẽ/

Und die gelegenheit hier recht zur hand zu nehmen:

Ihr guten buͤrger ihr/ halt/ haltet itzo raht

Und lobt den frieden fein/ was er fuͤr nutzen hat.

Immittelſt da der raht auf ſtuͤlen wird gepflogen/

Kompt der Trojaner heer in unſer land gezogen.

Mehr ſagt er nicht; Hiemit hub er von dannen ſich/

Und gieng vom ſchloß hinab in eil und zorniglich.

Du/ Voluſus/ ſprach er/ gebiete meinetwegen

Der Volſcer faͤhnrichen/ daß ſie ſich ſchleunig regen

Und bringen ihre leut und voͤlcker ins gewehr/

Und wenn ſie auffgebracht/ ſo fuͤhre du ſie her.

Und dir/ Meſſapus/ wil ich geben dis zu ſchaffen/

Daß du die Rutuler ſtellſt eilend in die waffen.

Du Coras und Catill/ ihr bruͤder/ ſeid bereit/

Und fuͤhr ein jeder aus die ſeinen zu dem ſtreit

Ins offenbare feld. Es ſollen theils verwahren

Die ſtadt/ im fall der feind moͤcht kommen angefahren/

Die thuͤrn auch wol verſehn/ das andre theil ſol ziehn

Geruͤſtet mit mir fort/ wo ich ſie werde hin

N n 4Ver-
[568]Das Eilffte Buch.
Verordnen alſobald lieff alles auff die mauren

Und kunte niemand faſt in ſeinem hauſe dauren.

Der gute alte herr Latin hub auff den rath/

Legt alle ſorgen hin fuͤr die gemeine ſtadt

Und wolte diß ſein thun fuͤr hefftiges betruͤben

Und leidiges beſchwer zur andern zeit verſchieben

Er muſte ſelber offt geſtehn zu haben ſchuld/

Daß er Eneen nicht mit groͤſſrer gunſt und huld

Begegnet hiebevor/ da er war angekommen

Aus goͤttlichem getrieb/ und haͤtt ihn nicht genommen

Zu ſeinem eydam an/ noch daß er dieſen held

Als mit-regenten fuͤr-den land und ſtadt-geſtellt

Es machten etliche fuͤrm thore tieffe gruben/

Und andre brachten ſtein und ſie mit laſten huben

Und weltzeten herzu. Sie ſchlugen pfaͤhl auch ein/

Daß es moͤcht eine wehr zum erſten anlanff ſeyn.

Man bließe die trompet zum feld und kriegeszeichen;

Da ſahe man das volck der weiber gantz erbleichen:

Die kinder lieffen mit den ihren nach der maur/

Es kam ſie alleſammt an ſchrecken furcht und ſchaur.

Die letzte noͤthigkeit kunt einen jeden regen

Zu thun/ wo zu er noch war tauglich nach vermoͤgen.

Es fuhr die Koͤnigin mit einer groſſen meng

Matronen in die kirch gar ſchlecht und ohn gepraͤng;

Sie brachte mit geſchenck die Goͤttin zu bedienen/

Und hatte bey ihr auch das fraͤuelein Lavinen/

Die dieſes ungeluͤck faſt einig angericht/

Und ſchlug zur erden hin ihr ſchoͤnes angeſicht.

Die
[569]Das Eilffte Buch.
Die frauen kommen an mit andacht hingetreten/

Und raͤuchern in der kirch und fangen an zu beten

Schon in dem eingang ſo. O tapffre jungfrau du/

O Pallas/ die du lenckſt den krieg zu fried und ruh/

Zerbrich des raͤubers ſpieß mit deiner hand und ſtaͤrcke/

der zwar von Troja koͤm̃t/ doch ſich ruͤhmt groſſer wercke/

Stuͤrtz ihn auffs angeſicht/ und laß ihn doch zuvor/

Eh er uns uͤberfall/ zu grunde gehn im thor/

Nach dieſem ſahe man/ wie Turnus zog mit brauſen/

Und ſchnauben in den ſtreit. Es muſte manchen grauſen

Wer ihn in waffen ſah: Er zog den harniſch an/

Der ſtarrete von ertz/ er hat auch an gethan

Die guͤldnen ſtieffelen/ wolt aber annoch gehen

Mit bloſſen haupt ohn helm/ und in der ſchlacht ſo ſtehen/

Doch aber guͤrtet er das ſchwerd an ſeine ſeit/

Lieff alſo von dem ſchloß mit groſſer freudigkeit

Vnd glaͤntzete vom gold/ und kunte ſich vergnuͤgen

Mit hoffnung/ die er ihm einbildet obzuſiegen

Dem feinde: wie ein hengſt/ der alles reiſt entzwey

Dnd aus dem ſtalle koͤmmt/ geworden endlich frey/

Da er befindet ſich ein raumes feld zu haben/

Und kan mit freyer luſt nach ſeinen willen traben/

Verfuͤgt ſich zu der weid/ da wo die roßheerd geht

Bald aber freut er ſich/ wenn er in waſſer ſteht

und badet ſich nach brauch/ ſpringt freudiglich und hebet

Zugleich den halß empor/ die maͤhne glaͤntzt und bebet.

So war der Turnus auch/ da man den rath hub auff/

Vnd wiederumb bekam zum feldzug freyen lauff.

N n 5Dem
[570]Das Eilffte Buch.
Demſelben kommet nun Camilla im geleite

Der Volſcer in dem weg/ mit denen ſie zum ſtreite

Als ihrem kriegsheer zog/ da ſtieg die fuͤrſtin ab

Vom gaul gleich in dem thor und ihm die ehre gab.

Ihr volck machts eben ſo und ſprungen auff die erde

Mit ehrerbietigkeit ein jeder von dem pferde;

Darauff/ ſo fienge ſie mit dieſen worten an:

O Turnus/ ſo ein menſch ſelbſt fuͤr ſich ſol und kan

Vertrauen ſeiner ſtaͤrck/ ſo darff ichs kuͤhnlich wagen/

Verheiſſe dir hiemit/ daß ich mich tapffer ſchlagen

Mit den Trojanern wil/ geſtalt ich bin bedacht

Zu ziehen wider ſie mit meiner heeres macht

Und zwar fuͤr mich allein. Ich wil den rentereyen

Des lands Hetrurien mich keines weges ſcheuen

Zu gehen ins geſicht: Laß mich im freyen feld

Den erſten angriff thun/ dieweil mirs ſo gefaͤllt/

Bleib du nur hier zu fuß mit deinen kriegesſchaaren

Die koͤnigliche ſtadt und feſtung zu verwahren.

Es ſahe Turnus an die kriegeriſche Dam

Mit unverwandtem aug/ und ihr entgegen kam

Mit dieſem ehrenwort: O jungfrau/ pracht der zeiten

O zierde dieſes lands! Was ſol ich dir bereiten

Fuͤr unvergaͤnglich lob? Was ſol ich bringen dir

Fuͤr danck/ fuͤr ehrenthumb nach meiner ſchuld gebuͤhr?

Nun aber weil dein muth und tugend hoͤher gehet

Als mein verſtand begreifft und mein gehirn verſtehet

So theile nur mit mir des kriegesbuͤrd und laſt:

Ich geh es ein! wie du mir fuͤrgeſchlagen haſt.

Eneas
[571]Das Eilffte Buch.
Eneas (wie man wil fuͤr gantz gewiß berichten/

Das auch die boten nicht/ die wiederkommen tichten/

Die aus geſchicket ſind zu hohlen kundtſchafft ein)

Hat reuterey/ wie viel ihr etwan moͤgen ſeyn/

Zu ſetzen fort den ſteg/ mit leichter wehr und waffen/

Vorangeſchickt/ damit ſie deſto eh zu ſchaffen

Uns geben/ und dem land einjagen furcht und ſcheu/

Er ſelber zeucht herab durch wald und puſch herbei

Gerad auff unſre ſtadt: Da hab ich nun beſchloſſen

Ihm zu begegenen mit einem kriegespoſſen/

Und fuͤr zubeugen ihm im zuge durch den wald/

So/ daß ich umb und umb mit einem hinterhalt

Beſetz den engen paß/ dadurch ſie ziehen muͤſſen/

Da wirſt du deines orts den reißgen zeug wol wiſſen

Zu kriegen in die klopp/ und die Hetrurier

Empfangen der geſtalt/ daß ſie nicht kommen mehr.

Der tapffere Meſſap ſoll dir zur ſeite ſtehen/

Und der Latiner roß und zeug zuhanden gehen/

Wie auch die hauffen/ die Tiburtus hat geſand;

Nimm du auch/ wie ich thu/ das regiment zur hand/

Und ſteh/ als oberſter/ fuͤr dieſem ampt und ſorgen;

Dis hab ich ſollen dir nicht laſſen ſeyn verborgen.

So ſagend mahnet er Meſſapum treulich an/

Auch ander oberſten/ die man ihm beygethan;

Sie ſolten in dem ſtreit als tapffre leute taugen;

Und zoge ſeines wegs den feinden unter augen.

Es iſt ein thal/ der hat faſt ſchreckliche geſtalt

Iſt krnm̃ und ſehr bequem zum trug und hinterhalt;

Ge-
[572]Das Eilffte Buch.
Bewachſen beyderſeits mit dicken ſtraͤuch- und baͤumen/

Es geht dadurch ein weg mit gar zu engen raͤumen;

Deßgleichen iſt der paß/ durch den man muß hinein/

Gefaͤhrlich/ eng und ſchwer/ und voller ſand und ſtein;

Hoch uͤber dieſem thal/ als nemblich auff den hoͤhen

Des bergs/ iſt eine flaͤch/ und ebnes feld zu ſehen/

Ein unbekandter ort/ ohn baum/ gewaͤchs und frucht/

Da fuͤr dem feind man kan hinnehmen ſichre flucht:

Entweder daß man woͤll zur lincken oder rechten

Sich ſtellen in den ſtreit/ und mit dem feinde fechteu/

Doch oder von der hoͤh ſich wehren maͤchtiglich

Und weltzen groſſe ſtein herab: Es kehrte ſich

Der junge fuͤrſt dahin durch wolbekandte wege

Und nahm zum vortheil ein denſelben ort und ſtege/

Und lagerte ſich da in dick- und finſterm wald/

Den Troern/ welchen er paſſt auff/ zum hinderhalt.

Immittelſt redete bey dieſem kriegsgetuͤmmel

Der Goͤtter jaͤgerin Diana in dem himmel

Die ſchnelle Opis an/ die von der nimpfen ſchaar

Als ihre kammermagd ſtets uͤmb und bey ihn war;

Und ließ aus ihrem mund ihr traurge wort vernehmen:

O jungfer Opis/ wie muß ich mich itzo graͤmen!

Camilla zeucht in krieg und geht das ſtreiten ein/

Und fuͤhret/ das ihr doch kan wenig nuͤtzlich ſeyn/

Den koͤchet/ bogen/ pfeil/ den wir gebraͤuchlich tragen;

Ich laß fuͤr andern ſie mir einig wol behagen:

Denn dieſe lieb iſt mir nicht newlich kommen an/

Nicht ploͤtzlich iſt mein hertz ihr worden zugethan.

Als
[573]Das Eilffte Buch.
Als Metabus aus haß/ dieweil er ſich ergetzet

An harter wuͤtigkeit/ des reiches wurd entſetzet/

Und aus der alten ſtadt Privernum itzo wich/

Nahm er zur ſelbten zeit ſie als ſein kind mit ſich/

Immitten in dem krieg/ als er muſt endlich flichen/

Und in ein ander land mit ihr ins elend ziehen:

Caſmillam nennt er ſie/ wie ihre mutter hieß/

Wurd aber draus hernach/ das er geſchehen ließ/

Camilla: wurd alſo umb einigen buchſtaben

Verkuͤrtzt der nahm; Er wolt das kind alleine haben/

Und tragen in dem ſchoß; lieff mit erhitztem ſchnauff

Den weit entlegnen berg durch wuͤſten wald hinauff/

Die Volſcer hinden her mit einem groſſen hauffen/

Und ſchoſſen dick nach ihm: ſieh! mitten in dem lauffen

Kam er zum Amaſen dem weitberuͤhmten fluß/

Der damahls uͤberlieff/ ſo groſſer regenguß

Fiel vom dem wolckenzelt: Er waͤre geru geſchwommen

Hinuͤber mit dem kind in ſicherheit zu kommen:

Allein des kindes lieb hielt ihn/ und bracht ihm ſchew/

Die liebe buͤrd und laſt legt ihm viel ſorgen bey.

In dem er alles nun bey ſich genaw erwegte/

Und in gedancken ſcharff die ſachen uͤberlegte/

Ergriff er dieſen ſchluß: Er trug mit ſtarcker fauſt

So einen groſſen ſpieß/ daß einem dafuͤr grauſt; (ten

War knoͤrricht und ſehr hart/ den er gebraucht in ſchlach-

Als guter kriegesmann in zuͤgen und in wachten.

An ſelbten ſpieß bandt er dis kleine toͤchterlein/

Und windets wol in borck und baumes rinden ein.

Als
[574]Das Eilffte Buch.
Als er nun nahm den ſpieß/ und ihn fieng an zuſchwingen

Mit ſeiner groſſen fauſt/ und daß es moͤcht gelingen/

Redt er gen himmel ſo: O keuſche Goͤttin du/

Diana/ die du legſt viel fleiß und ſorge zu

Den waͤldern und gepuͤſch; Ich dieſes kindes vater/

Das meine tochter iſt/ der ich bin ihr berahter/

Gelobe ſie zur magd dir feſt und heiliglich:

Sie/ die traͤgt dein geſchoß als erſte flehet dich/

Die fuͤr den grimmen feind fleugt durch die lufft hinuͤber

Sich haltend an den ſpieß elendiglich: Ach lieber

Nimm/ bitt ich/ ſie doch an als deine dienerin/

O goͤttin/ die nun wird geworffen mißlich hin/

Durch ungebaͤhnte lufft: So viel ſagt er und ſchwunge

Den ſpieß und warff ihn hin Der wurff mit gluͤck gelun-

Der ſpieß flog uͤbern fluß und brauſte maͤchtiglich; (ge/

Da flog das arme kind Camilla haltend ſich

Gebunden an den ſpieß: Als aber auff ihn drange

Der feinde groſſe meng/ und ihm ſehr machte bange/

Sprang er in ſluß/ und zog mit ſamt dem maͤgdelein

(Als der ſich ſeines wuntſchs beduͤnckte maͤchtig ſeyn)

Den ſpieß aus gruͤner erd; In welcher zu erhalten

Dem vater dieſes kind nach gnaͤdigen allwalten

Der goͤttlichen Dian/ der ſpieß ſo wunderlich

Blieb ſtecken: Weder hauß noch ſtadt erbarmte ſich

Des mannes/ niemand wolt ihn in ſein huͤttlein nehmen

Er haͤtte ſich auch nicht begehret zubequaͤmen

Noch fahren laſſen ſein tyranniſch thun und art:

Drumb floh er ins gebirg und brachte rauh und hart

Sein
[575]Das Eilffte Buch.
Sein leben einſam zu/ gleich wie die ſchaͤffer pflegen/

Er naͤhrete ſein kind in puͤſchen und gehegen/

In wilder thiere hoͤhl/ melckt aus ein wildes pferd/

Und gab dem kind in mund die milch und es ſo nehrt.

So bald als nun das kind kunt ſetzen ſeine fuͤſſe

Und gehen ſteiff herein/ that er demſelben ſpieſſe

In ſeine zarte hand/ und henckt/ wie klein ſie war/

Ihr pfeil und bogen an/ fuͤr gold das lange haar

Zu flechten/ und an ſtatt der ſchaube/ welche pflegen

Nach landsgeuͤbten brauch die weiber umbzulegen/

Hieng eine tiegerhaut ihr uͤbern ruͤcken ab/

Die er zu reit en ſie zur tapfferkeit ihr gab.

Sie ſchoß zur ſelben zeit ſchon kleine kinder ſpieſſe

Mit ihrer zarten hand/ und eine ſchleuder lieſſe

Gehn dreymal umb den kopff an einem feſten band

Und ſchoß offt einen kranch an Strimons uferſtraud/

Bißweilen einen ſchwan; Viel weiber in den ſtaͤdten

Des lands Hetrurien dieſelbe gerne haͤtten

Zur ſehnur gehabt/ doch wars vergebens/ denn ſie laͤßt

Genuͤgen ihr allein an der Dianen feſt/

Bleibt unbefirckt/ und traͤgt beſtaͤndiges belieben

Zum jungfraͤulichen ſtand/ und wil ſich lieber uͤben

In waffen und gefecht. Ich wolte/ daß ſie waͤhr

In einen ſolchen krieg gekommen nimmermehr/

Noch haͤtte ſich erkuͤhnt die Troer zu bekriegen/

Ich liebe ſie und kan mein hertz an ihr vergnuͤgen:

Sie waͤr itzt meine nimpff und kammermaͤgdelein:

Doch weil ihr ende dringt mit harter noht herein!

So
[576]Das Eilffte Buch.
So fahr/ o liebe nimpff/ hinunter und verfuͤge

Dich auff die graͤntzen hin des Welſchlands/ da die zuͤge

Der voͤlcker gehen vor/ und wo die harte ſchlacht

Zur unzeit gehet an und werden wird verbracht:

Nim̃ hin und lang heraus den ſtaͤrckſten von den pfeilen/

Der ſol den jenigen erlangen und ereilen

Mit ſchwerer rach/ der nur Camillen leib verwundt/

So mir geheilget iſt. Ich wil ihn ſtracks zur ſtund

Zur ſtraffe ziehn; Er mag von Troja ſeyn gekommen/

Doch oder haben her ans Latien genommen

Sein ankunfft und geſchlecht. Nach dieſem wil lch dann

Wegfuͤhren ihren leib und waffen von dem plan

In einer wolcken/ daß ſie nicht gepluͤndert werde/

Und wil ſie btingen in ihr vaterland zur erde;

Da ſol ſie ſeyn verſcharrt. Hiemit bracht ſie zu end

Ihr ſorgſames geſpraͤch. Die Opis fuhr behend

Vom himmel durch die lufft/ daß man ſie hoͤret eben/

Wie ſie kam mit geraͤuſch: ihr leib war gantz umbgeben

Mit einer ſchwartzen wolck. Allein das Troerheer

Zog unterdeſſen fort/ und nahte mehr und mehr

Der ſtadt Laurentum ſich/ da ſahe man darneben

Die gantze reuterey der Thuſcer ſich erheben

Mit allen oberſien/ ſie waren ordentlich

Fein in geſchwader gleich getheilet unter ſich;

Die pferde trabten her und ſtrampfften auff den bodem/

Sie bliefen dampff und rauch mit gantz erhitztem odem/

Sie kewten das gebiß/ und ſchaͤumten muhtiglich/

In dem ſie hieher bald/ bald dorthin kehrten ſich.

Das
[577]Das Eilffte Buch.
Das land iſt uͤber das voll lauter ſchwerd und ſpieſſen

Erfchrecklich anzuſehn die ſtrahlen wider ſchieſſen

Von waffen uͤbers feld: hingegen zeucht herbey

Meſſapus mit dem heer der Welſchen reuterey/

Auch Coras und Catill gebruͤder/ und Camille

Das heldenfraͤuelein/ bey der ſtch regt der wille

Mit ihrer reuterey zu gehen an den ſtreit/

Die lantzen ſtrecken ſie fuͤr ſich/ und ſtehn bereit.

Es ſchwingen etliche die ſpieſſe/ daß ſie beben/

Es brauſet roß und mann und muhtig ſich erheben;

Als beyde theile ſo gekommen waren nah/

Daß eins dem andern faſt das weiß in augen ſah/

Und mit dem wurffſpieß an einander kunten gehen/

Da blieben ſie im feld ein wtnig ſtille ſtehen;

Uhrploͤtzlich brechen ſie mit grimmigem geſchrey

Herfuͤr und ſtechen an die pferde/ die aus ſcheu

Des waren ungewohnt. Sie heben an zuſtreiten/

Und werffen ihre ſpieß zuglelch von allen ſeiten/

Und zwar in ſolcher meng/ als ſchnie es haͤuffiglich/

Daß auch am ſternen thron das liecht verlohre ſich;

Bald ſah man den Tyrrhen und Aconteus ſich kehren

Zuſammen ritterlich mit eingelegten ſpeeren:

Den angriff thaten ſie gar ungeſtuͤmiglich

Mit ſchrecklichem gethoͤn: Auch lieffen wider ſich

Die pferde mit der bruſt ſo grimmig/ daß bey nahe

Sie beyde waͤhren auffgeborſten; Da man ſahe/

Wie Aconteus flog aus dem ſattel wie der plitz/

Und wie ein boltze faͤhrt getrieben vom geſchuͤtz

O oEr
[578]Das Eilffte Buch.
Er ſtuͤrtzte ziemlich weit von ſeinem gaul herabe/

Und von ſich in die lufft den geiſt und ſeele gabe.

Stracks trennte ſich das heer auff der Latiner ſeit/

Und traten ſacht und ſacht ab von dem harten ſtreit/

Sie warffen hinderruͤcks die ſchilder ſich zu decken/

Und kehrten nach der ſtadt die pferde/ doch ohn ſchrecken

Und ſchnoͤder Furchtſamkeit: Die Troer hinden her

Aſyl verfolgte ſie vorerſt mit ſeinem Sper.

Da ſie nun kamen faſt bis an die ſtadt und thoren/

Da meinte maͤnniglich/ ſie haͤtten nun verlohren;

Allein ſie wandten ſich mit graͤßlichem geſchrey/

Und ſchwungen ſich herumb; Da kam die Troerſchew

Und ploͤtzlich ſchrecken an/ und riſſen aus mit hauffen/

Und wolten ſporenſtreichs ſich retten und entlauffen;

Weil eines hinterhalts ſie ſich beſorgeten/

Und die Latiner ab- ſo ploͤtzlich kunten-ſtehn: (del

Gleich wie das meer/ wenn ſichs mit abgetauſchtem ſtru-

Ergeuſt/ bald nach dem land zulaͤufft mit groſſem brudel-

Und wird ſo hoch/ daß es die hohen felſen deckt/

Und uͤberhin den ſtrand zu euſſerſt ſich erſtreckt;

Bald laͤufft es ungeſtuͤm hinwiederumb zuruͤcke/

Verlaſſend beyds den ſtrand und hohe felſenſtuͤcke/

Und fleuſt hindurch den furth/ von welchem es die fluth

Abfuͤhret wiederumb/ und/ wie es taͤglich thut;

Verſchluckt in ſeinen grund. Zwier haben die Tuſcaner

Mit unerſchrocknem muth/ ingleichen die Trojaner

Die Rutuler die flucht zu nehmen nach der ſtadt

Gezwungen/ beydemal dieſelbe wieder hat

Das
[576[579]]Das Eilffte Buch.
Das heer der Rutuler genoͤhtiget zu fliehen/

Daß ſie ſtracks aus der ſchlacht ab-muſten ſaͤmptlich-zie-

Und decken ruͤckelings mit ihren ſchilder ſich/ (hen/

Als aber drittens ſie getroffen ritterlich

Zuſammen/ mengten ſich die beyde kriegesheere

Gantz in einander ein/ als wenns ein hauffen waͤre;

Ein jeder nahm ihm fuͤr und ſuchte ſeinen mann/

Mit welchem er den kampff getrawt zu nehmen an;

Da war zu hoͤren nichts als ach! und jammerklagen

Derjenigen/ die hin und wieder todt geſchlagen

Auffgaben ihren geiſt: Es ward in tieffem blut

Geweltzt gewehr und leib/ arm/ beine/ kopff und hut.

Darzu halb todte roß bey denen Leuten lagen/

Die auff der wahlſtadt man da funde todt geſchlagen:

Kurtz; Es gieng ſcharfdaher. Orſiloch ſchwung uñ ſchoß

Mit einem ſchweren ſpieß nach Remuls tapfferm roß/

(Weil er ihn ſelber anzugreiffen muſt erſchrecken)

Da bliebe hinderm ohr der ſpieß im kopffe ſtecken;

Von welchem ſchuß das pferd mit gantz entbrandtem

Gerieth in wuͤtigkeit und richtet ſich hoch auff/ (ſchnauf

Und ſchlug aus ungedult von wegen ſchwerer wunde

Mit fuͤſſen in die lufft/ die bruſt empor ihm ſtunde:

Der reuter kunte ſich nicht halten auff dem pferd/

Fiel aus dem ſattel hin/ und weltzt ſich auf der erd.

Catill ſchlug Joͤlam/ Herminium desgleichen/

Der groß am muht nicht leicht wolt einem ritter weichẽ/

War auch von leibe groß und ritterlicher that/

Der bloß am haupte gieng und gelbe haare hat/

O o 2An
[580]Das Eilffte Buch.
An ſchultern gleichfals bloß/ uñ ſcheut ſich nit fuͤr ſtoͤſſe:

Weil er ſo groß nun war/ und ſtund in ſolcher bloͤſſe/

So kunte man ihn auch verwunden deſto baß/

Und faͤllen/ daß er biſſ/ wie andre/ in das graß/

Demnach ſo fuhr ein ſpieß mit ſolcher krafft und poltern/

Daß er gantz bebete/ durch ſeine breite ſchultern:

Es kruͤmmte ſich der mann fuͤr ſchmertzen und das blut

Floß allenthalben mild/ wie eine rohte fluth.

Sie machten beyderſeits viel leichen durch das ſchieſſen

mit allerhand gewehr/ mit ſchwerdtern und mit ſpießen/

Und ſtarben einen tod/ der ſchoͤn und ruͤhmlich war/

Und giengen freudiglich durch ſchieſſen und gefahr.

So ließ Camilla ſich als ein’ Amazon ſehen

Sehr muhtig mitten in dem ſtreit und kampff zu ſtehen:

Die ihre lincke ſeit hat immer frey und bloß/

Wenn ſie legt auff den pfeil und wolte ſchieſſen loß/

Sie warff auch untern feind bald viel und groſſe ſpieſſe/

Bald mit der hellepart viel feinde niederſtieſſe/

Die fuͤhrte ſie behertzt mit unermuͤdter fauſt

Der koͤcher und geſchoß Dianen klingt und ſauſt/

Der umb die ſchultern hieng: Auch wenn ſie je bißweilẽ

Aus noht den ruͤckẽ wandt/ braucht ſie ſich doch der pfeilẽ

Und bogens ſo behend/ daß ſie unfehlbarlich

In fliehen ab-ließ-gehn den bogen hinter ſich;

Allein der nimpffen zunfft/ die ſich an ihrer ſeite

Befunden/ wo ſie gieng/ mit ſtattlichem geleite/

Larina/ Tulla und Tarpeja/ welche fuͤhrt

Ein axt in kuͤhner hand/ und deren ankunfft ruͤhrt

Von
[581]Das Eilffte Buch.
Von den Latinern her/ die ihr zum ſchmuck und zierde

Camilla hat erſehn nach fuͤrſtlicher begierde/

Als die ſie hatte beids daheim und dann zu feld

In fried- und kriegeszeit zu ihrem dienſt beſtellt:

Die ſah man dergeſtalt im treffen ehr einlegen/

Gleich wie in Thracien die Amazonen pflegen/

Im fall ſie ziehen her mit ſchrecklichem gethoͤn

Am fluß Thermodoon und ihren feinden ſtehn

In bunten ruͤſtungen: Es ſey daß ſie begleiten

Hippolyten die fraw und heldin zu dem ſtreiten;

Doch oder wenn im kampff die tochter Martis faͤhrt

Pentheſilea/ die als hertzogin man ehrt.

Da ſieht man/ wie das heer der Amazonen gangen

Koͤmpt praͤchtiglich daher/ und wie ſie koͤnnen prangen

Mit ihren ſchildern/ die wie monden ſind geſtalt/

Wie ſie ihr jauch tzgeſchrey erheben/ daß es ſchallt.

Wenn haſt du nun/ o zier der ſtreitbaren jungfrawen

Camilla/ erſt erlegt mit tapfferem vertrawen

Und blinckendem gewehr/ und wenn haſt du zuletzt

Mit ſiegesreicher pracht vom gaul herab geſetzt?

Wie manchen rittersmann haſt du im feld erſchlagen?

Wer kan nach wuͤrdigkeit von deinen thaten ſagen?

Eumenius der von dem Clytio entſproß/

Der war der erſte/ den ſie durch die bruſt erſchoß

Mit einem langen ſpieß/ die damals offen ſtunde:

Der fiel dahin/ und floß das blut ihm aus der wunde

Als waͤr es eine bach; Er biſſ aus bitterm grimm

Ins erdreich/ das beſprengt mit blut/ und kehrt ſich uͤmm

O o 3Als
[582]Das Eilffte Buch.
Als er itzt ſterben ſolt in ſeinem warmen blute

Nach dieſem griffe ſie mit unerſchrocknem muthe

Den Lyr und Pegas an/ von welchen als der ein/

In dem er faßt den zaum (die weil mit einem bein

Das pferdt geſtrauchelt hat/ und er ſo fiel herabe/)

Der andre da er gleich lieff zu und ſelbtem gabe

Die unbehuͤlfflich hand/ da fielen alle beyd

Von der Camillen ſpieß getoͤdtet in dem ſtreit;

Zu dieſem thate ſie Amaſtrum/ der entſproſſen

War von dem Hippota/ verfolgend unverdroſſen

Von weitem mit dem ſpieß den kuͤhnen Tereum/

Chromim/ Demophoon/ und den Harpalicum

So manchen ſpieß verſchoß die jungfrau/ ſo viel toͤdte

Sah man in ſeindesheer;Es blieben auff der ſtete

Viel Troer in gemein/ der Ornith welcher war

Ein guter jaͤgersman/ durchgangen viel gefahr/

Und frembde waffen trug/ der ritt hin etwas weiter

Auf einen braven gaul/ ein wolverſuchter reiter/

Hat uͤmgethan ein faͤll von einem ſtoͤßgen ſtier/

Und ſtellte ſich alſo den feind zuſchrecken fuͤr.

