10. Das tränennasse Totenhemd.

(Mittelfranken: Oestheim b. Rothenburg a.T.)


Amol is era Frau ihr Kind gstorbn. Do hot s' so geweint und geweint und hot sie nimmer tröistn welln. Do is immer a schwarzer Krabb (Rabe) an ihr Fenschter hergflogn. Und amol is die Frau ins [17] Gros'n ganga. Da is ihr Kind zu era kumma in an weißn Kleid, des wor ganz naß und gelb bis auf a paar Fleckli, die worn no weiß. Do hot des Kind gsogt: »Mutter, siech! du hascht so arg gweint, daß mei Kleid ganz naß und gelb worn is. Wenn d' no mehr weinst, nacher wern die Fleckli aa no naß und gelb und nach bin i verdammt.« Do hot die Frau aufghert zun Weina und von der Zeit on is der Krabb nimmer an ihr Fenster hergflogn kumma.


Aufgeschrieben durch Frl. Anna Seiler aus Oppertshofen in Schwaben; dem Verein übergeben am 4. 7. 1898. (Urschrift.)


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Zitationsvorschlag für diese Edition
TextGrid Repository (2026). Spiegel, Karl. 10. Das tränennasse Totenhemd. Corpus of Literary Modernity (Kolimo+). https://hdl.handle.net/21.11113/4h3w6.0