An ſtatt des helms ſatzt er auff einen kopff vom wolffe

Des rachen auffgeſperrt (wiewol es ihn nicht hulffe)

Die zeene ſtacken noch und bloͤcketen herfuͤr/

Trug einen bauren ſpieß: Theils ſah er wie ein ſtier/

Theils wie ein wolff; Er kam mit vielen nun geritten/

War laͤnger eines kopffs/ und tummelt ſich im mitten/

Da wo der bauffe war/ demſelben kam ſie fuͤr

(Das ihr nicht ſchwer zu thun/ weil ſie hat alles ſchier

Von
[583]Das Eilffte Buch.
Von voͤlckern aufgeraͤumt) und ſchoß ihn mit dem ſpieſſe

Daß er das friſche blut mit ſeiner ſeele lieſſe:

Und redet uͤber ihm alſo mit bitterm ſinn;

Tuſcaner/ wo haſt du gedacht doch irgend hin?

Was hat dich fuͤr ein wahn und jrrthum doch beſeſſen/

Daß deiner ſelber du ſo ſchaͤndlich haſt vergeſſen/

Wie? meinſt du/ daß du fuͤr dir habeſt wilde thier/

Daß du gezogen koͤmpſt gleich wie ein wolff und ſtier?

Die zeit iſt kommen an/ die euer groſſes prachen

durch weibſche waffen kan zu nichtund ſchanden machen;

Doch laß dir dieſes nicht ſeyn einen ſchlechten ruhm/

Behalte du ihn nur zum ſteten eigenthum/

Du kanſt ihn nehmen mit/ und deiner vaͤter ſeelen

Das/ was ſich hat mit dir verloffen itzt/ erzehlen/

Daß dich Camilla hat ein weibsbild umbgebracht;

Sie ſatzte weiter fort den muth in dieſer ſchlacht/

Und ſchlug von Troern zween/ Orſilochum und Buten/

Sehr ſtarck und groſſe kerl/ dergleichen ſie vermuthen

Sich haͤtte ſollen nicht: Den Buten aber ſtieß

Sie zwiſchen pantzer und dem helm forn mit dem ſpieß/

Da man zu roß ihm ſah den halß herfuͤr bloß ragen/

Da er am lincken arm den ſchild ſonſt pflegt zutragen;

Dann ſtellet ſie ſich an/ als nehme ſie die flucht

Fuͤr dem Orſilochus und mit ihm ſeltzam ſocht:

Denn als ſie erſt mit ihm in einem weiten kreiſe

Gelanffen war herumb/ lieff ſie verſchlagner weiſe

In einen engern ring/ und jagten beyde ſich

Einander ſo herumb: Da hub ſie maͤchtiglich

O o 4Den
[584]Das Eilffte Buch.
Den arm hoch auff/ und hieb ihn mit der axt ſo dichte

Durch ſeinen helm und kopff/ daß uͤbers angeſichte

Das warme hirn ihm floß. Er bat und flehte zwar/

Doch halff ihn alles nichts/ er war betaͤubet gar.

Darnach gerieth an ſie der Aunus vom gebirge/

Das man nennt Apennin/ der ſahe das gew uͤrge

Als guter kriegsmann an/ der auff die raͤnck und liſt/

Wie in Ligurien dieſelbe gangbar iſt/

Wol abgerichtet war/ ſo lang der himmel wolte/

Daß er mit ſolcher ley betrug umbgehen ſolte:

Als er ſo ploͤtzlich nun der heldin ward gewahr/

Ward er in ſeinem ſinn beſtuͤrtzet gantz und gar.

Und als er fahe/ daß er keines weges kunte

Entlauffen aus dem ſtreit/ wie er ſich unterſtunde

Noch von ſich kehren ab die grimme Koͤnigin/

Die albereit drang zu mit ungeſtuͤmm auff ihn;

Kam er mit vorbedacht und witz behender maſſen

Auff dieſen ranck/ ſich ein mit ihr in ſtreit zulaſſen:

Fieng an: und was iſt das (ſagt er) groß ruͤhmens werth

Wenn du verlaͤſſeſt dich als weib auff ein gut pferd?

Halt ſtand/ und dencke nicht zu roſſe zu entgehen/

Und trau dir gegen mir auff ebnem plan zu ſtehen/

Und fechten hand an hand: ſtrebſt du nach tapfferkeit/

So ruͤſte dich zu fuß/ und ſtelle dich zum ſtreit

Da ſolt du ſpuͤren dann/ und bald viel anders ſagen/

Welch theil verdienet hab den preiß davon zutragen/

Und wer betrogen ſey von ſeinem ſtoltzen wahn

Und eiteln pralerey/ geſtalt du faͤhrſt heran.

So
[585]Das Eilffte Buch.
So viel ſagt er; Hierob empfand ſie bittre ſchmertzen/

Und ließ ihr dieſe red ergrimmet gehn zu hertzen;

Gab ihren leuten hin das pferd und war bereit/

Mit gleicher wehr zu fuß zu nehmen an den ſtreit/

Und trug das bloſſe ſchwert und weiſen ſchild ohn ſcheuẽ/

Da dacht der junge kerl/ er wolte ſich befreyen/

Und ihrem grimm entgehn/ in meinung/ daß er ſchon

Durch ſolchen kriegesranck den ſieg gebracht davon.

Er wand das pferd herumb/ und floh ohn alles ſaͤumen

und wolte ſpoꝛenſtꝛeichs das feld und kampffplan ꝛaͤumẽ.

O du Ligurier/ du leicht- und loſer mann/

Umbſonſt erhebſt du dich in deinem ſtoltzen wahn.

Es ſol dir nuͤtzen nicht/ daß du mit loſen ſtuͤcken

Nach deiner landes art mich meineſt zu beruͤcken/

Und deine ſchluͤpffrigkeit/ die du dir brauchſt zum ſchutz/

Sol dir erſprieſſen nicht zum vortheil oder nutz.

Diß war der jungfrau wort/ die voller zorn und wuͤte

Ihn wolte ziehn zur rach und kuͤhlen ihr gemuͤthe/

Lieff auff ihn angefeurt fuͤr ſeinem pferde bey/

Mit ſchnellen fuͤſſen/ als ein vogel/ ohne ſcheu

Ergriff das pferd beym zaum/ trat mit erhitztem muthe

Hinzu/ und wuſch die hand in ihres feindes blute/

In dem ſie ihm ſo leicht vom pferd herunter ſchlug/

Als leicht ein ſperber koͤmmt mit ungeſtuͤmen flug

Von einem hohen berg zu ſaͤttigen ſich von raube/

Und in der hohen lufft im fliegen eine taube

Erreicht/ ergreifft und mit den krummen klauen haͤlt/

Zerreiſt ſie/ daß das blut hinab zur erde faͤllt

O o 5Und
[586]Das Eilffte Buch.
Und in der lufft herumb zerſtreut die federn fliegen.

Der groſſe Jupiter ſah aber dieſen kriegen

Nicht ſonder obacht zu: Der gute vater ſaß

Auff ſeinem hohen thron/ und ſahe diß und das/

Wie alles gienge her/ und wie es mit den ſachen

Der Troer war beſtellt/ daß ſie nichts kunten machen

Noch ſchaffen in dem ſtreit: Erweckete demnach/

die weil das volck umringt/ und nunmehꝛ waꝛ zuſchwach/

Den Tarchon in den kampff/ der ſich auff allen ſeiten

Ließ grimmig ſehen an/ und gab ihm muth zu ſtreiten

Mit unermuͤdtem ernſt. Da ritte Tarchon fort

Theils zwiſchen todte hin/ theils wichen hier und dort

Die voͤlcker aus dem weg/ und redet einen jeden

Mit ſeinem namen an/ ſie ſolten nicht ermuͤhden;

Und reitzte ſie gleich als von neuen wieder an

Zum fechten/ welche ſchon gejaget von dem plan.

O ihr Tuſcaner ihr/ ſagt/ was ſol das bedeuten/

Daß ihr euch jagen laßt von ſolchen kriegesleuten?

Wolt ihr denn tragen nicht deswegen ſcham und reu?

Wolt ihr denn immerdar mit ſolcher furcht und ſcheu

Erwarten eures tods? Woher kommt ſolches zagen

In eure hertzen doch/ daß ihr nichtswollet wagen?

Ein weib iſt/ die euch ſo erſchrecket und zerſtreut/

Und euch ſo groſſes volck und heer in ruͤcken hewt/

Worzu denn tragen wir die degen an der ſeiten?

Was ſollen uns die ſpieß in faͤuſten ohne ſtreiten!

Ja wol zur Venusluſt und naͤchtlichem gefecht

Seyd ihr nicht faul und traͤg/ und koͤñt euch ſchicken recht.

Und
[587]Das Eilffte Buch.
Und wo ihr werdet eingeladen zu pancketen/

Da geht es luſtig zu mit pfeiffen/ zinck-und floͤten/

Bey gutem fetten mahl und leckerbiſſelein/

Bey koͤſtlichem getraͤnck und ſuͤſſen Creterwein

Ey das iſt eure luſt/ da moͤgt ihr gerne haben

Die haͤnde mit darbey/ wenn nur die opffer gaben

Der prieſter ſpricht fuͤr gut/ und nimmt das opffer an/

Berichtend/ alles ſey mit gutem gluͤck gethan;

Und ſolche froͤliche verrichtet opffer wercke

Und gute deutung drauff/ und gluͤckliche gemercke/

Die geben anlaß euch zu gehen in den wald/

Zutreiben euer feſt auff mancherley geſtalt

Als er diß außgeredt/ gibt er dem gaul die ſporen/

Und ſchlaͤget in die ſchantz ſein leben/ als verlohren/

Setzt mitten in den feind/ da wo der ſchaͤrffſte ſtreit

Und koͤmmt dem Venulus in ſolcher wuͤttigkeit

Entgegen zorniglich/ reiſt ihn herab vom pferde/

Als ſeinen feind/ mit macht und laͤſt ihm nicht zur erde/

Beſondern ſetzet ihn auff ſeinen gaul fuͤr ſich/

Und hebet ſich mit ihm von dannen ſchnelliglich.

Da wurd ein groß geſchrey/ das biß am himmel gienge/

Und der Latinervolck ſah ſtutzig dieſe dinge

Mit groſſen augen an: Der Tarchon flohe fort/

Und brachte/ wo er ihn wolt haben an den orth.

Da brach ers eyſen ab daforne von dem ſpieſſe

Des Venulus/ und ſucht/ wo er daſſelbe ſtieſſe

Dem feind in ſeinem leib/ ein offne luͤck und ſtell;

Hingegen Venulus der arme gut geſell

Wehrt
[58[588]]Das Eilffte Buch.
Wehrt ſich/ und hielte feſt die hand ab von der kehle

Und ſteurte der gewalt mit kraͤfften ſeiner ſeele/

Gleich wie ein adeler/ der durch die wolcken dringt/

Und bis an ſternen ſitz ſein gelb gefieder ſchwingt/

Wenn ſelbter ohngefehr erwiſchet eine ſchlange/

Setzt er die klauen ein/ und macht ihr ſchmertzlich bange/

Sie aber windet ſich/ nach dem ſie iſt verwund

Und ruͤmpfft die ſchuppenhaut/ und ziſcht mit rohem

Reckt auch das haupt empor/ der adler aber ſetzet (ſchlund

Ihr dennoch hefftig zu/ und greulich ſie zerfetzet

Mit ſeines ſchnabels grimm/ ob ſie ſchon widerſtrebt/

Er klappert noch darzu/ und in die lufft ſich hebt.

Nicht anders fuͤhrete der Tarchon aus dem hauffen

Tyburten ſeinen raub mit freudigkeit und lauffen.

Die Thuſcer folgeten dem beyſpiel freudig nach

Und ſahen wie die that mit gutem gluͤck geſchach.

drauff ſatzten ſie an feind mit gleichem muth und maſſen

Und wolten ſich nicht mehr ſo ſchnoͤde ſchrecken laſſen:

Da ſtellte Aruns der Camillen grimmiglich

Nach leib und leben/ der dem tode ſelber ſich

Ergeben ſolte ſchier/ und war ihr allerwegen/

Die ſonſt behende gnung/ in ſchieſſen uͤberlegen/

Und ſchneller liſtigkeit/ und ſuchte wie er gar

Bequemen fug und orth moͤcht finden ohn gefahr.

Wohin die jungfrau nur ſich mitten in den hauffen

Der feinde wendete/ da kam er nach gelauffen/

Und folgt derſelben nach: Ja wo ſie gienge nur/

Da ließ er finden ſich dahinden auff der ſpur:

Wo
[589]Das Eilffte Buch.
Wo die Camilla her geluͤcklich wieder kaͤme/

Und ihre flucht vom heer und dicken hauffen name/

Deſſelben wegs ritt auch der juͤngling wieder hin

Gantz unvermerckter weiſ und nam in ſeinem ſinn

Bald hier bald dort ihm fuͤr dieſelbe zuerlangen/

Und war faſt allerſeits die hauffen durch gegangen

Mit unverdroſſner muͤh/ und ſuchte fug und zeit

Zu thun gewiſſen ſchuß auf ſie gantz ungeſcheut.

Es ließ ſich ohn gefehr nicht weit der Choreus ſehen

Der weyland eingeweyht als prieſter pflag zu ſtehen

Dem tempel Rheæ fuͤr/ der glaͤntzet umb und an

Mit Troer zeug und wehr gar koͤſtlich angethan/

Und ritt auff einem pferd/ das keck und ungeſcheuet/

Daruͤber eine deck von leinwad war geſtreuet/

So uͤberher beſetzt mit eyſen blaͤchlein war/

Und ſchupen/ die verguͤldt nach art und weiſe gar/

Wie eine feder auff der andern ligen pfleget;

Er aber hat ein kleid von purpur angeleget/

Ein kleid von koͤſtlicher und frembder zier und pracht/

Den bogen/ den er fuͤhrt/ war ſchoͤn und ſtarck gemacht

Im lande Lycien/ die pfeile zu Cortynen

Von Cretern/ welche wol zu ſolcher arbeit dienen:

Der bogen rauſchete auff ſeinen ſchulteren:

So gleichfals war der helm den Choreus hatte ſtehn/

Auff ſeinem haupt verguͤldt: Kunt auf warſagereyen

Sich ziemlich wol verſtehn/ und manchem propheceyen

Und faßt den reuterrock und weite falten ein/

Der gelb von theurem tuch/ mit guͤldnen hefftelein;

Sein
[590]Das Eilffte Buch.
Sein roͤcklein/ und was er zoch uͤber beyde ſchenckel

War ſchoͤn mit gold geſtickt/ und hatte guͤldne ſenckel:

Als nun die jungfrau ſein in treffen name war/

Folgt ſie mit unbedacht in ſichtliche gefahr

Demſelben einig nach/ war/ wie ſich weiber tragen/

Begierig einen raub am ſelbten zu erjagen/

Entweder daß ſie henckt die waffen auf zur zier

Im tempel/ oder doch nach tragender begier

Mit dem geraubtem gold moͤcht einher praͤchtig gehen/

Wenn ſie zoͤg auf die jagt. Als Aruns nun erſchen

Zu letzt gelegenheit aus einem hinderhalt/

Schoß er nach dieſer frau/ und ſchwunge mit gewalt

Den ſtahlgeſchaͤrfften ſpieß/ und rieff zuvor die Goͤtter

Umb beyſtand alſo an als ſein in noͤthen rerter:

Du hoͤchſter Jupiter/ und Gott Apollo du/

Der du den heilgen berg Soract in fried und ruh

Mit deinem ſchirm bedeckſt/ und wilſt ihm ſchutz gewehrẽ

Den wir mit heilgen ſinn fuͤr allen andern ehren/

Dem wir von ſichtenholtz ſtets halten groſſes feur/

Und mitten durch hin gehn/ der wahren treu zu ſteur/

Auf rothem kohlenherd/ aus bruͤnſtigem vertrauen/

Du werdeſt auf dis werck mit gnadenaugen ſchauen/

O vater/ deſſen macht kein ziel noch graͤntzen hat

Und unermaͤßlich iſt/ gib mir doch dieſe gnad

Daß dieſe ſchmach von uns vermittelſt unſrer waffen

Werd gaͤntzlich abgethan. Ich will ſonſt nirgend gaffen

Noch raffen einen raub von dieſer jungfrau hin:

Kein ſiegeszeichen wil ich auch in meinem ſinn

Zu
[591]Das Eilffte Buch.
Zu ſetzen nehmen fuͤr/ daß ſie von mir erſchlagen/

Wil keinen plunder auch von dannen mit mir tragen.

Es wird ein andre that mir ruhm und herrligkeit

Erwerben/ wenn ich nur der jungfraw/ die groß leid

Und ſchaden uns gethan/ kan eine wunde geben

Mit dieſem ſpies und wurff/ daß ſie geb auff ihr leben

Und ſtracks danieder fall: So wil ich gern mit ſchand

Hinwiederumb davon ziehn in mein vaterland.

Der Febus hoͤrete ſein bitten wunſch und flehen/

Und ließ in ſeinem ſinn ein theil deſſelben gehen

Mit gutem fortgang ab: Ein theil fand keine ſtatt;

Daß er Camillam ſolt auff pfeilgeſchwinder that/

Als die verwirret war mit hefftiger begierde

Nach des Trojaners zeug und ſeiner waffen zierde/

Durch einen ſchnellen ſchuß erlegen: In dem ſtuͤck

Erhoͤrt er ſeinen wuntſch: Daß aber er mit gluͤck

Kaͤm in ſein vaterland/ das ließ er platz nicht finden/

Und wurde dieſes ſtuͤck des wuntſches von den winden

In leere lufft gefuͤhrt. Als nun durchs himmelsmeer

Der ſpieß fuhr aus der hand/ uñ ſchnurrte ſehrecklich ſehr/

Da nahm das ſtreitend heer in obacht ſolch beginnen/

Und alle Volſcer ſahn mit ſcharffen aug- und ſinnen/

Nach ihrer koͤnigin/ die aber nicht gedacht

An ſpieß/ noch was er in der lufft fuͤr brauſen macht.

So lange bis er kam hoch durch die lufft geſchwungen/

Und fuhr ihr in die bruſt/ als er nun tieff gedrungen

Sich hatte da hinein und ſoff das jungferblut/

Da lieffen ihre leut hinzu mit bloͤdem muht/

Und
[592]Das Eilffte Buch.
Und nahmen ihre frau/ die erdwarts fiel danieder/

Mit treuen haͤnden auff/ und wolten ſelbter wieder

Verhelffen auff die bein. Der Aruns wurde mehr

Erſchreckt als andre drob/ und hub ſich aus dem heer

Theils froͤlich/ daß er ſie gefaͤllet zu der erden/

Theils fuͤrchtend/ daß die wund geheilet moͤchte werden/

Und ſie ſich raͤchen wuͤrd/ und traute nun nicht mehr/

Daß er das ſeinge wol verrichtet mit dem ſper

Und dorffte nicht ſo noch mehr zu der jungfrau ſchleichẽ/

Sie moͤchte dann vielleicht ihn mit dem ſpieß erreichen.

Wie/ wenn der wolff erwuͤrgt hat einen groſſen ſtier/

Ja auch den hirten ſelbſt mit grimmiger begier/

Stracks auff die berge ſich verkriechet/ eh die bauren

Ihm ruͤſtig ſetzen nach und im gehegen lauren;

Als der ſich allzuwol weiß ſchuldig kuͤhner that

Und nicht mehr trauen will/ noch keinen muth mehr hat/

und ſchlagend unterm bauch den ſchwantz mit furcht und

Laͤufft nach dem holtze zu;(ſcheuen

So kundte Aruns auch nicht lang mit furcht verziehn/

Ver gnuͤgend ſich daran daß er noch moͤcht entfliehn;

Verkroch ſich mitten ein/ da wo die voͤlcker waren/

Und muſte ſich nur ſtets des ungeluͤcks befahren.

Camilla ob ſie gleich verwundt war auff den tod/

So wolte ſie doch gern entgehn der harten noth/

Die ſie zwar ſcheute ſehr/ doch kunte nicht entfliehen/

Wie ſehr ſie muͤhte ſich den ſpieß heraus zuziehen

Allein die ſpitze gieng von eyſen tieff hinein

Bis an die rippen/ durch die knochen und gebein.

Es
[593]Das Eilffte Buch.
Es kam ſie ohnmacht an/ fiel hin/ daß ihr die augen

Erkaltet von dem tod nicht wolten faſt mehr taugen/

Und ihre purpurroͤth/ damit ſie vorhin war

Begabt/ verlore ſich an ihren wangen gar.

Als ſie nun ihren geiſt anitzo wolt auffgeben/

Und kaumlich hatte noch das fuͤſſe licht und leben/

Da redte ſie noch an die Accam/ welche ſchier

Von erſter wiegen auffgewachſen war mit ihr/

Die ihr fuͤr andern treu/ die ſie all ihrer ſachen

Anliegen/ thun und rahts theilhafftig pflegt zu machen/

Und ſagte dieſes wort: O liebe ſchweſter/ hoͤr/

Bißher hab ich gekunt mit meiner fauſt und wehr

Die Troer halten auff. Mehr wird mir nicht geſtattet/

Weil mich die bittre wund und ſterbensnoht abmattet.

Es koͤmpt mir alles ſchwartz und finſter fuͤr geſicht.

Lauff riſch zum Turnus hin/ und thu ihm des bericht/

Daß er an meine ſtatt ſich ſtracks hieher erhebe/

Und in dem ſtreit befehl und maaß dem volcke gebe/

Und halte von der ſtadt das heer der Troer ab/

Hiemit zu guter nacht und froͤlich dich gehab!

Als ſie diß außgeredt/ da ließ ſie mit beſchwerde (erde/

Den zaum/ und ſprang vom gaul mit willen nicht zur

Dann wurd ihr gantzer leib erkaltet allgemach/

Daß ſie ſich in den tod neigt mit dem hals hinnach

Und faſt erſtorbnem haupt. Da kunte ſie nichts finden

Dem tod zu widerſtehn/ und lieſſe ſo dahinden

Die waffen/ zeug und raub. Da fuhr die ſeel hinab

Mit ach und ungedult ins finſtre hellengrab.

P pDa
[594]Das Eilffte Buch.
Da hub ſich ein geſchrey bis an die guͤldne ſterne/

Daß mans vernehmen kunt im lager weit und ferne/

Und gieng der ſtreit auffs new ſehr grimmig wieder an.

Als die Camilla war geblieben auff dem plan/

Da kam das Troervolck und oberſten gelauffen/

Tyrrhener/ Arcader und des Evandri hauffen

Zu roß in dicker meng auf die Latiner zu/

Und lieſſen ihnen nun mehr keine raſt noch ruh;

Die Opis aber/ die her von Dianen kame/

Und die Camill in acht/ wie ſie befehlicht/ nahme/

Saß auff dem berge ſchon vorlaͤngſt und ſah herab/

Wies in dem ſtreit gieng zu/ und was fuͤr ſtoͤß es gab;

Und als ſie unter dem geſchrey der jungen leute/

Als welche tobeten aus hoffnung guter beute/

Sah/ daß Camilla ſo war jaͤmmerlich ermordt/

Da ſeufftzte ſie ſehr tieff/ und redte dieſe wort:

Ach/ jungfraw/ gar zu ſchwer/ zu ſchwer haſtu ſo muͤſſen/

Daß du gereitzet haſt das volck der Troer/ buͤſſen;

Und hat dir nichts genuͤtzt/ daß du in einſamkeit

In jungfraͤwlichen ſtand und weſen lange zeit

Dianen haſt geehrt in waͤldern/ puͤſch und hecken/

Und ihr gewartet auf mit ehrerbietungs ſchrecken

Und heilgen gottesdienſt/ mit opffer und gebet/

Noch/ daß du unſer zeug pfeil/ bogen und geraͤth

Gefuͤhret und gebraucht: Doch wird in letzten zuͤgen

Dich deine koͤnigin noch ehren und vergnuͤgen;

Und dieſer tod wird dir/ inmaſſen ſichs geziemt/

Bey manchem volck und land nicht bleiben ungeruͤhmt.

Ja
[595]Das Eilffte Buch.
Ja es ſol nimmermehr auf dieſer weiten erden/

Daß dein tod blieben ſey ohn rach/ geſaget werden.

Denn wer mit ſeiner hand hat deinen leib verſehrt/

Sol werden wiederumb mit gleichem tod beſchwert.

Es war ein groſſes grab von erd hoch auffgefuͤhret

Des koͤniges Dercenn/ der weyland hat regieret/

Das Laurentiner reich/ an einem hohen berg/

Und war daſſelbige hochauffgebawte werck

Mit einer ſchattichten ſteineich umbher bedecket.

An ſelbten ort ſtellt ſich die Goͤttin/ und verſtecket/

Sich als in hinderhalt/ und ſchwung ſich ohn verzug/

Auf dieſen hohen berg mit pfeilgeſchwindem flug/

Und wurd Aruntis da mit ſcharffen augen innen.

Als ſie bemerckte nun ſein eiteles beginnen/

Und wie er trotzig ritt auf ſeinem gaul herein/

Und ließ ſich duͤncken groß in blancken waffenſchein:

Wo wilſt du/ ſagte ſie/ ſo abwerts dich verſchleichen?

Ey komm doch beſſer her/ daß ich dich kan erreichen/

Der du muſt ſterben itzt/ und kanſt nicht fliehn davon:

Camilla giebet dir den wolverdienten lohn.

Sol dir auch werden noch die ehr und ruhm zu theile/

Daß du ſolt kommen umb von der Dianen pfeile?

Mehr ſagt ſie hiemit nicht: Und langt in ſchneller eil

Als eine Amazon heraus Dianens pfeil/

Und ſpannte zorniglich den krumgehoͤrnten bogen/

Daß er wurd uͤberweit die ſehn herab gezogen/

Und giengen beyde koͤpff und enden unter ſich

Zuſammen/ und zugleich ruͤhrt eben maͤßiglich

P p 2Mit
[596]Das Eilffte Buch.
Mit beyden haͤnden ſie. Die lincke ruͤhrt die ſpitze

Des eyſens an dem pfeil/ die rechte ſehn und zitze.

So bald als Aruns hoͤrt in luͤfften das geraͤuſch

Des abgeſchoſſnen pfeils/ da ſtack er ihm in fleiſch.

Als er nun ſtarb dahin/ und ſeinen geiſt auffgabe/

Ließ er zum letztenmal noch einen ſeufftzer abe

Aus ſeinem munde gehn. Es kehrte ſich an ihn

Die purſche keineswegs/ und ſchlugen aus dem ſinn/

Daß er geblieben war/ und lieſſen ihm mit ſchande

Da ligen unverſcharrt an frembden ort und lande/

Die Opis aber kehrt zum guͤldnen ſternenthron

Mit ihren ſittichen und ſchwunge ſich davon

Die reuterey floh erſt/ und wolte nicht mehr ſtehen/

So bald ſie ihre frau zu grunde ſahen gehen:

Die Rutuler fliehn auch mit ſchrecken aus dem ſtreit/

Der tapffre Atinas macht ſich vom feinde weit.

Die oberſten ſind weg/ ſo viel derſelben waren:

Auch weil die faͤhnriche mit ihren heeresſchaaren

Gelaſſen ſtehn allein/ ſo fliehn ſie aus dem ſtreit/

Zerſtreuet hier und da/ und ſuchen ſicherheit/

Sie kehrten zu der ſtadt mit uͤmbgewandten pſerden/

Und waren anzuſehn im ziehn/ wie groſſe heerden;

Da kunte keiner thun den Troern widerſtand/

Die in ſie drungen dicht/ und alles fuͤr der hand

Erwuͤrgten: Keiner war baſtant ſie auf zu halten/

Die bogen waren ſchlaff/ und wenig faſt mehr galten;

Sie thun ſie wieder umb die ſchultern muͤd und matt/

Und rannten uͤbers feld hinuͤber nach der ſtadt.

Es
[597]Das Eilffte Buch.
Es zog ein dicker ſtaub ſich auff: Die auf den mauren

Des außgangs warteten/ kam zittern an und ſchauren/

Die weiber ſchlugen an die bruͤſte jaͤmmerlich/

Und machten ein geſchrey/ das bis an himmel ſich

Erhube/ die fuͤrerſt einlieffen in die thoren/

Mit denen war es ſtracks geſchehen und verlohren;

Denn ihnen folgte ſchnell ein feindes hauffe nach/

Die in der pforte ſie gar grauſam niederſtach;

Da ſie vermeineten ihr leben zu gewinnen/

Vermochten aber nicht dem tode zuentrinnen.

Das gieng erbaͤrmlich zu/ im vaterlande drinn

Und zwiſchen haͤuſeren das leben geben hin.

Es machten etliche die thore zu und lieſſen

Ihr eigen buͤrgervolck verſperren und verſchlieſſen/

Und kunten ſie durch aus nicht nehmen in die ſtadt/

Wie ſehr und aber ſehr ein jeder fuͤr ſich bat.

Daher erhub ſich dann ein ſehr erbaͤrmlich ſchlachten

Beids derer/ die in thor vertheidigten die wachten/

Und die da lieffen ein gejaget von dem feind/

Und wurden umbgebracht von ihrem volck und freundt/

Die fuͤr den augen nun der eltern muſten bleiben

Verſchloſſen/ ſahe man erbaͤrmlich weſen treiben;

Theils ſprungen uͤber halß und kopffe von der bruͤck/

Weil ſie ſo draͤngete der andern ungeluͤck/

Theils lieffen blind und toll/ als wolten ſie die thoren

Und riegel mit dem kopff durch rennen oder bohren.

Die weiber gleichesfalls/ die in der harten noth/

Umbringet allerſeits mit unfall/ leid und tod

P p 3Mit
[598]Das Eilffte Buch.
Mit ſam̃t den maͤnnern keck auf wall und mauren ſtun-

Zu fechten fuͤr die ſtadt/ zu ſcheuen keine wunden (den

(Denn ſie die liebe reitzt fuͤrs liebe vaterland

Zuhalten muthig aus in dieſem ſchweren ſtandt)

Als ſie bedencken der Camillen tapffre wercke/

Da ſchieſſen ſie in feind mit groſſem muth und ſtaͤrcke

Die ſpieſſe haͤuffiglich/ die vorhin trugen ſcheu/

Weil die gefahr/ wies pflegt zukommen/ war noch neu.

Und an der ſpieſſe ſtatt/ die ſolche wehr nicht hatten

Kam ihnen knuͤttel/ pfahl und ſtacken wol zuſtatten/

Gantz eiffrig thaten ſies mit ſtreiten andern nach

Zu ſtreiten fuͤr das land/ zu rilgen hohn und ſchmach.

Da kam dem Turnus fuͤr in walde boͤſe maͤhre

Wie das Camilla in dem ſtreit geblieben waͤre/

Die Volſcer biß auffs haupt erleget in der ſchlacht/

Der feind ſetz ihnen nach mit groſſen grimm und macht

Und haͤtte ſiegreich ein-das gantze feld-genommen/

Und wuͤrde nun die ſtadt in angſt und noͤthen kommen;

Diß war die trauerpoſt/ die Acca brachte bey

Dem jungen kriegesheld mit lermen und geſchrey.

Derſelbe nun gantz toll zeucht wiederumb zuruͤcke/

(Weils je erheiſchte ſo das zornige geſchicke

Des Jupiters) verlaͤßt den rauhen puſch und wald

Sampt huͤgel/ da er lag verſteckt im hinterhalt.

Er hatte ſeinen weg kaum von dem ort genommen/

Daß er ihn nicht mehr ſah/ und war nunmehr gekom̃en

Ins offenbare feld. Denſelben paß und wald

Zeucht nun Eneas zu/ der von dem hinterhalt

War
[599]Das Eilffte Buch.
War wiederumb befreyt. Als er nun war gekommen

Auf dieſes berges hoͤh und ſeinen zug genommen

Aus dieſem dunckeln wald/ da zogen beyde theil

Mit gantzer macht zur ſtadt in ſehr geſchwinder eil/

Und war ein kleiner raum nur zwiſchen beyden heeren;

Doch wolte keiner nicht zum andern naͤher kehren:

So bald Eneas ſah das Laurentiner volck/

Und daß ein dicker ſtaub zog auff wie eine wolck

In weitem feld und plan/ und Turnus den Eneen

Den unverzagten held an waffen kunte ſehen

Und kennen eigentlich/ auch hoͤrte kommen an

Das fußvolck und den zeug der reiſſgen auff den plan

Mit ihrer pferde ſchnauff/ da haͤtten ſie gefangen

Alßbald das treffen an/ und auf einander gangen/

Wenn nicht der ſternen-printz/ der Febus/ in dem meer

Und Spannſchen Ocean ſchon unter gangen waͤr/

Und alſo dann herein die finſtre nacht gebrochen/

Weil ſich das tagelicht und ſuſſer ſchein verkrochen.

Sie machen fuͤr der ſtadt ein lager/ ſchantz und wehr/

Und ruͤſten beyderſeits auffs neu ihr kriegesheer.


Das Zwoͤlffte Buch.


ALs Turnus ſahe nun/ daß auf des koͤnigs ſeiten

Das volck geſchwaͤchet war durch ungluͤckhafftes

ſtreiten/

Und lieſſen ſincken hin die hertzen/ muth und hand/

Und wolten nicht mehr thun dem feinde widerſtand;

P p 4D
[600]Das Zwoͤlffte Buch.
Daß man auff ihn nun ſah/ und gaͤntzlich darauff zielte/

Damit er/ was er hat verſprochen ihnen/ hielte/

Entbrandt er bey ſich ſelbſt mit unverſoͤhntem grimm/

Und regte ſeinen muht/ war boͤß und ungeſtuͤmm;

Gleich wie ein loͤwe thut im Libyſchen gefilde/

Der alsdann wird ergrimmt/ und ſich erzeiget wilde/

Wenn er von jaͤgern wird verwundet in die bruſt/

Er ruͤſtet gleichſam ſich zur gegenwehr mit luſt/

Da ſchuͤttelt er die maͤhn auff ſeinem dicken nacken/

Und bricht den jaͤgerſpieß entzwey/ daß er muß knacken/

Faͤhrt unerſchrocken her/ und bruͤllt ſo ſchrecklich ſehr/

Mit blutgem ſchlund/ daß weit das heitre himmelmeer

Davon erfuͤllet wird: Auff gleichen ſchlag und maſſen

Kunt Turnus ſich nunmehr in harniſch bringen laſſen/

Und ward vom bittern zorn und grimm gefeuret an/

Weil nun zum zweytenmal der feind erhielt den plan.

Drauff fieng er an verwirrt zum koͤnig ſo zu ſagen:

An Turno ſol es nicht ermangeln ſich zu ſchlagen:

Das feige lumpenvolck/ die Troer moͤgen ſehn/

Daß/ was ſie einmal ſich erboten einzugehn/

Sich deſſen weigern nicht/ noch ziehn ihr wort zuruͤcke;

Ich bin zum kampff bereit/ und wag es auffs geluͤcke:

Herr vater/ opffre nur und faſſe zum vertrag

Artickel ab/ darauff der kampff beſtehen mag.

Ich wil den fluͤchtigen Trojaner/ der (o ſchande!)

Dem feind entflohen iſt aus ſeinem vaterlande/

Entweder ſchicken ab mit dieſer hand zur hoͤll

Und unſer kriegesvolck ſol ſitzen auff der ſtell/

Und
[601]Das Zwoͤlffte Buch.
Und ſehn dem fechten zu. Ich wil mit meinen waffen

Die allgemeine ſchand ſelbſt aus dem wege ſchaffen.

Wil dieſes gehen nicht/ und ich ſol buͤſſen ein/

So mag er uͤber die Latiner koͤnig ſeyn.

Die moͤgen fuͤhlen dann ſein joch und dienſtbeſchwerden/

Und mag Lavinia zum ehgemahl ihm werden.

Der koͤnig brachte drauff ſein antwort glimpfflich ein/

Und wolte gerne ſehn dem werck gerahten ſeyn.

O tapffrer juͤngeling/ wie weit du andern geheſt

An muht und tugend fuͤr/ und auf dem ſinn beſteheſt/

Des ſonderbaren ſtreits; Umb ſo viel mehr wil mir

Der ſachen wichtigkeit obliegen nach gebuͤhr/

Daß ich mit reiffem raht dieſelbe vor betrachte/

Und unterſchiedliche zufaͤlle ſorgſam achte:

Dein vater Daunus hat gelaſſen dir ein reich/

Das dieſem unſerm iſt an macht und anſehn gleich;

Haſt land und ſtaͤdte gnung/ die du mit deiner ſtaͤrcke

Und fauſt erobert haſt; Es ſind dir/ wie ich mercke/

Die leute wolgeneigt/ und haben groſſes gut;

Es ſind mehr fraͤwelein von edlem ſtamm und muth

Im Laurentiner kreiß/ die dir nicht uͤbel ſolten

Anſtehen/ wenn es ſo die goͤtter ſchicken wolten:

Laß mich dis ſagen frey ohn trug und arge liſt/

Was dir nicht angenehm vielleicht zu hoͤren iſt/

Und ſey auf meine red zu mercken unverdroſſen/

Es war im goͤtter-raht vorſehen und beſchloſſen/

Es ſolte keiner je/ der/ eh Eneas kam/

Umb meine tochter warb/ ſeyn dero braͤutigam.

P p 5Diß
[602]Das Zwoͤlffte Buch.
Dis ſageten vorher/ die viel dings kunten ſehen

Aus der weiſſagerey/ wies kuͤnfftig moͤchte gehen;

Dahero hab ich dann aus liebe gegen dir/

Weil mit verwandſchafft du verbunden warſt mit mir/

Und wegen meines weibs betruͤbnuͤß/ leid und thraͤnen/

Die ich ſah fuͤr und fuͤr ſich einig nach dir ſehnen/

Von meinen augen weg gethan die ſchuld und pflicht/

Und was Eneen ich verſprach/ gehalten nicht;

Den ich zum eydam mir laͤngſt außerkohren hatte/

Der meiner tochter ſey von gott beſtimpter gatte:

Daher ich wider recht/ geſetz und billigkeit

Mich eingelaſſen hab in harten krieg und ſtreit.

Was nun/ o Turne/ mir ſeither zuhanden kommen/

Und was ich fuͤr verluſt und ſchaden eingenommen/

Und was mir auf dem hals noch ligt fuͤr kriegeslaſt/

Das ſieheſt du/ und wie du ſelber lange haſt

Fuͤr allen anderen erlitten ſpat und fruͤhe

Viel ſorgen/ noht/ gefahr/ und haſt noch taͤglich muͤhe/

Beſchwer und ungemach. Wir ſind in harter ſchlacht

Zum zweytenmal erlegt: Die uͤberbliebne macht/

Warauff Italien noch hoffet feſt zu ſtehen;

Kan man in dieſer ſtadt kaum halten und verſehen;

Die Tybur iſt noch warm von leichnam/ blut und ſchwal/

Und groſſe felder ſtehn von knochen weiß und kahl.

Wie laß ich doch ſo offt umbſtimmen meine ſinnen/

Wie bin ich ſo bethoͤrt/ daß ich mein vorbeginnen

So offt verendern kan? Wenn ich entſchloſſen bin

Nach deinem tod/ wenn du wirſt ſeyn getragen hin/

Die
[603]Das Zwoͤlffte Buch.
Die Troer in den bund und freundſchafft anzunehmen.

Warumb verzieh ich dann mich hierzu zubequemen

Bey ſeiner lebenszeit? Warumb denn thu ich nicht

Zuvor den krieg hinweg nach fodrung meiner pflicht?

Was werden unſere verwandten darzu ſagen

Die Rutuler? Wird nicht in Welſchland darnach fragẽ

Das andre volck/ wo ich (dafuͤr die Goͤtter ſeyn/

Daß meine rede nicht/ als wahr/ mag treffen ein)

Dich gebe hin in tod? Der du dich an vermaͤhlen

Mit unſrer tochter wilt. Ich wil dir nichts verheelen/

Gedencke doch zuruͤck/ und achte fleißig drauff/

Wie wandelbar doch ſey der krieg und deſſen lauff.

Laß dir den alten mann und vater doch zu hertzen

Mit ſchuldger liebe gehn/ der kummerhaffte ſchmertzen

Und ſorgen traͤgt fuͤr dich/ der weit in ſeiner ſtadt

Von hier entlegen iſt und ſein gebiete hat.

Durchaus ließ Turnus ſich nicht beugen oder brechen/

War frech und ungeſtuͤm/ und wolte ſich nur raͤchen/

Ja wolt umb ſo viel mehr nur fahren oben aus/

Und triebe viel gezaͤnck mit poltern und gebraus.

Je mehr der koͤnig ihm mit guten worten riethe/

Je mehr erherbet er ſein grimmiges gemuͤhte;

So bald er nun den mund kunt loͤſen nach dem grimm/

Gab er beſcheid von ſich mit etwas ſaͤnfftrer ſtimm:

Die ſorge/ die du traͤgſt fuͤr mich o frommer vater/

Der du begehrſt zu ſeyn im friede mein berahter/

Die lege/ bitt ich dich/ nur meinentwegen hin/

Und laß mich ſterben/ daß ich ehr und lob gewinn.

Wir
[604]Das Zwoͤlffte Buch.
Wir haben/ vater/ auch pfeil/ ſpieſſe/ faͤuſt und degen/

Und koͤnnen einen bald zu boden niederlegen.

Es ſind auch meine ſchuͤſſ nicht ohne krafft und muht/

Und wo ich einen treff/ da folget auch wol blut.

Daß ſeine mutter iſt von goͤtterſtamm geboren

Und von dem Jupiter zur tochter außerkohren/

Das ſol ſie helffen nicht/ wenn ſie denſelben auch

Mit einer wolcken deckt/ nach muͤtterlichen brauch/

Im fall er fluͤchtig wuͤrd und ſich unſichtbar machte:

Allein die koͤnigin/ da ſie den ſachen dachte

Mit ſchaͤrffern ſinnen nach/ und ſahe wie es gieng/

Und wies gefaͤhrlich waͤr umb dieſes new beding/

Zu nehmen an den kampff/ kunt ſie ſich nicht erwehren

Des ſchreckens/ und vergoß nach dieſem milde zaͤhren/

Bemuͤhend ſich gar ſehr ihn ihren ſchwiegerſohn/

Der faſt fuͤr eiffer brandt/ zu wenden ab hiervon/

Was er ſich ſetzte fuͤr/ und drewt ihr eigen leben

Mit grimmiger gewalt dem tode hinzugeben;

O Turnus/ ſagte ſie/ wo ich/ als koͤnigin/

Noch einig anſehn hab in deines hertzens ſinn;

So bitt ich hoͤchlich dich umb dieſe meine zaͤhren/

Laß dein gemuͤhte doch von ſolchem fuͤrſatz kehren/

Der du mein einger troſt in meinem alter biſt/

Auf deu mein traurig hertz ſich lehnt und ruhſam iſt/

Bey welchem dieſes reich Latini ſteht erhaben/

In ſeiner herrligkeit/ macht/ ehr und andern gaben/

Die uns der himmel ſchenckt; Der du die ſeule biſt/

Darauf dis fuͤrſtlich hauß ſich ſteurt und ſtandhafft iſt:

D
[605]Das Zwoͤlffte Buch.
Diß eingo bitt ich dich/ ſteh ab bedingter maſſen

Mit den Trojaneren in ſtreir dich in einzulaſſen;

Denn alles was dir kan begegnen in gefecht/

Das ſol mir/ Turnus/ auch mit gleichem fall und recht

Begegnen/ ich wil nebſt und mit dir dieſes leben/

Daran ich eckel trag/ dem grimmen tod hingeben;

Und wil Eneen nicht/ ſo viel ich immer kan/

Zu meinen ſchwirger ſohn gezwungen nehmen an.

Da hub Lavinia ob ihrer mutter roden

Und aͤngſtiges geſeufftz ihr hertz an zu erbloͤden

Und naͤtzt aus ſcham und zucht mit milder thraͤnen fluth

Die wangen/ deren zier ihr purpurrothes blut

Vermehrte ſcheinbarlich. Gleich wie Elfanten zeene/

Wenn ſie vom purpur ſind beſpruͤtzet/ glaͤntzen ſchoͤne:

Und wie die lilien bey rothen roſen ſtehn;

So gleiche farbe kunt man an dem fraͤulein ſehn.

Der liebe hefftigkeit macht Turno viel gewirre/

Daß er in ſeinem ſinn wurd ſtoͤrrig/ tumm und irre/

Er ſah das fraͤulein an ſteiff in das angeſicht/

Und den noch war ſein ſinn mehr auff den kampff erpicht/

Und ließ mit wenigen ſich aus in dieſe rede:

O mutter/ laß mich doch bey der beſchloſſnen vhede;

Ich bitte/ weine mir nicht alſo hefftig nach/

Und prophecey mir auch kein leid noch ungemach/

In dem ich itzo denck in harten kampff zugehen.

Ich kan ja nimmermehr dem tode widerſtehen/

Denn ich/ als ſolcher mann/ bin ja durchaus nicht frey

Zu euſſern mich des kampffs und tragen deſſen ſcheu.

Geh
[606]Das Zwoͤlffte Buch.
Geh/ Idmon/ und verkuͤnd Eneen meine rede/

Die ihm ſchwer duͤncken wird/ und ſag ihm dieſe vhede

Von meinetwegen an: So bald des tagesſchein

Von hohen himmelszelt wird morgen brechen ein/

Sol er ſein kriegesheer nicht gegen unſers fuͤhren/

Sie ſollen beyderſeits in minſten ſich nicht ruͤhren

Von ihrer ſtell und ort: Es ſol der krieg allein

Durch unſer blut und tod ſtracks auffgehoben ſeyn.

Wer die Lavinia begehrt zu ſeinen gatten/

Der mag ſie ſuchen da im felde/ nicht im ſchatten.

Als er diß außgeredt/ gieng er ſtracks ins loſter/

Und hieß ihm ſeine pferd die knechte reiten fuͤr.

Da ſchoͤpfft er freud und luſt/ daß ſie ſo freudig gingen/

und zeigtẽ ihren muth mit wiehern/ ſchnauff und ſpringẽ/

Die Orythyia ſelbſt Pilumno gab zur zier/

Als er auch zog zu feld mit muhtiger begier;

Sie waren/ als der ſchnee/ viel weiſer anzuſehen

Und kunten ſchneller/ als der wind und wolcken gehen;

Die knechte ſtunden umb ſie fertig und behend/

Und ſtrichen mit der hand dieſelben zu dem end/

Auff daß ſie ihren muth und freudige begierde

Erwieſen zu dem kampff: Sie kaͤmmeten zur zierde

Denſelben auch die maͤhn und ſchoͤne lange haar:

Er legt den harniſch an/ der dick verguͤldet war;

Er guͤrtet auch zugleich das ſchwerdt an ſeine ſeite/

Und nim̃t den ſchild zur hand/ und ruͤſtet ſich zum ſtreite

Auffs beſte wie er kan/ und ſetzt mit federn auch (brauch

Den blancken helm auffs haupt/ nicht nur aus bloſſem

Zur
[607]Das Zwoͤlffte Buch.
Zur ritterlichen zier: Er wolt auch mit Eneen/

Wie er ihm fuͤrgeſetzt/ mit ernſt den kampff eingehen/

Das ſchwerdt hat Dauno ſelbſt der Gott Vulcan ge-

Und zu verfertigen daſſelbe ſich ermuͤdt. (ſchmiedt/

Er zoch es gluͤend aus dem fewr und leſchts im brunnen/

Der aus der hoͤlle kompt vom fluſſe Styx gerunnen/

Damit er wuͤrde ſtarck und ſpruͤnge nicht entzwey;

Es legte Turnus auch ihm eine lantze bey/

Die ſtund in ſeinem hanß an einer groſſen ſeulen/

Nahm ſie dem Actor ab/ als er ſich ließ ereilen

In einem harten kampff: Derſelbe ſpieß war ſchwer/

Faßt ihn mit ſtarcker hand/ und ſchwung ihn hin und her/

Der ſchrecklich bebete/ und ſprach mit lauter ſtimme:

O lieber ſpieß/ der du haſt meinem zorn und grimme

Gedienet jederzeit/ und niemals/ was ich hab

Begehrt an dich/ gefehlt/ noch mir geſchlagen ab.

Der tapffre Actor hat dich hiebevor gefuͤhret;

Nun fuͤhret Turnus dich/ der deine ſtaͤrcke ſpuͤret.

Nun iſt es zeit/ hilff mir des widerſachers leib

Zu boden faͤllen/ daß ich mich an ihn recht reib/

Und ſchaffe/ daß ich ihm den Pantzer moͤg abreiſſen/

Dem halben Troermann/ mit ſtarcker hand zerſchmeißẽ/

Und ſeine haare/ die vom eyſen auffgekraͤuſſt/

Und naß vom balſam ſind/ der von dem Myrrhen fleuſt/

Im ſtaube feilen rumb/ und in dem koth beſchmitzen:

So grimmig tobet er/ und kunte ſich erhitzen/

Und war ihm das geſicht ſo roth/ und gleichſam gluͤet/

Und fehlete nicht viel/ daß es nicht funcken ſpruͤet.

Die
[608]Das Zwoͤlffte Buch.
Die augen funckelten im kopffe/ gleich wie flammen.

Wie/ wenn ein ſtier wil gehn mit anderen zuſammen/

Macht er ein groß gebruͤll/ verſucht mit beydem horn/

Wie grimmiglich er wil beweiſen ſeinen zorn/

In dem er ungeſtuͤm laͤufft wider ſtock und eiche/

Und machet in die lufft vergebne ſpruͤng und ſtreiche/

Und uͤbet ſich zuvor zum kuͤnfftgen kampff und ſtreit

Mit ſcharren in dem ſand und wilder grimmigkeit.

Eneas/ welcher mit den muͤtterlichen waffen

Viel thaten allbereit hat ruͤhmlich koͤnnen ſchaffen/

Schaͤrfft unterdeſſen auch nicht minder ſeinen muht/

Und hub zu duͤrſten an nach ſeines feindes blut

Mit ſelbſterwecktem zorn/ erfreuet/ daß der friede

Ihm angeboten wurd/ und maͤnniglich war muͤde

Des allgemeinen kriegs/ der nunmehr ſolte ſeyn

Durch ſonderbaren kampff geſtellet gaͤntzlich ein;

Bald troͤſtet er ſein volck die Troer/ dann ingleichen

Den lieben ſohn Aſcan/ als welcher zu erbleichen

Fuͤr truͤben unmuht ſchien/ und ſeines vaters leid

Empfinden ſelber muſt mit ſehwerer traurigkeit.

Der fuͤrſt hielt ihnen fuͤr/ daß nach der goͤtter willen

Er wuͤrde ſiegen ob/ und alle ſpruͤch erfuͤllen

Der prieſterlichen zunfft/ und hieß durch treue leut

Dem koͤnig bringen zu beſtaͤndigen beſcheid/

Und ſchicken ein bericht von den verlauffnen ſachen/

Mit was bedinge man haͤtt friede wollen machen.

Es war der tagefuͤrſt kaum wieder aus dem meer

Mit ſeinem lichten ſchein und pferden kommen her;

Da
[609]Das Zwoͤlffte Buch.
Da machten beyde heer zu foͤrdern diß gefechte/

Den kampffplan bey Laurent der groſſen ſtadt zu rechte/

Und maſſen ab den raum/ und machten mitten dar

Den Goͤttern beyder theil von waſen ein altar

Und einen herd darauff: Die herold einhergiengen

Mit leinen roͤcken an gethan und umb ſich hiengen

Das opfferzeug nach brauch/ mit kraͤntzen auch geziert

Von eyſen kraut/ wie ſichs beim opfferdienſt gebuͤhrt/

Das Troerheer zog fort/ und gieng in groſſer menge

Mit langen ſpieſſen außgeruͤſtet mit gedraͤnge

Zum thor hinein/ darnach zog das Trojaner heer

Und der Tyrrhener hauff mit mancherley gewehr

Gewapnet/ anders nicht/ als wenn ſie ſolten gehen

In ſtreit und vor dem feind bereit und fertig ſtehen

Immittelſt ſahe man die oberſten bekleidt

Mit gold und koͤſtlichem gewand/ die auff der ſeit

Herritten freudiglich: Als nun wurd außgeblaſen/

Daß ſich ein jedes theil ſolt ruͤſtig finden laſſen

An ſeiner ſtell und ort/ da ſteckten auff dem plan

Sie ihre ſpieſſe tieff ins erdreich/ lehnten dran

Die ſchilder nach der reyh. Es kamen da mit hauffen

Die weiber und geſind/ auch maͤnner horgelauffen/

Die wehrloß ſchwach und alt/ begierig zu zuſehn/

Wies mit dem zwey kampff her-im felde wuͤrdte-gehn.

Sie hatten thuͤrn und dach der haͤuſer eingenommen;

Auch waren etliche hoch auf die thoren kommen.

Die Juno aber ſchaut von einem huͤgel her/

Der ſeinen namen hat von volck der Albaner.

Q qZur
[610]Das Zwoͤlffte Buch.
(Zur ſelbten zeit war er ohn nahmen/ ruhm und ehre)

Und ſah den kampffplan an und beyde kriegesheere/

Wie auch des koͤnigs ſtadt/ da redte ſie alsbald

Des Turni ſchweſter an: Juturna/ die gewalt

Hat uͤber fluͤß und ſee/ (der Jupiter verletzte

Ihr ihre jungfrawſchafft/ deßwegen er ſie ſetzte

In ſolchen ehrenſtand) o nimpffe/ die du biſt

Der fluͤſſe zier und ſchmuck/ die mir erkohren iſt.

Zu meines hertzens luſt:Du weiſſeſt/ welcher maſſen

Fuͤr allen weibern ich dich mir gefallen laſſen

Und fuͤrgezogen hab. So viel der Jupiter

Beſchlaffen jemals hat/ der mir macht groß beſchwer/

Und wie ich gerne dich in himmel eingenommen/

Und du an einem theil die Gottheit haſt bekommen.

Derhalben lerne doch dein eigen hertzeleid

Erkennen/ daß dir ſteht obhanden dieſer zeit

Und gib mir nicht die ſchuld hernach/ wenn dus verſehen/

Und dir nach deinem wuntſch und ſinnen nicht wil gehẽ.

So weit die Goͤttinnen des lebens nachgeſehen/

Und das geluͤck es hat ſo laſſen hin geſchehn;

Daß dem Latinervolck gelingen ihre thaten/

Hab ich die ſtadt beſchirmt und Turno eingerahten.

Nun aber weil ich ſch den jungen held im ſtreit

Mit einem/ der am gluͤck und gunſt der Goͤtter weit

Ihm uͤberlegen iſt/ und immer naͤher koͤmmet

Die zeit und friſt/ ſo ihm vom himmel iſt beſtimmet/

Und das ſo ſtrenge recht der Goͤtter ruͤckt herbey/

So muß ich fuͤr dem ſtreit und buͤndnuͤß tragen ſchew/

Die
[611]Das Zwoͤlffte Buch.
Die auffgerichtet wird/ und kan es nicht anſehen/

Wiees in dieſem kampff dem Turnus wird ergehen:

Wo du nun wilſt fuͤr ihm/ als deinem bruder/ ſtehn/

So magſt dus kuͤhnlich thun und nur geſchwinde gehn;

Es wil geziemen dir; Vielleicht iſts baß getroffen/

Als daß ihr armen leut es haͤttet doͤrffen hoffen.

Die Juno hatte kaum dis wort recht außgeſagt/

Da die Juturna das mit thraͤnen ſohr beklagt/

Und ſchlug an ihre bruſt mit ach und jammerklagen.

Es iſt nun keine zeit/ fieng Juno anzuſagen/

Zu weinen; Eile doch/ und rette/ wo du haſt

Ein einig mittel noch/ den bruder/ der itzt faſt

Dem tod in rachen iſt; Doch oder bring zuwegen/

Daß ſie ſich beyderſeits in ſtreit zu ſelde legen/

Und ſchaffe/ daß der bund ſich wiederumb zerſchlag/

Und komme nicht zu werck der newliche vertrag.

Drum wag es auf mein wort: Als ſie nun ſolcher maſ-

Sie angereitzet hat/ hat ſie ſie ſtehen laſſen (ſen

Und iſt gegangen weg. Sie aber kunte ſich

In ihren ſinnen nicht begreiffen eigentlich/

Was ſie beginnen ſolt/ und war in ihrem hertzen

Beſtuͤrtzet und verwirrt mit ſchwerem leid und ſchmertzẽ.

Immittelſt zogen auf die koͤnige mit macht

Aus ihrer lagerſtatt/ und hatten auffgebracht

Ein ſchoͤn ſtaffiertes volck: Latinus kam getragen

Mit groſſer majeſtaͤt auf einem ſchoͤnen wagen/

Vier roſſe giengen dran/ trug eine guͤldne kron

Mit hellen ſtrahlen auff/ weil er der enckel ſohn

Q q 2Der
[612]Das Zwoͤlffte Buch.
Der lichten ſonne war; Der Turnus kam gefahren

Auf einem wagen her/ daran geſpannet waren

Zwey ſchoͤne weiſſe roß/ und truge zweene ſpieß/

Die er mit eiſen forn ſehr breit beſchlagen ließ.

Der theure Troerfuͤrſt kam gleichfalls angezogen/

Und hatte mit dem heer zur ſeite ſich gebogen/

Der als ein ſtammherr hat des Roͤmſchẽ reichs verdient/

Daß ſein gedaͤchtnuͤß ſtets mit ruhm und ehren gruͤnt.

Derſelbe hatte ſich geruͤſtet aus mit waffen/

Die ſeine mutter ihm die Venus kunte ſchaffen (ſchoͤn/

Durch des Vulcani hand: Der ſchild blinckt gleich ſo

Als Titans heller ſchein/ wenn man ihn ſichet ſtehn

Am heitern firmament. Iuͤlus/ welcher neben

Dem frommen vater gieng/ die andre hoffnung eben

Des groſſen Roͤmer reichs: Da kam ein prieſter auch/

Mit einem leinen rock bekleidet nach gebrauch/

Darbringend eine brut von einem borſtgem ſchweine/

Deßgleichen auch ein ſchaaff/ das unbeſchoren/ reine

Und ohne mangel war/ und fuͤhrten beyde ſie

Zum brennendem altar/ als gutes opffervich.

Sie wandten ihr geſicht/ da wo ſich Titan zeiget

Des morgens wiederumb/ und aus dem meere ſteiget;

Sie ſprengten ſelber ein das ſaltzmehl nach gebrauch/

Und ſtrichen uͤberhin die ſtirn und ſchnitten auch

Die haare darauff ab/ und goſſen aus der ſchale

Den wein auff den altar zum heilgen opffermahle;

Da hielt der fromme fuͤrſt Eneas in der hand

Sein bloſſes ſchwerdt und ſich zum hohen him̃el wandt/

Und
[613]Das Zwoͤlffte Buch.
Und betet folgender geſtalt: Ich ruff zum zeugen

Den printz der ſternen an/ die ſonne/ die ſich neigen

In meine bitte woͤll/ und dieſes gantze land/

Umb deſſen willen ich ſo manchen harten ſtand

Gehabt und ſo viel muͤh und noht erdulden koͤnnen:

Und du/ Gott Jupiter/ ſey zeug in dem beginnen/

Was ich mir nehme fuͤr; Und du/ o Koͤnigin

Der goͤtter Juno du/ laß endlich deinen ſinn

Durch ſanfftmuht milder ſeyn: Auch du/ o Gott der krie-

Der du gewalt und recht haſt uͤber alle zuͤge/ (ge/

Und giebeſt gluͤck und ſieg/ ich ruff zu zeugen an

Die brunnen/ baͤche/ ſtroͤm/ ja alles was ich kan/

Die Goͤtter alleſampt im himmel und auf erden/

Die recht und unſchuld nicht zuſchanden laſſen werden:

Es hoͤre mich das meer/ das naſſe wunderfeld/

Das Gott Neptun mit macht regieret und erhaͤlt:

Wo Turnus etwan ſolt in dieſem kampff gewinnen/

So ſol aus dieſem land das Troervolck von hinnen

Ziehn in Evanders ſtadt; Deßgleichen ſol mein ſohn

Iulus ziehen ab aus dieſem land davon/

Und ſollen ſich hernach die Troer nicht empoͤren/

Noch dieſes koͤnigreich mit heeresmacht verſehren

Noch zwacken; Aber ſo uns Mars wird gnaͤdig ſeyn

Und (wie ich vielmehr hoff und bitte) ſieg verleyhn;

So wil ich weder das von Italern begehren/

Daß ſie dem Troervolck gehorſam ſollen ſchweren/

Noch mich anmaſſen je der koͤniglichen macht/

Die beyden voͤlckern/ die man billich haͤlt in acht/

Q q 3Umb
[614]Das Zwoͤlffte Buch.
Umb daß ſie keiner kan mit kriegsmacht uͤberwinden/

Die ſollen ſich hinfort mit gleichem recht verbinden

Und ewigfeſter treu: Ich wil mir nur allein

Die Goͤtter meiner ſtadt zu fuͤhren fuͤr mich ein

Behalten haben vor/ des Gottesdienſts zupflegen:

Mein ſchwiegervater mag dem feind ſich widerlegen

Und fuͤhren das gewehr: Er ſol das reich und rath

Behalten wie zuvor: Mir ſollen eine ſtadt

Die Troer bauen auff/ dieſelbe will ich nennen

Laͤvinium. Alſo beſchwur mit heilgen ſinnen

Eneas den vertrag: Darauff alsbald geſchach/

Daß ihm Latinus auch ſo eben folgte nach/

Sah auch gen himmel auf und hub empor die rechte.

Diß eben ſchwer ich dir bey dieſem zweygefechte/

Und ruff den himmel/ erd und meer zu zeugen an/

Auch dem zweyfachen ſtamm ſey dieſer ſchwur gethan/

Apollo und Dian/ die von Laronen kommen/

Bey Janos ebenfalls/ von dem man har vernommen

Daß er zwo ſtirnen hab/ ja bey der hellſchen macht

Und Plutons heiligthum (da wo die duͤſtre nacht

Sich ſtrecket weit und breit: Es hoͤre meine rede

Der groſſe Jupiter/ der alle bund und vhede

Mit ſeinem donerknall befeſtigt und bewehrt/

Ich ruͤhr das feuer an und heilgen altars herd/

Und ruff zu zeugen an die in geſampte Goͤtter/

Die fuͤr den frommen ſtehn als ſtarcker ſchutz und retter:

Es ſollen meine leut das volck der Italer

Auffloͤſen dieſen bund und frieden nimmermehr;

Es
[615]Das Zwoͤlffte Buch.
Es mag auch/ wie es woͤll/ aus ſchlagen mit den ſachen/

Sol mich doch keine macht davon abwendig machen

Mit willen nimmermehr: Nein/ wenn auch ſolte gleich

Bedecken eine fluth das erdenland und reich/

So/ daß kein unterſcheid ſey zwiſchen meer und erde/

Und die geſtirnte lufft vermiſchet wieder werde

Mit vorger finſternuͤß und duͤſtrer mißgeſtalt.

Schau dieſen ſcepter an/ der als verdorrt und alt

Wird ſprieſſen nimmermehr herfuͤr und ſchatten geben/

Weil er gehauen iſt vom ſtamm/ und weder leben

Noch krafft zu wachſen hat: Er war ein baum vorhin;

Nun aber hat ihn ſchon des kuͤnſtlers kluger ſinn

Und hand gefaſſet ein den koͤnigen zufuͤhren

Und deren regiment zu zeigen und zu zieren.

Mit dieſen worten wurd beſtaͤttiget der bund

In gegenwart der ſtaͤnd auff gnungſam ſtarcken grund.

Drauf wurd dem opffervieh nach alten brauch und ſttten,

Ehe man es legt auffs feur/ die gurgel abgeſchnitten:

Man nam das eingeweyd/ weil noch in ihnen war

Das leben/ und trugs weg und legts auff den altar.

Allein den Rutulern beduͤnckte diß gefechte

Vorlaͤngſt/ es gienge zu ohn gleich getheiltem rechte/

Und war ihr ſinn verwirrt mit manchen boͤſen wahn/

Und ließ die ſache ſich zum auffruhr ſehen an/

Und diß uͤmb deſto mehr/ dieweil ſie ſahen ſtehen

Von leibe nicht ſo ſtarck den Turnus beym Eneen:

Der Turnus ſtaͤrcket ſie in dieſem ihren wahn

Da er ſo ſtille trat herein auff freyen plan/

Q q 4In
[616]Das Zwoͤlffte Buch.
In dem er das geſicht ſchlug nieder zu der erden/

Und ehrte den altar mit niedrigen gebaͤrden:

Auch ſeiner jugendzier/ und daß er war ſo bleich/

Vermehrte dieſen wahn/ der kampff waͤr gar nicht gleich.

So bald Juturna nun die ſchweſter Turni merckte/

Daß ſolche red und ſinn nur mehr die hertzen ſtaͤrckte/

Und das gemeine volck zu glaͤuben itzt begann/

Trat ſie inunitten in das heer auf offnen plan/

Und hatte die geſtalt Camertis angenommen/

Der von den ahnen her aus hohem ſtamm gekommen/

Und ſeines vaters nahm war wegen tapfferkeit

Beruͤhmt/ er ſelber auch verſucht in manchem ſtreit;

Auf ſolche weiſe trat ſie mitten untern hauffen/

Und wuſte wol wie ſie befoͤrdern ſolt das rauffen

Und newe ſchlaͤgerey/ ja wie die ſache waͤr

Zu greiffen liſtig an/ daß des Latini heer

Die Troer wiederumb anfiengen zu bevheden:

Sie ſprenget hier und da aus manche boͤſe reden.

Ihr Rutuler/ (ſagt ſie) habt ihr aus ewrem ſinn

Verbannet alle ſcham? Wo dencket ihr doch hin?

Wolt ihr ſo liederlich eins eintzeln menſchen leben

Fuͤr euch ſo brave leut in ſchnoͤden tod hingeben?

Sind wir dem Troerheer an anzahl nicht baſtant?

Iſts denn mit unſrer macht und muht ſo ſchlecht bewand?

Schaut! alle Troer und Arcadjer ſind zugegen

Wie auch der Tuſcerheer/ ſo des Mezenti wegen

Auf Turnum iſt ergrimmt; Sie doͤrffen ziehn nicht fort/

Wenn ſie es thaͤten nicht auff ihrer Goͤtter wort

Und
[617]Das Zwoͤlffte Buch.
Und ernſtlichen befehl. So viel ihr ſind zugegen

Der feinde/ ſind ſie doch an anzahl und vermoͤgen

Bey weitem uns nicht gleich: Wenn jeder ſeinen mann

Von uns ſchon nehme fuͤr zu treffen auff den plan;

So wuͤrden unſrer viel doch nicht zu ſchlagen kommen:

Er zwar wird fahren hin von goͤttern auffgenommen/

Der ihnen ſich ſtellt ein zum opffer fuͤrm altar/

Und giebet ſich fuͤr euch in zweykampff und gefahr.

Ihm zwar wird wol geſchehn/ und wird geruͤhmet werdẽ/

So lange tugend gilt auf dieſem kreyß der erden.

Wir aber kommen umb das liebe vaterland/

Darinne wir gelebt in ruh und ehrenſtand/

Und werden/ die wir hier zu felde muͤßig ligen/

Uns muͤſſen unters joch der frembden herrſchafft biegeu.

Durch ſolche reden ward der jungen leute wahn

Nunmehr und mehr entzuͤndt/ und gienge ſtaͤrcker an

Das murmeln in dem heer/ die bloͤden Laurentiner

Und der Latinervolck die wurden itzo kuͤhner/

Und anders weit geſinnt/ und hoffeten nunmehr

Zu kommen von dem krieg und leidigen beſchwer/

Damit ſie wiederumb in ihrem vaterlande

Sich niederſetzeten mit gutem friedenſtande.

Nun koͤmmet ihnen luſt zu fechten wieder an/

Und wollen alleſampt friſch ſtehn fuͤr einem mann/

Und wuͤntſchen/ daß der bund waͤr ungemacht geblieben/

Hingegen klagten ſie/ daß Turnus trug belieben

Zu halten einen kampff/ und wolten/ daß ſein ſtand

Mit beſſerem geluͤck und hoffnung waͤr bewand/

Q q 5Ju-
[618]Das Zwoͤlffte Buch.
Juturna aber that ein groͤſſer abendthewer/

Das hatte mehr auf ſich/ als opffer/ vieh und fewer/

Und war viel kraͤfftiger zu regen hertz und ſinn:

Sie ließ ein zeichen ſehn von hoher hinunels zinn/

Durch welches ſie das heer der Italer ſo kraͤfftig

Verwirret und verfuͤhrt/ ſo ſehr ſie war geſchaͤfftig/

Und keines beſſer halff. Ein rohter adeler

Kam aus der hohen lufft an ſtrand geflogen her/

Und triebe voͤgel auf/ die nemblich ſchwaͤne waren

Und welche flogen bey dem ſtrand mit groſſen ſchaaren

Und hefftigem geraͤuſch; Da ſchoß er aus der hoͤh

Gantz unverdroſſen her und ſchwung ſich an die ſee/

Ergreiffend einen ſchwan mit ſeinen krummen klawen/

Der groß und trefflich war und wuͤrdig anzuſchauen.

Das volck der Italer hub die gemuͤhter hin

Und ſah das wunder an mit unverwandtem ſinn:

Da wandten ſie ſich aus der flucht zuruͤcke wieder

(Ein wunder anzuſehn!) mit rauſchendem gefieder/

Und machten dunckel faſt das auge dieſer welt/

Die ſonne/ da ſie ſich zuſammen dicht geſtellt/

Und ſetzten in der lufft dem feinde zu ſo lange

Bis ihm durch groſſe macht der ſchwaͤne wurde bange/

Und durch die ſchwerigkeit ermuͤdet lieſſe nach/

Daß ihm fiel dieſer raub hinunter in die bach;

Da ſchwung er ſich hinauff/ da wo die wolcken ſchweben/

Darob die Rutuler ein groß geſchrey erheben

Und nahmen an fuͤr gut dis zeichen hocherfreut/

Und griffen wieder an die waffen ungeſcheut.

Da
[619]Das Zwoͤlffte Buch.
Da war Tolumnius/ der fieng erſt an zu ſtreiten

Fuͤr allen anderen und kunt die zeichen deuten.

Das/ das (ſagt er) war es/ das ich ſo offt und viel

Gewuͤntſchet/ das mein ſinn ihm hat geſteckt zum ziel.

Ich nehm dis zeichen an/ und wil darbey erkennen/

Daß uns die Goͤtter noch ein gutes gluͤcke goͤnnen:

Auf meinem raht ergreifft/ ihr burſche/ das gewehr!

Der ſchnoͤde frembdeling ſol uns nicht ſchrecken mehr/

Wie ſchwache voͤgelſchaar/ mit krieg und rauberwaffen/

Der ewer land verheert/ und alles wil wegraffen

Mit trotziger gewalt. Er wird bald abeziehn/

Und auff dem meer davon mit ſchnellen ſegeln fliehn;

Thut euch zuſammen dicht mit wollvereinten ſinnen/

Und dencket wiederumb den koͤnig zu gewinnen/

Der euch geraubet wird/ gleich wie dort jener ſchwan

Vom adler/ nehmet euch des Turni tapffer an.

Mit dieſem lieff er vor/ und ließ mit gantzen kraͤfften

Abgehen einen ſpieß den feinden eins zu hefften;

Derſelbe floge fort und brauſte durch die lufft

Gewiß zu treffen an/ geſtalt der ſchuͤtze hofft;

So bald der ſpieß nun fuhr geſchwungen aus den haͤndẽ/

Erhub ſich ein geſchrey der kriegsleut aller enden/

Das fußvolck/ welches dicht beyſammen ſtund/ wurd irr

Und maͤnniglich entbrandt im zorn durch dis gewirr:

Der ſpieß koͤmpt fliegend an/ da wo neun bruͤder ſtundẽ/

Die alleſampt gleich ſchoͤn und einig ſich verbunden:

Es hatte ſie gezeugt Gilipp ein Arcader

Von einem eingen weib/ die buͤrtig kommen her

Aus
[620]Das Zwaͤlffte Buch.
Aus der Tyrrhener land die war ſein treuer gatte/

Derſelben einen/ der ſehr blancke waffen hatte/

Und in dem hauffen war der ſchoͤnſte juͤngeling/

Traff dieſer ſchnelle ſpieß immitten/ wo ihm gieng

Das guͤrtel umb den leib/ da man am beyden ende

Des guͤrtels fuͤget ein den hefft/ und fuhr behende

Ihm durch die rippen hin/ und ſtreckt ihn in den ſand/

Da das die bruͤder ſehn/ als kerl von ſtarcker hand

Und unerſchrocknem muth in ſolcher zahl und reyhe/

Ergrimmeu ſie im zorn aus bruͤderlicher treue:

Derhalben zuͤcken theils den ſcharff gewetzten ſtahl/

Theils griffen zu dem ſpieß/ und fallen allzumal

Gantz unbeſonnen zu: An dieſe kommt gelauffen

Der Laurentinervolck/ die Troer auch mit hauffen

Wie eine waſſerflut/ dick von der ſeite her/

Zu dieſen ſchlaͤget ſich das volck der Thuſcier.

Wie anch die Arcader mit den gemahlten waffen

Und ſchilden/ da ſah man/ wie ſie ſich fort zu raffen

Befliſſen thurſtiglich/ ſie hatten dergeſtalt

Zu fechten alle luſt/ und fuhren mit gewalt/

Zerriſſen den altar: Es flogen pfeil und ſpieſſe

In ungebaͤhnter lufft mit haͤuffigem geſchieſſe/

Und fielen dann herab gleich wie ein wetterguß

Und ungeſtuͤmer ſturm von eyſen und geſchoß.

Sie nehmen vom altar das zeug zum opffermahlen

Die becher/ die geſchirr und die verguͤldte ſchalen;

Sie laſſen auch das feur nicht auf den heilgen herd/

Es wird das heiligthumb entheilget und verſchrt.

La-
[621]Das Zwoͤlffte Buch.
Latinus flohe ſelbſt und fuͤhrete die Goͤtter

Zur ſtunde wieder heim aus dieſem krieges wetter/

Die mit zubrochnem bund beleidigt waren ſehr/

Es gienge wiederumb der ſtreit gar grimmig her.

Es ſpannten etliche die pferde vor den wagen/

Und wolten mit dem feind ſich auch im felde jagen/

Doch oder huben ſich mit einem ſprung auffs pferd

Und ritten zu geſchwind mit ſchnell gezuͤcktem ſchwerd.

Meſſapus trug begier den neuen bund zutrennen/

Und fieng mit ſeinem pferd an ſporenſtreichs zu rennen

Auff den Auleſten zu dem Koͤnig aus dem land

Hetrurien/ der trug ein Koͤniglich gewand

Und zeichen ſcines ſtands/ als nemblich eine binde

Umbs koͤnigliche haupt/ er wiche gantz geſchwinde/

Und fiel der arme kerl den altar uͤberher/

Auf ſeinen kopff und hals mit ſchmertzen und beſchwer/

Meſſap rennt grimmiglich hinzu mit ſeinem ſpieſſe/

Der einem balcken gleich und ihn darnieder ſtieſſe

Hoch von dem pferd herab/ unangeſehn/ daß er

Umb lebensfriſtung bat und gnad erbaͤrmlich ſehr.

Da hat er ſeinen reſt/ das hat er wollen haben!

(Sagt er) den Goͤttern iſt aus allen opffergaben

Diß beſſer/ ihnen ſol dis opffer ſeyn geſchlacht.

Die Welſchen lieffen zu/ als er ſo uͤmbgebracht/

Und pluͤnderten ihn/ da in ihm noch war ein leben/

Ebuſo/ welcher kam dem Chorinæus zu geben

Ein gutes hinders ohr/ kam dieſer vor behend

Nahm einen brand und ſtieß ihn mit dem feurgen end

Ins
[622]Das Zwoͤlffte Buch.
Ins angeſicht/ daß ihm der bart fieng an zu brennen

Gantz lichterloh/ und da er brandte/ ward man innen/

Daß er gab einen ruch/ gleich wie ein braten pflegt;

Der Chorineus fuhr fort und grimmiger ſich regt

Entgegen ſeinem feind/ der ſtutzig und beſtuͤrtzet/

Weil er ſo uͤbel war geputzt und abgewuͤrtzet;

Faſt mit der lincken hand ihm ſeine lange haar/

Setzt ihm auff ſeine bruſt das knie/ und hielt ſo gar

Ihn feſt zur erde/ daß er ſich nicht kunteregen/

Stieß in die ſeite drauff ihm ſeinen harten degen.

Der Podalirius verfolgt mit bloſſem ſchwerdt

Den Alſum/ der ein hirt/ und keines wegs ſich kehrt

Ans ſchieſſen/ der da forn im treffen ſich einlieſſe

Mit groſſer ungeſtuͤm/ und durch die pfeil und ſpieſſe

Mit vollem raſen lieff/ und nunmehr war daran/

Daß er ihn itzo wolt erſtoſſen auff dem plan/

Da hub der Alſus auf die axt und hieb die ſtirne

Und kinn ihm mitten durch/ daß greulich das gehirne

Und blut die waffen netzt: Den zwang ein harte ruh

Und eyſen-feſter ſchlaff: Er that die augen zu/

Zu ſchlaffen eine nacht/ die immer waͤhrt ohn ende;

Eneas aber ſtreckt empor die bloſſen haͤnde/

Stund mit entbloͤſtem haupt/ und redt den ſeinen zu/

Daß ſie doch moͤchten ſtehn und halten fried und ruh.

Wie lanffet ihr ſo zu (ſagt er) was zanck und ſtreiten

Erhebt ſich unter euch/ was ſol doch das bedeuten?

Ach zwinget euren zorn! der bund iſt ſchon gemacht/

Und alle puncten ſind mit gutem vorbedacht

Ge-
[623]Das Zwoͤlffte Buch.
Geſchloſſen und verfaßt: Ich wil krafft aller rechten

Mit meinem widerpart allein im felde fechten.

Laſt mich/ ſeid unbeſorgt: Ich wil mit meiner hand

Befeſtigen den bund/ bleibt itzt an ewrem ſtand.

Es muß ſich Turnus doch/ vermoͤge heilger pflichten/

Die er hat laſſen itzt ſo ſchaͤnden und vernichten/

Bequemen zu den ſtreit/ nnd ſtehen mir allein.

In dem er ſolches redt/ und lieffe mitten ein;

Da kam her auf dem feld ein ſchneller pfeil geflogen/

Und wuſte keiner nicht/ von weſſen hand und bogen

Er abgeſchoſſen war/ wer dieſer mann moͤcht ſeyn/

Der ſolche groſſe krafft dem pfeil koͤnt druͤcken ein?

Wer den Rutulern doch ſo groſſen ruhm und ehre

Gaͤb/ ob er ohngefehr geſchehen etwan waͤre/

Doch oder durchs geſchick und weiſen Goͤtter rath;

Es wurde nun vertuſcht die ehre dieſer that/

Und wolte niemand wo/ daß er den tapffern helden

Verwundet haͤtte/ was von dieſer tugend melden.

Als Turnus ſiehet/ daß Eneas aus dem feld

Entweichet/ und nicht mehr bey ſeinen voͤlckern haͤlt/

Und deſſen oberſten ſich ſelber drob entſetzen/

Da denckt er ſeinen muht begierlich außzuwetzen/

In hoffnung/ groſſe ding und thaten zu begehn/

Da muͤſſen friſche pferdt ihm alsbald fertig ſtehn/

Zeucht ſeine ruͤſtung an/ und ſchwingt ſich auf den wagen

Mit einem ſchnellen ſprung und freudigen behagen/

Regiert den zuͤgel ſelbſt/ nimpt manchem tapffern mann

Das leben in der fahrt/ und tobet auff dem plan/

Viel
[624]Das Zwoͤlffte Buch.
Viel weltzet er halb todt/ viel quetſcht er mit dem wagen/

Auch vielen/ die ſich ſtracks von ihm weg lieſſen jagen/

Reiſt er von haͤnden weg die waffen/ pfeil und ſpieß/

Und ſie denſelbigen hernach in ruͤcken ſtieß.

Wie wenn der grimme Mars mit blutigem beginnen

Nimmt einen feldzug fuͤr viel beuten zu gewinnen/

Bey Hebrus kalten fluß/ mit ſchilden thoͤnt und brauſt/

Und ſeine pferde treibt mit ungeſtuͤmer fauſt.

Da pflegen ſie ſich ſchnell im felde zu erheben

Und koͤnnen ſuͤd und weſt mit lauffen uͤberſtreben;

Von ihren huffſchlag thoͤnt das gantze Thracien/

Man ſtehet furcht/ zorn/ grimm und liſt fuͤr ihm her gehn.

Das iſt das ſchreckliche und grewliche geleite/

Das in dem kriege hat der Mars an ſeiner ſeite.

Auff ſolche weiſe trieb der Turnus freudiglich

Die pferde mitten in dem ſtreit und uͤbte ſich;

Daß beydes roß und mañ fuͤr ſchweiß und hitze rauchtẽi

Und mit entbrandtem ſchnauff fuͤr mattigkeit kaum

Er jagt erbarmlich her auf die erſchlagnen zu/ (hauchtẽ.

Und ließ die todten auch nicht haben ihre ruh.

So gar/ daß ſeine pferd mit ungeſtuͤmen fuͤſſen/

Sich netzten mit dem blut/ und tropffen fallen lieſſen/

Vnd war das dicke blut getreten in den ſand/

Das anzuſehen war ein jaͤmmerlicher ſtand.

Er hatte manchen nun erlegt/ theils mit dem ſchwerdte/

Theils mit dem ſpieß und pfeil gefaͤllet zu der erde/

Als nemblich Thamarim und Polim fuͤr der fauſt

Den Stenelum von fern/ auf den der ſpieß ſehr brauſt/

Und
[625]Das Zwoͤlffte Buch.
Und ihm das leben nahm. So haben auch das leben

Imbraſi beyde ſoͤhn erſchoſſen auffgegeben/

Die er zog ſelber auff im lande Lycien/

Und ſie mit gleicher wehr und ruͤſtung hat vorſehn/

Und außſtaffiert zum krieg/ entweder daß ſie ſolten

Zu fuſſe ziehen fort/ doch oder/ ſo ſie wolten

Zu roſſe ſeyn bedient: Da ihre pferde dann

So ſchnell ſich huben weg/ daß ſie auf freyem plan

Den winden lieffen fuͤr: Auff einer andern ſeite

Wagt ſich Eumedes friſch immitten in dem ſtreite/

Da er am ſchaͤrffſten war; Ein wolbehertzter ſohn

Des edlen Dolons/ ſtrebt nach einem ehrenlohn/ (te/

Und nach des nahmenszier dem Großherrn vater gleich-

Allein des vaters ruhm mit muht und fauſt erreichte/

Der ehmals ſich erkuͤhnt zu fodern ihm zu lohn

Achillis pferdt/ als er auff kundſchafft ritt davon

Ins Griegſche lager hin. Tydides aber ſchonet

Sein im geringſten nicht/ und ihn ſehr ſchlecht belohnet/

Diß kuͤhne wageſtuͤck/ daß er nun nimmermehr

Zu haben dieſe pferd erlangen wird die Ehr/

Als Turnus ſahe nun Eumedem in der ferne/

Da wolt er mit ihm thun ein gaͤnglein trefflich gerne;

Nahm einen leichtẽ ſpieß/ ſchwung ihn durchs weite feld/

Der fuhr mit ſchnurren hin/ und traff den kuͤhnen held;

Da hielt er ſeine pferd und ſprang herab vom wagen/

Und uͤber ihn daher ihn gaͤntzlich todt zuſchlagen/

Der halb todt war dahin gefallen allbereit/

Und ſetzt ihm auff den hals mit groſſer grimmigkeit

R rDen
[626]Das Zwoͤlffte Buch.
Den fuß/ und reiſt ihm aus der hand den blancken degen:

Als er nun keine krafft mehr hatte ſich zu regen/

Stieß er ihm durch die kehl den ſcharffgewetzten ſtahl/

Und mehrt mit dieſem wort ihm ſeine todesquaal

Sieh da/ Trojaner du/ das land/ das du mit kriege

Haſt feindlich angetaſt/ iſt dieſes: Nun ſo lige

Hier ſelbſt/ und miſſ dir ab daſſelbe: ſolchen lohn

Und ſchoͤnen ehrenpreiß bekommen die davon/

Die mit dem kriegesſtahl ſich doͤrffen an mich reiben/

Ja wol ſo bauen ſie auf ſtaͤdte/ daß ſie bleiben.

Demſelben gab er zu den Buten zum geleit/

Den er mit einem ſpieß traff in die weiche ſeit/

Zu dieſem that er noch funff tapffre rittersleute/

Die er dem Tod und ihm macht zu beliebter beute/

Den einẽ ſtuͤrtzt das pferd/ das wild und ſchuͤcht ern war;

Doch waren ſie zu gleich in einerley gefahr.

Wie/ wenn der nordwind auff dem hohen meere brauſet/

Und nach dem ſtrande zu die wellen treibt und ſauſet

Wo ſich kehrt alsdann hin der ungeſtuͤme wind/

Da fliehn die wolcken auch am himmel hin geſchwind:

So wichen allerwegs dem Turno gantze hauffen/

Ja faſt das gantze heer wolt endlich gar entlauffen;

Der ungehaltne muth trieb ihn fort ohn verzug/

Und da die pferde ſchnell getrieben worden/ ſchlug

Die lufft den federpuſch zuruͤck und mit ihm ſpielte/

Der Phegeus kunte das nicht leiden/ ſondern fuͤhlte

Nicht wenigen verdruß/ daß er ſo trotzig war/

Und darumb achtet er nicht einige gefahr/

Stellt
[627]Das Zwoͤlffte Buch.
Stellt gegen wagen ſich und haͤlt ſo feſt den zuͤgel/

Und zwar in vollem lauff gleich einem ſtarcken riegel/

Die pferde ſchaͤumeten und muſten wenden ſich;

In dem er am gebiß nun hienge trotziglich/

Da er ward mit gewalt von pferden fortgezogen/

Da koͤmmt ein ſpieß gefaßt mit breitem ſtahl geflogen/

und dringt den pantzer durch/ der ſtarck und zweifach war

Mit bleche wol vermacht/ und gieng ab ohn gefahr/

Und ritzt ihn nur in leib/ und kunte ſich noch wenden/

Und werffen vor den ſchild mit annoch ſtarcken haͤnden/

Gieng auf den feind noch zu/ und wolte ſeine ſach

Außtragen mit dem ſchwerdt und uͤben an ihm rach.

Die ungeſtuͤme Achs und rad ſtieß ihn danieder.

Da ließ ihn Turnus nicht zum ſtande kommen wieder/

War uͤber ihn ſtracks her/ hieb ihm den kopff glat ab

Der zwiſchẽ helm und krebs ſich ihm zum ſtreich bloß gab;

Da gieng er weg und ließ den ſtrumpff in ſande ligen;

Als ſich nun Turnus ſo mit kriegen und mit ſiegen

Hielt auf dem kampffplan friſch/ da brachten weg beyſeit

Meneſtheus und Achat Eneen aus dem ſtreit

Und lager ſehr verwundt und blutig: Achan gienge

Bey ihnen neben her; Eneas aber hienge

Den kopff und gieng herein ſich haltend an dem ſpieß/

War ungeduldig ſehr und ſich erbittern ließ/

Daß er ſich laͤnger nicht in felde kunte ſchmeiſſen;

Daher bemuͤht er ſich den pfel heraus zu reiſſen:

Er wolte/ man ſolt ihm zu helffen wenden an

Das nechſte mittel/ ſo man irgend haben kan.

R r 2Sie
[628]Das Zwoͤlffte Buch.
Sie ſolten mit dem ſchwerdt die wunde weiter machen/

So wehre ſchon genung gerathen zu den ſachen/

Und ſchneiden tieffer/ wo des pfeiles ſpitze hafft/

Und helffen/ daß er werd auffs nene fort geſchafft

In ſtreit: Es war nunmehr Jaͤpis angekommen/

Ein ſohn des Jaͤſi/ den Phoͤbus auffgenommen

Mit ſonderbahrer gnad/ und weil er vorger zeit

Ihm ſehr war zugethan mit lieb und freundligkeit/

Ließ er ihm ſeine kunſt/ geſchickligkeit und gaben

In harffenſpiel/ weyſſag-und ſchieſſen gerne haben.

Er aber hatte luſt zur edlen artzeney/

Und wolte wiſſen gern/ wie doch beſchaffen ſey

Der blum-und kraͤuterkrafft/ und fleißig nach ihr ſtreben/

Ob ſie ſchon kein gepral mit plaudern kunte geben/

Noch bringen groſſen ruhm/ damit er fuͤr gefahr

Des vaters leben mocht erlaͤngern auf viel Jahr/

Bey dem die hoffnung ſonſt ſchien gar gering zu werden:

Eneas aber ſtund mit hefftigen beſchwerden

An einen groſſen ſpieß ſich lehnend voller leid/

Voll unmuth und verdruß/ daß er nicht war im ſtreit.

Viel junge leute zwar und ſein ſohn Aſcan ſtunden

Umb ihn her trauriglich/ und klagtn ſeine wunden

Mit weinen und geſeufftz; Doch kehrt er ſich nicht dran:

Der artzt/ der alte man Jaͤpis angethan

Mit einem roͤckelein/ das er zuruͤck geſchlagen/

Verſuchte zwar viel dings mit zittern und mit zagen/

Geſtalt die artzte thun mit ihrer kunſt und hand/

Mit kraͤutern mancher art/ und kraͤfften mit verſtand/

Wie
[629]Das Zwoͤlffte Buch.
Wie ſie Apollo lehrt/ wolt aber nichts verfangen;

Verſucht auch mit der hand das eyſen zuerlangen:

Vergebens! Er griffs an mit einem zaͤngelein;

was halffs? kein mittel ließ das gluͤck ihm dienſtlich ſeyn

Apollo der ihm hat die kunſt zu artzeneyen

Gelehret/ kunt ihm nicht zu heilen gluͤck verleyheu/

Und gleichwol nam itzt das getuͤmmel und gelaͤrm/

Das ſchreckliche gelaͤuff/ geraͤuſch/ gethoͤn/ geſchwaͤrm

Nur weiter uͤberhand. Das ungluͤck kam gegangen/

Und war faſt fuͤr der thuͤr. Wie war es an zu fangen?

Es ſahen die/ ſo uͤmb Eneen ſtunden her/

Daß von dem dicken ſtaub die luſſt jemehr und mehr

Erfuͤllet ward/ daraus vernuͤnfftig war zu ſchlieſſen/

Es gienge ſcharff daher mit ſchlagen/ rennen/ ſchieſſen:

Die reuter flohen zu dem lager allgemach

Und fielen haͤuffilich die pfeil ins lager nach;

Man hoͤret ſchrecklich ſchreyn in dem gewuͤrg und mordẽ

Beyds welche ſchlugen tod/ und die erſchlagen worden;

Da ward die Venus durch das uͤbergroſſe leid

Eneen ihres ſohns mit weh und bangigkeit

Geruͤhret und beſtuͤrtzt. Als ſie nun ſorge traͤget/

Die ſeine mutter war/ und alles uͤberleget/

Was hierzu dienlich ſey/ brach ſie das dictam ab

Auff Creten Idensberg und ihm daſſelbe gab;

Iſt ſonſt nicht unbekand den hirſch-und wilden ziegen

Wenn ſie an einem pfeil/ der an ſie hafftet/ ligen;

Diß kraut hat rothe bluͤth/ des blaͤtter rauch und weich/

Und ſiehet/ wie man meint/ dem wilden Poley gleich.

R r 3Das
[630]Das Zwoͤlffte Buch.
Das brachte Venus nun mit dunckler wolck umbgeben/

Daß ſie unſichtbar waͤr/ und tunckts genau und eben

In ein von kupffer zu bereitet wannenfaß/

Das angefuͤllet war mit blanckem brunnen Naß/

Und gab ihm heimlich ein zu heilen ſondre kraͤffte/

That von der Goͤtter ſpeiß hinzu die beſten ſaͤffte/

Wie auch die Panace am ruch und heilſamkeit

In mancher ſeuch und ſucht beruͤhmet weit und breit.

Mit dieſer warmen fluth wuſch dieſer artzt die wunde/

Unwiſſend/ was darein gethan: alßbald zur ſtunde

Verſchwand an ſeinem leib der ſchmertzen dergeſtalt/

Daß in der wunde ſtund das blut/ und folgte bald

der pfeil des artzten hand ohn eingem zwang und drange/

Und ließ ſich ziehn heraus: Das wehrete nicht lange;

Die vorge krafft kam ihm auffs neu in ſein gebein/

Und kunte beſſer ſchier/ als vorhin/ gehu herein.

wolan! bringt her dem mañ flugs ohn verzug die waffen!

Was ſtehet ihr noch lang und wollet hier viel gaffen?

(So rieff Japis auf und war der erſte/ der

Die hertzen wiederumb ermahnte zum gewehr/

Dem feind zuwiderſtehn) diß ſind nicht menſchenkraͤffte/

Und keines artzten kunſt verrichtet ſolch geſchaͤffte;

Und meine hand hat dich/ Eneas/ nicht geheilt/

Es hat ein groͤſſrer Gott dir irgend zu getheilt

ſein huͤlff und ſondre krafft/ der als ein menſch iſt groͤſſer/

Und wircket maͤchtiger/ und hilffet dir nun beſſer/

Und wieder in den ſtreit/ zu thun noch groͤſſre werck.

Als nun der tapffre held gewonnen neue ſtaͤrck

Und
[631]Das Zwoͤlffte Buch.
Und trug zum ſtreit begier/ da zoch er an die fuͤſſe/

Die guͤldnen ſtieffelen/ drauf ſchwung er mit dem ſpieſſe:

Es daͤucht ihm allerſeits zu wider der verzug/

Und wolte gleichſam gehn mit pfeilgeſchwindem flug

Als an der ſeite war am arm der ſchild gehaͤnget/

Und an den leib genung der harniſch angedraͤnget

Umbfing er ſeinen ſohn in dieſer ruͤſtung ſo/

Und kuͤßt ihm durch den helm/ und ſagte frey und froh:

Schau! Lerne nun/ mein ſohn/ an mir in deiner jugend

Was muͤh und arbeit ſey mit froͤmmigkeit und tugend/

Lern aber das geluͤck und ſeinen unbeſtand

An andern: Nun ſol dich beſchirmen meine hand

In dieſer kriegsgefahr/ und bringen wol zu ſtande

Mit herrlichem Triumpff in neuem vaterlande.

Du aber mach es ſo/ daß du gedenckſt hieran/

Wenn du erwachſen biſt/ und wirſt/ wie ich/ ein mann.

Laß deinen vater dich und Hector deinen vetter/

Der meines vaterlands war/ weil er kunt/ ſein retter/

Zur tugend reitzen an; laß dir ihr beyſpiel ſeyn

Ein ſpiegel/ daß du offt magſt an ſie dencken fein.

Als er vermahnet hat den ſohn mit dieſen worten/

Ließ er ſich hindern nichts/ und gieng hinaus zur pforten/

Schwung einen groſſen ſpieß in ſeiner ſtarcken fauſt/

Daß/ da ſtes ſahen an/ den feinden dafuͤr grauſt

Der Autheus und Meneſth/ und die geſamten hauffen

Die vorhin waren fuͤr dem feind zuruͤck gelauffen/

Itzt eileten zugleich mit ihren oberſten

Und fuͤrſten an den feind mit friſcher krafft zu gehn

R r 4Da
[632]Das Zwoͤlffte Buch.
Da ſah man dicken ſtaub ſich auff dem feld erheben/

Da hoͤrte man die erd von ihrem traben beben.

Der Turnus ſahe ſie ankommen von der wart/

Das volck der Welſchen ſah ſie auch/ und drob erſtarrt/

Das zittern und die furcht fuhr ihnen ins gebeine/

Daß ſie erkalteten und ſtarrten/ wie die ſteine/

Juturna hoͤrets erſt erkennend das gethoͤn/

Erſchrack und wich zuruͤck/ und wolte da nicht ſtehn.

Eneas aber fleugt und fuͤhrt den dicken hauffen

Mit aller eil ins feld/ ſich mit dem feind zu rauffen.

Wie/ wenn ein ſiurmwind bricht mit ungeſtuͤm daher

Dem lande zu/ und legt ſich mitten uͤbers meer;

Da fuͤhlt der arme bawr in ſeinem hertzen ſchrecken/

Als der ſich ahnen laͤſt/ daß ſich ein wind erwecken

Und ſchrecklich toben werd. Ach leider! ſaget er/

Die winde bringen uns viel ſchaden und beſchwer/

Da werden ſie die baͤum außreiſſen in den waͤldern/

Da werden ſie das korn zerſchlagen in den feldern/

Und alles weit und breit zu grunde richten hin/

Das hat mir lange ſchon geahnt in meinem ſinn/

Da vorher weht ein wind und nach dem lande ſauſet.

Auff gleiche weiſe zeucht der Troerfuͤrſt und brauſet

Entgegen ſeinen ſeind. Die voͤlcker ziehen dicht

Zuſammen haͤuffig her: Ein jeder iſt erpicht

Zu treffen auf den feind. Thymbreus zuͤckt den degeñ/

Und kan den ſtarcken mann Oſirin niederlegen;

Meneſtheus ſchlaͤgt Archet/ Achat den Epulon/

Der Ufens wird erwuͤrgt im erſten angriff ſchon

Vom
[633]Das Zwoͤlffte Buch.
Vom Gyas/ es bleibt ſelbſt der ſchlimme zeichendeuter

Tolumaius/ der erſt ſich ſehen ließ/ als ſtreiter/

Und ſchoß den erſten pfeil auf der Trojaner heer/

Es wurd ein groß geſchrey/ es fliehn die Rutuler/

Und nehmen uͤbers feld die flucht/ das alles ſtaͤubet/

Und ſind fuͤr ſchneller furcht geblendet und betaͤubet/

Eneas aber haͤlt ſie nicht der ehrenwerth

Zuſchlagen ſelbſt und ſie verfolgen mit dem ſchwerdt.

Und moͤgen gleich zu fuß ſeyn oder roß bedienet/

Auch keinen/ der ſich mit dem ſpieß und pfeil erkuͤhnet

Zu ſchieſſen in ſeyn heer. Er ſuchet nur allein

Den Turnus/ wie er bald ſein moͤchte maͤchtig ſeyn.

Und ſahe ſich nach ihm umb in dem dicken ſtaube/

Mit ihm wil er den ſtreit angehn/ an ſeinen raube

Ergetzen ſeinen ſinn: Das macht dem fraͤuelein

Juturnen ungemach/ furcht/ knmmer/ ſorg und ſtreit;

Doch mahnte ſie ſich an und ſtieß den kutſcher abe/

Der Turnum fuͤhren ſolt/ und ihm ſo eines gabe/

Daß von der deiſtel er hinweg fiel ziemlich weit/

Und ließ ihn ligen da: Sie aber war bereit

An ſeiner ſtell und ort den zuͤgel zu regieren/

Und ihren bruder ſo/ wie ihr recht duͤncket/ fuͤhren;

War allerdinges gleich Metiſco an der ſprach

An leibs geſtalt/ manier/ wie auch den waffen nach.

wie eine ſchwartze ſchwalb/ weñ ſie fleugt hin und wieder

In eines reicheu hauß/ und ſchwebt bald auf/ bald nieder/

In dem ſie ſammelet ein wenig nahrung ein

Fuͤr ihre zwitzerend und junge ſchwaͤlbelein.

R r 5Bald
[634]Das Zwoͤlffte Buch.
Bald fleugt ſie hin und her im hauß/ das forn und hinden

Iſt offen/ laͤßet ſich bald bey den ſeen finden:

So fuhr Juturna mit den pferden durch den ſtreit

Und feinde/ kutſchte drauff mit groſſer ſchnelligkeit

Bald hie/ bald dort hindurch/ und ließ den brnder ſehen

Bald hier/ bald dort zu feld in blancken waffen ſtehen/

Der ſich ſehr frewete/ als wehrs wol aus gericht:

Sie wolte gleichwol doch durchaus geſtatten nicht/

Daß er abſonders ſich mit den Trojanern ſchluͤge/

Fuhr alſo/ daß ſie weit ſich von Eneen buͤge:

So gieng Eneas auch nicht minder in die kruͤmm

Zu kommen ihm in weg/ er lieff lang uͤmm und uͤmm/

Gieng ihm nach auff der ſpur immitten durch die menge

Der feinde/ da er ihm macht raum durch das gedraͤnge/

Daß alles ſtob und flog wie ſtaub hin in die lufft/

Er rieff mit lauter ſtimm den Turnus: Ja wie offt

Er deſſen name wahr/ und lieffe nach dem wagen/

So offt kunt anders wo ihn hin Juturna jagen/

Was ſolt er leider! thun? Er wallet fuͤr und fuͤr

In ſeinem ſinn umbſonſt mit mancherley begier/

Und fiel ihm immer ein was widrigs in gedancken/

Daß er vom erſten zweg und fuͤrſatz muſte wancken;

Meſſapus/ welcher gleich trug zweene ſchlancke ſpieß

In ſeiner lincken hand/ und hatte leichte fuͤß/

Die ſpieſſe waren dicht mit eyſen forn beſchlagen/

Erfaſſet einen ſtracks und ſcheut ſich nicht zu wagen

Auff ihm zu werffen loß/ er hoffete gewiß/

Er wolte bringen an geluͤcklich ſeinen ſpieß

Eneas
[635]Das Zwoͤlffte Buch.
Eneas ſtunde ſtill ohn alle furcht und ſchrecken

Und kunt behende ſich mit ſeinem ſchilde decken/

Buͤckt ſich ein wenig nur auffs knie/ doch ruͤhrt der ſpieß

Das oberſte vom helm/ und ihm herunter ſtieß

Den ſchoͤnen federpuſch/ der oben ſtack im kamme/

Da wurd er angefeurt von grimmer zornes flamme/

Und durch die hinterliſt gezwungen gar zu ſehr:

Als er die pferde nun ſieht immer mehr und mehr

Gehn einen andern weg/ verflucht er dieſe vhede/

Und rufft den Jupiter mit einer langen rede

Zum zeugen druͤber an/ es waͤre beym altar/

Der vorgemachte bund zertrennet gantz und gar;

Da ſiel er endlich an/ und kam in grimm gelauffen/

Immitten da der feind ſich hielt mit dicken hauffen/

Und fieng ein grimmiges gewuͤrg erſchrecklich an

Ohn allem unterſcheid gantz ſiegreich auf dem plan/

Und lieſſe ſeinen zorn den zuͤgel gaͤntzlich ſchieſſen/

So lang er kunte nur mit pfeilen und mit ſpieſſen

Die feinde raͤumen auf. was fuͤr ein Gott wil mir

Nun helffen thun bericht mit meldung nach begier

So mancherley gewuͤrg/ ſo groſſe niederlagen

So vieler helden tod und ſiege fuͤr zu tragen

Wie eins umbs andere/ bald Turnus ſieget an/

Bald der Trojaner fuͤrſt blieb ſiegherr auf dem plan/

Und ſich erherbeten mit langem ſtreit und morden/

Daß viel viel tauſend ſind im feld erſchlagen worden/

Wie hat dir moͤgen das gefallen/ Jupiter/

Daß dieſe voͤlcker nun ſo grimmig zogen her/

Sich
[636]Das Zwoͤlffte Buch.
Sich ſelbſt zu reiben auff/ und wolten nicht ermuͤden

Die kuͤnfftig ſolten ſeyn verknuͤpfft mit ewgem frieden?

Eneas/ der ſich nicht ließ lange halten auff/

Stieß einem Rutuler Sucroni in dem lauff

Den degen in die ſeit/ der durch die rippen gienge

Des hertzens zaun/ da ſich der tod kan ſchlechte dinge

Und leichtlich dringen ein: Durch dieſen ſtreit geſchach/

Daß die Trojaner erſt mit hauffen ſetzten nach/

Und hielten feſten ſtand/ die vor faſt fluͤchtig waren/

Fuͤr Sucron; Dann kam auch der Turnus hergefahrẽ/

Und ſchlug die bruͤder todt/ Dior und Amycum

Die er vom pferde riß/ da er ſtritt wiederumb

Zu fuß/ den einen mit dem umgekehrten ſpieſſe/

Dem andern in den leib die foͤrderſpitze ſtieſſe/

Und da er ihnen ab-den kopff-gehauen hat/

Hieng er ſie oben auff dem wagen/ noch nicht ſatt

Der rache/ fuͤhrte ſie mit ſich mit ſtoltzem muhte/

Die einen fernen Weg noch troffen von dem blute.

Eneas ſtuͤrtzete den Talon/ Tanain

Und tapffern Crethea in einem gange hin:

Erſchlug auch den Onyt/ der ernſthafft anzuſehen:

Den Turnus ſahe man auff zweene bruͤder gehen/

Die waren buͤrtig aus dem lande Lycien/

Wo man des Phoͤbus kirch und gegend ſiehet ſtehn;

Auch einen juͤngeling/ Menoͤtes war ſein nahme/

Der aus Arcadien zu dieſem kriege kame/

Fuͤr dem er abſchew ttug/ das doch vergebens war/

Er muſte gleichwol dran/ und dißmal laſſen haar.

Er
[637]Das Zwoͤlffte Buch.
Er war ein fiſcher/ eh er ſich in krieg begabe

Bey Lerna ſee und hat daſelbſt geringe haabe

Und armes haͤuſſelein; Dorfft aber keine pflicht

Noch hoffdienſt legen ab/ auch mißgunſt ſchewen nicht;

Sein vater bawete ein ſtuͤcke feld und acker/

Den er gemiethet hat/ und pfluͤgt ihn friſch und wacker:

Gleich wie zwey feuer angelegt in duͤrrer heyd

An unterſchiednen ort ſich ſtrecken weit und breit/

Man hoͤrt das kniſtern fern der dicken Lorbeerſtraͤuche/

Doch oder wenn herab von bergen baͤch und teiche

Mit ſchaͤumenden geraͤuſch abſchieſſen in das meer/

Da jedes was ihm koͤmpt in weg/ erſchrecklich ſehr

Verwuͤſtet und verheert. Nicht minder als die flam̃en

Und fluthen fuͤhren her auf ihren feind zuſammen

Die beyden oberſten Eneas und der Turn

Im newerregten ſtreit/ und wallete der zorn

In ihrem ſinn und muth nicht anders als die wellen/

Die manches fichtenhauß zerbrechen und zerſchellen;

Die hertzen/ welche ſich erhaͤrteten im ſtreit/

Und keines wolte hier fuͤr bittre feindligkeit

Dem andern geben nach/ die muſten gleichſam brechen

Von zorn und grimmigkeit/ und ſuchten fug zu raͤchen

Ein jeder ſeinen ſchimpff: Es ward da krafft/ verſtand

Und alle muͤgligkeit verſucht und angewandt

Zu toͤdten ſeinen feind/ und wunden anzuhefften/

Daß aus dem leibe fuhr der geiſt mit allen kraͤfften

Des lebens: Dannenher traff hier Eneas an

Mit einem groſſen ſtein den trotzigen Murran/

Der
[638]Das Zwoͤlffte Buch.
Der auf ſein alt geſchlecht und lange reyh der ahnen

Auf wappen/ ſchild und helm/ auf wagẽ/ zeug und fahnen

Viel ruͤhmens machen wolt/ und daß ſein elteren

Geweſen Koͤnige im lande Latien:

Und warff ihn uͤber halß und kopff ergrimmet abe/

Und ſtuͤrtzt ihn erdenwerts/ daß er den geiſt auffgabe;

Es giengen/ da er fiel/ die raͤder uͤberher/

Und traten erlichmal die pferde/ die nicht mehr

An ihren herren nun gedachten in dem lauffen/

Auf ſeinen leib: Da lag er greulich unterm hauffen

Zertreten und zerquetſcht; Der Turnus kam daher.

Und ſtieß dem Hilo auf/ der ſich zur gegenwehr

Stellt unerſchrocken ein/ war grimmig anzuſehen;

Ließ aber einen ſpieß gewaltig auf ihn gehen/

Und traff ihn an den ſchlaff/ daß ihm mit ſtarcken ſchuß

Der ſpieß gieng beydes durch den helm und kopff; da floß

Das blut und hirn heraus. Dein tapfferes beginnen

Und ritterliche fauſt hat gleichwol dich nicht koͤnnen/

O Creteus/ machen frey von Turni grimmigkeit;

Es hat Cupentum/ da Eneas kam in ſtreit/

Sein prieſterlicher ſtand durchaus auch nichts genuͤtzet/

Noch ihn den armen man ſein dicker ſchild geſchuͤtzet;

Er gab die bruſt ſtracks bloß. Man hat auch/ Eol/ dich

Im Laurentiner feld geſehen jaͤmmerlich

Erſchlagen fallen hin und weit die erde decken

Mit deines leibes groͤß: Es hat dich koͤnnen ſtrecken

Der tod zu boden hin: Dem keiner Griechen macht

Hat vormals obgeſiegt noch unter ſich gebracht.

Achilles
[639]Das Zwoͤlffte Buch.
Achilles ſelber nicht/ den Priams reich zerſtoͤret

Und umbgekehret hat: Dein tod war dir beſcheret

Diß mahl an dieſem ort/ hier war es mit dir aus/

An Idens berge ſtund dein hoch erbautes hauß/

Und in der ſtadt Lyrneſſ. Dein grab war auf dem grunde

Des Laurentiner felds: So gab es manche wunde

Bey dieſem friedens bruch/ und ſielen nicht allein

Die beiden Hertzogen ins volck mit wuͤrgen ein;

Es waren alle ſammt Latiner und Trojaner

Verwickelt in dem ſtreit/ das fußvolck der Tuſcaner

Meneſtheus und Sereſt das tapffre helden paar/

Meſſapus der ein mann verſucht in reiten war

Nicht weniger Aſyl ein wol behertzter ſtreiter/

Des Koͤngs der Arcader Evandri tapffrer reuter;

Ein jeder muͤhet ſich/ ſo viel er immer kan

Und wendt ſein euſerſtes vermoͤgen muthig dran.

Es ward kein einge friſt noch auffſchub hier gelitten/

Es ward mit groſſem ernſt und eiffersſucht geſtritten.

Damals gab Venus ein Eneen in den ſinn/

Daß er mit ſeinem Volck zur Veſtung kehrte hin/

Und zwar in aller eil den feinden zu erwecken

Mit ſchnellem uͤberfall ein unvorſehnes ſchrecken:

Denn als er Turnum ſucht in hauffen hier und dort/

Und ſein geſichte wand an unterſchiednen ort

Ward er der ſtadt gewahr/ daß ſie in ruhe ſaſſe/

Ohn furcht und krieges frey/ und ſeiner gantz vergaſſe/

So bald trug er begier ein wichtiger gefecht

Und ſtreit zu fahen an nach krieges liſt und recht;

Er
[640]Das Zwaͤlffte Buch.
Er lieſſe fodern fuͤr den Mneſteus und Sergeſten/

Die kapffern oberſten/ ingleichen den Sereſten/

Trat in die hoͤh/ wohin die anderen in eil

Auch lieffen haͤuffiglich/ und legten mittlerweil

Die ſpieß und ſchild nicht weg. Eneas hub die rede

Mit ſolchen worten an: Ihr wißt/ was newe vhede

Der feind uns hat gemacht: Das kein verzug nun ſey

An dem/ was ich euch wil berichten rund und frey.

Es ſtehet Jupiter bey uns der hoͤchſt im himmel

(Denn wir ja haben nicht erreget diß getuͤmmel)

Er hat genommen an den eid von unſerm mund/

Und ſeine Gottheit hat beſtaͤtiget den bund.

Weil aber nun der feind iſt bruͤchig daran worden

Und angerichtet hat auffs newe krieg und morden/

So hat er Gott erzuͤrnt/ und traͤget furcht und ſchew/

Daß ihm die ſtraffe nun nicht auf dem halſe ſey.

Ob ich nun ſchleunig zwar die ſache fuͤrgenommen/

Und euch gefodert hab hieher geſampt zu kommen;

Sol keiner darumb doch ſich zeigen traͤg und bloͤd;

Drumb gebet ferner acht auf dieſe meine red:

Wo dieſe leute nicht den ſieg uns werden goͤnnen/

Noch unſer regiment gehorſamlich erkennen:

Wil ich heut dieſe ſtadt und koͤniglichen ſitz/

Als die verurſacht hat den kriegesſturm und plitz/

Zerſtoͤren in den grund/ und machen gleich der erden/

Und ſollen die pallaͤſt gantz eingeaͤſchert werden;

Ja ich wil warten drauff/ bis Turnus trag begier

Zu gehen in den kampff/ und ſchlage ſich mit mir/

Der
[641]Das Zwoͤlffte Buch.
Der von mir vorhin ſchon iſt worden uͤberwunden:

An dieſer ſtadt hab ich/ ihr lieben Troer/ funden

Die urſach dieſes kriegs: Der kan mit dieſer ſtadt

auch finden ziel und maß. drumb thut nach meinen rath/

Und bringt flugs fackeln her mit feuer ſie zu daͤmpffen

Damit ſie kom̃en nach dem bund und nicht mehr kaͤmpf-

Hier ſchloß er ſeine red/ und der Trojaner volck (fen.

That ſich geſammt zugleich/ wie eine dicke wolck/

Und zogen dick und eng zuſammen nach den mauren;

Die buͤrger ſahens an mit zittern/ furcht und ſchauren;

Es wurden leitern angeleget zu dem ſturm/

Man ſahe brennen ſchon das feuer auff dem thurm/

Es lieffen etliche entruͤſtet zu den thoren

Da war die foͤrderſte wacht allbereit verlohren

Vnd mit dem ſchwerdt erlegt: Viel lieſſen im gedraͤng

Abgehen ſtarcke ſpieß/ und zwar in ſolcher meng/

Daß auch der lichte thron des himmels wurd erfuͤllet

Von dicker finſternuͤß und gleichſam eingehuͤller;

Eneas reckte ſelbſt die rechte hand zur ſtadt

Fuͤr allen anderen und eine ſchutzred that/

Und gab dem koͤnige Latin mit lauter ſtimme

Die ſchuld ohn bitteren und unverſoͤhntem grimme/

Vnd rufft die Goͤtter an zum zeugen heiliglich/

Man wolt ihn wiederumb erzwingen/ daß er ſich

Ließ ein in langen ſtreit: Es wehre ſchon gekommen/

Daß er zum zweitenmal die waffen angenommen/

Und die Latiner ihm die feindſchafft boͤten an/

Und waͤr der andre bund ſchon nichtig abgethan;

S ſDie
[642]Das Zwoͤlffte Buch.
Die buͤrgerſchafft kam an erſchrecken/ furcht und zagen/

Und kunten unter ſich einander nicht vertragen:

Es ſagten etliche/ man ſolte nur die ſtadt

Den Troern ſchlieſſen auff/ es waͤr der beſte raht/

Und oͤffnen thuͤr und thor. Sie zwungen auch zu gehen

Den koͤnig ſelber mit zu wall/ und da zu ſtehen:

Es griffen andre zum gewehr und eileten/

Zu ſchuͤtzen ihre ſtadt/ und auff der maur zu ſrehn.

Als wenn ein hirte hat geſuchet auf viel bienen/

Die ihm zu ſeiner luſt und nutzen koͤnnen dienen/

Und ſie in einen felß zuſammen ſcharret ein/

Und laͤſſet ihnen rauch und ſtanck beſchwerlich ſeyn:

Die bienen aber/ die ſich ihres zuſtands wegen

Beſorgen kuͤmmerlich/ und ſich nicht koͤnnen regen

Mit freyer luſt ins feld/ ergrimmen hefftig ſehr/

Und lauffen zorniglich in zellen hin und her

Der ſchwartze rauch zieht fort in ihren engen clauſen;

Da hoͤret man/ wie ſie in felſen drinnen ſauſen/

Und ſummen hefftiglich: Bis endlich allgemach

Der rauch zeucht in die lufft. Alſo auch hier geſchach/

Und gieng ſo eben zu mit den Latiner leuten/

Die matt und muͤde nicht mehr kunten tapffer ſtreiten/

Da ſie ſo uͤberfiel die ſchwere truͤbſals zeit/

Dadurch die gantze ſtadt erſchrack mit hertzeleid/

Als nun die koͤnigin Amata ſahe ziehen

Den feind ſo auf die ſtadt mit zornigem bemuͤhen/

Und daß ſie haben itzt vorhanden lerm und ſturm/

Und itzt das feuer flog hinan auff dach und thurm;

Hinge-
[643]Das Zwoͤlffte Buch.
Hingegen ließ kein volck der Rutuler ſich ſehen/

Noch Turnus fande ſich/ dem feind zu widerſtehen;

Da meint die arme fraw/ der juͤngling waͤr im ſtreit

Geblieben/ fiel geſchwind/ in groſſe traurigkeit/

Und rieff gantz uͤberlaut: Es waͤr ihr beyzumeſſen

Die urſach dieſes kriegs/ was itzund und fuͤr deſſen

Geſchehn/ und gienge fuͤr/ das waͤr all ihre ſchuld/

Sie haͤtte dis und das ſo leicht nicht thun geſollt.

Als ſie aus wahnwitz nun und vielheit des getoͤſſes/

Das ihr fuͤr ohren war/ geredet hat viel boͤſes/

Und endlich gar gerieth in volle raſenheit/

Zerriſſ ſie ihren ſchleyr und purpurfarbnes kleid.

Und weil ſie aus verdruß des lebens ſich ſtets kraͤncket/

So hat ſie ſich allein am balcken auffgehencket/

Und ſchrecklich angethan den ungeſtalten tod.

Als nun das frawenvolck dis ungeluͤck und noht

Ja tod der koͤnigin erfahren und vernommen/

Sind ſie von ſinnen faſt fuͤr groſſem leid gekommen.

Lavinia zerriß ihr ſchoͤn und gelbes haar/

Und wuſte nicht/ wie ihr geſchach/ und wie ihr war;

Zerkratzte grimmiglich die roſenrohte wangen/

Es kamen zu ihr auch die andern weiber gangen/

Die raſen eben ſo mit ſolchem grewl und grauß/

Daß davon thoͤnet gantz das koͤnigliche hauß.

Von dannen kam der ruff und ungluͤckhaffte ſage

Durch dieſe gantze ſtadt mit allgemeiner klage

Und graͤßlichem geheul: Da ſancke muth und hand/

Und war mit allem thun elendiglich bewandt.

S ſ 2Der
[644]Das Zwoͤlffte Buch.
Der koͤnig ſelber riß das kleid von ſeinem leibe/

Als er den ſchnoͤden tod erfuhr von ſeinem weibe/

Und dann berichtet ward von zuſtand und gefahr

Der ſtadt/ daß es ſo weit nun leider! kommen war;

Er wurde gantz beſtuͤrtzt und ſtarrete fuͤr ſchrecken/

Und kunte weder ſich begreiffen noch erwecken

Zum anſehn ſeines ſtands/ beſudelte das haar

Im ſtaube hin und her/ das ſehr begrawet war/

Und gab ihm ſelber ſchuld/ daß er nicht angenommen

Eneen haͤtte vor/ daß er zur heyraht kommen

Fuͤr Turno waͤre laͤngſt. Als dis nun war geſchehn/

Verfolgte Turnus noch den reſt der fluͤchtigen/

Im euſſerſten gefild/ war aber nun geworden

Was laͤßig/ traͤg und muͤd durch ſolche jagt und mordẽ;

Auch waren ſeine pferd nicht mehr ſo friſch zum lauff/

Daher war er betruͤbt/ und nicht ſo gar wol auff/

Das ſchreyen war ihm zwar mit blindem ſchrecken kom-

Vermiſchet zu gehoͤr; Doch hat er nicht genom̃en (men

Die urſach deſſen ein; Das wars/ daß er kunt ſehn

Und daraus nehmen ab/ es muͤſte ſo nicht ſtehn

Wie ers gelaſſen haͤtt/ doch muſt er zu dem lermen

Der ſehr verwirrten ſtadt und ungewoͤhnlich ſchwermen

Die ohren ſpitzen hin. Was groſſe traurigkeit/

Ach leider! (ſaget er) mag dieſe arme leut

Betruͤben in der ſtadt! Wie koͤmpt von allen ecken

Der ſtadt ein groß geſchrey? Wer hat doch ſolches ſchre-

Und ungeſtuͤm erregt? Mit dieſem zeucht er an (cken

Den zuͤgel/ und haͤlt ſtill/ nicht wiſſend wie er dran/

Und
[645]Das Zwoͤlffte Buch.
Und wie er iſt bekehrt. Als er nun ſo muß ſchweben

In tieffem zweiffelmuht/ koͤmpt ſeine ſchweſter eben

Juturna/ die vorhin verſtellt ſein kutſcher war/

Die ihn ſelbſt fuͤhrte/ daß er nicht kaͤm in gefahr/

Und redte mit ihm ſo: Mein Turne/ laß uns gehen

Hiedurch/ da uns der ſieg/ dem feind mit gluͤck zu ſtehen/

Am erſten wird gezeigt. Es ſind wol andre dort

Zum ſchutz der ſtadt beſtellt: Es ſetzt nach fort und fort

Eneas in das volck der Welſchen und Latiner

Und tummelt ſich in ſtreit je freudiger und kuͤhner:

Laß uns der Troer auch erwuͤrgen gleich ſo viel

Und ebner maſſen friſch hinwagen dieſes ſpiel.

Du wirſt nicht weniger Trojaner niederſchlagen

Noch etwa ſchlechtern ruhm aus dieſem kampffe tragen:

Darauff gab Turnus ihr dieſ antwort und beſcheid:

O liebe ſchweſter/ wie koͤmpſt du in dieſen ſtreit?

Ich hab es laͤngſt gemerckt/ daß du mich haſt betrogen/

Und daß dus waͤreſt ſelbſt/ als du kamſt auffgezogen/

Da du den bund mit liſt anfaͤnglich machteſt irr/

Fuhrſt mitten in dem ſtreit und fiengeſt ſolch gewirr

In ſolchen ſachen an: Nun kan ich dich recht kennen/

Daß du Juturna biſt: Du wirſt nun dein beginnen/

Samb du Metiſcus ſeyſt/ nicht bergen gegen mir/

Du magſt auch was du wilſt mir liſtig bringen fuͤr.

Wer hat von Goͤttern doch begehrt/ daß du vom him̃el

Kaͤmſt her und naͤhmſt auff dich in ſolcherley getuͤmmel

So groſſe muͤh? Sag an/ iſt das von dir geſchehn/

Daß du den bittern tod des bruders moͤchteſt ſehn?

S ſ 3Denn
[646]Das Zwoͤlffte Buch.
Denn was iſt ſonſt mein thun? was hoff ich doch verge-

auf gluͤck/ zu friſtung des ohn das ſehr kurtzen lebens: (bens

Ich hab fuͤr augen ſelbſt geſehen/ daß Murran

Der unverzagte held/ dem ich war zugethan

Fuͤr allen anderen mit unbefleckte liebe/

An einer groſſen wund erleget ruͤhmlich bliebe/

Und mich/ in dem er ſo mit noth umbgeben war/

Bey meinem namen rieff/ daß ich ihn aus gefahr

Des lebens machte frey. Auff ebne weiſ und maſſen

Hat der unſelige man Ufens muͤſſen laſſen

Sein leben auf dem plan/ damit er unſre ſchmach

Nicht doͤrffte ſehen an noch ander ungemach.

Die Troer haben nun den leichnam mit den waffen:

Sol ich denn geben zu/ daß ſie mit-alles-raffen

Die ſtadt geſchleiffet werd (mehr iſt ja uͤbrig nicht)

Darauff iſt ja der feind mit allem grimm erpicht?

Sol ichmit meiner fauſt nicht widerlegen koͤnnen

Des Drances pralerey? Sol ich deñ fliehn von hinnen?

Und ſol noch dieſes land den Turnus fliehen ſehn?

Wie wuͤrde dann ſein lob und ſchoͤne thaten ſtehn?

Iſts denn ſo elend ding umb das gemeine ſterben/

Daß einer lieber leb mit ſchanden/ als erwerben

Im ſterben ewig lob? Ihr helliſchen erzeigt

Mir gnade/ weil die gunſt der himmliſchen ſich neigt/

Ja gaͤntzlich hat gewand. Es ſol doch meine ſeele

Mit ſchanden unbefleckt ziehn aus des leibes hoͤhle/

Und zu euch fahren hin in meiner ahnen grab/

Der ich derſelben mich unwuͤrdig niemals hab

Ver-
[647]Das Zwoͤlffte Buch.
Verhalten: kaumlich hatt er dieſes wort geſprochen/

Der nicht begehrete zuſterben ungerochen/

Schau! Da kam Sages her auf einem tapffern roß/

Dem voller helden-gier das maul vom ſchaume floß/

Der mitten durch den feind kam fluͤchtig her geritten/

Dem das geſichte hat ein ſcharffer pfeil zerſchnitten/

Und rieff/ in dem er rennt/ mit namen Turnus zn:

O Turne/ auff dir ſteht mein heil und lebensruh.

Nim̃ dich der deinen an und leiſte ſchutz den ſchwachen;

Eneas faͤhret her mit waffen plitz und krachen/

Und dreut zu reiſen ab und gantz zu tilgen aus/

Die herrligkeit des lands und koͤnigliche hauß

Die fackeln fliegen ſchon hinauff zum thurn und dache/

Das volck ſieht nun auff dich und deinen ſchutz und rache:

Der koͤnig ſchwebet ſelbſt in zweiffelhafftem wahn/

Zu welchen theil er ſich ſol ſchlagen/ wen er an/

Zum eydam-nehmen ſol; und welches zu beklagen/

So iſt die koͤnigin/ die ;u dir hat getragen

Rechtſchaffne liebestreu/ aus angſt und hertzeleid

Durch eigne hand ertoͤdt/ und hat der ſuͤßigkeit

Des lichts ſich ſelbſt beraubt: Wir haben viel verlohrẽ;

Meſſap und Atinas beſchuͤtzen noch die thoren/

Und widerſtehn dem feind mit edler tapfferkeit;

Es ſtehet umb ſie her ein groſſes volck im ſtreit/

Und zwar auf beyden theil/ da man ſieht eyſen-ſpitzen

Von ſpieſſen und gewehr mit groſſen grauſen plitzen

In ſolcher menge/ wie das dicke korn im feld:

Was machſt du/ Turne/ hier/ du weitberuͤhmter held?

S ſ 4Wilſt
[648]Das Zwoͤlffte Buch.
Wilſt du auff leerem plan dich tummeln mit dem wagẽ/

Und mit den feinden nicht/ wie ſonſt/ erkecket ſchlagen?

Er aber ward beſtuͤrtzt durch vieler dinge ſchein

Und fuͤrgebildtem wahn/ die bey ihm ſchlichen ein/

Und kamen in den ſinn; Stund ſtill und ſchlug zur erdẽ

Mit tieffer rraurigkeit die augen und gebaͤrden;

Die groſſe ſcham/ daß ſein das volck vermiſſte ſehr/

Der tolle ſinn/ daß nun Eneas trug die ehr/

Und kraͤntzelein davon: Das leid und trawer noͤhten/

Daß ſich die koͤnigin hat ſelber wollen toͤdten/

Die liebe/ die ſich nun in groſſen grimm verkehrt/

Weil er ſah/ daß die braut Eneen war beſchert/

Und dann der tapffre muht/ den er bey ſich noch fuͤhlte/

Des er ſich war bewuſt/ und noch auff ehre zielte/

Erregt zu innerſt ihm im hertzen zorn und wuͤt.

So bald er wieder nun begriffe ſein gemuͤth/

Und zu ſich ſelber kam nach hingelegtem trauren/

Beſann er ſich und wand zur veſtung wall und mauren

Die feurgen augen mit verwirrtem ſtuͤrmſchen ſinn/

Und ſahe nach der ſtadt von ſeinem wagen hin.

Da ſahe man ein feur mit dickem rauch und flammen/

Das im gehoͤltze war entſtanden/ gehn zuſammen/

Stieg bis ans wolckenzelt/ und nahm den thurn gantz ein

Den Turnus ſelber hat zum ſchutz der ſtadt allein

Hach laſſen fuͤhren auff/ in dem viel balcken waren

Zuſammen feſt gefuͤgt; Ließ raͤder/ daß man fahren

In ſelbtem kunte fort/ verfertigen daran/

Es wurden bruͤcken auch gebawt und angethan.

Nun/
[649]Das Zwoͤlffte Buch.
Nun/ liebe ſchweſter/ nimpt das Goͤttliche vorſehen

Und ordnung uͤberhand/ ich kan nicht laͤnger ſtehen/

Halt mich doch nicht mehr auff: Laß uns nur folgen hin

Ohn widerſpenſtigkeit/ wo Gottes will und ſinn

Und widerwertig gluͤck uns haben wil und leiten;

Ich bin entſchloſſen mit Eneen nun zu ſtreiten/

Ja alle bitterkeit des todes außzuſtehn/

Sie mag ſeyn/ wie ſie woͤll: Du ſolſt mich nimmer ſehn

Einlegen ſchand und ſchimpff/ du wolleſt mir nur goͤnnẽ/

Bitt ich/ daß ich zuvor mag meinen tollen ſinnen

Ein ſattes gnuͤgen thun: So ſagt der kuͤhne held/

Und ſprang darauff geſchwind vom wagen ab ins feld/

Ließ ſeine ſchweſter ſtehn/ die traurig war/ zuruͤcke/ (ſtuͤcke

Und lieff durch ſpieß und ſchwerdt: wie wenn ein felſen-

Von ſeinem berg bricht loß/ entweder durch den wind/

Durch einen ſtarcken guß/ doch oder weil er ſchwind

Durch menge ſeiner jahr/ und lange hat gehangen/

Da faͤhrt er fort/ wenn er hat einmal angefangen

Zu fallen/ laͤufft hinab mit ſtetem ungeſtuͤm/

Springt an dem berg offt auff/ und reiſſet alles uͤmm/

vieh/ menſchen/ baͤum und was ihm irgend ſteht im wege:

So machſts der Turnus auch/ als er wurd einmal rege/

Nahm rifch in voller eil den weg zur mauer zu/

Und wolte ſeinem ſinn nun goͤnnen keine ruh.

Wo er hin-wolte-durch/ da muſt ihm alles weichen/

Der fiele gar gewiß/ den er nur kunt erreichen/

Die erde war genetzt vom blut/ das floß daher

Und rauſchten in der lnfft die ſpieſſe ſchrecklich ſehr.

S ſ 5Er
[650]Das Zwoͤlffte Buch.
Er winckte mit der hand/ und rufft mit lauter ſtimme;

Ihr Rutuler/ ſteht ab vom ewrem ſtreit und grimme/

Halt/ ihr Latiner/ doch mit ewrem ſchieſſen ein/

Es gehe/ wie es woͤll/ ſol die gefahr allein

Des kampffs betreffen mich. Es iſt vielmehr den rechtẽ

Und billigkeit gemaͤß/ daß ihr mich laſſet fechten/

Und buͤſſen aus fuͤr euch den auffgerichten bund.

Da wich das volck zuruͤck/ das ihm im wege ſtund/

Und machten raum fuͤr ihn. Eneas aber kehrte

Stracks von der mawer/ da er Turnum nennen hoͤrte/

Zog von der veſtung ab/ und hub ſich eilend fort/

Ließ alles kriegsgeſchuͤtz und werck an ſeinem ort

Von hertzen ſehr erfreut/ daß einmal gehen ſolte

Der kampff mit Turno an/ geſtalt er gerne wolte/

Die waffen/ in den man ihn ſah geruͤſtet gehn

Zum kampffe/ macheten ein ſchreckliches gethoͤn/

Wie groß der Athosberg/ wie groß des Eryx hoͤhen/

Wie hoch auch Apennin mag in den luͤfften ſtehen/

Der unter allen iſt der hochanſehnlichſte/

Im fall derſelbe hoch bedecket iſt mit ſchnee/

Und wenn die baͤum auf ihm ein groß geraͤuſch erregen:

So gieng Eneas ſteiff mit ſeinem ſpieſſe/ degen

Und blancken waffenzeug. Es kehreten nunmehr

Auf dieſen helden hin die augen beyde heer/

Mit eiffriger begier/ beyds ſo die mauren ſchuͤtzten/

Und die ſo drauſſen ſich auf die ergebung ſpitzten/

Und mit dem ſturmgezeug die mauren rennten an/

Und ihr gewehr hinweg von ſchultern abgethan;

Der
[651]Das Zwoͤlffte Buch.
Der koͤnig muſte ſelbſt ſich wundern hoͤchſter maſſen/

Daß zweene feldherrn ſich in kampff ein-wolten-laſſen/

Ja helden/ welche her von theilen gantzer welt

Zuſammen kamen an geruͤſtet in das feld

Und ſtritten fuͤr das recht. Der platz war nun bereitet;

Ein jeder auf das beſt hebt an/ und fuͤr ſich ſtreitet:

Erſt ſchoſſen ſie von fern mit ſpieſſen wider ſich/

Nach dieſem rennten ſie zuſammen tapfferlich/

Und giengen an den kampff mit ſchild und klingewaffen/

Ja auf einander ſo mit groſſen kraͤfften traffen/

Daß auch die erd erbebt/ und ſchlugen ſtreich umb ſtreich

Mit ſchwerdtern auf ſich zu: Hier war der ſtreit noch

Und ließzuſam̃en ſich das gluͤck uñ tugend bindẽ; (gleich;

Und kunte beydes man beym held Eneen finden:

Wie/ wenn auf Sylaberg/ doch oder auf Taburn

Zween ochſen wider ſich gehn grimmiglich im zorn;

Die hirten/ die darob erſchrocken etwas waren/

Gehn abſeits/ wollen da erwarten und erfahren

Den außgang dieſes kampffs: Das andre vieh ſteht

Die kuͤhe ſtehn mit furcht/ erheben ihr gebruͤll/ (ſtill/

Zu deuten gleichſam an/ wer unter dieſen beyden

Sich werde nehmen an zu fuͤhren und zu weiden

Das vieh/ und welchem noch die heerde folgen ſol;

Die ochſen gehen nun zuſammen blind und toll/

Und ſtoſſen auf ſich zu mit ihrer hoͤrner kraͤfften/

Mit rennen in den leib und wunden anzuhefften;

Das blut fleuſt haͤuffig ab von hals und ſchulteren

Der wald auch widerbruͤllt von ſchrecklichem gethoͤn.

So
[652]Das Zwoͤlffte Buch.
So gingen auch in ſtreit die beyden tapffern helden/

Von welchen man mit fug kan lob und ehre melden;

Sie gaben harte ſtreich einander auff den ſchild/

Daß von dem groſſen knall der himmel wurd erfuͤllt/

Der Jupiter hielt ſelbſt die gleiche wageſchaalen/

Und wolt ihr beiderſeits geluͤck fuͤr augen mahlen/

Und ihr beſcheidnes theil nach Goͤttlichem geſchick/

Wer von den beyden wuͤrderhalten ſieg und gluͤck/

Und wem das ſtrenge recht der tod beſcheeret waͤre:

Da ſprunge Turnus her zu haben lob und ehre;

Und holt aus mit dem ſchwerdt ſo hoch er immer kunt/

In meinung/ daß er ihm wolt hefften eine wund

Die ungerochen blieb/ und wurd umb ſo viel kuͤhner/

Da machten ein geſchrey die Troer und Latiner/

Fuͤr furcht und hoffnung zag/ die beyde kriegesheer

Erwarteten/ wer doch wuͤrd haben preiß und ehr:

Da ſprung in huy entzwey die ungetreue klinge/

Darauff er mitten in dem ſtreiche groſſe dinge

Und hoffnung ſtellete/ beflammet vom begier/

und ließ ihn ſtehn im ſtich mit ſchimpff und ſchanden hier

In toͤdlicher gefahr/ wenn er nicht waͤr entkommen/

Und haͤtt auff dieſesmal die flucht in eil genommen:

Denu als er ward gewahr/ daß er in ſeiner hand

Hatt das gefaͤſſe nur/ das ihm doch unbekand/

Dieweil es nicht war ſein/ und war beraubt der waffen/

Da lieff er wie der wind/ ſich aus dem ſtreit zuraffen.

Man fagt/ als Turnus ließ zu ſchleunig ſpannen an

Und zu den erſten kampff beſchritt den offnen plan/

Hab
[653]Das Zwoͤlffte Buch.
Hab er des vaters ſchwerdt daheim vergeſſner maſſen/

In dem er haſtig nahm des kutſchers ſchwerdt/ gelaſſen;

Und dieſes hielte ſich ſehr wol und lange zeit/

Dieweil das Troeroolck floh hin und her zerſtrewt.

Als aber dieſes ſchwerdt/ das menſchen haͤnde machen/

Wolt an den waffen/ die Vulcan geſchmiedet/ krachen/

Zerſprung es von dem ſchlag: Wie ein gebraͤchlich eyß/

Und lag da glintzerend im ſande ſtuͤckenweiſ.

Da flohe Turnus auf dem platz die laͤng und quere/

Der nunmehr wuſte nicht/ wie ihm zu helffen waͤre/

Und lieff bald hin bald her/ bald niederwerts/ bald auf/

Und hielte gang und tritt gar ungewiß im lauff.

Denn das Trojanerheer umbgab ihn rings mit hauffen/

Daß er ſich kunte nicht entbrechen noch entlauffen;

Theils ſchleuſt ihn ein die ſee und ſumpffichte moraſt

Theils wird er von der maur umbringet und gefaſſt.

Nicht minder ſetzt ihm nach Eneas (ungeachtet

Daß ihm die wunde noch verhindrung verurſachtet/

Und je zuweilen nicht die knie gern wolten fort)

Und folgt ihm auf den fuß gar eiffrig hier und dort/

Wo er nur flohe hin erſchrocken und verwirret:

Gleich wie ein zager hirſch/ der hin und wieder irret/

Im fall derſelbige hart eingeſperret iſt

Vom waſſer/ oder mit dem netz/ das man mit liſt

Von braunen federen dem wild ſteckt auf zum ſchrecken/

Umbgeben nirgend weiſt ſich ſicher zu verſtecken/

Und ihn der jagthund draͤngt mit lauffen und gebell/

Er aber hebet ſich anf ſeine fuͤſſe ſchnell/

Und
[654]Das Zwoͤlffte Buch.
Und laͤuffet hin und her wol tauſent weg und gaͤnge

Erſchrocken und geſchewt/ daß ihm wurd alls zu enge/

Wo er ſich wendet hin; Er ſieht die ſchrecke-liſt

Und hohes ufer an/ und weiß nicht/ wie ihm iſt:

Allein der wackre hund/ ſo gut als einer kommen

Aus Umbria nur kan/ da er die ſpur vernommen/

Iſt hinder ihm noch her mit auffgeſperrtem ſchlund/

Schnappt immer zu nach ihm/ und ſcheinet ihn itzund

Zu haben: Knirſchet mit den zeenen/ lechtzt und keichet/

Beißt nach ihm/ doch umbſonſt/ den er noch nicht errei-

Darauff wurd ein geſchrey mit graͤßlicher geſtalt/ (chet.

Daß da von ufer/ ſee/ und himmel wiederſchallt.

Zwar Turnus ſchallt das volck die Rutuler im fliehen/

weil er des ſchwerts beraubt dem kampff ſich muſt entzie-

Riefjedẽ namentlich/ und wil/ man ſol ſein ſchwerdt (hen/

Ihm geben/ daß er ſteh dem feind/ wie ſichs gehoͤrt.

Eneas aber drewt denſelbigen zu toͤdten/ (ten;

Der ihm wuͤrd vorſchub thun/ und huͤlfflich ſeyn in noͤh-

Es ſolte keiner zu ihm naͤher treten hin:

So ſchreckt er ſie/ die ſchon in ihrem muht und ſinn

Erzitterten fuͤr furcht/ und ließ ſich drewend hoͤren/

Er wolte dieſe ſtadt zu grunde gaͤntzlich kehren

Und ſchleiffen/ wo ſie ihm dem Turno boͤten hand!

Geht auf den nacken ihm/ zu bringen ihn zum ſtand/

Ob er gleich ſelber war verwundet und verletzet/

Sie lieffen umb und umb/ und eins den andern hetzet/

Wol fuͤnffmal auf dem platz herumb/ bald her/ bald hin/

Denn es war nicht zuthun umb ſchlechten ſpielgewinn.

Es
[655]Das Zwoͤlffte Buch.
Es ward umb Turni blut und leben hier geſtritten.

Es hat da ohngefehr geſtanden in der mitten

Ein oͤlbaum auf dem platz mit bittern blaͤtteren/

Der Juno heilig/ daß er ſolte bleiben ſtehn;

Es war ein baum/ darauff die guten ſchifferleute

Viel hielten/ und daran zu haͤngen manche beute

Und gabem pflegeten: Wenn einer aus gefahr

Auff ungeſtuͤmer ſee davon gekommen war/

Hieng er die kleider auf zum denckmal und zu ehren

Dem Fannus/ dem er ſie verlobet/ wenn er kehren

Mit gluͤck zu hauſe wuͤrd: allein es kam ſo weit

Mit dieſem heilgen baum/ als ob kein unterſcheid

Waͤr unter ihm und den gemeinen gartenbaͤumen/

Daß die Trojaner ſich nicht ſcheuten weg zu raͤumen

Denſelben zu dem end/ auf daß fuͤr rittersleut

Er ſtuͤnde frey und rein zum fechten kampff und ſtreit.

In ſelbtem ſtamme blieb Eneas ſpieß beſtecken/

So weit noch kunte ſich deſſelben ſchwung erſtrecken/

Und hatte ſich daſelbſt in zaͤher wurtzel tieff

Und feſt geſetzet ein. Eneas/ welcher lieff

Hinzu/ legt ſich daran/ und war bemuͤht das eyſen

Mit gantzer leibeskrafft begierig außzureiſſen/

Ihn zuverfolgen mit dem ſpieſſe/ weil er mehr

Nicht kunte lauffen nach/ und wurd ihn nun zu ſchwer

Ihn zu ereilen: Da ſtund Turnus ſo erſchrecket

Daß er/ wo er gekunt/ ſich haͤtte ſtracks verſtecket/

Fieng an und ſagte ſo: Ich bitte/ Faune/ dich/

Erbarm dich meiner doch fuͤr dißmal gnaͤdiglich:

Und
[656]Das Zwoͤlffte Buch.
Und du/ o liebe erd/ behalte hoch das eyſen/

Und laß es nimmermehr aus dieſem ſtamme reiſſen;

Ich hab ench alleweg die euch geziemend ehr

In acht genommen/ und gehalten wehrt und hehr

Hingegen haben dich die Troer durch ihr kriegen

Entheiliget/ und ſich fuͤr dir nicht wollen biegen;

So redt er und begehrt des Fauni huͤlff und gunſt/

Mit ernſtlichem gebaͤt/ das auch nicht war umbſonſt.

Denn als Eneas ſich ſo lange mit bemuͤhen

Verſuchte ſeinen ſpieß aus dieſem ſtamm zu ziehen/

Kunt er mit gantzer krafft nicht machen loß den biß

Des holtzes; Da er nun ſich nicht verdrieſſen ließ

Die muͤh und tapffer war zu halten an gefliſſen/

Kam die Juturna her/ und weil das ſchwerdt zufehmiſ-

Das nicht des Turni war/ nahm ſie an die geſtalt (ſen/

Des kutſchers abermal/ und lieff zu alſobald

Und ſtellte wieder zu dem bruder ſeinen degen.

Die Venus aber ließ ihr dieſes ſeyn entgegen

Mit eiffrigem verdruß/ das diefe kuͤhne Nimpff.

Sich dieſe freyheit nahm/ und that ihr dieſen ſchimpff;

Trat derowegen hin/ und kunt ohn groß bemuͤhen

Den ſpieß aus dieſem ſtamm/ wie tieff er ſteckte/ ziehen.

Sie hatten beyde nun wie friſch und gut gewehr/

Alſo auch tapffern muht zu tragen weg die ehr;

Der eine ſatzt auffs ſchwerdt ſein trotziges vertrauen/

Der andre ließ ſich mit dem ſpieß großmuͤhtig ſchauen;

Sie ſtellten beyderſeits ſich gegenander feſt

Mit gantz entbrandtem ſchnauff zu ſtreiten auf das beſt.

Im
[657]Das Zwoͤlffte Buch.
Immittelſt redete der koͤnig aller Goͤtter

Der groͤſſe Jupiter/ der ſtarcke menſchenretter/

Mit Juno/ welche ſaß auf einer gelben wolck/

Und ſah herunter auf den ſtreit und groſſes volck:

Mein liebes ehgemahl/ wie wills hinaus doch gehen?

Was iſt noch uͤbrig? Was hat man ſich zu verſehen?

Du weiſſeſt ſelber wol/ daß ſich Eneas hat

Verdient gemacht zu ſeyn ein Gott/ und nach dem raht

Des Goͤttlichen geſchicks ſol einmal von der erden

Genommen in die zahl und zunfft der Goͤtter werden/

Das weiſſeſtu ja wol/ und muſt bekennen frey

Daß du das wiſſeſt auch/ und dieſem alſo ſey.

Was haſtu denn nun fuͤr? Was hoffnung/ was vertrauen

Haͤlt dich/ daß du hier kanſt von kalten wolcken ſchauen

Hinunter auf den ſtreit? Hat ſich denn das geziemt/

Daß einer/ der zum Gott gewiedmet und beniemt/

Gleich wie ein ſterblicher verwundet ſolte werden

Von einem ſterblichen/ und leiden viel beſchwerden?

Und daß dem Turno/ der ſein ſchwerdt verlohren hat/

Ein anders ſolte ſeyn gegeben an des ſtatt?

Sol ihm ein newer muht/ der uͤberwunden worden/

Nun wachſen wiederumb zu ſtreiten/ wuͤrg-und morden?

(Denn was koͤnnt ohne dir Juturna richten aus/

Wenn du ihr huͤlffeſt nicht zu ſolchem zanck und ſtrauß?)

Hoͤr dermaleins doch auff/ und laß dich durch mein bitten

Erweichen: Man hat ja bißher genug geſtritten:

Laß dich von ſolchem gram nicht heimlich freſſen mehr/

Und ich nicht wiederumb mehr ſorgen und beſchwer

T tEmpfin
[658]Das Zwoͤlffte Buch.
Empfinde/ wenn du laͤſt an deiner ſtirn erſcheinen

Die ſuſſe froͤligkeit/ und wilſts gleichwol nicht meynen:

Es iſt auffs hoͤchſte je gekommen dis beſchwer/

Du haſt zu land und ſee das arme Troerheer

Geſchuͤchtert und gejagt: Du haſt ja dein beginnen

Mit ſtifftung groſſen kriegs zu wercke richten koͤnnen/

Du haſt mit traurigkeit verſtellt des koͤnigs hauß/

Die heyraht angefuͤllt mit klagen/ zanck und ſtrauß.

Ein mehrers wil ich dir hinfuͤro nicht geſtatten;

So redte Jupiter mit Juno ſeinem gatten:

Auf ſeine rede bracht ſie dieſes wieder ein:

Ich wil/ o Jupiter/ bey dir entſchuldigt ſeyn/

Weil mir dein ernſter will und meinung unverborgen/

Hab ich deßwegen auch nicht gern die liebesſorgen

Fuͤr Turno hingelegt/ verlaſſen auch die erd

Ob mir es brachte zwar unwillen und beſchwerd.

Sonſt ſolteſt du mich nicht hier auff der wolcke ſehen

So einſam/ noch ſo viel unziemlich dings außſtehen

Und leiden williglich: Ich wolt im dicken volck

Und hauffen ſtehen forn mit einer feuerwolck.

Umbgeben und das heer der Troer grimmig regen

Zum feindlichen gefecht: Daß aber hier entgegen

Juturna huͤlfflich ſtund dem armen bruder bey/

Das hab ich ihr/ wie ich bekenne rund und frey/

Gerahten/ und ſo weit daſſelbe gut geheiſſen/

Daß ſie mit wagnuͤß ſolt eins groͤſſern ſich befleiſſen/

Sein leben aus gefahr zu retten ſchleuniglich:

Doch darff ſie darumb nicht beruffen ſich auf mich/

D
[659]Das Zwoͤlffte Buch.
Daß ich ihr mitten in dem ſtreit/ geſtalt ſie wolte/

Gegeben new gewehr/ auch nicht/ auf daß ſie ſolte

Den bogen ſchleſſen ab: Das ſchwer ich bey der quell

Des fluſſes/ welcher fleuſt mit abſchew durch die hoͤll/

Und unverſoͤhnlich iſt/ die falſchen Eydſchwur ſchwerẽ/

Welch einge furcht ligt ob mit heiligfeſten ehren

Den groſſen Goͤtteren/ daß jeder dieſen fluß/

Den Styx/ damit er nicht falſch ſchwere/ fuͤrchten muß.

Nun wil ich weichen zwar vorangeregter maſſen/

Und dieſen ſtreit/ der mir verhaßt iſt/ bleiben laſſen;

Das einge nur/ das an das Goͤttliche vorfehn

Gebunden niemals iſt/ wil ich fuͤr Latien

Und fuͤr die majeſtaͤt der deinigen mit bitten

Dich haben angeſucht: Wenn ſie nun ſatt geſtritten/

Und werden richten aufdurch gluͤcklich heyrahts pflicht

(Es mag nur immer ſeyn/ ich wil es hindern nicht)

Den frieden/ daß ſie itzt denſelben werden faſſen/

Und ſo bekraͤfftigen/ wie ſichs wil handeln laſſen;

Daß du die Latier/ als eingeſeſſne/ nicht

Die nahmen abzuthun zwingſt wider landespflicht/

Noch daß ſie Troer ſeyn und ſo genennet werden;

Belege ſie auch nicht mit knechtiſchen beſchwerden/

Zu endern ihre ſprach/ die kleidung/ weiſ und art/

Denn dieſes waͤre zu verfahren allzu hart.

Es werde Latium der nahm ihm nur gegoͤnnet/

Und ihre koͤnige Albaner ſtets genennet;

Laß auch die Roͤmer/ die von ihren kommen her/

Beruͤhmt und maͤchtig ſeyn durch macht der Italer.

T t 2Weil
[660]Das Zwoͤlffte Buch.
Weil Troja einmal hat zu grunde ſollen gehen/

So laß ſie bleiben doch verheert und wuͤſte ſtehen.

Der groſſen Goͤtter Gott/ der alle ding gemacht/

Sah Juno freundlich an/ antwortet ihr und lacht:

Ich bin dein bruder ja: Denn du biſt eins von kindern

Saturni/ gleich wie ich: Kanſtu denn gar nicht lindern

Den haͤßig bittern ſinn? Wie ſchwuͤllſtu denn alsbald

Von zorn und unmuht auf ſo greulicher geſtalt?

Wolan doch ſteh nur ab von deiner grimmen wuͤte/

Die nur vergebens iſt/ und miltre dein gemuͤhte:

Ich ſchencke dir/ was du begehreſt williglich/

Und wil in deinen raht und willen geben mich.

Die Welſchen ſollen ſtets hinfuͤro/ wie die alten/

Ihr angeerbte ſprach/ die art und brauch behalten/

Ihr nahm und titul ſol gantz unverendert ſeyn/

Die Troer ſollen nur mit ihnen ſeyn gemein/

Was eh und pflicht betrifft/ und mehren ihren ſaamen/

Und ſollen allgemach vergehen nach dem nahmen:

Ich wil die heilgen braͤuch und weiſe fuͤgen bey/

Und daß der Troervolck Latiniſch endlich ſey/

Verſchaffen: Sollen dann nur haben einen nahmen/

Und ſprache: Du wirſt ſehn das volck/ daß ſich beſaamẽ

Vom Welſchen ſtamme wird/ an trew und froͤmmigkeit

Den ſterblichen/ wie auch den Goͤttern mit der zeit

Gehn fuͤr/ und wird kein volck dein ehre hoͤher mehren:

Da willigt Juno ein auf Jupiters begehren/

Erfreut und wendet ab vom Turno ihren ſinn/

Immittelſt gieng ſie weg vom himmel wieder hin.

Als
[661]Das Zwoͤlffte Buch.
Als dieſes war verricht/ da ſann der hoͤchſte vater

Der groſſe Jupiter und guͤtige berahter

Ein ander mittel aus/ und nahm ihm kluͤglich fuͤr/

Des Turni ſchweſter abzuhalten nach gebuͤhr/

Daß ſie nichts koͤnte mehr zu ſeinem ſchutz beginnen;

Es ſind zwey ungehewr/ die man uennt wuͤterinnen/

Die mit Megæren hat die ungeſtuͤme nacht

Gebohren auf einmal/ und ſie mit gleicher macht

Und gifft geruͤſtet aus/ und hat der einen eben/

Als anderer/ ſo viel erboſſte ſchlangen geben/

Die rings umbſchlingen ſie;Auch fluͤgel/ die geſchwind

Sich koͤnnen in die lufft erheben wie der wind.

Sie warten auff fuͤrm thron des Jupiters und ſtehen

Fuͤr ſeiner thuͤr; Wenn er ſein ſchelten laͤſſet gehen

Mit zorn/ da machen ſie den armen menſchen bang/

Und legen ihnen an angſt/ hertzeleid und drang.

So auch wenn ſelbiger hat fuͤr ein groſſes ſterben

Zu ſchicken in die welt/ und wenn er wil verderben

Mit krieg und ſchreckẽ nach verdienſt ein land und ſtadt;

Und alſo wolt er hier ſtracks ſchreiten zu der that;

Schickt deren eine hin von ſeinem hohen himmel/

Und hieß Juturnen ſie erregen kein getuͤmmel/

Und ſtoſſen ihr in weg zum boͤſen zeichen fuͤr.

Die wuͤterin flog hin und fnhr mit haſtger gier

Auffs erdenland/ gleich wie ein pfeil/ der ſtraff gezogen

Und abgeſchoſſen wird von ſeiner ſehn und bogen;

Der von den Parthern wird gerichtet zu mit gifft/

Damit die wunde ſey unheilbar/ wenn er trifft.

T t 3Er
[662]Das Zwoͤlffte Buch.
Er rauſchet durch die lufft/ und fleugt alſo geſchwinde

Hindurch/ daß man ſein nicht gewahr wird/ wie der

ſo fuhr die tochter gleich der duͤſter-finſtern nacht (winde:

Zur erden/ Als ſie ſah des Turni kriegesmacht/

Wie auch der Troerheer/ und auf das lager kommen/

Da hat ſie die geſtalt der nachteul angeuommen/

Die etwan gegen nacht ſitzt auf den graͤberen

Und haͤuſern/ welche wuͤſt und unbewohnet ſtehn/

Und hebt in duͤſtrer dufft beſchwerlich anzuſchreyen/

Daß ſich die ſterblichen deßwegen offtmahls ſchewen;

In ſolches vogelbild verwandelt und verſtellt

Kam dieſes ungeheur geflogen in das feld/

Und ſchwebte Turno fuͤr den augen hin und wieder/

Und ſchlug ihn an den ſchild mit rauſchendem gefieder/

Da wurd ihm ſein gebein fuͤr angſt ſo ſchlottrig gar/

Daß ihm zu berge ſtund fuͤr grauſen haut und haar:

Und kunte nicht ein wort fuͤrbringen fuͤr erſtarren.

Juturna/ als ſie noch vom weiten ſolches knarren

Und fluͤgelrauſchen kannt der hoͤllſchen wuͤterin/

Zerriſſ ſie ihre haar aus toll-erhitztem ſinn/

Zerkratzt das angeſicht mit naͤgelen ſehr haͤßlich

Und ſchlug an ihre bruſt mit faͤuſten roh und graͤßlich/

Und ſprach: Wie kan ich dir/ mein bruder/ ſtehen bey?

Ich armes weib bin ja/ nicht mehr/ wie vorhin/ frey.

Was hab ich uͤbrig noch fuͤr mittel und gewalten?

Mit was behendigkeit kan ich dich nun erhalten

Beim lehen/ wie mag ich verlaͤngern deine zeit?

Kan ich begegnen wol der ſtarcken wuͤtigkeit

Des
[663]Das Zwoͤlffte Buch.
Des groſſeu ungeheurs? Ich muß nun traurger maſſen

Beraubet aller krafft von ſtreiten abelaſſen:

Du vogel voller ſchew/ mir iſt ohn deinem flug/

Und klappern/ das ich ſchon erkenne/ bange gnug/

Ich weiß auch wol/ daß dis auff ernſtliches befehlen

Des groſſen Jovis iſt geſchehen ohn verheelen:

Iſt dieſes das entgelt fuͤr meine Jungfrawſchafft?

Worzu hat er mir denn unſterbligkeit und krafft

Zu leben ſtets ertheilt? Warumb iſt mir benommen

Zu ſterben fug und macht: Ich koͤnte nun abkommen

Des groſſen hertzeleids mit guter ſicherheit/

Und meinem bruder in die hoͤlle das geleit

Hinunter/ wenn ich auch noch ſterblich waͤre/ geben;

Der nun muß in gefahr und harten noͤhten ſchweben;

Es wird mir nichts von dem/ was ich vermag und hab/

Suͤß oder lieblich ſeyn/ an was ich mich nur lab/

Wenn ich/ mein bruder/ dich/ o Turne/ nicht mehr habe:

O daß die erde doch/ ob ſchon durch Goͤtter gabe

Ich eine Goͤttin bin/ mich ſchluͤng in ihren grund/

Und thaͤte mir itzt auff den weiten hoͤllen-ſchlund!

Als ſie ſo viel geredt/ band ſie ihr einen ſchleyer

Umbs haupt/ und ſeufftzte tieff ob ſolchem ungehewer/

Verbarg ſich wiederumb in ihrem tieffen fluß:

Eneas aber ſetzt dem Turno mit geſchoß

Und groſſem ſpieſſe zu/ der einem baum zu gleichen/

Und trachtet ihm ſtets nach/ wie er ihm moͤcht erreichen/

Und fieng mit rauhem muht alſo zu reden an:

Was haſtu noch fuͤr friſt? Wie iſts mit dir gethan/

T t 4O Tur-
[664]Das Zwoͤlffte Buch.
O Turne? Oder was weichſt du nun ſo zuruͤcke;

Was kanſt du laſſen ſehn nun fuͤr ein tapffer ſtuͤcke;

Es wil mit lauffen nicht mehr außgerichtet ſeyn/

Du muſt dich fuͤr der fauſt zum ſtreit friſch ſtellen ein.

Wolan! verwandle dich in allerley geſtalten/

Nimm fuͤr die hand/ womit du meineſt dich zu halten

An muth und ſchnelligkeit/ an raͤncken macht und liſt/

Wie du nur kanſt und magſt/ und was dir uͤbrig iſt/

Ja wuͤntſche/ daß du dich mit fluͤgeln moͤchteſt ſchwingen

Gen himmel oder durch den kreyß der erden dringen;

Da ſchuͤttelt Turnus frech den kopff mit dem beſcheid.

O ſtoltzer feind/ es iſt mir darumb noch nicht leid/

Dein hitziges geplerr kan mir nicht ſehrecken bringen/

So nur die Goͤtter nicht und Jupiter mich dringen/

Der mir gehaͤßig iſt/ und ſchrecken jaget ein;

Mehr ſagt er nicht/ und ſah ſich umb nach einem ſtein/

Der groß und ungeheur und auff dem platz lag eben/

Und hingeleget war ein grentzmahl abzugeben

Dem acker/ damit er entſcheidete den zwiſt

Und zanck/ der hiebevor hierumb entſtanden iſt/

Derſelbe haͤtte nicht getragen koͤnnen werden

Von zwoͤlffen! wenn ſie noch ſo ſtarck ſind/ wie auff erden

Nun mehr die leute ſind. Der held ergriff ihn bald

Mit einer hand und warff ihn haſtig mit gewalt/

Sich richtend in die hoͤh und lauffend wenig ſchritte

Zuvor auff ſeinen feind und aufangs werffend ſtritte:

Doch wuſt er ſelber nichts von ſich/ was er anfieng/

Noch wenn er lieffe fort/ noch wenn er fuͤr ſich gieng/

Noch
[665]Das Zwoͤlffte Buch.
Noch da er mit der hand hub auf das felſenſtuͤcke/

Noch da er ihn warff hin ohn fortgang und geluͤcke;

Die knien waren ihm von furcht gar welck und ſchwach/

Und das gebluͤt erfror/ und zog dem hertzen nach.

Zu dem fuhr dieſer ſtein von einem eintzeln manne

Geworffen in die lufft/ doch gleichwol nicht durchranne

Den gantzen raum/ kam auch der wurf ſo ſtarck nicht an/

Fiel nieder/ daß davon erbebte faſt der plan.

Gleich wie des nachts im ſchlaff/ ſo bald die ruhe druͤcket

Die matten augen zu/ daß einer faſt erſticket/

Und ſich beduͤncken laͤſt/ er wolte lauffen gern:

Umbſonſt! Denn mitten in dem er ſich muͤhet fern

Zu lauffen/ faͤllet er/ doch oder laͤſt ſich duͤncken

Er waͤre kranck und ſchwach/ und muͤſte niederſincken/

Die zunge lautet nicht/ die leibeskraͤfft entgehn/

Die rede folget nicht/ die ſtimme wil entſtehn;

So wars mit Turnus auch in dieſem kampff beſchaffẽ/

Mit was vermoͤgen er ſich muͤhte fortzuraffen/

Und an den feind verſucht/ ließ ihm doch gar nichts hier

Die hoͤllſche wuͤterin gelingen nach begier.

Da wurd ihm wunderlich zu muht in ſeinem hertzen/

Und muſte manchen puff und bitterkeit verſchmertzen/

Er ſah ſein kriegsvolck an und koͤnigliche ſtadt/

War traͤg fuͤr angſt und lebt/ gleich wie ein eſpenblat/

Beſorgend/ daß der ſpieß vielleicht itzt wuͤrde kommen/

Und ſahe nicht/ was ihm kunt ſchaden oder frommen/

Wohin er floͤhe/ mit was mittel oder macht

Er ſeinem feinde zu begegnen ſey bedacht.

Er
[666]Das Zwoͤlffte Buch.
Er ſahe nirgend mehr ſein roß/ geſchirr und wagen/

Noch ſeine ſchweſter/ die noch neulich kunte jagen

Als kutſcher/ friſch ins feld/ da er nun lange denckt

Was etwan waͤr zu thun/ und ſich vergebens kraͤnckt/

Erſieht Eneas ihm gelegenheit zu ſchwingen

Das toͤdtliche geſchoß/ und hofft es ſol gelingen/

Schoß demnach weit nach ihm mit gantzer leibesmacht:

Kein ſtein/ der von geſchuͤtz geſchoſſen wird/ ſo kracht

Und branſet nimmermehr: Auch kan von donnerſchlaͤgẽ

Kein ſolcher groſſer knall ſich in den wolcken regen/

Alß des Eneens ſpieß: Er fuhr mit ſolcher macht

Gleich wie ein wetterſturm/ und Turns ploͤtzlich bracht

Den tod und untergang: Trang durch den krebs behende

Und loͤſet auff den ſchild am rand und enſſerm endej

Der ſieben doppelt war/ fuhr rauſchend durch die lufft/

Und gienge mitten durch dem Turnus in die hufft

Da fiel der tapffre held/ mit eingebognen knien

Zur erden von den ſchuß/ und kunte nicht entflichen

Des feindes grimmigkeit/ das volck der Rutuler

Stund auff und ſeufftzete; Der gantze berg umbher

Erthoͤnte vom geſchrey/ das ſo viel voͤlcker machten/

Die waͤlder nah und fern vom wiederſchalle krachten.

Er wurd demuͤthig nun/ und ſuchte bey ihm gnad/

Hub ſein geſicht und hand empor und ihn ſo bat;

Ich hab den tod verdient und bitte nicht umbs leben;

Gebrauch dich deines gluͤcks/ das dir nun iſt gegeben:

Wo aber noch die ſorg fuͤr meinem vater gilt/

Der meinetwegen iſt mit angſt und leid erfuͤllt/

So
[667]Das Zwoͤlffte Buch.
So bitt ich (denn du haſt auch einen ſolchen vater

Der hoch bejahret war/ gehabet zum berahter)

Laß dir zu hertzen gehn des Dauni alterthumb/

Und gib mich/ oder wo du wilſt ihm wiederumb

Nur meinen todten leib: Du haſt mich uͤberwunden/

Und hat der Welſchen heer geſehen und befunden/

Daß ich/ als uͤberſtrebt/ mich dir ergeben hab.

Lavinia iſt dein gemahl und ehren-gab/

Laß doch nicht weiter gehn den haß und tolle wuͤte.

Eneas ſtunde da mit kapfferem gemuͤthe/

Und hielte das gewehr in ſeiner rechten hand

Zuruͤcke/ ſah ihn an da ligen in dem ſand/

Und hat ihn allbereit des Turni letzte rede

Je mehr und mehr bewegt/ daß er wurd etwas bloͤde:

In dem er ſich nun hielt zu thun den letzten ſtoß/

Und haͤtt vielleicht ihn noch gegeben frey und loß/

Da aber er noch ſah das guͤrtel an ihm hangen/

Auff welchem glaͤntzeten die wolbekandten ſpangen/

Der des Pallantis war geweſen/ den er ſchlug

Mit einem ſtreich zu todt/ und ihn zur pracht noch trug/

Und ſolcher maſſen nun das feindliche gemercke

Und denckmahl ſeines leids verſpuͤrte ſelbſt im wercke:

Da war er grimmig boͤß und zornig an zuſehn.

Wie: (ſagt er) ſolteſt du von meiner hand entgehn/

Der du biſt angethan vom raube meiner freunde

Schau! Pallas giebet dir hiemit als ſeinem feinde

Den reſt/ und nimmet rach von deinem leichten blut;

Da er zu letzt diß ſagt/ ſtieß er mit vollem muth;

Den
[668]Das Zwoͤlffte Buch.
Den degen ihm ins hertz; Da ſtreckt er haͤnd und fuͤſſe

Die laͤnge vor ſich weg/ und mit geſeufftze lieſſe

Das leben fahren hin/ mit ſchmertzen/ weh und ach;

Die ſeele flog hinab in Plutons hoͤllenbach.

Ende der Trojaniſchen Geſchichte
des Poeten Virgilij.

[figure]

[[669]]

Der Zwoͤlff Buͤcher Virgilius
von den Trojaniſchen Geſchichten.
Summariſcher Inhalt.



Das Erſte Buch.


DEr ſtreitbare verſtaͤndige und fromme
fuͤrſt Eneas gehet/ nach dem die maͤch-
tige ſtadt Troja neun jahr lang belaͤ-
gert/ erobekt und zerſtoͤret worden/ mit
den ſeinigen und vielen Trojanern mit zwantzig
ſchiffen zu ſegel/ und wird durch bittern haß der
Juno/ welche von dem Eolus wider denſelben
die winde erbittet/ auff dem meere hin und her ge-
trieben/ ſo gar/ daß er auch ſchiffbruch leidet. Als
er nun an das land Libyen kommet/ ſteiget er aus/
erhohlet ſich etwas wieder/ nimmet ſeinen bogen
und pfeil an die hand/ und erleget ſieben groſſe
ſtuͤcken hirſche/ die vertheilet er auff eben ſo viel
ſchiffe/ die ihm nach dem ſturm waren uͤbrig ge-
blieben/ vermahnet hernach ſeine durch viel und
lang-
[[670]]Summariſcher Inhalt
langwieriges herumbſchweiffen ermuͤdete ge-
fehrten/ was noch fuͤr arbeit und beſchwer hin-
terſtellig ſeyn moͤchte/ mit gedult zu ertragen/ in
hoffnung/ daß die kuͤnfftige ruh und ergetzligkeit
alles wieder einbringen werde. Immittelſt
handelt die Venus ihres Eneen und der Troja-
ner ſache beym Jupiter/ und wendet die ſchuld
alles ungluͤcks und unfugs auff die Juno. Ju-
piter hingegen nachdem er die ordnung und ge-
heimnuͤſſe der ewigen Vorſchung entdecket/ troͤ-
ſtet ſeine tochter durch fuͤrgehaltene hoffnung ih-
rer gluͤckſeligen nachkommen/ die das Roͤmiſche
reich mit anſchnlicher macht beherrſchen werden.
Nach dieſen ſchicket Eneas geſandte an die koͤ-
nigin Dido/ und klaget wegen zugefuͤgter ge-
walt ihrer leute/ und bittet umb herberge. Ge-
gen demſelben erbeut ſich die koͤnigin mit aller
hoͤffligkeit/ nimmet ihn auff/ thut ihm groſſe eh-
re/ laͤſſet ſeine Trojaner keinen mangel leiden/ zet-
get ihm ihren koͤniglichen pracht/ ſchoͤne gemaͤhl-
de/ guͤldene treſur und tapetzereyen/ beſchenckt
den vermeinten jungen printz Aſcanius/ deſſen ge-
ſtalt und habit Cupido betrieglicher weiſe durch
antrieb der Venus an ſich genommen/ mit gold-
geſtickten und koͤſtlichen kleidern/ haͤlt ein groſ-
ſes Panquet/ und ladet darzu beydes die Troja-
ner
[[671]]der Zwoͤlff Buͤcher Virgilius.
ner und ihre leute zu pflegen aller luſt und froͤ-
ligkeit/ mit beygeordneter kunſtgelehrten harf-
fen-muſick. Endlich nach vielen geſpraͤch bit-
tet ſie Eneen ihr den gantzen verlauff vom erſten
anfang der Trojaniſchen belaͤger-eroͤber-und zer-
ſtoͤrung zu erzaͤhlen, Dieſes thut Eneas im fol-
genden buche.


Das Andere Buch.


NAch dem nun alles ſtille worden/ erzaͤhlet
Eneas den ſchrecklichen untergang der
weltberuͤhmten ſtadt Troja/ wie ſie durch
liſt und blindheit der Trojaner nach neunjaͤhri-
ger belaͤgerung ſey erobert und zerſtoͤret worden/
da nemblich die Griechen/ als ihre macht geſchwaͤ-
chet worden/ ihrer tugend mißtrawet und zum
betrug und kriegs-raͤncken ihre zuflucht genom-
men haben. Als ſie ſich nun ſtellen die flucht
zu nehmen/ verſtecken ſie ſich in dem Haven Te-
nedos: Hiemit laſſen ſie da zimmern ein groß
ungehewer hoͤltzernes pferdt. Da laſſen ſich
die Trojaner von dem gefangnen Griechen Si-
non dem verraͤhter einſchwatzen/ daſſelbe haͤtte
die heilige Goͤttin den Trojanern zum ſchutz
bawen laſſen; Reiſſen alſo ein ſtuͤcke von der
mawer/ und fuͤhren das pferdt mit heiliger an-
dacht/
[[672]]Summariſcher Inhalt
dacht/ furcht und ehre auff dem ſchloß-hoff. Als
dis geſchehen/ halten die Trojaner ein freuden-
feſt/ tantzen/ ſpringen/ ſchlemmen und demmen/
bis ſie vom harten ſchlaff uͤberfallen werden:
Da gibt Sinon den Griechen mit einer außge-
ſteckten fackel die loſung/ da kommen ſie wieder
und nehmen mit hellen hauffen die ſtadt ein; Zu-
vor aber ſchleuſſet der verraͤhter das pferd auff/
da ſteigen heraus die tapfferſten helden aus Grie-
chenland bey funfftzig/ die hawen die wachten/
wo ſie noch waren/ nieder. Da wird alles mit
blut/ mord und feuer erfuͤllet/ Eneas aber wird
im tranm von dem geiſt des tapffern verſtorbe-
nen Commandantens und Obergebietigers des
Hectors erinnert und vermahnet alſo bald zu flie-
hen; Da machet ſich Eneas auff/ nimmet ſei-
nen alten vater Anchiſen auff die achſel/ und traͤ-
get ihn durch das fewer/ den kleinen ſohn Aſca-
nium fuͤhret er bey der hand/ ſeine ehegemahlin
aber die Craͤuſa/ die ihm folgen ſolte/ hat er nicht
wieder geſehen. Ihr geiſt aber iſt ihm erſchie-
nen/ der hat ihn getroͤſtet/ und geweiſſaget/ er wer-
de/ nach kurtzer zeit/ jedoch mit noch außſtehung
vieler gefahr und ungemach/ in Italien gelan-
gen/ daſelbſt ein newes reich und eine andere ge-
maͤhlin bekommen.


Das
[[673]]der Zwoͤlff Buͤcher Virgilins.

Das Dritte Buch.


ENeas faͤhret fort/ und erzaͤhlet/ wie er nach
der zerſtoͤrung mit ſeinen geferthen ſich
habe auff das meer begeben/ ungewiß/
wohin ihn das verhaͤngnuͤß der Goͤtter fuͤhren
moͤchte/ da gedencket er erſtlich des ungetrewen
wirths/ des koͤniges in Thracien Polymeſtorts/
dem der Trojaniſche koͤnig Priamus den juͤng-
ſten printz Polydorum mit einem groſſen ſchatz
vor der belaͤgerung zugeſchicket/ denſelben zu er-
zichen; Er Polymeſtor aber habe aus verfluch-
tem geitz das printzlein ermordet und den ſchatz
zu ſich genommen/ darnach berichtet er/ wie er
viel Inſulen in Joͤniſchem Meer durchſegelt
und herumb geirret habe/ an welchem orte groſ-
ſe und abſcheuliche raubvoͤgel/ die Harpyien ge-
nandt/ ſich befunden/ welche/ als ſie am geſtade
gegeſſen/ mit groſſem ungeſtuͤmm auff ſie herge-
fahren/ das eſſen bemackelt und geraubet haben/
auch ihnen propheceyet/ ſie wuͤrden nicht eher/
als bis ſie die euſſerſte hungersnoht triebe/ die
teller (die ſie vom brodte macheten) auff zueſſen/
in Italien gelangen: weiter erwehnet er/ wie
durch die gemeine ſage ihm ſey zu ohren gekom-
men/ daß Hectors gemahlin Andromache des
U ufein-
[[674]]Summariſcher Inhalt
feindes Pyrrhi erſtlich magd/ darnach ſeine frau/
Helenus aber des koͤniges Priami ſohn deſſelben
haußhalter und nach deſſelben tode eines laͤnd-
lein herr und regent geworden/ und vorgemeldte
Andromache zur ehe genommen habe. Endlich
meldet Eneas wie er den Helenum/ als der ein
prophete war/ gebeten ihm raht zu ertheilen/ wie
und wohin er ſeine ſchiffart hinrichten ſol; Der-
ſelbe habe ihm einſchlag gegeben/ wie er die ge-
faͤhrlichen oͤrter in Sicilien meiden koͤnne/ und
ihn fuͤrder zur prophetin Sibyllen gewieſen/ da
er ſich ihres rahts erholen ſolte/ habe ihm auch
viel ſilberne und guͤldene gefaͤſſe/ pantzer/ helm
und federpuͤſche/ auch den gefehrten wehr und
waffen verehret/ ſo habe auch Andromache den
printz Aſcanium mit einem goldgeſtickten kleide
und reiter-rocke ſtattlich beſchenckt: Als ſie
nun wieder zu ſegel gegangen/ haben ſie das land
Italien erblicket/ aber dem fewerſpeyenden Berg
Etna nahe gekommen/ deſſen etgenſchafften von
ihm beruͤhret werden. Dann meldet er/ wie ſie
von den Cyclopen ſeyn angegriffen und verfol-
get worden/ beſchreibet den ungehewren Rieſen
Polyphemum/ dem ſie das auge an der ſtirn auß-
ſtochen. Letztens erzaͤhlet er/ wie ſein vater An-
chiſes geſtorben. Als er nun von ſeiner beſchwer-
lichen
[[675]]der Zwoͤlff Buͤcher Virgilius.
lichen ſchiffahrt und vielen umbſchweiffen auff
dem meer meldung gethan/ ſchweiget er ſtille und
man begiebet ſich zur ruhe.


Das Vierdte Buch.


DIe koͤnigin Dido entbrennet je mehr und
mehr durch liebe gegen dem Eneen; Bald
aber verſchweret ſie ſich/ von keiner an-
dern liebe wiſſen wollen/ als ihres vorigen ehe-
gemahls/ derſelbe moͤge ſie im grabe behalten.
Ihre ſchweſter aber machet ſie durch bewegliche
uͤberredung wanckelmuͤhtig/ ja gar ruͤckwendig/
daß ſie alle furcht und ſcham fahren laͤſſet. Dar-
auff ſtellet ſie der Juno/ als der ehe vorſteherin/
ein Opffer an; Nach demſelben aber raſet ſie
in der [U]ebe/ und laͤuffet wie ein verwundter hirſch
in der ſtadt herumb/ zeiget dem Eneas ihre herr-
ligkeit und koͤniglichen pracht/ ſtellet eine jagt
an/ da faͤnget es an zu wittern/ und faͤllet ein
groſſer platzregen; Da laͤuffet maͤnniglich zu
rande. Dieſe beyde aber verkriechen ſich in eine
hoͤhle/ und verloben ſich miteinander. Davon
weiß hernach jederman zu reden/ und wird die
Goͤttin Fama/ oder das gemeine geſchrey nach
ſeinen eigenſchafften artig von dem Poeten be-
ſchrieben. Immittelſt ſchicket Jupiter Mereu-
U u 2rium
[[676]]Summariſcher Inhalt
rium zum Eneas mit endlichen befehl/ er ſolte da
nicht ſtille ligen/ ſondern an ſein beſcheidnes
reich Italien gedencken und fortſegeln. Eneas
koͤmmet dem befehl eilend nach/ und ruͤſtet ſich
wieder zum auffbruch. Die Dido mercket ſein
vorhaben/ und verweiſet ihm ſolches mit den al-
lerbeweglichſten worten. Eneas/ aber entſchuldi-
get ſich beſter maſſen/ und bedancket ſich fuͤr alle
erwieſene wolthaten/ und zeucht davon. Als
das geſchehen/ wird Dido von raſender liebe und
wuͤte eingenommen/ und laͤſſet einen ſcheiterhauf-
fen zurichten/ mit fuͤrwendung/ ſie des Eneæ
hinterlaſſene kleider und waffen verbrennen wol-
le/ endlich berahtſchlaget ſie bey ſich/ ob ſie ihm
ſol nachziehen und umb ſeine liebe bitten/ oder ob
ſie ihm ſol als einen feind mit aufffoderung ih-
ter voͤlcker verfolgen: Wird aber ſchluͤßig zu
ſterben. Hiemit ſteiget ſie auff den ſcheiter hauf-
fen/ nimmet des Eneæ ſchwerdt/ zeucht es aus/
und erſticht ſich/ da ſie zuvor den ſcheitterhauf-
fen mit einer fackel angezuͤndet hat.


Das Fuͤnffte Buch.


ENeas ſchiffet fort und koͤmmet in Sicili-
en/ da wird er von dem Aceſtes freundlich
empfangen/ auffgenommen und mit allen
ge-
[[677]]der Zwoͤlff Buͤcher Virgilius.
gefehrten wol gehalten. Dem Anchiſes des E-
neens verſtorbenen vater wird zu ehren und ge-
daͤchtnuͤß ein opffer und allerley ritterſpiele ge-
halten/ und werden/ die das beſte gethan/ mit
ſtattlichen gewinſten und Præſenten angeſehen
und verehret. Hier iſt inſonderheit zu beobach-
ten des jungen Dares vermeſſene verwegenheit/
der den alten und verſuchten fechter Entellen
zum kolbenſtreit heraus fodert/ aber von demſel-
ben uͤberwunden/ ſchimpff und ſchande einleget.
Nach dieſem befiehlet Eneas ſeinem Sohn Aſ-
canio ſein Knabenheer auffzufuͤhren/ und eben-
maͤßig ſeine hurtigkeit in ſpielſtreit und ehren-
kampffe erſcheinen zu laſſen. Hernach werden
die weiber fuͤr liebe in dieſem lande zu bleiben/ und
fuͤr verdruß weiter zu reiſen toll und unſinnig/
und ſtecken vier ſchiffe in brand. Da hebet E-
neas ſeine haͤnde auff gen himmel und betet;
Darauff faͤllet ein groſſer platzregen und leſchet
die fewersbrunſt. Gleichwol aber wancket er
in ſeinem gemuͤhte/ und weiß nicht ob er in Si-
cilien bleiben ſol oder weiter ziehen/ da wird ihm
gerahten von ſeines vaters geiſte er ſol mit der
friſchen und freudigen mannſchafft fort nach
Italien ziehen/ die weiber aber und das unbe-
wehrte furcht a me voͤlcklein in Sicilien laſſen/
ſ U u 3daß
[[678]]Summariſcher Inhalt
daß ſie ſich daſelbſt eine ſtadt bawen. Das thut
Eneas/ und nachdem ſich das wetter wol anlaͤſ-
ſet/ nimmet er abſcheid vom Aceſtes und faͤhret
davon/ verleuret aber ſeinen guten ſchiff-und
ſteuermann Palinuren/ der von ſuͤſſen ſchlaff
uͤberfallen das ſtewer ſincken laͤſſet und in das
meer faͤllet.


Das Sechſte Buch.


ENeas traͤget verlangen ſeinen verſtorbenen
vater Anchiſen in den Elyſeiſchen luſtwaͤl-
dern und feldern zubeſuchen; Darzu iſt
ihm bedient die weiſe jungfraw Sibylla/ die fuͤh-
ret ihn vermittelſt eines guͤldenen zweigs zwar
ohne ſchaden/ doch nicht ohne groſſe furcht und
ſchew erſt durch die hoͤlle: Da ſiehet er im vor-
hofe erſtlich die nagenden ſorgen/ die traurigkeit/
die bleichen kranckheiten/ das traurige alter/
die furcht/ den hunger/ den kummer/ die arbeit/
die zwytracht/ den krieg und den tod. Nicht
weit davon ſchauet er die drey Rach-Goͤttinnen
mit ihren ſchlangen/ fackeln und peitſchen/ fuͤr-
der ſiehet er die ſchrecklichen ungehewer/ unge-
thuͤme und geſpenſie/ alſo daß er auch den degen
zuͤcket/ und umb ſich hawen wil. Hernach koͤm-
met er an die hoͤlliſchen fluͤſſe/ da der ſchiffmann
Cha-
[[679]]der Zwoͤlff Buͤcher Virgilins.
Charon auff ſeinem ſchwartzen kahne die ſeelen
in groſſer menge uͤberfuͤhret/ derſelbe wegert ſich
Eneam uͤberzuſetzen/ mit fuͤrwandt/ er fuͤhre
nicht lebendige leiber/ ſondern die ſeelen uͤber;
Wird aber durch fuͤrzeigung des guͤldenen
zweiges angenommen. Als nun Eneas koͤm-
met an die hoͤlle/ ſiehet er den dreykoͤpffichten hoͤl-
lenhund Cerberum vor der thuͤr ligen/ der ihn
mit ſchrecklichem gebelle anfaͤhret und zuruͤcke
haͤlt. Die Sibylla aber wirffet ihm honigku-
chen fuͤr/ und bringet einen feſten ſchlaff uͤber ihn/
da machen ſie die Thuͤr auff und gehen hinein in
die hoͤlle; Da ſiehet Eneas die drey hoͤlliſchen
richter/ welche die ſeelen verhoͤren/ verdammen
und mit mancherleyen ſtraffen belegen/ da wird
er gewahr vieler tapfferen helden/ wie ſie in tief-
fen gedancken und betruͤbt herein gehen. End-
lich gelanget er in die Eliſeiſchen luſtwaͤlder und
felder/ da die ſeligen ſeelen in vollen freuden und
lieblichen geſpraͤchen leben und ſchweben/ da wird
Eneas vom Pocten Muſæo zu ſeinem vater An-
chiſen gefuͤhret/ dieſer lehret ihn viel ſachen in
der natuͤrlichen wiſſenſchafft/ zeiget ihm der Al-
baner und Roͤmiſcher Koͤnige geſchlecht-regiſter/
und koͤmmet bis auff den Jul. Cæſ. und Augu-
ſtum,
deren thaten er mit ſonderbarem lobſpruch
U u 4erhe-
[[680]]Summariſcher Inhalt.
erhebet und der ewigkeit einverleibet. Als nun
Anchiſes ſeinen ſohn Eneam gnugſam/ was ihm
noͤhtig/ unterrichtet/ laͤſſet er ihn wieder von
ſich; Da kommet er durch die helffenbeinerne
pforte wiederumb in die obere welt/ beſuchet ſeine
gefchrten/ verlaͤſſet die ſtadt Cumas und gehet
nach dem Haven Cajeta.


Das Siebende Buch.


ENeas laͤſſet ſeine amme Cajetam ehrlich
begraben/ und leget dem ort ihren namen
auff. Hernach faͤhret er der zauberin Cir-
ce wohnung fuͤrbey/ und koͤmmet mit gluͤcklichem
lauff an den Tyberſtrom/ und kurtz drauff an das
Laurentimſche gefilde/ daſelbſt als er durch nach-
denckliche wort ſeines ſohns Aſcanii ſich beſin-
net/ daß daſſelbige land durch außſage des goͤtt-
lichen geſchicks ihm gehoͤre/ ſchicket er zum koͤ-
nig Latinus/ welcher daſſelbige reich innen hat-
te/ eine botſchafft von hundert perſonen/ daß ſie
demſelben geſchencke braͤchten/ und umb eine ſtel-
e baͤten/ eine ſtadt zu bawen. Der Latinus nun
als er die geſandten angehoͤret/ erbeut ſich frey-
willig dem Eneæ uͤber alles andere begehren auch
ſeine tochter Laviniam/ (welche er nach ſeines
vaters Fauni außſpruch und der vogeldeuter be-
richt
[[681]]der Zwoͤlff Buͤcher Virgilius.
richt einem frembden manne zu geben befehlicht
ward) zu vermaͤhlen. Immittelſt ruffet Juno/
als die durch gluͤcklichen fortgang der Trojaner
ſich beleidiget fande/ die Rach-Goͤttin und hoͤlli-
ſche Furie Alecto, den friede zu zerſtoͤren/ aus der
hoͤlle; Dieſelbe erfuͤllet mit ihrer raſerey erſt die
Amatam des Koͤniges Latini gemahlin/ her-
nach den Turnum/ und von dannen kehret ſie
ſich zu der jungen Trojaniſchen manſchafft/ wel-
che damahls gleich dem jagen oblag/ und wirfft
ihnen in weg einen zahmen hirſch/ der inſonder-
heit des koͤniglichen hirtens Tyrrhei kindern lieb
war. Als nun denſelben Aſcanius mit einem
pfeil verwundet hatte/ ergreiffen die bawren die
waffen/ und fallen die Trojaner an: In dem-
ſelben tumult und ſtreit bleibet Tyrrhei aͤlteſter
ſohn und Galeſus/ welcher der reichſte bawer des
gantzen landes war: Welche als ſie todt in die
ſtadt gebracht wurden/ reitzet Turnus und die
koͤnigin den koͤnig Latinum krieg anzufangen/
und die zugefuͤgte ſchmach und gewalt mit ge-
wapneter fauſt zu raͤchen. Als aber der koͤnig
beydes des Goͤttlichen willens und des mit den
Trojanern newlich eingegangenen bundes ſich
erinnerend darzu nicht ſtimmet noch bringen laͤſ-
ſet/ daß er ihnen krieg ankuͤndige/ ſtoͤſſet die Ju-
U u 5no
[[682]]Summariſcher Inhalt
no ſelbſt mit gewalt die kriegspforte auff. Als
dis geſchehen/ begiebet ſich Mezentius zugleich
mit ſeinem ſohn Lauſo/ des gleichen auch Aven-
tinus des Herculis ſohn/ ſo wol auch Catillus
und Coras bruder/ und inſonderheit die tapffere
und aus dem geſchlecht der Volſcer entſproſſne
heldin Camilla zu des Turni panier und feldzu-
ge. Und noch viel andere mehr/ die am ende die-
ſes buchs erzaͤhlet werden.


Das Achte Buch.


TUrnus ſtecket die kriegsfahne vom Lau-
rentiner ſchloſſe heraus/ und nimmet des
gantzen Latiums und der benachbarten
ſtaͤdte huͤlffe zu ſich: Der Venulus wird auch
nach Arpos zum Diomede geſchicket/ daß er mit
fñrhaltung gleicher gefahr ihn mit in den krieg
zu ziehen reitze. Eneas dadurch bewogen und
gleichwol ſeinen ſchwachen kriegsvoͤlckern nicht
trawend/ faͤhret auff erinnerung des Gottes Ty-
berini gegen den ſtrom an die oͤrter/ da wo her-
nach Rom iſt gebawet worden/ und flehet den
koͤnig Evandrum/ welcher aus Arcadien fluͤchtig
gekommene und auff dem berg Palatino eine
ſtadt mit nahmen Pallanteum gebawet hatte/
umb huͤlffe an/ der ihn auch/ als er die urſache
ſeiner
[[683]]der Zwoͤlff Buͤcher Virgilius.
ſeiner ankunfft vernommen/ freundlich auffge-
nommen und beherberget. Als nun Eneas durch
eine bey huͤlffe von vierhundert pferden geſtaͤrcket
ward/ denen Pallas des koͤnigs Evandri einiger
ſohn fuͤrgeſetzet befehl gabe/ ſchicket er einen theil
der kriegsvoͤlcker den ſtrom hinab zu den ſeini-
gen/ er aber begiebet ſich nach der herrlichen ſtadt
der Tyrrhener mit nahmen Agyllam/ die mit
dem Mezentio/ als den ſie wegen unertraͤglichen
grauſamkeit vom reiche geſtoſſen/ in toͤdtlichem
haß und feindſchafft lag. Immittelſt laͤſſet ſich
Vulcanus durch ſchmeicheley ſeiner Fraw der
Venus bewegen/ und ſchmiedet ſeinem ſtieffſoh-
ne Eneen eine ruͤſtung/ und wird dieſelbige ihm
von ſeiner mutter Venus zugebracht. Eneas
nun beluſtiget ſich an den ſchoͤnen waffen/ und
verwundert ſich inſonderheit uͤber den ſchild/ auff
weichem die tapffern thaten/ die von ſeinen nach-
kommen ſolten außgeuͤbet und verrichtet werden/
geſtochen und abgebildet waren.


Das Neunde Buch.


ALs Eneas abweſend in Tuſcia huͤlffe auff-
zubringen beſchaͤfftiget iſt/ wird Turnus
durch die Iris von der Juno erinnert/ er
moͤchte die gelegenheit die ſache wol zu verrich-
ten
[[684]]Summariſcher Inhalt
ten je nicht fahren laſſen. Darumb ruͤcket er
mit ſeinen voͤlckern ſehr nahe an die feinde/ wel-
che als ſie ſich in ihren ringmauren hielten/ und
auff dem flachen felde nicht ſtehen wolten/ ſetzet
er ſich fuͤr ihnen alle hoffnung der flucht zu be-
nehmen/ und die ſchiffe in brand zu ſtecken. Der
Jupiter aber rettet ſie von der vorſtehenden feu-
ersbrunſt/ und verwandelt ſie in Meer Nimpfen.
Nach dieſem als die nacht herbey nahete/ ſtellet
Turnus wider der feinde außfall an die pforte der
ſtadt ſtarcke wachten/ und ſetzet uͤber ſelbige den
Meſſapum. Hier entzwiſchen als die oberſten
der Trojaner rahtſchlagen/ wem ſie fuͤrnemblich
zum Eneen ſchicken ſolten/ der ihm von der ge-
fahr der ſeinigen bericht thue/ da bieten ſich frey-
willig Niſus und Euryalus an/ dieſes ampt auff
ſich zu nehmen. Dieſe waren zweene treue und
enge verknuͤpffte freunde/ welche/ als ſie hinaus
gelaſſen worden/ und der feinde wachten von
trunck und ſchlaff uͤberfallen befunden/ toͤdteten
ſie Rhamneten mit groſſer anzahl der Rutulier
und braviren mit ihren waffen und kleidern. Als
ſie aber mit itzt herannahendem morgen in ſiche-
rung zu kommen ſich unterfangen/ und von den
reutern der Volſcer geſchen werden/ fliehen ſie
in den wald: Da geraͤhtet Euryalus durch
ſchwe-
[[685]]der Zwoͤlff Buͤcher Virgilius.
ſchwerigkeit der waffen/ und daß er der wege un-
kundig/ unter die feinde/ und wird von dem
Volſcens durchſtochẽ. Es wird auch Niſus/ als
er den Volſcens erſchoſſen/ und alſo des Eury-
ali tod tapfferlich raͤchet/ mit vielen wunden
getoͤdtet/ daß er auff ſeines freundes leib
faͤllet. Ihre haͤupter werden auff die ſpieſſe ge-
ſtecket und in das lager getragen. Als ſie nun
auff der ſtadtmaur von den Trojanern erkennet
werden/ entſtehet in der ſtadt ein groß trauren
und wchklagen. Immittelſt ſetzet Turnus den
feinden mit gantzer macht zu/ und geſchicht bey-
derſeits groſſe niederlage. Aſcanius der junge
printz erſchieſſet den Numan/ der ſich trotziglich
ruͤhmete. Pandarus und Bitias erheben ſich
ihrer gluͤcklichen thaten/ und machen das thor
auff/ und als die feinde hinein dringen/ trei-
ben ſie dieſelben mit vielem blutvergieſſen zu-
ruͤck. Als Turnus dieſes vernimmet/ dringet er
durch das offene thor in die ſtadt/ und ſchlaͤget
die Trojaner in die flucht: Als er aber endlich
von der menge uͤmbringet wird/ weichet er all-
maͤhlich nach dem ort der ſtadt/ da der Tyber-
ſtrom fleuſt/ laͤſſet ſich hinein/ ſchwimmet in
waffen durch/ und kehret wieder ohne ſchaden zu
den ſeinigen.


Das
[[686]]Summariſcher Inhalt.

Das Zehende Buch.


JUpiter beruffet die Goͤtter auff eine zu-
ſammenkunfft/ und vermahnet ſie zur ein-
traͤchtigkeit. Da beſchweret ſich die Ve-
nus wegen ihres leidigen zuſtandes/ und klaget
uͤber den unerſaͤttlichen haß der Goͤttin Juno/
und bittet endlich umb einige ruhe nach ſo vielem
erſtandenen ungluͤck und elende. Hingegen ſchie-
bet die Juno die urſache alles uͤbels auff die Tro-
janer/ als uhrheber dieſes kriegs/ und auff die
Venus ſelbſt. Derowegen als Jupiter nach
vergebens fuͤrgenommener verſoͤhnung des zan-
ckens kein ende abſiehet/ bezeuget er oͤffentlich/
damit er nicht entweder ſeine ehegemahlin/ oder
die tochter beleidige/ er wolle es mit keiner par-
they halten/ ſondern nach ſeiner glimpffligkeit
alles dem Ewigen Geſchicke anheim ſtellen. Im-
mittelſt nehmen die Rutuler wieder mit gantzen
kraͤfften die beſtuͤrmung fuͤr. Die belaͤgerten
aber ruͤſten ſich mit nicht geringerer hertzhafftig-
keit zur gegenwehr. Als dieſes in Latien fuͤrge-
het/ kommet Eneas/ nach dem er ſeine ſachen in
Hetrurien nach hertzens-wuntſch verrichtet/ und
viel voͤlcker zum beyſtande zu ſich genommen
hatte/ mit einer von dreyßig ſchiffen außgeruͤſte-
ten
[[687]]der Zwoͤlff Buͤcher Virgilius.
ten flotte zu den ſeinigen wieder: Da begegnen
ihm die waſſerfraͤwelein/ die kurtz zuvor in ſolcher
geſtalt aus ſeinen ſchiffen waren verwandelt
worden; Von denſelbigen wird er beydes von
verlierung der ſchiffen/ und dann der ſeinigen
gefahr verſtaͤndiget und berichter. Als er nun
den feinden unter augen koͤmmet/ ſetzet er ſeine
voͤlcker aus; Da laſſen die Rutuler ab von der
beſtuͤrmung/ lauffen an den haven/ und bemuͤ-
hen ſich die feinde vom lande abzuhalten; Da
wird beyderſeits mit groſſem verluſt geſtritten/
und wird der Pallas des koͤniges Evanders ei-
niger ſohn/ als der zuvor eine groſſe niederlage
der feinde gethan hatte/ von dem Turno erle-
get und umbgebracht. Daruͤber wird Eneas
mit bitterm zorn entruͤſtet/ und ſchicket groſſe
hauffen Rutuler ſeinem freunde zum ſeelenopffer
in die hoͤlle; Es ſchlaͤget ſich auch Aſcanius/
als er einen außfall gethan/ mit ſeinen voͤlckern
zum vater: Dadurch wird Juno/ als die fuͤr
dem Turno groſſe ſorge trug/ bewogen/ daß ſie
ihn nach erlangten vom Jupiter erlaubnuͤß aus
gegenwaͤrtiger gefahr reiſſet/ indem ſie ihm
faͤlſchlicher weiſe die geſtalt des Eneen vorhaͤlt/
welcher in dem er ihn bis in ein ſchiff flichenden
verfolget/ wird das ſeil von der Juno abgehawen/
und
[[688]]Summariſcher Inhalt
und er wird durch den ſturm des ungewitters bis
zu den nechſten haven Ardea gefuͤhret. Im-
mittelſt vertritt deſſelben ſtelle auff Jupiters be-
fehl der Mezentz/ der erleget eine groſſe anzahl
ſo wol der Trojaner als Hetrurier/ bis er von
dem wurffſpieß Eneens verwundet und von ſei-
nem ſohn Lauſo verwahret/ kuͤmmerlich aus der
ſchlacht koͤmmet die wunde zu verbinden: Da
wird auch Lauſus/ in dem er ſich unterſtehet ſei-
nen vater zu raͤchen/ von Eneen umbgebracht.
Als nun Mezentz dieſe bothſchafft vernommen/
ſetzet er ſich auffs pferd/ und verfuͤget ſich wieder
in den ſtreit. Da er nun des ſohnes tod raͤchen
wil/ wird er eben durch die fauſt/ durch welche der
ſohn geblieben/ niedergemacht.


Das Eilffte Buch.


ALs uun Mezentz von Eneen umbkommen/
richtet dieſer/ als ſiegmann/ dem Mars ein
ſiegszeichen auff/ und ſchicket den leichnam
des entleibten Pallas mit groſſer pracht nach des
Evanders ſtadt/ da wird er mit groſſem leidwe-
ſen beydes ſeines vaters und der lieben ſeinigen
angenommen. Immittelſt erlangen die von
den Latinern abgeordnete geſandten auff zwoͤlff
tage anſtand der waffen/ innerhalb welcher zeit
beyde
[[689]]der Zwoͤlff Buͤcher Virgilius.
beyde theile ihre todten ſuchen und begraben. E-
ben zu dieſer zeit kommet auch der Venul/ wel-
cher im anfange des krieges die Latiner an Dio-
meden geſandtweiſe geſchicket hatte/ wieder zu
den ſeinigen/ und berichtet/ daß ihm huͤlffe ſey
verſaget worden. Latinus nun dieſer hoffnung
entſetzet/ beruffet die raͤhte und rahtſchlaget mit
ihnen/ was bey dieſem kriege zuthun ſey/ ſiehet
auch fuͤr gut an/ daß man an dem Eneen frie-
dens-fuͤrſchlaͤge laſſe abgehen. Da ſchelten ſich
miteinander Drances und Turnus nach ihren
gegen einander tragenden haß und feindſchafft.
Immittelſt als Eneas ſeine unterſchiedliche voͤl-
cker in zwey theil vertheilet/ ſchicket er die reuter
von leichter ruͤſtung auff gleichem weg nach der
ſtadt voran; Er aber zeucht mit dem uͤbrigen
kriegsheer durch oͤrter/ da man wegen waͤlder
und berge ſchwerlich kommen kan/ gegen das
hoͤhere theil der ſtadt. Als nun dieſe poſt nach Lau-
rent koͤmmet/ wird der raht von einander gelaßẽ/
und das jenige fuͤr die hand genommen/ was
zu beſchuͤtzung der ſtadt noͤhtig erachtet wurde.
Turnus aber als er durch die kundſchaffer des E-
neens vorhaben erfaͤhret/ ordnet er ſein kriegs-
heer gleichergeſtalt in zwey theil ab/ und ſetzet
uͤber die reuterey Meſſapen und die Camille/ und
X xordnet
[[690]]Summariſcher Inhalt.
ordnet ſie wider der feinde reuterey- Er aber
nimmet mit dem fußvolcke die engen oͤrter ein/ da
Encas nohtwendig ſeinen zug zur ſtadt nehmen
muſte/ und liget da ſtille. Hier entzwiſchen ge-
het der ſtreit zu roß an/ und wird beyderſeits mit
ungewiſſem außſchlag lange weil gefochten:
Da wird die Camille/ als ſie zuvor viel feinde
erleget hatte/ da ſie ſich an den prieſter der Cy-
bele Chloreus und an ſeinen ſchoͤnen waffen ver-
gaffete und einnehmen lieſſe/ unvorſchens aus
dem hinterhalt vom Aruns mit einem pfeil ge-
troffen und umbgebracht. Dieſe that aber und
ermordung dieſer heiligen Jungfraw iſt an dem
Aruns nicht lange ungerochen geblieben; Denn
er auch hernach von Opi der Dianen dienerin
mit einem pfeil durchſchoſſen wegen beleidigter
Goͤttin iſt geſtrafft worden. Die Rutuler aber
durch den tod Camillen beſtuͤrtzet nehmen die
flucht/ und die Trojaner nehmen ſich fuͤr/ die ſtadt
zu ſtuͤrmen. Als nun die traurige zeitung dem
Turnus von der Acca der Camillen geferthin ge-
bracht wird/ verlaͤſſet er die engen paͤſſe/ die er
eingenommen hatte/ und eilet den ſeinigen zu
huͤlffe zu kommen. Durch dieſen weg folget
auch Eneas/ und weil bey bevorſtehender nacht
der
[[691]]der Zwoͤlff Buͤcher Virgilius.
der ſtreit nicht wieder angehen kunte/ ſchlagen
beyde ihr lager vor der ſtadt und ligen ſtille.


Das Zwoͤlffte Buch.


NAchdem der Latiner macht durch zwo wi-
derwertige ſchlachten ſehr verringert und
ihr muht gebrochen wurde/ wird Turnus/
als er ſiehet/ daß ſeine hoffnung auff ihm allein
beruhet/ ob ihm ſchon ſolches der koͤnig wider-
raͤhtet/ und die koͤnigin ihn vergebens mit vielen
threnen von ſeinem vorhaben abhaͤlt/ ſchluͤßig/
ſich mit dem Eneen in einen abſonderlichen
kampff einzulaſſen. Schicket derowegen an
denſelben den Idmon ihn deſſen zu berichten.
Encas nimmet den fuͤrſchlag an/ und wird auff
beyden theilen ein bund mit einem thewren eyd-
ſchwur gemachet und befeſtiget. Derſelbige a-
ber wird durch anſtifftung der Juno von dem
waſſerfraͤwlein Juturnen des Turnus ſchweſter/
welche in des Camertes geſtalt verwandelt wird/
zerſchlagen und zertrennet/ und iſt Tolumnius
ein vogelſchawer unter allen der erſte/ der durch
falſche propheecyung den ſeinigen den ſieg ver-
heiſſen/ und einen pfeil auff die Trojaner ab-
ſcheuſt/ und den einen ſohn des Gylippi nieder-
machet. Es muß auch Eneas/ in dem er unwiſ-
ſend
[[692]]Summariſcher Inhalt
ſend der urſachen dieſes tumults die ſeinigen zu-
ruͤcke zu raffen ſich bemuͤhet/ und ohngefehr von
einem pfeil getroffen und verwundet wird/ aus
dem ſtreit entweichen. Als dieſes Turnus ver-
nimmet/ meinet er/ es ſey ihm erwuͤntſchte gele-
genheit den ſtreit tapfferlich zu fuͤhren an die
hand gegeben/ und thut alſo unter den feinden
eine groſſe niederlage, Mitlerweile bricht die
Venus auff dem berge Ida das kraut Dictam
ab/ und heilet damit ihres ſohnes wunde. Als
nun Eneas wiederumb zu kraͤfften kommen/ mah-
net er ſeinen ſohn Aſcan durch ſein eigen Exem-
pel zur tugend an/ machet ſich eilend fort den ſei-
nigen zu huͤlffe/ und fodert namentlich Turnum
zum ſtreit heraus. Als ſich aber Turnus nicht ſtel-
lete/ (deñ ſeine ſchweſter Juturne/ welcheden fuhr-
man Metiſeum vom wagen herab geſtuͤrtzet hat-
te/ regierete die pferde an deſſelben ſtatt/ alſo/ daß
ſie bald hieher/ bald dorthin lenckete/ und ſie nicht
zuſammen wolte kommen laſſen/) wird er Eneas
ſchluͤßig die ſtadt zu ſtuͤrmen/ ruͤcket derowegen
mit ſeinem heer an die mawren/ und wirfft an
die bollwercke und haͤuſſer fewer. Als nun die koͤ-
nigin Amata vermeinet/ daß Turnus umbkom-
men ſey/ erhencket ſie ſich fuͤr groſſen zorn und
ſchmertzen. Als Turnus aber ſiehet/ daß es ſo
weit
[[693]]der Zwoͤlff Buͤcher Virgilius.
weit gekommen/ daß er den zweykampff noht-
wendig eingehen muͤſſe/ und nicht koͤnne zuſehen/
daß die ſtadt in der feinde haͤnde kaͤme/ ſtehet er
mit Eneen nach inhalt des auffgerichteten
bundes einen ſonderbaren kampff zu halten.
Als ſie nun zuſammen gehen/ und Eneas
durch ſeines itzt gefallenen und uͤberwunde-
nen feindes bitten ſich faſt zur erbaͤrmbde bewe-
gen laͤſſet/ und aber umb deſſelben ſchultern das
guͤrtel und wehrgehencke/ welches Turnus dem
umbgebrachten Pallanti abgezogen hatte/ erbli-
cket/ ſtoͤſſet er ihn alsbald von zorn ergrim-
met den degen durch die bruſt/ und nim-
met ihm das ltben.

[figure]
Die[[694]]

Appendix A Die fuͤrnembſten Druckfehler
alſo zu verbeſſern.


Liß p. 18. v. 20. dich reut/ fuͤr/ dir reut. p. 22. v. 12.
liß mich fuͤr/ auch. p. 30. v. 7. liß ruͤſtig/ p. 73. v. 23.
liß Tiſander p, 82. v. 8. liß Griegiſch/ p. 95. v. 25. liß
inne p. 123. v. 20. liß puſch/ p. 127. v. 25. liß trawer-
wein p. 146. v. 2. liß decke/ p. 152. v. 7. liß immer/ p.
171. v.
24. liß hart/ p. 192. v. 1. liß ergriffe/ p. 193.
v.
12. liß/ in ſolcher noht. p. 208. v. 3. werde das woͤrt-
lein und außgelaſſen. v. 5. liß geuſt/ p. 274. v. 22. liß
hencken/ p. 278. v. 15. liß dreygeleibte/ p. 304. v. 27. liß
buͤrd/ p. 307. v. 12. liß werden/ p. 308. v. 17. liß unge-
pfaͤhlten/ p. 326. liß hochgeſtuͤtzet. p. 327. v. 22. liß/
kaͤmpfften. p. 328. v. 4. liß/ rock. p. 338. v. 25. liß/ ihrer.
p. 345. v. 9. liß ſieh. v. 27. liß/ ſich. p. 346. v. 23. liß/
ihm. p. 352. v. 5, liß hirtenſchaar. p. 362. v. 25. liß er-
zogen. p. 365. v. 27. liß/ ſich. p. 379. v. 23. liß riegel.
v. 26. liß faſſen. p. 395. v. 23. liß lincken/ fuͤr/ rechten.
p. 411. v. 18. liß haͤuffig/ p. 423. v. 7. liß Troer. p. 434.
v.
18. liß koͤnnen. p. 443. v. 6. liß/ ſpies. p. 447. v. 24.
liß/ im. p. 475. v. 23. liß/ iſts deiner meinung nach.
p. 481. v. 25. liß/ mir. p. 487. v. 15. liß oberſter. p.
489. v.
22. liß/ haͤuffig. p. 491. v. 21. liß/ von dieſen.
p. 494. v. 1. liß/ auff dieſe rott. p. 513. v. 5. liß/ dis fuͤr/
der. p. 523. v. 28. liß/ ergrinunet. p. 575. v. 21. liß/ un-
befleckt.


Sonſt
[[695]]

Sonſt was in gemein die handlung und die verferti-
gung dieſes buchs anlanget/ wiſſe der guͤnſtige leſer/ daß
im 7. und 11. buche etliche wenig verſe wegen viel eige-
ner nahmen deren/ die in ſcharmuͤtzeln und ſchlachten
umbkommen/ und in unſre teutſche reime ſich nicht
ſchlieſſen laſſen/ ausgelaſſen worden. Uber das ſind fol-
gende oͤrter/ durch hernach erſt einfallende gedancken alſo
von mir verbeſſert werden.


Nemblich p. 312. v. 15. leſe man fuͤr das wort Pyr-
rhen/ Perſen/ und in folgender zeile fuͤr die wort: Achil-
les tapffern ſohn/ Achills verwandtes blut.


p. 365. leſe man den 6. vers alſo:


Mit kuͤriſſen/ und gliſſ von eyſen und von ſtahl


p. 369. werde der 18. vers alſo geleſen:


Den du auf tieffem ſtrom ſiehſt uͤbers ufer gehen.


p. 372. kan der 13. vers beſſer alſo geleſen werden:


Und raffte riſch zur hand mit ſich den ſchild und degen.


p. 376. ſol der erſte vers alſo lauten:


An leibesgroͤſſe gieng Anchiſes vor fuͤr allen.


p. 588. v. 4. leſe mann: Sein roth geſieder ſchwingt.


p. 602. v. 28. werde alſo geleſen:


Nach Turnus tod/ wenn er wird ſeyn getragen hin.
Denn der koͤnig Latinus redet drey verſe.


Quò referor toties? quæ mentem inſania mutat? \&c.
Heimlich bey ſich ſelbſt/ wie etwan in den Comædien o-
der Tragædien zu geſchehen pfleget/ daß der andere nicht
vernehmen ſol.


p. 636. v. 20. leſe man: Tapfferen Cetheg fuͤr Cretea.



[[696]][[697]][[698]][[699]][][][]
Notes
*
Hector und Eneas.
*
Pan darus und Bitias.

Dieses Werk ist gemeinfrei.


Holder of rights
Kolimo+

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TextGrid Repository (2026). Collection 107. Eigentlicher Abriß Eines verständigen/ tapfferen und frommen Fürsten/ Von dem fürtrefflichsten Poeten Virgilius. Eigentlicher Abriß Eines verständigen/ tapfferen und frommen Fürsten/ Von dem fürtrefflichsten Poeten Virgilius. Corpus of Literary Modernity (Kolimo+). Kolimo+. https://hdl.handle.net/21.11113/4kntn.0